Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Wenn man vom ausgeprägten Johannistrieb in beiden Quartetten absieht, scheint ihnen auch gemeinsam zu sein, dass es zwar formal eine "kanonische" Satzfolge gibt, diese aber problematisiert ist. Im ersten Quartett haben alle Sätze die Tempovorschrift "con moto", aber auch im zweiten Quartett, in welchem die Sätze unterschiedliche Tempovorschriften haben, empfinde ich keine durchgehenden Tempi in den Sätzen. Beim zweiten Quartett, das ich allerdings trotz wiederholtem Hören immer noch nur schlecht kenne, habe ich das Gefühl ein im Grunde einsätziges Werk zu hören.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Der Name Intime Briefe hat sich etabliert (auch auf Englisch und Französisch).

    Treffender wäre aber die Übersetzung Vertrauliche Briefe gewesen.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Keine dritte Person neben uns (J und K waren beide verheiratet. J. ist fast 40 Jahre älter). Das Werk wird "voll Verlangen sein"

    Ja, das ist eine sehr seltsame Ausformung von "Intimität". Eigentlich wäre der Name "Zudringliche Briefe" passender für das Streichquartett. Interessanterweise hat ja das erste Quartett ein ähnlich manisches Sujet, Tolstojs Novelle "Kreutzersonate". In dieser Novelle wird ein Mann vor Eifersucht verrückt und zum Gewalttäter. Da das erste Quartett im Vergleich zum angeblich "intimen" Zweiten fast gesetzt wirkt, muss man davon ausgehen, dass Janácek noch besessener gewesen sein muss als Tolstojs Figur. Schlecht1;)

    Auch hier leider nur wieder ohne Gewähr: Das erste Quartett müsste sich ganz genauso auf Kamilla Stösslova beziehen. Die beiden Spätwerke liegen ja so weit auseinander nicht und die aufdringliche platonische Romanze mit 90 Prozent Beteiligung des Mannsbilds ist sicher älter.

    Der aussagekräftige Villa-Musica-Artikel zum ersten Quartett schreibt, dass Janacek hierzu keine Angaben macht. Das beweist wenig und widerlegt nichts. ;):)

    Aber eigentlich, Meister Meritis, hast Du oben zum Thema bereits mehr gesagt als ich soeben. Grins1

    PS: Laut der deutschsprachigen Wikipedia und für diejenigen, die es noch nicht wissen sollten (also vermutlich für niemanden): Janacek kennt Stösslova seit 1917 und die Streichquartette entstanden 1923 und 1928. Aber 1923 war Janacek natürlich fünf Jahre jünger ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ja, das ist wohl die Woche der alten weißen Säcke. Drüben Darius, hier Leos

    Man muss wohl sagen, dass bei uns jede Woche eine "Woche der alten weißen Säcke" ist.:megalol:

    Najaa - Zemlinskys zweites Quartett, das ich mittlerweile in vier damals diskutierten Deutungen kenne, begeistert mich immer mehr. Und da hat der arme Kerl sich aus dem Weg geräumt. Aber gut - es gibt viele Sack-Varianten ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Diese Einspielung schätze ich auch sehr. Danke an Dich und an Mauerblümchen für weitere Vorschläge, die ich nicht kenne! Eigentlich sollte Schluss sein in meinem Regal, aber weiß ich, was die Zukunft bereithält?

    PS: Die Pavelhaasen kenne ich ebenfalls. Gekauft habe ich sie mir nicht nur wegen Haas, sondern schon auch wegen Janacek. Alle diese modernen Einspielungen haben, meine ich, ihre Meriten, und sind, meine ich ebenfalls, den Klassikern leicht überlegen. Woran könnte das liegen - falls Ihr das tendenziell genauso seht natürlich? Die Quartettkultur hat sich vielleicht stärker weiterentwickelt hin zu einer quasi rücksichtslosen Professionalität als die orchestrale? Klassische Quartett-Aufnahmen, die nicht ganz den Nimbus klassischer Orchesteraufnahmen haben? Vielleicht ein interessantes Thema, vielleicht auch nicht. Leicht möglich - und das meine ich frei von jeglicher Ironie, die mir auch gar nicht zustünde -, dass unser Freund in H das anders sieht.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Wenn man vom ausgeprägten Johannistrieb in beiden Quartetten absieht, scheint ihnen auch gemeinsam zu sein, dass es zwar formal eine "kanonische" Satzfolge gibt, diese aber problematisiert ist. Im ersten Quartett haben alle Sätze die Tempovorschrift "con moto", aber auch im zweiten Quartett, in welchem die Sätze unterschiedliche Tempovorschriften haben, empfinde ich keine durchgehenden Tempi in den Sätzen. Beim zweiten Quartett, das ich allerdings trotz wiederholtem Hören immer noch nur schlecht kenne, habe ich das Gefühl ein im Grunde einsätziges Werk zu hören.

    Meines Erachtens ist es für viele spätere Werke Janaceks typisch, dass irgendwelche kanonisch fixierten oder auch nur formal vorgegebenen Satzbezeichnungen ohne echte Aussage bleiben. Dazu ist seine Musik viel zu sprunghaft und rhapsodisch. Man mag die Sinfonietta ausnehmen, aber nicht diverse Kammer- und Klaviermusik.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Der Name Intime Briefe hat sich etabliert (auch auf Englisch und Französisch).

    Treffender wäre aber die Übersetzung Vertrauliche Briefe gewesen.

    Hab ich's mir doch heimlich gedacht, dass es auch ein Übersetzungsproblem sein könnte. Ein wirkliches oder ein künstliches ... :/

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Das erste Quartett müsste sich ganz genauso auf Kamilla Stösslova beziehen

    Aus den Briefen Janaceks an KS geht dies nicht hervor. 1924, als das Quartett uraufgeführt wurde, schrieb er ihr, dass er noch nie so etwas grossartiges gehört habe, als die Art und Weise, in der das "Tschechische Quartett" sein Werk gespielt habe. Er erklärt ihr den Inhalt: "ich hatte eine arme, gequälte, geschlagene und tödlich verletzte Frau vor Augen, wie von dem russische Schriftsteller Tolstoi in seinem Werk "Kreutzer Sonate" beschrieben." Er schreibt ihr, wann er in Prag ist und wann Aufführungen sind, aber dieser eher indirekt vorgebrachte Wunsch, sie während einer Aufführung des Quartetts zu sehen, bleibt unbeantwortet. ("Du kannst doch nicht ohne Grund so schweigsam sein"). 1924 sind Js Briefe noch nicht so vehement leidenschaftlich wie das Zweite Quartett, auch wenn man seinen Wunsch und seine Hoffnung sie zu sehen in jeder Zeile spürt.

  • Danke Dir für die Ergänzung! Was ich vermutet hatte - auch weil es psychologisch nahe liegt -, ist die allmählich wachsende Leidenschaft Janaceks respektive der Liebeswahn.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Gestern noch diese komplett:

    Ja, das hat große Freude bereitet. Die vier Damen zelebrieren die Kontraste zwischen den lyrischen und den verstörend-harschen Teilen des Stücks.

    Die nächsten Tage werde ich dann wohl noch ein paar klassische Aufnahmen hören.

  • Die Janacek-Quartette gehören zu meinen Lieblingswerken. Gestern gehört mit dem heimischen Prazak-Quartett. Dafür gab's im FF 5 Sterne. Es handelt sich bereits um die 2. Einspielung durch dies Quartett. Die erste kenne ich aber nicht. Die Aufnahme mit den Mädels aus Frankreich (s.o.) mag ich auch sehr. Meine Erstbegegnung damit liegt auch schon 10 Jahre zurück.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Die vier Damen zelebrieren die Kontraste zwischen den lyrischen und den verstörend-harschen Teilen des Stücks sehr aus.

    Kann ich bestätigen. Die Aufnahme mit dem Quatuor Zaïde habe auch ich inzwischen. Sie neigen nicht ganz sosehr zum extrem Hochgespannten, Exzessiven und achten mehr auf Nuancen, ohne daß es kühler würde. Vor allem im letzten Satz, den sie eher langsam angehen. Vielleicht kann man sagen, die vier Damen loten mehr die Tiefen aus? (Schwierig, passende Worte zu finden...)

    Eine ernsthafte Alternative zu tschechischen Ensembles, spricht mich sehr an!

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • [Quatuor Zaïde]

    Ja, das hat große Freude bereitet

    Mir auch! Gefällt mir noch etwas besser als die Mandelrings. Das Pavel-Haas-Quartett hatte ich im Zusammenhang mit dem ersten Janáček-Quarett mal gehört; das muss ich nochmal auffrischen!

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • Bei mir - sehr gerne erneut auch hier ein herzlicher Dank für diesen Impuls der Woche - das Hagen Quartett:

    Bin mit der Intensität und differenzierten Klangkultur dieses Quartetts einmal mehr sehr zufrieden. Die Musik geht auch beim Wiederhören sofort ungemein nahe.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Heute habe ich mir zwei Einspielungen angehört, von denen eine noch nicht genannt wurde oben:

    Auch hier zweifellos Exzellenz auf beiden Seiten! Während ich die Hagens in ihrer dynamischen Binnendifferenzierung und in der markanten Unterschiedlichkeit der Charaktere noch einmal stärker finde als Panocha, wirken doch die Geräuschcluster gegen Ende bei den Tschechen deutlich radikaler. Die - in diesem Quartett sehr wichtige - Pianissimo-Kultur ist ein echtes Plus bei Hagen.

    Alle sechs oder acht meiner Aufnahmen habe ich jetzt nicht verglichen und werde es auch nicht mehr tun die Woche. Aber Hagen spielt gewiss ganz vorne mit.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Mein Ausgangspunkt für JANÁČEK String Quartet No. 2 : Das Smetana Quartet 1955 ( ohne Milan Skampa , der erst im Folgejahr dazustieß ) . Danach kommen viele Aufnahmen , auch von den Smetanas , aber ich komme immer auf diese zurück . Aus der Zeit gefallen oder zeitlos ? Forgotten Records .
    Forgotten Records | Janácek-Quatuors à cordes n° 1 et 2-Quatuor Smetana (1955)


    Good taste is timeless "Ach, ewig währt so lang " "But I am good. What the hell has gone wrong?" A thing of beauty is a joy forever.

    Einmal editiert, zuletzt von b-major (16. Mai 2024 um 18:35)

  • Heute eine Live-Aufnahme (jedenfalls gibt's am Ende Applaus) von 1976 mit dem Smetana Quartet:

    Janáček : String Quartets No 1 & No 2, Smetana Quartet - Qobuz
    Streamen oder downloaden Sie Janáček : String Quartets No 1 & No 2 von Smetana Quartet in Hi-Res Qualität auf Qobuz. Abonnement ab 12,49€/Monat.
    www.qobuz.com

    Sehr forsch in den Allegro-Abschnitt des vierten Satzes! Hat mir auch sehr gut gefallen, auch wenn sie nicht so durchkalkuliert wirkt wie manche neue Aufnahme.

  • Das Smetana-Quartett war mir auch in den Sinn gekommen. Aber auf der entsprechenden CD ist neben dem Opus 105 von Dvorak und seinem Terzett nur das erste von Janacek enthalten.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Das Smetana-Quartett war mir auch in den Sinn gekommen. Aber auf der entsprechenden CD ist neben dem Opus 105 von Dvorak und seinem Terzett nur das erste von Janacek enthalten.

    Das ist die hier, nicht wahr?

    Die ist glaube ich aus den Sechzigern.

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