Beiträge von FairyQueen

    Ich lese gerade mit grosser Freude diese Lebenserinnerungen eines weltberühmten Klezmer, der ebenso in der klassischen Musik zu Hause ist und lange im Israelischen Philharmonieorchester gespielt hat. In Argentinien geboren als Sohn vor dem Holocaust geflohener bessarabischer Eltern, Sohn eines berühmten Klezmer-Klarinettisten, in dessen Fusstapfen er schon seit frühester Jugend trat, hat Giro Feidmann in Israel, den Usa und auch in Deutschland gelebt. Er hat auch als musizierender Schauspieler grosse Erfolge gehabt (so z.B. unter Peter Zadeks Regie in "Ghetto) und sogar in einer Oper "Der Rattenfänger von Hameln" mitgewirkt. Sein ganzes Leben ist der Musik gewidmet und für Feindmann ist Musik in erster Linie Lebensfreude, völkerverbindende Universalsprache und Gottesgeschenk.
    Ein mutmachendes und versöhnungsschaffendes Buch :fee:

    Ich habe mir gerade Cäsars Referenzaufnahme gekauft trotz Counter und bin total begeistert! Andreas Scholl und Barbara Bonney sind ein Traumpaar an Wohlklang und mir gefallen auch die Verzierungen, Vorschläge und Triller besonders gut. Was die talents lyriques unter Rousset angeht, finde ich sie weder außergewöhnlich gut noch schlecht, sie machen einen ordentlichenJob, Stutzmanns Truppe ist m. E. besser, aber die Sänger sind so phantastisch , dass ein neutrales Begleitorchester angemessen scheint. .Den Vergleich mit Bach kenne ich nicht , werde ich mir mal anhören. :fee:

    Ich meinte natürlich das unglaubliche Duett Nummer 12 quando corpus.. Das möchte man am liebsten gleich zum eigenen Tod vorbestellen. Paradisi Gloria zusammen mit Faure In paradisum und Bach Ach Herr lass dein lieb Engelein kann dann eigentlich nichts Etschreckendes mehr geschehen. :fee:

    Noch eine Frage an die Stabat mater Fans: welches sind denn eure Lieblingsstellen? Ich finde die Duette Nummer 5 Quis est homo und 9 Sancta mater besonders ergreifend. Besonders das Echo in der 5 : :heul1: Sopran in tanto supplicio und dann der Alt 11 Töne tiefer dolentem cum filio- das haut mich jedesmal um. Die Alt Soli sind eindeutig dankbarer und schöner, aber das sei den Alten gegönnt, sie haben ja sonst oft genug das Nachsehen. :fee:

    Danke für eure Antworten. Liebe Ulrica, ich habe die Allessandri Aufnahme auch und irgendwo hier im Thread vor Jahren empfohlen, finde sie Klasse! Allerdings habe ich die Tessitura nochmal überprüft, ebenfalls einen Halbton tiefer! Ja das ist unangenehm gesetzt, und nicht zuletzt deshalb gibt es wohl kaum eine Aufname mit modernem Kammerton . Meine Partnerin ist ein Mezzo und für sie ist es vorteilhafter als für mich. Man muss halt in Topform sein, dann geht es, ein guter Indikator..... wäre jedenfalls schön, wenn wir das irgendwann mal zusammen singen könnten. Was die Begleitung angeht ist wie so oft der Transport des Instruments das Problem. Vielleicht haben wir eine Viola da Gamba, die spielt dann aber nur den Bass....Sara Mingardo habe ich übrigens live hier vor wenigen Wochen mit Händel Il trionfo del Tempo et del disinganno gehört. Siehe entsprechender Thread. In diesem Werk gibt es herrrliche Altarien und ihre Stimme ist von einem selten schönen Timbre und gut gereift wie köstlicher Bordeaux. Mit gefällt allerdings inzwischen Jarroussky mit Enöke Barath unter Stutzmanns Baguette noch besser. Die Tempi sind sehr originell und stilistisch finde ich es einfach erstklassig. Bei Jarroussky und Julia Lezhena ist die Stimmharmonie so extrem dass man nicht mehr weiß wer wer ist. Ihr Sopran ist dermaßen knabenhaft gefärbt dass sie ein Counter sein könnte- genial gemacht, aber ich mag den weiblicheren Klang als Kontrast bei Barath auch sehr. Salut de la France! :fee:

    Ich befasse mich gerade sehr intensiv mit dem Stabat mater und da ich kein gnädig einen halben Ton tiefer spielendes Barockorchester oder einen prima vista transponierenden Pianisten zur Verfügung habe, muss ich das singen, was in den Noten steht. Die einzige Aufnahme, die ich mit dieser modernen Frequenz habe, ist die von Abbado mit Marschall und Terrani. Ich finde sie durchaus anhörenswert und bei diesem dramatischen Thema ist es m.E. auch vertretbar, dicker aufzutragen. Kennt jemand andere gute Aufnahme mit moderner Frequenz? Ist hier ein Sopran, der das Werk schon komplett gesungen hat?
    Das Schöne an diesem Werk ist nicht nur die wunderbare Musik sondern auch die relativ grosse Freiheit, die es den Interpreten lässt. Wenn man sich fragt, welche Tempi und Verzierungen man, und wenn ja wie, singen soll, und wenn man dann die verschiedenen Aufnahmen hört:- der Spielraum ist schon enorm grösser als bei romantischen Werken gleichen Stils.
    Als ich eben diesen Thread aufmachte, kamen auf den 1. Seiten tolle Beiträge von Peter Brixius und Rideamus, die leider leider nicht bis zum Ende der 13 Nummern des Werkes gekommen sind. In solchen Momenten wird mir einmal mehr ganz deutlich, was wir an den Beiden hatten.

    :fee:

    2.Teil

    Warlikowski erlaubt sich ein Ende gegen die Musik und gegen das Libretto und das ist nur gut so. Bellezza bekehrt sich schließlich scheinbar zur Wahrheit und entsagt der Lust (ihr David ist eh tot....und man sieht nur noch kurz seine prachtvolle Nacktheit ehe er mit Leichentuch bedeckt hinausgeschoben wird). Sie legt ihr Miniminipartykleid ab, und bekommt ein weisses braves Puppenkleid angezogen, dem auf der Brust in Gold das katholische Monstranzzeichen prangt, dazu eine weisse Blütenkrone und einen Rosenkranz. Bellezza cattolica , weiterhin mit dunkelrotem Lippenstift und den schwarzen Augenringen. Aus Trotz steckt sie sich eine Zigarette an und schließlich schneidet sie sich die Pulsadern auf, oder wird stigmatisiert, mir war das nicht ganz klar, aber ich habe schließlich verstanden, dass sie Resistance-Suizid begeht. All die anderen StatistenFrauen sind dann am Ende mit dieser Märtyrerin der Anti-Bekehrung auf einem Video zu sehen. Wieder sehr suggestiv und wie aus den Abendnachrichten .
    Der Regisseur hat sich im Interview sehr kritisch zur Unterdrückung der Frau in der katholischen Kirche geäussert und auch zur Zwangseinweisung von Mädchen in Klöster sowie der Verteufelung von weiblicher Schönheit und Sexualität, all das spielt mit Sicherheit in seine Interpretation hinein.
    Angesichts eines moralinsauren Librettos hat er eine m.E. weitgehend überzeugende und sehr suggestive Interpretation geliefert, die dank eines hervorragenden Casting 100% funktioniert hat. Die Kinogeschichte hätte er gar nicht gebraucht aber was soll's..... Ich persönlich fand die Allegorien sehr zeitgemäss umgesetzt und habe mir dann Gedanken gemacht was Schönheit plus Wahrheit aber ohne Güte/Liebe überhaupt sein können. Das Libretto lässt diese dritte und entscheidende Komponente leider total aus- sie wäre die Lösung allen Übels gewesen, an die ein Kardinal Pamphili aber anscheinend nicht gedacht hat......
    Ein bisschen Mitgefühl und Agape hätten die Wahrheit so entschärft und versüsst, dass die Schönheit nicht den Tod vorgezogen hätte. Weshalb nur zwei der antiken Kardinaltugenden hier vorkommen, die 3. und eigentlich Urchristliche aber nicht, ist rätselhaft und dann auch wieder nicht. Verteufelung und Dualisierung konnten nur ohne Güte funktionieren.
    Was die Musik angeht, kann ich mich nur in Lobeshymnen ergehen. Ich hätte nie gedacht, dass es sich um ein Jugendwerk handelt. Gespielt wurde die allererste Version von 1707. Der Kardinal war wohl ein grosser Fan von Händel und das evtl nicht nur ganz keusch. Die Lobeshymne, die er im Libretto integriert und die der Counter als Lob des Musikers tiriliert, enthält sogar Orgelsoli- einfach klasse! (Und megafetzig @ Amfortas) Zum Concert d'Astrée und seiner temperamentvollen Chefin, einer reiferen Bellezza, schreibe ich hier im Forum ja regelmäßig und weiss nicht, was es da noch mehr zu sagen gäbe, als dass sie einfach für diese Musik geschaffen wurden und sich dessen immer wieder würdig zeigen. Keine Ahnung, ob es schon irgendwo Ausschnitte zu sehen gibt, wenn ja, bildet euch bitte selbst ein Urteil.
    Ich bin jedenfalls enchantée und habe einen sensationellen Händelabend erlebt.

    Händel : Il trionfo del tempo e del disinganno Opéra de Lille 21.1.2017

    1.TEil

    Il Trionfo del Tempo e del Disinganno
    [Le Triomphe du Temps et de la Désillusion]
    Oratorio en deux parties de Georg Friedrich Haendel (1685- 1759)
    Livret du cardinal Benedetto Pamphili
    Créé en 1707 à Rome

    Direction musicale Emmanuelle Haïm
    Mise en scène Krzysztof Warlikowski
    Assistante à la mise en scène Marielle Kahn
    Décors et costumes Malgorzata Szczeniak
    Dramaturge Christian Longchamp
    Lumières Felice Ross
    Chorégraphie Claude Bardouil
    Vidéo Denis Guéguin


    Avec
    Bellezza Ying Fang
    Piacere Franco Fagioli
    Disinganno Sara Mingardo
    Tempo Michael Spyres

    Le Concert d’Astrée
    en résidence à l’Opéra de Lille

    Ich hatte gestern Abend das grosse Glück diese Aufführung zu erleben. Es handelt sich dabei um ein sehr selten gespieltes Werk, obwohl es musikalisch ein Riesenwurf des 22Jährigen ist und später noch zweimal überarbeitet wurde, mit 52 und 72 Jahren, also offenbar wichtig für Händel war. Emmanuelle Haïm, bekennende Händelianerin und eine der grossen Spezialistinnen unserer Zeit, hat sich bereits zu Beginn ihrer Karriere des Werkes angenommen und lobt überhaupt Handels Jugendwerk im italienischen Stil in höchsten Tönen- Gottseidank kann ich nur sagen, denn so kam ich hier schon in den Hochgenuss der Resurrezione, diverser Kantaten, Delirio amoroso etc. Was für ein Schwung und Elan, was für herrliche Melodien. :sofa1: Alles aus einem Guss. Und dazu eine der berühmtesten und ergreifendsten Händelarien überhaupt "Lascia la spina" , eher bekannt als "Lascia ch'io pianga" recycelt für die Oper Rinaldo. Wobei ich zugegebenermaßen letztere Version vom Sopran gesungen vorziehe, aber die gestrige Counter-Version war trotzdem auch ein Highlight.
    Woran liegt es, dass dieses grandiose Werk nicht in den Händelolymp aufstieg? Weil er zuviele
    noch grandiosere Werke geschrieben hat? Oder liegt es am Libretto und am Mangel an Bühnenaktion?

    Das Thema ist eine typisch barocke Allegorie wie wir sie auch von Lully und Monteverdi kennen. Die Schönheit (Sopran), tut sich mit der Lust (Counter) zusammen, um das Leben und insbesondere die Jugend in vollen Zügen zu geniessen. Als Spassbremsen treten die Zeit (Barytonaler Tenor) und die Desillusionierung (im Sinne von Erkenntnis der Wirklichkeit des Lebens, Contralto) auf, die auch als ElternFiguren in einem Generationenkonflikt durchgehen können. Da ein römischer Kardinal das Libretto geschrieben hat, bekehrt sich am Ende die Schönheit zur Wahrheit und gibt der Lust den Laufpass, um im Schoss der heiligen Kirche ihr Glück zu finden. Dieses teilweise unerträgliche Moralgetriefe lässt sich heute natürlich nur gebrochen vermitteln und auch wenn die Musik phantastisch ist, muss unbedingt ein talentierter Regisseur her (oder man belässt es gleich bei der CD).
    Der polnische Regisseur Warlikowski und sein Team haben in Aix en Provence und Lille eine sehr eigenwillige Lösung gefunden, die überrascht aber funktioniert, auch wenn ich Einiges zu Fragen bzw zu kritisieren habe.
    Die Bühne ist ein Kinosaal mit grauen Plüschsesseln, in der Mitte getrennt von einem mehrfach gebrochenen langezogenen Glaskasten in dem die Figuren ein und ausgehen können. Am Anfang sehen wir ein Video, in dem die Sänger bereits mitmischen. Bellezza ist eine blutjunge sehr attraktive Chinesin, die man in einem Nachtclub tanzen und Drogen nehmen sieht ,per Kussaustausch von Mund zu Mund mit der Lust und einem wichtigen Statisten, junger Apoll bzw Michelangelo-David und Liebhaber der Bellezza- die Sänger zeigen hier bereits ihr Schauspieltalent und ihre Hingabe an das Regiekonzept. Ein Überdosis Drogen führt zum Tod des Lovers und zur Krankenhauseinweisung von Bellezza, man sieht dann schon die Eltern, Tempo und Disinganno, im kleinbürgerlichen Bürokratenlook besorgt Betten schieben. Das alles ist sehr suggestiv und könnte heute Abend in Berlin oder Paris oder sonstwo passieren.
    Bellezza ist zwar während der gesamten Aufführung sichtbar ein gesundheitliches Wrack mit Riesenringen unter den Augen, regelmässigem Erbrechen, Ansatz zu Magersucht etc, aber ihr rebellischer Geist lässt sich nur schwer und eigentlich gar nicht, brechen. Ihrer Schönheit tut all das keinen Abbruch und das Casting der chinesischen Sopranistin Ying Fang ist ein seltener Glücksfall. Nicht nur dass sie eine Stimme wie ein warmer heller Sonnenstrahl hat und alle virtuosen Hürden der Partie perfekt beherrscht, sie verkörpert auch die dunkle fragile Schönheit der Verzweiflung ganz realistisch und macht auch noch im winzigen Slip eine Topfigur. Chapeau ist da viel zu wenig gesagt, sie war die Entdeckung des Abends für mich :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:
    Die Lust ist ein halsbrecherischer Counter mit etwas schmierigem Mafia-Flair, der mit allen Mitteln versucht, die Schönheit an sich zu binden und die unglaublichsten Koloraturen singt und das von der Sopran bis zur Basstessitura. Franco Fagioli in einer Traumrolle, auch hier ideales Casting; zu Handels Zeiten wahrscheinlich eine renommierte Kastratenpartie. Die Zeit ist ein nicht viel weniger virtuoser, eher tiefer Tenor und als Rolle cholerisch unsympathisch, da totale Spassbremse und dazu noch ziemlich gemein. Er beschreibt in leuchtenden Farben die Verwesung aller Schönheit und fragt Bellezza, was von ihren Ahnen in den Urnen übriggeblieben sei. Die Zeit fühlt sich als Alleinherrscher und Patriarch und führt sich auch so auf. Michael Spyres lässt keine Wünsche offen, er füllt die Rolle mit vokaler und leiblicher Fülle aufs Beste aus.
    Was die Enthüllung der Wahrheit (disinganno) angeht: ich habe Sara Mingardo überhaupt nicht wiedererkannt so gut war sie verkleidet und mit ihrer ebenfalls sehr unsympathischen Rolle identifiziert. Ihr Alt hat an Volumen gewonnen und nun eine samtene Fülle, eine umwerfend schöne Stimme, die leider nicht so viel zu tun hatte, wie die drei Anderen, ich könnte ihr stundenlang zuhören. :rolleyes: <3
    Sehr schöne Arien ohne viel Brimborium, die die Stimme in ihrer ganzen Pracht zeigen. sie versucht mit Sarkasmus und sanftem Sadismus Bellezza zum Umkehren zu bewegen und betont immer wieder, dass Jugend und Schönheit angesichts der Ewigkeit wertlos seien und das Heil in der (göttlichen sprich katholischen) Wahrheit liege. Dabei sitzt sie im 50iger Jahren Tippsenlook an einer Schreibmaschine, während Zeit offenbar ihr Bürochef ist. Immer wieder sehen diesem Spektakel diverse Frauen aller Kuturen und in Partygewandung zu, Statistinnen jeder Hautfarbe, junge schöne Frauen die auf den Kinositzen Platz nehmen, eine Weile bleiben und wieder gehen. Auch der eigentlich tote David-Apoll taucht mehrfach wieder tanzend im Glaskasten auf, einmal in angedeuteter Christuspose. Bellezza wechselt sogar die Kleider mit ihm und statt im Partkleid ist sie eine Weile in Jeans und Shirt auf der Bühne, um später wieder ins Partykleid zu schlüpfen,während er nur noch mir einem Slip bekleidet als Augenweide weitertanzt.
    Während der gesamten Aufführung steht ein Krankenhausbett auf der Bühne und eine Krankenschwester schiebt es ab und an mit Bellezza oder dem David (am Ende splitternackt und dann mit Totenlaken ganz bedeckt) hinaus und hinein. die Schönheit und die Lust sind ständig vom dekadenten Tode bedroht, während sich Zeit und Wahrheit bester spiessiger Gesundheit erfreuen.
    Vor der Pause gibt es einen Einschub, den ich nicht verstehe: ein Interview mit Jacques Derrida, bei dem er gefragt wird "Glauben Sie an Geister?" Und er sinngemäss antwortet, dass das Kino eine Geisterbeschwörung sei und er daher an Geister glaube. Was das in dieser Aufführung soll ,ist mir nicht klargeworden, auch wenn die Kinometapher durch das Bühnenbild und die Statisten präsent war.

    Mein Beitrag bezog sich selbstverständlich nicht auf Diejenigen, die schon richtig krank sind. Da greifen sanfte Methoden nur noch sehr bedingt oder gar nicht, bevor das Akutschlimmste nicht behoben ist. Das Ideale ist m.E. eine Synthese aus östlicher und westlicher Medizinerfahrung und Weisheit. Solange es geht, vorbeugen mit ordentlicher Lebenshygiene deren Hauptpfeiler in allen Medizinen vernünftige Ernährung und Bewegung sowie Psychohygiene ( in erster Linie der richtige Umgang mit Stress und Emotionen) sind. Ideal wäre es, dann auch noch ein Ziel und einen Sinn im Leben zu haben, also eine umfassende Salutogenese. Wobei Ernährung und Stressreduktion im Normalfall schon eine entscheidende Rolle spielen, und natürlich kein Drogenmissbrauch wie Alkohol, Medikamente etc.Die westliche Medizin hat dagegen sehr gute Ergebnisse und ganz erstaunlich rasante Fortschritte in der Pathologie und Heilung von akuten Krankheiten zu verzeichnen, und wenn diese beiden Kulturen sich vielleicht in Zukunft als komplementär verstehen und zusammenarbeiten, wie das mancherorts ja schon geschieht, wird sich Entscheidendes im Gesundheitssystem ändern. Ich setze darauf grosse Hoffnungen.
    Natürlich mache ich mit einem Bandscheibenvorfall nur sehr begrenzt oder gar keine Yogaübungen mit oder ohne Musik, aber ehe ich den Bandscheibenvorfall bekomme, tue ich meine Möglichstes, dass es nicht dazu kommt. Wobei es natürlich vom Schicksal Priviligierte und Nicht-Priviligierte gibt, in jeder Hinsicht, darüber bin ich mir ganz klar. Und jeden Tag dankbar. wenn ich aufwache und es mir gut geht. Das sollte nur eine Ergänzung in diesem Thread sein, mehr nicht. Wie schwierig es ist, den richtigen Arzt für sein Leiden zu finden, weiss ich auch und drücke euch alle Daumen und Michael besonders. Die Abhängigkeit vom System und die eigene Ohnmacht ist bitter und schwer zu ertragen, vor allen Dingen, wenn die berufliche Existenz daran hängt :fee:
    Frau Peter ist in hohem Alter verstorben. Mein 1. Gesanglehrerin war Schülerin bei ihr und hat uns allerlei weitergegeben, z.B. das Liegen auf einem dicken Strick, das ich anfangs als sinnlose Tortur empfand aber dann als sehr spannungslösend. Das muss eine sehr starke Persönlichkeit gewesen sein, die vielen Menschen etwas für ihr Leben mitgeben konnte.

    Ich werfe nur kurz ein, dass m.E. die beste Art und Weise, Fehlhaltungen und damit verbundene Schmerzen zu vermeiden eine vernünftige, sprich rechtzeitige und regelmässige Vorbeugung ist. Es gibt etliche sehr gute Methoden, die speziell auch für Musiker ihre Wirksamkeit bewiesen haben. Ich nenne mal nur stellvertretend Feldenkrais oder Alexander-Technik. Auch diverse Formen von Yoga oder Qi Gong bzw Tai Chi haben hier gewiss ihre Meriten. Physiotherapie wird meist erst gemacht, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Aber das ist ja leider ein typisches Merkmal des medizinischen Systems. In dieser Hinsicht können wir viel von der Grund-Haltung östlicher Medizinen lernen . Sowohl das indische Ayurveda als auch die Traditionelle Chinesische Medizin setzen sehr stark auf Vorbeugung und dazu gehört ganz entscheidend Bewegung und richtige Haltung.
    Ich wünsche allen Geplagten hier gute Besserung und für Jeden die richtige Methode. Für mich persönlich ist Bewegung mit Musik und regelmässige Massage die angenehmste Weise, gegen Fehlhaltungen und Rückenprobleme vorzubeugen. :fee:

    Glaub ich Dir gerne! :fee: Haïm und Händel sind ja immer eine Garantie für höchste Qualität, aber von den Solisten kenne ich diesmal nur Sara Mingardo, eine zumindest vor Jahren, phantastische Barockaltistin. Haïm hat mal in einem Interview gesagt, Sänger seien die authentischsten Musiker und ihr Traum wäre gewesen, Sängerin zu werden. Da sie aber wie "une casserole" (=Kochtopf) singe, hat sie ein besonderes Talent dafür entwickelt, tolle Stimmen um sich zu scharen. Man darf sich also vertrauensvoll zurücklehnen. :fee:

    Am Samstag wieder einmal unsere tolle Barockspecial Emmanuelle Haïm mit dem Concert d'Astrée an der Oper: ich freu mich schon sehr :sofa1: :fee:

    Il Trionfo del Tempo e del Disinganno
    [Le Triomphe du Temps et de la Désillusion]
    Oratorio en deux parties de Georg Friedrich Haendel (1685- 1759)
    Livret du cardinal Benedetto Pamphili
    Créé en 1707 à Rome

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    Direction musicale Emmanuelle Haïm
    Mise en scène Krzysztof Warlikowski
    Assistante à la mise en scène Marielle Kahn
    Décors et costumes Malgorzata Szczeniak
    Dramaturge Christian Longchamp
    Lumières Felice Ross
    Chorégraphie Claude Bardouil
    Vidéo Denis Guéguin

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    Avec
    Bellezza Ying Fang
    Piacere Franco Fagioli
    Disinganno Sara Mingardo
    Tempo Michael Spyres

    Le Concert d’Astrée
    en résidence à l’Opéra de Lille


    :picoops:

    Lieber Benutzername, danke, dass Du mir so ausgiebig und interessant und kompetent Auskunft gibst. Ja , das ist eine Freude , Dich zu lesen. Ich habe auch das Interview mit Hengelbrock gehört und er klingt wirklich wie Einer , der der Musik die Ehre geben will und dafür brennt. Und wenn so jemand dann die Chance bekommt, unbekannte bzw unpopuläre Musik mittels Medienhype ins Rampenlicht zu bringen, so dass Alle darüber reden und schreiben, ist das doch für Solche wie wir hier, ein Grund zur Riesenfreude! Natürlich darfauch Kritik geübt werden, aber ich persönlich bin erstmal total begeistert und erstaunt. Ich hab allerdings wie gesagt den ganzen Vorlauf verschlafen und bin auch keine Hamburgerin, die unter den Folgen leiden muss. Schönes Wochende besonders allen Hamburgern ! :fee:

    Es ist immer wieder erstaunlich, dass selbst nach über 70 Jahren immer noch Widerstände gegen eine transparente Bearbeitung der Nazi-Vergangenheit öffentlich tätiger Personen bestehen, auch wenn Selbige längst tot sind. Jedenfalls kann ich mir angesichts dessen die leidenschaftlichen Plädoyers von Christian und seinen Austritt gut vorstellen. :evil: :thumbup:
    Diese Woche wurde auf Arte ein Film gezeigt (ich glaube man kann ihn noch abrufen) "Wer, wenn nicht wir". Darin geht es u.A. um den Dichter und Gudrun Ensslin Lebensgefährten Bernward Vesper, der Sohn eines Nazi- Schriftstellers war und zwischen der Liebe zu seinem Vater und seiner eigenen Anti-Nazi Gesinnung (und der Kritik seiner linken Freunde) zerrieben wurde. Allerdings lebte der Vater noch und drängte auf Neuauflage seiner Werke, das ist nochmal eine andere Brisanz. Mein eigener mütterlichseitiger Grossvater war Pianist im Offizierskasino der deutschen Besatzer in Paris und dass Musik keinesfalls unpolitisch war, hat mir auch ein von ihm hinterlassenes Buch über Schubert gezeigt, dass ihm sein Vorgesetzter 1943 zu Weihnachten geschenkt hat. Unsäglich, wie Schuberts Musik da verformt und aufs Völkische und Anti-Jüdische hingedeutet wurde. In der Familie wurde immer lächelnd gesagt, der Opa habe ja nur Klavier gespielt und Fresspakete aus Paris geschickt. und damit war der persönliche Persilschein dann ausgestellt. Die Frage, warum er ausser Wagner keinen anderen Komponisten hat gelten lassen, konnte ich ihm leider nicht mehr stellen. Auch wenn man niemandem in dessen Schuhen man nicht selbst gelaufen ist, Schuldvorwürfe machen darf, ist Musikschaffen gewiss nicht per se ein Blankoscheck zur weissen Weste. Und das gilt keinesfalls nur für das Naziregime sondern für alle totalitären Ideologien.

    :fee:

    I

    Das Programm der Eröffnungssaison finde ich durchaus ermutigend, mit viel Neuer Musik, vielen (wenn auch für Eusebius sicher noch viel zu wenigen ) Werken abseits vom Kernrepertoire und mit interessanten Programmkonzepten. Die Elbphilharmonie ist ein architektonisches Kunstwerk, gegen das sich die Musik erst einmal auf Dauer behaupten muss. Das Programm der ersten Saison geht dazu meines Erachtens in die richtige Richtung.

    Aber so einfach ist das hier meines Erachtens nicht, denn die spektakuläre Architektur hat einen Wert an sich, der über den unmittelbaren "Nutzen" hinaus geht, der aber, wenn es gut läuft, diesen durch gesteigertes Interesse verstärken kann.

    Ich sehe das wie Christian. Natürlich hätte man für das viele Geld Hospize, Flüchtlingsheime etc bauen können, aber das wirft die grundsätzliche Frage auf, ob man sich angesichts des Elends ringsum Kultur überhaupt leisten kann bzw soll, und meine Antwort dazu ist "ja"- mit allen moralischen und political unkorrekten Bedenken, derer ich mir vollkommen bewusst bin. Ich denke bei solchen Gelegenheiten imm er auch an Maria Magdalena und ihr kostbares Nardenöl das sie über Jesus ausgegossen hat und mit dessen Geldwert man laut der Jünger hätte viele Arme speisen können.
    Ich habe bisher nichts von der Elbphilharmonie mitbekommen und sie erst durch Capriccio richtig wahrgenommen und bin wirklich hellauf begeistert von diesem architektonischen Meisterstück, das m.E. ein Jahrhundertwurf ist. Dagegen fallen andere sehr ambitionierte Bauten der letzten Jahrzehnte wie z.B. Frank Gehrys Louis Vuitton Stiftung in Paris deutlich ab.
    Und wenn dann dazu noch ein grossartiger Konzertsaal kommt, der auch ein Extra- Kunstwerk an sich ist und Herr Hengelbrock es fertigbringt, ein solches Nicht-Mainstream Programm trotz des Riesenhypes und der zu erwartenden Kritik durchzusetzen, ist das m.E. ein echter Grund zur Freude. Ich wohne allerdings nicht in Hamburg und habe deswegen evtl kein Recht, das zu sagen...... ;) :rolleyes:

    Und was Marx angeht: was der auf reinen "Nutzen" bedachte Materialismus uns auch immer beschert hat und noch bescheren kann, Schönheit gehört jedenfalls nicht dazu. Und da halte ich es lieber mit Dostojewski: "Die Welt muss durch Schönheit erlöst werden" . Ihr dürft jetzt natürlich gerne auf mich losgehen, aber ich merke gleich mal an, dass ich väterlicherseits aus der echten Arbeiterklasse stamme und mein Vater-Grossvater ein Kommunist war, der unter Mussolini im Zuchthaus sass. Das sage ich rein vorsorglich dazu, um mildernde Umstände zu bekommen...... :versteck1: :fee:

    Ich habe einige Auschnitte des Konzert hören können und kann Eusebius nur beipflichten. Der Übergang von Emilio de Cavalieri Philippe Jaroussky plus Harfe zuZimmermann auch mit Harfe fand ich z. B. So mutig wie gelungen . Zwei Nicht-Mainstream Werke durch 400 Jahre getrennt übergangslos, nicht mal von Applaus unterbrochen bei einer solchen Presserummel - Veranstaltung zu bringen- chapeau!!!!! Ich finde Hengelbrocks Konzept genau richtig. Und dass die Ode an die Freude nicht vermieden werden kann, ist doch tolerabel. Demokratischer kann man kaum ein klasssisches Konzert machen- für Jeden war was dabei, auch für die Beckmesser , denen es keiner je Recht machen kann :spock1: Was die Akustik angeht, lässt sich das von Aufzeichnungen unmöglich beurteilen, das kann nur ein Konzertbesucher vor Ort bewerten. Aber Countertenot allein mit Harfe ist sicher ein geeignetes Barometer und dass da nichts aber auch gar nichts vertuscht werden kann glaube ich sofort. Was Bryn Terfel angeht: das war mal ein erstklassiger Sänger und sein Liederkreis Op 39 von Schumann ist Alles Andere als Terriergebell. Ich muss doch sehr bitten....... :alte1: Bonne nuit :fee:


    Hundertprozentig ein Witz: Kein Besucher der Elphi würde dort mit einem Mantel auftauchen, der unter 200€ wert ist. Ich glaube, dass so jemand auch gar nicht reingelassen würde.

    :rolleyes: Ja, das leuchtet natürlich unmittelbar ein, wie konnte ich bloss so dâmlich fragen......... :versteck1: :versteck1: :versteck1: :fee:
    Wenn wir schon bei den architektonischen Meisterwerken sind: ich habe neulich die hier in Frankreich sehr beachtete Stiftung Louis Vuitton , gebaut von Frank Gehry,in Paris mit einer phantastischen Ausstellung der Sammlung Schukin besucht. Gegen die elegante über den Wassern schwebende Elbphilharmonie kommt sie mir vor wie ein rustikales Kinderüberraschungsei..........

    Ich glaube es heute selbst kaum, aber als Kind habe ich Alles von Karl May gelesen und das mit Begeisterung, da meine Grosseltern den gesammelten May besassen und ich überhaupt Alles gelesen habe, was in meiner Reichweite war. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass diese Geschichten erfunden sein könnten und Winnetou war sowieso meine erste Liebe. :love: Bei seinem Buch- und später Filmtod hab ich Rotz und Wasser geheult. Wo Karl May in realiter war oder nicht war, interessierte mich nicht die Bohne. Er hat dafür gesorgt, dass wir als Kinder genau wussten, wer die Guten und die Bösen waren und in seinen Büchern war die Welt noch übersichtlich und in Ordnung. Ob meine Enkel in ein paar Jahren damit noch etwas anfangen können weiss ich nicht. Lesen Kinder das heutzutage noch?

    Aber ich will KM mit allen Stärken und auch Schwächen einschmeißen .. und als Kind/Jugendlicher waren mir Schludereien/Pfuscherein sowieso wumpe.

    Tja, so geht es mir auch....... :fee: