Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

  • Bezüglich Prokofieff/Litton:
    Kennen ist zu viel gesagt aber gestern hörte ich mir aus Littons GA die Sinfonie Nr. 2 an und war sehr angetan:

    Lionel
    7. Juli 2024 um 16:20

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Seine Sinfonien, bis auf 1 und 5, sind immer noch eine ziemliche Leerstelle

    Ja, so erging es mir bis zu dieser Woche auch.

    AlexanderK sprach im Thread 'Eben gehört' hinsichtlich Ozawa von einem 'originell-witzige(n) Werk',

    Das habe ich zur 1. Symphonie geschrieben (nur zur Info).

    Bin nun angefixt auf die Ozawa-Gesamtaufnahme der Prokofjew-Symphonien, möchte sie alle bald durchhören. Dank erneut für den wertvollen Impuls!

    Die Symphonie Nr. 2 habe ich soeben so gehört:

    In den etwa 12 Minuten wilden 1. Satz (Allegro ben articolato) stürzt man brutal und heftig, die Musik reißt einen dabei in einen martialisch-wilden Sog mit. Fratzenhafte Gestalten von allen Seiten begleiten die schaurig-faszinierende Höllenfahrt. Nach viereinhalb Minuten kurzes Anhalten, dann geht es energisch martialisch weiter, was für eine irre Reise ins Irgendwo. Sicher geht das alles noch viel härter und noch brutaler, mich zieht da aber auch der Klangluxus der Berliner Philharmoniker magisch an. Der 25 Minuten lange 2. Satz (Tema con variazioni) beginnt kontrastierend dazu unheimlich ruhig und sanft, mit diesem „japanischen“ Thema der Oboe. Nun Eintauchen in die verschiedenen Welten der sechs folgenden Variationen, unterschiedlichste traumhafte Welten, hineinfallen, unheimlich, sanft, brutal, dann wieder mystisch-unheimlich, es ist alles da, ein faszinierender musikalischer Sog weiter. Den grandiosen Berliner Orchesterklang erlaube ich mir in seiner Farbenvielfalt auszukosten, die spiel- und klangtechnische Meisterleistung zu bewundern, bis zum düster-unheimlich-ruhigen Schlusspunkt.

    Sehr gut finde ich die Verlaufsschilderung bei wikipedia. Werde die Symphonie die nächsten Tage noch mehrmals hören, vielleicht auch in andere Aufnahmen zumindest reinhören (gerne den Empfehlungen hier folgend) und bin besonders dankbar für den Hinweis auf die Berliner Ozawa-Gesamtaufnahme der Prokofjew-Symphonien. Ich stehe dazu, dass ich diese so gerne hören möchte und bin insofern enorm gespannt speziell auf die (hier ja angedeutet interpretatorisch angreifbare) Fünfte in den nächsten Wochen.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • USSR All-Union National Radio and Central Television Symphony Orchestra

    Diese Aufnahme mit dieser Bezeichnung für das Orchester hatte ich gestern in einem Hinweis bei YT gesehen:

    All-Union Radio Symphony Orchestra / Gennadi Rozdestvensky (Accord, USSR, 1962).

    PS. In einem Brief an Nikolai Mjaskowski, so lese ich bei Wikipedia, soll Prokofjew geschrieben haben:

    "Ich habe die Musik so komplex gemacht, dass ich, wenn ich sie selbst höre, ihr Wesen nicht ergründe, was kann ich also von anderen verlangen?"

    Demnach darf ich mir getrost noch etwas Zeit lassen, wenn schon der Komponist selbst das Wesen seines Werkes nicht ergründen konnte (!).

    Den Ersthörern erging es ja wohl nicht anders: Nach der Uraufführung am 6. Juni 1925 in Paris unter der Leitung seines Widmungsträgers Serge Koussevitzky *, so lese ich, kommentierte Prokofjew, dass weder er noch das Publikum das Stück verstanden hätten. Ob er mit "er" den Dirigenten oder wie oben wiederum sich selbst meinte, wer weiß es. Jedenfalls hatte er ja wohl auch vor, das Werk grundsätzlich zu überarbeiten, wozu er aber nicht mehr kam. Wer weiß, wie wir dann zu unserem MdW argumentieren würden.

    Nach Leinsdorf bleibt meine Begeisterung. Ich schließe ich mich da übrigens, ohne - wie der Meister selbst - alles zu "ergründen", dem Eindruck von Wolfram an, was das Argument der Perfektion und Sachlichkeit sowie die dadurch erzeugte "Kälte" angeht. Mir scheint da noch ein wenig mehr als bei den beiden anderen von mir gehörten Aufnahmen, Kitajenko und Ozawa, ein Schwerpunkt auf der Betonung der Dissonanzen zu liegen.

    * Wusste nicht, dass Koussevitzky es war, der die Zweite uraufführte. Da muss folgender Hinweis erlaubt sein: Das Jahr 2024 markiert den 150. Geburtstag von Koussevitzky und den 100. Jahrestag seiner Ernennung zum Leiter des Boston Symphony Orchestra. Einer seiner bekanntesten Schüler und Schützlinge war Leonard Bernstein.

  • Ich spiele schon seit langer Zeit mit dem Gedanken, mir neben Weller (dessen Einspielung ich sehr schätze) eine weitere zuzulegen. Enthusiastische Besprechungen bekam die in den letzten Jahrrn entstandene Gesamteinspielung der Bergener Philharmonie under Andrew Litton:

    Kennt diese Aufnahmen wer?

    Gerade Litton gehört. Auch sehr, sehr gut. Noch einen Tick anspringender finde ich Gaffigan mit den Niederländern.

    Bei häufigerem Hören habe ich übrigens im Kopfsatz schon ein ziemlich klares Bild von einem Sonatensatzmodell mit ziemlich wilder Durchführung und explosiver Coda, oder höre ich das falsch?

  • Bei häufigerem Hören habe ich übrigens im Kopfsatz schon ein ziemlich klares Bild von einem Sonatensatzmodell mit ziemlich wilder Durchführung und explosiver Coda, oder höre ich das falsch?

    Verweise noch einmal dazu auf die Verlaufsschilderung bei wikipedia, mit der das möglicherweise ganz gut überprüft werden kann:

    https://de.wikipedia.org/wiki/2._Sinfonie_(Prokofjew)

    Da geht man auch von einem Sonatensatz aus, was mich schonmal beruhigt. allerdings hätte ich bereits die Passage ab Ziffer 7 (die Partitur gibt's auch separat bei IMSLP) als zweiten Themenkomplex aufgefasst.

  • Heute Roschdestwenski versucht, aber rasch abgebrochen. Wirkte auf mich klanglich sehr mäßig, orchestral nicht überzeugend - so schrill brauche ich es nicht. Gaffigan oder auch Litton packen mich nicht weniger und sind technisch klar vorn.

  • Heute Roschdestwenski versucht, aber rasch abgebrochen. Wirkte auf mich klanglich sehr mäßig, orchestral nicht überzeugend - so schrill brauche ich es nicht. Gaffigan oder auch Litton packen mich nicht weniger und sind technisch klar vorn.

    Beispiele, wo mir der raue (sowjet)russische Tonfall missfällt, gibt es diverse. Aber bei diesem Werk spricht er mich dann doch an und ich empfinde den Klang als gar nicht so mäßig. :)

    Gaffigan reizt mich jetzt aber sehr. Dessen Integrale soll es noch werden - aber keine andere und keine spätere weitere ... :alte1:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Habe nun auch in andere Aufnahmen hineingehört, bleibe aber bei meiner Präferenz, Ozawa, Berliner Philharmoniker. Bei discogs findet man auch die Einzel CD mit den Symphonien 2 und 7.

    https://www.discogs.com/de/release/3327743-Prokofiev-Berliner-Philharmoniker-Seiji-Ozawa-Symphonies-Nos-2-7

    Bei jpc ohne Cover:

    Bei manchen anderen Aufnahmen ist mir persönlich die sofortige Kriegs-Assoziation zu nah. Bei den Berliner Philharmonikern "tröstet" mich die Musik durch das für mich magisch gute Orchesterklangbild - es ist "nur" große, tolle symphonische Musik des 20. Jahrhunderts.

    Freue mich die nächsten Wochen unter anderem auf die Entdeckung der weiteren Symphonien, die ich noch nicht kenne und danke noch einmal für die dieswöchige Wahl.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Habe nun auch in andere Aufnahmen hineingehört, bleibe aber bei meiner Präferenz, Ozawa, Berliner Philharmoniker.

    Das freut mich insofern schlichtweg, weil ich zu meinen persönlichem Internet-Beginn vor nunmehr 23 Jahren und bald darauf dem Kontakt mit Musikforen mehrfach mit der Meinung konfrontiert wurde, diese Aufnahme sei nicht viel wert. Da kommt der Anfänger - nicht musikalisch generell natürlich, aber bezüglich der mangelnden Vergleichserfahrung eben sehr wohl - ins Grübeln ... Bereut habe ich die weiteren drei Einspielungen, die ich mir später zugelegt habe, freilich ebenso wenig. Aber das steht ja bereits im Thread hier.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Doch, doch, wir Maßstablosen müssen zusammenhalten. Karajans Sibelius schätze ich als Karajan-Skeptiker.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Wollte ich gerade sagen. Bei seinem Sibelius bin ich bei euch.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Die Prokofjew-Woche neigt sich dem Ende.

    Morgen wird andréjo uns sein nächstes Stück der Woche präsentieren. Mutmaßlich bleiben wir im 20. Jahrhundert, wechseln aber das Land. Aber wer kann das wissen!?

    Danach geht es in dieser Reihenfolge weiter:


    Abendroth

    • Agravain
    • Areios
    • music lover
    • AlexanderK
    • Cherubino
    • putto
    • Wolfram
    • Algabal
    • Beryllo
    • Gurnemanz
    • maticus
    • Braccio
    • Felix Meritis
    • Mauerblümchen
    • Scherzo
    • andréjo


    Auch diesmal gutes Hören und Diskutieren! Und wie immer: alle können hier mitschreiben. Wer auch ein Stück vorstellen möchte, wird gern in die Liste eingepflegt.

  • Dann will ich mal eine kindgerechte Schnitzeljagd anbieten:

    1. Braccio hat Recht, wie so oft.

    2. In einem günstigen Faden war jemand, der sich nach einem Aufklärungsdichter benannt hat, in seinem vorletzten Beitrag dabei.

    3. Sollte sich in zwei Stunden noch niemand gemeldet haben, bestehen zwei Möglichkeiten:

    0. Zu blöd, das Ganze.

    4. Es gibt noch einen Tipp, einen sehr klaren.

    Ob 0 oder 4. zutrifft, entscheide ich nach Gutdünken. :pfeif::huh:?(

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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