Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras

  • Man muss nicht einmal selbst diskriminiert worden sein. Im Holocaust wurden dutzende meiner Verwandten ermordet. Als in 1978 Geborener habe ich kein einziges dieser Familienmitglieder gekannt. Aufgrund der zweiten Heirat meines Großvaters mit einer Katholikin, meiner Großmutter mütterlicherseits, bin ich auch kein Jude und habe nie Diskriminierung erfahren. Trotzdem gibt es in meiner Familie ein Trauma, das über die Generationen weiterwirkt. Meine Frau und ich wollten uns einmal einen Film über den Holocaust anschauen. Gleich in der ersten Szene wurden alte Juden gequält und gedemütigt. Ich habe geweint und geschrien und musste sofort abschalten. Hätte man mich gezwungen, den Film weiter anzusehen, hätte ich wohl zu randalieren begonnen. Deshalb kann ich es absolut verstehen, wenn Betroffene nicht gezwungen werden wollen, sich so etwas auszusetzen.

    Und wo setzt man dann zukünftig die Grenze?

    Liebe Grüße
    Jori :verbeugung2:

  • Zu den "Bücherverbrennungen": meines Wissens haben die Nazis unliebsame Bücher tatsächlich physisch verbrannt und nicht einfach deren Lektüre entpflichtet. Aber vielleicht kann mich hier jemand korrigieren?

    Nein, es war natürlich so. Der Autor des SZ-Artikles sieht in den Kürzungen und Veränderungen der aktuellen Literatur aber eine "Bücherverbrennung" im übertragenen Sinn. Und davon sind wir ja nicht weit entfernt.

    Ach so? Ernst nehmen muss man solch alarmistisches Geplapper aber nicht, oder? Fürchtet sich dieser Autor auch davor, bald vergast zu werden?

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • dennoch sei meinerseits daran erinnert, dass sehr viele Texte, die in der Schule gelesen werden, durch literaturwissenschaftliche Kommentare begleitet werden.

    Vielleicht braucht man das in Österreich 8o

    Aber Spaß beiseite. Du bist ja noch ein Küken.

    Möglicherweise liegt es daran.

    Bei mir ist es genau anders: Ich kenne überhaupt keine kommentierte Schullektüre, abgesehen von Vokabelhilfen in den Fremdsprachentexten. Die Kommentierung bzw. Besprechung erfolgt(e) immer im Unterricht mittels entsprechend aufbereitetem Material.

    Dito. Genau so war es bei mir auch. Ich bin allerdings auch um etliche Jährchen älter.

    Aber ich lebe in München und ging in München in die Schule. In Bayern sind Kommentare überflüssig. Grins1

    Wir haben die Sachen halt gelesen und dann darüber geredet.

    Vielleicht waren wir halt noch in der Lage, selber Ideen zu entwickeln und brauchten sie nicht vorgekaut zu bekommen.

    Trotzdem habe ich es überraschenderweise geschafft, ein naturwissenschaftliches Studium erfolgreich anzuschließen. Die Verfasser der Kommentare hatten also keinen Erfolg!

    Da bist Du halt die löbliche Ausnahme ;)

  • Ernst nehmen muss man solch alarmistisches Geplapper aber nicht, oder?

    Ich nehme das sehr wohl ernst. Nochmal: wenn Texte in Kinderbüchern geändert werden, sind wir nicht mehr weit davon weg.

    (Der Fettdruck im Zitat ist übrigens nicht von mir. Ich bitte doch sehr darum, das in Zukunft zu kennzeichnen.)

  • Ich erinnere mich an einen kurzen Artikel im Feuilleton der Zeit, lange, lange her, es muss in den 90iger Jahren gewesen sein. Darin wurde über öffentliche Bücherverbrennungen in einigen US-Staaten geschrieben. Das betraf u.a. 'Huckleberry Finn', weil dort häufiger das Wort 'Nigger' verwendet wird. 'Auswüchse' hat es also schon gegeben.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Na servas, wusste ich gar nicht - also offenbar kein "alarmistisches Geplapper".

    Persönliche Traumatisierungen und den Umgang damit hier zu besprechen verbietet sich jetzt natürlich.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Ernst nehmen muss man solch alarmistisches Geplapper aber nicht, oder?

    Ich nehme das sehr wohl ernst.

    (Der Fettdruck im Zitat ist übrigens nicht von mir. Ich bitte doch sehr darum, das in Zukunft zu kennzeichnen.)

    Es ist schon erheiternd, wie Du als eine eingefleischte Skeptikerin von Kommentaren in Schulliteratur, diesen Zeitungskommentar hier eifrig bewirbst! Offensichtlich darf man seine Meinung also sehr wohl vorgekaut bekommen - aber nur in der SZ!

    :D

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich erinnere mich an einen kurzen Artikel im Feuilleton der Zeit, lange, lange her, es muss in den 90iger Jahren gewesen sein. Darin wurde über öffentliche Bücherverbrennungen in einigen US-Staaten geschrieben. Das betraf u.a. 'Huckleberry Finn', weil dort häufiger das Wort 'Nigger' verwendet wird. 'Auswüchse' hat es also schon gegeben.

    :wink:Wolfram

    Dann muss man aber auch dazu sagen, dass erstens in den USA noch ein ganz anderer vergifteter Kulturkampf tobt als hier und wir uns hüten sollten, die dortigen Konfliktlinien und Parolen für unsere Gesellschaft zu übernehmen und dass zweitens durch Verbote und Verbrennungen dort gerade nicht so sehr die "woke" Fraktion auffällt, sondern diejenige, die den Untergang des Abendlandes darin sieht, dass Kinder in der Schule einen nackten Mann aus Stein sehen könnten: Man denke an die Geschichte rund um Michelangelos "David" im Schulunterricht vor ein paar Wochen.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Gute Kommentare können es dem Leser erleichtern, selber zu denken.

    Ein Kommentar versucht grundsätzlich, dem Leser zu sagen, was er denken soll.

    Woran erkennt der Leser, ob der Kommentar gut oder schlecht ist?

    Ein Kommentar versucht m. E. nicht, dem Leser zu sagen, was er denken soll.

    Ein Kommentar kann bspw. Hintergründe liefern, welche die bloße Lektüre nicht erschließt. Historischer Kontext, Biografie des Autors usw.

    Natürlich kann ein Kommentar auch interpretieren und tut das regelmäßig auch - doch niemand ist gezwungen, diese Interpretation unreflektiert zu übernehmen.

    Auch die Diskussion mit anderen tut ja nichts anders, vielleicht nicht so weitläufig ausformuliert. Man hört Beiträge anderer - niemand ist gezwungen, sich die anderen Diskussionsbeiträge zu eigen zu machen.

    Wenn überhaupt, dann würde ich meinen, dass der Autor des eigentlichen Textes versucht, dem Leser eine bestimmte Weltsicht mitzuteilen. Soll ich nun auf die Lektüre verzichten, weil ich Angst davor habe, diese Weltsicht unreflektiert zu übernehmen? Ich kann das Argument nicht gelten lassen.

    Ich meine vielmehr, der Versuch, sich alles ganz alleine, aus eigener Anschauung anzueigenen, wäre eine heillose Überforderung.

    Außerdem leben wir ja nicht geschichtsfrei. Wenn wir keinen weiteren Kommentar hinzunehmen, dann halt mit den Scheuklappen unserer Vorurteile, Prägungen. geistigen Kurzschlüsse usw. usw. Insofern kann ein Kommentar unsere eigene geistige Enge aufbrechen helfen.

    Und die Reduzierung eines Kommentars auf das Begriffspaar gut/schlecht greift m. E. viel zu kurz.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich erinnere mich an einen kurzen Artikel im Feuilleton der Zeit, lange, lange her, es muss in den 90iger Jahren gewesen sein. Darin wurde über öffentliche Bücherverbrennungen in einigen US-Staaten geschrieben. Das betraf u.a. 'Huckleberry Finn', weil dort häufiger das Wort 'Nigger' verwendet wird. 'Auswüchse' hat es also schon gegeben.

    :wink:Wolfram

    Als Privatperson kann man so viele Bücher verbrennen, wie man will. Ob es intelligent ist, ist natürlich eine andere Frage. In der NS-Zeit hat aber der Staat Bücher verbrannt. Ich hoffe, der Unterschied ist verständlich.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Also ich glaube kaum, dass es einen großen Unterschied macht, ob man als Schüler den Text mit vorhandenen Fußnoten liest oder nicht, weil man die Fußnoten eh wegläßt.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Also ich glaube kaum, dass es einen großen Unterschied macht, ob man als Schüler den Text mit vorhandenen Fußnoten liest oder nicht, weil man die Fußnoten eh wegläßt.

    Für gewöhnlich lässt man als Schüler auch den Text über den Fußnoten weg...

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Es ist schon erheiternd, wie Du als eine eingefleischte Skeptikerin von Kommentaren in Schulliteratur, diesen Zeitungskommentar hier eifrig bewirbst! Offensichtlich darf man seine Meinung also sehr wohl vorgekaut bekommen - aber nur in der SZ!

    :D

    Na, das ist doch schön, wenn ich Deinen Abend gerettet habe.

    Nur liegst Du leider völlig falsch. Es ist genau umgekehrt. ICH hatte diese Meinung schon viel länger. Und wenn man sie dann in einer Zeitung so kompetent bestätigt sieht, freut man sich natürlich.

    Und was die SZ im allgemeinen betrifft: gerade das Feuilleton liegt schon länger nicht mehr auf meiner Linie. Aber das habe ich hier ja schon desöfteren erwähnt.

  • Ich erinnere mich an einen kurzen Artikel im Feuilleton der Zeit, lange, lange her, es muss in den 90iger Jahren gewesen sein. Darin wurde über öffentliche Bücherverbrennungen in einigen US-Staaten geschrieben. Das betraf u.a. 'Huckleberry Finn', weil dort häufiger das Wort 'Nigger' verwendet wird. 'Auswüchse' hat es also schon gegeben.

    :wink:Wolfram

    Dann muss man aber auch dazu sagen, dass erstens in den USA noch ein ganz anderer vergifteter Kulturkampf tobt als hier und wir uns hüten sollten, die dortigen Konfliktlinien und Parolen für unsere Gesellschaft zu übernehmen und dass zweitens durch Verbote und Verbrennungen dort gerade nicht so sehr die "woke" Fraktion auffällt, sondern diejenige, die den Untergang des Abendlandes darin sieht, dass Kinder in der Schule einen nackten Mann aus Stein sehen könnten: Man denke an die Geschichte rund um Michelangelos "David" im Schulunterricht vor ein paar Wochen.

    Sehr richtige und wichtige Bemerkung! Ich habe dazu noch kaum Meinungsäußerungen gelesen, obwohl hier der Bundesstaat Florida gegen unliebsame Literatur vorgeht und nicht ein paar verirrte Privatpersonen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Also ich glaube kaum, dass es einen großen Unterschied macht, ob man als Schüler den Text mit vorhandenen Fußnoten liest oder nicht, weil man die Fußnoten eh wegläßt.

    Für gewöhnlich lässt man als Schüler auch den Text über den Fußnoten weg...

    Na geh, ich gaub, das ist doch eher die Ausnahme.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Dann muss man aber auch dazu sagen, dass erstens in den USA noch ein ganz anderer vergifteter Kulturkampf tobt als hier und wir uns hüten sollten, die dortigen Konfliktlinien und Parolen für unsere Gesellschaft zu übernehmen

    Das ist zunächst einmal richtig.

    und dass zweitens durch Verbote und Verbrennungen dort gerade nicht so sehr die "woke" Fraktion auffällt, sondern diejenige, die den Untergang des Abendlandes darin sieht, dass Kinder in der Schule einen nackten Mann aus Stein sehen könnten: Man denke an die Geschichte rund um Michelangelos "David" im Schulunterricht vor ein paar Wochen.

    Deshalb ist diese damalige Bücherverbrennung eben besonders bemerkenswert, weil es sich nicht um ultrarechte Kräfte handelte, wer genau es war, weiß ich allerdings nicht mehr.

    Die Geschichte rund um Michelangelo hat sich immerhin an einer Privatschule abgespielt. Ähnliches habe ich als Lehrer auch erfahren (eben auch mit dem David), da kam es dann allerdings aus einer religiösen Richtung und auch nicht von 'rechts'.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Also ich glaube kaum, dass es einen großen Unterschied macht, ob man als Schüler den Text mit vorhandenen Fußnoten liest oder nicht, weil man die Fußnoten eh wegläßt.

    Für gewöhnlich lässt man als Schüler auch den Text über den Fußnoten weg...

    :D

    Es ist erfrischend, dass uns hier ein Lehrer wieder ein wenig in die Realität zurückholt!

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich erinnere mich an einen kurzen Artikel im Feuilleton der Zeit, lange, lange her, es muss in den 90iger Jahren gewesen sein. Darin wurde über öffentliche Bücherverbrennungen in einigen US-Staaten geschrieben. Das betraf u.a. 'Huckleberry Finn', weil dort häufiger das Wort 'Nigger' verwendet wird. 'Auswüchse' hat es also schon gegeben.

    :wink:Wolfram

    Als Privatperson kann man so viele Bücher verbrennen, wie man will. Ob es intelligent ist, ist natürlich eine andere Frage. In der NS-Zeit hat aber der Staat Bücher verbrannt. Ich hoffe, der Unterschied ist verständlich.

    Steht da irgendetwas von "Privatpersonen"? Es steht da klar und deutlich: "öffentliche Bücherverbrennungen".

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