Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

  • Liegt die Wahrheit dann in der Mitte?

    "Lahm" oder "farblos" können natürlich m.E. immer nur mit subjektiver Empfindung zu begründende "Kritikpunkte" sein. Denn wie Du schon dieser Tage geschrieben hast: Wer bzw. niemand hat da die "Wahrheit" gepachtet...

    Und Du wiederholst das ja jetzt in gewisser Weise mit der Aussage von der Wahrheit, die vielleicht in der Mitte liegt. Natürlich, so finde auch ich, kann man über die Interpretationen streiten, ja sollte und darf man das sogar, weil es beim sachlichen Austausch zum Erkenntnisgewinn führen könnte. Wobei für mich zwischen expressionistischer Überwältigung und geschärfter Transparenz nicht zwingend ein Gegensatz bestehen muss. Ich empfinde bei Prokofjews Zweiter beides, egal, ob ich Kitajenko oder Ozawa höre. In noch immer vorherrschender "ungenauer" Kenntnis des Werkes. Ozawa scheint mir "feuriger" zu sein.

    "Erst seit vielleicht 25 Jahren interessiere ich mich ernsthaft für den Vergleich und bin nicht tendenziell mit einer einzigen Aufnahme zufrieden", schreibst Du, und ich weiß nun gar nicht, ob ich "erst" oder "schon" sagen soll ;). Für mich sind - neben anderem - die Vergleiche das "Salz in der Suppe". Doch wem sage ich das.

    Meine Frage: Kannst Du Dich erinnern, bei welchem Komponisten und Werk Du durch eine ganz bestimmte Aufnahme am stärksten geprägt wurdest?

    Doch zurück zum MdW: Da ich Gergiev aus bestimmten Gründen nicht hören möchte, bitte ich um einen Tipp von Dir, mit wem ich nach Kitajenko und Ozawa weitermachen soll, weil ich gerne eine dritte Aufnahme hören möchte. Insgesamt liegt mein Eindruck die Symphonie betreffend bis jetzt zwischen - immer noch - Erstaunen und Begeisterung. Besten Dank vorab.

  • Сергей Сергеевич Прокофьев

    Nur am Rande: Woher kommen die unterschiedlichen Schreibweisen? Mit/ohne "j", "i", mit "ff", hinten "v" oder "w"?

    Wenn ich in den mir zur Verfügung stehenden Übersetzungs-Assistenten

    Сергей Сергеевич Прокофьев

    eingebe, lese ich:

    Sergej Sergejewitsch Prokofjew

  • Gurnemanz
    23. Mai 2009 um 15:54

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Hier lief auf Algabal s Empfehlung die Aufnahme mit dem London Philharmonic unter Walter Weller ("Wo ein Weller ist, ist auch ein Weg"):

    Ja. Ließ ich mir wohlgefallen. Doch zum Nachvollziehen von Strukturen reicht's bei mir noch nicht ... mehr hören.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Meine Frage: Kannst Du Dich erinnern, bei welchem Komponisten und Werk Du durch eine ganz bestimmte Aufnahme am stärksten geprägt wurdest?

    :) Deine Frage ist deshalb für mich schwer zu beantworten, weil meine wichtigsten Komponisten- und Einzelwerk-Erfahrungen in die Zeit vor der Informationsvielfalt des Internet und vor der CD-Ära liegen. Und da haben mich tatsächlich die Werke gepackt und die Aufnahmen waren äußerst sekundär. Das liegt schlicht an meiner Sozialisation und wohl auch daran, dass ich in zwei Jahren siebzig werde und mit anderen Medien aufgewachsen bin als spätere Generationen. Obwohl sich da viel verändert hat, bin ich nach wie vor nicht der ideale Ansprechpartner für Interpreten-Namen und -Vergleiche. Oder um noch einen Schritt weiter zu gehen, wobei sich auch da viel verändert hat: Ich habe Musik immer bevorzugt, weil sie in ihrem Wesen auf der Zeichenebene viel monolithischer und schwerer aufzuspalten ist quasi - im Gegensatz zur Literatur und die war letztlich ein Bestandteil meines Berufs, also zumindest auch eine andere Ebene - ich habe Musik recht leicht abstrahieren können von denen, die sie machen. :D Das magst Du solipsistisch nennen oder autistisch oder asozial - nicht unsozial! Grins1 - und es ist jetzt auch längst nicht mehr so ausgeprägt - der Mensch wird älter und reifer ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Derzeit auf der Suche nach (in einem soeben gehörten Ausschnitt fiel mir ein sehr rasches Tempo auf):

    All-Union Radio Symphony Orchestra / Gennadi Rozdestvensky (Accord, USSR, 1962).

    "...ironisch geschärfte Musizierlust"

    "Rondo" mit Lob für Den Dirigenten und "Verriss" des Werkes:

    RONDO / Sergei Prokofjew – Sinfonie Nr. 2, Sinfonie-Konzert für Cello und Orchester – Alexander Iwaschkin, Russisches Staatsorchester, Walerij Poljanski (rondomagazin.de)

  • Das magst Du solipsistisch nennen

    ..."mag" ich, tue ich aber nicht (und habe ich bei der Lektüre auch nicht gedacht). Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Du Dein früheres Schwergewicht auf die Werke und weniger die Aufnahmen begründest. Danke für den Ausflug in Deine Sozialisation;)! Nach dem Rozdestvensky-Ausschnitt, den ich nun plötzlich bei YT nicht mehr finden kann, blieb mir der Atem weg.

  • Eine ganz andere Nummer bietet Järvi: treibend wie Weller aber noch scharfkantiger und härter in der Darstellung, die schrille Modernität des Werks deutlich akzentuierend!

    Die lief nun auch hier. Ja, das ist eine andere Nummer als der Jurowski von heute morgen. Schrilles, kreischendes Blech, fast schon gequält, Dauerdruck. Klingt wenigstens im ersten Satz schon sehr, sehr überzeugend.

  • Algabal und Stimmenliebhaber haben oben mehrere Cover mit der Einspielung des London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Walter Weller bereits verlinkt.

    Die Aufnahme datiert von 1979.

    Was soll ich sagen? Überzeugend durch und durch - und irgendwie waren das die beiden anderen auch schon, ohne dass dies für mich jetzt langweilig (gewesen) wäre.

    Wir haben nicht ganz die bunt schillernde, technisch gesehen quasi modernere Farbigkeit, die Kitajenkos Sicht einfängt, aber das ist vermutlich auch nicht erforderlich. Das Timbre erscheint mir insgesamt heller. Was mit gefällt, ist eine beinahe klassizistische Einheitlichkeit im Duktus, der trotzdem weder die Vielfalt des zweiten Satzes unterdrückt noch die expressionistische Härte des ersten, sie aber vielleicht weniger explodieren lässt. Das heißt auch: Die Musik wird so transparent vermittelt, so transparent geordnet, wie Bernd es weiter oben sich ja auch vorstellen kann als eine Forderung an die Deutung. Im Kopfsatz haben wir durchaus einen drängenden, treibenden Sog, aber nicht den Eindruck des allzu Erbarmungslosen. Die Welt der Maschinen ist angemessen eingefangen - vielleicht angemessener als bei Kitajenko -, die der Komponist in den gerne zitieren Äußerungen sich zum Vorbild genommen hat.

    Jetzt bin ich auf Rosch (1) gespannt.

    (1) Was hat es für einen Sinn, den Namen auszuschreiben? ... Eben ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

    Einmal editiert, zuletzt von andréjo (8. Juli 2024 um 21:08)

  • Nun noch diese:

    James Gaffigan am Pult der Niederländischen Radiophilharmonie. Alle Achtung, das schlägt ein! Tatsächlich mit 11'26 im Kopfsatz auch ungefähr im Tempo von Järvi unterwegs. Nicht ganz so schrill, aber klanglich enorm stark eingefangen.

  • Eine ganz andere Nummer bietet Järvi: treibend wie Weller aber noch scharfkantiger und härter in der Darstellung, die schrille Modernität des Werks deutlich akzentuierend!

    Die lief nun auch hier. Ja, das ist eine andere Nummer als der Jurowski von heute morgen. Schrilles, kreischendes Blech, fast schon gequält, Dauerdruck. Klingt wenigstens im ersten Satz schon sehr, sehr überzeugend.

    Leute, ich wollte mir doch nichts mehr kaufen! :cursing:Grins1

    PS: Und Gaffigan ist Bestandteil meiner dritten Hartmann-Integrale. Ich bin bedenkenlos! ;)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Euer Rosch ist - wahrscheinlich - nicht mein Rosch. Meiner dirigiert in den Achtzigern (?)(1) das Große TV-und-Radio-Sinfonieorchester der UdSSR.

    Da haben wir diesen grell farbigen russischen Sound, der allen Instrumenten zu ihrem Recht verhilft und wo man sich dennoch (oder deswegen) des Eindrucks einer dezenten Künstlichkeit nicht immer ganz erwehren kann.

    Aber ich bin trotzdem begeistert - mehr noch über die Variationen als über den Kopfsatz.

    Die Struktur im ersten Satz bleibt stets durchhörbar und man erfreut sich der Details. Stärker noch als bei den anderen Einspielungen höre ich hier die Nähe zu Honeggers oder Mossolows einschlägiger Musik, zum frühen Bartok - und auch zum Sacre.

    Der zweite Satz indes lässt von Anfang an - und nicht erst später - gewiss keine Assoziationen von Ruhe oder bukolischer Lauwärne aufkommen. Eher habe ich die trotz ihrer pastellfarbenen Milderung wie im direkten Sonnenlicht erstrahlenden sibirischen Landschaften vor Augen und Ohren. Eiseskälte? Schwer zu sagen, schlicht weil die Musik so vergleichsweise überdeutlich erscheint.

    (1) Das leidige Problem - noch habe ich keine eindeutige CD gefunden, auch nicht bei discogs. Meine Sammlung auf 6 CDs, wo Rosch alle Sinfonien und Konzerte Prokofieffs (Lizenz: Melodya von 2006) mit obigem Orchester und außerdem demjenigen des Kultusministeriums dirigiert, hat mir ein Kollege sehr günstig verkauft. Lesen kann ich leider die Texte in kyrillischer Schrift sowieso nicht. Und erhältlich ist diese Sammlung vermutlich nirgends mehr.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ich habe jetzt mal nur den Kopfsatz im Vergleich gehört. Um das Fazit vorwegzunehmen, es hat mich in meiner Präferenz für die älteren Sowjet-Aufnahmen bestärkt.

    • Roschdestwenskij & UdSSR-Rundfunkorchester
    • Gergiev & UdSSR-Rundfunkorchester
    • Järvi & Scottish NO
    • Alsop & São Paolo SO
    • Weller & London PO

    Allein schon der Orchesterklang macht einen großen Unterschied. Die Russen haben einfach diese unnachahmliche Härte, bei den Trompeten fällt es besonders auf, aber z. B. auch beim massiven Klang der Kontrabässe am Beginn der Durchführung bei Roschdestwenskij, da könnte ich noch viele Stellen aufzählen ... In die drei West-Aufnahmen habe ich zum ersten Mal reingehört, Järvi gefiel mir da am besten, aber auch er ist nicht so charakteristisch wie die Russen und an manchen Stellen für meinen Geschmack hier etwas zu weich.

    Euer Rosch ist - wahrscheinlich - nicht mein Rosch.

    Meiner ist dieser hier, laut Booklet aufgenommen 1965 bis 1967:

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    War vor ein paar Jahren mal in einer Box zu haben:

  • EDIT: Ich habe jetzt doch den Verdacht, dass mein Rosch auch Euer Rosch ist. Denn die Länge der Sätze ist die gleiche. Nämlich die zweimal auf yt verlinkte Einspielung. Dann wäre 1962 das relevante Datum - nicht die Achtziger. Wie ich darauf komme, ist mir auch nicht mehr so ganz klar: Im schmerzhaft Kleingedruckten meiner Sammlung heißt es: Aufnahmen von 1962 bis 1968.

    1. Satz: 11'25'' - 2. Satz: 21'18'' - zusammen also irgend was um 32'45'' - bis dorthin zählt youtube :P .

    Bramantes Aufnahme ist eine andere ?? Oder ist das Moscow Radio Symphony Orchestra genau dasselbe wie in meinem letzten Beitrag und die Zahlen stimmen auch ??

    Noch ein EDIT: Es sind nicht genau die gleichen Zahlen, aber ungefähr schon. Es ist halt eine andere youtube-Datei.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Oder ist das Moscow Radio Symphony Orchestra genau dasselbe wie in meinem letzten Beitrag

    Das ist das gleiche Orchester, nur die Übersetzungen des Namens sind inkonsequent.

    Großes Sinfonieorchester des Allunionsradios und des zentralen Fernsehens (russ. Большой симфонический оркестр Всесоюзного радио и Центрального телевидения)

    Tschaikowsky-Symphonieorchester des Moskauer Rundfunks – Wikipedia

    Der englische Wikipedia-Artikel kennt noch folgende Bezeichnungen:

    Moscow Radio Symphony Orchestra (1930–1993)
    USSR State Radio and Television Symphony Orchestra
    USSR State Radio Symphony Orchestra
    USSR All-Union National Radio and Central Television Symphony Orchestra

    Tchaikovsky Symphony Orchestra - Wikipedia

  • Man kennt ja das Land und seine Ausdehnung und ich kenne so manche Erfahrung aus meiner musikalischen Sammel-Vergangenheit. :P Nur hin und wieder sind unterschiedliche Namen dann doch auch verschiedene Stiefel ...

    Im Ernst: Rosch* gehört meines Wissens zu den Dirigenten, die so Manches diverse Male aufgenommen haben.

    Danke an Bramante für die Übersetzungsrecherche. :)

    Ein ganz klein wenig grotesk ist das alles schon ... :wink:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ich spiele schon seit langer Zeit mit dem Gedanken, mir neben Weller (dessen Einspielung ich sehr schätze) eine weitere zuzulegen. Enthusiastische Besprechungen bekam die in den letzten Jahrrn entstandene Gesamteinspielung der Bergener Philharmonie under Andrew Litton:

    Kennt diese Aufnahmen wer?

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Bei mir lief gerade der erste Satz mit Leinsdorf und den Bostonern:

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    Leinsdorf ist sehr flott unterwegs(10:37), lässt das Orchester sehr differenziert spielen, macht aus dem Grellen, Hämmernden, Tobenden allerdings manchmal eher etwas Groteskes, Stichelndes. Zudem beschleicht mich das Gefühl, dass die der Musik innewohnenden Kälte hier mehr durch eine Mischung aus Perfektion und Sachlichkeit hervorgerufen wird.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

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