Wagner: Ring – ROH London 2023-26 (Kosky/Pappano)

  • Genau, der Drache bei Chéreau! An den hab ich auch wieder gedacht!

    Er ist ja einerseits ein Mittel der Verfremdung, aber andererseits auch ein Ausdruck der Sehnsucht nach einer ganz naiven Form des Theaters, bei der die einfachsten Mittel die größte Wirkung erzielen können - in der Weise, wie Wagner (wie in Cosimas Tagebüchern immer wieder zu lesen) ja eine große Begeisterung für das Kasperltheater hatte, und, wenn er von einem Spieler in der Stadt, in der er sich gerade aufhielt, hörte, immer versucht hat, das zu sehen. Auch bilde ich mir ein, dass es eine Äußerung von ihm gebe, er könne sich den Parsifal auch wie ein ganz schlichtes Stück Volkstheater aufgeführt vorstellen.

  • Ich meine es war schon wieder hell. Erda hatte den Spot schon während der Dunkelheit wieder verlassen, ich meine genau wie per Text vorgesehen zu ihren Worten "Ich warne dich, du weisst genug, sinn' in Sorg und Furcht!". Wotan bliebt alleine im Spot stehen während es noch Dunkel ist, dann singt er "soll ich sorgen und fürchten, dich muss ich fassen, alles erfahren!" Wann genau es hell wurde, weiss ich nicht mehr. Ob es schon während dieser Wotan Zeilen geschah oder erst kurz danach?....Aber Frickas "was willst du Wütender" wird glaube ich schon im Hellen gesungen. Würde mich natürlich interessieren, falls du nochmal in Kino gehst, wie es dann tatsächlich war.

    Ganz abgesehen davon, deine Idee, welche du ja schon vorher formuliert hattest, also dass Wotan aus dem Traum heraustritt, ist interessant und ich stimme zu, dass so etwas stattfindet. Allerdings würde ich weitergehen oder es etwas anders ausformulieren. Und natürlich müssen wir abwarten, ob es in den nächsten 2-3 Folgen dann auch aufgeht.

    Ich meine, dass es in diesem Momnent des Spotlights genau auch darum geht, dass Wotans sich vom Schicksal befreien möchte. Dass er eingeweiht wird, aber dann aus ihm heraustreten möchte. Wir kennen die Story. Erda erträumt das Schicksal. Nach ihrer Voraussage zu gehen, werden die Götter untergehen, während man vermutet, dass die Alben oder die Riesen die Herrschaft übernehmen. Wotans Plan muss also beinhalten, dass er sich von diesem Schicksal befreit. Dazu muss er das System selber, welches ihm sein Schicksal vorschreibt, zerstören. Denn innerhalb des Systems ist er ja gebunden.

    Dass Kosky nun diese Sache mit seinem Spotlicht verdeutlicht, also mit dem Hinein-und Hinaussteigen aus diesem Licht, ist sehr effektiv. Es verbildlicht uns genau den isolierten und auch den isolierenden (!) Moment, in dem Wotan zum ersten Mal sich dieser Schicksalsebene überhaupt bewusst wird und sogleich auch erkennt, dass er sich von ihr befreien muss. Dass er es überhaupt in Erwägung zieht, sich von der Macht des Schicksals zu emanzipieren, ist natürlich ungeheuerlich. Es ist ausserdem paradox-ähnlich, dass nun gerade Erdas Intervention in darauf bringt. Denn sie schafft ja das Schicksal. Die Frage bleibt....ähnlich wie bei dem Kuss der Kundry.....wusste Erda, dass er so reagieren würde? Oder ist es ein Fehler im System, dass jemand sich aus ihm emanzipieren kann? Oder ein glücklicher Zufall? Oder auch wieder Vorhersehung oder Vorherbestimmung? Anyway, der Moment dieser Erkenntnis von Wotan, dass er glaubt sich aus etwas Vorherbestimmten emanzipieren zu müssen, ist so wichtig und so massgeblich für den weiteren Handlungsabluaf des Zyklus und für eine Deutung des Rings, dass man ihn nicht genug hervorheben kann.

  • Genau, der Drache bei Chéreau! An den hab ich auch wieder gedacht!

    Er ist ja einerseits ein Mittel der Verfremdung, aber andererseits auch ein Ausdruck der Sehnsucht nach einer ganz naiven Form des Theaters, bei der die einfachsten Mittel die größte Wirkung erzielen können - in der Weise, wie Wagner (wie in Cosimas Tagebüchern immer wieder zu lesen) ja eine große Begeisterung für das Kasperltheater hatte, und, wenn er von einem Spieler in der Stadt, in der er sich gerade aufhielt, hörte, immer versucht hat, das zu sehen. Auch bilde ich mir ein, dass es eine Äußerung von ihm gebe, er könne sich den Parsifal auch wie ein ganz schlichtes Stück Volkstheater aufgeführt vorstellen.

    ist ja witzig.....

    dann würde ich Kosky so auslegen, dass er genau darauf hinweisen möchte. Ich hatte schon wegen meiner Assoziation mit dem Lorax von Dr Seuss* solche Gedanken.

    * PS: natürlich nur auf Grund des originalen, englischen Kinderbuchs.

    Einmal editiert, zuletzt von Rosamunde (30. September 2023 um 16:17)

  • Ja, der Spot-Moment geht sicher über das hinaus, was faktisch in diesem Augenblick geschieht. Was du dazu skizzierst, kann ich auch nachvollziehen. Ohne Zweifel ist das ein wirklich bedeutsamer Moment in Koskys Inszenierung. Welche Konsequenzen er hat, werden wir natürlich erst später sehen - "in den nächsten 2-3 Folgen" ;). Sehr gespannt bin ich da besonders auf die erste Szene von Siegfried III, aber auch die Szene Wotan-Brünnhilde in Walküre II und auch das Nornen-Vorspiel. Die Götterdämmerung kommt so oder so. Die Frage ist, was Wotans geändertes Bewusstsein tatsächlich bewegt...

    Ich springe aber in der Diskussion und der Handlung nochmal zurück und zwar hierzu:

    denn ich habe so gebannt auf den Vorgang des Raubes geschaut

    Wir haben ja jetzt fast schon einen Konsens darüber, dass Alberich der Frau - also vermutlich der alten Erda - IHR Gehirn entreißt. Aber ursprünglich hatte ich das anders gesehen: Mir schien es beim Sehen, als würde Alberich nicht ihr, sondern sozusagen diesem Baum-Organismus, der das (flüssige) Gold produziert, ein Organ (ich habe es in meiner haarsträubenden anatomischen Ignoranz ursprünglich für ein Herz gehalten, aber ich glaube jetzt auch ans Gehirn ;) ) entreißt, und Erda aus dem Astloch aufsteigt und vergeblich versucht, es Alberich wieder aus den Händen zu reißen. Aber du denkst auch, es war wirklich IHR Gehirn, das er da raubt?

  • Ja, das habe ich beim Zuschauen so verstanden. Kann aber natürlich falsch sein. Genauso gut möglich wäre, dass die Frau den Raub verhindern will, sie es nicht schafft und dass deshalb dann dem Baum das Gehirn (oder was es auch sein soll) entrissen werden kann.

    und Erda aus dem Astloch aufsteigt und vergeblich versucht, es Alberich wieder aus den Händen zu reißen.

    Also ich sah die Frau aus dem Astloch hervorkommen, bevor das Gehirn ins Spiel kam. Alberich und die Frau ringen erst miteinander. Dann wird das Gehirn geraubt. Diese Reihenfolge wurde auch so von deinem Rezensenten beschrieben. Aber vielleicht kommt sie dann nochmal hoch und ich habe das weder im Kino noch auf der Bühne bemerkt.

    Quasi hatte die Frau ja auch nicht gesehen. Man dachte also, dass dem Baum das Gehirn entrissen wurde. Nur durch deine Rezension kamen wir auf eine Frau, die kurz vorher auftaucht. Es gibt auch tatsächlich einen Moment, bevor man das Gehin dann sieht, in dem die Frau schon wieder im Astloch verschwunden ist. Wenn dein Rezensent "bei lebendigem Leibe das Gehirn entreisst" schreibt, dann ist das nicht wirklich zu sehen, sondern es wirkt nur so.

    Gut, wenn es das Gehirn des Baumes ist, dann wäre ja deinem Einwand, warum Erda sich noch telepathisch oder mit "Weisheit" oder überhaupt noch denkend betätigen könne, nachgegeben.

    Übrigens konnte ich gestern diesen Moment "im Spot", in dem sich Erdas und Wotans Stirn berühren, nicht sehen. Ich habe extra aufgepasst. Im Kino hatte ich ihn gesehen, gestern nicht. Aber es lag eventuell an der Entfernung zur Bühne. Dagegen habe ich als sehr lang und wichtig empfunden, wie sie ihm die Augen zuhält.

  • Danke für diese genauen Schilderungen, Rosamunde! Also ganz schön viel, auf was ich noch achten sollte, wenn ich's nochmal ins Kino schaffe (eigentlich müsste ich mir eine Liste machen ;) )! Fast am wichtigsten wäre mir ja diese Sache mit dem Gehirn (woher es stammt). Von den deutschen Kritiken beschreibt das eigentlich nur die von mir gepostete so konkret. Vielleicht muss ich die englischen nochmal durchgehen.

  • In meinem Verständnis der Inszenierung - welches sich aber noch ändern kann - ist es nicht von entscheidender Wichtigkeit, wessen Gehirn es ist.

    Erda, der Baum und das Gold sind für mich als ein Organismus zu verstehen. Ich entnehme diesen Eindruck hauptsächlich der Einbindung Erdas in den Baum zur Gewinnung des Golds.

    Ob nun Erda oder dem Baum oder nur dem Gold selber das Gehirn entrissen wird, ist egal. Ich sehe dieses Gehirn nur als Chiffre für einen Teil der Zauberkraft von Mutter Erde, bzw was Uneingeweihten als Zauberkraft erscheint.

    In dem Moment, wo Alberich der Liebe entsagt, gewinnt er ja bestimmte Kräfte, die er vorher nicht hatte. Ich meine, genau das soll mit dem Gehirn ausgedrückt werden. Er entreisst dem Gold etwas, was sonst nur Erda und ihre "Familie" besitzt, nämlich eine Macht, die andere zu binden vermag.

    Allerdings ist Erda diese Macht und sie brauchte keiner Liebe zu entsagen. Alles was geschieht, ist so wie es ist, damit das System sich selbst erhalten kann. Natur eben. Tod und Leben haben beide Sinn. Einer füttert den anderen. Ein ewiger, grausamer Kreislauf. Wer dem entkommen möchte, muss das System zerstören oder transzendieren.

    Warum wird aber ein Gehirn entrissen und kein Herz? Nicht nur, weil der Liebe entsagt wurde, sondern auch weil mMn das Gehirn für eine Art Intelligenz steht, welche Dinge kompartmentalisieren kann, sezieren kann, Dinge separat betrachten, losgelöst vom Ganzen.... kurz, eine Intelligenz, welche sich emanzipieren kann und letztendlich seine eigenen Interessen getrennt vom Interesse anderer zu vertreten vermag. Diese Intelligenz kann sogar schöpferisch tätig werden, sich kreativ betätigen, ganz separat nur aus sich selbst heraus neues schaffen, fast wie ein Gott.

    Der Raub des Gehirns soll also mMn nicht bedeuten, dass der Erda-Baum-Gold Organismus nun kein Gehirn mehr besitzt, sondern nur, dass durch die Entsagung der Liebe Alberich diesem Organismus eine bestimmte Kraft oder Macht abgewonnen hat. Er hat sozusagen aus dem System "gelernt'" sich davon zu emanzipieren. Ermöglicht durch einen Fehler im System, welches sich nicht vorstellen kann, dass jemand der Liebe entsagen würde. Der Erda Organismus kann aber dennoch überleben, denn er regeneriert sich ja aus sich selbst - bis zu einem gewissen Grad.

    Die Frage ist nun, wie Kosky dies weiter erzählen wird. Wotan hatte ja schon ähnlichen Raub an der Weltesche vollzogen und dennoch funktioniert die Welt weiterhin....mit gewissen Problemen, aber es gibt sie noch mit all ihren Geschöpfen und Organismen.

    So meine Gedanken zur Inszenierung.

  • falls ich mir am Sonntag das Rheingold noch mal im Kino schaue

    Wenn Du gehst, achte doch bitte auch noch darauf:

    Ich hatte oben ja etwas scherzhaft auf die Ähnlichkeit des Loge mit dem aktuellen britischen prime minister hingewiesen. Mir ist dazu allerdings noch aufgefallen, dass er als einziger der Götter business trägt (und der Anzug sieht schwer nach Savile Row aus; nicht zuletzt deshalb die Rishi-Sunak-Assoziation). Die anderen tragen eher Freizeitkleidung, deutlich klassische und teure bei Wotan und Fricka, eher lässige bei Donner und Froh. Einen rechten Reim weiß ich mir daraus allerdings bisher nicht zu machen. Kann natürlich auch einfach ein Kosky-Joke sein.

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • Ich seh' schon: Ich muss mir eine Liste machen! :) (Hoffentlich schaff ich's überhaupt, bin noch nicht ganz entschieden.)

    Aber zweifellos: Die Ähnlichkeit ist da (wobei britische Maßkonfektion nicht zu meinen Spezialgebieten gehört ;)).

  • Einen rechten Reim weiß ich mir daraus allerdings bisher nicht zu machen.

    Grins1 ....Loge/PM kommt kurz nach Balmoral, um den gerade laufenden Royal scandal im Handumdrehen auszubügeln. Trifft Royals beim Picnic im Grünen an, deswegen die Decke und die Freizeitkleidung der Royals. Reiterstiefel usw bei der Hauptlinie. Schwester und Brüder lässiger gekleidet, ihren Lebensgewohnheiten und weniger wichtigen Royal duties angemessen.

  • Sehr ins Unreine (frei nach Bernard Shaw):

    Wenn Alberich für die neu aufkommende Klasse der Kapitalisten steht, die Riesen für die (alte) Arbeit und Mime und die Nibelungen für die enteigneten wasauchimmer, die in die neue Klasse des Proletariats gezwungen werden, wofür stehen dann die Götter? Womöglich für das ancien régime (deren letzte Überbleibsel u.a. die britischen Royals sind), die alte, adelige Staatsmacht also, der die Macht nunmehr entschieden bestritten wird? Dann hätten wir bei Loge vielleicht die neu aufkeimende bürgerliche Staatsmacht, die sich der alten andient, sich aber tatsächlich bei ihr bedient (und sie künftig aufzehren wird).

    Jedenfalls ist der Kosky-Loge von allen anderen Figuren deutlich abgesetzt (nicht allein mit der Kleidung); er ist einerseits ziemlich opportunistisch und scheint es sich mit niemandem verderben zu wollen, andererseits ist er bis zum Zynismus und zur physischen Gewalt (er leiht Wotan das Messer, mit dem der Alberich den Finger samt Ring abschneidet) auf seine Linie bedacht, mit der er auch durchkommt und sich letztlich von keiner der anderen Parteien was sagen lassen muss.

    Das hält natürlich über das Rheingold hinaus nur bedingt (gilt für Shaw aber auch ;)).

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • ja schön...auf die Gefahr hin, dass es offensichtlich ist: der Loge ist die interessanteste Figur im Rheingold. Deine Gedanken finde ich deswegen interessant.

    Ich würde dann eventuell noch weiter gehen und Koskys Loge nicht nur stellvertretend für die aufstrebende bürgerliche Staatsmacht sehen, sondern sogar für die aufstrebende Macht der 2. und weiteren Generationen der Immigranten oder der Menschen aus der Commonwealth. Ob diese nämlich auf lange Zeit hin diese Monarchie tolerieren werden ist die Frage**. Auf jeden Fall hat die Krönung von Charles gezeigt, dass man doch sehr darauf bedacht ist, als ein Monarch für alle Briten angesehen zu werden, nicht nur für die weissen. Aber ob die Identifikation der Zugewanderten mit einem Monarchen, der nicht aus ihren Reihen stammt, so stark sein wird, dass die Monarchie bestehen bleiben kann, ist ungewiss. Im Grunde zeigt die Uhr für die Monarchie auch deswegen kurz vor Mitternacht an - ausser, die nächste Generation der Royals schafft es, sich so zu verbürgerlichen, dass dies im Grunde aber auch das Ende der Macht, des Einflusses und der Bedeutung der heutigen Monarchie bedeuten würde. Nur: gibt es ein United Kingdom ohne eine Monarchie? Nein...das ist undenkbar. Insofern? Wo ist die Lösung des Problems zu finden? Warten wir ab, was Kosky macht.

    Mir bleibt aber bei dieser Deutung die Frage wie Kosky's Positionierung von Erda da hineinpasst. Sie nimmt ja bei ihm eine sehr wichtige und für mich ziemlich genau umrissene Stellung ein. Dies scheint mir mehr aussagen zu wollen, als eine rein politisch orientierte Deutung es zuliesse. Vielleicht aber passt es, zumal wir ja nicht wissen, wie es bei Kosky weitergehen wird.....ich lass es mir durch den Kopf gehen. Interessant! Vielen Dank, Quasimodo

    ** Nachtrag: Denn viele der Commonwealth Staaten hatten den britischen Monarchen als ihr Staatsoberhaupt ja schon längst abgesetzt. Bürger dieser Staaten kommen aber nun nach Grossbritannien und müssen sich bei Annahme der britischen Staatsangehörigkeit wieder in eine Monarchie eingliedern.

  • Obwohl ich gestern eigentlich nicht so recht in Rheingold-Stimmung war, hab ich mich doch aufgerafft und die 45-minütige ÖPNV-Fahrt zu dem kleinen Kino in einem Außenbezirk auf mich genommen. Und es spricht für die Inszenierung, dass ich mich doch schnell wieder reingefunden habe und mich eigentlich gleich wieder gut unterhalten gefühlt habe (der Rest des sehr aufmerksamen und stillen Publikums im ganz gut besuchten Saal scheinbar auch). Bemerkenswert fand ich, dass ich gar nicht so übermäßig viel Neues oder Anderes wahrgenommen habe gegenüber dem ersten Mal. Das könnte man evtl. auch negativ auslegen, aber ich finde, das spricht ebenfalls eher für die Aufführung, nämlich dafür, dass es Kosky gelingt, das Wesentlichste, das er zum Ausdruck bringen möchte, so umzusetzen, dass es sich schon beim ersten Sehen vermittelt.

    Kurz zu drei Punkten, die auf der Liste standen ;) :

    Loge / Rishi Sunak – ja, das kann man sicher so sehen. Und auch das, was ihr, Quasimodo und Rosamunde, im Weiteren ausgeführt habt, mit den Royals beim Picknick, die in der Patsche sitzen, aus denen der PM sie befreien soll, würde passen. Und trotzdem glaube ich nicht (und ihr ja vermutlich genauso wenig), dass Kosky den Ring inszeniert, um ein detailgetreues Bild der britischen Herrscher- bzw. Regierungsclique zu erzählen. Vermutlich ist es umgekehrt, er charakterisiert die Figuren mit Anleihen bei realen Personen bzw. Gruppen, die beim realen Erfahrungshorizont seines Londoner Publikums am Direktesten anknüpfen (wobei ich Sunaks Person mangels TV nicht in ihrer Gestik, Mimik usw. kenne und nicht weiß, wieviel davon Kosky auf seinen Loge übertragen hat, sofern hier eine bewusste Parallele tatsächlich beabsichtigt ist). In einer US-Kritik wurde ja darüber spekuliert, ob dieser Ring auch was für die Met wäre. Käme es dazu, würde Kosky die Götter wohl eher als die Trump-Sippe und Loge z.B als einen der bekannten Spin Doctors anlegen.

    Der Raub – es ist die alte Erda, ihren Kopf streckt sie aus dem Astloch, Alberich drückt sie nach unten und zieht dann das Gehirn aus dem Loch. Es sieht tatsächlich aus, als wäre es ihr Gehirn. Aber ich bin da mittlerweile ziemlich bei Rosamunde. Ich vermute auch, dass es darauf gar nicht so sehr ankommt, er entnimmt das Gehirn dem Organismus.

    Erda Warnung / der Spot-Moment – ich habe es nun so wahrgenommen, dass Erda Wotan zuerst die Hände auf die Augen legt, aber nicht im Sinne von "Augen zu halten", sondern, den Eindruck habe ich nach wie vor, im Sinne einer telepathischen Verbindung. Dann ändert sich die Köperhaltung, sie schließt langsam ihre Arme um Wotan, legt den Kopf an seine Brust und langsam erwidert Wotan die Umarmung. Bei "Geheimnis-hehr hallt mir dein Wort" entfernt sie sich von ihm, bei Frickas "Was willst du, Wütender?" dimmt das Raumlicht bereits wieder hoch. Dass beide während es Spot-Moments Stirn an Stirn legen, habe ich nicht wahrgenommen.

    Ansonsten habe ich versucht, vor allem Erda genauer zu beobachten und darauf zu achten, ob mir beim ersten Sehen noch vieles entgangen war, aber ich habe das Gefühl, dass das nicht der Fall war. Sie ist die meiste Zeit sehr statisch.

    In der ersten Szene scheint mir in Bezug auf sie, vom Raub abgesehen, am bemerkenswertesten der Moment, wenn sie beginnt, sich beim Rheintöchter-Gesang mit zu bewegen, und die Lippen zum Gesang bewegt (was sie übrigens später bei Erdas Warnung nicht tut, was für mich szenisch absolut überzeugend ist und auch zu unseren bisherigen Auslegungen passt). Ich hatte in Erinnerung, dieser Moment wäre beim "Rheingold! Rheingold!"-Gesang gewesen, aber das stimmt nicht, er war bereits bei der Stelle, wenn aller drei nacheinander Alberich haben ins Leere laufen lassen und sie gemeinsam singen: "Wallala! Lalaleia! Leialalei! Heia! Heia! Haha! Schäme dich, Albe! Schilt nicht dort unten! Höre, was wir dich heissen! usw." – das erstmal nur protokolliert, ohne dass ich mir schon einen Reim darauf machen könnte.

    In der zweiten Szene ist sie einfach das Dienstmädchen, sie beobachtet das Geschehen. Ja, es gibt auch kleinere mimische/gestische Reaktion, aber auffällig war mir da nichts sehr stark - Erda undercover sozusagen. In der dritten Szene dann ihre Einbindung in den von Alberich industrialisierten Rheingold-Herstellungsprozess.

    In der vierten Szene steht sie (wenn ich es richtig im Kopf habe) bis einschließlich Alberichs Fluch am linken Bühnenrand und beobachtet das Geschehen sehr intensiv, dann – mit Auftreten der weiteren Götter – wird sie wieder zur Träumenden (Drehscheibe), dann die Warnung und zur Schlussszene, dem Einzug, wieder auf der Drehscheibe.


    Rosamunde hat ja schon sehr Vieles und Schlüssiges zur Erda-Figur geschrieben. Ich bin mir dennoch nicht sicher, ob ich bei allem mitgehen wollte oder könnte. Das, was mich so ein bisschen stutzen lässt, ist eigentlich vor allem die Regiehaltung Koskys in den Inszenierungen, die ich von ihm kenne und auch in dieser. Wenn ich das mit z.B. Herheim vergleiche (über dessen DOB-Ring wir uns recht ausführlich auseinandergesetzt hatten), dann ist für mich Herheim eher der Wagner-Typ, der ein komplexes und weit verzweigtes Gedankengeflecht über ein Stück legt, bei dem - sozusagen in ganz epischer Erzählhaltung - alles mit allem zu tun hat. Kosky ist für mich dagegen eher der Verdi-Typ eines Regisseurs, der eben ganz stringent die Handlung aus dem Hier und Jetzt heraus erzählt und ganz besondere Momente – in der Art von Verdis Parola scenica – hervorhebt und darin Aussagen zum Stück oder zur Szene bündelt: wie eben bei Erda diesen Gesangsmoment der Rheintöchter und dann den Spot bei ihrer Warnung. Ich habe fast das Gefühl, viel mehr als das, was hier vermittelt wird, sollen und brauchen wir noch gar nicht zu wissen – ansonsten hätte es Kosky bereits versucht, in weitere Bilder zu fassen. Ich glaube, es geschieht in vollem Bewusstsein und mit voller Absicht, dass es erstmal kaum weitere Hinweis zur ihr und ihrer Bedeutung gibt. Wir haben ja noch drei riesen Stücke, um ihr weiter auf die Spur zu kommen.

    Das hält natürlich über das Rheingold hinaus nur bedingt.

    An diesem Satz war ich übrigens schon beim ersten Lesen hängen geblieben, weil er tatsächlich auf ein Grundproblem vieler Ring-Inszenierungen aufmerksam macht, dass nämlich viele Regisseure alles scheinbar aus der Konstellation des Rheingold entwickeln und sich dann (wir hatten das im Herheim-Thread schon) mehr und mehr in den vielen ausgelegten Fäden (und ja auch in den Unschärfen und Widersprüchen in Wagners Text) verstricken und das Ganze weniger und weniger aufgeht (das Gefühl hatte ich sowohl bei Herheim als auch bei Tcherniakov). Was natürlich auch mit der Entstehung der Texte in umgekehrter Reihenfolge zu tun hat. Ich bin gespannt, ob Kosky (nach seinem ersten "Fehlversuch") dagegen stärker gewappnet ist.

    Ein kleines Detail war mir übrigens doch aufgefallen (neben einigem anderen natürlich), das ich beim ersten Mal übersehen hatte und das ein schönes Beispiel dafür ist, wie theaterpraktisch Kosky denkt. In Szene 2, wenn die Riesen mit Freia abgezogen sind, kommt es ja schlagartig zu diesen Verfallserscheinungen bei den Göttern, die von Loge zynisch kommentiert werden (und bei Kosky auch deutlich dargestellt sind), dabei kommt es immer zu dem unlogischen Moment, dass Wotan sich plötzlich aus diesem Zustand heraus zum Handeln emporreißen kann (um mit Loge nach Nibelheim zu gehen) und man fragt sich, woher er plötzlich die Energie nimmt. Bei Kosky hat Loge noch einen Apfel in der Tasche, den er während seines Spottes auf die Götter schält und dann Wotan mehrfach vor die Nase hält und wieder entzieht, bis er ihn ihm doch schließlich zum Verzehr überlässt (und damit diesen unmotivierten Moment bei Wagner plausibel macht).

    Noch ganz kurz zum akustischen Teil:

    Die Anlage in diesem Kino war deutlich besser (weniger bassdröhnend) eingestellt als letztes Mal, so dass ich nun auch das Orchester besser beurteilen konnte, das wirklich einen ausgezeichneten Eindruck machte. Auch auf die Sänger habe ich diesmal stärker geachtet und muss von daher Quasimodo vor allem mit seiner scharfen Kritik an Christopher Purves' Alberich Recht gegeben. Auch mit Sean Panikkar als Loge war ich gesanglich nicht mehr so recht zufrieden, da ist mir doch zu vieles in eine Art - teilweise lautstarken - Sprechgesang überführt, der die Tatsache missachtet, dass in Wagners Behandlung der Singstimme der gewünschte Konversationston ganz reformerisch doch schon einkomponiert ist. Das herausgeschriene "Durch Raub!" und einiges andere geht da oft am Gemeinten vorbei und verschenkt die eigentliche Wirkung.

    Einmal editiert, zuletzt von Peter Jott (16. Oktober 2023 um 21:09)

  • Interessant, danke sehr für deinen Bericht. Den Apfelmoment hatte ich gar nicht registriert!

    Nur ein paar Kommentare:

    In der zweiten Szene ist sie einfach das Dienstmädchen, sie beobachtet das Geschehen. Ja, es gibt auch kleinere mimische/gestische Reaktion, aber auffällig war mir da nichts sehr stark - Erda undercover

    warum aber ein Dienstmädchen? Er hätte doch einfach eine andere Figur erfinden können. Irgendeinen Gast zB. Und ein Dienstmädchen, dass auf der Picknick/- decke an der Stelle der Folly sitzt? Kann kein Zufall sein, oder?

    Ich finde es entsteht ein ziemlich anspruchsvolles Gedankengeflecht, nur durch Koskys Erda und ihre Positionierung durch die gesamte Show hindurch. Dass es noch nicht zu Ende gedacht werden kann, ist klar. Aber starke Stricke winden sich jetzt schon durch die Leere zwischen Rheingold und Walküre, und in Gedanken sind wir ausserdem auch schon in Siegfried III und dem Vorspiel der GD. Kosky schickt uns jetzt schon dorthin. Sind diese Szenen jemals so interessant oder wichtig gewesen?

    Und meine Gedanken haben sich inzwischen soweit an den schon vorhandenen Stricken entlang gehangelt, dass ich mir, wie wir uns bei Herheim schon gefragt hatten, Hagen bzw Alberich als eine Art Judas-Rolle einnehmend vorstellen kann. Und was würde das dann über Erda aussagen? Muss man manchmal den Arm hergeben, damit der Rest erhalten bleibt?

    Wir werden hoffentlich bald wissen, wie das wird.

  • Kosky ist für mich dagegen eher der Verdi-Typ eines Regisseurs, der eben ganz stringent die Handlung aus dem Hier und Jetzt heraus erzählt und ganz besondere Momente – in der Art von Verdis Parola scenica – hervorhebt und darin Aussagen zum Stück oder zur Szene bündelt:

    Dem würde ich mich anschließen! Ich hatte von Kosky bisher tatsächlich nur Operetten gesehn ("Kiss me, Kate" in Köln, "Die Perlen der Cleopatra" und "Eine Frau, die weiß, was sie will" an der KOB) und habe mir nach dem Rheingold online die Bayreuther Meistersinger angesehen. Ich meine, er geht schon sehr punktuell genau mit Text und Musik um!

    Auch mit Sean Panikkar als Loge war ich gesanglich nicht mehr so recht zufrieden, da ist mir doch zu vieles in eine Art - teilweise lautstarken - Sprechgesang überführt, der die Tatsache missachtet, dass in Wagners Behandlung der Singstimme der gewünschte Konversationston ganz reformatorisch doch schon einkomponiert ist.

    Das hatte mich auch geärgert, zumal ich Panikkar ansonsten gesanglich ziemlich gut fand. Inzwischen habe ich dann aber auch das hier gelesen:

    Da teilt Kosky an irgendeiner Stelle mit, dass er dieses Herausgehen aus der Gesangslinie öfters von den Sängern fordert! Ich bin da keineswegs der Meinung, dass das eine gute Idee ist; aber man darf es dann nicht dem Sänger alleine ankreiden.

    Das erwähnte Buch ist nebenbei ausgesprochen empfehlenswert und geht über die sonst schon mal nervende Anekdotenerzählerei deutlich hinaus, weil Kosky zu ausgewählten Inszenierungen interessante Einblicke in die Genese dieser Produktionen gibt. Eher leichte Zu-Bett-Geh-Lektüre, aber brillant geschrieben.

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • warum aber ein Dienstmädchen? Er hätte doch einfach eine andere Figur erfinden können.

    Genau! Das könnte ich mir bei Kosky (im Unterschied zu vermutlich dir und anders als vielleicht bei Herheim) sogar vorstellen! Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass er da im Regieteam sitzt und sagt: "Hört mal: Ich will, dass die Erda in der zweiten Szene Teil der Akteure ist. Habt ihr eine Idee, als was sie auftreten könnte?" "Na, Dienstmädchen vielleicht?!" Mich interessiert in dieser Szene eigentlich auch mehr, warum sie hier überhaupt Teil der Aktion ist, nicht so sehr als was. Zu einer Antwort bin ich aber noch nicht gekommen.

    Übrigens ist mir gestern beim Nachdenken über Erdas Rolle noch ein Theaterstück eingefallen, das vermutlich kaum jemand kennt und ich nur, weil ich es vor ewiger Zeit in meiner Schultheatergruppe mitgespielt habe: (auf Deutsch) "Die Reichsgründer oder Das Schmürz" von Boris Vian. Darin geht es um eine Familie, die von einem unklaren Unheil bedroht ist (oder sich fühlt). Unter diesem Einfluss ist sie gezwungen, in dem Haus, in dem sie wohnen, immer ein Stockwerk nach oben zu ziehen, wo die Wohnungen immer enger werden. Dabei ist immer ein zerlumptes, blutiges stummes Wesen, das (vermutlich) die Personifizierung des drohenden Unheils ist - das Schmürz (meine Rolle in der Aufführung ;) ). Das Besondere ist, dass das Schmürz (bis auf wenige Momente!) von allen ignoriert wird oder genauer, alle versuchen gegenüber den anderen den Eindruck aufrechtzuerhalten, dass da gar nichts ist (obwohl den Zuschauern klar ist, dass jede Figur auf der Bühne dieses Wesen wahrnimmt). Vermutlich eine falsche Fährte, aber irgendwie ist mir das gestern in den Sinn gekommen.

    in Gedanken sind wir ausserdem auch schon in Siegfried III und dem Vorspiel der GD. Kosky schickt uns jetzt schon dorthin. Sind diese Szenen jemals so interessant oder wichtig gewesen?

    Absolute Zustimmung! Und auch schon in Walküre II. Besonders wichtig ist mir dabei aber dies:

    Dass es noch nicht zu Ende gedacht werden kann, ist klar.

    Wenn wir jetzt schon alles zu (Koskys) Erda wüssten, hätte er meiner Ansicht nach einen Fehler in der Konzeption, dann wäre er sozusagen auch in die "Rheingold-Falle" (s.o.) getappt.

    Für mich bleiben aus dem Rheingold in Bezug auf Erda zwei Momente, über die ich mir weiter Gedanken mache:

    • Dieser Moment der Mitbewegung und des stummen Mitsingens in Szene 1 ("Schäme dich, Albe! Schilt nicht dort unten! usw"), der - ich hatte schon geschrieben - ein wenig so wirkt, als hätte sie diesen Moment schon erlebt, ein Déjà-Vu.
    • Ihre "Integration" in die Personenkonstellation in Szene 2 (die sozusagen nicht "nötig" gewesen wäre - sie hätte ja weiter als Beobachterin, Träumerin usw. agieren können; dass das hier nicht so ist, ist auffällig).

    Da teilt Kosky an irgendeiner Stelle mit, dass er dieses Herausgehen aus der Gesangslinie öfters von den Sängern fordert! Ich bin da keineswegs der Meinung, dass das eine gute Idee ist; aber man darf es dann nicht dem Sänger alleine ankreiden.

    Das hatte ich auch schon vermutet/befürchtet. Eine Aufführung ist natürlich keine Studio-Produktion, bestimmte Freiheiten könnte ich in der Diktion da schon akzeptieren, aber hier schien mir der Eingriff doch viel zu stark (auch mit Loges ständigem Gelächter, dass du schon erwähnt hattest).

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