Musikstück der Woche - ein lockerer Austausch

  • Besten Dank, lieber Abendroth, für diese schöne Anregung - auch wenn Rameau gerade nicht so ganz in meinen Focus paßt, was sich natürlich ändern kann! Mir ist seine Cembalomusik so gut wie gar nicht bekannt. Umso mehr überrascht mich, daß ich diese Aufnahme in meinem Regal finde:
     
    William Christie, clavecins Goujon-Swanen (aufg. 1983)

    Werde ich mir vornehmen.

    :)

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Das MdW ist die a-moll Suite aus den Nouvelles Suites de pièces de clavecin von Jean-Phillippe Rameau die ca. 1728 veröffentlicht wurden.

    Was für eine schöne Wahl! Da möchte ich mich zumindest kurz beteiligen, weil ich diese Stücke wahnsinnig liebe. :verbeugung1:

    Ich kenne sie schon sehr lange und seit der Tharaud-Aufnahme aus 2001, die für mich das Nonplus ultra darstellt. Das schon vorweg also.

    Es gab und gibt Zeiten, da höre ich Rameaus Cembalowerke täglich in Dauerschleife (jetzt auch wieder durch Deinen Post). Das sind so elegante und ästhetisch raffinierte Stücke, so reich an fließenden Melodien, die sofort ins Ohr gehen, sich aber überhaupt nicht abnutzen über die Zeit. Das mag an ihrer Komplexität oder der rhythmischen Vielfalt liegen, jedenfalls klingen sie für mich bei jedem Hören wieder lebendig und frisch. Das ist für mich total zeitlose Musik im besten Sinne.

    Alexandre Tharaud: Tharaud habe ich auf CD. Ich liebe diesen Pianisten sowieso, aber hier besonders für seine feine Eleganz und Klarheit. Das klingt bei ihm alles wunderbar leicht und transparent, rhythmisch präzise und sorgfältig durchdacht. Die Gavotte ist mein Lieblingsstück und die spielt Tharaud zum Niederknien, herrlich tänzerisch und unbeschwert. Das ist IMO eine absolut mitreißende und abwechslungsreiche Aufnahme.

    Marcelle Meyer: Und weil Tharaud ein Schüler von Marcelle Meyer war, besass ich auch einmal die Aufnahme dieser französischen Pianistin. Ich habe eben mein Gedächtnis daran aufgefrischt und mir Meyers Interpretation im Stream angehört. Sie spielt auch elegant und ausdrucksstark und ohne Zweifel ist ihre Interpretation bedeutsam. Das ist eine elegant und virtuos gespielte Aufnahme, trotzdem hängt mein Herz nicht dran, ohne dass ich die Gründe genau benennen könnte. Vielleicht fehlt mir ein wenig die verfeinerte Raffinesse, wie Tharaud sie zeigt.

    Tzimon Barto: Dann habe ich noch Barto auf Ondine aus 2006. Barto ist deutlich langsamer unterwegs als Tharaud und Meyer. Er legt den Fokus - will man es positiv ausdrücken - auf die musikalische Ausdruckskraft und die emotionale Tiefe der Stücke. Man könnte auch sagen: Das ist schon sehr expressiv interpretiert, hart an der Grenze zu Manierismen. Grins1 Da mag man das Tänzerische und Leichte etwas vermissen, auch sind Tharaud und Meyer viel eleganter. Trotzdem liebe ich Barto hier irgendwie.

    Bruce Liu: Von Bruce Liu, der 2021 den Internationalen Chopin-Wettbewerb gewann, habe ich an anderer Stelle schon ausgiebig geschwärmt. Auf seiner CD „Waves“ ist zumindest die Gavotte zu hören. Technisch ist das brillant und reich an Schattierungen; sehr ausdrucksstarkes und wunderbar sinnliches, einfach umwerfend schönes Klavierspiel. Da würde ich mir unbedingt mehr Rameau wünschen.

    Wünschen würde ich mir auch eine Aufnahme dieser Stücke von dem isländischen Pianisten Vikingur Ólafsson. Er hat etwas Rameau aufgenommen und seine klare, frische und moderne Herangehensweise klingt sehr vielversprechend.

    Reingehört habe ich vorhin noch in einige Sachen auf dem Cembalo (das ist nix für mich, das ertrage ich leider immer nur sehr kurz) und in die Hewitt-Aufnahme (hier auch nur in die Gavotte, die ich als recht schleppend und wenig ansprechend empfand).

  • Ich selbst habe überhaupt keine Probleme damit, Musik für Cembalo auf dem modernen Flügel zu hören. Ohne Tharaud und Meyer hätte ich an dieser Suite nie so viel Gefallen gefunden. Und ich kann Cosima nur zustimmen: auch für mich ist Tharaud erste Wahl. Ohne seine Aufnahme hätte ich diese Rameau-Suite gar nicht erst als MdW vorgeschlagen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass dies nicht der "echte" Rameau ist. Aber spielen Gould, Schiff, Perrahia oder Brendel keinen Bach, nur weil sie einen Steinway oder Bösendorfer (etc.) verwenden?

    Mit der Live Allemande Blandine Rannous' (s.o.) habe ich Schwierigkeiten. Natürlich, Tharaud hat sich bei mir so eingeprägt, dass meine spontane Reaktion "So geht das doch gar nicht" ist. Und zwar wegen des Tempos. Bei Rousset habe ich das Problem nicht. Passt dieses Tempo wirklich zum Charakter der Musik? Marcelle Meyer empfinde ich in der Allemande als zu schnell. Aber Rannou ist gewiss keine Ausnahme. Es gibt auch Aufnahmen auf dem Klavier, die ein flüssiges Tempo vermeiden.

    Kann man aus der Bezeichnung "Allemande" etwas bezüglich der Tempofrage ableiten?

  • Aber spielen Gould, Schiff, Perrahia oder Brendel keinen Bach, nur weil sie einen Steinway oder Bösendorfer (etc.) verwenden?

    Eben. Aber das ist eine andere Diskussion, wer Bach spielt und wer nicht, und was es heißt "Bach" zu spielen und worauf es tatsächlich heute ankommt, musikalischer Museumsbesuch oder Musikerlebnis für Menschen des Jahres 2024 und und und ... ein weites Feld. ;)

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Normalerweise wäre eine Allemande wohl schneller als bei Rannou, aber die verschiedenen Tänze haben nicht immer dasselbe Tempo. Sarabanden sind meistens langsam, aber es gibt auch ausgesprochen rasche (etwa bei Albinoni). Gigues sind immer rasch, Bourreen und Gavotten aber nicht. Eine Allemande würde ich am ehesten mit der Vorschrift "moderato" assoziieren.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Oh je, so sehr ich Trifonov ansonsten schätze, aber das ist IMO nix. Habe jetzt nur die Gavotte gehört, aber das spricht mich gar nicht an.

    Bruce Liu mit der Gavotte ist hier zu sehen und zu hören:

    Bruce Liu - Rameau: Gavotte et six doubles, RCT 5/7
    Listen to Bruce Liu's new album "Waves": http://dgt.link/Liu-WavesDiscover full concert performances and operas on STAGE+, the new streaming service from Deu...
    www.youtube.com

    Tharaud liegt mir zwar noch viel mehr, aber Lius Klavierspiel hat hier einfach für mich diese sinnliche, unwiderstehliche Schönheit, die dem Charakter der Musik auch sehr gut steht.

  • Nachtrag zur Allemande: vielleicht kann man die Allemande aus der D-Dur Partita von Bach ganz gut als Vergleich heranziehen. Auch diese Allemande ist langsam und ausgedehnt.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Natürlich bin ich mir bewusst, dass dies nicht der "echte" Rameau ist.

    Was wäre denn der "echte"? Mir ging's gar nicht um die Frage der "Authentizität" oder sowas. Mir ging's nur um meine persönlichen Hörvorlieben.

    Aber spielen Gould, Schiff, Perrahia oder Brendel keinen Bach, nur weil sie einen Steinway oder Bösendorfer (etc.) verwenden?

    Doch, tun sie. Aber ich höre mir das nicht (oder nur ungern) an. :)

    Adieu, Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Auch von mir noch mal Dank für diese Wahl, gerade auch weil Rameau um mich in den letzten sowieso herumgeistert. Von daher passt dieses MdW natürlich bestens.

    Umso mehr überrascht mich, daß ich diese Aufnahme in meinem Regal finde:

    William Christie, clavecins Goujon-Swanen (aufg. 1983)

    In meinem Regal ist sie noch nicht, habe sie erst gestern bestellt, zusammen mit Marcelle Meyer, die ich mir zuvor in der Tube angehört hatte. Persönlich stört es mich nicht, ob ich nun Klavier oder Cembalo habe, aber hier mal wieder den direkten Vergleich zu hören, finde ich ganz spannend.

    Während Christie sozusagen eine Blindbestellung ist, war ich von der Meyer sofort extrem fasziniert.

    Vielleicht fehlt mir ein wenig die verfeinerte Raffinesse

    schrieb Cosima dazu und das kann ich sogar nachvollziehen, aber mich stört das weniger. Mich zieht dieses ungemein kraftvolle Spiel an und auch die quasi innere Notwendigkeit sich mit Verzierungen, die sie wunderbar ausspielt, zu äußern, sich dadurch mitzuteilen.

    Tharauds Version der Allemande habe ich gerade in der Tube gehört und bin gleichfalls sehr fasziniert. Während mir bei der Meyer so viel gleichzeitig abzulaufen scheint, wird mir der Verlauf bei Tharaud viel deutlicher. Nachdenklicher, gemessener und vielleicht ein Hauch Melancholie dabei. Und dabei immer den Tanzschritt bedenkend, der ja wohl kein Eilen durch den Saal war, sondern eher ein 'normales' Schreiten. Ich befürchte, ich muss nochmal auf den Bestellbutton klicken.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Und dann (off topic) wirst Du seine Couperin-CD bestellen ...;)

    Auch OT: Nein, natürlich nicht, ich bleibe standhaft, fest und um mal Shakespeare einzuwerfen: 'constant as the northern star'!!! Und um dann doch umzukippen. Ich kenn mich ja. Grins1 Also bitte keine weiteren Tipps. ;)

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

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  • Und hier die berühmte historische Aufnahme mit Marcelle Meyer (erste Hälfte der 1950-er Jahre):

    [Classical Music] Rameau - Nouvelles suites de pieces de clavecin By Marcelle Meyer (youtube.com)

    Die hörte ich eben. Ja, das ist fantastisch gespielt. Sehr nuanciert und niemals gefettet romantisiert. Echt schön. Man sitzt da und findet alles gut. Fast alles. Denn, aber ach, das Instrument. Es klingt in meinen Ohren blöderweise falsch. Da kommt mir Belder, obgleich ungleich 'trockener' erstmal einfach deutlich näher. Liegt an mir. :(

    Adieu, Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Den Trifonov mit der 'Allemande' gibt es auch noch aus Cleveland. Das ist schon sehr romantisch - verträumt, entbehrt aber für mich nicht einer gewissen Überzeugungskraft, auch wenn ich die ganze Suite so nicht hören möchte. Aber ich finde es schon interessant, wie weit er Rameau dehnen kann, auch zeitlich, so dass er in Chopin - Nähe gerät, ohne dass es in meinen Ohren nun völlig abstrus klingen würde.

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    :wink:Wolfram

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  • wird mir der Verlauf bei Tharaud viel deutlicher. Nachdenklicher, gemessener und vielleicht ein Hauch Melancholie dabei. Und dabei immer den Tanzschritt bedenkend, der ja wohl kein Eilen durch den Saal war, sondern eher ein 'normales' Schreiten.

    Das empfinde ich ganz genauso (hätte es aber nicht so gut ausdrücken können). Ich höre bei Tharaud ganz deutliche Linien und, bildlich gesprochen, fett und dünn gedrucktes. Und ganz gewiss auch einen Hauch Melancholie, ohne den das Stück weniger reizvoll wäre. Und das Spiel hat einen Puls.

  • Eine kleine Randbemerkung zu dem oben erwähnten Couperin. Couperin ist zwar 15 Jahre älter als Rameau, aber als Couperin seine ersten Hefte für Cembalo veröffentlichte, hatte Rameau schon sieben Jahre früher als Couperin seine ersten Suiten für Cembalo geschrieben.

  • Ich höre bei Tharaud ganz deutliche Linien und, bildlich gesprochen, fett und dünn gedrucktes.

    Das wiederum finde ich sehr treffend ausgedrückt, weshalb ich mir nun den Tharaud bestellt habe und (Philbert hat Schuld. ;)) den Couperin gleich mit. Aber nun ist Schluss.

    Auch wenn ich nun noch den Rousset/Cembalo gehört habe, der für mich eine ganz andere Klangwelt, mit Betonung auf Welt (!), bedeutet. Ein Tempo, dass ich als genau richtig empfinde und dabei zeigt er eine Spielfreude, eine Lust mit Tönen und Verzierungen zu arbeiten und zu spielen, zwar immer vorwärtsschreitend, die Horizontale nicht aus dem Blick verlierend, aber immer auch, sozusagen im Vertikalen, die Fülle des Klangs und der Möglichkeiten betonend und auslotend, die mich wirklich sehr beeindruckt.

    Aber nun ist Schluss! Also wenigstens warte ich erstmal den Christie auf dem Cembalo ab. Grins1

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Einmal mehr bin ich auf die Aufnahme mit Christie gespannt, denn ich empfinde die Variationen in der 'Gavotte' mit Rousset, in diesem Tempo, zu gehetzt, fast zwanghaft, zu sehr auf 'Rausch' setzend.

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