Neue Musik – wie präsentieren?

Die 14. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins ist beendet.
  • Am 15. September war ich in einem Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko mit folgendem Programm (das auch am 14. und 16. September in Berlin und heute Abend in München wiedergeben wurde):

    Iannis Xenakis: Jonchaies (1977)

    Karl Amadeus Hartmann: Gesangsszene (1962/63)

    Márton Illés: Lég-szín-tér (2023, UA 14.9.)

    György Kurtág: Stele op. 33 (1994)

    Vier Werke, die man der "Neuen Musik" zurechnen kann, und sonst nichts. (Ich weiß, Hartmanns Gesangsszene könnte man zumindest vom Papier her schon als modernen Klassiker betrachten, aber im Ernst: Zu einem Klassiker ist die Gesangsszene, die vom Klangbild her noch schroffer, noch abweisender und auf ihre Art noch kompromissloser wirkt als die Symphonien und von daher vermutlich noch seltener in Konzertprogrammen auftaucht als diese, bisher noch nicht geworden.)

    Das übliche "Verfahren", diese Werke in den Programmen der (sowohl in Hinsicht auf die Besetzung als auch auf die Geltung) großen Orchester zu präsentieren, wäre, eins bis zwei von ihnen an den Anfang des Konzerts zu nehmen und in der zweiten Konzerthälfte dann einen Klassiker à la Brahms, Bruckner, Mahler usw. zu spielen, vielleicht, wenn die Planer etwas wagemutiger sind, einen modernen Klassiker (Stravinsky, Bartók, Berg usw.). Es gibt auch noch die (von mir geschätzte) Roth-Variante, der z.B. Lachenmann mit Rameau und Berlioz kombiniert. Und ich gebe zu: So bemerkenswert ich die hier genannte Programmzusammenstellung gleich fand - die Variante mit dem Klassiker am Ende hätte meine Vorfreude vielleicht noch verstärkt.

    Aber als das Konzert begann und die ersten Klänge von Xenakis' Jonchaies zu hören waren, ist etwas in mir vorgegangen, das mir vielleicht erst nach dem Konzert richtig bewusst geworden ist, in meinem Kopf war sowas wie: "So, das ist jetzt das Konzert, so wird das heute Abend klingen. Da kommt kein [Brahms, Mahler, Bartók] später, den du kennst,und der dir Entschädigung und Erholung bringt nach der 'Anstrengung', die du jetzt hast, also konzentriere dich und hör dich da rein!"

    (Ich hab diesen Gedankengang zur Verdeutlichung jetzt etwas zugespitzter formuliert, als er sich tatsächlich dargestellt hat. Ich würde mich schon als aufgeschlossen Neuer Musik gegenüber bezeichnen, ich meide sie nicht und setze mich ihr gerne aus, aber dass ich gezielt in Konzerte mit vor allem Neuer Musik gehen würde, ist selten der Fall. Wahrscheinlich bin ich eigentlich genau der Kandidat für den, auch größeren, Happen Neue Musik am Anfang, für dessen Aufnahme man dann später mit Gewohnterem und den üblichen Hörerfahrungen Entsprechendem belohnt wird.)

    Unterdessen wurde ich sehr schnell in das, was ich hörte (also nach Xenakis dann Illés, Hartmann und Kurtág), involvierter und zwar in einer Weise, wie das bei mir unbekannter Neuer Musik (abseits von Ligeti, Zimmermann und Rihm z.B.) sonst kaum mal der Fall ist, und mir wurde (so richtig nach dem Konzert dann) klar, woran das vor allem lag, nämlich an dieser kompromisslosen Programmzusammenstellung.

    Wenn ich ein Stück Neuer Musik am Beginn eines "konventionellen" Programms, also vor einer Bruckner-Symphonie z.B., schon gewissermaßen als Pflichtübung präsentiert bekomme, dann höre ich es tendenziell auch so - als Pflichtübung. Sicher offen für das und interessiert an dem, was da zu hören ist, aber auch eben mit dem Gedanken: "Ich hör's mir mal an, wenn es nichts ist, hab ich ja gleich meinen Bruckner." Das wirkt sich aber auf die Intensität des Hörens aus, es ist erstmal distanziert, abwartend.

    Bei diesem Programm war das anders: Hier wurden alle vier Werke als Hauptwerke präsentiert, nicht als kurze verlegene Programmergänzung. Für die Auseinandersetzung mit diesen vier mir bisher unbekannten (Xenakis, Illés) bzw. kaum bekannten (Hartmann, Kurtág) Stücken war ich letztendlich gekommen. Und dieses Bewusstsein bewirkte eben ein ganz anderes, wesentlich intensiveres Hören.

    Für dieses Programm kann man Petrenko m.E. nicht genug loben. Ich bin sicher (ohne es beweisen zu können), dass es auf gewisse Vorbehalte bei Teilen des Orchester und bei der Intendanz stieß, die überwunden werden mussten.

    Dass das Konzert so einen enormen Eindruck auf mich gemacht hat, lag natürlich vor allem auch an der Qualität der Stücke selbst sowie ihrer Anordnung. Der Illés (der – im Unterschied zu einigen Uraufführungen, die ich die letzten Jahre gehört habe – nichts Anbiederndes oder Einlullendes aber auch keinerlei Effekte um des Effekts Willen aufwies) schien mit seinen Motivfragmentierungen und seinen sich überlagernden, aneinander reibenden Klangflächen gewissermaßen mit der explosiven Klanggewalt des Xenakis zu korrespondieren.

    Kutrágs Stele dann gab der Trauer, die in Hartmanns apokalyptischer (von Gerhaher und den Philharmonikern wirklich exemplarisch interpretierter) Gesangsszene keinen Platz hatte, einen abschließenden Ausdruck. Gerade dieses Stück von Kurtág, das sonst eher am Anfang von Konzerten erklingt, wirkte nun als Schlussstück unglaublich stark, da diese letzten fragilen Nachbeben, mit denen es endet (ein fantastischer Schluss), nicht nur vom Werk selbst, sondern vom gesamten Programm des Konzerts mit seinen extremen klanglichen Erschütterungen hervorrufen schienen.

    Nun kurz zum Publikum: Keines der drei Konzerte in Berlin war ausverkauft (für Philharmoniker-Konzerte, erst recht mit dem Chef, natürlich ungewöhnlich), sie waren aber trotzdem sehr gut verkauft (das erste am besten, das dritte am schwächsten), ich habe mir das jeweils 2 Stunden vor Beginn auf der Ticketseite angeschaut und demnach waren (inkl. Abo) sicher mehr als vier Fünftel der Plätze (die drei Konzerte zusammengenommen) vergeben, die drei Termine haben sich also "gerechnet". Wie viele der Abonnenten nicht gekommen waren, weiß ich natürlich nicht, das schien mir vom Augenschein aber nicht dramatisch. Auch in der Pause gab es keinen deutlichen Schwund. Ob die anderen Besucher*innen das Konzert auch so intensiv wie ich erlebt haben, kann ich nicht sagen, aber alle um mich herum schienen absolut konzentriert, keine Verlegenheitsbewegungen, kein Rumgerutsche auf dem Sitz, sehr wenig Räuspern und Gehüstel (und ich bin da, wie sicher viele hier, eher empfindlich).

    Das Konzert vom Freitag wurde von DeutschlandfunkKultur übertragen, aber leider steht kein Stream zur Verfügung. Beim Konzert von heute im Rahmen von musica viva sollte man vermuten, dass es vom BR noch gesendet wird, aber bisher habe ich nichts gefunden.

    (Hier noch Frederik Hanssens Kritik im Tagesspiegel, der ähnlich begeistert wie ich von Konzert und Programmzusammenstellung war.)

    [Über die Platzierung dieses Beitrags im Board "Aufführungspraxis" bin ich mir etwas unsicher, wobei mir die Programmierung von Konzerten durchaus auch die Aufführungspraxis zu berühren scheint. Aber evtl. wäre der Beitrag in "Musik: Erfahren" auch gut aufgehoben.]

  • Hallo Peter,

    ein spannendes Programm - da wäre ich gern auch im Publikum gewesen. Nur Neue Musik an einem Abend zu spielen, ist wahrscheinlich gewagt, aber konsequent. Man kann es sowieso nie allen recht machen.

    Immerhin - in dies Konzert würde ich sofort gehen, auch wenn ich normalerweise nicht gerne Vokalmusik mag. Meine Abneigung wäre eher gegenüber Werken von Bruckner oder R. Strauss :versteck1: und noch ein paar anderen Kandidaten quer durch die Zeiten.

    Petrenko und die Berliner machen es richtig :thumbup:

    Helli

  • Vielen Dank für den Bericht!

    Ja, er ist tief, der Graben zwischen der zeitgenössischen Musik (und damit meine ich nicht die Musik der ersten Hälfte des 20. Jhds.) und ihren potenziellen Hörenden.

    Ein bisschen Offensichtliches vorweg:

    - selbstverständlich wollen die Damen und Herren Komponist*innen ihre Zuhörenden nicht ärgern (irritieren vielleicht schon, doch das wollten auch wesentlich ältere Tonkünstler - bisweilen)

    - der theoretische Unterbau zum einen oder anderen Werk ist ziemlich komplex und bedarf der Erläuterung. Einmal Hören ist da etwas dünn.

    - wer an einer Bestätigung seines Weltbildes durch Kunst interessiert ist, kommt bei zeitgenössischer Musik nicht unbedingt auf seine/ihre Kosten.

    - unser Gehirn mag Dinge, die es kennt. Leibgericht, Lebenspartner, Lieblingsfilm, Lieblingsbuch ... etwas Neues ist demgegenüber anstrengend.

    Wie präsentieren? lautete die Frage ... Erläutern. Erklären. Vermitteln. Brücken bauen.

    Was ist denn die Alternative? Dass der weitaus größte Teil der Musik, die wir hören, aus der Generation unserer Urgroßeltern stammt? Ist nicht gute Kunst vor allem Ausdruck der Zeit, in der sie entsteht? Interessiert uns das nicht?

    Ich finde den Ansatz der Berliner sehr nachahmenswert. NIcht etwas Zeitgenössisches als Feigenblatt zum Beginn des Konzertes, dann ein großes romantisches Konzert, dann nach der Pause eine große Sinfonie oder etwas ähnlich Großes.

    Wie weit man geht, hängt vom Publikum ab ... Letztlich muss das Publikum es goutieren. Für die einen ist ein- und dasselbe Stück der Normalfall, für die anderen jenseits des Denkbaren ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Auch von mir Dank für den Bericht. Ich hatte leider am Wochenende keine Zeit, mir den Livestream des Konzerts anzusehen. Was mich geärgert hat, denn das Programm klingt überaus spannend. Ich werde das dann nachholen, wenn das Konzert im Archiv angekommen der DCH ist.

    Die Zusammenstellung finde ich nicht nur spannend, sondern konsequent und überaus geglückt. Petrenko hat ja schon oft weniger bekannte Werke in seine Konzerte integriert, aber meines Wissens noch nie ausschließlich neuere, selten gespielte wie diese. Orchester und Dirigent wurden erst kürzlich von internationalen Kritikern auf Platz 1 gerankt. Wie sinnvoll diese Rankings sind - geschenkt. Aber ich denke schon, dass es ein guter ergänzender Hinweis darauf ist, in welcher Liga die Berliner weiterhin spielen. Vielleicht fällt es mit einer solchen Reputation dann auch leichter, ein dermaßen gewagtes Programm zu bringen. Meinetwegen jedenfalls gern mehr davon!

  • Zu dem Programm muss man darauf hinweisen, dass das Konzert eben vor allem im Rahmen der „Räsonanz-Konzerte“ der Ernst-von -Siemens-Stiftung in Zusammenarbeit mit Musical viva in München stattfindet. Die Programmgestaltung ist daher sicher sehr von der Siemens-Stiftung mitbestimmt worden und nicht allein aus den Überlegungen Petrenkos. Da die Siemens-Stiftung ja ausschließlich zeitgenössische Komponisten unterstützt, ist es sozusagen Pflicht, keinen Brahms oder Bruckner nach der Pause zu spielen. Insofern ist der Hartmann fast schon grenzwertig ;).

    Obwohl ich eine Einladung der Stiftung mit Freikarten nach München hatte, konnte ich das aus gesundheitlichen Gründen leider nicht wahrnehmen. Das hat mich besonders wegen der Gesangsszene mit Gerhaher sehr geschmerzt.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Vielleicht fällt es mit einer solchen Reputation dann auch leichter, ein dermaßen gewagtes Programm zu bringen.

    Eben - das sollte man meinen! Und doch findet das in dieser Form so gut wie nie statt. "Man" überlässt solche Programme, wenn sie überhaupt stattfinden, meist Spezialistenensembles oder den an die Rundfunkstationen angeschlossenen Orchestern (die in Deutschland selbstverständlich auch eine sehr hohe Reputation haben).

    Die Programmgestaltung ist daher sicher sehr von der Siemens-Stiftung mitbestimmt worden.

    Das ist natürlich denkbar, aber ich würde das vorsichtig in Zweifel ziehen. Abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Petrenko und die Philharmoniker ein Programm maßgeblich von "außen" mitbestimmen lassen, würde ich meine Zweifel auch am Programm selbst festmachen wollen: Der Illés ist ja ein Auftragswerk der Berliner Philharmoniker (nicht von musica viva), die "Stele" ebenfalls (von 1993), Xenakis scheint ein von Petrenko sehr geschätzter Komponist, bereits vor einem Jahr hatte er ihn mit "Empreintes" auf dem Programm für das Musikfest Berlin, gemeinsam mit Zimmermanns Sinfonie in einem Satz und Dallapiccolas "Der Gefangene" - ein Konzert, das also schon eine ähnliche Ausrichtung hatte wie das jetzige, wenn auch noch nicht so konsequent Richtung heute gehend. Ich habe das Gefühl und die Hoffnung, dass Petrenko im Rahmen der Konzerte zum Musikfest Berlin - das ja auch verstärkt zeitgenössische Musik in den Fokus stellen will (was freilich bei den Konzerten der großen anderen Orchester nicht annährend so konsequent der Fall war wie in diesem) - diesen Weg weiter beschreiten will. Den Hartmann (erst recht mit seinem vielleicht avanciertesten Werk) schließlich hätte ich sogar am ehesten im Hinblick auf "musica viva" gesehen (aufgrund seiner engen Verknüpfung damit), aber auch von diesem ist bekannt, dass Petrenko ihn besonders schätzt (was mit den Philharmonikern zuvor erst zu einer Aufführung des Concerto funèbre geführt hat; ich hoffe da sehr auf eine Fortsetzung). Aber auch wenn der Einfluss der Siemens-Stiftung bzw. von musica viva doch größer gewesen sein sollte, wäre es ja weiter so, dass Petrenko und die Planer*innen bei den Philharmonikern gerne darauf eingegangen sind (und gerne auf den eben keineswegs obligatorischen Brahms etc. verzichtet haben ;) ).

    Genau, das und Weiteres sind die Fragen und Anregungen, die sich für mich aus dieser Erfahrung ergeben (natürlich nicht zum ersten Mal, aber diesmal doch sehr nachdrücklich). Was der Konsument mit den wie auch immer gearteten Angeboten macht, ist allerdings seine Sache – aber wie können Angebote aussehen und was gehört dazu, dass es funktioniert? Insofern interessieren mich natürlich Erfahrungen von euch, bei denen solche Angebote euren Nerv getroffen haben (oder vielleicht auch gerade nicht).

  • Hallo zusammen,

    ich habe gestern Abend in der nahezu ausverkauften Isarphilharmonie dem Münchner Konzert mit gleichem Programm und Aufführenden gelauscht und kann nur unterschreiben, was Peter Jott im Eingangsbeitrag schreibt: mit dieser Konzentration auf - der Leiter der Musica Vica nannte es so - eine 'Pinakothek der modernen Musik' war die Gewichtung eine ganz andere als sonst. In München, eben gefördert von den genannten Institutionen, kann man sich regelmäßig in solch qualitätvolle Programme mit neuester Musik vertiefen. Toll für das BRSO ist, dass Sir Simon Rattle, der am Donnerstag sein erstes Konzert als neuer Chefdirigent des Orchesters geben wird - keine neue Musik, sondern die Schöpfung von Haydn - überhaupt sehr gerne bei der Musica Viva mitmacht, gleich am 13.10. gibt er sein erstes Konzert in der neuen Rolle dort (Berio und Zuzaj).

    Letztlich bleibt den Orchestern und Organisatoren nur, diesen Mut zu beweisen und sich auf die Qualität des Aufgebotenen und die Offenheit des Publikums zu verlassen. Das Münchner Publikum hat sicher auch wegen einer der seltenen Gelegenheiten, den alten GMD der Staatsoper hier noch einmal live zu erleben, verstärkt den Weg ins Konzert gefunden, aber lange Gesichter habe ich eigentlich nur bei ganz wenigen Menschen gesehen. Die Musica Viva trägt sicher nicht unerheblich dazu bei, dass es ausreichend viele Besucher mit genügend Offenheit in München gibt. Mit anderen Worten: wenn man sich traut, schroffe Moderne zu programmieren, erzieht man sein Publikum ....

    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Hallo Benno, ich hatte schon gehofft, dass du dich hier meldest (da ich gesehen hatte, dass du das Konzert besuchst), und freue mich über deine Eindrücke!

    Und richtig, dass du Rattle hier erwähnst, der (wie auch Abbado zuvor) bei den Philharmonikern bereits den Weg bereitet hat, den Petrenko hier offenkundig weiter beschreiten will.

  • Der Illés ist ja ein Auftragswerk der Berliner Philharmoniker (nicht von musica viva)

    Auch wenn ich bei bei meinen Vermutungen zum Zustandekommen des Programms bleibe, muss ich das nach nochmaligen nachschauen in Richtung von leverkuehns Argument differenzieren:

    Zitat von von der Website der Berliner Philharmoniker

    Kompositionsauftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker, finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung

  • Die Programmgestaltung ist daher sicher sehr von der Siemens-Stiftung mitbestimmt worden.

    Das ist natürlich denkbar, aber ich würde das vorsichtig in Zweifel ziehen.

    Das war von mir sicher etwas überspitzt formuliert. Ich wollte eigentlich damit nur sagen, was ich in meinem Post ja erläutert hatte, nämlich dass es bei den Räsonanz-Stifter-Konzerten die Vorgabe gibt, nur zeitgenössische Stücke zu spielen.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • [...] dass es bei den Räsonanz-Stifter-Konzerten die Vorgabe gibt, nur zeitgenössische Stücke zu spielen.

    Übrigens würde mich sehr interessieren, wie eng hier der Begriff "zeitgenössische Musik" gefasst ist. Sind der Kurtág und der Xenakis durch die Vorgaben der Räsonanz-Stifter denn noch abgedeckt?

    Das Konzert vom Freitag wurde von DeutschlandfunkKultur übertragen, aber leider steht kein Stream zur Verfügung.

    Der Audio-Stream ist mittlerweile übrigens doch eingestellt und ich freue mich aufs Nachhören.

  • Hallo Benno, ich hatte schon gehofft, dass du dich hier meldest (da ich gesehen hatte, dass du das Konzert besuchst), und freue mich über deine Eindrücke!

    Und richtig, dass du Rattle hier erwähnst, der (wie auch Abbado zuvor) bei den Philharmonikern bereits den Weg bereitet hat, den Petrenko hier offenkundig weiter beschreiten will.

    Was man sich ja auch klarmachen muss, diese Stücke sind zum Teil für riesige Orchesterbesetzungen geschrieben, nach Angaben des Münchner Programmheftes sieht der Xenakis eine 70'er Besetzung der Streicher vor:

    18 erste Violonen

    16 zweite

    14 Bratschen

    12 Celli

    10 Bässe

    Mit einer so riesigen Besetzung saßen die Berliner Philharmoniker auch tatsächlich auf der Bühne, ich glaube ein so großes Orchester habe ich noch bei keinem der von mir besuchten Konzerte erlebt. Das heißt, der Xenakis und der Kurtàg sind von einem 'normalen' Orchester nur in Ausnahmefällen zu stemmen, insgesamt waren gestern ca. 130 Musiker beim Konzert gefordert. Ein irrsinniger Luxus, der in Berlin und München präsentiert worden ist.... Da ist dann eine Stiftung schon ein wichtiger Beitrag zu einem derartigen Programm ....

    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • [...] dass es bei den Räsonanz-Stifter-Konzerten die Vorgabe gibt, nur zeitgenössische Stücke zu spielen.

    Übrigens würde mich sehr interessieren, wie eng hier der Begriff "zeitgenössische Musik" gefasst ist. Sind der Kurtág und der Xenakis durch die Vorgaben der Räsonanz-Stifter denn noch abgedeckt?

    Ich kenne die Interna der Stiftung nicht, bin aber während meiner Münchner Zeit mehrfach bei den Räsonanz-Stifter-Konzerten und auch den Siemens-Preisverleihungen dabei gewesen. Während bei den Preisverleihungen (natürlich) relativ brandneue Stücke der Preisträger gespielt werden (ich rede nicht nur vom Hauptpreis, der zuweilen ja auch an ausübende Musiker geht, sondern speziell auch von den Komponisten-Förderpreisen), ist die Programmgestaltung bei den Räsonanz-Stifter-Konzerten offensichtlich breiter gefächert.

    Als Beispiel hier die Programme der Jahre 2017-2019, in Klammern immer das Entstehungjahr:

    2017:

    Luciano Berio: Call (1987)

    György Ligeti: Lux Aeterna (1966)

    Claude Vivier: Lonely Child (1980)

    Luciano Berio: Coro (1975-77)

    Sophia de Burgos, Sopran

    Musica Aeterna Chor

    Mahler Chamber Orchestra

    Leitung: Teodor Currentzis

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    2018:

    Elliott Carter: Instances (2012)

    George Benjamin: Three Inventions (1995)

    Enno Poppe: Filz (2014)

    Elliott Carter: Penthode (1985)

    György Ligeti: Klavierkonzert (1985/1988)

    Tabea Zimmermann, Viola

    Pierre-Laurent Aimard, Klavier

    Chamber Orchestra of Europe

    Leitung: David Robertson

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    2019:

    Mark-Anthony Turnage: Dispelling the Fears (1994-95)

    Sir Harrison Birtwistle: The Shadow of Night (2001)

    John Adams: Harmonielehre (1984/85)

    Philip Cobb & Gábor Tarkövi, Trompeten

    London Symphony Orchestra

    Leitung: Sir Simon Rattle


    Am eindrücklichsten war für mich dabei das Konzert von 2017 mit der Aufführung von Berios einstündigem monumentalem Coro, einem Werk, das äußerst selten aufgeführt wird auf Grund des großen Aufwands. Hier ist übrigens die Sitzordnung der Musiker und Chorsänger von Berio genau vorgeschrieben und völlig anders als bei Beethovens 9. oder ähnlicher Stücke. Chor und Orchester sind bei Coro vollkommen durchmischt. So sitzt links vorne die Flöte und daneben ein:e Chorsänger:in usw.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • < < - - noch einmal zurück zum akt. Petrenko - Programm; wie hier anderswo bereits mal geschrieben, wäre ich nicht hingegangen, da die 'Gesangsszene' zu jenen (sehr raren!) Stücken gehört, von der ich (als Laienpsychologe, freilich auch als Betroffener!) jedem, der zu mittelschweren bis schweren Despressionen neigt, abraten würde....

    o. k. - das iss nu paar Wochen her; geprägt (resp. - jawoll ja: - traumatisiert) war ich halt von der 'Unbedingtheit', mit der Fischer - Dieskau (frühe 60er J.? / unter Rafael Kubelik?) diesen rabenschwarzen Geschichtspessimismus des Monsieur Giraudoux 'deklamiert' hatte:schwitz1: :schwitz1: - weiß der Henker, warum ich als Teenager die LP wieder und wieder abgespielt hatte; eine Art von 'perverser Besessenheit' vermutlich - oder viell. doch ''gar zu'' fasziniert von der Hartmann'schen Klangphantasie (+ natürlich der Umsetzung vom jederzeit hochkompetenten Kubelik)?

    letzten FR also nach dem Pausengespräch mit Petrenko ab- und c. 20 Min. später wieder eingeschalten: hab' also den gesprochenen Schlussmonolog noch mitbekommen; sehr spontan hatte ich den Eindruck, dass ihn Gerhaher 'distanzierter' wiedergibt, quasi nur als eine von zig Möglichkeiten, unsere ferne (od. auch gar nicht so ferne) Zukunft zu sehen... - - > > möglich, dass ich dem 'Gesangsstück' noch mal ne Chance gebe, allerdings nicht nä. und übernä. Woche . . .

    < < - - das hat nu tatsächlich doch auch mit hiesigem threadtitel auch zu tun: wie präsentieren nur halt nicht von den Veranstaltern, sondern von den Interpreten aus besehen....

    Da denke ich doch glatt an einen anderen (für mich!) ''üblen Schocker meiner Jugend'' (und das bitte wortwörtlich nehmen!), nämlich den ersten Satz aus György Ligetis 'Cellokonzert' - genauer (dank ''Full Score'' auf yT) die Takte 49 - 54, d. h. der Einsatz der Trompete, die sich am Ende (von Fagott und Klarinetten 'großzügig' unterstützt!) bis zum fff steigern soll:!: Bei aller Vorsicht (''spontaner Höreindruck auf yT'' vs.''jahrzehntealte leidvolle LP-Erinnerungen'') hab' ich doch den Eindruck, dass in der Aufnahme, die dem Score auf yT unterlegt ist (Dirigent ist ein gewisser Sebastien Boin), die erwähnten Takte erheblich weniger ''apokalytisch'' rüberkommen als unter Henryk Czyz, dem Dirigenten der UA (mit dem Widmungsträger Siegfried Palm.) Unter letzteren hab' ich besagtes (mit Verlaub:) Geplärre von Trompete-Klarinetten-Fagott nie anders assoziieren können als mit Atomschlag, mindestens aber mit Napalm-Bomben über Vietnam--------------

    < < - - vermutl. eine einigermaßen 'abseitige' Notiz (ggb. dem, was sich der threadstarter hier eigentl. vorgestellt hatte), der viell. dennoch auf einiges Interesse stößt ;) ;)

    Das TV gibt mehr 'Unterhaltung' aus, als es hat - in der bürgerl. Gesetzgebung nennt man das 'betrügerischen Bankrott' Werner Schneyder Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen aber auch nicht. FiDi über die Teilnahme an seiner ersten (und letzten) Talkshow

  • Danke dir, leverkuehn, für deine Hinweise – der Begriff der "zeitgenössischen Musik" ist hier also relativ weit gefasst und lässt immerhin noch Ligetis "Lux aeterna" von 1966 gelten (das es in der Zwischenzeit ja schon zum modernen Klassiker gebracht hat). Dass Berios Coro als Live-Erlebnis besonders beeindruckend war, glaube ich sofort, denn diesen Einbezug des Raums können Aufnahmen (von denen ich das Stück kenne) wohl nur unbefriedigend wiedergeben.

    letzten FR also nach dem Pausengespräch mit Petrenko ab- und c. 20 Min. später wieder eingeschalten: hab' also den gesprochenen Schlussmonolog noch mitbekommen; sehr spontan hatte ich den Eindruck, dass ihn Gerhaher 'distanzierter' wiedergibt, quasi nur als eine von zig Möglichkeiten, unsere ferne (od. auch gar nicht so ferne) Zukunft zu sehen...

    Die Gestaltung der Schlussworte täuscht hier vermutlich - sie sind ja deshalb unvertont, weil Hartmann vor Abschluss der Komposition gestorben ist (und nicht etwa aus konzeptionellen Gründen). Insofern entspricht diese "dokumentarische" Wiedergabe Gerhahers sicher einem zeitgemäßen Wiedergabekonzept, das Fragmentarische dieses Schlusses nicht zu kaschieren - das hat man in den 1960ern noch anders gelöst. Der eigentliche Gesangspart hingegen schien mir bei Gerhaher in der Ausdrucksbandbreite noch extremer als in der Fischer-Dieskau-Aufnahme (die ich kurz vor dem Konzert nochmals angehört hatte), der Orchesterpart unter Petrenko noch schroffer und gnadenloser als bei Kubelik.

    Evtl. ist die (beinahe traumatische) Prägung durch dieses Stück bei dir tatsächlich an die Fischer-Dieskau-Aufnahme gebunden, die sich dir vielleicht gewissermaßen eingebrannt hat (du hast das ja für die Palm-Aufnahme des Ligeti-Konzerts gut beschrieben und wer kennt das nicht).

    Einmal editiert, zuletzt von Peter Jott (18. September 2023 um 22:29)

  • Wo Berios Coro hier schon mehrfach genannt worden ist.

    Diesen modernen Klassiker wird Simon Rattle im Rahmen seines ersten musica-viva-Auftritts als Chefdirigent des BRSO leiten, am 13.10. dann hier im Livestream.

    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • am 13.10. dann hier im Livestream.

    Danke für diesen tollen Tipp!

    Es gibt übrigens einen Aspekt, den ich in meiner (man sollte meinen, bereits ausreichend umfassenden ;) ) Schilderung meines Konzertbesuchs noch gar nicht erwähnt habe: meine Begleitung.

    Ich habe einen kleinen Pool von Freund*innen, die ich abwechselnd frage, ob sie mich ins Konzert begleiten wollen (wobei ich auch durchaus mal gerne alleine ins Konzert gehe). Diese sind alle nicht übermäßig klassikaffin (wenn überhaupt, hören sie, wie ich vermute, zuhause eher selten Klassik). Sie genießen aber diese Live-Aufführungen schon und ich muss sie keineswegs nötigen mitzukommen, sondern sie fragen durchaus von Zeit zu Zeit, wann wir mal wieder ins Konzert gehen. Und so ist es auch bei dem Freund, der diesmal dabei war.

    Das Interessante bei ihm ist nun, dass ich irgendwann bei früheren Konzerten festgestellt habe, dass die Stücke, die am meisten Eindruck auf ihn machen, gerade neuere Stücke (also grob nach 1945) sind. Dass ich das zum ersten Mal ausgerechnet bei einem Stück von Jörg Widmann bemerkt habe, soll hier gar nicht eingehender beleuchtet werden ;), aber tatsächlich wurde in diesem Konzert auch Sibelius Fünfte gespielt, von der ich annahm, sie würde ihm besonderen Eindruck machen, aber nein, das war - wie er später von sich aus sagte - viel mehr bei dem Widmann der Fall. Seit dem ist er der Joker für Konzerte mit größerem Anteil an neuerer Musik, z.B. dem vorher genannten Petrenko-Konzert mit Xenakis, Zimmermann und Dallapiccola oder einem mit Rihms "Jagden und Formen". Soweit ich mitbekomme, bereitet er sich auch nicht großartig auf die Konzerte vor, allerdings hat er mich diesmal (und auch schon in früheren Fällen) dazu überredet, auch die Konzerteinführung zu besuchen (die ich sonst eher auslasse). Im Anschluss liest er dann auch manchmal die Programmhefttexte (wenn irgend etwas ihn besonders interessiert hat) und spricht mich darauf dann nochmal an.

    Wenn ich mir überlege, wie er an so ein Konzert ran geht, komme ich drauf, dass es wahrscheinlich komplett anders ist, als bei mir: Ob da jetzt Mozart, Mahler oder Xenakis gespielt wird, ist bei ihm erstmal komplett gleich. Er geht an alles quasi voraussetzungslos ran. Der Eindruck und die "Bewertung" (der Begriff passt eigentlich bei ihm nicht, denn er bewertet die Stücke nicht in einem übergeordneten Sinn) für ihn persönlich entsteht ganz schlicht beim Hören. Solche Gedanken, wie die, was das Stück für eine "Relevanz" hat oder ob ihm in späterer Zukunft eine Bedeutung innerhalb der Musikgeschichte zukommen wird, (die mir beim Hören eines neuen Werks durchaus kommen) sind ihm, wie ich vermute, ganz fremd, ihn interessiert das Stück an sich und dabei - soweit er sich das erschließen kann - dessen Bauprinzipien und die dahinter stehende Motivation ohne jeglichen Zwang, dieses Erlebnis einordnen zu müssen. Eigentlich gar keine schlechte Ausgangsposition für die Begegnung mit Neuem und Unbekanntem.

    Einmal editiert, zuletzt von Peter Jott (19. September 2023 um 13:47)

  • Auch auf die Gefahr hin, dass der Eindruck entstehen könnte, ich wollte einen von mir eröffneten Thread künstlich wieder nach oben holen, hier der Link zu einem (erst gestern veröffentlichten) Artikel, der – in Rückschau auf das Musikfest Berlin 2023 und insbesondere auf das hier besprochene Konzert – die Fragen anspricht, um die es auch hier in diesem Thread geht (und der dabei entsprechend der Ausrichtung der Seite bzw. der dahinter stehenden Zeitung auch die soziale Komponente anspricht):

    »Es ist ein Ende der Welt!«
    Können Leute, die nicht regelmäßig ins Konzert gehen, die aktuelle E-Musik besser verstehen als die alte? Ist die Avantgarde zugänglicher als Bach und…
    www.nd-aktuell.de

    Interessant dabei die einleitende Bezugnahme auf die Wiener Arbeiter-Konzerte 1905 bis 1934, die zur (mit dem Beispiel meines vorangegangenen Beitrags korrespondierenden) These führt, dass für bestimmte (potentielle) Publikumsschichten zeitgenössische Musik evtl. zugänglicher ist als Bach oder Beethoven:

    Zitat von nd-aktuell.de

    Gewiss, Adorno schrieb 1948, dass »die Meinung, Beethoven sei verständlich und Schönberg unverständlich, objektiv Trug« sei. Aber dass aktuelle Musik für Arbeiter*innen – übersetzen wir in unsere Tage: für prekär lebende Menschen, für Arme oder für Leute mit geringerer »Allgemeinbildung« – leichter verständlich ist, macht durchaus Sinn: Die Klangwolken eines Xenakis, die Visionen eines Heiner Goebbels, die Sampletechniken vieler aktueller Komponist*innen sind Sounds, die zeitgemäß sind und unmittelbare Erlebnisse beinhalten – während Bachsche Fugen oder die eher dialektischen Sinfonien von Beethoven eines gewisses »Know-hows« bedürfen, das wir heutzutage allein schon wegen mangelnder musischer Bildung nicht mehr voraussetzen können.

  • Die Gestaltung der Schlussworte täuscht hier vermutlich - sie sind ja deshalb unvertont, weil Hartmann vor Abschluss der Komposition gestorben ist (und nicht etwa aus konzeptionellen Gründen). Insofern entspricht diese "dokumentarische" Wiedergabe Gerhahers sicher einem zeitgemäßen Wiedergabekonzept, das Fragmentarische dieses Schlusses nicht zu kaschieren - das hat man in den 1960ern noch anders gelöst.

    Ich habe mir das Konzert heute in der Digital Concert Hall angeschaut. Das ist wirklich eine grandiose Wucht gewesen, desto trauriger bin ich, dass ich es nicht live miterleben konnte. Ich muss allerdings gestehen, dass mich der Illés nach dem gewaltigen Xenakis nicht so richtig fasziniert hat. Ich konnte da die große Linie nicht erkennen und es war mir zu sehr „Patchwork“.

    Was den unvertonten Schluss der Gesangsszene anbetrifft:

    Hartmann hatte fest vor, definitiv die letzten zwei Zeilen ohne Musik sprechen zu lassen:

    „Es ist ein Ende der Welt !

    Das Traurigste von allen!“

    Allerdings wollte er die anderen Zeilen davor ab „Und die Sonne brennt…“ noch vertonen, was er aber nicht mehr schaffte.

    In dem Pausengespräch, das man bei der DCH anschauen kann, betont Gerhaher den ironischen Unterton des ganzen Textes. Das ist sicher eine wesentliche Grundlage seiner Interpretation, weshalb die Schlussworte auch deutlich gelassener und distanzierter herüberkommen als bei FiDi.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

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