Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Ich bin der Meinung, dass alles, das sich durch die vier Streichinstrumente des klassischen SQ darstellen lässt, per se "quartettmäßig" ist. Ansonsten müsste man ja große Teile des modernen SQ-Schaffens disqualifizieren. Streichquartett und vierstimmiger Satz ist nicht äquivalent.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich bin der Meinung, dass alles, das sich durch die vier Streichinstrumente des klassischen SQ darstellen lässt, per se "quartettmäßig" ist. Ansonsten müsste man ja große Teile des modernen SQ-Schaffens disqualifizieren. Streichquartett und vierstimmiger Satz ist nicht äquivalent.

    Eben. Zum Beispiel ist das Quartett dieser Woche von Birtwistle auch höchst quartettmäßig!

  • Dem werten Braccio vielen Dank!

    Ich war soeben recht erstaunt, einst einen Thread zu Birtwistle eröffnet zu haben. In letzter Zeit habe ich mich da quasi nicht weiterentwickelt oder wie mein Vater immer sagte: Dumm geboren und das auch noch vergessen!

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

    Einmal editiert, zuletzt von andréjo (6. Juli 2024 um 20:13)

  • Ich bin der Meinung, dass alles, das sich durch die vier Streichinstrumente des klassischen SQ darstellen lässt, per se "quartettmäßig" ist.

    Absolut! "Orchestrale Effekte " findet man bereits in SQ des frühen 19ten Jht zu einer Zeit als Kammerversionen von Sinfonien gang und gäbe waren und die Grenzen fließend waren. Einstein, Rosen und Co hatten ihre Vorstellung von dem, was "quartettmäßig" war, aber dabei haben sie eine Menge SQ verurteilt, die zu deren Haupttätigkeitsepoche gehören, nicht zu sprechen von den Entwicklungen, die später stattgefunden haben.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Aus Birtwistles Feder stammen zwei Streichquartettkompositionen: Nine Movements, die nach mehreren Erweiterungen 1995 abgeschlossen wurden, und das Streichquartett der kommenden Woche, The Tree of Strings, das 2007 komponiert und 2008 vom Arditti Quartet uraufgeführt wurde, von dem auch die einzige verfügbare Aufnahme stammt:

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    Interessante Wahl, ich kannte es nicht, aber finde es sofort attraktiv. Das Gedicht konnte ich eben nach einem ersten Versuch nicht zu Ende lesen, werde das aber nachholen. Von Birtwistle kenne ich sonst nur Gawain.

  • Eben habe ich mir die Arditti CD noch einmal angehört, auch die "9 Sätze". Gut gespielt finde ich es und beide Werke auch attraktiv, allerdings beschränkt auf eine Art intellektuelles Interesse und Betrachten von Stimmung oder Atmosphäre. Emotional mitgenommen werde ich nicht, obwohl ich schon meine, dass beide Werke natürlich die Gefühlswelt ansprechen wollen und sicher auch können.

    Wiedererweckt hat es mein Interesse an Gawain....werde ich mir in den nächsten Tagen erneut anhören. Mal sehen, was diesmal passiert.

  • beschränkt auf eine Art intellektuelles Interesse und Betrachten von Stimmung oder Atmosphäre. Emotional mitgenommen werde ich nicht

    Kann ich gut verstehen. Ich entwickle langsam eine gewisse auch emotionale Bindung an das Stück, aber das hat bei mir lang gedauert. Ich habe schon den Eindruck, hier eine "Geschichte" erzählt zu bekommen, wenn auch nicht in einem konkreten Sinn.

    Wolfgang hatte übrigens in seiner Birtwistle-Einführung sinngemäß geschrieben, Birtwistles Quartette könne man vielleicht in der Britten-Nachfolge sehen. Tatsächlich glaube ich, manches Motiv sei an Wendungen aus dem zweiten Britten-Quartett angelehnt.

  • Wolfgang hatte übrigens in seiner Birtwistle-Einführung sinngemäß geschrieben, Birtwistles Quartette könne man vielleicht in der Britten-Nachfolge sehen. Tatsächlich glaube ich, manches Motiv sei an Wendungen aus dem zweiten Britten-Quartett angelehnt.

    Da will ich bald nachhören, freue mich darauf und danke Dir fürs Wachrütteln! Irgendwie erinnere ich mich nicht mehr - bald vier Jahre hat der Thread auf dem Buckel, so viel ist das nun auch wieder nicht -, aber das hat alles nichts zu sagen. Die vielen neuen musikalischen Erfahrungen der letzten Jahre, ja der letzten Monate - sie prägen und sie verdrängen halt auch!

    Beim nächsten Mal hier im Thread schreibe ich dann nicht nur Banalitäten und dafür zweimal ... - versprochen! Denn nachdem ich jetzt endich meine damaligen wenigen Beiträge zu Birtwistle gelesen habe, könnte der Vergleich um so interessanter für mich ausfallen!

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Von Birtwistle besitze ich nur 2 CDs, darunter - nicht weiter überraschend - die mit dem SQdW. Von den 9 Sätzen gibt es noch eine erweiterte Version für Sopran, Streichquartett und Ensemble mit dem Titel "Pulse Shadows", bei der sich zu den 9 Sätzen noch 9 Lied-Vertonungen von Paul-Celan-Gedichten gesellen. Das ist meine 2. Birtwistle CD. Weiteres kenne ich nicht.

     

    "The Tree of Strings" habe ich vor dem heutigen Tag vermutlich erst einmal gehört. Das Stück befremdete mich anfangs, sprach mich dann im Verlauf der 30 min aber doch zunehmend an. Also noch mal hören.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Gerade nochmal gehört (einer muss ja ;)). Gefällt mir wirklich immer besser. Lustig, dass mir das Stück mit jedem Hören weniger avantgardistisch vorkommt. Inzwischen würde ich es fast als schön bezeichnen.

  • Gestern Abend hörte ich das SQdW an. Die Arditti-CD besitze ich seit langem, da ich eine gewisse Affinität zu Birtwistles Musik habe (ich mag die Opern "Punch & Jody", "Mask of Orpheus" "Gawain" und "The Minotaur" und auch viele seiner Orchesterwerke (vor allem "Gawain's Journey" und "The Triumph of Time"). Die Werke für Streichquartett habe ich aber wohl nie besonders aufmerksam gehört. Das war, wie ich gestern Abend festgestellt habe, ein Fehler! "Tree of Strings" ist ein tolles Werk, dass (mir) unmittelbar ins Ohr geht und die Aufmerksamkeit fesselt. "Verstanden" habe ich es freilich nicht, abgesehen von der allmählichen "Entnebelung" des Tonmaterials und der (wie mir scheint) Phrasen-Strukturierung durch atacca-Forti, die als Ausrufezeichen funktionieren. Werde ich noch ein paar mal hören (müssen und wollen). :)

    Danke für den Impuls!

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

    Einmal editiert, zuletzt von Algabal (10. Juli 2024 um 16:42)

  • Nun, meiner allgemeiner im Birtwistle-Thread formulierten Sicht muss ich nicht widersprechen - Algabal auch nicht, insbesondere den "Verstehenshorizont" betreffend [;)].

    Wenige Minuten Umspielung eines Tons wie so oft in eher avantgardistischen Streichquartetten (und natürlich nicht nur in Streichquartetten). Dann kristallisieren sich zunächst in Ansätzen eher melodische Linien heraus, verbunden mit schärferen Akzenten. In der fünften Minute gibt es - aber auch nur vorübergehend - impressionistisch reizvolle Harmonik, die sich dann wieder linear auflöst und an Komplexität gewinnt. Der am Anfang umspielte Ton bleibt quasi im Hintergrund eine Zeitlang erhalten - unterschiedlich deutlich wahrzunehmen. Ich meine aber nicht, dass die Musik erweitert tonal ist, sondern schon unspezifisch atonal. Indes fürchte ich, dass mir hierbei und in struktureller Hinsicht eine Partitur auch nicht weiterhelfen würde.

    Um die zwanzigste Minute drängt sich eine auffallend rhythmisierte Linie, die einen Hauch Jazz in sich birgt, für gewisse Zeit vor, während mir vorher eher strukturierte Pausen aufgefallen sind. Gegen Ende des Werks nehme ich wieder - wie schon vorher des Öfteren - pausierte fragmentarische Momente wahr. Und es verbleiben harte Akzente ganz am Schluss.

    Es fällt mir relativ schwer, Streichquartette anderer Komponisten zu benennen, bei denen mir klare Analogien auffallen. Vielleicht Dutilleux - aber so markant ist das nicht. Kaum Bezüge sehe ich zu den einschlägigen Namen, die wesensmäßig mit Spieltechniken experimentieren oder mit Geräuschhaftigkeit, also das ganze Spektrum von Ligeti bis Ferneyhough.

    Braccio würde ich zustiammen, dass sich keine echten Melodien entwickeln, kurze Phrasen schon. Mit einem Bezug zum Titel des Quartetts bin ich letztlich überfordert. Andererseits ist die Idee sich verzweigender Streicheräste nicht so im Detail bildkräftig, als dass man sie nicht nachvollziehen könnte. Ob das wirklich interessant ist? - Ich weiß es nicht. Lässt sich die Idee mit meiner obigen naiven Beschreibung unter einen Hut bringen? Vielleicht.

    Am besten von Birtwistle kenne ich sein farbiges, in der Gesamtanlage trotz mancher grelleren Passagen und Floskeln dunkles, in der Tat quasi erdiges, mehr als halbstündiges Orchesterwerk Earth Dances. Den dortigen Grad an Geschlossenheit im Gestus wahrzunehmen, so weit bin ich nicht oder noch nicht gekommen. Vorstellen kann ich mir Vergleichbares in der Struktur durchaus.

    Und gerne gehört zum zweiten oder dritten Mal habe ich dieses Streichquartett auf jeden Fall.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Interessante Wahl, ich kannte es nicht, aber finde es sofort attraktiv.

    Ich entwickle langsam eine gewisse auch emotionale Bindung an das Stück, aber das hat bei mir lang gedauert.

    Das Stück befremdete mich anfangs, sprach mich dann im Verlauf der 30 min aber doch zunehmend an.

    Lustig, dass mir das Stück mit jedem Hören weniger avantgardistisch vorkommt. Inzwischen würde ich es fast als schön bezeichnen.

    "Tree of Strings" ist ein tolles Werk, dass (mir) unmittelbar ins Ohr geht und die Aufmerksamkeit fesselt.

    Ja, spannend. Geschichten mit Musik. Habent sua fata ...

    ... auch hier nochmal das Hören mit der Suche nach der Musik hinter der Musik.

    Weder "Befremden" noch "unmittelbar ins Ohr gehend" könnte ich unterschreiben. Eher ein sehr individueller, ein wenig knorriger Zeitgenosse, bei dem sich jede Investition von Lebenszeit hoch verzinst, wenn man die kleine Hürde der ersten Kontaktaufnahme genommen hat.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Gegen Ende des Werks nehme ich wieder - wie schon vorher des Öfteren - pausierte fragmentarische Momente wahr. Und es verbleiben harte Akzente ganz am Schluss.

    Die letzten fünf Minuten gefallen mir ganz besonders gut. Das zunehmend Fragmentarische, die Auflösung.

  • Gegen Ende des Werks nehme ich wieder - wie schon vorher des Öfteren - pausierte fragmentarische Momente wahr. Und es verbleiben harte Akzente ganz am Schluss.

    Die letzten fünf Minuten gefallen mir ganz besonders gut. Das zunehmend Fragmentarische, die Auflösung.

    :cincinbier:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Moin!

    Eieiei ... der Birtwistle ist noch gar nicht so richtig (bei mir) eingesickert, da ist die Woche schon fast wieder vorbei ... morgen darf AlexanderK das Streichquartett für die nächste Woche aussuchen! Wir dürfen wir immer geduldig abwarten.

    Die sechste Runde geht dann nach heutigem Stand in dieser Reihenfolge weiter:

    • Scherzo,
    • Gurnemanz,
    • maticus,
    • MB,
    • Pizzicato,
    • Quasimodo.
    • putto,
    • Alberich und
    • Algabal,

    wonach

    • Wieland,
    • Abendroth,
    • andréjo,
    • Felix Meritis,
    • Braccio und
    • AlexanderK

    die siebte Runde eröffnen würden.

    So hat sich die Reihenfolge bisher fortschreibend und im Einzelfall tauschend ergeben. - Ich hoffe sehr, niemanden versehentlich ausgelassen zu haben ... ansonsten bitte einfach Bescheid sagen!

    Hier nochmal die herzliche Einladung an alle Forianer*innen, in diesem Thread mitzuschreiben, auch wenn sie nicht auf der obigen Liste stehen! Auch sind weitere Quartettaussuchende in dieser Runde sehr gerne gesehen.

    Gutes Hören, gutes Diskutieren!

    Viele Grüße

    MB

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich sage nur so viel, das Streichquartett der nächsten Woche hat der 1. Geiger eines weltbekannten Streichquartetts als "das ultimativ schönste Stück überhaupt" bezeichnet. Es ist übrigens so kurz, dass genügend Zeit für viele andere Streichquartette für die Fans bleiben wird. ;)

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

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