Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Klar! Grins1

    Sorry, ich dachte, der Start für das SQdW sei am Sonntag! Haben wir das mal geändert? Egal!

    Das Streichquartett der Woche ist das

    2. Streichquartett von Leoš Janáček "Listy důvěrné" (Intime Briefe)

    Geschrieben Anfang 1928, ein halbes Jahr vor dem Tod des Komponisten, spiegelt sich in diesem Quartett seine etwas seltsame (platonische und möglicherweise ziemlich einseitige) Liebesbeziehung zu der 38 Jahre jüngeren und verheirateten Kamila Stösslová. Janáček setzte die Bratschenstimme ursprünglich für die Viola d'amore, veröffentlichte das Stück dann aber doch für die ganz normale Streichquartettbesetzung mit Viola.

    Über den Titel hinaus (ursprünglich hatte er sogar an "Liebesbriefe" gedacht) gab Janáček dem Quartett kein Programm bei; allerdings sind Briefe an Frau Stösslová erhalten, aus denen ein solches entnommen werden kann:
    1. Satz: „Meine Eindrücke, als ich Dich zum ersten Mal sah.“
    2. Satz: „Heute habe ich mein zärtlichstes Verlangen in Tönen geschrieben … Genau wie Du bist, von Tränen in Lachen wechselnd, so klingt es.“
    3. Satz: „Heute beendete ich die Nummer, in der die Erde bebt. Es wird der beste Satz sein...“
    4. Satz: „Nun muss der letzte Satz gelingen … Er wird wie die Furcht um Dein Wohlergehen sein."

    Eine Version mit Noten gibt es vom Janáček-Quartett aus dem Jahre 1966; die Tonqualität ist nicht gut (was an der YT-Überspielung liegen mag), und die Intonation lässt in meinen Ohren ein wenig zu wünschen übrig. Ansonsten recht harsch gespielt, im Vergleich zum Mandelring-Quartett (s.u.):

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    Die Mandelrings haben auf ihrer CD das Quartett gleich zweimal aufgenommen, dabei einmal in der Fassung mit Viola d'amore:

     

    Sie spielen das Stück ungleich weicher (und intonationssicherer).

    Weitere Aufnahmen habe ich bisher nicht gehört (und warte auf Eure Höreindrücke und Empfehlungen).

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • Sorry, ich dachte, der Start für das SQdW sei am Sonntag! Haben wir das mal geändert?

    Ja, in November 2023 ... ;)

    2. Streichquartett von Leoš Janáček "Listy důvěrné" (Intime Briefe)

    Janáček 2? Wow! Vielen Dank!

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Vielen Dank an Quasimodo! Mit Janacek rennst Du bei mir immer offene Türen ein. Da gibt es - wie schon beim ersten Quartett - manche Vergleichsmöglichkeit für mich in Gestalt von CDs!

    :thumbup::thumbup:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ob ich die Einspielung mit den Namenspatronen kenne, müsste ich nachsehen ... :versteck1:

    Das Mandelring-Quartett bietet eine exzellente Interpretation bei hervorragender Tonqualität. Der Vergleich mit der Fassung auf der Viola d'amore wurde einst in einer Interpretations-Sendung diskutiert und ich lasse gerne Foristinnen und Foristen mit Hintergrundswissen vor, müsste mich erst wieder informieren. Woran ich mich erinnere, ist die Tatsache, dass es nicht leicht ist, das andere Soloinstrument hörend zu erfassen - dies scheint nicht mein privates Problem gewesen zu sein und wurde aber etwas länger diskutiert.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Hier lief das SQdW mit dem formidablen Škampovo kvarteto:

    Wer eine tschechische Aufnahme wünscht, wird hier fündig ... die Konkurrenz ist freilich riesig.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Wer den biographischen- Hintergrund dieses Quartetts genauer kennen lernen will, der sollte Janaceks Briefe an Kamila Stösslova lesen: John Tyrell: Intimate Letters - Leos Janacek to Kamila Stösslova (London 1994). Für meinen Geschmack sind sie eine Form des Stalkens.

  • 17 february 1928, at night

    My dear Kamila

    (...) I'm now putting the finishing touches on those "Love Letters" so that everybody will understand them; here they kissed, there they longed for one another; here they gave change to one another , here - here they said they belonged to each other for ever! Perhaps people will guess this.

    Keep well my beloved Kamila.

    Yours for ever

    L.

  • Kamila hat Janacek sehr viel weniger geschrieben. Und Janacek hat auf ihren Wunsch ihre Briefe kurz nachdem er sie erhalten hatte "schweren Herzens" verbrannt. Einige wenige blieben erhalten, z.B. einer, in dem sie 1928 vom Tod ihrer Mutter berichtet. In den erhaltenen Briefen hat sie Janacek immer mit "Dear Maestro" (bzw. dem tschechischen Äquivalent) angesprochen.

  • Die Sätze des Quartetts beleuchten verschiedene Aspekte dieser eher einseitigen Romanze. Details dazu vermag ich fürs Erste nicht anzubieten, aber vielleicht findet man im Netz Genaueres oder in den mir zugänglichen Booklets. Da bin ich mir aber aus der Erinnerung sehr unsicher. Ich würde mich wieder melden und wäre natürlich an weiteren Beiträgen wie dem von Abendroth interessiert.

    Der obige Briefauszug [4770] sagt ja schon viel aus. Und gewiss steht die Viola d'amore damit im Zusammenhang. Wenn ich mich recht erinnere, hatte Janacek im Nachhinein aber selbst Bedenken über den Aussagewert dieses Instruments in seinem Quartett.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ich kann eventuell alle Passagen aus den Briefen die sich auf das Quartett beziehen hier zitieren. Janaceks Briefe dürften gemeinfrei sein, die englischen Übersetzungen wohl nicht. Eine Mischung aus Paraphrase und ins Deutsche übersetzte Fragmente dürfte hoffentlich unbedenklich sein.

    "Jetzt habe ich angefangen etwas Hübsches zu schreiben. Unser Leben wird darin sein." Den ersten Satz, schreibt J. habe er schon in Hukvaldy geschrieben, und er schildere "den Eindruck, als er sie zum ersten mal sah". Die ganze Komposition werde, schreibt J., von einem speziellen Instrument "zusammengehalten - der Viola d'amore, der Viola der Liebe". (Janacek hat sie später, wenn auch mit einigem Widerstand, durch die übliche Bratsche ersetzt). "In diesem Werk" schreibt J., "werde ich nur mit dir zusammen sein. Keine dritte Person neben uns (J und K waren beide verheiratet. J. ist fast 40 Jahre älter). Das Werk wird "voll Verlangen sein" - "Ich kenne keine andere Welt als Dich. Du bist alles für mich".

    K's Reaktionen auf diese Bekenntnisse werden eher kühl und distanziert gewesen sein: "Wie bitter war es für mich in deinem Brief zu lesen, dass du all das Schöne vergessen willst, das zwischen uns geschehen ist" (1. Februar 1928)

  • Vielen Dank, werter Abendroth! Eigentlich sind meine Fragen schon geklärt - und irgendwie erinnere ich mich deutlicher an die Radiosendung.

    Ich meine, dass im dritten Satz an eine konkrete Liebesnacht gedacht ist. Von Stalking hast Du ja schon gesprochen. Ob seine Stösslova das allzu negativ empfunden hat, was ohnehin nur in musikalischer Umsetzung und seinen Träumen stattgefunden hat - es sei dahingestellt.

    Die Musik hatte mich längst in ihren Bann gezogen, als ich keine Ahnung von diesem Hintergrund hatte.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Keine dritte Person neben uns (J und K waren beide verheiratet. J. ist fast 40 Jahre älter). Das Werk wird "voll Verlangen sein"

    Ja, das ist eine sehr seltsame Ausformung von "Intimität". Eigentlich wäre der Name "Zudringliche Briefe" passender für das Streichquartett. Interessanterweise hat ja das erste Quartett ein ähnlich manisches Sujet, Tolstojs Novelle "Kreutzersonate". In dieser Novelle wird ein Mann vor Eifersucht verrückt und zum Gewalttäter. Da das erste Quartett im Vergleich zum angeblich "intimen" Zweiten fast gesetzt wirkt, muss man davon ausgehen, dass Janácek noch besessener gewesen sein muss als Tolstojs Figur. Schlecht1;)

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Bevor ich mich für ein paar Tage verabschiede (mit kurzem Intermezzo), hier noch einmal das wunderbare Werk in einer intensiven Wiedergabe mit dem Takács Quartet:

    Ich hätte ja darauf getippt, dass die Pavelhasen einsam vorne stehen, Mandelring zum Trotz, doch jetzt komme ich ins Grüblen ... also, da will über Pfingsten noch viel gehört sein.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ja, das ist wohl die Woche der alten weißen Säcke. Drüben Darius, hier Leos. :alter1:

    Aber beim SQdW muss man ja zumindest nicht zwingend die biographischen Befindlichkeiten mithören.

    Gehört habe ich bislang diese:

    Quatuor Les Dissonances. Klangschön, eher die gesanglichen Aspekte betonend.


    Escher Quartet. Viellleicht eine Spur kontrastreicher als Dissonances.


    Vielversprechend klangen beim Reinhören

    Diotima hat auch eine Version mit Viola d'Amore mit an Bord.

    Toll finde ich bei dem Quartett u. a., wie ausgewogen die Stimmen behandelt werden. Wann hat z. B. die zweite Geige je so viel zu tun gehabt?

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