Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

  • Das bekannteste Melodram ist wohl Schönbergs 'Pierrot Lunaire', obwohl es das reine Sprechen schon verlässt, in dem Schönberg u.a. einzelne Tonhöhen notiert hat, was das Sprechen an den Gesang annähert, auch übergehen lässt.

    Ich habe 'Pierrot Lunaire' mal mit Barbara Sukowa erlebt, die ja zunächst einmal vom Schauspiel kommt, den Übergang zum Gesang trotzdem bewältigen konnte. Bei Anja Silja liegt der Fall dann z.B. ganz anders, weil bei ihr der Gesang schon mehr dominiert.

    Insgesamt finde ich aber die Verfremdung, die durch einen gesprochenen Text zu einer diesen begleitende Musik sehr faszinierend. Das gilt auch für Sprechrollen in Opern, wie z.B. Samiel im Freischütz. Die Wirkung ist, für mein Empfinden, stets außerordentlich. Was nicht heißt, dass alle Melodramen stets gelungen sind Grins1, was ganz besonders eben auch vom Text abhängt. Da muss die Musik schon besonders stark sein, um textliche Schwächen (ich drücke es mal freundlich aus) vergessen zu machen.

    Je häufiger ich übrigens den Schreker höre, je mehr überzeugt und fasziniert er mich, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass ich eh eine Affinität zu seiner Musik habe.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Der Stoff scheint mir in einer Tradition zu stehen, die Fontane in seiner Novelle nach einer alten Chronik Grete Minde verfasst hat.

    Interessant, an die habe ich überhaupt nicht gedacht, wohl wegen des von dir bereits erwähnten Realismus, in dessen Tradition sie steht.

    Die Frau, die, in die Ecke gedrängt, sich nur noch durch einen Gewaltrausch befreien kann (eine Art Urururenkelin von Medea ;)), wirkt für mich zunächst einmal mehr wie eine aus Ängsten geborene Männerfantasie, allerdings mit tiefenpsychologischen Dimensionen, die dann aber dem ersten Augenschein zuwiderlaufen. Der kastrierte Mann, der in einem Turm hockt (Phallus), seine Sehnsüchte und Ängste in die Tiefe eines Kellers gebannt hat, trifft nun auf ein Wunschbild, das langsam an diesem Turm/Phallus emporklettert. Verführerische Schönheit, Mutter, Ehefrau, Schwester, Opfer - da tritt ihm aber so einiges entgegen. Kein Wunder, dass er reagiert, wie er reagiert. Eingeschlossen in einem engen Raum. Kein Wunder eben, weil er nicht in der Lage ist, diesem 'Wesen' vernünftig, erwachsen zu begegnen. Dann kann nur noch der Absturz (in den Keller) folgen, in dem er aber auch nicht gerettet wird, weil er dort nur seiner eigenen Schuld begegnet und er damit nicht umgehen kann, sondern in seiner Rolle verbleibt. Das Ende von Nichtaufarbeitung, Nichtbewältigung ist dann die Katastrophe.

    Letztlich die jahrtausendealte Furcht des Mannes vor: 'Die Frau, das unbekannte Wesen'. Immerhin zeichnet sie Stucken eben nicht wie Medea als Teufelin. Das muss man ihm dann wiederum zugute halten. Aber sie ist dann trotzdem - in ihrer Ambivalenz - die klassische, den Mann vernichtende Bedrohung.

    Ich könnte mir vorstellen, das Schreker das schon angezogen hat. Gleichzeitig ist natürlich auch die politische Deutung möglich. Von daher ist das Gedicht - inhaltlich - vielleicht doch gar nicht so uninteressant. Wenn es nur besser geschrieben wäre. Grins1

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Danke Dir schon mal für Deine Ergänzungen, Wolfram! An die Medea habe wiederum ich nicht gedacht, was damit zusammenhängt, dass mir der Stoff arg wenig vertraut ist. Das will ich gerne ändern.

    Die spezifische Phallus-Symbolik ist reinster Jugendstil - Naturbildlichkeit nicht einmal nur psychologisiert, sondern ins Unter- oder Halbbewusste verlagert.

    Zitat

    Wenn es nur besser geschrieben wäre. Grins1

    Naja - da ist man um die Jahrhundertwende ein bisschen was gewohnt. Ich habe meinen Oberstuflern gerne den Reclam-Band Lyrik des Jugendstils vorgestellt. Was da kreucht an Kitsch und Fehlleistung - und sollte doch den Blick nicht verstellen für schlichtweg schöne oder charmante Texte, die es eben auch gibt.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Und ich muss mich mal wieder in die 'Grete' vertiefen. ;)

    Die Geschichte der Medea ist natürlich eine grundlegend andere, aber die tiefen, zutiefsten Verletzungen und der furiose Rachewirbel, den sie auslöst, da gibt es schon Parallelen. Beide aber eben auch nicht mehr zu bändigende Bedrohungen einer Männerwelt und eben aus Männersicht geschrieben. Nur Jason ist ein Held, Darius hingegen ein Krüppel. Da hat sich ein Männerbild ganz schön verschoben.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Auf Darius' körperliche Schwäche muss ich beim nächsten Hören noch stärker achten. Das ist mir beim ersten Mal nicht deutlich genug aufgefallen, aber es gehört wiederum einer Welt an, die jemanden wie Schreker gewiss besonders interessiert hat. Ich denke, dass ich mir eine der Aufnahmen auf CD zulegen werde. Da lasse ich mich auch gerne noch beeinflussen. Vermutlich wird es aber auf Gert Westphal hinauslaufen, selbst wenn ich mir nicht sicher bin, ob hier schon das Nonplusultra gegeben ist.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Vermutlich wird es aber auf Gert Westphal hinauslaufen, selbst wenn ich mir nicht sicher bin, ob hier schon das Nonplusultra gegeben ist.

    Ich kenne, ehrlich gesagt, nur Gülke - Westphal, bin aber mit ihr sehr zufrieden, weil Gülke den süffigen Ton trifft ohne zu übertreiben und Westphal keine Angst vor Übertreibungen, man kann auch sagen Kitsch, hat, was natürlich passt. Oder anders gesagt, die Grenzen von Pathos und pathetisch sind bei ihm fließend.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Peter Gülke schätze ich als Schreker-Dirigent (mein Vorredner charakterisiert ihn ganz richtig, denke ich).

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Ja, der Charakterisierung Westphals kann ich durchaus folgen - und akzeptiere hiermit ihre Berechtigung - sonst müsste ich quasi das Kitschpotential in Abrede stellen, was mir fern sei. :P

    Gülke übertreibt in der Tat keinen süffigen Ton - wie schon gesagt, ist mir Schreker hier nicht süffig genug - wenn ich etwa an das Vorspiel zu einem Drama denke.

    Ich werde die CD wohl kaufen.

    :wink:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • wie schon gesagt, ist mir Schreker hier nicht süffig genug - wenn ich etwa an das Vorspiel zu einem Drama denke

    Schreker hatte mit fremden Texten ja eher Probleme, griff darauf selten zurück. Möglicherweise hat er deshalb sich 'zurückgehalten', vielleicht war es auch 'Alterstil', denn 'Memnon' klingt in der Hinsicht auch schon gebremster. Vielleicht wollte er auch den pathetischen Ton der Lyrik nicht noch verstärken - wir werden es nicht erfahren. ;)

    Ich habe gerade noch einmal in 'Vorspiel zu einem Drama' hineingehört und selbst unter Michael Gielen ist das wirklich eine ganz andere Sache.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Noch kurz, obwohl es nur zum Teil direkt zum Thema gehört:

    Das Argument, dass man musikalisch inhärentes Pathos - oder bei einem Melodram durch den Text hervorgerufenes - nicht zusätzlich durch die Interpretation - oder wiederum im aktuellen Fall durch die musikalische Deutung seitens des Komponisten - verstärken muss, ja das eher vermeiden sollte, ist, meine ich, ein gewisser Gemeinplatz. Zumindest erfahre ich das immer wieder bei der Beurteilung von Interpretenleistungen im Netz, in Büchern oder in Rundfunksendungen.

    Memnon - es ist wohl nur ein Fragment - kenne ich seit Kurzem - und empfinde es ebenfalls als eher gebremst. Vielleicht passt es, von Altersstil zu sprechen. Ich bin kein Kenner der Musik von Schreker, da ich seine Opern bislang (vermutlich schmählicherweise) ausgeblendet habe, obwohl es mich immer wieder dazwischen schon reizt, mir diese schwülen Themen und Klänge mal einzuverleiben. Ach, es gibt so viel zu hören ...

    Aber für diverse Vorspiele oder für die Kammersinfonie kann ich mich schon begeistern.

    Gielen hatte ja den Ruf des sachlichen Anwalts auch hochgradig expressiver Musik - aber sein Schreker gefällt mir durchaus. Ein wenig Trennschärfe muss nicht unbedingt Klangpracht abbauen, meine ich. :)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Habe mich jetzt einmal durchgekämpft. Ja, die Musik ist schon gut gemacht, sehr deskriptiv und in dieser Hinsicht auch bezwingend, finde ich. Der Text - und ohne den funktioniert die Musik hier ja nicht - ist aber sehr schwer zu ertragen, da musste ich schon einige Male mindestens ebenso tief seufzen wie der Großkönig Darius. Es wundert mich insofern nicht, dass das Stück wohl nur in einer Aufnahme vorliegt.

  • Es wundert mich insofern nicht, dass das Stück wohl nur in einer Aufnahme vorliegt.

    Es gibt (neben der Westphal/Gülke) noch mindestens zwei weitere Aufnahmen. Eine mit Lena Stolze/Gerd Albrecht:

    Und eine (offenbar irgendwie kammermusikalisierte) mit Peter P. Pachl/Ensemble:

    Ich kenne aber auch nur Westphal/Gülke.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Du bist ja Schrekers Musik sehr zugetan, oder?

    Ja, schon ziemlich.

    Wie findest Du denn das Stück der Woche?

    Also, ich weiß nicht. Ich habe das Stück nicht mehr sonderlich präsent, hab es seit langem nicht gehört. Die Musik hab ich als schon sehr stark, sehr spät-Schrekerisch in Erinnerung. Ich meine mich zu erinnern dass der Einstieg einen ziemlichen Sog ausübt irgendwie ziellos suchenden Figuren und dann verloren herabstürzende chromatische (?) Läufe der Piccoloflöte. Ich muss das im Laufe der Woche mal wieder nachhören.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Ich habe das Stück gestern gehört (Gülke/Westphal) und bin schwer beeindruckt. Nicht so sehr von der Handlung, die man als schwülstige Männerphantasie abtun könnte; um 1900 war dergleichen wohl recht beliebt. Schreker war da nach 1930 wohl schon etwas spät dran.

    Aber: Davon abgesehen finde ich den Text gar nicht so übel. Er konzentriert sich ganz auf die extreme Situation der Handelnden: Darius, Frau (hat sie keinen Namen?), deren Bruder, Vater, Sohn und Ehemann, alle "Gezeichnete", ausweglos am Abgrund, Sterbende, und am Ende alles in Trümmern. Gert Westphal, ein erprobter Erzähler, gestaltet das plastisch und eindrücklich.

    Und am eindrucksvollsten: Die Musik malt die Situationen kongenial aus, wie eine Filmmusik, die das Geschehen noch einmal aus sich entwickelt. Dabei ist Schreker hier nicht mehr so klangprächtig und phatasmagorisch wie noch im "Fernen Klang" oder in den "Gezeichneten", der Orchestersatz ist nicht mehr üppig wie dort, sondern transparenter und konzentrierter, ähnlich wie im Vorspiel zu einer großen Oper, das ja zur gleichen Zeit entstand wie "Das Weib des Intaphernes".

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Man muss aufpassen mit diesen Vorspielen ... zunächst habe ich mich gewundert, dass Gurnemanz ganz anderer Meinung ist als ich. Ist er aber gar nicht ...

    Zeittypisch? Schnitzlers Reigen besteht nur aus Vorspielen ... und Nachspielen. Schade, aber so wichtig sind Letztere vielleicht gar nicht ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Die Musik malt die Situationen kongenial aus, wie eine Filmmusik, die das Geschehen noch einmal aus sich entwickelt.

    Das habe ich ähnlich wahrgenommen. Ich habe mich quasi wie in einem Stummfilm gefühlt (der Vergleich hinkt natürlich gewaltig, da hier ja die ganze Zeit deklamiert wird), in dem die musikalische Untermalung auch eine sehr wichtige Rolle spielt.

    Aber der Text? Allein schon diese ständigen gezwungenen Reime. Sehr, sehr schwer auszuhalten. da hätte er mal lieber die Glocke vertonen sollen.

  • Ich habe mich quasi wie in einem Stummfilm gefühlt

    Als eine Fortführung des Melodrams mit anderen Mitteln wird in der Tat immer wieder der Stummfilm genannt, wobei mir die Parallele auch nicht ganz so einleuchtet. Tonfilm als solcher passt da eher.

    Vielleicht ist ja das Aufkommen des Films ein Grund für das Nachlassen des Publikumsinteresses, neben den wohl häufig überschwänglich-schwülstigen Texten und der damit einhergehenden pathetischen Wirkung. Stichwort 'Neue Sachlichkeit' und ein anderes Theaterverständnis.

    Ich habe vor Jahren in einem Antiquariat in Edinburgh einmal eine MC mit einer Aufn ahme aus den 50iger Jahren entdeckt. 'The Letter' mit Judy Garland und John Ireland. Nach dem Urlaub im Hause war die Enttäuschung schon verdammt groß. Die Garland singt ihre Texte eher rezitativisch ohne dass sie sich zu Songs verdichten würden und dazwischen gibt es, zur begleitenden Musik, den gesprochenen Anteil von John Ireland. Und obwohl es aus der Popmusik stammt, empfand ich es damals schon als völlig aus der Zeit gefallen. Nun gab es wohl häufiger solche Versuche, aber das Genre haben sie trotzdem nicht wiederbeleben können.

    Und auch der Schreker ist wohl eher eine der 'Nachgeburten', wobei die Zeitumstände, die Brandmarkung Schrekers als 'entartet', verhindert haben, dass das Stück überhaupt die Chance hatte, populär zu werden.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Vielen Dank nun auch von mir einmal mehr für die bereichernde Wahl der Woche. Die halbe Schreker-Stunde mit Gülke/Westphal habe ich dieser Tage auch gespannt gehört. (Und Albrecht/Stolze merke ich vor.) Schließe mich vor allem Algabels und Gurnemanz´ positiven Eindrücken an. Kein Problem habe ich mit dem Pathos des Vortrags. Ich mag auch gerne alte pathetische Schauspielaufnahmen. Was mich noch mehr beim Werk der Woche anspricht, ist (auch schon von Vorschreibern hervorgehoben) Schrekers subtiler Orchestersatz, sind die Klangfarben, die hier eingesetzt werden.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

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