Beiträge von FairyQueen

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    Beim Lesen all dieser Beiträge kam mir die Idee, dass Mozart ja auch irgendwie sein eigenes "Cosi fan tutte" erlebt hat, als er Aloysia Weber liebte, die einen Anderen heiratete und er mit der Schwester vorlieb nahm. Und offenbar mit dieser Wahl (wenn man den Briefen Glauben schenkt) zumindest nicht unglücklich war.Ja, wir befinden uns natürlich in einer Zeit, in der Liebesheiraten (noch) nicht die Regel waren und Vernunftehen mit eingebauter Ehebuchstoleranz (zumindest in gehobenen Kreisen) die Normalität. Cosi fan tutte sozusagen als Bruchsstelle zwischen Rokoko und Romantik , wie auch Waldi oben sagt
    Wenn ich aber heute diese Oper als Regisseur inszeniere und als Zuschauer anschaue, bin ich nicht gezwungen, mich 250 Jahre zurückzuversetzen. Immerhin gibt es (Gottseidank) sowas wie ein Regietheater. Ich habe keinerlei Lust, eine Oper in ihrer Interpretation von 1789 zu sehen und gehe einfach frech davon aus, dass ein Regisseur und Zuschauer sie 2020 anders interpretiert.
    Warum soll es bitte zynisch sein, wenn zwei Schwestern zu viert mit ihren Liebhabern und Ehemännern zusammen leben? Im Rokoko wurde das zwar weder in Wien noch in Paris offen ausgelebt, war aber unter dem Mantel der Diskretion durchaus gesellschaftlich denkbar. Alle Male weniger zynisch als zwangsweise (das mit der Unterwerfung sehe ich genauso wie Rosamunde!) mit dem Falschen verheiratet zu werden und sich deshalb wohlmöglich noch mit der eigenen geliebten Schwester aus Eifersucht zu zerfleischen .
    Das Argument der zusammen gehörenden Stimmfächer Tenor plus Sopran und Bariton plus Mezzo ist für mich übrigens sehr wichtig. Warum ist nicht Ferrando ein Bariton, wenn er wirklich zu Dorabella gehört? Und warum sind Fiordiligi und Ferrando die Seria Charaktere die logischerweise zusammengehören und Dorabella und Guillielmo haben beide eher Anklänge ans Buffo-Fach? Das ergibt für mich wenig Sinn. Ein Happy-End ist in dieser Kombination die am Ende der Oper forciert wird nicht möglich, wenn man rollenkohärent und damit opernimmanent denkt.
    Und ja, dieselbe Diskussion hatten wir vor etlichen Jahren schon u.A. mit Peter Brixius der ähnliche Argumente wie Waldi und Christian hatte. Offenbar können sich Männer besser mit diesem Ende anfreunden bzw in Don Alfonsons "Vernunft" hineinversetzen (worin die Vernunft hier bestehen soll, erschiesst sich mir allerdings immer noch nicht......) Ach Rosamunde, ich bin SEHHHHR froh, dass du hier bist!!!!! :wink: :fee:

    Liebe Rosamunde, Dir gefällt an der Cosi wirklich gar nichts? Was die Musik angeht, gibt es da doch wirklich überreichlich Schönes..... Allein das Terzett Don Alfonso, Fiordiligi und Dorabella ist eine Perle zum Hinschmelzen. Die Duette, die Despina-Arien, Un aura amorosa und all die Ensembleszenen... also ehrlich gesagt finde ich , dass diese Oper genial komponiert ist. Das Verführungs Duett Fernando Fiordiligi sucht z.B. seinesgleichen an psycho-musikalischer Komplexität. Ich verstehe ja sehr gut, dass Du den Inhalt absurd oder grässlich oder frauenfeindlich oder was auch immer findest, aber die Musik........divinissima! Ich habe sehr viel davon schon gesungen und das macht sie mir umso kostbarer, aber auch das reine Hören ist immer wieder ein Genuss. Um von Inhalt zu abstrahieren: ich stelle mir einfach vor, dass am Ende Don Alfonso von der "echten" Liebe zwischen Ferrando und Fiordiligi bekehrt wird und es in der Wette ein Patt gibt. Das sich Dorabella und Guillellmo auf eine nette unverbindliche Beziehung einigen und die 4 in Ferrara mit Despinas Hilfe zusammen in einem einzigen Haushalt einige Kinderlein aufziehen, von denen keiner so genau weiss, on Guillielmo oder Ferrando der Papa ist. Und dass das auch total egal ist...... Happy End mit Zauberstab :fee:

    Bonsoir Rosamunde, das "Schade" bezog sich nicht auf die Diskussion in Capriccio sondern auf das Ende der Cosi in Salzburg. Es gab hier im Forum vor etlichen Jahren eine lebhafte Diskussion über die Cosi und besonders über die Rolle, Philosophie und Motivation von Don Alfonso .Wo diese Diskussion zu finden ist, weiss ich nicht. Das ist eine gefühlte Ewigkeit her. Bonne nuit
    :fee:

    Ich habe jetzt auch den 2.Teil gehört und gesehen und bleibe dabei, dass ich diese Salzburger Cosi für eine sehr gelungene Aufführung und Interpretation halte. Die Begegnungen der beiden "falschen" Paare- einfach toll gespielt. Es ist eher selten zu sehen, dass weder Dorabella noch Fiordiligi nach ihrer emotionalen "Verführung" nicht auch sexuell verführt werden, sondern die beiden "Albaner" sich frustriert mit ihren Halskettchen vom Acker machen..... das steigert die Demütigung der Frauen noch mal um ein Vielfaches.(von wegen Don Alfonsos Frauenfeindlichkeit......)
    Fiordiligi hat in der zweiten Arie noch deutlich zugelegt und Dorabellas Amor war ebenfalls hervorragend. Aber nach wie vor finde ich die psychologische Tiefenschärfe, die schauspielerische Leistung und die Harmonie des Ensembles und besonders der beiden Schwestern den Höhepunkt dieser Cosi. Einfach perfektes Casting! (Wer ist eigentlich in Salzburg dafür zuständig, die Darsteller auszusuchen? Félicitations!!!!!!!) :clap:
    Der Schluss hat mich zugegebenermassen etwas enttäuscht und da fehlt mir die letzte Konsequenz. Etwas mehr Wagemut von Seiten der Regie und das Ganze wirklich mal bis zum Ende denken. Ansätze waren zu sehen, in denen Z.B. Fiordiligi gleichzeitig bei Guillielmo und Ferrando stand oder Dorabella die beiden Männer stellenweise sogar verwechselt. Aber warum nicht am Ende die "echten Paare" sprich Tenor und Sopran und Bariton und Mezzo - hier auch noch so passend ge-castet: die beiden Blonden zusammen und die beiden Dunklen zusammen lassen? Oder wenigstens andeuten, dass es in Ferrara zumindest ein Menage à quatre geben wird? Temperamente, Stimmfach, und hier sogar das Aussehen- Alles will dahin.
    Mir ist es von jeher rätselhaft, was dieses absurde Opernende soll und wir hatten hier in alten Zeiten schon heftige und schöne Diskussionen darüber. Wäre eine Chance gewesen... schade! :fee:

    Ich habe letzten Samstag zum 1.Mal seit dem Confinement wieder ein Live-Konzert besucht. Im Atelier Lyrique in Tourcoing wo ich ein Abo für die ganze Saison habe- das Eröffnungskonzert mit Beethovens Eroica gespielt von'Les siècles" mit dem Dirigenten François-Xavier Roth) und einigen Gluck Arien (wahrlich nicht überzeugend gesungen von der Mezzosopranistin Isabelle Druet die am selben Tag Geburtstag hatte und vom Publikum ein Ständchen bekam (mit Maske...) Für mich war es einfach wunderbar, wieder in einem Konzertsaal zu sitzen und die Schwingungen live zu erleben. Man spürte den Leuten die Begeisterung wirklich an, nicht nur am Applaus. Im Oktober geht es weiter mit Bachs h-moll Messe. Ich fand es furchtbar, auf Konzerte verzichten zu müssen und das Live-Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen. Dafür nehm ich dann auch die Maske hin......
    Gute Besserung, lieber Michael, ich hatt neulich noch Deine CD "Scènes"in der Hand. :fee:

    Bonjour,
    ich sehe mir diese Cosi gerade auf Arte Concert an, bin erst bei der Hälfte angekommen, aber ziemlich begeistert. Dieses oft ziemlich absurde Verkleidungstheater gewinnt mit Christoph Loys zurückhaltender und unklamaukischer Inszenierung sehr viel psychologische Tiefe, die insbesondere den phantastischen Sänger-Schauspielern zugerechnet werden muss. Was für ein Casting! Ich frage mich, wo man gleichzeitig solche idealen Rollenverkörperungen plus passender Stimme findet- das würde fast noch ohne Musik überzeugen. Die Frauen überzeugen mich sogar noch etwas mehr als die Männer. Natürlich kann man stimmlich immer und überall noch steigern, wenn man Opern- Legenden für "Come scoglio" heranzieht, aber die Kombination im Ensemble finde ich hier fast perfekt. Genauso wie Rosamunde hat mich Don Alfonsos Ausdruck bei "Un aura amorosa" sehr berührt- und ich glaube genau wie sie, dass hier eine Projektion eigener schmerzlicher Liebesenttäuschung in Szene gesetzt wird. Genauso wie bei der zynischen Despina, die allerdings deutlich härter gesotten und scheinbar abgebrühter ist. Hingerissen bin ich vom Duo Fiordiligi-Dorabella- die perfekten Schwestern: optisch wie schauspielerisch und sängerisch. Ein unscheinbares Detail, das die Tiefenschärfe dieser Aufführung bestens spiegelt, ist der rezitaiv-Dialog und die gedehnt lange Pause im zweiten grossen Duett direkt nach "Io già decisi" und vor "Prendero quel brunettino"- bevor sie sich dann schliesslich trauen, die Untreue zu wagen und die beiden Bewerber schwesterlich unter sich aufteilen. Wirklich genial !!!!! :spock1: Weiter bin ich noch nicht, aber ich hatte grosses Bedürfnis schon mal zu lesen, was hier über die Inszenierung zu lesen ist und freue mich, dass es etliche Kommentare gibt.
    Und dass mit Joana Mallwitz endlich eine Frau in Salzburg Oper dirigiert, ist natürlich höchst erfreulich. Auf Arte gibt es übrigens auch noch den Dirigentinnen-Wettbewerb "La Maestra" anzuhören. Wir leben in spannenden Zeiten :fee:

    Mangels Möglichkeit das Festival live zu erleben, habe ich gerade die von mir seit einigen Jahren sehr verehrte Sopranistin Sabine Devieilhe zusammen mit dem Pianisten Mathieu Pordoy in einem Mozart und Richard Strauss Lied-Recital gehört. Bei Arte Concert zu hören. Besonders charmant interpretiert sie "Ah vous dirais-je maman". Und die sehr schwierigen Strauss Brentano Lieder. "Breit über mein Haupt" ist immer wieder ein Traum. Nur sehr wenige Patzer in der dt Aussprache, Alles auswendig gesungen- für eine Französin ist das beachtlich. auch wenn ihre Stimme nicht den zauberhaften Glanz von Nathalie Dessay hat, finde ich sie doch in ihrer Generation herausragend . Der mir bis dato unbekannte Pianist lässt bei mur keine Wünsche offen-er trägt sie Stimme wirklich auf den Tasten und seine "Abendempfindung" gefällt mir besonders gut. Allen Lied-Fan wärmstens zu empfehlen.
    https://www.arte.tv/fr/videos/…ieilhe-et-mathieu-pordoy/


    Salut de la France :fee:

    Lieber Wolfgang, jeder der gerade jetzt in Corona- Zeiten offene Augen, Ohren und Herzen hat kann Dir nur zustimmen. Wenn ich Veschwörungstheoretiker wäre, könnte ich behaupten, dass uns eine göttliche Fügung dieses Virus gesendet hat, um auf alle denkbaren Missstände mit dem Finger zu zeigen. Lieber Philmus - schön gesagt. Und Charisma ist immer ein Vorteil, aber für manche Berufe ist es ein Must have. Dirigenten jedwedes Geschlechts gehören mE. dazu. :fee:

    Lieber Philmus, ich verstehe Dein Unbehagen und das zeigt auch Deine respektvolle Haltung Frauen gegenüber.
    Aber für mich ist die Ausstrahlung eines Dirigenten nicht geschlechtsspezifisch. Ein Dirigent mit Charisma und auch nach aussen ausstrahlender Überzeugungskraft ist für mich genauso erfreulich mit allen Sinnen zu erleben wie Emmanuelle Haïm. Es geht dabei überhaupt nicht um ein bestimmtes Schönheitsideal oder einen Dresscode-sondern um den Ausdruck einer Persönlichkeit und die braucht ein Dirigent meiner Meinung nach unbedingt als Grundvoraussetzung, um seinen Beruf auszuüben. Ob männliches Charisma dasselbe ist wie weibliches Charisma soll hier bitte jeder selbst entscheiden . Meine Antwort darauf ist eindeutig Nein. Und für mich Gottseidank Nein. Und ich bin daher auch der Ansicht , dass Kinder unbedingt von beiden Geschlechtern erzogen werden sollten-glücklicherweise gibt es ja viele viele Väter, die sich dieser Aufgabe mit Freude annehmen. Jedes Kind braucht Identifikationsfiguren beider Geschlechter (wie das mit Transgender-Erziehern aussieht, weiss ich nicht,) um alle wichtigen Archetypen (mir fällt gerade kein guter deutscher Begriff dafür ein) zu verinnerlichen und sich selbst zu spiegeln und abzugrenzen. Ich finde es deshalb sehr schade, dass in Kindergärten und Schulen so wenige Männer sind. Meine kleine Enkeltochter ist z.B. total begeistert von ihrem Kindergärtner. Aber auch von den Kindergärtnerinnen- sie hat einfach Glück,, Beides zu haben. Das ist natürich ein politisches Thema, denn das liegt nicht zum geringsten Anteil an der miesen Bezahlung. :fee:

    Ich bin seit fast 20 Jahren grosser Fan der an der Oper Lille residierenden Dirigentin Emmanuelle Haïm (Concert d'Astrée) und verfolge ihre Aufritte aus nächster Nähe. Diese äusserst temperamentvolle rothaarige Barockspezialistin hat aus ihrer Weiblichkeit nie ein Hehl gemacht, es andererseits aber auch nicht nötig mit Sexappeal zu punkten. Sie ist fachlich einfach top (besonders toll sind ihre Händel-Spektakel) UND dazu attraktiv und sehr weiblich. Sie trägt weder unauffällige dunkle Hosenanzüge noch einen Frack sondern Kleider, die genau auf ihre Persönlichkeit zugeschnitten und trotzdem bequem sind. Ihre weibliche Ausstrahlung ist in vollkommener Harmonie mit dem, was sie musikalisch vermittelt . Ich vergesse niemals, wie sie hochschwanger Monteverdi dirigiert hat und ein halbes Jahr später wieder voll im Einsatz war. Irgendwie stellt sich bei solchen Frauen die Frage überhaupt nicht, ob Frauen dirigieren können oder nicht- sie tun es einfach und zwar nicht, indem sie Männer kopieren sondern indem sie sie selbst sind. Männer die in sogenanntenFrauenberufen arbeiten , können das genauso ¨überzeugend umsetzen . Meine kleine Enkeltochter hat z.B. im Kindergarten einen männlichen Auszubildenden, den sie heiss und innig liebt, weil er einfach andere Akzente setzt. Ich verstehe das ganze Problem nicht. Es ist doch vollkommen egal, ob ein Mann oder eine Frau dirigiert oder Kinder betreut- entscheidend ist, ob er oder sie es gut macht- auf je eigene Weise. Und ich bin übrigens überzeugt, dass es da durchaus auch biologisch bedingte Unterschiede gibt- umso besser- es lebe die Vielfalt! :fee:

    Lieber Quasimodo, welche andere Lehmann? Ich kenne sonst noch Charlotte Lehmann, die Lehrerin von Thomas Quasthoff, deren Interpretation von Faurés "Clair de lune" und "En sourdine" mich derart bezaubert hat, dass ich ihr vor sehr langer Zeit geschrieben habe und eine sehr nette Antwort bekam . Wenn sie es ist, kann ich Kesting nur zustimmen. Allgemein lässt er ja eher wenig gute Haare an leichteren Sopranstimmen..........
    Was das jubeln, jauchzen und japsen angeht- genial auf den Punkt gebracht! :megalol: Der Hammer sind für mich die Aufnahmen aus Amerika mit Bruno Walter. So was von unverfälschtem überbordendem Gefühl im Gesang muss man lange suchen. Wenn man dann noch die Umstände des Exils mitbedenkt und ihre Interpretation der Winterreise unter diesen Bedingungen hört ... da haut es mich aus den Socken und sie kann dann meinetwegen auch Astmaanfälle beim Singen haben.......... :fee:

    Lieber Hudebux, man findet wahrscheinlich an jedem Sänger irgendetwas auszusetzen, wenn man denn lange genug sucht. Nicht wenige kritisieren ja auch Maria Callas Gesangstechnik . M.E. ist das aber völlig nebensächlich und sagt mehr über den Kritiker als über den Sänger aus. Wenn Dir die Stimme gefällt, sie Dich anspricht oder sogar berührt und zu Herzen geht, wie das z.B. für mich bei der Callas der Fall ist, mag XY über ihre angeblichen Makel sagen, was er/ sie will, mich interessiert das nicht.
    Ich suche in der Kunst nicht die technische Perfektion, sondern eine E-Motion, ein Bewegt-Werden, wohin auch immer. Ein Mindestmass an Beherrschung des Instruments wird natürlich in der Klassik vorausgesetzt, wobei selbst das nicht unumstösslich ist. Ich vergesse niemals die völlig unausgebildete Stimme eines jungen Mädchens, das das schönste Schubert Ave Maria sang, das ich je gehört habe.
    Lotte Lehmann war eine grosse Künstlerin mit einem unverkennbaren Temperament und ganz viel Leidenschaft in der Stimme. Ob da der Atem immer 100%ig bis zum Ende der Phrase reicht, oder sich schon vorher verausgabt hat, wen kümmert das ausser denen, deren Berufung das Finden von Schwachstellen ist?
    Lieber sets beherrscht, langweilig und perfekt? Non, merci :fee:

    Aus christlicher Sicht nicht passend zum heutigen Freudentag, dafür aber für einige zur gegenwärtigen Situation. Für mich ist es einfach nur unglaublich berührende Musik


    Matthias Weckmanns Reaktion auf die Pest 1663 in Hamburg:



    Lieber Andreas, dieser Komponist ist bisher nie in meinem Bewusstsein aufgetaucht und ich danke Dir für die wundervolle Entdeckung- in tempore Coronae! Ich werde mir diese CD kaufen- was für eine ästhetische Lücke tut sich da auf und wie gut , dass es Caprriccio gibt! :fee:

    Lieber Arundo-Bernd, Du hast natürlich Recht, was junge Schüler angeht. Wenn man sie wochenlang ohne Unterricht lässt, besteht bei Vielen die Tendenz zum musikalischen Clochard zu werden...(.allerdings habe ich nur Erwachsene). Gut, dass du sie nicht im Stich lässt!
    Und ja, meine Situation mit der Stimme und obertonreichen Therapieinstrumenten ist nicht wirklich zu vergleichen. Eine Frage an diejenigen, die regelmässig erfolgreich per Skype unterrichten: wie seid ihr technisch ausgestattet? Ich habe ein Mac-Book mit eingebauter Kamera und Mikrophon, aber auch einen Bose Bluetooth-Verstärker, der mit Zoom aber anscheinend nicht mit Skype funktioniert. (Zumindest erschliesst es sci mir nicht) Heute morgen mit einem Gesangsschüler war der Ton teilweise ziemlich schlecht , habt ihr da Ideen? Ich bin leider von der Krise total überrascht worden, von einem Tag auf den Anderen war hier Alles zu und ich hätte nie damit gerechnet, auf Skype zu arbeiten. Welche Zusatz-Ausstattungen verbessern die Qualität eurer Erfahrung nach am effektivsten? und wenn ja, wo bekommt man das, wenn alle Läden zu sind.....
    Danke im voraus, meine Schüler wollen nämlich weiter machen...... :fee:

    Nachdem ich am Sonntag im Deutschlandfunk in der Sendung "Zwischentöne" den Schriftsteller Peter Schneider in einem sehr interessanten Interview (kann man noch nachhören!) erlebt habe, war ich, zumal als Barock- und Venedig- Enthusiastin, angefixt und habe "Vivaldi und seine Töchter" umgehend runtergeladen und schon fast ganz "verschlungen". Mit Vivaldi-Musik als akustischer Verstärkung versteht sich....
    Eine Art biographischer Dokumentation mit eingestreuten fiktionalen Elementen, aber immer auf dem Boden der musikhistorischen Erkenntnisse bleibend. Es geht vor allen Dingen um Vivaldis Tätigkeit as Musiklehrer am Ospedale della Pietät, einem Waisenhaus in Venedig . Er hat dort aus Findelkindern aller Gesellschaftsschichten (von unerwünschten unehelichen Sprösslingen adliger Seitensprünge oder Priesterkindern bis zu "Kolateralschäden" der zahllosen Prostituierten ) ein in ganz Europa berühmtes erstklassiges Mâdchenorchester plus Chor geschaffen. Nicht nur, dass das eine einmalige Chance für diese ausgesetzten Mädchen war sondern es muss musikalisch wirklich so einmalig gewesen sein, dass Fürsten und Würdenträger eigens gekommen sind um sich "die Engel" anzuhören. Und sie haben ihren Maestro, der ja auch geweihter Priester war, offenbar sehr verehrt. Er hat ihnen immerhin zugetraut, seine virtuose Musik zu spielen und eigens für einzelne Schülerinnen, die nach ihren Instrumenten genannt wurden, Soli komponiert . Z.B. hiess eine Trompetistin "Maddalena della Tromba" eine Sängerin Anna del Soprano etc. Eigentlich sollte diese Geschichte ein Drehbuch zu einem Film von Michael Ballhaus werden, aber daraus wurde nichts. Opulente Bilder kann man sich auch in der Phantasie vorstellen, die Musik muss ich aber dazu laufen lassen.

    Bonsoir, ich mache notgedrungen im Moment auch meine Erfahrungen mit Skype und kann Christian nur zustimmen: das kann nur ein schaler Ersatz in grosser Notlage sein. Ich finde das Unterrichten über Skype nicht nur unbefriedigend sondern auch total anstrengend. Alles läuft über Worte und Sprache.Und ist von der Qualität der (unzuverlässigen) Technik abhängig. Ein guter Teil der non-verbalen Kommunikation findet einfach nicht statt und das ist in meinem Fach, einer Mischung aus Gesangsunterricht und Therapie ein unersetzbarer grosser Verlust. Da ich normalerweise in der Therapie auch mit direkten Schwingungsübertragungen durch Stimme oder Instrumente arbeite, kommt Skype da in den meisten Fällen per se nicht infrage. Ich habe deshalb auch nur zwei Schüler (auf deren Drängen hin), bei denen es nicht um Therapie sondern wirklich um Unterricht geht, während dieser Kontaktsperre behalten. Die Schwierigkeiten sind neben mehr oder weniger häufigen Internettaussetzern (derzeit total überlastet) auch eine minimale Verzögerung in der Klangübertragung, die Zusammensingen unmöglich macht. Selbst Unisono ist es schwierig, zweistimmig geht gar nicht. Und richtiges Begleiten geht auch nicht. Und was die Bedeutung des Klangs als solchen angeht, die auch Christian anspricht, kann das Internet eben keine direkte Schwingung und damit auch kein echtes Obertonspektrum übertragen. Das merkt man sofort, wenn man obertonreiche Instrumente über Skype oder Zoom spielt, Am Anfang klingt es noch halbwegs "normal" aber das Ausschwingen wird zum Zittern, Rauschen und Pfeifen. Das Timbre einer Stimme ist aber nun mal vom individuellen Obertonspektrum abhängig. Für mich im Gesang und in der Musiktherapie kann Skype oder Zoom nur eine absolute Notlösung sein. Die beiden Schüler, die ich behalten habe , finden es besser als nichts und brauchen offenbar die Kontinuität und wenn es ihnen gut tut, soll's mir recht sein. Aber ich möchte so nicht langfristig arbeiten. Musikunterricht (von Therapie mit Klang ganz zu schweigen) ohne menschliche Gegenwart, in der nicht alle Nuancen der Kommunikation ausgeschöpft werden können , ist für mich nicht befriedigend. Solange ich es mir (noch) leisten kann, verdiene ich dann lieber nichts. Ewig wird dieser Zustand ja hoffentlich nicht mehr dauern...... :fee:

    Auf Arte lief neulich eine Dokumentation über Hölderlin. Dort wurde angedeutet, dass er für wahnsinnig erklärt wurde, um in vor politischer Verfolgung zu retten. Das war mir total neu. Als Jugendliche habe ich sehr für Hölderlin geschwärmt, ihn dann aus den Augen verloren und dieser Thread macht mir wieder Lust, mich insbesondere mit seiner Naturauffassung zu beschäftigen. Danke :fee:

    Hochverehrter Wiener Hofhund, wie schön, dass wir uns (wie fast immer) einig sind. :kuss2:
    Den Handkuss-Smilie muss unbedingt jemand erfinden oder beschaffen- sein Fehlen ist wirklich ein Unding für ein deutschsprachiges Kulturforum. :alte1:
    Lieber Bustopher: wenn Dir nicht schon allein beim Zergehen auf der Zunge der Worte "Paradeiser " und "Tomate" klar wird,dass das unmöglich dasselbe sein kann, dann ist Dir nicht zu helfen. :trost:
    Eine Tomate ist ein geschmackloses rotes rundes wässriges Etwas aus holländischen Treibhäusern . Ein Paradeiser schmeckt nach Eden und sieht auch so aus. Und ein Pomodoro hat dazu noch die besten goldenen Sonnenstrahlen in sich aufgesaugt und ist süss wie ein Apfel. Alles klar?
    Anscheinend ist sogar selbst ein Wort wie Coronavirus in Deutschland nicht dasselbe wie in Frankreich! Diesmal beneide ich ich euch wirklich darum!!!!!! :fee:

    Spannendes Thema, lieber Waldi. :spock1:
    Ich habe zwar nur wenige Jahre und das vor langer Zeit am Busen der Alma mater gelegen, aber in einem Bereich , in dem die Kenntnis verschiedene Sprachen essentiel war, in der Vergleichenden Literaturwissenschaft. Ich bin vom Nutzen einer lingua Franca (englisch wenn's denn sein muss) in universellen "Nutz"-Fächern wie etwa Medizin überzeugt. Gerade in Zeiten einer Pandemie zeigt sich das wieder ganz deutlich. Wo kämen wir gerade jetzt hin, wenn alle Erkenntnisse koeranischer, chinesischer, taiwanischer Corona-Bekämpfung nur in der jeweiligen Landessprache zugänglich wäre? :versteck2: Die lingua Franca ist hier unabdingbar. Und technische Fakten und Zahlen lassen sich zwar von Diktatoren fälschen aber falsch übersetzt werden sie nicht


    Ganz anders sieht es dagegen in der Geistes- und Kulturwissenschaft aus. Ich bin selbst in zwei bzw drei Sprachen zu Hause und spüre tagtäglich, welche Auswirkungen Sprachstruktur auf Denkstrukturen und damit Handlungsweisen hat. Alles was direkt von Sprache betroffen ist, braucht m.e. den Bezug zur Originalsprache und lässt sich nur mit Verbiegen und Verdrehen in eine andere Sprache übertragen. Ich hatte vor zwei Jahren das Vergnügen, ein Werk über Hypnose, in der das Bewusstsein und dessen verschiedene Schichten eine riesige Rolle spielten, aus dem frz. ins Deutsche zu übersetzen. Ein Unterfangen, das mich dazu zwang, Inhalte an die Möglichkeiten der Sprache anzupassen, weil man bestimmte Konnotationen einfach nicht von einer Sprache in die Andere bringen kann. Je komplexer und subtiler ein Sachverhalt ist, desto genauer muss eine wissenschaftliche Betrachtung diese Komplexität mittels Sprache spiegeln können. Auch wenn in englich geschrieben wird, muss der Wissenschaftler die Sprache des zu erforschenden Gegenstands kennen. Wie soll z.B. jemand über Dante schreiben, der kein Italienisch kann oder wie soll man Rilkes Gedichte in englisch kommentieren???? Ich kann inzwischen sehr gut französisch , aber schaffe es dennoch nicht, irgenjemandem der kein Deutsch kann, die Schönheit der Sprache von z.B. Else Lasker Schüler zu vermitteln. Wie soll ein Literaturwissenschaftler das in englisch hinbekommen?
    Eine Lingua franca ist toll und lebensnotwendig, wenn es um Sachthemen und Fakten und Zahlen geht. Je tiefer es aber in die Tiefen der menschlichen Seele hinabgeht, desto mehr bleibt sie m.E. eine Krücke. Gewiss besser als nichts, aber eben auch nicht mehr. :fee: