'Blendgranaten' - der deutsche Film 1933-45

  • Ich habe heute begonnen, wieder einmal 'Wir machen Musik' von Helmut Käutner aus dem Jahre 1942 mir anzuschauen. Eigentlich ein erstaunlicher Film. Vordergründig eine Musikkomödie, dabei charmant, wie gesagt auch witzig, sehr leicht und elegant gespielt und inszeniert. Es geht um eine 'Rivalität' zwischen E- und U-Musik, jeweils vertreten durch Ehemann und Ehefrau. Letztlich 'gewinnt' dabei dann die U-Musik.

    Es gab offensichtlich wochenlange Diskussionen bei den zuständigen Stellen, ob der Film zugelassen oder lieber gleich verboten werden sollte, was man heute wirklich kaum noch versteht. Der Punkt war wohl v.a., dass die U-Musik hier viel zu Jazz-lastig daherkam, was natürlich im Dritten Reich quasi eine Todsünde war. Peter Igelhoff, der Komponist der Musiknummern, der eh schon ein Auftrittsverbot hatte, wurde dann im selben Jahr noch an die Front geschickt.

    Letztlich wurde der Film aber doch zugelassen (die manchmal seltsame Inkonsequenz der Nazis im Kulturbereich müsste man auch mal besprechen), sehr zur Freude der 'Swing-Jugend'. Film als Fluchtmöglichkeit, Film als Durchhaltemittel, Film als Propagandainstrument - klar. Film konnte aber auch etwas sein, in dem Nichtangepasste, mit dem Regime Fremdelnde sich manchmal wenigstens ein Stück wiederfinden konnten und sei es selbst nur dieses: Ich bin nicht allein. Vielleicht hat das manchen Menschen dann doch auch Stärke und Hoffnung gegeben.

    Dass der Film nicht verboten wurde, finde ich auch noch unter einem anderen Aspekt verwunderlich. Eigentlich wurden Verweise auf die Gegenwart in einem durchschnittlichen Unterhaltungsfilm nicht geduldet. Hier aber beginnt es gleich damit, dass Victor de Kowa, die Zuschauer direkt ansprechend, erzählt, seine Frau wäre beim Einkaufen, schon seit Stunden, denn heute gäbe es auf Abschnitt drei dieses und jenes. Später wird er von einem Nachbarn angebrüllt, er solle doch endlich mal verdunkeln. Und auch dazwischen immer wieder Verweise auf den Kriegsalltag, aber vielleicht gehört das auch zu dieser komischen Inkonsequenz.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

    Einmal editiert, zuletzt von Wolfram (18. März 2023 um 20:26)

  • Der für mich vielleicht schönste Film aus dieser Zeit ist 'Große Freiheit Nr. 7', ebenfalls von Helmut Käutner, gedreht mit kriegsbedingten Unterbrechungen 1943 und erst im Dezember 1944 in Prag uraufgeführt.

    Agfacolor-Filme waren teuer und dienten v.a. dafür, auf dem internationalen Markt (so weit der überhaupt noch bedient werden konnte - es ging also um besetzte Gebiete, aber auch Schweiz oder Schweden) Kasse zu machen. 'Frauen sind doch bessere Diplomaten', 'Münchhausen' oder 'Opfergang' sollten einmal ein fremdländisches Publikum aufgrund der visuellen Qualitäten in die Kinos bringen, aber natürlich auch ein bestimmtes Bild Nazi-Deutschlands verkaufen.

    Das hatte Goebbels nun auch mit 'Große Freiheit Nr. 7' vor, der ein Lobgesang auf die deutsche Handelsmarine werden sollte, sprich anständige, nette Matrosen und anständige, nette Mädels, eine anständige, nette Liebesgeschichte in einer anständigen, netten Umgebung. Ihm schwante wohl schon, dass der politisch eher unzuverlässige Käutner dafür vielleicht nicht die erste Wahl wäre, aber letztlich entschied er sich doch für den Erfolgsregisseur. Vielleicht war das aber trotzdem eine der vielen Inkonsequenzen in dieser Zeit, denn was Käutner ablieferte, entsprach so überhaupt nicht den Vorstellungen der Partei.

    'Große Freiheit Nr. 7' (die Hausnummer musste später hinzugefügt werden, weil der Rest politisch absolut fragwürdig war), ganz im Stil des französischen 'Poetischen Realismus' gedreht, ist alles, nur kein Vehikel für Propaganda, Durchhaltefantasien oder eben als Anpreisung deutschen Wesens geeignet. Matrosen die saufen, huren, sich prügeln, Huren und Freier, außerehelicher Sex, eine 'Heldin', zwar blutjung, aber schon 'mit Vergangenheit', die sich zudem mit einem wesentlich älteren Mann einlässt, Liedtexte, die vom Leben erzählen, allerdings nicht von dem, welches sich die Nazis vorstellten, und über allem ein Dunstschleier von Resignation, Wehmut, Abschied. Aufbauend, der Zukunft fest und siegesgewiss ins Auge blickend, kann man diesen Film wirklich nicht nennen. Dafür schonungslos realistisch, ein Bild eines Deutschlands vermittelnd, auch wenn er absolut alle Hinweise auf den Kriegsalltag vermeidet, das ehrlich war, aber halt nicht gewollt.

    'Große Freiheit Nr. 7' weist wirklich keinerlei Propaganda, weder versteckt noch offen auf. Ein wirklicher Ausnahmefall. Natürlich durfte er im Inland nicht gezeigt werden, sondern wanderte dort sofort in die 'Schublade', in der schon so manche andere teure Produktion lag. Gerade in den letzten Kriegsjahren scheint die ständige, penible Überwachung von Produktionen nicht mehr so funktioniert zu haben. Und weil er so gar nicht in irgendeiner Form die Vorgaben der Nazis erfüllt, kann man ihn heute noch ungeniert genießen, gerade auch, weil es ein wirklich toller Film ist, weil Schauspieler, Drehbuch, Kamera, weil die Regie großen Anforderungen entsprechen und weil der Film nichts Hausbackenes an sich hat (was ja viele Filme der Zeit recht ungenießbar macht). Für mich gibt es in diesen 12 Jahren eigentlich nur ein Film, der an ihn herankommt, der einen ähnlichen, geradezu internationalen Standard erfüllt und das ist 'Unter den Brücken', Helmut Käutners nächster Film.

    :wink:Wolfram

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  • Einfach einmal Bilder der hier bislang näher angesprochenen Filme:

    :wink:Wolfram

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  • Die deutsche Frau im Film, wie die Nazis sie sich vorstellten, eben eine Magda Goebbels, die auch schauspielern könnte. Blond, treu, bieder, rein, sich um Familie, also ganz viele Kinder, Ehemann, Haushalt, opferbereit und unablässig kümmernd, nie klagend, nie jammernd und schon gar nicht eigene Gedanken habend.

    Die gab es und die gab es haufenweise. Als Gegenbild dazu dann die sabbelige Zicke Gisela Schlüter, die altjüngferliche Ursula Herking oder die nervig-witzige Grethe Weiser. Aber interessanterweise gab es auch die anderen, die eigentlich so gar nicht ins nationalsozialistische Weltbild passten und die ständig einem immer weiblicher werdenden Publikum (die Männer waren ja irgendwann vermehrt an der Front) ja auch vorgeführt wurden.

    Ilse Werner, Sybille Schmitz, Marianne Hoppe, Olga Tschechowa, Zarah Leander, Brigitte Horney und manche andere, alles keine Rollenvorbilder für das züchtige Nazi-Ideal und trotzdem 'Stars' im Kino der Zeit. Allesamt starke, selbstbewusste Frauen und so wurden sie auch präsentiert, so wurden sie verkauft und an 'die' zuschauende Frau gebracht, was auch immer sich Goebbels und die Reichsfilmkammer dabei gedacht haben. Natürlich gibt es Begründungen für jede einzelne unter ihnen, aber die decken immer nur einen Teil ab. Auch hier wieder einmal die Inkonsequenz innerhalb eines vordergründig strengstens geregelten Systems.

    Dass der diese Frauen dann umgebende Film ihnen oftmals nicht vollständig gerecht wurde, liegt aber eher an der Provinzialität des damaligen Filmschaffens oder vielleicht auch an einer letztlich unbewussten Furcht vor zu viel 'Frau' (was dann wiederum geradezu systemtypisch wäre). Es gab halt diese Frauentypen, sie wurden zugelassen, sie wurden gefördert und bejubelt, aber so richtig umgehen konnte der deutsche Film mit ihnen eben oftmals nicht. Was aber auch nicht bedeutet, dass diese starken Frauen in ihren Filmen immer zum Scheitern verurteilt gewesen wären. Ganz im Gegenteil, ihnen lachte oftmals sogar das abschließende Filmglück. Bei Marika Rökk in ihrer Doppelrolle in 'Kora Terry' ist es eindeutig. Die selbstbewusste Femme-fatale-Schwester muss sterben und das 'Heimchen am Herd' bekommt den Mann und den Erfolg. So gehörte es sich im nationalsozialistischen Propagandaalltag. Das galt aber nicht unbedingt für die oben genannten. Wenn diese scheiterten, dann weil das Leben, das sie selber gewählt hatten, ihnen so mitspielte, nicht weil sie aus ihrer angedachten Rolle ausbrachen.

    Der deutsche Nazi-Film, der fast immer auch ein Propagandainstrument war, war nie so eindeutig, wie er sich, oberflächlich betrachtet, darstellt, sondern durchaus widersprüchlich, was ihn aber noch lange nicht zu einem Hort des Widerspruchs macht. Überhaupt nicht! Die Widersprüchlichkeit wurde von 'Oben' zugelassen, warum auch immer. Nur sie gab es und das nicht nur was 'starke' Frauen angeht.

    :wink:Wolfram

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  • 1944 fanden sich viele Künstler und von daher auch viele Filmschaffende auf der berühmt-berüchtigten 'Gottbegnadeten-Liste' wieder, einer Aufstellung, die viele für das Regime als unabkömmlich klassifizierte und die daher, z.B. die männlichen Aufgelisteten (willkommenderweise) vom Wehrdienst befreite, die weiblichen von Arbeit in der Kriegsindustrie. Nun sollte man meinen, dass sich dort lauter 'stramme Nazis' finden, aber weit gefehlt. Die gab es natürlich auch, logischerweise, aber dazu Schauspieler, die relativ offen ihre Opposition zum Regime bekannten wie Hans Albers, Homosexuelle wie Hubert von Meyerinck, Hans Brausewetter oder Wilhelm Bendow, bisexuelle Frauen wie Marianne Hoppe, politisch Zweifelhafte wie Paul Hörbiger oder 'jüdisch-versippte' respektive mit einer Jüdin verheiratete Künstler wie Hans Moser.

    Ein interessanter Zug dieses Regimes, vielleicht auch ein perverser, war halt, dass es im Sinne der Nazi-Ideologie zweifelhafte Künstler nicht nur weiter beschäftigte, teilweise auch hofierte, sondern sogar auf diese 'Ehrenliste' setzte. Dass man sie (und dies manchmal unter 'Qualen') in Filmen einsetzte, war ja eine Sache, dass sie aber auf diese Liste kamen, durchaus eine andere. Für die aufgelisteten Künstler bedeutete das zunächst eine zusätzliche Sicherheit (und wehe, wenn man sich als Etablierter dort nicht wiederfand). Das Regime hingegen zeigte sich einmal mehr 'marktanfällig', wo es doch eigentlich, mindestens in diesem Endzeitstadium, seine eigene Ideologie hätte massiv verteidigen müssen. Das tat es aber nicht, sondern regierte, eben auch im Filmbereich, immer wieder nach Gutdünken, was die Situation für die Filmschaffenden nicht unbedingt erleichterte. Man wusste nie, woran man war, wie weit man gehen durfte, was noch eben durchging. Welche Vorlieben hatte der 'Herr Minister', wie war er gelaunt, welchen Zwist gab es z.B. gerade wieder zwischen ihm und Hermann Göring? Die Taktiker unter den Filmleuten waren oftmals im Vorteil, aber auch sie verrechneten sich hin und wieder. Andere kamen eh unter die Räder, was auch für manche (oder viele) gutaussehende Schauspielerinnen galt, auf die ein (sein) Auge fiel.

    Aber auch hier gilt, dass niemand zum Filmen gezwungen wurde. Da in der Regel die deutschen Filmschauspieler/-innen dieser Zeit vom Theater kamen, besaßen sie dort ein eigentliches Standbein und unterstanden v.a. dem Regime von Hermann Göring. Dass war auch nicht gerade schön, aber mit dem selbstherrlichen Marschall konnte man manchmal doch noch besser auskommen, als mit dem 'Bock von Babelsberg', v.a. wenn der eigene Intendant gute Kontakte besaß. Nein, in der Regel war klar oder sollte es gewesen sein, was auf einen zukommen kann, wenn man sich in die Hände der UFA, der Tobis oder Terra begab. Druck, Zwang, Fragen der Moral oder existenzielle Ängste einerseits, Ruhm, Popularität, dass Dasein eines Filmstars andererseits - mindestens Filmschauspieler, männlich wie weiblich, hatten abzuwägen. Und wer sich in diesen Abgrund begab, aus welchen Gründen auch immer, hat mitgeheult mit den Wölfen, egal wie er/sie zu diesem Regime stand. Sie hätten anders wählen können.

    Aber wie leicht lässt sich das heutzutage sagen.

    :wink:Wolfram

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    Einmal editiert, zuletzt von Wolfram (20. März 2023 um 21:02)

  • Ich habe nun den 'Münchhausen' noch einmal in der annähernd wieder hergestellten Premierenfassung inklusive der lange als verschollen gegoltenen kurzen Opernhausszene gesehen.

    Ich muss sagen, ich finde an der Szene nichts unbedingt Anstößiges oder politisch so Herausforderndes, dass es diesen Schnitt rechtfertigen würde, was übrigens auch die Murnau-Stiftung so feststellt. Man wisse eben nicht warum.

    Der Vorhang im Theater öffnet sich verfrüht und der ständig um die Operndiva herumscharwenzelte Herzog liegt mit ihr auf dem Bühnenbett, so dass sein Verhältnis allen offenbar wird, was dann zu entsprechendem Gelächter beim Publikum führt. Natürlich kann man Parallelen zu der damals bereits einige Jahre zurückliegenden, aber sicherlich immer noch sehr bewussten Beziehung zwischen Goebbels und Lída Baarová ziehen, aber vielleicht ist das dann doch zu weit hergeholt.

    Die Frage ist auch, ob Kästner als Drehbuchautor sich solch eine Offenheit getraut hätte. Im Film finden sich immer mal wieder Spitzen gegen Regime und Politik, aber die sind teilweise schon sehr versteckt. Kästner musste halt verdammt aufpassen. Er hatte das Drehbuch vorher eingereicht, Goebbels gefiel es (inklusive der Opernszene), aber trotzdem war seine Position nicht gesichert. Nicht einmal sein Pseudonym durfte im Vorspann genannt werden und trotz des Placets von ganz oben wurde ihm behördenseits noch einmal die Mitarbeit verboten. Was dann wiederum Goebbels auf den Plan rief. Also, gesichert war er nicht und ob er seinen einzigen 'Fürsprecher' derart verprellt hätte, ich bin mir da nicht sicher.

    In der wenige Monate nach der Premiere in Umlauf gebrachten Version sind übrigens viele Einstellungen gekürzt, um den Film wohl mehr Tempo zu verleihen. Möglicherweise fiel deshalb diese Szene auch der Schere zum Opfer. 'Münchhausen' war ja extrem teuer und aufwendig, musste also sein Geld wieder einspielen, war aber nicht sofort ein Kassenhit.

    Jedenfalls ist 'Münchhausen', der große Jubiläumsfilm der UFA, immer noch ein, auch tricktechnisch, beeindruckender, unterhaltsamer Film, den man sich sehr gut anschauen kann, ohne dass man Angst haben muss, ständig von unterschwelliger Propaganda belästigt zu werden. Man schüttelt nur den Kopf bei der hemmungslosen Verschwendung in Kostüm und Dekor, während draußen schon die Bomber flogen und viele Dinge bereits rationiert waren. Aber dieses Kopfschütteln stellt sich ja bei vielen Filmen (und nicht nur da) ein.

    :wink:Wolfram

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  • Eine ganz andere Nummer ist übrigens dieser Film:

    Elf Kumpel aus dem Ruhrpott erringen die deutsche Fußballmeisterschaft.

    Der deutsche Film dieser Jahre war wirklich nicht einheitlich. Es gab:

    1- die reinen Unterhaltungsfilme (die einer gewissen Durchhaltepropaganda natürlich auch dienten)

    2- die, die versteckte Kritik enthielten

    3- die Filme, die unterschwellig eine Ideologie verbreiteten

    4- die, die dazu noch Gegenwart (Hitlergruß etc.) zeigten

    5- Durchhaltefilme

    6- reine Propagandastreifen

    7- Kriegsverherrlichungsfilme

    Und sicherlich noch andere Kategorien. 'Das große Spiel' deckt dabei die Kategorien 3 und 4 ab. Mehr oder weniger alle tragen das Parteiabzeichen am Revers, der Hitlergruß ist völlig normal, an den Wänden hängen Hitler-Fotos, die Jungs sehen alle aus wie frisch von der HJ (ohne Uniform) und ein Mädchen erinnert sofort an den BDM.

    Dazu kommt dann die 'unterschwellige' Ideologie. Wir halten zusammen, gemeinsam sind wir stark, egal wie verletzt jemand ist, man überwindet sich und seine Qualen, geht es doch um das große Ganze, das alle erreichen wollen. Das mag sogar für einen Mannschaftssport gelten, aber 1942 stand das auch noch für ein anderes Thema. Hinzu kommen die Frauen (in dieser Männerwelt). René Deltgen schwankt zwischen Maria Andergast (anständig, liebend, kinderfreundlich) und Hilde Jansen (jung, widerborstig, über Nacht nicht immer nach Hause zurückkehrend, auf den Vater nicht hörend, ein wenig flittchenhaft). Natürlich entscheidet er sich für den Anstand, für die im nationalsozialistischen Sinne Positive, während Hilde Jansen einen Lernprozess durchmachen muss und dafür mit dem 'Zweitbesten' belohnt wird.

    Der Regisseur Robert A. Stemmle war auch als Drehbuchautor erfolgreich und wohl auch sehr wandlungsfähig. So stammt das Buch zu 'Die Affäre Blum' von 1948, einem der bedeutendsten Defa-Filme, von ihm, ebenso wie 'Der Mann, der Sherlock Holmes war' (1937), 'Quax, der Bruchpilot' (1941) oder 'Old Shatterhand' (1964). Ja, die Kontinuitäten vor und nach 1945 und in Ost und West. Kein Einzelfall, aber noch einmal ein anderes Thema.

    Hier ist er jedenfalls ganz auf Linie. Und die gezeigte 'Normalität' des Nazi-Alltags macht die unterschwellige Ideologie natürlich noch einmal perfider. (Der Film ist heute übrigens ab 6 Jahren zugelassen.) Inwieweit das alles verfangen hat, ist allerdings eine andere Frage. Der Film war ein großer Kassenerfolg, ob aber wegen der Nazi-Themen oder wegen der Fußballthemen und -szenen sei einmal dahingestellt. Am Ende verwandelt sich jedenfalls 'Das große Spiel' auch noch von Schwarzweiß in einen prächtigen Agfa-Color-Streifen mit prominenter Beteiligung: Sepp Herberger, Max Schmeling, Sportreporter Rolf Wernicke tauchen auf und Fritz Walter kickt auf dem Rasen.

    Nein, man muss den Film wirklich nicht mehr sehen. Interessant ist er eigentlich nur als 'normaler' Propagandastreifen, eine Mittelstellung einnehmend zwischen Unterhaltung (Feuerzangenbowle) und 'Hardcore' (Jud Süß).

    :wink:Wolfram

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  • Zwei weitere Filme von Helmut Käutner:

    - Romanze in Moll (Hoppe, Marian, Dahlke - 1943)

    - Unter den Brücken (Schroth, Raddatz, Knuth - 1944/45, UA 1946)

    Film als Propagandainstrument - erwünscht, gefördert/gefordert, ja, das ganze Filmsystem darauf ausgerichtet. Das verlangte Unterordnung und Einordnung in das System, Befolgung der Vorgaben, wie auch immer der Einzelne darüber gedacht hat, das bedeutete Mitspielen, Mund halten, Karriereförderung, Ruhm und Glanz, mindestens jedoch Arbeit und Verdienst, Sicherheit, wirtschaftlich wie politisch.

    Es gab aber auch die großen Individualisten, die für eine Zeit innerhalb des Systems ganz eigene Werke schufen, wie z.B. Reinhold Schünzel oder Detlef Sirk (Douglas Sirk), die aber bezeichnenderweise dann doch gingen und versuchten, in Hollywood ihr Glück zu machen.

    Und es gab jemand wie Helmut Käutner, der mindestens mit drei Filmen (zu den oben genannten kommt natürlich noch 'Große Freiheit Nr. 7' hinzu) sich zwar des Studiosystems bediente, das politische aber radikal unterlief und in Frage stellte.

    Über die 'Große Freiheit' habe ich ja schon geschrieben und ähnlich sieht es mit den anderen beiden Filmen auch aus. Käutner verweigert seinen Geschichte jede Möglichkeit, sie im Sinne einer nationalsozialistischen Gesellschaftsideologie umzudeuten. Es sind rein private Geschehnisse, die nicht nur Inseln des Rückzugs bilden in einer Zeit, in der es das eigentlich nicht geben durfte, sondern die das Private als das Eigentliche feiern und damit geradezu ideologiezerstörend sind. Der Mensch und nur der Mensch steht im Mittelpunkt, eine wie auch immer geartete Idee wird so konsequent abgelehnt, dass sie nicht einmal als erwähnenswert erscheint. Das ist solch eine radikale Verweigerung, solch ein absolutes Negieren des Gewollten, dass die Gegenseite natürlich nur mit Verboten und Zensureingriffen antworten konnte.

    'Romanze in Moll' wurde zunächst nur für Vorführungen außerhalb des Reiches erlaubt, erst auf vielfältigen Protest hin lief der Film auch in Deutschland.

    Bei 'Große Freiheit Nr. 7', gab es Zensureingriffe, aber letztlich fand die UA in Prag statt und nur einige Kopien wurden für die Truppenbetreuung zugelassen.

    'Unter den Brücken' kam dann für eine Kinoauswertung eh zu spät, so dass die UA erst nach dem Krieg in Locarno stattfand.

    Schaut man sich die Filme heute an, so wundert man sich geradezu, dass so etwas in der nationalsozialistischen Filmlandschaft möglich war und zwar, dass die Drehbücher überhaupt abgenommen wurden, dass Käutner immer wieder die Möglichkeit zum Drehen bekam (man wusste schließlich, auf was man sich mit ihm einließ), v.a. aber dass in der scheinbar so streng geregelten und überwachten Filmindustrie solche individuellen Meisterwerke entstehen konnten, die wirklich keinen Vergleich mit anderen Produktionen des 'Weltkinos' der damaligen Zeit zu scheuen brauchen.

    'Unter den Brücken' liegt in verschiedenen Ausgaben vor, u.a. als Bluray von der Murnau-Stiftung. Bei 'Romanze in Moll' sieht es leider anders aus. Es gab den Film als VHS und später auch auf DVD, da zusammen mit 'Auf Wiedersehen, Franziska'. Diese ist allerdings vergriffen und so findet er sich nur in der Jubiläumsbox der Murnau-Stiftung, die es aber bislang nicht geschafft hat, dieses wirklich herausragende Meisterwerk des deutschen Films einzeln vorzulegen. Eigentlich beschämend.

    Vom Stil, von der atmosphärischen Dichte, vom Inhalt wie von den schauspielerischen Leistungen her sind beide Filme (und die 'Große Freiheit' sowieso) ein absolutes Muss!!! Das ist großes, eigentlich internationales Kino, das ist mit das beste, was je in Deutschland produziert wurde.

    Kurosawa, Mizoguchi und Ozu drehen bereits im faschistischen Japan und werden dann zu bedeutenden Vertretern des Weltkinos. Für Visconti, Rosselini und de Sica gilt das genauso. Anfänge in einer faschistischen Diktatur und dann die großen internationalen Leistungen. Käutner hingegen, der ähnlich startet, versandet im bundesdeutschen Kinoalltag, versucht sich immer noch einmal an ambitionierten Werken, dreht auch noch gute, bedeutende Filme (vor allem im Vergleich zu anderen heimischen Produkten), aber zu 'Weltruhm' hat er es nicht gebracht. Und er hätte das Zeug dafür gehabt. Schade, aber die Dinge lagen wohl anders. Jedenfalls brachte er das deutsche Kino ausgerechnet in dieser Zeit noch einmal zu einer ungeahnten und eigentlich viel zu wenig beachteten Größe, bis dann eine langanhaltende Talsohle begann.

    :wink:Wolfram

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  • Mich wundert es, dass der letzte große Propaganda-Film "Kolberg" hier noch nicht erwähnt wurde.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kolberg_(Film)

    Er wurde von Veit Harlan inszeniert, der sowohl das Drehbuch schrieb, als auch Regie führte. Er war der teuerste Film, den die Nazis drehten, und auch der aufwändigste Film, da tatsächlich von der Front Soldaten abgezogen wurden, um am Film mitzuwirken. Der Film wurde 1943-1944 gedreht und kam 30.01.1945 in die Kinos (der 12.Jahrestag der Machtergreifung der Nazis). Der Film wurde natürlich von Goebbels in Auftrag gegeben.

    Heinrich George spielte die wichtigste Hauptrolle, gedreht wurde in der Filmstadt Babelsberg, Außenaufnahmen entstanden in Kolberg, Königsberg, Berlin und Umgebung. Zu dieser Zeit ein sehr gefährliches Unterfangen, weil die Alliierten die Luftmacht hatten.

    Wie groß der Film als Propaganda-Streifen war, macht deutlich, dass Goebbels verboten hatte, die Eroberung Kolbergs (18.03.1945 durch die Russen) im Wehrmachtsbericht zu erwähnen.

    Der Film wurde zuerst im eingeschlossenen U-Boot-Hafen La Rochelle und Tauentzienpalast in Berlin gezeigt. Die HJ, Wehrmacht und SS zeigte den Film ihren Rekruten, bevor sie in die Schlachten zogen (bei der HJ war es noch die "Jugendfilmstunde". Klingt nicht so mächtig, war im Grunde aber auch nichts Anderes, als sie auf den Kampf vorzubereiten).

    Nach dem Kriege wurde der Film in allen Besatzungszonen verboten, 1965 am er neu in die Kinos Titel: "Kolberg-der 30.Januar 1945"). Der Film wurde allerdings sehr bald wieder abgesetzt, weil es einen großen Proteststurm gab.

    Arte zeigte am 22.03,1998 die Originalfassung des Films zu einem Themenabend über Heinrich George, anschließend gab es noch eine Doku zur Entstehung des Filmes. am 04.12.2007 wurde der Film dort erneut ausgestrahlt. Dieses Mal in der rekonstruierten Fassung (Themenabend "100 Jahre UFA"). Anschließend gab es eine neue Doku über 10 Minuten "Propaganda in Agfacolor".

    Der Film soll 8,8 Millionen Reichsmark gekostet haben. Es sollen angeblich 18 Divisionen Wehrmachts-Soldaten ( es sollen sich rund 187.000 Soldaten) und unzählige Pferde und Fuhrwerke mitgewirkt haben, und das zu einem Zeitpunkt, als es an der Ostfront mehr als nur krachte, und die Lage so ernst wie nie zuvor war. So viel zum Aufwand dieses Filmes, den das Volk nie gewollt oder besucht hatte. Heute würde man sagen, der Film ist gewaltig durchgefallen. Kein Wunder, denn wer hatte die Zeit (und Lust) damals sich im Kino diesen "Schwachsinn" anzuschauen.

    Wer sich den Film je angeschaut hat, wird sich selbst heute noch bewusst, was das damals für ein Kraftakt gewesen sein muss, ihn so umzusetzen, wie er letzten Endes eingespielt wurde. Mit Sicherheit mehrfach unterbrochen durch Flugzeuge der Alliierten, dem "Aufpeppen" der total ausgelaugten Soldaten, usw. Man kann den Film kaum schauen, ohne sich immer wieder bewusst zu werden, für was der Film gedreht wurde.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Mich wundert es, dass der letzte große Propaganda-Film "Kolberg" hier noch nicht erwähnt wurde.

    Ich habe eine alte Aufzeichnung von einer dieser ARTE-Sendungen und habe vor ein paar Tagen angefangen, mir den Film nochmal anzuschauen. Nach gut 10 Minuten habe ich ihn ausgestellt, weil er mir schlichtweg zum Halse raushing. Schon in der ersten Einstellung ziehen hunderte von Statisten durch die Straßen von Berlin (oder Kolberg - nicht ganz klar) und skandieren den von Körner abgewandelten Spruch: 'Nun Volk steh auf und Sturm brich los'. Danach versucht Gneisenau verzweifelt Friedrich Wilhelm III. zur Unterstützung dieses Volkswillens zu bewegen (Stichwort: Ein Volk, ein Reich...), immer wieder unterbrochen von den marschierenden Volksmassen. Eine dritte Szene zeigt dann Nettelbeck (Heinrich George), der genau dies auch in privater Runde fordert.

    Tja, und danach hatte ich genug. Es ist ein einziger Propaganda-Durchhaltefilm, der dies auch nicht mehr versucht, subtil zu verkaufen, was aufgrund der politischen Situation ja auch nicht mehr angebracht war. Nun musste man es dem Zuschauer richtig um die Ohren hauen, was es vorher auch gab, aber da war die Thematik noch eine andere. Jetzt 'drängte' halt die Zeit.

    Vom damaligen Sehen erinnere ich noch die wirkliche Imposanz der Massenszenen. Wenn es da bis in den fernen Hintergrund von Menschen wimmelt, dann sind die wirklich und nicht computeranimiert. Das ist schon beeindruckend und gleichzeitig völlig absurd. Wobei die Soldaten, die mitmachen mussten, sicherlich ganz dankbar waren, bewahrte die Drehzeit sie doch immerhin vor der Front.

    Aber beeindruckend oder nicht, man kann es nicht trennen von der Aussage und dem Wissen um die tagtägliche Situation damals und von daher ist der Film insgesamt ziemlich widerlich.

    Es sollen angeblich 18 Divisionen Wehrmachts-Soldaten ( es sollen sich rund 187.000 Soldaten) und unzählige Pferde und Fuhrwerke mitgewirkt haben

    Andere Quellen sprechen von gut 10.000 Statisten (Militärs und Zivilisten) natürlich plus allem, was noch dazugehört. Jedenfalls eine schier unvorstellbare Zahl, nicht nur in dieser Situation.

    Und er war in der Tat kein Erfolg. Wikipedia schreibt, dass bei einem Kino in Berlin, das über 1000 Plätze besaß, vormittags 91, nachmittags 204 Besucher anwesend waren, während 'Münchhausen' immer ausverkauft war. Die Menschen hatten wohl schlichtweg die Schnauze voll von diesen Parolen. Ablenkung war immer noch wichtig, aber vom Durchhalten wollte sie nichts mehr wissen.

    Man kann den Film kaum schauen, ohne sich immer wieder bewusst zu werden, für was der Film gedreht wurde.

    In der Tat. Selbst wenn man den Film von seiner Entstehungssituation im Kopf abkoppeln könnte, wäre das ein vergebliches Unterfangen, wird einem dieser Zweck quasi mit jedem Satz wieder eingetrichtert. Es ist halt ein Machwerk.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Ich finde den Film übrigens großartig, aber dies ausschließlich auf das Thema "Nationalsozialismus, Propaganda und Größenwahn". Dieser eine Film zeigt den ganzen Irrsinn von 12 Jahren Diktatur und Terror.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Das ständige Herummarschieren finde ich auch bei Wertow nicht so prickelnd, ist aber offenbar für die filmische Qualität irrelevant.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • für die filmische Qualität irrelevant

    Aber woran misst man die filmische Qualität? Natürlich nicht am Herummarschieren, das ist richtig, eher doch wohl in diesem Fall, ob der Film seine Absicht erreicht und welche filmischen Mittel er dafür wie eingesetzt hat.

    Da ich den Film nur wenige Minuten ausgehalten habe, kann ich zum zweiten Punkt nichts sagen. Aber die Absicht, den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu stärken, schlug ja wohl völlig fehl, wenn kaum noch jemand ihn sich angesehen hat oder hat ansehen können.

    Fragt sich allerdings, in welcher Situation solch ein Film überhaupt noch hätte funktionieren können. Von der Thematik her geht es ja um die Verteidigung bis zum 'allerletzten Mann' in schier auswegloser Lage. Bei den seit Jahren anhaltenden Bombenangriffen hätte sich jeder halbwegs vernünftige Verantwortliche sagen müssen, dass an diesem Punkt (schier oder meinetwegen auch scheinbar ausweglose Lage) die Infrastruktur so daniederliegen würde, dass ein großflächiger Einsatz des Films überhaupt nicht mehr möglich wäre. Andererseits wäre ein Einsatz nur ein Jahr früher, lange z.B. vor der Landung der Alliierten sinnlos gewesen, weil die Bevölkerung dann solch eine Endzeitstimmung überhaupt nicht verstanden hätte, sie dann durchaus kontraproduktiv im Sinne des Regimes gewesen wäre.

    Der Film war also eigentlich von Anfang an sinnlos und Goebbels hat sich mit ihm einmal mehr verrechnet. Interessant ist aber, wieso er schon 1943 die Order für diesen aufwendigen 'Monumentalfilm' gab. Nach Stalingrad scheint ihm da ja schon einiges geschwant zu haben.

    :wink:Wolfram

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  • Übrigens scheint der Herr Minister, was den deutschen Film anging, häufiger daneben gelegen zu haben. Man kann relativ leicht Propagandafilme planen und drehen lassen, aber bei der Wirkung auf die Bevölkerung liegt man eben nicht immer richtig. Prominentes Beispiel dafür ist das widerliche Machwerk 'Der ewige Jude', der die Bevölkerung auf die sogenannte 'Endlösung' einstimmen sollte, aber keinen Erfolg beim Publikum hatte. Nach einigen Berichten gab es sogar Mitleidsbekundungen von Zuschauern, was ja nun wirklich nicht im Sinne des Erfinders war.

    In der Regel wurden Propagandainhalte mehr oder weniger geschickt verpackt. Da bestand dann immer die Gefahr, dass Menschen es entweder gar nicht merkten oder die Inhalte falsch interpretierten. Und es gab die Widersprüchlichkeiten, wie z.B. in 'Kora Terry' (Georg Jacoby - 1940)

    Marika Rökk in der Doppelrolle der Schwestern Kora (das fiese Luder, sich mit Männern einlassend und halbnackt mit einer Schlange tanzend) und Mara Terry (das reine, anständige, brave Sinnbild einer deutschen Frau, leidend, ertragend und sich dann noch um fremde Kinder kümmernd). Im Sinne des Regimes konnte nur Mara die Heldin sein und ihr wird dann auch das Happy End zugewiesen. Nur hieß der Film 'Kora' und nicht 'Mara Terry' und genau dieser wird eben ein Großteil der filmischen Aufmerksamkeit gewidmet. Zudem kann man sich vorstellen, wen das Publikum ansprechender fand: die halbnackte Kora oder die sterbenslangweilige Mara. Und das in einem Film von Georg Jacoby, der nicht unbedingt für Spitzen gegen das Regime bekannt war, als Parteimitglied eher für's Gegenteil. Und das trotz permanenter Überwachung durch die Parteizensur.

    Es gibt überhaupt eine ganze Reihe von Filmen, die weder von der Ausführung noch von den Schauspielern oder Regisseuren her das Wohlgefallen des Propagandaministers hätten haben dürfen, die aber trotzdem gezeigt wurden. Meistens, weil sie erfolgreich waren, also Kasse machten, was für die Nazis ein ganz wichtiger Punkt war. Und manchmal ging die Duldung sogar sehr, sehr weit.

    Gustav Fröhlich (der junge Liebhaber aus 'Metropolis') war zu Beginn der Nazi-Zeit mit der 'jüdischstämmigen' Gitta Alpár verheiratet, von der sich sich 1935 scheiden ließ (sie war da bereits im sicheren Exil), um Karriere zu machen. Später lernte er dann Lída Baarová kennen, beide begannen eine Beziehung, bis diese um 1938 herum dann zu Joseph Goebbels rüberwechselte. Als gehörnter Lover soll Gustav Fröhlich den Minister sogar geohrfeigt haben, höchstwahrscheinlich ein Gerücht, was aber die 'dankbaren' Berliner zu dem Spruch animierte: 'Ich würd' so gern mal F/fröhlich sein.'. Jedenfalls konnte Fröhlich bis zum Ende des Krieges noch in mehr als zwanzig Filmen auftreten , jeweils mit Erlaubnis von Goebbels und wurde von ihm persönlich auf die 'Gottbegnadetenliste' gesetzt. Kasse ging auch in diesem Fall vor Ideologie (und vor persönlicher Animosität).

    Einmal mehr, selbst eine so brutal strikte und vermeintlich wohl durchorganisierte Diktatur wie es das Dritte Reich war, erschien im Alltag oftmals ganz anders und war es auch. Man musste nur die Kniffe kennen (und auch den Mut dazuhaben, sie anzuwenden), um durchzukommen. Im Filmbereich hatten das durchaus Einige, ganz viele hatten es aber auch nicht, aus unterschiedlichsten Gründen. Was aber bedeutet, dass es sich schon lohnt, viele Filme einfach mal abzuklopfen, was wirklich hinter ihnen steckt, inwieweit Propaganda dort erfolgreich war oder vielleicht auch ganz anders gelesen werden kann.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Einmal mehr, selbst eine so brutal strikte und vermeintlich wohl durchorganisierte Diktatur wie es das Dritte Reich war, erschien im Alltag oftmals ganz anders und war es auch. Man musste nur die Kniffe kennen (und auch den Mut dazuhaben, sie anzuwenden), um durchzukommen. Im Filmbereich hatten das durchaus Einige, ganz viele hatten es aber auch nicht, aus unterschiedlichsten Gründen. Was aber bedeutet, dass es sich schon lohnt, viele Filme einfach mal abzuklopfen, was wirklich hinter ihnen steckt, inwieweit Propaganda dort erfolgreich war oder vielleicht auch ganz anders gelesen werden kann.

    :wink:Wolfram

    Genau das ist ja etwa der Punkt beim „Münchhausen“. Man möchte meinen, der Jubiläums- und Repräsentationsfilm der UFA sei harmlose Komödie und Effektstück. Aber dann wird unverkennbar der „Bock von Babelsberg“ verhöhnt, dem Länderjongleur und Machtmenschen Cagliostro ins Gesicht widersprochen, die Herrscherin Russlands positiv dargestellt, die Willkür und Gewalttätigkeit der Inquisition thematisiert und als melancholische Quintessenz dem Jugendwahn und Vitalismus eine Absage erteilt, da der Held aus Liebe zu seiner Frau alt werden und mit ihr sterben will… Muss man auch durchziehen.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Das ist ja alles richtig, was du schreibst, aber

    unverkennbar

    ist es nicht unbedingt. Es kann so sein und viele Menschen werden es auch so verstanden haben. Aber es gibt z.B. eine Großaufnahme von Ferdinand Marian als Cagliostro, die könnte direkt aus 'Jud Süß' stammend und wurde mit Sicherheit von einigen auch so gesehen, erinnert, interpretiert. Also manch eine Stelle konnte so oder so gesehen werden.

    Aber gerade die Uneindeutigkeit ist ja das Frappierende. Wieso ging das alles durch und dann noch in dem Jubiläumsfilm? Man sollte doch davon ausgehen, dass bei dieser permanenten Kontrolle nichts durchgegangen wäre, was irgendwie das Regime hätte schlecht dastehen lassen können. Und trotzdem ist das immer wieder passiert. Propaganda ist dann doch wohl nicht so leicht zu handhaben, wie Goebbels sich das vorstellte. Vielleicht kam es auch vor, dass er solche Drehbücher, wie von Kästner vorgelegt, immer durch seine 'Brille' las, das Publikum dann aber oftmals eine ganz andere aufhatte, die er, in seiner Verblendung, nicht bedacht hatte.

    :wink:Wolfram

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  • Ja, durch die Besetzung mit Marian (der übrigens nach dem „Jud Süß“ auch jede Menge Liebesbriefe bekam…) hat der Cagliostro auch eine Deutungsebene in Richtung auf einen der „Weisen von Zion“. Aber auch in dem Fall ist das Verhalten des Helden mit seiner Begeisterung für Abenteuerlust, Individualität und Liebe nichts, was einem auf Kollektivismus abzielenden Regime schmecken könnte…

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  • Es ist nicht nur die Besetzung mit Marian, es ist v.a. diese eine Groß-, nein eher Nahaufnahme, die völlig aus dem filmischen Zusammenhang der Szene heraussticht, die sofort Assoziationen weckt und die Münchhausen, egal was er sonst vertritt, einen ganz anderen Stellenwert verleiht: der deutsche Held, der einsam gegen das (jüdische) Böse kämpft.

    Das ist nicht Kästner, das ist eher Baky als Regisseur und vielleicht nicht einmal er, möglicherweise gab es da einfach 'freundliche' Hinweise von oben, so etwas einzubauen. Jedenfalls ist es da, fällt auf und kann so gelesen werden. Kann aber auch im Gesamtzusammenhang untergehen - das war ja gerade die Schwierigkeit, dass eine eindeutige Reaktion beim Publikum nicht vorhersehbar war

    Übrigens gilt das nur für diese eine Szene (erste Begegnung), nachher ist das Verhältnis Münchhausen - Cagliostro ja ein ganz anderes.

    :wink:Wolfram

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  • die Besetzung mit Marian (der übrigens nach dem „Jud Süß“ auch jede Menge Liebesbriefe bekam…)

    Und auch da weiß man nicht, warum er diese Menge an Zuwendung bekam. Ich erinnere mich, dass meine Mutter immer sehr von ihm schwärmte, sie hat 'Jud Süß' allerdings nie gesehen. Er war halt Frauenschwarm und aufgrund seiner 'Jud Süß' - Rolle dort entsprechend prominent im Vordergrund. Manch eine wird trotzdem nur seine Großaufnahmen angehimmelt haben, stramme Nazissinnen ihn natürlich aber auch wegen seiner 'großartigen' Doppelleistung als Schauspieler/Mann und als Propagandainstrument.

    :wink:Wolfram

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  • Einer der Punkte, in denen der „Jud Süß“ im Sinne Goebbels‘ komplett in die Binsen ging. Ein Gutteil der Zuschauerinnen hätte mit Begeisterung mit Marian Rassenschande betrieben und den biederen Malte Jaeger links liegen gelassen.

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