"1984" von Lorin Maazel in Regensburg

  • DYSTOPIE OHNE HOFFNUNG

    Lorin Maazels Oper in drei Akten „1984“ im Stadttheater Regensburg, 10.6.2023, persönliche Eindrücke

    Dramaturg Ronny Scholz bietet eine halbe Stunde vor Beginn eine Einführung an, die übergut besucht ist. Er fragt gleich, wer aller George Orwells Roman gelesen hat. Dass viele aufzeigen, überrascht und freut ihn.

    Scholz erläutert, dass Orwell hier einen Horror-Überwachungsstaat zeigt, eine gläserne Gesellschaft, in der alles reguliert ist. Das Liebespaar gerät durch die Geheimpolizei in einen Hinterhalt und wird durch grauenhafte Folter angepasst.

    Wir erfahren, dass im Jahr 2000 die Rechte für Orwells Roman frei wurden. Die spektakuläre Uraufführung 2005 in London wurde von der Presse verrissen. Der Hauptvorwurf an Maazel ging in Richtung fehlender Personalstil. Scholz hebt hervor, das Ekklektizistische, die große stilistische Bandbreite, sei von Maazel gewollt. Für Regensburg wurde das Orchester reduziert. Die Partitur wird durch Leitmotive und musikalische Fratzen geprägt, so Scholz. Es gibt auch Anklänge von Volksliedern. Wir erleben die dritte von insgesamt zehn Vorstellungen.

    Und das erleben wir:

    Ozeanien ist ein Staat der totalen Unterordnung und Entmenschlichung: Verherrlichung des Großen Bruders, ausschließlich Big Brother Wirtschafts- und Kriegs-Erfolgsmeldungen im Propagandafernsehen, eine vereinfachte „Neusprache“ als Amtssprache, öffentliche Hinrichtungen, Gedankenpolizei, Folter bis zur Gleichschaltung.

    Hassovationen der Mitarbeiter des Ministeriums für Wahrheit gegen die Feinde des Systems öffnen den (mit Pause) zweidreiviertelstündigen Blick in diesen Staat, musikalisch die Kälte beängstigend, aber faszinierend farbig unterstreichend.

    Konzentriert heruntergebrochen wird das Geschehen im Libretto von J. D. McClatchy und Thomas Meehan nach dem gleichnamigen Roman von George Orwell auf die ungeschönte Vorführung des Systems, und darin auf die große klassische Geschichte vieler Dramen – ein Paar findet sich in verstörend liebloser Umwelt. Hier nimmt die Geschichte von Winston und Julia eine schlimmstmögliche Wendung. Sie werden verraten, und Winston wird so lange gequält, bis er selbst zum Verräter wird. Am Ende sind die beiden völlig gleichgeschaltet im System, ohne jegliche Hoffnung.

    Die Inszenierung von Sebastian Ritschel verdeutlicht in einer düsteren Stahlhalle (Bühne (Kristopfer Kempf), die sich aber mit Wandsenkung auch klaustrophobisch verengen oder mit Hebebühne kurz „traumhaft“ heben kann, sowie mit gleichförmig alle uniformiert in Arbeitskleidung zwingende Ozeanier die fatale Dystopie. Immer wieder blecken uns zwischendurch die Fernseh-Erfolgsmeldungen des Systems aufdringlich mit Schwarzweißbildern im Stil der Wochenschauen der 40er Jahre an, die Verkaufsstatistiken und Kriegsfortschritte preisend.

    Lorin Maazels Partitur, von Norbert Biermann im Auftrag des Theaters Regensburg für mittelgroßes Orchester bearbeitet, schillert so farbig wie erschreckend systemkalt, sie psychologisiert das Dystopische ins brutal Zynische. Puccineske Oasen des Menschseins (mit Winston und Julia) lassen (letztlich vergeblich) hoffen. Stilistisch schließt Maazel an Leonard Bernsteins ekklektizistischen „amerikanischen“ Operncharakter von „A Quiet Place“ an, großteils freitonal rezitativische Szenen, mit bewussten Stilbrüchen Richtung Volksmusik und Broadway. Das Tableau der gewaltigen Hinrichtungsszene im 4. Bild des 1. Aktes (optisch wie musikalisch fast nicht auszuhalten, ein Mann wird aufgehängt und mit Elektroschocks „erlöst“, und danach verstört die Explosion einer Raketenbombe) bezieht auch schauderlich gleichgeschaltet den Kinderchor ein. Wenn der Gedankenpolizist O´Brien als vermeintlich Mitfühlender das Paar anschleimt, tut er das mit einem extrem unangenehmen, widerlich verführerischen Walzer. An entscheidenden Schlüsselstellen bricht Maazel das verzweifelt Rezitativische Winstons mit den Auftritten einer Broadwaysängerin auf. Das sind Momente wie in der „West Side Story“ das „Somewhere“, wie aus einer anderen Welt, Fetzen der Erinnerung an ein glücklicheres Dasein.

    Den Großteil des 3. Aktes ist Winston in der Folterkammer aufgespannt. Er erhält dabei wie nebenbei Elektroschocks von O´Brien. Szenisch wie musikalisch „tröstet“ allenfalls (und „mahnt“ gleichzeitig eindringlich), dass es hier an diesem Ort ja wirklich nur Theater ist. Und dann muss Winston auch noch ins berüchtigte Zimmer 101, wo er mit seinem größten Horror, den Ratten, konfrontiert wird. Das bricht ihn endgültig, er verrät Julia und ist damit „geheilt“. Regisseur Ritschel löst diese Szene, wie man sie aus Inszenierungen von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ kennt, mit Winston (davor in seinem letzten Identitätskampf an den Wänden gespiegelt) unsichtbar, von einer Bewachergruppe umringt, die jedes Entkommen unmöglich macht.

    In Regensburg wird Englisch gesungen. Deutsche Übertitel helfen dem Publikum. Das Ensemble singt und spielt sich die Seele aus dem Leib und tut alles, diese eigentlich nur erschreckende, niederschmetternde Geschichte eindringlich auf die Bühne zu bringen. Orchester und Chöre unter der Leitung von Tom Woods, Bariton Jan Żądło als scheiternder „letzter Mensch“ Winston, Sopranistin Theodora Varga als Julia, Tenor Anthony Webb als brutal zynischer O´Brien und alle anderen – eine geschlossen konzentrierte Ensembleleistung fesselt trotz des enorm fordernden und einige sicher sowohl inhaltlich als auch musikalisch überfordernden Geschehens.

    Beängstigend die Schlussszene, die Verkündigung des Sieges gegen Ostasien, und die Begegnung zweier weiterer Ozeanier mit Herzen aus Stein. In „Die Körperfresser kommen“ gibt es da wenigsten noch eine nicht Gleichgeschaltete, aber auch dort ist fraglich, wie lange noch…

    Die Kritik im Münchner Merkur kann man ohne Sperre lesen:

    "1984" wird im Theater Regensburg am Bismarckplatz bis 19.07.2023 noch siebenmal aufgeführt-

    Spielplan
    Webseite des Theaters Regensburg
    www.theaterregensburg.de

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Vielen Dank, lieber Alexander, für die eindrucksvolle Schilderung einer offensichtlich eindrucksvollen Aufführung! Wenn es nicht so weit wäre für mich, würde ich nach der Lektüre Deiner Besprechung sicher eine der noch ausstehenden Aufführungen besuchen.

    Vielleicht wäre 1984 auch etwas für andere Häuser?

    Den Roman habe ich vor langer Zeit gelesen (das war noch vor 1984); eine beklemmende und unvergessene Leseerfahrung!

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!