Beiträge von GiselherHH

    Ich kenne auch nicht den Stand des Kompositionsentwurfes von 1906, den Ravel unter dem Titel Wien als Hommage an den "Schani" Strauß geplant hatte. La Valse wurde jedenfalls 1919 in Auftrag gegeben und da war der Zusammenbruch der alten Ordnung schon eingetreten. 1906 war die Fassade zwar noch da, aber die Brüchigkeit und mangelnde Überlehensfähigkeit der damaligen Gesellschaft war gerade für die Künstler der Zeit förmlich mit Händen zu greifen und nicht zuletzt deshalb wurde der 1. Weltkrieg zunächst als "Befreiungsschlag" gefeiert. Vielleicht gibt es ja ein paar Ravel-Experten, die uns Aufklärung geben können.


    :wink:


    GiselherHH

    Zitat

    Wahrscheinlich ist für die meisten von uns schon erst einmal hilfreich,
    zu sammeln, welche Werke es denn alles gibt, die irgendwie vermittelt
    den 1. Weltkrieg verarbeiten.

    Da fallen mir jetzt als erste ein:


    - Maurice Ravel: La Valse (Abschied vom "alten Europa" der Belle Èpoque, der Walzer wird am Ende regelrecht wie durch Artillerie zusammengeschossen)
    - Arthur Bliss: Morning Heroes (Choral Symphony mit Texten u.a. von Wilfred Owen und Robert Nichols)
    - Paul Hindemith: Kammermusik Nr. 1 (insbesondere der letzte "geräuschhafte" Satz, der einen Rezensenten an eine Welle angreifender Panzer erinnerte)


    :wink:


    GiselherHH

    Spotify lässt auf sich warten - rdio.com ist schon da!

    Hallo,


    zufälligerweise stieß ich vorgestern bei der Lektüre von "Welt Online" auf einen kleinen Artikel, der mich auf den Online-Musikanbieter "rdio.com" hinwies. Zunächst für 1 Woche kostenlos, dann für 4,99 Euro im Monat gewährt er völlig legalen Zugriff auf 12 Millionen Musiktitel. Man kann die Musiktitel per Streaming über Internet, Smartphone oder iPad hören und auch offline auf Musik-Abspielgeräte übertragen. So weit, so gut, dachte ich mir und meldete mich heute probeweise an.


    Nachdem ich diverse Stücke aus dem nichtklassischen Repertoire gehört hatte, gab ich zum Spaß einmal den Namen "Richard Wagner" ein, ohne mir viel davon zu erhoffen. Doch ich sah mich getäuscht. Es purzelten geradezu die Einzeltitel auf den Bildschirm (immerhin 5225), aber, was noch besser ist: Man kann auch viele Gesamtaufnahmen vollständig per Streaming hören. Nicht nur mittlerweile gemeinfreie historische Aufnahmen, sondern auch Neuaufnahmen wie etwa den Hamburger "Ring" mit Simone Young bei Oehms oder die gerade begonnene Live-Wagner-Reihe von Marek Janowski bei Penta Tone (bisher erschienen sind der "Holländer" und die "Meistersinger"). Überhaupt scheinen dort komplette Label-Backkataloge abrufbar zu sein, etwa von Myto Records, Preiser, Nimbus, BBC Legends, aber auch vieles von EMI ist dabei. Die Qualität ist- zumindest mit meinen bescheidenen Computer-Kopfhörern - sehr gut, ich höre keine digitalen Artefakte, so dass die Streamingrate recht nah an der CD sein sollte. Ich wünsche viel Spaß bei der Entdeckungsreise im Schlaraffenland! Überfresst Euch nicht!




    Viele Grüße,


    GiselherHH

    Vorankündigung: "Hören, woher wir kommen - Grundzüge der europäischen Oper" - Eine Hamburger Vortragsreihe von und mit Jürgen Kesting

    Jürgen Kesting, Autor der vierbändigen Studie Die großen Sänger und einer Monographie über Maria Callas, stellt im Hamburger Bucerius Kunst Forum in der Reihe Grundzüge der europäischen Oper anhand von Hörbeispielen Hauptwerke der europäischen Oper vor, von Monteverdi, Händel, Gluck, Mozart, Wagner, Verdi, Mussorgski u.a., und beleuchtet zentrale Themen und Epochen der Operngeschichte. Der Schauspieler Volker Hanisch liest aus Zeitzeugnissen und Briefen.


    Veranstaltungsort:


    Bucerius Kunst Forum
    Ian Karan Auditorium
    Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg


    Die ersten Termine, für die bereits jetzt Karten (jeweils 10,00 € bzw. 8,00 € ermäßigt) im Vorverkauf erhältlich sind:


    Montag, 28. März 2011, 20 Uhr
    Alle Oper ist Orpheus oder: Der singende Mensch


    Mittwoch, 27. April 2011, 20 Uhr
    Maledetto Amor – die verbrecherische Liebe als Mittel der Macht.
    Claudio Monteverdis L’incoronazione di Poppea


    Mittwoch, 11. Mai 2011, 20 Uhr
    Georg Friedrich Händels Giulio Cesare in Egitto

    Näheres unter
    http://www.buceriuskunstforum.…addbe8700afef29aba33f2e99, wo man sich auch einen Flyer herunterladen kann (auf der Seite ganz unten rechts).


    :wink:


    GiselherHH

    Lieber Alviano,


    Kommunalpolitiker schmücken sich natürlich - wie andere Politiker auch, man denke nur an Mitterands geradezu pharaonisch anmutende Bauwut - gern mit großen Bauwerken und anderen "Leuchtturmprojekten", die mit ihrem Namen verbunden werden. Für diese Projekte, deren Notwendigkeit man durch entsprechend bestellte Gutachten (Stichwort: "Umwegrentabilität") untermauern lässt, wird Geld aus dem "Investitionshaushalt" in die Hand genommen, notfalls als Kredit. Die laufenden Unterhaltskosten der bestehenden Theater, Schwimmbäder, Sportplätze sind jedoch haushalterisch gesehen keine "Investitionen", sondern zählen zu den konsumptiven Ausgaben des "Betriebshaushaltes". Motto: Investitionsausgaben gut, konsumptive Ausgaben schlecht. Wobei dann oft verdrängt wurde (und wird), dass die Bauinvestitionen notwendigerweise Unterhaltskosten nach sich ziehen (nur eins der fast unendlichen Probleme bei unserer "Elbphilharmonie").


    :wink:


    GiselherHH

    Vielleicht sollte man mal anfügen, dass die unter Sparzwang stehenden deutschen Kommunen lediglich bei ihren freiwilligen Leistungen den Rotstift ansetzen können, welche aber nur ca. 20% ihres Etats ausmachen (die anderen 80% sind gesetzlich vorgeschriebene Pflichtaufgaben, welche ihnen von Bund und Land teilweise ohne adäquate Gegenfinanzierung aufgedrückt werden). Da bleiben eben nur Kürzungen z.B. bei Kindertagesstätten, Schwimmbädern, Sporthallen, Schulausstattung und eben der Kultur. Und der Politiker, der natürlich wiedergewählt werden will, geht dabei erwartungsgemäß den Weg des geringsten Widerstandes und kann mit Kürzungen bei der "elitären" Hochkultur eventuell sogar beim Durchschnittsbürger punkten, der lieber das Stadttheater geschlossen sieht als ein Schwimmbad oder eine Sporthalle.


    Was mir bei Berichten über Kürzungen im Kulturbereich allerdings auch Sorge macht, ist der offenbar immer höhere Anteil der Personal- und Verwaltungskosten im Vergleich zu dem Geld, das den Theatern für rein künstlerische Zwecke zur Verfügung steht. Ich plädiere jetzt nicht für generelle Gehaltskürzungen, schon gar nicht bei den meist ziemlich schlecht bezahlten "Provinzenembles". Aber ich habe den Verdacht, dass es gerade bei den großen Staatstheatern einen Verwaltungswasserkopf gibt, der zuviel an finanziellen Ressourcen bindet. Hier könnte die Politik mit einer geringeren Regelungsdichte einen Beitrag zum Sparen leisten, der nicht auf Kosten des Spielplans geht.


    :wink:


    GiselherHH 1

    Zitat

    Das bietet doch mal Gelegenheit aktiv zu werden und die Veranstalter sowie das Deutschlandradio Kultur aufzuklären, was sie da gerade zu tun beabsichtigen.


    Initiator Georg Mais hält Weismann für "unpolitisch". Zitat aus einem der Artikel:


    Der Makel: Ein vielleicht vermeintlicher Makel, mit
    dem Weismann noch 60 Jahre nach seinem Tod zu kämpfen hat: Der Musiker
    schrieb unter dem Nationalsozialismus 1935 eine Komposition zu
    Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“, war einer der
    Ehrenvorsitzenden eines „Arbeitskreises nationalsozialistischer
    Komponisten“ und erhielt 1936 einen Professorentitel. „Weismann war
    jedoch völlig unpolitisch“, sagt Georg Mais. Gerade bei seinen
    musikalischen Präferenzen sei die Arbeit am „Sommernachtstraum“ eine
    Herausforderung gewesen und aus der Sicht Weismanns nie gegen
    Mendelssohn Bartholdy gerichtet gewesen. Auch während seiner Zeit in
    Nußdorf sei er weder instrumentalisiert noch bekämpft worden.


    Und die Weismann-CD von Mais ist in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur entstanden... :wink:


    GiselherHH

    Im November und Dezember finden die "Julius-Weismann-Musiktage" mit dem Dirigenten Georg Mais statt, unter dessen Leitung bereits einige Werke Weismanns bei cpo eingespielt wurden. Eines der Konzerte soll von "Deutschlandradio Kultur" gesendet werden, den Termin konnte ich allerdings nicht herausfinden.


    Weitere Informationen in diesen beiden Artikeln:


    "http://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis-oberschwaben/ueberlingen/Musiktage-fuer-einen-kaum-Bekannten;art372495,4512160"


    "http://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis-oberschwaben/ueberlingen/Julius-Weismann;art372495,4512161"



    :wink:


    GiselherHH

    Nach seinem m.E. sensationellen Bayreuth-Debut als Hans Sachs dieses Jahr ist der Brite James Rutherford für mich allererste Hoffnung im Bereich des Wagnerschen Heldenbaritons (die Rolle wird er im Rahmen einer Neuinszenierung auch in Hamburg singen). Bryn Terfel scheint mir stimmlich leider schon auf dem absteigenden Ast und René Pape hat gerade die Mailänder Wotan-Premiere abgesagt, so dass diese Facherweiterung momentan zweifelhaft erscheint.


    Christian Franz hat seine beste Zeit wohl leider hinter sich. Seine Stimme geht für mich immer mehr in Richtung Charaktertenor, die Spitzentöne werden mit Schepper-Vibrato kaum erreicht, dazu spricht und falsettiert er dort, wo er eigentlich singen müsste. Deborah Polaski und John Tomlinson sind vom schauspielerischen Total-Einsatz her immer noch sehenswert, hörenswert sind sie nur noch sehr bedingt. Und dazu dann noch die Kaugummi-Tempi der Generalmusikdirektorin... :wacko:

    Beim Versender mit der vierstelligen Zahlenkombination gibt es aus dem hänssler-Programm u.a. diese wohlfeilen Angebote:


    Sir Roger "Vibrato ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" Norrington
    dirigiert Mozarts "Essential Symphonies" (6 CDs) für 29,99 Euro statt 79 Euro


    "http://www.zweitausendeins.de/suche/?ArticleFocus=17&ord=-1&alpha=1&cat=all&q=norrington"


    Stokowskis Stuttgarter Stippvisiten


    Stoky dirigiert
    Werke von Blacher (Paganini-Variationen), Prokofjew ("Romeo und Julia"-Suite Nr. 3), Milhaud (Konzert für Schlagzeug und kleines Orchester), Egk (Französische Suite nach Rameau), Wagner ("Tristan und Isolde" Vorspiel und Liebestod, Mussorgsky (Intermezzo aus "Chowanschtschina"), Tschaikowsky (5. Symphonie), 2 CDs für 9,99 Euro statt 19,99 Euro


    Bestenliste 2/2009 des Preises der deutschen Schallplattenkritik


    "http://www.zweitausendeins.de/suche/?ArticleFocus=1&ord=-1&alpha=1&cat=all&q=h%C3%A4nssler%20stokowski"


    :wink:


    GiselherHH

    Dem TBschen Marsch-Brainstorming mich anschließend (eine sehr schöne Einführung!), fällt mir eine amerikanische Marschmelodie ein (leider weiß ich nicht, wie sie heißt), die bei Charles Ives (1874-1954) öfter auftaucht: Gerade die collageartige Vermengung von Märschen und anderen populären Melodien seiner Umgebung hat der große Amerikaner gern zu einer Art Fest des Lebens vereint (z. B. in der 4. Symphonie).

    Ives´enge Verbundenheit mit der amerikanischen Marschmusik rührt nicht zuletzt daher, dass sein Vater George Bandleader im Bürgerkrieg und auch in seiner Heimatstadt Danbury war. Charles Ives berichtet davon, wie er in seiner Kindheit auf dem Dach eines Gebäudes an der zentralen Straßenkreuzung die Annäherung der Marching Bands aus den unterschiedlichen Himmelsrichtungen beobachtete und dabei hören konnte, wie sich die Melodien allmählich überlagerten. Dieses Stilprinzip hat er dann u.a. in der Holidays Symphony bei Fourth Of July angewendet und sich bei so bekannten Stücken wie Yankee Doodle, Dixie, Battle Cry of Freedom, Marching Through Georgia und Battle Hymn of the Republic bedient.


    :wink:


    GiselherHH

    Märsche von John Philip Sousa gibt es in vielen Einspielungen, ich höre gern die alten "Mercury"- Aufnahmen mit Frederick Fennell und dem Eastman Wind Ensemble:




    Bei "Mercury" gibt es auch noch diese sehr schönen und mitreissenden Aufnahmen von Zirkusmärschen, auch mit Fennell und den "Eastmännern":



    Darüber hinaus hat sich Fennell auch sozusagen "historisch-kritisch" (Originalinstrumente bzw. Nachbauten in historisch informierter Spielpraxis) mit amerikanischer Militärmusik vor Sousa auseinandergesetzt, nämlich mit den Melodien und Signalen der 1776er Revolutionsmilizen



    sowie den Märschen und Kommandos der Nord- und Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg


    .


    Letztere Doppel-CD ist m.E. besonders interessant, weil sie zeigt, wie "mulitkulturell" die amerikanische Militärmusik dieser Zeit war und sich bei allen möglichen Quellen bediente, z.B. bei methodistischen Kirchenliedern, englischen und irischen Volksliedern, deutschen Weihnachtsliedern ("Oh Tannenbaum" wird da zu "Maryland, my Maryland"), der Marseillaise oder man verwurstete gleich ganze Opern wie etwa beim "Freischutz Quickstep" oder dem "Un ballo in maschera Quickstep". Militärisch interessierte Hifi-Fanatiker kommen besonders auf ihre Kosten, da Originalwaffen aus dem Konflikt bis hin zu großkalibrigen Kanonen in akustischen Schlachtengemälden zu hören sind - mercurytypisch natürlich ohne Dynamikbegrenzung aufgenommen, so dass sich der Konsum via Kopfhörer nur bei sehr heruntergepegelter Lautstärke empfiehlt.


    Im Gegensatz zu Thomas Bernhard bin ich allerdings durchaus nicht der Meinung, dass die preußische Militärmusik "auf den Müllhaufen der Geschichte" gehört - genausowenig wie die vielleicht charmantere und verspieltere österreichische. Man mag es ja kaum aussprechen, aber nicht zuletzt wegen der Reichhaltigkeit und Vielfalt ihrer Märsche genießt die deutsche und österreichische Militärmusik international ein sehr hohes Ansehen. Und das obwohl diese Märsche Teil des Soundtracks für die sattsam bekannten Eroberungs- und Raubfeldzüge des "Großdeutschen Reiches" waren.


    :wink:


    GiselherHH

    Aufgewachsen bin ich in den 1970er und -80er Jahren mit der Trias FAZ-ZEIT-SPIEGEL, die damals genügend unterschiedliche Sichtweisen und Standpunkte boten, um sich das zu bilden, was heute zu einem Slogan für ein Boulevardblatt degeneriert ist: Eine eigene Meinung. Die FAZ war damals im Politikteil erzkonservativ (der Feind stand noch links), im Wirtschaftsteil ordoliberal und im Feuilleton liberal, der SPIEGEL war noch als Sturmgeschütz des Aufklärungsjournalismus mit Linksdrall bei gelegentlich nationalistischen Untertönen (Augstein-Kolumnen) auszumachen und die ZEIT verstand sich als Debattenforum mit "Sowohl als auch"- Layout (manchmal ein bissel zu staatstragend) und den berühmt-berüchtigten, seitenlangen "Dossiers".


    Nach fast 20 Jahren habe ich mein FAZ-Abonnement anlässlich des Relaunch vor ein paar Jahren gekündigt. Nicht nur wegen der geänderten Type und der bunten Bildchen (ich hing und hänge nun mal in ästhetischer Hinsicht an der alten Bleiwüste), sondern weil sich vor allem das Feuilleton in qualitativer wie quantitativer Hinsicht m.E. sehr verschlechtert hat. Abgesehen von den aufdringlichen Schirrmacher-Debatten-Steckenpferden, die generalstabsmäßig geplant und exekutiert werden, haben vor allem die Buchbesprechungen nachgelassen. Oft hat man das Gefühl, die Rezensenten schrieben nicht für ein allgemeines Publikum, sondern für Fachzeitschriften inklusive des dazugehörigen Jargons. Auch bei der Auswahl der besprochenen Werke fragt man sich immer öfter, warum ausgerechnet dieses Buch denn eigentlich einem breiten Publikum vorgestellt werden soll.


    Süddeutsche, FR oder gar die Welt sind da leider auch nicht besser und bieten keine Alternative. Die NZZ, früher mal mein heimliches Lieblingsblatt außerhalb Deutschlands, hat sich leider auch auf den Weg der Anbiederung an "heutige Lesegewohnheiten" begeben, also: mehr Bilder, weniger Text. Zudem ist sie redaktionell sehr piefig geworden. Das früher einmal vorbildlich engmaschig geknüpfte Korrespondentennetz, die regelmäßigen Hintergrundberichte aus Regionen, die sonst in der Tagesaktualität kaum eine Rolle spielen, alles vorbei. Von einem Korrespondentennetz im eigentlichen Sinne kann man kaum mehr sprechen (bei 2 Redakteuren für ganz Afrika!). Dafür wird dann mehr Schweizer Innenpolitik gebracht, ein Thema, welches - Verzeihung, liebe Schweizerinnen und Schweizer! - sich kaum öder und uninteressanter denken ließe.


    Dafür habe ich mich jetzt entschlossen, mir regelmäßig den Economist zu halten. Auch wenn ich mich mit der ziemlich radikalliberalen Haltung in Wirtschaftsfragen nur sehr bedingt anfreunden kann, berichtet der Economist aber insgesamt sehr zuverlässig, unerschrocken und ohne falsche political correctness aus allen Teilen der Erde, so dass man als Leser annähernd das bekommt, was man eine "globale Perspektive" nennt, auch wenn die Optik natürlich eine primär westliche bleibt. Das Online-Angebot aus dem In- und Ausland nutze ich natürlich auch weiterhin (FAZ, Spiegel u.a. reichen mir als E-Paper, die ich mir via Mitgliedschaft bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen mit einer gewissen Zeitverzögerung herunterladen kann).


    :wink:


    GiselherHH

    Aber gerade im Opernbereich scheinen mir die Gründe, weswegen die handwerklich besseren Komponisten wie Hindemith oder Orff in den 1950ern und 1960ern weniger Erfolg hatten als Egk durchaus auf der Hand zu liegen. Deren Werke waren größtenteils weitaus weniger eingängig.


    Bei Orff bleiben, wie Edwin ja schon oben geschrieben hat, von Thema und Machart bestenfalls "Der Mond" und "Die Kluge" als mögliche Repertoirestücke übrig. Weder das "baierische" Volksstück "Die Bernauerin", noch die zwar faszinierende, aber doch (auch in der Instrumentierung) sehr spröde Hölderlin/Sophokles-Vertonung der "Antigonae" oder gar der vollständig auf Altgriechisch konzipierte "Prometheus", von der philosophisch-düsteren Weltapokalypse "De temporum fine comoedia" ganz zu schweigen, haben das Zeug, wirklich populär zu sein oder zu werden.


    Ebenso bei Hindemith. Das expressionistische Frühwerk ("Nusch-Nuschi", "Neues vom Tage", "Mörder, Hoffnung der Frauen" etc.) war da schon zu sehr "Zeitoper" und der Musiksprache der Weimarer Republik verhaftet, die anderen Opern wie "Cardillac" oder "Mathis" thematisch nicht gerade leicht (Pariser Goldschmied mit pathologischer Ader und Künstlerdrama in den Bauernkriegen), zudem musikalisch ohne wirkliche "Reißer" (es ist ja insofern kein Wunder, dass die "Mathis"-Sinfonie als "Best of"-Destillat der melodiösesten Stellen weitaus populärer ist). Sein Spätwerk "Harmonie der Welt" mit der Doppelung von Keplers Leben und der kosmischen Ordnung der Musik entbehrt eigentlich jeder traditionellen Operndramaturgie. Hindemith diskutiert sozusagen mit sich selbst über den Sinn und Zweck von Musik - und das über drei Stunden lang...


    Bei Boris Blacher kommt als Oper mit Publikumspotential eigentlich nur sein "Preußisches Märchen" in Frage, bei Fortner auch nur die "Bluthochzeit" von 1957. Und bei Gottfried von Einem, der Egk noch am ehesten in der Publikumsgunst hätte "gefährlich" werden können, waren es sein "Prozess" (nach Kafka) und die Büchner-Vertonung "Dantons Tod". Hanswerner Henze hatte in den 1950ern zwar schon einige Opern mit mäßigem Erfolg komponiert ("König Hirsch", "Boulevard Solitude", Prinz von Homburg"), aber wirklich durchgesetzt war er erst mit seinem "Jungen Lord" 1964.


    Alles in allem also nicht wirklich viel "echte" Konkurrenz für den süffig komponierenden Egk.


    :wink:


    GiselherHH

    Werner Egk war offensichtlich ein sehr begabter "Networker" in eigener Sache und verstand es, nutzbringende Beziehungen zu den "richtigen" Personen auch über Epochenbrüche hinweg zu pflegen:

    Quelle: Hartwig Vens: "Pflicht zur Auslese" (konkret, Heft 12/2001), abrufbar unter


    http://www.konkret-verlage.de/…rauslese&jahr=2001&mon=12


    (Der Artikel enthält neben einer guten Zusammenfassung der Vita Egks auch einige interessante Zitate Egks aus seiner Zeit als Musikredakteur der Zeitschrift "Völkische Kultur", die eine enge damalige Nähe zur NS-Ideologie belegen, insbesondere in einer Rezension des Werkes "Musik und Rasse" von Richard Eichenauer)


    Kurz gesagt: Egk war im bundesrepublikanischen Musikbetrieb ein Multifunktionär, dessen Meinung gefragt war und sicher auch Gewicht hatte, etwa bei der Verteilung von Kompositionsaufträgen, der Verleihung hochdotierter Preise oder der Schaffung von Aufführungsmöglichkeiten. So jemand kann Karrieren beschleunigen oder auch bremsen, vielleicht sogar verhindern. Mit einem solchen Multifunktionär stellt man sich im eigenen Interesse gut und ist dann sicher auch bereit, die braunen Flecken auf der weißen Weste geflissentlich zu ignorieren.


    Und warum Egk beim damaligen Publikum so gut ankam? Sein Stil war gemäßigt modern, ohne - wie die Donaueschinger Avantgarde - weh zu tun. Man konnte sich damit - nach innen wie außen - zeitgemäß geben, ohne aber wirklich zeitgemäß sein zu müssen. Im Grunde also ein musikalisches Abbild der damaligen Gesellschaft. Die 8 Millionen NSDAP-PGs waren ja auch nicht im Nichts verschwunden, sondern hatten sich größtenteils in der jungen Bundesrepublik wieder etablieren können. Man trug zwar jetzt nicht mehr Uniform, sondern Zivil und die schweren altdeutschen Möbel waren dem Nierentisch, der Fernsehtruhe und dem Schneewitchensarg gewichen. Aber die Gesinnung war grosso modo doch immer noch dieselbe. Vielleicht erkannten die vielen Mitläufer im Publikum unterbewusst in Werner Egk einen der ihren, der auf dem Gebiete der Musik einen ähnlichen Lebenslauf hinter sich gebracht hatte wie sie selbst auf den Feldern von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. So etwas verbindet. Und schließt die Rückkehrer aus dem Exil aus, die eben nicht Teil der "Volksgemeinschaft" waren.


    :wink:


    GiselherHH