Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

  • Herzlichen Dank, lieber Felix! Der Hirsch schreit bei mir in zwei Versionen, wenn ich das richtig sehe. Werde ich wieder vornehmen und freue mich drauf!

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Danke, Felix. Ewig nicht mehr gehört. Heute Morgen in der Aufnahme von Herreweghe wieder genossen und das Werk ist wirklich wunderschön. Wer Herreweghes Zugang zur Musik generell mag, wird auch bei diesem Werk glücklich werden.

    Gruß, Frank

    Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.

  • Einstieg mit Johanna Winkel, dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Münchner Rundfunkorchester unter Howard Arman

    Ja, sehr, sehr schöne, tröstliche Musik. Und ein toller Kontrast zum SQdW!

  • Ich hatte diese Psalmen nie auf dem Schirm, bis ich in einem Konzert quasi als Füllmaterial zur Lobgesangsinfonie den Hirschen spielen durfte. Seitdem liebe ich ihn fast mehr als die 2. Sinfonie. Habe mehrere Versionen im Schrank und bekomme von allen wohlige Gänsehaut. Alleine schon diese DElikatesse in den ersten Bläser-Takten (Klar/Hr) - super.

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Habe jetzt die Corboz-Aufnahme gehört ...

    ... erinnert mich an die Mozatz-Diskussion für 35+ Jahren ... willst Du 'ne Mozartkugel oder spannende Musik?

    So schön, wie es klingt, vor allem im ersten Satz - macht diese ästhetische, kulinarische Lesart die Musik größer - oder gar kleiner?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • mein Favorit von Mendelssohns Psalmvertonungen war immer op.96 (Kommt, lasst uns anbeten), aber auf den Schrei des Hirschen lasse ich mich doch auch gerne nochmal ein.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Habe jetzt die Corboz-Aufnahme gehört ...

    ... erinnert mich an die Mozatz-Diskussion für 35+ Jahren ... willst Du 'ne Mozartkugel oder spannende Musik?

    Ich habe die Corboz-Einspielung, mit der ich das Werk kennengelernt habe, bestimmt an die 15 Jahre, vielleicht sogar eher 20 Jahre nicht mehr gehört. Auch bei mir schleicht sich das Gefühl ein, dass dieses Musizieren des Jahres 1977 "mit heutigen Ohren gehört" ein wenig altbacken und "lahm" klingt. Was würden René Jacobs oder Thomas Hengelbrock aus diesem Werk machen? Diese Frage stellt sich mir doch ein wenig im Jahr 2024.

    Jedenfalls trage ich mich mit dem Gedanken, meine beiden Corboz-Alben (außer der Psalmen-CD besitze ich von ihm noch seine "Paulus"-Einspielung von 1986 mit demselben Orchester) auszusortieren und durch eine federndere, frischere Lesart zu ersetzen.

  • Auch bei mir schleicht sich das Gefühl ein, dass dieses Musizieren des Jahres 1977 "mit heutigen Ohren gehört" ein wenig altbacken und "lahm" klingt. Was würden René Jacobs oder Thomas Hengelbrock aus diesem Werk machen? Diese Frage stellt sich mir doch ein wenig im Jahr 2024.

    Danke, in diese Richtung gingen meine Gedanken.

    Das war unabhängig vom gestrigen Hören der Aufnahme von Nicol Matt.

    Mal schauen, wie sich die Herreweghe-Aufnahme anlässt.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Herreweghe ist etwas zügiger, (6:14 vs. 6:50 oder 4:14 vs 4:28 im Anfangs- und Schlusschor). Aber ich empfinde den Unterschied nicht als sehr auffällig. Herreweghe hat einen recht grossen Chor, sein Collegium Vocale aus Gent + die frz. Chapelle Royal (zus. 36 Choristen), auch das Orchester ist nicht schmalbrüstig. Die Textverständlichkeit scheint mir bei Herreweghe etwas besser (das "Harre auf Gott" in "Was betrübst du dich" ist bei Corboz nicht zu verstehen, aber auch bei Herreweghe braucht man den geschriebenen Text, um alles zu verstehen).

    Ich würde weder Corboz noch Herreweghe weggeben, und dass ich mit dem "Raser" Jacobs zufriedener wäre, glaube ich nicht.

    (Die Aufnahme Herreweghes ist auch schon 35 Jahre alt)

  • Matt braucht nur 5:15 für den Eingangschor, was für mein Gefühl deutlich zu schnell ist. Wenn Mendelssohn seltenerweise Lento vorschreibt, genau: Lento sostenuto, dann soll das eben langsam und gedämpft sein. Herreweghes Aufnahme kenne ich nicht, aber dieser Zeitunterschied dürfte auch mir nicht unangenehm auffallen.

    So verdienstvoll Matts Totale ist, sein Hang zum Eilen versaut einiges (etwa die Motette op. 69/1). Bei Corboz stört vielleicht die nicht so tolle Tonqualität, die die Musik weicher klingen lässt als sie sollte. Wobei dieses Werk definitiv nicht so dramatisch konzipiert ist wie die Oratorien und IMHO auch nicht so klingen sollte.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Wobei dieses Werk definitiv nicht so dramatisch konzipiert ist wie die Oratorien und IMHO auch nicht so klingen sollte.

    Unbestritten. - Wobei die Frage wäre, wie der Paulus oder der Elias "klingen". EIn Satz wie "Hebe deine Augen auf " (ok, auch Psalm) oder "Denn er hat seinen Engeln befohlen" (auch Psalm) würde im Hirschen wohl kaum als Fremdkörper wahrgenommen werden.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich habe eher den affirmativen Grundton von op. 42 gemeint. In den Oratorien gibt es Nummern, die da einen dramatischen Kontrapunkt darstellen. In op. 42 wollte Mendelssohn das offensichtlich nicht. Das Werk ist ja auch kurz genug, um das meinem Gefühl nach nicht störend werden zu lassen. Trotzdem könnte sich ein Interpret veranlasst sehen, diesen Mangel an "dunklem Gegensatz" durch eine Dramatisierung der Chorsätze auszugleichen - d.h. sie schneller oder ruppiger singen zu lassen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Keine Freude macht mir Bernius' Aufnahme. Da schläft man mit dem Chor gemeinsam fast ein (besonders schlimm im mittleren Chor). Überhaupt sagt mir Bernius' Ansatz bei Mendelssohn im Allgemeinen wenig zu...

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • op. 42 - Psalm 42 "Wie der Hirsch schreit"

    Eine sehr schöne Wahl! Danke dafür. Jahrelang nicht mehr gehört. Immer nur die "Italienische" und die anderen Highlights. Dabei ist das Werk so "anheimelnd" und ans Herz gehend, auch in der von Dir eingestellten Aufnahme.

  • langsam und gedämpft

    Ich finde Matts Aufnahme in Gänze an sich gar nicht so übel. Aber das „Gedämpfte“ des Eingangschores fehlt mir gleich in den einleitenden Takten, in denen er die Streicher einigermaßen stark hum-ta-ta akzentuieren lässt und das hier (und auch später) eben nicht abdämpft. Kann man natürlich mögen. Auf mich wirkt es durchweg etwas unglücklich. Einen ganz schönen Mittelweg geht m.E. Hickox, der den Satz in insgesamt 5:49 bewältigt, aber nicht einen Moment eilend wirkt, sondern bewegt bei gleichzeitiger innerer Ruhe.

    :wink: Agravain

  • Ich habe eher den affirmativen Grundton von op. 42 gemeint.

    Na ja, affirmativ ist freilich auch das Finale von Beethovens Fünfter. Ich denke, es geht nicht um das Affirmative, sondern um das Einlullende.

    Da schläft man mit dem Chor gemeinsam fast ein

    Eben. Das ging mir auch bei Corboz so.

    Bei "So schreit meine Seele, Gott, zu Dir" könnte ich mir halt etwas anderes denken ... meine Seele "schreit", das klingt für mich wie ein erregter Ausnahmezustand. Das höre ich bei op. 42 nicht. In op. 42 höre ich, wie gut es uns eigentlich geht. Alles behaglich.

    Distler hat das toll vertont ... für Chor a capella:

    Aus dem Jahrkreis, op. 5: XXXIX. Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser (youtube.com)

    Soll keine Kritik am Mendelsohn sein, der hat den Text so vertont, wie er den Text wahrgenommen hat, das ist per se weder gut noch schlecht. Die Frage ist - ganz egozentrisch: - Komme ich damit in Resonanz oder nicht?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

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