Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

  • Ich empfinde die Klaviermusik Schumanns häufig als "zerfahren". So geht es mir auch mit dem Musikstück der Woche. Ich habe es mit Eric Le Sage gehört. Auf derselben Scheibe ist auch die Fantasie op. 17, die ich sehr gerne höre.

  • Glemser, den ich live schon zweimal hören konnte, ist aber schon gut, oder?

    Glemser macht in meinen Ohren alles richtig, an ihm liegt es sicher nicht. Zwar habe ich diese Sonate nur in einer Aufnahme, aber viel Klaviermusik von Schumann habe ich mehrfach - und habe trotzdem die genannten Probleme. Mit Schumanns Liedern und seiner Kammermusik habe ich hingegen keinerlei Annäherungsschwierigkeiten.

    :/

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich empfinde die Klaviermusik Schumanns häufig als "zerfahren".

    Ich glaube zu verstehen und nachvollziehen zu können, was Du meinst - und es könnte auch ein Gutteil meiner bisherigen zurückhaltenden Befassung mit seiner Klaviermusik dahinter stecken - während es auch mir mit der Kammermusik ganz anders geht. (Lieder höre ich seltener.) Was wohl dahinter steckt, ist ein komplexes Kapitel romantischen Lebensgefühls, wie es in Schumanns Nähe zu E.T. A. Hoffmann zum Ausdruck kommt. Zerrissenheit zwischen Leidenschaft und Wahnsinn, Gebrochenheit zwischen dem hellen, apollinischen und dem dunklen, dionysischen Prinzip, Der Florestan- und der Eusebius-Typus.

    Dennoch: Ich bin mir sicher, dass diese Musik nicht nur lohnt, weil sie Ausdruck romantischer Philosophie ist.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Soeben habe ich Florian Uhlig mit der viersätzigen Fassung der Sonate gelauscht. Hier fehlt es nicht an Klarheit und Präzision und die Klangqualität ist Demus ohnehin überlegen. Aber Uhlig lässt dann doch ein Quäntchen Dämonie vermissen. Da ich bei Lukas Debargue hineingehört habe, könnte ich mir vorstellen, dass auch für mich diese Einspielung einen Spitzenplatz einnimmt.

    Und wenig überraschend - kann man Sokolows Farbenreichtum bewundern. Ich habe ihn vor einiger Zeit live gehört, freilich nicht mit Schumann.

    Jetzt brauche ich mal Noten. Na denn: Bernd Glemser.

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    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Bemerkung hierzu: Die Agogik, der sich Glemser so freizügig bedient wie auch alle anderen Pianisten, die ich bislang ganz oder auszugsweise zur Kenntnis genommen habe, ist durchaus nicht immer - und vielfach auf sehr engem Raum - durch Vortragsbezeichnungen fixiert. Ersichtlich also in hohem Maße ein individuelles Moment - das freilich zu ähnlichen Ergebnissen zu führen scheint.

    Schumanns Hang zu einer spezifisch romantischen Übertreibung zeigt sich auch darin, dass der Finalsatz - ohnehin mit Prestissimo possibile bezeichnet - im Verlauf mindestens zweimal gesteigert wird - von Vivacissimo ist dann etwa die Rede. Ob das realistisch durchführbar ist, sei dahingestellt - beim Mitverfolgen der Glemser-Einspielung habe ich den Eindruck gewonnen, dass jeweils nur für einen Augenblick der Eindruck einer solchen Steigerung entsteht. Mit dem Effekt, den etwa der Finalsatz von Beethovens Appassionata gegen Ende erfährt, kann man das wohl nicht vergleichen - vermutlich ist auch die Ideologie dahinter eine andere, eine viel weniger objektiv messbare.

    Glemser erinnert mich ansonsten ein wenig an Uhlig - es ist nun nicht wohl die leidenschaftlichste Sicht auf das Werk, aber sie ist gewiss von äußerst solider Qualität.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Danke jedenfalls für die Noten! Habe jetzt die Sonate noch einmal mit den Noten durchgehört und konnte so amBall bleiben. Meine Rezeptionsschwierigkeiten bleiben allerdings leider erhalten...:versteck1:

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Noch ein paar Bemerkungen meinerseits, die sich auf die Booklets der Uhlig-Ausgabe stützen. Sollte ich irgendwo bereits Gesagtes wiederholen, weil ich es vielleicht übersehen habe, bitte ich um Nachsicht.

    Music Lovers weiter oben gestellte Frage, ob das Thema von Clara Wieck irgendwo in ihrem eigenen Schaffen auftaucht, wird von Draheim kurz beantwortet. Dies sei nicht der Fall respektive ein entsprechendes Werk verschollen.

    Die markante Abwärtsbewegung zu Beginn der dritten Sonate, die motivisch auch im restlichen Werk eine Rolle spielt und eben auch bei dem Thema der Clara, findet sich ganz ähnlich zu Beginn der Fantasie op. 17, auf die ich ja bereits mehrmals kurz aufmerksam gemacht habe. Beide Werke stehen in enger Beziehung zu der damals noch unerfüllten Beziehung Schumanns zu Clara. Bekanntlich trägt daran ihr Vater die Schuld. Beide Werke bringen die Sehnsucht bis hin zur Verzweiflung deutlich zum Ausdruck - wobei die Sonate, das Konzert ohne Orchester, das dunklere, die Fantasie das hellere und optimistischere Werk zu sein scheint. Andererseits endet die Fantasie in ruhiger Beschaulichkeit, die Sonate durchaus stürmisch. Aber es findet sich in der Fantasie nichts, was man mit dem Variationsteil der Sonate an Schwermut vergleichen könnte - und gerade hier wird ja explizit auf das Thema der Clara schon im Titel aufmerksam gemacht.

    Sowohl die in ihrer Entstehung so diffizile Sonate wie die Fantasie wird man als Versuche Schumanns ansehen dürfen, zu einer ganz eigenen romantischen Sonatengestalt vorzustoßen und sich zugleich von Beethovens dualistischem Prinzip abzugrenzen. Eher ist Beethovens klavieristisches Spätwerk hier relevant.

    Interessant sind vielleicht auch Draheims Überlegungen, wieso Schumann als längst etablierter und reifer Komponist in einer zweiten viersätzigen Version die Sonate, das Konzert ohne Orchester, überarbeitet hat. Hier ging es, Draheim zufolge, durchaus nicht um eine Reifefassung - wie man sie bekanntlich in Brahms' erstem Klaviertrio so gut kennt -, sondern ganz primär um pragmatisch-geschäftliche Überlegungen. Schumann wollte ohnehin einzelne Änderungen gedruckt sehen, er konnte auf sein früheres Klavierschaffen einmal mehr aufmerksam machen - er, der mittlerweile viel stärker mit Kammermusik befasst war und dafür geschätzt wurde.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

    2 Mal editiert, zuletzt von andréjo (18. April 2024 um 23:26)

  • Die Schumann-Woche neigt sich dem Ende. Morgen wird AlexanderK uns sein nächstes Stück der Woche präsentieren. Ob wir beim Klavier bleiben?

    Danach geht es weiter mit

    • Cherubino
    • putto
    • Wolfram
    • Algabal
    • Braccio
    • Gurnemanz
    • maticus
    • Beryllo
    • Felix Meritis
    • Mauerblümchen
    • Scherzo
    • andréjo
    • Abendroth
    • Areios
    • music lover
    • AlexanderK

    Wie stets der Hinweis, dass hier alle mitschreiben können und die Liste jener, die hier ein Stück vorgeben, auf Zuruf gern erweitert wird.

  • Das wäre bei diesem Werk sehr ungewöhnlich.

    EDIT. Die Jahreszahlen stehen für einen (Auch-)Intendanten, einen Komponisten und einen Filmregisseur. Alle drei sind (mit) dem Werk verbunden.

    EDT 2, Eine der drei Jahreszahlen minus 100, für den Komponisten des Musikstücks der nächsten Woche eine ganz wichtige Jahreszahl, verbunden mit einem Werk, das so ziemlich das Gegensätzlichste ist, was man sich zum Musikstück der Woche vorstellen kann..

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • eine ganz wichtige Jahreszahl, verbunden mit einem Werk, das so ziemlich das Gegensätzlichste ist, was man sich zum Musikstück der Woche vorstellen kann..

    OK, ganz leicht: Zuerst ganz wenige, dann ganz viele. Und die Familiennamen-Anfangsbuchstaben der drei Personen 1973 R, 1988 S und 2010 auch S. Jede Person hat etwas mit dem Werk gemacht.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Hier stehe ich diesmal komplett auf dem Schlauch.

    Ich auch. Bin gespannt.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • 1973: Peter Ruzicka initiiert den Druck des Werks im Sikorski-Verlag.
    1988: Alfred Schnittke zitiert das Werk in seinem Klavierquartett.
    2010: Martin Scorsese setzt das Werk in seinem Film "Shutter Island" ein.
    ("minus 100" 1910 Uraufführung Gustav Mahler Symphonie Nr. 8, bekannt als "Symphonie der Tausend")

    Das Musikstück der Woche ist der Klavierquartettsatz a-Moll von Gustav Mahler (1860-1911), komponiert ca. 1876/77 in Mahlers Studienzeit in Wien.

    Hier zu hören mit Noten:

    Gustav Mahler - Piano Quartet (1876) [Score-Video]
    Gustav Mahler - Piano Quartet (1876)Quarto QuartetIvan Penchev, violin; Darina Vassileva, piano; Tatyana Todorova, viola; Stoyan Bozhkov, cellohttp://quartoq...
    www.youtube.com

    Die wikipedia Einführung:

    Gustav Mahler – Wikipedia
    de.wikipedia.org

    Werkeinführung Villa Musica:
    Klavierquartettsatz a-Moll | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz

    Werkeinführung ARD Audiothek:

    Gustav Mahler: Klavierquartett a-Moll
    Philipp Quiring über Mahlers Klavierquartett, von dem nur der erste Satz erhalten ist. 16 Jahre ist der Komponist, hat seinen Stil noch nicht gefunden, sondern…
    www.ardaudiothek.de

    Wünsche eine erbauliche Hörwoche damit!

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Nachtrag zu Schumann - der lief hier gerade mit Ciccolini:

    Danke nochmal für die Empfehlung! Da das Stück nicht in den Boxen mit Kempff und Arrau enthalten ist, ist es bisher bei mir glatt unter dem Radar durchgesegelt ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Vielen Dank an Alexander für den Vorschlag! Kurz - vermutlich wird das Streichquartett dafür länger (oder auch nicht). Ein paar Mal habe ich das attraktive Stück gehört. Erraten hätte ich es aufgrund Deiner Hinweise nicht, da fehlt mir der Hintergrund. Besonders interessant ist das Zitat bei Schnittke für mich, da ich eigentlich auch dessen Klavierquartett kenne - oder verwechsle ich es mit seinem Klavierquintett? Aber ich müsste beide Werke finden, habe nur mit Sicherheit das Quintett mehrmals gehört.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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