Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

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    Das war soeben meine erste Hörprobe - einstimmig mit einfachem Lautenbass. (?)

    Aber schon bei Letzterem muss ich eigentlich zum Fragemodus übergehen. Daher noch ein paar Fragen:

    ? Tongeschlecht: modal, seltsamerweise (für mich!!) wohl auf c, insofern mollnahe (?) - da würde ich mich jetzt für die Leiter interessieren, die man bilden kann - oder ist das auch ein Trugschluss? Nein, glaube ich eigentlich nicht.

    ? ausgeprägte Melismatik, aber keine Konsequenz - gut, was meine ich mit "Konsequenz" ...

    Die Ars Nova wurde genannt und ist mir gewiss kein rasch mit Leben gefüllter Begriff, aber bekannt als relativ frühe Musikform des Mittelalters. Wir befinden uns im 13. Jahrhundert oder noch früher?

    Die Musik hat für mich allenthalben den Reiz des Exotischen, aber ich empfinde sie eigentlich als weniger exotisch, da weniger atonal [?], im Vergleich mit, sagen wir, Guillaume de Machaut, den ich ein paar Mal gehört habe - die Messe de Nostre Dame.

    Danke für bisherige und für weitere Informationen!

    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ich würde andere Einspielungen nehmen, bei denen die Mehrstimmigkeit deutlicher ist. Das Stück gehört zur „Trecentomusik“, dem italienischen Pendant zur französischen „Ars Nova“ im 14. Jahrhundert.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Da Jacopo im 14. Jahrhundert gelebt, muss auch die Musik aus dieser Zeit stammen. Pardon!

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Hihi. Die Melismen steuern in der Trecentomusik oft auf die Zeilenschlüsse zu, haben also formal eine erkennbare Aufgabe. Also tendenziell eher zu Beginn und kurz vor Schluss einer Textzeile, dazwischen geht es eher syllabisch zu. Aber natürlich gibt es das nicht als Regel für die Musik eines Landes eines kompletten Jahrhunderts.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Wieder neigt sich eine Woche dem Ende. Morgen wird Wolfram uns sein Stück der Woche verraten. Ich könnte mir vorstellen, dass es weniger mittelalterlich wird. Vokal wäre aber gut vorstellbar. Aber warten wir es ab.

    Danach geht es in dieser Reihenfolge weiter:

    • Algabal
    • Beryllo
    • Gurnemanz
    • maticus
    • Braccio
    • Felix Meritis
    • Mauerblümchen
    • Scherzo
    • andréjo
    • Abendroth
    • Areios
    • music lover
    • AlexanderK
    • Cherubino
    • putto
    • Wolfram

    Gutes Hören und Diskutieren! Wie immer der Hinweis: alle können hier mitschreiben. Wer auch ein Stück vorstellen möchte, wird gern in die Liste eingepflegt.

  • Morgen wird Wolfram uns sein Stück der Woche verraten. Ich könnte mir vorstellen, dass es weniger mittelalterlich wird. Vokal wäre aber gut vorstellbar.

    Immer diese Vorurteile. Grins1 Aber dann will ich sie mal bestätigen, halbwegs jedenfalls.

    In der Tat geht es in diese Richtung, wenn es auch mit dem Gesang nicht ganz so klappt. Mein Musikstück der Woche ist nämlich ein Melodram:

    Franz Schreker: Das Weib des Intaphernes

    Schreker hat dieses Stück auf ein Gedicht von Eduard Stucken (1865-1936) in den Jahren 1932-33 als eines seiner letzten Werke komponiert. Angelegt ist es für großes Orchester und einen Sprecher.

    Im Gedicht geht es um den Perserkönig Darius (mächtiger Herrscher, aber hässlich von Gestalt) und um das ungenannte ‚Weib‘, Ehefrau des Intaphernes, einem Jugendfreund des Perserkönigs, der seinen Hass, seine Eifersucht erregt hat, so dass er dessen gesamte Familie eingekerkert hat. Oben in einem Turm hockend, sinniert Darius nun über die Leere in seinem Leben, da erklettert eine zunächst unbekannte Gestalt diesen Turm und dringt in ihn ein. Es ist das ‚Weib‘, das sich befreien konnte, lange auf eine Gelegenheit wartete, den König sprechen zu können und nun diese allerletzte Chance ergriffen hat. Es kommt nun, wie es kommen muss. Nach einem ersten Vergewaltigungsversuch verspricht er ihr die Begnadigung eines der vier noch Eingekerkerten. Das ‚Weib‘ schrickt zunächst zurück, entscheidet sich dann aber für den Bruder (gemeinsame Erinnerungen, einen Bruder wird sie nicht mehr bekommen, ein Kind vielleicht doch) und geht gemeinsam in den Keller, diesen zu befreien. Der aber, todkrank, weigert sich, sich befreien zu lassen, ebenso wie ihre drei Söhne. Voller Verzweiflung legt sie nun Feuer und alle verbrennen.

    Das Gedicht ist eine recht schwülstige Angelegenheit, in seiner Pseudo-Orientalistik ein typisches Produkt des späten Wilhelminismus. Und trotzdem hat es Schreker für seine Komposition ausgewählt. Möglicherweise wegen der damals wahrlich aktuellen politischen Bezüge. Der (verschmähte, vielleicht impotente) Gewaltherrscher, der, sich über alle Moral hinwegsetzend, nun durch Unrecht und Vergewaltigung seine Gier befriedigen will. Gleichzeitig ist es aber auch ein Sujet, das Schreker immer wieder angesprochen hat. Der ‚verkrüppelte‘ Mann, die Auslieferung an eine Frau, die Pervertierung durch Macht, dazu Liebe, Opferbereitschaft und natürlich auch die am Ende alles verzehrenden Flammen, die keine Hoffnung auf einen Neuanfang zulassen.

    Die Musik, die er dazu schrieb, ist, jedenfalls in meinen Ohren, typischer Schreker. Sinnlich, farbenreich, verführerisch in der Klangfülle, sich hingebend an das Sujet, dabei aber eigentlich nie die Grenze zum Übermäßigen, zum musikalischen ‚Kitsch‘ überschreitend. Das wird dadurch verhindert, dass er eben nicht nur eine dem Text entsprechende überladene, sentimentale, reißerische Musik verwendet, sich auch nicht gewollt orientalischen Klängen hingibt, sondern dadurch, dass der Einfluss seiner nicht spätromantischen Zeitgenossen durchaus spür- und hörbar ist. Gleichzeitig gibt er sich der Handlung aber völlig hin, bleibt dabei immer genau am Text, verstärkt, kommentiert, durchleuchtet die Verse.

    Das Melodram, um die Jahrhundertwende noch einmal groß in Mode gekommen, lag damals allerdings quasi schon in seinen letzten Zügen und trotzdem griff Schreker noch einmal darauf zurück, bemühte sich aber nicht, eine neuere Form für das Konzertmelodram zu finden, griff auch nicht sprechgesanglichen Versuche z.B. Schönbergs oder Humperdincks auf, sondern überließ den Sprechpart einem reinen Schauspieler. So wirkt dieses Stück durchaus antiquiert, gerade in Verbindung mit diesem Text, dabei durchaus die Grenze zum Pathetischen streifend (was auch immer eine Frage des Sprechers ist), andererseits kann Schreker trotz allem einen Sog entwickeln, der einen Hörer recht schnell in diese Welt hineinzieht.

    Persönlich bin ich, was diese Gattung angeht, immer hin- und hergerissen. Faszination ist vorhanden, aber auch immer ein leichter Widerwille gegen das Übermaß an Pathos stellt sich bei mir ganz schnell ein. Vielleicht ist es aber doch ein interessanter Versuch, die theatralische Wirkung eines Monologs zu verstärken, zu bereichern und andererseits die Musik mit der menschlichen Stimme auf ungewohntere Weise zu kombinieren. Von daher bedauere ich es, dass es diese Gattung kaum noch gibt.

    Das ganze Stück dauert eine gute halbe Stunde, von daher, auch aufgrund des Gehalts, denke ich, dass eine Woche völlig ausreicht. Es gibt verschiedene Aufnahme, in der Tube konnte ich aber bislang nur die Version mit Peter Gülke und Gert Westphal finden.

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    Viel Spaß beim Hören.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Das Gedicht ist eine recht schwülstige Angelegenheit

    In dieser Rezension der Einspielung von Gerd Albrecht wird von einem "eher peinlichen Text von Eduard Stucken" gesprochen:

    F. Schreker
    Gerd Albrecht ist ein Schreker-Fan der frühen Stunde, nicht ein Trittbrettfahrer der spätromantischen Wollust. Er behält klaren Kopf auch dort, wo der…
    www.klassik-heute.com

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Gerne. Bin sehr gespannt auf eure Reaktionen.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Vielen Dank auch von mir an Wolfram für dieses originelle Stück - von dem ich ebenfalls noch nie etwas gehört hatte.

    Das für mich wichtigste Stück, das mir als Melodram sofort einfällt, ist das Hexenlied (Wildenbruch/ Schillings) - "Du kannst noch weinen, Du weinst um mich" sei als einschlägiges Zitat angeführt -, das mich bereits als Jugendlichen schwer beeindruckt hat - mittlerweile habe ich (natürlich) so etwas wie berufliche Distanz gewonnen ... aber ich könnte mir den Text mit der musikalischen Untermalung mal wieder anhören ... ;)

    Die Youtube-Aufnahme der Schreker-Nummer will ich mir dann gerne mal zu Gemüte führen!

    ;) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Stichwort "Pathos" - Stichwort "hin- und hergerissen" - Grins1 ich fürchte, anders geht es nicht - das ist wie bei Rauschgift - aber vielleicht fällt mir noch Spezifischeres und Geistreicheres ein - dann (auch) auf die konkrete Komposition bezogen.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Da gibt es schon einige. Eine spezielle Empfehlung: das „Hexenlied“ von Max von Schillings.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Und ob ich überhaupt je ein Melodram gehört habe?

    Hier gibts Tips:

    Diabolus in Opera
    14. Oktober 2013 um 23:01

    Die CD mit Gert Westphal habe ich, das Stück selbst möglicherweise noch nie gehört. Wird nachgeholt - besten Dank an Wolfram!

    "Schwülstige Angelegenheiten" finden sich bei Schreker öfter. Ich mag das!

    :sofa1:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Ein bekanntes Beispiel von Melodram ist dieses:

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    Alles, wie immer, IMHO.

  • Oder "Enoch Arden" von Richard Strauss. Kennengelernt habe ich dieses Melodram durch die Aufnahme von Glenn Gould, ohne dem Werk auch nur einen Hauch an Gefallen abgewinnen zu können.

    Gerade erst im letzten Monat habe ich live im Kleinen Saal der Elphi das Melodram "De profundis" von Frederic Rzewski ertragen müssen. Der Pianist war mehr oder weniger die gesamte Zeit am Labern, spielte dazu auch ein wenig Klavier. Nicht meine Gattung.

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Spontaner Eindruck - vielleicht werde ich mich noch ein wenig informieren und natürlich weitere Beiträge abwarten.

    Der Stoff scheint mir in einer Tradition zu stehen, die Fontane in seiner Novelle nach einer alten Chronik Grete Minde verfasst hat. Obwohl dort der Kontext dem poetischen Realismus zuzuordnen ist - Grete sieht sich von ihrem familiären Umfeld zur Außenseiterin erklärt und rächt sich am Ende, indem sie das ganze Dorf in Schutt und Asche legt, haben wir hier in einer Jugendstil-Welt klare Parallelen und eigentlich auch einen vergleichbaren Grad, ja eine vergleichbare Form der Vergeltung. Grete kommt - durchaus absichtlich - selbst in den Flammen um. Die schöne Frau des Intaphernes hat auf unterschiedliche Weise alle ihre Angehörigen de facto verloren und kann sich nur am König rächen. Am eigenen Schicksal liegt ihr aber am Ende ebenso wenig wie der Fontane-Heldin.

    Objektiv ist das Verbrechen des Königs natürlich das gravierendere, sein Zynismus der elementarere, verglichen mit Gretes Angehörigen, wobei ihr Halbbruder ihr zuletzt auch das Erbe verweigert hat, was bei ihr, einer selbstbewussten, starken Frau, den Ausschlag gibt für ihren Racheplan. Man mag allenfalls argumentieren, dass vom sozialen Status her der Repräsentant des Staates sakrosankt ist.

    Über diese quasi realistische Motivation des Geschehens hinaus spielt - denn wir befinden uns im Zeitalter des Fin de Siècle, des Jugendstil - die Verquickung von Eros und Tod die entscheidende Rolle. Hier sehe ich bei aller Unterschiedlichkeit durchaus Berührungspunkte zum Hexenlied, selbst wenn der kirchliche Hintergrund durch einen staatlicher Gewalt ersetzt wurde. Vermutlich lohnen sich auch Vergleiche mit dem Herodes-Stoff, den Oscar Wilde und Richard Strauss in der Salome aufgegriffen haben.

    Musikalisch bewegt sich das Melodram meines Erachtens ebenso in der Nähe eines Max von Schillings. Der Tonfall ist nüchterner, als ich von Schreker erwartet hätte, die musikalische Umsetzung sentimentaler Elemente erinnert mich dabei besonders deutlich an das Hexenlied.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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