'Blendgranaten' - der deutsche Film 1933-45

  • 2023 - ein in Deutschland produzierter Film gewinnt 4 Oscars und 7 BAFTAs, was bis dato noch kein anderer deutschsprachiger geschafft hat. Das muss kein Zeichen für Qualität sein, aber zumindest ist es ein Hinweis auf Aufmerksamkeit und Beachtung für den deutschen Film.

    Und dabei sah es zu Beginn der Filmgeschichte ganz anders aus. Der deutsche Stummfilm besaß absolute Weltgeltung und möglicherweise wäre es dabei auch geblieben, wenn es nicht das Dritte Reich mit seiner die Kreativität äußerst einschränkenden Kulturpolitik und dem Vertreiben zahlloser Künstler gegeben hätte. Davon hat sich der deutsche Film bis heute nicht erholt.

    Trotzdem sind die 12 Jahre der Diktatur kein schwarzes Loch absoluter Kunstferne. Der deutsche Film in diesen Jahren ist durchaus vielfältig. Natürlich gab es keine direkten regimekritischen Werke, dafür sorgte schon die Reichsfilmkammer mit all ihren Zensurmöglichkeiten und das 'erfolgreich' bis zum Schluss. Aber es gab eine Bandbreite, nicht nur im propagandistischen, sondern auch im künstlerischen Bereich. Ob es dabei Filme von 'Weltformat' herausgekommen sind, wie einst in der Zeit von 'Cagligari' bis hin zu 'M', ist die Frage. Dass aber trotz allem auch Werke entstehen konnten, die noch heute künstlerisch herausstechen, ist vielleicht sogar eine Absonderlichkeit für dieses so sehr geschlossene, kunstfeindliche System.

    Zensur gab es damals überall, aber z.B. in den USA hat möglicherweise der doch recht strikte Hays-Code sogar manch einen Regisseur zu besonderer Kreativität 'gezwungen' (was aber die Zensur in keiner Weise rechtfertigen soll). Nur war das deutsche System um einiges schärfer, bedrohlicher, gefährlicher, umfassender. Hier ging es - vielleicht sogar - um's Leben, nicht 'nur' um eine berufliche Karriere. Dazu gab es einen erzwungenen Exodus wohl hunderter von Filmkünstlern aus allen Bereichen, die nicht ersetzt werden konnten und von denen dann v.a. Hollywood sehr profitiert hat. Auch gingen natürlich mögliche internationale Märkte (v.a. Großbritannien und USA) spätestens mit dem Kriegsbeginn verloren, wobei allerdings schon vorher klar war, dass die 'Welt' sich für deutsche Produkte ab 1933 nicht mehr sonderlich interessierte.

    Inwieweit alle deutschen Produktionen seit der Machtübertragung reine Propagandafilme waren, ist eine vieldiskutierte These. Da es keine gesellschaftskritischen Filme mehr geben konnte, dienten natürlich alle, gewollt oder ungewollt, auch der Systemerhaltung. Film - mindestens - als Ablenkung, als Flucht. Gewünscht, gewollt, aber von den Zuschauern, gerade auch in den Kriegsjahren, auch so verstanden und herbeigesehnt. Dabei scheinen die reinen Unterhaltungsfilme, sprich die Revuefilme und Komödien nur einen Teil der gesamten Produktion ausgemacht zu haben. Dagegen standen die absoluten und versteckten Propagandafilme, die Durchhalte-, Kriegs-, Abenteuer-, 'Problem'-, Historien-, Dokumentarfilme oder die Klassikerverfilmungen. Es gab aber auch die, die unter dem Deckmantel der Unterhaltung eine Ahnung von Kritik, zumindest der Realitätsnähe zeigten (und oftmals sofort große Probleme bekamen). Was es allerdings nicht gegeben hat, sind Regisseure, die noch unter der Diktatur begannen und danach weltweites Renommee erlangten, wie de Sica, Rossellini, Visconti oder Kurosawa, Ozu. Helmut Käutner hätte wohl am ehesten die Fähigkeiten dazu gehabt, aber vielleicht haben auch die gesellschaftlichen Verhältnisse nach '45 das nicht gefördert.

    Filmische Innovationen, womöglich eine neue Filmsprache - in der Regel Fehlanzeige. Höchstens im Dokumentarbereich (und da ausgerechnet vermischt mit perfider Propaganda) konnte das Dritte Reich noch einmal internationale Geltung und nachhaltige Bedeutung erlangen. Leni Riefenstahls 'Triumpf des Willens' und die beiden Olympia-Filme haben nachhaltig visuelle Standards in den jeweiligen Bereichen gesetzt. Der Rest hingegen ist filmische Durchschnittskost, wenn es auch immer wieder Ausreißer nach oben gab. Vergleicht man aber z.B. die heimischen Produktionen mit denen von MGM, dann zeigt sich, abgezogen die bessere technische Qualität bei den Amerikanern, kein so großer Unterschied. Einer Masse von 'Masse' stehen jeweils relativ wenig künstlerisch interessantere Produktionen gegenüber.

    Ähnliches (im Vergleich mit MGM) gilt übrigens auch bei den Schauspielern, die, wenn sie nicht unbedingt weggehen mussten oder wollten, aufgrund der Sprachbarriere eher in Deutschland blieben. Die deutschen Filme der damaligen Zeit verfügten über einen Riesenschatz an hervorragenden Schauspielern und 'Stars', die, unabhängig vom damals oftmals sehr pathetischen Schauspielstil, einen Vergleich mit internationalen Kräften nicht unbedingt zu scheuen brauchten.

    Warum also soll man sich deutsche Filme in der Zeit von 1933 - 1945 anschauen? Weil die Riefenstahl - trotz allem - den Dokumentarfilm vorangetrieben hat. Weil es von 'Amphitryon' bis 'Unter den Brücken' tolle, gewagte Produktionen gab. Weil manche Komödien immer noch Spaß bringen. Weil so viel immer noch ein 'Tanz auf dem Vulkan' ist. Weil man so viel über unsere deutsche (Alltags-)Geschichte erfährt. Weil diese Zeit eben kein 'schwarzes Loch' ist, sondern auch ein filmisches Kontinuum darstellt zur Nachkriegszeit. Weil diese Filme auch hinführen zum 'Oberhausener Manifest' und zum 'Neuen deutschen Film'. Und weil sie auch erklären, warum erst 2023 ein deutscher Film 4 Oscars gewinnen konnte.

    Und was genau soll man sich ansehen? Ich denke, jeder muss wohl selber wissen, wie tief er/sie/es in diesen Abschnitt der deutschen (Film-)Geschichte einsteigen möchte. Persönlich würde ich sagen möglichst viel, damit man das ganze Bild erhält. 'Hitlerjunge Quex' bis 'Große Freiheit Nr. 7', 'Liebelei' bis 'Kolberg'. Ich habe da wenig bis gar keine Berührungsängste, nur 'Jud Süß' und 'Der ewige Jude' haben ich mir bislang nicht angesehen.

    Ich werde (und ich hoffe, ich bin da nicht alleine) hier in der kommenden Zeit immer wieder mal Produktionen aus dieser Epoche vorstellen, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung oder ihrer künstlerischen Qualität. Wichtig ist mir dabei nur, dass sie zur Abrundung oder Ergänzung unseres Bildes beitragen können.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Naja, die Feuerzangenbowle selbstredend - ein Nazifilm, ein Durchhaltefilm, ein verlogener Film wenn man ihn vor die Folie der Geschehnisse der Entstehungszeit hält natürlich.

    Aber auch eine der frühen Kindheitserinnerungen von mir, Jahre bevor die hier dargestellte pubertäre Aufmüpfigkeit in etwas wie ernstere Rebellion sich wandelte, wobei er als unbewußter Hintergrund nachwirken mochte, vielleicht.

    Und auch ein Film, dem die damalige Ideologie nebst Zensur das Maß an menschlicher Wärme das er hat nicht auszutreiben imstande war. Wenn ich auch Rühmann nicht ausstehen kann sonst.

    Ich finde, er leidet kaum unter dem menschenverachtenden Umfeld in dem er entstand. Ich mag ihn bis heute, wenn ich auch um dieses weiß. Und nett gemacht und toll gespielt...


    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Inwieweit können wir Film und möglicherweise Absicht heute trennen. Sollten wir das, müssen wir das immer noch?

    Schaut man die 'Feuerzangenbowle', wie auch so viele andere Filme, heute an, ist es doch zunächst nur ein witziger Unterhaltungsfilm. Können wir es dabei belassen, bzw. schaffen wir es? Aber wir kennen natürlich den Kontext. Aber bei der 'Feuerzangenbowle' kann man ihn durchaus vergessen, was es uns heute natürlich auch erleichtert, diesen Film einfach nur zu genießen.

    Bei 'Das große Spiel' (mit René Deltgen) fällt es wahrlich schwerer. Zunächst ein reiner Unterhaltungsfilm um Fußball, zeigt er dann doch an den Wänden Hitler-Fotografien und Menschen mit Parteiabzeichen, was für solche Filme eigentlich ungewöhnlich war. Die Nazis achteten nämlich in der Regel sehr darauf, dass in 'Unterhaltungsfilmen' keine Hinweise auf die politische Gegenwart zu sehen waren. 'Genießen' kann man diesen Film also nur unter historischen Gesichtspunkten, auch wenn es noch kein absoluter Propagandafilm ist. Die 'Feuerzangenbowle' geht aber längst nicht so weit, bzw. ist da wesentlich uneindeutiger.

    Übrigens war R.A. Stemmle, der Regisseur vom 'Großen Spiel' nach '45 ein durchaus vielbeschäftigter Regisseur in Ost und West. So viel zur Kontinuität dieser 12 Jahre.

    :wink:Wolfram

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  • ein Nazifilm, ein Durchhaltefilm

    Nein, das ist er nun nicht. Zumindest nicht in dieser Absolutheit.

    Zunächst ist es ein Unterhaltungsfilm - man mag darüber diskutieren, ob zu Diktatur- und Kriegszeiten Unterhaltung überhaupt angemessen ist. Aber das macht einen Film noch nicht zu Propaganda.

    Meines Wissens mußte - um der Aufmüpfigkeit nicht das alleinige Wort zu überlassen - der Lehrernachwuchs mit seinen Drill- und Zuchtideen nachträglich eingefügt werden. Dies ist allerdings ein gewichtiger Kritikpunkt. Interessanterweise werden die Reaktionen darauf zwar nicht offen ablehnend, aber trotzdem etwas altersweise zweifelnd dargestellt. Auch das spricht - neben der zu Recht erwähnten menschlichen Wärme - gegen einen Propaganda- oder Hetzfilm.

    Naivität spielt mit - auch das ein Kritikpunkt. In den Dreißigern eine beherzt und ernsthaft politisch diskutierende Primanerklasse (wird im Buch wohl auch kaum zu finden sein) zu erwarten, ist aber wohl auch etwas zuviel verlangt.

  • „Münchhausen“. Innovativ in der Tricktechnik, subversiv in diversen Passagen. Vor einigen Jahren tauchte die lange verschollene Szene in der Braunschweiger Oper wieder auf. Und wenn da die Sopranistin sagt: „Der Herzog ist ein Bock“ (wo die Anspielung auf den von Babelsberg unüberhörbar ist) und am Ende Münchhausen meint: „Ich fürchte, ich muss auch bald nach Russland“, sind die Gründe für den Schnitt sonnenklar…

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Der Film ist meines Erachtens zwar nicht gänzlich frei von politischem Hintergrund, aber ich sehe das eher als unbedeutend. Selbst der einschlägigen Szene, als Bömmel gegen Ende zugestehen muss, dass er beliebt ist, aber eben nicht ernstgenommen wird, und Dr. Brett - nomen est omen - sich ihm gegenüber mahnend auf die eigene Vorstellung von Ordnung und Disziplin beruft, muss man nicht zwangsläufig so interpretieren. Freilich wird hier der politische Kontext schon spürbar. Doch würde man ihn nicht kennen, würde man ihn dann erkennen? :/

    Wo äußern sich sonst die Drill- und Zuchtideen? Habe ich eindeutige oder eindeutigere Szenen übersehen? Das ist leicht möglich. Werden bei den heute ausgestrahlten Filmversionen solche Szenen weggelassen? Da würde ich mich über Hinweise freuen. Meines Wissens gibt es ja auch zwei Versionen und mir ist vermutlich nur die spätere bekannt.

    So genial im Einfall wie eben naiv ist ja auch der Roman von Heinrich Spoerl. Den habe ich als Jugendlicher gelesen, dann wohl nicht mehr. Finden sich dort deutliche politische Bezüge? Aber auch hierbei wäre mir nicht bekannt, dass sich - quasi vor 1968 - in anderen Schüler-Romanen - so berühmten wie denen von Friedrich Torberg oder Hermann Hesse - auffällige politische Schülerhaltungen fänden. Ein Sonderfall ist der Roman Jugend ohne Gott von Ödön von Horvath, dessen Aussage in der Tat eine politische ist, aber das dürfte kein Schulroman sein wie die genannten, sondern eine stärker abstrahierende Zeit- und Milieustudie. Und im Falle von Robert Musils Törleß scheint mir das ähnlich vor allem auf der individual- und sozialpsychologischen Ebene.

    Wohlgemerkt: Selbstverständlich kann und muss man alle diese Romane politisch deuten. Im Gegensatz zu Spoerl haben sie aber eben nicht oder nicht primär eine Unterhaltungsfunktion, sondern stellen per se Zeitkritik dar.

    Spoerl selbst scheint kein expliziter Gegner des Regimes gewesen zu sein. War er ein Mitläufer? Ein Nutznießer? Oder eben ein reiner Unterhaltungsschriftsteller, der den Interessen auch des Regimes entgegenkam, auf dieser Ebene abzulenken - mit allen gewünschten Konsequenzen?

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

    Einmal editiert, zuletzt von andréjo (15. März 2023 um 22:12)

  • Freilich wird hier der politische Kontext schon spürbar. Doch würde man ihn nicht kennen, würde man ihn dann erkennen?

    Eben dies meine ich ja. Im Nachhinein ist die Darstellung der neuen Pädagogik mit der Maxime, man müsse die Zöglinge in ihrem Wachstum gezielt beschneiden, formen und führen ein Bild für die angebrochene Ära. Weil man den Kontext nun kennt, wird es umso klarer. Absicht wird es auch gewesen sein, widerspricht doch die alberne (im besten Sinne) Rückversetzung eines Erfolgsautors in eine vom Ernst des Lebens befreite Jugendsituation und die folgende auch noch erfolgreiche Lausbubengeschichte wohl in so ziemlich allen Aspekten den Idealen einer gleichgeschalteten Jugend.

    Aber als klar erkennbare gezielte Zerstreuungskomödie für ein geplagtes Publikum oder gar als propagandistisch orientierten Film kann ich die Feuerzangenbowle nicht erkennen.

  • Aber als klar erkennbare gezielte Zerstreuungskomödie für ein geplagtes Publikum oder gar als propagandistisch orientierten Film kann ich die Feuerzangenbowle nicht erkennen.

    Natürlich war es eine 'gezielte Zerstreuungskomödie für ein geplagtes Publikum', was letztlich für alle Unterhaltungsfilme gerade auch zwischen '39 und '45 galt und deshalb ja auch das Placet von allerhöchster Stelle für die Freigabe. Lachen sollten die Menschen und den Alltag vergessen, was dann ja auch dankbar angenommen wurde. Dass das in beiderseitigem Interesse lag, steht nun wieder auf einem anderen Blatt.

    Und nein, 'propagandistisch orientiert' im Sinne einer klaren, durchgehenden Botschaft, ist der Film sicherlich nicht. Aber die Figur des Dr. Brett ist schon interessant mit seinem Gerede von 'neuen Zeiten, die neue Methoden' erfordern oder dass er seine Schüler vor die Alternative stellt: entweder Krieg oder Frieden. Und auch die Schlussansprache von Heinz Rühmann in der es um die Wahrheit geht, die man nur im Traum oder in der Sehnsucht findet und man sich deshalb bescheiden solle, kann durchaus so gelesen werden.

    Eine Frage ist natürlich, wie die Zuschauer damals diesen Film verstanden haben. In einer Diktatur sind Menschen ja in der Regel sehr hellhörig und ich könnte mir schon vorstellen, dass bei dem Umgang der Schüler mit all den vertrottelten Lehrern, sprich den Autoritäten, viele an ebensolche Typen aus der mittleren und unteren Parteiebene dachten, die ja oftmals nicht sonderlich beliebt waren. Wenn das denn so war, dann gewinnen Dr. Brett und auch der Schluss doch eine andere Bedeutung nach dem Motto: Wir gönnen euch ein befreiendes Lachen über Missstände, ihr dürft Druck ablassen (wenigstens im Kino), aber die große Linie, die 'neue Zeit' ist ganz anders. Sie ist vernünftig, zugewandt und wer sich anpasst (den 'Frieden' wählt) kann bei uns und mit uns wunderbar leben.

    So könnten Zuschauer es verstanden haben. So könnte es gemeint gewesen sein. Aber wie schon gesagt wurde, wer den Kontext nicht kennt, gerade heutzutage, wird davon unberührt den Film einfach genießen können, der ja wirklich auch witzig ist.

    Ich könnte mit sogar auch vorstellen, dass hellhörige Zuschauer damals bei den entsprechenden Passagen einfach weggehört haben, weil ihnen der Tonfall allzu bekannt war. Immerhin geht es hier um 1943 und so begeistert und überzeugt waren viele Menschen da nicht mehr. Stalingrad war gewesen, die Sportpalastrede war gewesen, die Versorgung wurde immer schlechter, die Bombenangriffe nahmen zu - da kam Gerede von 'neuen Zeiten und neuen Methoden' sicherlich nicht mehr so richtig an.

    :wink:Wolfram

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  • und deshalb ja auch das Placet von allerhöchster Stelle für die Freigabe.

    Da werden die verschiedenen Ebenen deutlich. Von der Obrigkeit - ja, Zerstreuung gewünscht. Von denen, die das Buch verfilmten - Zerstreuung, ja, aber zum Zweck des Machterhaltes der Nazis? War das die grundlegende Intention? Eine Gradwanderung sicherlich, auch hier vielleicht Naivität hinsichtlich der eigenen Bedeutung und der eigenen Teilhabe an politischer Verantwortung. (Na ja, ich bin zugegebenermaßen kein Filmhistoriker, letztendlich weiß ich nicht, was in den Köpfen vorging.)


    Aber die Figur des Dr. Brett ist schon interessant mit seinem Gerede von 'neuen Zeiten, die neue Methoden' erfordern oder dass er seine Schüler vor die Alternative stellt: entweder Krieg oder Frieden.

    Sehe ich auch so. Und das soll, so wabert es in meiner Erinnerung ewigem Nebel, nachträglich auf Wunsch des Rheydter Hinkebeins und seiner Anhängsel eingefügt worden sein ... Wenn nötig, korrigiere man mich.

  • aber zum Zweck des Machterhaltes der Nazis? War das die grundlegende Intention?

    Denke ich nicht. Rühmann hat den Film ja selber für die Terra produziert, die zwar auch 'Jud Süß' gemacht hat, aber auch 'Große Freiheit Nr. 7', der ja sehr schnell verboten wurde. Die Bandbreite war also sehr groß, was keinen Hinweis auf eine bestimmte Propagandahaltung, die der Film einnehmen sollte, zulässt. Ich denke eher, Rühmann suchte ein geeignetes Vehikel für sich und Spoerl und dieser Roman waren ja politisch unverdächtig. Zudem hatte Rühmann ja auch schon in der Vorgängerverfilmung gespielt.

    Wenn nötig, korrigiere man mich.

    Kann ich nicht ;) , da ich davon noch nie etwas gehört habe, was aber natürlich nichts sagt. Es war wohl so, dass irgendein Reichsfilmkammermensch den Film wegen Verhöhnung von Autoritäten verbieten lassen sollte, woraufhin Rühmann persönlich zur Wolfsschanze fuhr, um Göring und Hitler aufzusuchen. Hitler hätte dann nur gefragt, ob der Film zum Lachen sei, ließ ihn sich dann vorführen und gab sein Placet. Im Interview erwähnt Rühmann dann nicht, dass irgendwelche Veränderungen noch vorgenommen werden mussten, was aber trotzdem sein kann. Die Szene Brett - Bömmel und auch der Schluss wirken allerdings schon wie Fremdkörper in dem Film, was auf einen Nachdreh deuten könnte.

    :wink:Wolfram

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  • Ich lese gerade bei Wikipedia, dass es a) der Reichserziehungsminister war, der Bauchschmerzen bekam und dass b) Hitler die Anweisung an Goebbels gab, den Film freizugeben und drei Tage später die Premiere erfolgte. Das deutet darauf, dass es alles sehr schnell ging. Ob da nun noch ausreichend Zeit für einen Nachdreh blieb?

    :wink:Wolfram

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  • und auch der Schluss wirken allerdings schon wie Fremdkörper in dem Film, was auf einen Nachdreh deuten könnte

    Der Schluss ist allerdings auch im Buch so gegeben. Wobei ich natürlich nicht weiß ob da an der Ausgabe von 1933 später geändert wurde…

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  • Der Schluss ist allerdings auch im Buch so gegeben. Wobei ich natürlich nicht weiß ob da an der Ausgabe von 1933 später geändert wurde…

    Von einer Änderung wüsste ich natürlich auch nix und eine kurze Recherche bei Wikipedia gibt da auch keinen Aufschluss. Die Figur des Brett wurde jedenfalls für den Film, der sich ansonsten sehr nahe an das Buch hält schon geändert. Dort ist er eher der Vertreter einer preußisch-militärischen Richtung. Die Verwandlung in jemand der (volks-)pädagogisch unterwegs ist, ist natürlich schon bezeichnend.

    :wink:Wolfram

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  • Die Diskussion ist hier ja weitergegangen, und ich lese nicht mehr viel im Forum. Vielleicht wiederhole ich was, dann bitte Entschuldung... Mein Einleitungssatz

    Naja, die Feuerzangenbowle selbstredend - ein Nazifilm, ein Durchhaltefilm, ein verlogener Film wenn man ihn vor die Folie der Geschehnisse der Entstehungszeit hält natürlich.

    Das ist natürlich zeitbedingt zu sehen. Hielte ich ihn lediglich für einen "Nazifilm" hätte ich ihn ja kaum als einen frühen Lieblingsfilm gewürdigt, oder: Allerdings: Entstehungszeit 1944, da brach der Traum vom tausendjährigen Reich ja bereits massiv ein, Hunger, Bombenangriffe, existentielle Ängste und Verfall waren allgegenwärtig. Und in dieser Situation einen lockeren Unterhaltungsfilm noch machen zu können (bei schwindenden Ressourcen) und dem Publikum, in dem jeder/jede tote Familienmitglieder zu beklagen hatte, dermaßen von den Realitäten abzuhalten: nee, auch wenn der Film es inhaltlich nicht zeigt, das ist pure und perfide Goebbelspropaganda, in gekonnten und eleganten Gewand, fast zwei Jahre nach seiner nach seiner irren Reichsparteitagsrede vom totalen Krieg.

    Ich kann das nicht anders sehen. Will ich auch nicht.

    Daß unter diesen perversen Umständen ein glänzender Unterhaltungsfilm entstanden ist, OK, das spricht für die Raffinesse der Beteiligten, vielleicht für die Blindheit der Kunst (ein sehr deutsches Phänomen), vielleicht auch für die Größe dessen was Kunst leisten kann, vielleicht für einen verzweifelten Überlebenswillen, vielleicht für das alles.

    Aber wer 1944 noch eine lustige Pennälerkommödie ins Kino bringt, während die Rote Armee kurz vor den deutschen Außengrenzen steht, während alles in Rauch und Blut zerbricht, der macht eben: einen Durchhaltefilm im Naziinteresse. So sehr ich ihn auch schätze und Klasse finde . Das nehme ich nicht zurück. Denn so war er gedacht. Und genauso hat er funktioniert.

    Er steht bei mir trotzdem, übrigens, und mit Gewinn. Aber von seiner aEntstehungszeit ihn trennen? Kann ich nicht.


    :)

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  • Nur um das kurz einzuordnen. Die Sportpalastrede von Goebbels war im Februar 1943 und gut einen Monat später begannen die Dreharbeiten. Da standen die Sowjetrussen noch lange nicht an der Grenze des Reiches. Die Situation für die Menschen war trotzdem fürchterlich, keine Frage.

    Natürlich waren diese Komödien auch Durchhaltefilme, weil sie nämlich Menschen für wenigstens ein paar Stunden ablenken sollten vom wahrlich bitteren Alltag. Ob sie letztlich den Krieg verlängert, den Durchhaltewillen wirklich gesteigert haben, kann niemand sagen. Persönlich würde ich das verneinen, aber das ist halt meine Meinung. Andererseits waren die Menschen auch froh, für eben die paar Stunden einmal abschalten zu können. Das ist immer ein zweischneidiges Schwert.

    Furtwängler dirigiert in der Zeit und dient gewollt oder ungewollt auch dem Regime. Gleichzeitig schreibt Reich-Ranicki, dass er mehr als froh war in seiner Situation das hören zu dürfen. Schwierig da ein Urteil zu fällen. Finde ich jedenfalls.

    :wink:Wolfram

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  • Aber wer 1944 noch eine lustige Pennälerkommödie ins Kino bringt, während die Rote Armee kurz vor den deutschen Außengrenzen steht, während alles in Rauch und Blut zerbricht, der macht eben: einen Durchhaltefilm im Naziinteresse. So sehr ich ihn auch schätze und Klasse finde . Das nehme ich nicht zurück. Denn so war er gedacht. Und genauso hat er funktioniert.

    Ende Januar 1944, als der Film in die Kinos kam, stand die Rote Armee noch nicht vor den deutschen Außengrenzen und die anderen Armeen auch nicht - aber abgesehen davon stimme ich deiner Einordnung des Films ("ein Nazifilm, ein Durchhaltefilm, ein verlogener Film") voll und ganz zu.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ich erlaube mir, zunächst die Liste von Wikipedia zu verlinken:

    Liste der während der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich uraufgeführten deutschen Spielfilme

    Es ist nicht einfach, die Filme dahin einzuordnen, inwieweit sie nationalsozialistische Propaganda enthalten/transportieren oder nur einfach von den Realitäten im Alltag ablenken sollen; die wenigen deutlichen Fälle stehen einer großen Anzahl gegenüber, wo man es hineininterpretieren kann, wenn man will. Goebbels' Einfluß im ideologischen Sinne läßt sich aber allein aufgrund des konkreten Zensurablaufs bei der Filmproduktion nicht heraushalten.

    Wie man zum Dritten Reich stehen mag, bestimmt natürlich auch die Sichtweise auf die damaligen Filme; dennoch bin ich froh, daß wir die Möglichkeit haben, diese Werke sehen zu können, um uns selbst ein Bild zu machen. In vielen Fällen reicht es aus, als Zuschauer eine leichte Distanz aufrechtzuerhalten, eben weil die Filme in erster Linie nur unterhalten wollen. Für die anderen Fälle muß man halt deutlich in Klausur gehen.

    "Interpretation ist mein Gemüse." Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation." Jean Paul

    "Manchmal sind drei Punkte auch nur einfach drei Punkte..." jd

  • Ich habe ja vor ein paar Jahren angefangen, den frühen Tonfilm sehr umfassend mir reinzuziehen, die Bestände der Wiener Büchereien nutzend, sodass der deutschsprachige Film ohnehin stark überrepräsentiert ist (und etwa der indische unterrepräsentiert, nämlich gar nicht ...)

    Das meiste fand ich verglichen mit den amerikanischen Filmen nicht so erfreulich, insbesondere der irgendwie gestelzte Humor - und das obwohl ich als Kind Rühmann geliebt habe. OK, Rühmann zieht immer noch, und mit Gewöhnung ist auch einiges erreichbar, Forst ging auch nicht gleich.

    Ich kopiere mal meine Liste rein, wobei hier auch österreichische Filme dabei sind. Propaganda gab's nur die zwei bekannten von Riefenstahl. Ob man nun unter Nazis Eskapismus betreibt oder in Freiheit, macht für mich beim Anschauen keinen Unterschied.

    1933

    Fritz Lang: Das Testament des Dr. Mabuse

    Max Ophüls: Liebelei

    Gustav Machaty: Ekstase (Hedy Lamarr)

    Oskar Fischinger: Kreise

    Max Ophüls: Lachende Erben (Heinz Rühmann)

    Paul Fejos: Sonnenstrahl

    Reinhold Schünzel: Viktor und Viktoria (Adolf Wohlbrück)

    Carl Froelich: Der Choral von Leuthen

    1934

    Willi Forst: Maskerade (Adolf Wohlbrück, Paula Wessely)

    Werner Hochbaum: Vorstadtvarieté (Hans Moser)

    Luis Trenker: Der verlorene Sohn (Luis Trenker)

    1935

    Leni Riefenstahl: Triumph des Willens

    Reinhold Schünzel: Amphitryon (Willy Fritsch)

    Erich Engels: Kirschen in Nachbars Garten (Karl Valentin, Adele Sandrock)

    E. W. Emo: Endstation (Paul Hörbiger, Hans Moser)

    1936

    Willi Forst: Burgtheater

    Paul Martin: Glückskinder (Willy Fritsch, Lilian Harvey)

    Géza von Bolváry: Lumpacivagabundus (Heinz Rühmann, Paul Hörbiger)

    Erich Engels: Donner, Blitz und Sonnenschein (Karl Valentin, Liesl Karlstadt)

    1937

    Karl Hartl: Der Mann, der Sherlock Holmes war (Hans Albers, Heinz Rühmann)

    1938

    Leni Riefenstahl: Olympia

    Curt Goetz: Napoleon ist an allem Schuld (Curt Goetz, Valérie von Martens)

    1939

    Géza von Bolváry: Opernball (Paul Hörbiger, Hans Moser)

    Willi Forst: Bel Ami (Willi Forst, Olga Tschechowa)

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Hmm ... wie wäre es mit dem frühen Curt Goetz? Bspw "Napoleon ist an allem schuld"

    Zugegeben, Curt Goetz hat sich dann aus Deutschland verabschiedet - war wohl auch ein entschieden zu humorloses Pflaster für ihn ...

  • Das meiste fand ich verglichen mit den amerikanischen Filmen nicht so erfreulich,

    Wobei die Amerikaner natürlich auch weitaus bessere Bedingungen hatten. Damit meine ich nicht nur die Zensur, sondern v.a. die Internationalität Hollywoods. Dies schon vor 1933, aber dann erst recht, wobei ja nicht nur deutschsprachige Exilanten dort tätig waren. Zudem verfügte Hollywood über einen wesentlich größeren Absatzmarkt für seine Filme und damit auch über mehr Kapital für seine Produkte und für technische Neuerungen. Dann war wohl auch die oberste Maxime der Studios, nämlich Kasse zu machen, ein weitaus größerer Anreiz für Kreativität als die Goebbelsche Fuchtel, unter der man hier produzieren musste. Deutschland brutzelte halt eher im eigenen Saft und die Aussage Goebbels, dass der Wegfall der Exilanten jederzeit ausgeglichen werden könnte, war natürlich hochgradig lächerlich.

    Trotzdem haben die Studios in Hollywood auch jede Menge Durchschnitt produziert, was man auch nicht vergessen darf.

    insbesondere der irgendwie gestelzte Humor

    Der deutsche Humor ist natürlich schon speziell ;) und es kommt wohl auch nicht von ungefähr, dass einen bedeutende, wirklich witzige deutsche/deutschsprachige Komödienmacher ohne jüdische Wurzeln nicht unbedingt sofort einfallen. Curt Goetz, aber der ging dann ja auch und ansonsten bin ich als erstes bei Carl Sternheim, Billy Wilder, Ernst Lubitsch - tja, alle weg. Und schneller Wortwitz liegt uns wohl auch nicht so, von daher finden sich auch keine Screwball-artigen Komödien, sondern alles ist eher gemächlich, betulich, behäbig. Tempo findet sich dabei dann auch nicht so richtig, von 'timing' ganz zu schweigen.

    Aber trotzdem gab es immer wieder wirklich gelungene Witze in deutschen Filmkomödien, eben 'Feuerzangenbowle', 'Der Mann, der Sherlock Holmes war' oder in 'Wir machen Musik' (fallen mir gerade spontan ein), aber selten durchgängig durch den ganzen Film. Käutner konnte es noch relativ gut, auch Schündler, aber insgesamt sieht es da wirklich recht traurig aus.

    :wink:Wolfram

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