Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

  • Zu Baudelaire, genauer: zur Frage der Übersetzung französischer Gedichte ins Deutsche, habe ich eben diesen Thread eröffnet:

    Gurnemanz
    8. Juni 2023 um 15:21

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • ernst, düster, ja bedrohlich

    und für mich oft rätselhaft, geheimnisvoll, schwer greifbar

    ... und doch über weite Strecke sehr licht im Klang, eher materiearm-gewebeartig, gar nicht schwer oder lastend ...

    Ja, irgendwie magisch das Ganze. Raunend. Die wiederholten Rückungen der “Harmonien” evozieren eine umbrafarbene Atmosphäre. Weiß nicht, wie ich das anders sagen soll.

    Finde das Stück irgendwie insgesamt wenig konzertant. Das Cello bewegt sich eher suchend durch die Klangräume der fünf Sätze. Es geht da etwas, aber es geht nicht voran, es entwickelt sich nichts. Ich finds zauberhaft. Aber es macht keine gute Laune … ;)

    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Ich habe auch gezählt und mich gewundert. Bin gedanklich noch nicht durch. Zwischenstand: Das oben von Putto verlinkte Buch gibt Aufschluss (wenn man auf puttos link klickt, kann man eine sehr gute Darstellung des musikalischen Verlaufs lesen, leider passen die Taktangaben nicht zu den Zahlen im Video). Nicht der Anfang ist das Zwölftonthema, das ist eine Art Cellokadenz, sondern der Mittelteil des ersten Satzes wird von ihm und seinen Variationen geprägt (im Buch auf Seite 102 dargestellt, mit Noten). Der beginnende 3/8-Takt ist im YT-Video bei 2:57. Das erstmalige Auftreten des "großen melodischen Zwölftonthemas" bei 3:21 (glaube ich, ist recht vertrackt mit solch einem Video, offengestanden sehe ich nicht alle zwölf Noten, wohla aber das klangprägende Auf und Ab).

  • Ich habe auch gezählt und mich gewundert. Bin gedanklich noch nicht durch. Zwischenstand: Das oben von Putto verlinkte Buch gibt Aufschluss (wenn man auf puttos link klickt, kann man eine sehr gute Darstellung des musikalischen Verlaufs lesen, leider passen die Taktangaben nicht zu den Zahlen im Video). Nicht der Anfang ist das Zwölftonthema, das ist eine Art Cellokadenz, sondern der Mittelteil des ersten Satzes wird von ihm und seinen Variationen geprägt (im Buch auf Seite 102 dargestellt, mit Noten). Der beginnende 3/8-Takt ist im YT-Video bei 2:57. Das erstmalige Auftreten des "großen melodischen Zwölftonthemas" bei 3:21 (glaube ich, ist recht vertrackt mit solch einem Video, offengestanden sehe ich nicht alle zwölf Noten, wohla aber das klangprägende Auf und Ab).

    Ah, vielen Dank, das klärt das auf! Insbesondere ist das Thema nicht nur ein 12notiges, wie Wiki und Jameson vorsichtig schreiben, sondern tatsächlich ein 12-Ton-Thema.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ja, irgendwie magisch das Ganze. Raunend.

    So empfinde ich das auch. Aber eben flirrend-raunend. Das Dunkel ist licht.

    Mittlerweile habe ich verschiedene Aufnahmen gehört und finde alle gut. Das erstaunt mich und führt mich zur Frage, was die Qualität einer guten Einspielung dieses Werks ist. Bei einem genuinen Cellokonzert käme es in erster Linie auf die cellistischen Leistungen an. Hier finde ich das eher nebensächlich. Das Cello raunt sich, irrlichtert schwerfällig, gedankenverloren durch eine magische Traumwelt. Wichtiger als das Cellospiel als solches ist daher vielleicht die Integration des Celloklangs in den Gesamtklang und damit die Farbmischung verbunden mit dem Herausarbeiten dieses Changierens zwischen Dunkel und Hell.

  • Mittlerweile habe ich verschiedene Aufnahmen gehört und finde alle gut.

    Ich habe drei gehört, finde alle drei gut aber nicht gleichermaßen gut. Am wenigsten gefällt mir Rostropowitsch - das liegt aber an der Abmischung. Das Cello ist viel zu weit in den Vordergrund gemischt, das klingt völlig künstlich. Man hat das Gefühl, im Korpus des Cellos zu hocken und von dort aus die Musik zu hören.

    Am besten gefällt mir Queyras/Graf - die treffen die licht-raunende Magie am besten. In my ears.

    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

    Einmal editiert, zuletzt von Algabal (8. Juni 2023 um 20:51)

  • Mit all den Adjektiven, die hier bislang für den lang gefunden wurden, kann ich sehr etwas anfangen. Aber für mich ist da auch noch etwas Bedrohliches dabei. Immer wieder versucht sich das Cello aufzuschwingen, um dann abzustürzen, gestört, aufgeweckt zu werden.

    Schon der Beginn von 'Énigme' (und ich beziehe mich im Moment nur auf den ersten Teil) mit den beiden aufsteigenden Cello - Linien (hoffentlich der richtige Ausdruck), dem Haltenwollen und dann dem rasanten Abstieg, macht das für mich deutlich. Ähnliches wiederholt sich dann immer wieder mit dem Cello, das nicht zur Ruhe kommen kann, keinen musikalischen Halt findet. Zudem kommt zum Ende des 1. Teils noch diese flirrend, geisterhafte Stimmung hinzu.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Dann wird dich das Folgende freuen, Wolfram.

    Auf der Basis des verlinkten Buchs (das ich mir inzwischen bestellt habe), der Partitur sowie der verlinkten Aufnahme habe ich mit einer kleinen Skizze als persönlicher Hörhilfe begonnen, diese dann aber bald weiter ausgearbeitet, um sie hier allen zur Verfügung zu stelle. Diese Art ist viel zu zeitaufwändig, um sie für das gesamte Stück zu betreiben. Aber immerhin sind Einleitung und Segment 1 mit dem Thema (also bis zur Variation 1, ausschließlich) fertig geworden. Das genügt aber völlig, um zu erkennen, dass dieses Werk weit mehr enthält, als Klangfarbenspielerei.

    Ich habe das frei von der Leber weg geschrieben. Seht mir also bitte fehlende Wissenschaftlichkeit und vor allem meine Lust am Einstreuen von spekulativer Semantik nach. Für Korrektur von Fehlern (es sind sicher welche enthalten, bin ich dankbar).

    Jeweils in Klammern gebe ich die Zeit der YT-Aufnahme an.

    Vorab: Der erste Satz hat folgende Großform:

    1. Einleitung

    2. Segment I: „Vif“ mit Thema, Variationen 1, 2 und 3

    3. Segment I: Tres Vif

    4. Coda (erst schnell und „lontanissimo“), dann langsamer (lento).

    Nun also meine Erläuterung des musikalischen Geschehens.

    Die Einleitung beginnt mit einem sechstönigen Aufgang, einem kleinen Mittelteil und einem schnellen Absturz. Diese Grundfigur wird im Folgenden mehrfach aufgegriffen (teils nur in Teilen) und wäre m. E. missverstanden, würde man sie nur als lockeren Einstieg verstehen. Metaphorisch könnte man denken an den Versuch der Menschheit, sich fortzuentwickeln (Aufstieg), der nach kurzer Zeit scheppernd scheitert. Hier könnte eine Assoziation zu Baudelaires Blumen des Bösen hergestellt werden; das Böse ist das Scheitern. Beim zweiten Anlauf (0:30) ist der Mittelteil (das Erreichte) zwar länger (0:40), abermals folgt aber der Absturz. Nach einer (verzweifelten) Fermate ein hämischer Kommentar in Gestalt eines zweifachen Pizzicato-Abwärts.

    Der dritte Anlauf aber (1:02) gelingt. Dieses Mal kein Absturz. Im Gegenteil: Das Cello darf sich immer höher aufschwingen, auch im Pizzicato weiter aufwärts, ohne Häme. Mehr noch: Das Orchester tritt mit fünf homophonen Streicherakkorden hinzu, leise, aber es ist da und unterstützt. Die Cluster-Akkorde allerdings weiten sich und greifen immer weiter aus - die Gefahr des sich der Sonne nähernden Ikarus mag assoziiert werden – und enden in einem 17stimmigen (sic!) Zielakkord, eine Überlagerung von C-Dur und H-Dur (2:18). In der beschriebenen langen Hochebenen-Phase herrscht eine Fragilität vor, gespeist von dem Pianissimo der Streicher und vielen Flageolett-Tönen. Interessant in diesem Zusammenhang der folgende Hinweis aus dem Buch: „Dabei bildet die Diskantlinie des Akkordthemas einen Abschnitt aus dem zweiten Einsatz der Cellokadenz ab.“

    Bloß gibt es für diesen Turmbau (zu Babel) kein solides Fundament. Denn das Cello beendet seinen Aufstieg mit einem Fis, was zusammen mit dem grundierenden c keinen C-Dur-Akkord ergibt (dann wäre der Turm von Dauer), sondern einen Tritonus (böser geht’s nicht).

    Die Einleitung endet mit einem Cellosolo ad libitum (2:48).

    Der zweite Teil heißt „Vif“ (2:55). Das bedenkend atmen wir mit dem Erreichten sozusagen Luft von einem anderen Planeten. Bekräftigt wird die Neu- und Fremdheit mittel ungewöhnlicher Instrumentation und einer meines Erachten kompositorischen Genialität: Fünfmal hintereinander hören wir aufsteigende Glissandi (ab 3:02, in den Noten steht „quasi-glissando“): Bässe übergehend ins Solocello, Pauke übergehend ins Solocello und Bässe. Das Geniale: Die Bässe sind aufsteigend (und nehmen damit an der Metaphorik des Fortschrittgedankens teil), Anfangs- und Zielton bzw. Ankertöne sind aber wiederum c und fis. Und mühen sie sich noch so ab, heißt das, den Rahmen des Tritonus können sie nicht verlassen - ein Hamsterrad. Dies alles grundiert mit einer Klangfarbe zusammengemischt aus Solocello, Bongos und Pauken. Zum Niederknien!

    Im Folgenden baut das Cello allmählich das Zwölfton-Thema (iSv Schönberg) auf, das sich am Ende als sehr melodiös erweisen wird. Das beginnt mit einem fünffachen fis (3:09, Achtung fis, Achtung: fünf mal hintereinander: Jetzt kommt etwas Wichtiges), gefolgt von crescendiertem c, as, g etc. Die volle Reihe vereint das in meiner Erzählung metaphorisch aufgeladene Auf und Ab nach Art einer Welle (vielleicht iSv Yin und Yang). Weder das Aufwärts noch das Abwärts ist harmonisch betont, es gehört zusammen im Sinne einer einheitlichen Zwölfton-Melodie.

    Schlagartig melden die Bläser sich alarmsirenenhaft zu Wort. Das Zwölfton-Thema schweigt. Die Bläser greifen das Akkord-Thema der Streicher von vorhin auf. Waren die Streicher allerdings ppp., sind die Bläser derb und laut (3:28). Nicht nur das Akkord-Thema wird auf diese Weise vergrößert. Das Orchester spielt Welle um Welle unisono laute Haltenoten. Solocello und andere Streicher spielen Glissandi dagegen. Alles wächst ins Riesenhafte. Ein erneuter Turmbau zu Babel steht zu befürchten. Am Ende wieder ein Abstieg hin zum Fis, mit dem auch die erste Variation mit dem Zwölftonthema beginnen wird (3:49), das zuvor auffälligerweise einige Zeit geschwiegen hat.

    Übrigens: Das Buch, von dem alle sprechen, die Neuübersetzung der Gedichte, habe ich ebenfalls bestellt. Bin gespannt und freue mich auf den Austausch zu den Gedichten und den Bezügen zum Werk. Dazu von mir erst später etwas, will ich damit sagen.

  • Zunächst einmal großen Dank, lieber Knulp, für diesen sehr erhellenden Text. Ich antworte einfach schon einmal, bevor ich mit dem Parallelhören ganz durch bin, um das, was mir gerade einfält, nicht zu vergessen.

    Beim zweiten Anlauf (0:30) ist der Mittelteil (das Erreichte) zwar länger (0:40), abermals folgt aber der Absturz.

    Das ist ja kein reiner, direkter Absturz, sondern er wirkt ja durchaus ein wenig grotesk-ironisch (Vorzeichen!).

    Der dritte Anlauf aber (1:02) gelingt. Dieses Mal kein Absturz. Im Gegenteil: Das Cello darf sich immer höher aufschwingen, auch im Pizzicato weiter aufwärts, ohne Häme.

    Ohne Häme, aber es gibt weiterhin ein 'Grummeln' im Orchester. Ausruhen, sich sicher sein darf das Cello nicht. Auf mich wirken die Streicherakkorde von daher ganz anders.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Was mich ein wenig überrascht: Ich habe sogar vier Einspielungen gefunden. Zwei habe ich soeben gehört, die anderen beiden sollen später oder morgen noch an die Reihe kommen.

    Eigenartiger Effekt - beide Aufnahmen sind etwa gleich lang, beide dauern nicht ganz eine halbe Stunde. Mir ist der zweite Durchgang deutlich kürzer vorgekommen. Das liegt vielleicht schon auch daran, dass mir die zweite Einspielung etwas besser gefällt, aber es liegt auch daran, dass ich quasi hineingefunden habe in diese spezifische Klangwelt. An sich kein Problem, da ich schon etliche Stunden Dutilleux aufmerksam oder nicht so aufmerksam wahrgenommen habe.

    Das Cellokonzert stand mir bislang nicht so nahe - trotz der vielen Einspielungen, die es wohl gibt, und trotz der Tatsache, dass ich bis auf das viel kürzere Streichquartett und vielleicht auch die Klaviersonate von der anderen Musik nur eine oder zwei CDs kenne, wo sich die jeweilige Komposition findet - vielleicht sind es bei den Sinfonien auch drei, aber gerade die zweite Sinfonie habe ich weit über zehnmal mir zu Gemüte geführt. Ein Leckerbissen - vielleicht nicht für den profunderen Kenner?

    Oben habe ich angedeutet, dass mir das Violinkonzert - da müsste ich zwei Produktionen kennen - näher steht. Das mag noch immer so sein. Es ist das jüngere Werk, es hat diese ein wenig plakativere, ein wenig stärker kulinarische Komponente. Die Linie tritt weiter zurück zugunsten der Farbwerte, die ihrerseits mir effektvoller noch erscheinen. Besonders gilt das für die Métaboles oder die Shadows of Time.

    Meine Sicht bislang, nichts, was ich durch Sekundärinformation ernsthaft festnageln möchte. Sehr dankbar bin ich innerhalb dieses bereits prinzipiell aussagekräftigen Threads für die strukturellen Details, die Knulp eröffnet hat. Da will ich noch gezielter nachlesen - ob ich dann noch etwas beizutragen habe, weiß ich nicht.

    Schön sind auch die Links zu den Noten! Baudelaire finde ich in Gedichtanthologien - sogar auf Französisch mit Übertragungen! Gerne lese ich nach - mit Deutungen will ich aber niemandem - vor allem mir nicht - auf die Nerven fallen - das Lehrerdasein ist vorüber.

    Nun also noch kurz zum Cellokonzert, Teil eins der Sichtung.

    (1)

    oder unter anderem, aber nicht in meinem Besitz:

    (2)

    oder unter anderem, aber nicht in meinem Besitz:

    (1) Arto Noras - Finnisches Radio-Sinfonieorchester - Jukka-Pekka Saraste - 1992

    (2) Jean-Guihen Queyras - Orchestre National Bordeaux Aquitaine - Hans Graf - 2001

    Die ältere Einspielung ist wahrlich nicht schlecht, aber sie wird von der jüngeren ausgestochen. Das scheint mir daran zu liegen, dass die Aufnahmetechnik transparenter ist, dynamisch differenzierter, die Sonorität markanter und dadurch auch die Satz-Struktur plausibler wird. Die Satztitel sind poetische Blitzlichter - es erscheint mir mit Ausnahmen - wie den Shadows of Time - nicht übermäßig sinnvoll, Dutilleux naturalistisch zu deuten, er ist ein Symbolist in der Tradition des späten Debussy. Auch Jolivet ist mir beim Cellokonzert in den Sinn gekommen, Messiaen nicht. Die Detailverschiebungen im Atmosphärischen müssen aber wohl hörbar werden und das gelingt der neueren Einspielung ein wenig besser. Es mag sein, dass auch der Ton von Noras nicht an die Flexibilität und Variabilität von Queyras heranreicht.

    PS: An Doppelungen der Links im Thread bitte ich, sich nicht zu stören.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • (3) Mstislav Rostropowitsch - Orchestre de Paris - Serge Baudo - 1974

    Mein Cover - Doppel-CD mit Musik von Dutilleux bei EMI - finde ich auf die Schnelle nicht. Andere Ausgaben gibt es diverse. Hier ein Beispiel:

    Die Expressionisten Rostropowitsch und Baudo offerieren hier ihre glasklare Sicht. Noch nicht fern ist die Uraufführung; der Cellist war mit dem Komponisten befreundet. Es mag schon stimmen, dass man bisweilen dem Cello in den Bauch hört. Es stört mich insgesamt nicht, das Orchester wirkt auch des Öfteren herangezoomt. Die Farbigket der Komposition macht sich geltend, aber es ist kein sonderlich impressionistischer Duktus. Der Klang erscheint geschärft und pointiert, stets auf den Punkt gebracht quasi. So entsteht auch strukturelle Schärfe, in den beiden anderen Einspielungen oben wirken die Satz-Übergänge milder. Wieder ist mir im Finalsatz dieser beinahe jazzoide Tonfall eines Jolivet aufgefallen, doch diesmal treten die Pizzicati des Solisten hervor. Ob ich diese Lesart mag, weiß ich nicht recht, doch beeindruckt hat mich die älteste meiner Einspielungen allenthalben.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • (4) Anssi Karttunen - Orchestre Philharmonique de Radio France - Esa-Pekka Salonen - 2012

    Schönklang heißt die Devise - und das ist gewiss (auch) im Sinne des Komponisten. Der Dirigent steht ebenso dafür. Der orchestrale Habitus ist füllig und angemessen kraftvoll, aber nirgends spröd und hart, und er ist wohl auch mittenbetont - vielleicht mit einer leichten Extrazuneigung für diverses Schlagwerk und die Harfe. Der Cellist steht auch hier gerne im Vordergrund, meine ich, wenn die Partitur dazu einläd. Wieder eine impressionistische Sicht und nicht das Gegenteil - welches ja nicht selten kein wirkliches Gegenteil ist..

    Auch mit dieser Einspielung kann ich gut leben - wenn genötigt, würde ich aber an die erste Stelle Queyras und Graf setzen.

    :) Wolfgang

    EDIT: Lionel zum Dank habe ich den Satz streichen können, der auf die gnadenlose Nicht-Verfügbarkeit der CD hinweist. :verbeugung1: So bleibt nur noch ein kraftvoller, aber nicht unverschämter Anschaffungspreis.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

    Einmal editiert, zuletzt von Lionel (9. Juni 2023 um 22:14)

  • Schön, dass mein Text euch beim Hören hilft. Dann hat sich die Zeit gelohnt.

    Zu den Aufnahmen wollte ich mich noch zurückhalten (bin noch beim Sichten und vergleichen). Da ich Norast/Saraste aber soeben beendet habe, einige Worte:

    Artur Noras ist ein Gigant. Sein Ruf müsste, gemessen an seinem Können, viel größer sein. Mit dem Cellokonzert Dutilleuxs hingegen, aufgenommen mit Saraste 1991 dürfte er das kaum untermauert haben. Es handelt sich um die zweite Aufnahme des Konzerts und ich habe den Eindruck, trotzdem die Ersteinspielung von 1974 bald zwanzig Jahre alt ist, sie spielen dieses Werk das erste Mal. An vielen Stellen hört sich das nach typischer Neuer Musik der Sorte „tja, die Noten stehen hier so, ich spiel das mal, was das bedeutet, keine Ahnung“. Einige Stellen wirken zusammenhanglos, unverbunden und unverstanden.Wobei das in den Details trotzdem z. T. toll gespielt ist. Hat, wie gesagt, nichts mit dem Können zu tun.

    Das Wort „unverstanden“ führt zu etwas Wichtigem: Ich bezweifle, dass Tout ... verstanden werden kann im Sinne von: Diese Interpretation ist richtig. Das Werk scheint mir im Gegenteil bewusst offen angelegt zu sein und mit Symbolen zu arbeiten, Chiffren, die so oder so verstanden werden können. Möglicherweise können die drei Punkte am Ende des Titels im Sinne solcher Offenheit verstanden werden. Bereits der Titel ist ergebnisoffen, nicht fertig.

    Ich glaube, es war Schiff, den ich in einem Podcast über die Interpretation eines Werks sinngemäß sagen hörte: Denke dir einen Text dazu! Es ist völlig egal, ob dieser Text Sinn ergibt, er muss nur zu den Noten passen. Schon wirst du besser im Sinne von aussagekräftiger spielen. Noras und Saraste scheint mir, haben keinen solchen Text, sondern feilen abstrakt an den Noten herum.

    Das Booklet enthält einige eher allgemeine Informationen. Eine Beobachtung möchte ich herausheben: „The works of Dutilleux’s youth exhibit the influence of both the rhythmic motorism of the neoclassicists an de colourist heritage of the composer’s homeland.“ Der Text stammt von Lauri Otonski in der Übersetzung von William Moore.

    Rhythmischen Motorismus findet man im Cellokonzert nicht bzw. so gut wie nicht. Den Hinweis auf den Rhythmus möchte ich aber aufgreifen, weil wir einige Posts vorher Einigkeit über die besondere Atmosphäre des Werkes hergestellt hatten: flirrend, raunend, magisch, lichtes Dunkel etc.

    Diese Atmosphäre wird wesentlich durch zwei Faktoren hergestellt: Rhythmus und Instrumentation. Der Rhythmus ist eher ein Nicht-Rhythmus. Der Takt ändert sich ständig, man bekommt dadurch nie rhythmischen Boden unter den Füßen. Die Instrumentation ist besonders, das wurde oben bereits festgestellt. Festzuhalten bleibt, dass das Werk bzw. der Komponist damit wohl tatsächlich in bestem französischem Erbe steht - Berlioz, Ravel fallen sofort ein.

  • Zitat von Knulp

    Ich bezweifle, dass Tout ... verstanden werden kann im Sinne von: Diese Interpretation ist richtig. Das Werk scheint mir im Gegenteil bewusst offen angelegt zu sein und mit Symbolen zu arbeiten, Chiffren, die so oder so verstanden werden können. Möglicherweise können die drei Punkte am Ende des Titels im Sinne solcher Offenheit verstanden werden. Bereits der Titel ist ergebnisoffen, nicht fertig.

    Das glaube ich auf jeden Fall auch. Es wäre sogar insofern charakteristisch, da Dutilleux als geistiger Nachfahre Debussys gelten kann - das ist gewiss nicht meine Privatmeinung und Du hast ja auf die französische Tradition hingewiesen.

    Debussy wiederum hat bei seinen Klavier-Prèludes die atmosphärisch-symbolistischen Titel erst an das Ende jedes einzelnen Stücks gestellt und ebenfalls diese drei notorischen Punkte verwendet. Natürlich weiß ich nicht, ob und wo solches vielleicht schon vorher in der Musikgeschichte geschehen ist.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Jeder der fünf Sätze trägt einen Titel sowie ein Zitat aus Baudelaires Les fleurs du mal. Mir ist dabei nicht klar, ob über die Titel und Zitate hinaus die jeweiligen Gedichte, denen die Zitate entstammen für das musikalische Verständnis weiterführend sind.

    Tja, wer soll das sagen? Aber sie stehen nun mal da, und wohl nicht, um Spielende und Hörende zu verwirren.

    Was finde ich in den Gedichten, denen die Verse entnommen sind (unter anderem):

    Die geistige und körperliche Liebe als Sehnsucht und gleichzeitig Erfüllung als Hauptthema.

    Die zweisam-symbiotischen Momente als Weltflucht und gleichzeitig neue Welt.

    Das Verführtwerden und Eingesogenwerden mit jeder Faser, das Vergessen seiner selbst und der Bedingungen des Lebens beim Eintauchen in ein neues Reich des Rausches.

    Dem dritten, zentralen Abschnitt, ist ein Vers aus demselben Gedicht beigegeben, welchem auch der Titel entnommen ist. Hat das etwas zu sagen? „Wo Baum und Mensch in vollem Saft ohnmächtig gefesselt der Hitze der Stimmung erliegen“ … ziemlich konkret.

    Ein Tristan im Quadrat, nun völlig von der Rahmenhandlung befreit, mit freigelegtem Kern, fremd und vertraut, anziehend und tödlich.

    Der letzte Vers, der die durchlebten Denkräume als Traumgespinste entlarvt.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

    Einmal editiert, zuletzt von Mauerblümchen (10. Juni 2023 um 18:46)

  • Der zweite Teil heißt „Vif“ (2:55). Das bedenkend atmen wir mit dem Erreichten sozusagen Luft von einem anderen Planeten. Bekräftigt wird die Neu- und Fremdheit mittel ungewöhnlicher Instrumentation und einer meines Erachten kompositorischen Genialität:

    Da sind wir doch bei "... Et dans cette nature étrange et symbolique".

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Das Werk fasziniert mich nun nach dem Hören der Aufnahme aus Wien 2008...

    ...mit seinen schillernden impressionistischen Farben und erschreckt den außermusikalisch „erfahrenen“ Hörer, dann doch vorab nicht nur hier im Thread, sondern auch im Booklet gelesen habend, mit Blicken in sein eigenes Leben. :versteck1: Somit - außermusikalische Assoziationen, und wehmütige, schmerzliche Erinnerungen...

    1. Satz Enigme (Rätsel) - das Cello (sie) stachelt den Dichter immer mehr auf. 2. Satz Regard (Blick) - das Gift der Verblendung wird infiltriert. 3. Satz Houles (Wogen) - die Leidenschaft für die ferne Begehrte beherrscht den Dichter. 4. Satz Miroirs (Spiegel) - eine unheimliche, zerbrechliche Scheinharmonie umfängt den Dichter nun. 5. Satz Hymne - der Dichter freut sich, wähnt sich im Liebesglück, aber am Ende verfliegt der Spuk und hinterlässt ein Nichts. Für jemals einseitig Verliebte kann´s also ein zutiefst autobiografisches Werk sein!

    Man kann es (ich kann es "noch" nicht) aber wohl freilich auch als reines Cellokonzert ohne außermusikalische Assoziationen hören, dann faszinieren (mich) halt einfach die vielfach impressionistischen, differenzierten Klangfarben zum rezitativischen oder kadenzartigen Cellospiel.

    Erstmals gehört habe ich das Werk im Jahr 2013 in einer Radio-Konzertaufzeichnung in SWR 2 mit Gautier Capuçon und dem Radio Symphonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Stéphane Denève. Die Aufnahme mit Christian Poltéra (Cello) und dem von Jac van Steen dirigierten ORF Radio-Symphonieorchester Wien, erworben erst dieser Tage nach einem Hinweis von Braccio :top:, entstanden im November 2008 im RadioKulturhaus Wien, auf CD veröffentlicht bei BIS, überzeugt mich musikalisch wie klanglich vollends - und trifft mich melancholisch ins Herz.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Ich schließe mich Knulp gerne an und finde Alexanders Beobachtungen sehr anschaulich.

    Ansonsten werde ich mich doch ein wenig genauer mit der literarischen Vorlage und dem Autor Baudelaire befassen und habe vorhin damit begonnen. Mein Schulfranzösisch kann helfen, bei meiner Frau, die Romanistin war, habe ich eine Ausgabe gefunden und an einige Übersetzungen komme ich heran - wenn man sie nicht ohnehin ganz bequem im Netz findet. Außerdem stehen diverse Literaturlexika im Schrank.

    Mein pauschaler Eindruck bislang geht eher in die Richtung, dass die Musik nicht annähernd die zugleich erotisch aufgeladenen wie zynisch-nihilistischen Befindlichkeiten des Lyrikers spiegeln kann - dazu scheint sie mir dann doch zu neutral, falls das jetzt nicht ein Gemeinplatz ohnehin ist. Aber ich lasse mich gerne auf die relevanten Passagen ein, die dann aussagekräftiger sein müssten.

    Es leuchtet mir ein, dass der Symbolist (i.w.S.) Dutilleux sich für den Symbolisten Baudelaire interessiert hat. Was ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, ist, dass beide Künstler sonderliche Berührungspunkte in ihrem Wesen hatten oder in ihrer Ideologie - von den veränderten Zeitläuften ganz abgesehen. (1)

    PS: Baudelaire gehört zu den leidenschaftlichen Absinth-Liebhabern. Ich habe mir zu Weihnachten eine Flasche schenken lassen und ein hübsches halb-wissenschaftliches Büchlein dazu bekommen. Es ist gewiss nicht unsere Welt, nicht meine, wohl nicht die Knulps oder Alexanders und wohl auch nicht die von Dutilleux. Wäre er sonst über 97 Jahre alt geworden? Aber es scheint eine äußerst interessant-eigenwillige Welt gewesen zu sein und ein wenig gilt dies immer noch. Die Szene gibt es wieder, sie ist nach Aufhebung der meisten Verbote unproblematischer als bislang die Szene harter Rauch- und Spritzdrogen.

    Vielleicht melde ich mich zur Sache hier noch einmal - aber nur, wenn ich etwas zu ergänzen habe oder widersprechen möchte. Was ich nicht glaube. :)

    (1) Werter Alexander, verstehe ich Dich richtig, dass Du ergänzende Lektüre voraussetzt, so dass Dein Erschrecken sich einstellt? Andernfalls würde mich Deine Feinfühligkeit dann meinerseits erschrecken ... ;) :) (Oder liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte? Was immer das sei.)

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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