West - östlicher Kulturaustausch

  • Naja, TV war natürlich ein bedeutender Faktor, wenn man nicht gerade im 'Tal der Ahnungslosen' wohnte. Und westliche Klassik-Aufnahmen auch in der DDR erhältlich, überrascht mich beim weiteren Nachdenken eher auch nicht. Die Werke werden a) als politisch unverdächtig gegolten haben und b) hatte die DDR-Führung immer ein Faible für große, klassische Kunst.

    Vom Westen aus spielten beim Nichtwissen sicherlich noch andere Faktoren mit hinein. Ignoranz, Überangebot hier (warum also noch mehr), politische Vorbehalte usw.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Vom Westen aus spielten beim Nichtwissen sicherlich noch andere Faktoren mit hinein. Ignoranz, Überangebot hier (warum also noch mehr), politische Vorbehalte usw.

    Ja, ich glaube, das trifft es sehr gut.

    Es ging offenbar ja sehr schnell, dass die nach dem Krieg geborene Generation, die also bewusst nie einen anderen Zustand mitbekommen hatte, die DDR nicht als Teil des eigenen Landes wahrnahm, sondern als Ausland. Und wenn man von Westdeutschland ins Ausland blickte, dann auf Länder, in die man auch reisen konnte, auf Italien, Frankreich, Großbritannien usw. usf., nicht hinter den eisernen Vorhang.

    Aber ich nehme mit: Wenn man gewollt hätte, hätte man durchaus wissen und hören können, wer in Ostberlin, Dresden oder Leipzig gerade so sang.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Im Westen hat man die Opernlandschaft der DDR immer so etwas ignoriert. Die größten Stars hatte man hier auch und der Rest wurde als so etwas provinziell angesehen. Die westlichen Reisestars konnte man sich im Osten auch nicht leisten, an der Staatsoper sang Domingo erst nach der Wende.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Und wenn man von Westdeutschland ins Ausland blickte, dann auf Länder, in die man auch reisen konnte, auf Italien, Frankreich, Großbritannien usw. usf., nicht hinter den eisernen Vorhang.

    Absolut. Das weiß ich auch aus persönlicher Erfahrung. Als ich anfing bewusster zu sein, wurde Internationalität immer wichtiger und die fand man eben im Westen. Gleichzeitig waren wir damals (Pubertät und danach) ja sehr politisch, von daher verteidigte ich die DDR eigentlich immer, aber nur, weil meine Eltern sie kritisierten. Und dem durfte man ja nicht zustimmen. Grins1 Aber weiter geschaut habe ich natürlich auch nicht. Zudem war mein kulturelles Hauptbetätigungsfeld damals (Anfang/Mitte 70iger) die Popmusik und der Film und da waren wir halt alle durch USA und England geprägt. Westdeutsche Erzeugnisse (vor Lindenberg) waren schon schwer erträglich, von daher schauten wir selbstverständlich schon gar nicht weiter Richtung Osten.

    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

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  • Bei den DDR-Instrumentalsolisten war zumindest der Trompeter Ludwig Güttler zu Recht eine ganz große Nummer, den ich mal 1986 in einem Konzert in Kassel mit den Virtuosi Saxoniae erlebte und der auch sonst zu DDR-Zeiten im westlichen Ausland einige Konzertreisen unternahm und seine Aufnahmen im Westen in den 1980er Jahren beim Capricco-Label erschienen.

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Aber ich nehme mit: Wenn man gewollt hätte, hätte man durchaus wissen und hören können, wer in Ostberlin, Dresden oder Leipzig gerade so sang.

    Im Westen hat man die Opernlandschaft der DDR immer so etwas ignoriert.

    Ab 1977 habe ich angefangen, klassische Musik zu hören und natürlich hätte ich spätestens dann meinen Blick auch 'rüber' richten können. Aber das war die Zeit, in der man eben mit all den westlichen Stars verwöhnt wurde und wenn jemand aus der DDR auftrat (Adam, Schreier, Vogel, Lorenz, Büchner), dann liefen sie bei uns eben auch unter international. Warum sonst hätten sie bei uns auftreten dürfen? Damit waren sie gedanklich in einer Kategorie mit den anderen und weiter habe ich dann nicht gedacht, höchstens, dass es dort 3 bis 5 tolle Sänger und dann ist Schluss. Westliche Arroganz eben.

    :wink:Wolfram

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  • Im Westen hat man die Opernlandschaft der DDR immer so etwas ignoriert. Die größten Stars hatte man hier auch und der Rest wurde als so etwas provinziell angesehen. Die westlichen Reisestars konnte man sich im Osten auch nicht leisten, an der Staatsoper sang Domingo erst nach der Wende.

    Ich glaube, das war viel eher der südliche (München) Blickwinkel als der westliche. In West- und Norddeutschland hat man sich weit mehr dafür interessiert - und DDR-Regisseure ja auch häufig nach Westdeutschland eingeladen, nicht nur Berghaus, Kupfer und Herz (den sogar nach München), vormals auch Felsenstein und Friedrich, als der noch DDR-Bürger war, sondern etwa auch Erhard Fischer, der regelmäßig in Westdeutschland inszeniert hat.

    Die führenden DDR-Opernhäuser gastierten freilich nicht nur in Hamburg und Wiesbaden, sondern auch in München, z.B. die Komische Oper Berlin mit "Giustino". Westintendanten besuchten auch die Ost-Premieren und umgekehrt. Also: So ganz scheint mir das nicht zu stimmen, was du da etwas pauschal sagst.

    Domingo sang erst nach der "Wende" in Ostberlin, richtig, aber Freni, Norman, Ghiaurov, Carreras und andere sangen schon in den 1980er Jahren in Ostberlin - natürich zu besonderen Anlässen wie dem 750-Jahre-Berlin-Jubiläum. Und Bernstein dirigierte nicht erst im Dezember 1989 die "Ode an die Freiheit" im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, sondern schon einige Konzerte davor, als die Mauer noch stand.

    Apropos Austausch: Als anlässlich 750 Jahre Berlin eine Aufführung der Neunten im Palast der Republik stattfand (unter Kurt Sanderling sangen Bundschuh, Priew, Schreier und Adam die Solo-Rollen, fast alle Ostberliner Profichöre waren gemeinsam auf dem Podium vertreten), saßen in der 1. Reihe natürlich die DDR-Granden und die Granden der "Bruderstaaten". Aber in der 2. Reihe saßen bundesdeutsche Landesfürsten wie Klaus von Dohnanyi oder Oskar Lafontaine! Grins1 Es gab also durchaus einen "Austausch" zu solchen Anlässen...

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ja ich auch. Staatsoper Berlin und Dresden war hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Da die Leute nicht international auftraten, waren sie eben auf dem Level eines ordentlichen Stadttheaters. Casapietra, Ritzmann, das waren so Namen, die man irgendwann mal gehört hatte.

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  • und der auch sonst zu DDR-Zeiten im westlichen Ausland einige Konzertreisen unternahm

    Güttler war damals jemand, der Musik machte, die mich weniger interessierte (war halt Opern-Freak), aber an seine Aufnahmen, also an die Cover, erinnere ich mich auch noch. Der lief dann aber bei mir unter 'Priviligierte, die reisen dürfen', genauso wie die entsprechenden Opernsänger. Und unbewusst mag da auch der Gedankengang mitgeschwungen haben: die besten Künstler lassen sie in der sich präsentieren dürfen, der 'Rest wird nicht so toll sein.

    Wie gesagt, bei mir ganz viel westliche Arroganz und Ignoranz mit einer Vielfalt von Gründen. Wir waren aber eben auch immer Kinder unserer Zeit und die hatte schon Spuren hinterlassen.

    Die offizielle Linie war eben ganz lange, dass die DDR der zurückgebliebene Rest war, der auf keinem Gebiet (Sport ausgenommen) mit dem Westen mithalten konnte.

    :wink:Wolfram

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  • Westliche Arroganz eben.

    Ja ich auch. Staatsoper Berlin und Dresden war hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen.

    Passt! Grins1

    Von den Dirigenten kamen nicht nur Karajan und Böhm gerne zu Aufnahmen nach Dresden, sondern auch Sawallisch oder Jochum (Jochum dirgierte in den 1970er Jahren auch an der Berliner Staatsoper).

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Der lief dann aber bei mir unter 'Priviligierte, die reisen dürfen', genauso wie die entsprechenden Opernsänger. Und unbewusst mag da auch der Gedankengang mitgeschwungen haben: die besten Künstler lassen sie in der sich präsentieren dürfen, der 'Rest wird nicht so toll sein.

    Na ja, den letzten Halbsatz einmal beiseite gelassen war dieser Gedanke doch vielleicht auch nicht ganz verkehrt, oder?

    Ich würde ihn noch durch ein zweites Vorurteil ergänzen, das vielleicht auch aus westlicher Arroganz entsteht, vielleicht aber auch einen wahren Kern hat: Die besten Künstler lässt man reisen, sich präsentieren und etwas Gutes tun für Image und Kasse des Staates - aber auch die politisch besonders angepassten und zuverlässigen.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • in West- und Norddeutschland hat man sich weit mehr dafür interessiert

    Das waren aber zunächst einmal die Intendanten. Inwiefern es zum Publikum durchsickerte, ist noch einmal eine andere Sache.

    Apropos Austausch: Als anlässlich 750 Jahre Berlin

    Das war aber wirklich eine besondere Situation. Immerhin 'probten' beide Teile damals endlich mal einen stärkeren Austausch auf auf offiziellerer Ebene.

    Casapietra

    Sie hatte ich völlig vergessen. Die Casapietra habe ich häufiger in Hamburg erlebt, aber mir nie Gedanken gemacht, woher sie eigentlich kommt. Und so war das sicherlich häufiger der Fall.

    :wink:Wolfram

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  • Die besten Künstler lässt man reisen, sich präsentieren und etwas Gutes tun für Image und Kasse des Staates - aber auch die politisch besonders angepassten und zuverlässigen.

    Zweiter Teil des Satzes schwang immer bei uns mit. Man hörte mit Begeisterung, schaute gleichzeitig immer ein wenig mit gemischten Gefühlen hin, verdrängte diese Vorbehalte dann aber.

    Aber letztlich bleibt bestehen, dass wir nicht weiter geschaut haben. Die Idee, dass dort, wo solche Spitzenkräfte herkommen, noch viel mehr sein müsste, kam uns einfach nicht.

    :wink:Wolfram

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  • Die offizielle Linie war eben ganz lange, dass die DDR der zurückgebliebene Rest war, der auf keinem Gebiet (Sport ausgenommen) mit dem Westen mithalten konnte.

    Und da schaffen die es auch nur mit Doping, um die braven Westler, die sowas gar nie nicht tun würden, um die Medaillen zu prellen!!

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  • um die braven Westler, die sowas gar nie nicht tun würden

    Nie, nie, nie!!! Wir wussten gar nicht, wie man Doping schreibt. :D

    :wink:Wolfram

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  • Ich würde ihn noch durch ein zweites Vorurteil ergänzen, das vielleicht auch aus westlicher Arroganz entsteht, vielleicht aber auch einen wahren Kern hat: Die besten Künstler lässt man reisen, sich präsentieren und etwas Gutes tun für Image und Kasse des Staates - aber auch die politisch besonders angepassten und zuverlässigen.

    Ist aber wirklich ein Vorurteil. Günther Leib war politisch besonders angepasst und zuverlässig, war aber abgesehen vom Beckmesser nicht sonderlich begehrt. Siegfried Lorenz war aufgrund seines kirchlich-familiären Hintergrunds ziemlich unangepasst und wurde in den 1980er Jahren wahnsinnig gerne im West gebucht, vor allem im norddeutschen Raum. Eva-Maria Bundschuh trug schon damals ihre Religiosität beinahe wie eine Monstranz vor sich her - und durfte 1988 dennoch nach Bayreuth. Günter Neumann wurde 1968 aus der SED ausgeschlossen, weil er mit Flugblättern gegen den Einmarsch in Prag demonstriert hatte - und durfte in den 1980er Jahren dennoch viel im Westen machen.

    Entscheidend war nicht die politische Angepasstheit der Leute, sondern viel mehr ihr künstlerischer Wert - wen wollte der Westen haben und wen wollten Regisseure wie Kupfer mit rübernehmen, wenn sie dort etwas machten. Das war entscheidend.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Die Casapietra habe ich häufiger in Hamburg erlebt, aber mir nie Gedanken gemacht, woher sie eigentlich kommt. Und so war das sicherlich häufiger der Fall.

    Casapietra hatte wie Orofino auch die italienische Staatsbürgerschaft, da war es für den Westen unerheblich, dass deren Schaffensschwerpunkt in Ostberlin lag - man wusste, die können immer problemlos kommen, wenn man sie engagiert. Bei DDR-Bürgern blieb immer ein Restrisiko.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Entscheidend war nicht die politische Angepasstheit der Leute, sondern viel mehr ihr künstlerischer Wert - wen wollte der Westen haben und wen wollten Regisseure wie Kupfer mit rübernehmen, wenn sie dort etwas machten. Das war entscheidend.

    Wobei natürlich diese Interna für uns im Westen in der Regel unbekannt waren. Wir wussten sie über Biermann und den entsprechenden Kreis, wir wussten sie bei all den Schriftstellern, aber im Opernbereich waren es DDR-Sänger für uns, die hier singen durften und mehr nicht. Aber das ist eben so bei Vorurteilen.

    :wink:Wolfram

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  • Ein Sonderfall war ja dann wieder Bayreuth, das in den Siebzigern und Achtzigern einen Gutteil des Orchesters aus der DDR und Osteuropa bezog.

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  • Wie hat man eigentlich West-Sänger in der DDR betrachtet? Dort trat dann ja wohl auch nur die Crème de la Crème auf. Hat man neidisch auf den Standard geschaut? Dachte man, dass die auch nur mit Wasser kochen? Hatte das Auswirkungen?

    :wink:Wolfram

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