Beiträge von Duc de Berry

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    Kontroverses

    Manchmal stößt man ja im Netz auf reichlich seltsames Zeugs.
    Alle die bei gmx angemeldet sind, dürften vielleicht den nachfolgenden Artikel gelesen haben:










    Da ich ja selbst Kunst studiere, bin ich bei anderen Arbeiten von denen ich höre oder sehe, besonders interessiert und entsprechend kritisch.


    Eine Frage die sich mir dabei wieder aufdrängt: ist Kunst, die allein auf Provokation aufbaut, überhaupt Kunst ?
    Ich meine entschieden nein.
    Denn natürlich ist es klar, worauf sie hinaus will - aber das ist Aufgabe von Tierschützern oder Greenpeace und nicht der Kunst.



    Bedauerlich ist nur, das so viele Leute auf diesen platten Mist hereinfallen und diese vermeintliche Künstlerin die PR bekommt, auf die sie es von anfang an abgesehen hatte. (Ich dürfte normalerweise gar nicht darauf hinweisen - den so tröte ich ja ins gleiche Horn...)
    Ähnliche Veranstaltungen gab es ja auch andernorts, da lässt man Hunde in Galerien verhungern um auf die wilden, streunenden Hunde in Spanien aufmerksam zu machen. (als ob das irgendwer noch nicht mitbekommen hätte...)


    Meiner Meinung wird hier das Leid von wehrlosen Tieren mißbraucht um sich selbst ins Rampenlicht damit zu befördern, denn nirgendwo anders ist PR so entscheidend wie in der Kunst, da scheinen manche sogar über Leichen zu gehen.
    Nein mit Kunst hat das wahrhaftig rein gar nichts zu tun.


    Solche Aktionen sind der Kunst unwürdig.


    Natürlich ist es leicht Tabus zu brechen und auf diese Weise die gesamte Aufmerksamkeit zu bekommen: hierzulande müsste man ja nur mit einem Pulk SS Männer durch die Stadt laufen, und schon wäre man berühmt. Ist das Kunst ?



    Neue Ansätze in der Kunst sind wichtig, sie entstehen auch meist ganz von selbst, aber solche Aktionen, die meiner Meinung nach nur eine dumme Dreistigkeit und PR Gier zum Inhalt haben, widern mich an und sind eine Herabsetzung aller ernsthaften Künstler.


    Auch auf meiner Hochschule ist bereits eine Studentin auf dieser Welle geritten, sie hattte aus Rattenfell einen Handschuh genäht, hatte sich aber die Felle wohl schon gereinigt vom Labor geben lassen - wenn die gewußt hätten, dass sie später das Ziel der Kritik sein sollten .....


    Natürlich gibt es andere Schockmomente in der Kunst, aber die haben wenigstens Zubstanz in der Philosophie oder der Überlegung die dahinter stehen: siehe Nietsch. Das ist dann wieder etwas anderes, weil es eine ganze andere Sphären erreicht werden.



    Wie seht ihr das ?

    ich glaub wir brauchen nochmal ne Anleitung für lange Leitungen - jetzt kapier ichs auch nicht mehr :mlol:






    also ich dachte so: es gibt einen allgemeinen Thread, indem das Werk als solches gepostet wird. Dazu gibt es dann einen weiteren Thread der sich nur mit dem Werk und dessen Aufnahmen befasst. Damit das ganze nicht kommentarlos und ohne jegliche Informationen zu einer langweiligen Liste verkommt.


    Das ganze muss natürlich durch Links miteinander verbunden sein.
    z.B. ich poste G.F. Händel: Alcina - und setzte direkt den Link zu dem entsprechenden Thread der sich ausschließlich mit dem Werk befasst.



    Dann würde eben nur ein "Klassik-Kanon" entstehen, der aber eben von vielen Mitgliedern gestaltet wird und nicht 120 Threads mit Unverzichtbaren.




    right ?

    Der berühmte Kuchensatz wurde ja im Film entsprechend entkräftet - allerdings hat man ihr das nicht während der Revolution zugeschoben, das kam erst viele Jahre später durch "flüchtige" Geschichtsschreiben.




    Denn es war Marie Therese die diesen dummen Satz von sich gegeben hatte, die Ehefrau des Sonnenkönigs.


    Den Blödsinn von Zweig hatte man glücklicherweise auch nicht mehr im Film berücksichtigt.






    Nein es gibt keine mir bekannten neueren Bücher über das Hofzeremoniell.


    Ich bin gerade dabei im Rahmen meiner Arbeit da ein umfassendes Werk zu verfassen, aber ob das je mal gedruck wird :whistling:


    Verweisen kann ich auf originale Quellen, das "Teutsche Hofrecht" oder aber Pierre Rameau "Le Maitre a Danser, wo doch schon recht viel beschrieben wird (aber dazu muss man schon sehr gutes Französisch können).


    aber hier gibt es eine schöne Liste mit Büchern, die allesamt das Tema aufgreifen:


    http://www.univie.ac.at/Geschichte/wienerhof/literatur2.htm




    Im Moment muss man sich wirklich noch alles irgendwie zusammen suchen, es wäre wirklich an der Zeit, wenn es dazu endlich mal Fachliteratur geben würde.

    Ich nehme mal an, am Wiener Hof gab es hinter den Kulissen ein richtiges Familienleben, denn das spanische Hofzeremoniell macht ja gerade das Gegenteil des französischen: es ist nicht öffentlich, schottet die königlichen ab um deren Besonderheit zu unterstreichen.


    Nur im Film dürfte das in der Tat etwas überzogen dargestellt sein, soweit ich weiß, war Maria Theresia nicht gerade eine liebevolle Mutter....






    Was die Sache mit dem Gefolge anbelangt, da gibt es eine ganz einfache Erklärung.


    Unter Louis XIV entstand ja eine föllig neue Hofetikette, die es unter Louis XIII so nicht gegeben hatte.


    Zwar brachte auch noch die Infantin Marie Therese einiges an Gefolge mit, aber das wurde schon eingeschränkt.


    Denn die Positionen bei den Zeremonien die nun am frz. Hof stattzufinden hatten waren allein den französischen Prinzen und Prinzessinen vorbehalten - und das äußerst streng reglementiert.


    Und im 18. Jahrhundert gab es noch einige Verschärfungen der Etikette.




    Allein an der speziellen Etikette und dem Protokoll für die Hochzeit des Dauphins mit Marie Antoinette arbeiteten Zeremonialspezialisten beider Höfe über 2 Jahre.

    Marie Antoinette (2007 Sofia Coppola)

    Der Film wurde gestern ja ausgestrahlt, eventuell hat ihn jemand gesehen.


    Als er bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde, hagelte es Buhrufe und Verrisse am laufenden Band und auch die Kritik der Kunden bei amazon ist ja sehr gespalten.



    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51w%2B6ak1a4L._SL500_AA240_.jpg]


    Kurz zum Inhalt des Films:
    Er erzählt die Geschichte von Marie Antoinette als knallbuntes Mädchen - Märchen.
    Auf den ersten Blick zumindest.
    Das ganze ist sicherlich kein Historienfilm (zumal es nur sehr wenige Filme gibt, die man wirklich als solche bezeichnen dürfte...)


    Der Film beschreibt vielmehr die letzten Stunden von Versailles, mit dem Sturm der Marktfrauen auf das Schloss und das Erzwungene Verlassen des Palastes endet der Film.
    Und das war es wohl, was den größten Teil der Kritik hervor rief.
    Zum anderen verstörte wohl auch die teilweise verwendete typische Teenie Mucke unserer Zeit, allerdings gab es auch zeitgenössische Musik im Film zu hören.
    Dann überzeichnete Kostüme und „unpassende“ Schauspieler taten sein übriges um den Film innerhalb kürzester Zeit aus den Kinos und auf die billig Wühltische zu verbannen.





    Aber was Sofia Coppola hier verzapft hat, ist weitaus kein Mist, ganz im Gegenteil.
    Normalerweise lege ich bei Historienfilmen größten Wert darauf, dass alles stimmt, angefangen von der Historie, über die Kostüme, Schauplätze bis hin zur Musik.
    Aber sehr schnell wird klar, das hier ist kein Historienschinken, ein Kostümfilm ja – aber eben als eine mögliche Sicht auf die Person Marie Antoinette aus unserer heutigen Perspektive mit einigen künstlerischen Freiheiten.


    Marie Antoinette wird als einfaches Mädchen dargestellt, die von dem französischen Hofzeremoniell vollkommen überrollt wird, sie versteht die Kälte der Menschen bei Hofe nicht und es gelingt ihr auch nicht, den Dauphin für sich zu begeistern.
    Ihre Mutter überhäuft sie mit Vorwürfen aus der Ferne, der Botschafter macht druck weil sie nicht schwanger wird und verrät heimlich alles an ihre Mutter.
    Man vergisst oft, das Marie Antoinette gerade mal 15 Jahre alt, als sie nach Versailles geschickt wurde – ein halbes Kind.
    Sie stürzt sich in Ablenkungen, Kaufrausch, Schuhe, Spiele und Maskenbälle.
    Den Maskenball hat man mit rockiger Musik unterlegt, weil es so einfach viel deutlicher für heutige Menschen wird, dass man damals eben auch schon Partys gefeiert hat. Im Grunde zeigt der Film die Tragik der Reichen: obwohl sie alles haben - haben sie doch eigentlich nichts.



    Ich war zuerst mehr als skeptisch, weil ich mich von der negativen Kritik habe überlisten lassen.
    Der Film ist wunderbar gemacht. Das die Schauspieler, besonders Louis XVI so deplaziert wirkt, sehe ich als Stilmittel an – denn Louis XVI sah sich wohl auch selbst als deplaziert in der Rolle des Königs an. Zeitgenössische Quellen sprechen ihm ja jegliche Eleganz und jegliche Erhabenheit ab.



    Die Ausstattung und Recherche ist vielen sogenannten Historienfilmen weit überlegen.
    Das Hofzeremoniell wird zwar korrekt, aber natürlich gekürzt dargestellt, vor allem das öffentliche Essen ist wunderbar geraten. Die Kostüme sind trotz mancher Überzeichnung ein absoluter Augenschmaus.
    Sogar den Chevalier de Saint Georges hat man kurz eingebaut.
    Die Musik ist natürlich immer ein Kritikpunkt, sie schwankt zwischen moderner Popmusik und Rameau.


    Letztlich bleibt es eine Frage des persönlichen Geschmacks und der Erwartungshaltung mit der man an diesen Film herangeht.
    Mir hat er jedenfalls überraschend gut gefallen.




    Kennt den Film sonst noch jemand und hat eine Meinung dazu ?

    HÄNDEL: Alcina (1735)

    Kaum eine Oper Händels ist mir so ans Herz gewachsen wie seine „Alcina“
    Wahrscheinlich auch deshalb, weil es die erste Oper war, die ich gehört und gesehen hatte, zuerst im Fernsehen (eine Aufführung aus Genf mit William Christie in den 90ern) und dann auch Live am Wiesbadener Staatstheater.



    Alcina stammt aus der dritten Opernphase Händels. 1735 in London aufgeführt, war die Opera Seria bereits auf dem absteigenden Ast und Händel hatte Mühe sich gegen die Opera of Nobilty und vor allem gegen das Desinteresse des Publikums zu behaupten.
    Alcina jedoch war ein Erfolg und sorgte noch mal für ein kurzzeitiges aufflackern der Oper in London. Einige Musikwissenschaftler und Dirigenten sehen in Alcina auch Händels Hauptwerk – einem Urteil dem ich mich sofort anschließe.




    Die Handlung dieser Zauberoper ist im Gegensatz zu den meisten anderen Opern der Zeit recht witzig, manchmal auch etwas schlüpfrig und vor allem voller Leidenschaften.
    Allerdings auch im hohen Maße unglaubwürdig – es ist eben ein Märchen.


    Die Zauberin Alcina regiert eine Insel der Freuden (man kann sich schon denken was da abgeht :D ...) In ihrem Palast feiert sie rauschende Feste.
    Abgelegte Liebhaber verwandelt sie in Tiere oder Steine – die Insel ist übersäht davon. :pfeif:


    Den Abenteurer Ruggiero verschlug es auf die Insel – und wurde prompt zum neuen Gespielen der Zauberin.
    Bradamante, die Freundin Ruggieros macht sich große Sorgen, weil ihr Macker schon seit Ewigkeiten nicht mehr auftaucht, also macht sie sich zusammen mit dem ehemaligen Lehrere ihres Freundes Melisso auf die Suche nach ihm.
    Die Oper beginnt mit der Ankunft der beiden auf der Insel.
    Bradamante hat sich jedoch als Mann verkleidet, da Alcina wohl keine Frauen auf der Insel duldet bis auf ihre Schwester Morgana.
    Und diese ist es auch die den hübschen jungen Mann mit seinem väterlichen Freund auf der Insel empfängt. Morgana verliebt sich sofort und versucht den vermeintlichen Mann zu verführen. Was Bradamante reichlich unangenehm ist :D


    Die ganze Szenerie wird jedoch unterbrochen, denn Alcina kommt mit ihrem Hofstaat an.
    Vor den beiden öffnet sich der Palast und die Herrlichkeit des Zauberhofes.
    Und da ist auch Ruggiero, händchenhaltend mit Alcina. Er steht unter einem Bann.
    Es kommen noch weitere Personen ins Spiel, die das ganze – wie für die Barockoper üblich – noch etwas verkomplizieren.
    Oberto der auf der Suche nach seinem Vater ist und Oronte, der Heerführer der Alcina, der eigentlich Morganas Freund ist. Doch Morgana ist ja gerade dem neuen Typen verfallen.


    Es bahnen sich also entsprechende (fast nervige) Zwistigkeiten an, die Händel aber so wunderbar in Szene gesetzt hat, dass man sie sich gerne anhört.
    Melisso und Bradamante gelingt es Ruggiero zur Rede zu stellen und den Bann zu brechen.


    Alcina spürt den Verlust ihrer Macht. Händel hat dies mit eine faszinierenden Arie beschrieben „Ombre pallide“ eine Art Beschwörungsarie, in der er durch die Musik die beschworenen Geister fast erlebbar macht - fast schon unheimlich.
    Alcina hat ohnehin die schönsten Arien der Oper, vor allem ihre große Klage „Ah! Mio cor“ gehört zum schönsten was Händel je geschrieben hat.
    Darin fließt der ganze Schmerz unerfüllter Liebe ein, denn Alcina weiß ja, dass sie die Männer nur durch Zauberrei dazu bringt sie zu lieben.


    Ruggiero, Bradamante und Melisso haben bereits einen Teil der verzauberten Männer befreit und maschieren auf den Palast zu.
    Sie nehmen Alcina, Morgana und Oronte gefangen und zerstören die Urne, die Quele aller Zauberei.
    Im gleichen Moment verwandeln sich die Tiere und Steine in Menschen zurück.
    Man feiert den Triumph über die Hexe.




    Diese Handlung bietet natürlich reichlich Gelegenheit mit Bühnentechnik zu spielen, was sicherlich auch getan wurde.
    Wirklich faszinierend ist jedoch, wie Händel es schafft, dieser eher läppischen Geschichtet soviel Seele zu geben und das ganze durch seine Musik wirklich glaubwürdig zu machen.



    Rein formal ist diese Oper auch ein Fortschritt, denn die Regeln der Opera Seria werden hier bereits gesprengt. Händel schrieb ausgedehntes Ballett und einige Chorszenen.
    Normalerweise gibt es in der italienischen Oper kein Ballett und der Coro ist nichts weiter als ein gemeinsames Singen aller Solisten am Schluss der Oper.
    Das ist hier anders – also ein wenig Tragèdie Lyrique.
    Und dieser Versuch wurde ja in der Folgezeit immer selbstverständlicher.
    Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wurde fast jede Opera Seria mit Zwischenballett aufgeführt – vor allem die Opern Jommellis sollten diese Mischung aus italienischer und französischer Oper etablieren - das berühmteste Resultat dieser Symbiose ist wohl Mozarts Idomeneo.





    Von Alcina gibt es ja eine ganze Reihe Aufnahmen, weshalb sich ja auch ein spezieller Thread dazu anbietet.
    Mir hat es die wiederaufgelegte Hickox Aufnahme angetan, denn sie hat die gleiche Sänger Besetzung wie damals bei der Fernsehübertragung mit William Christie und was vielleicht nicht ganz unwichtig ist: diese Aufnahme ist vollständig.
    Die Aufnahme enthält das gesamte Ballett und auch einige alternative Szenen in einer Art Apendix z.B. gibt es zwei Chöre für den ersten Akt indem sich der Palast der Alcina öffnet.



    G.F. Händel: Alcina
    City of London Sinfonia / Richard Hickox


    Alcina: Arleen Auger
    Morgana: Eiddwen Harrhy
    Dela Jones: Ruggiero
    Kathleen Kuhlmann: Bradamante
    Patrizia Kwella: Oberto
    Maldwyn Davies: Oronte
    John Tomlinson: Melisso



    Diese Aufnahme ist eine der wenigen Opernaufnahmen denen ich das Prädikat “Perfekt” aufdrücken würde. Hier stimmt einfach alles. :faint:

    Händel und die Opera Seria

    Händel und die Opera Seria




    Mittlerweile ist es ja fast nicht mehr so eine Sensation, das Händel eben nicht nur der allbekannte Oratorienkomponist gewesen ist, sondern den größten teil seines Lebens der Oper gewidmet hat.
    Doch aufgrund veränderten Geschmacks wurde sein Opernschaffen bis ins 20. Jahrhundert fast schon negiert. Als sei es ein Makel, dass sich das Genie mit der abgezirkelten Nummernopern abgegeben hat.
    Die Opera Seria ist noch Heute sehr vorurteilsbehaftet – und auch das haben wir mal wieder Herrn Wagner zu verdanken, dessen polemische Äußerungen über diese Opernform wohl am bekanntesten sind.
    In den 50er und 60er Jahren gab es zaghafte Versuche die Opern Händels wieder zu spielen.
    Der Erfolg schien sich in Grenzen zu halten, ganze Partien mussten transponiert werden, da man keine Kastraten für die Titelpartien haben wollte und Frauen in Hosenrollen wohl auch nicht glaubwürdig erschienen.
    Seit den 90er Jahren aber erleben wir einen wahren Händelopernboom, der glücklicherweise aber auch andere Barockopern andere Komponisten aus der unverdienten Versenkung entrissen hat.
    Heute ist fast jede Oper Händels auf Tonträger zu haben, teilweise auch gleich in mehreren Einspielungen. Im Grunde kann man von einem richtigen Revival der Barockoper in unserer Zeit sprechen. Jedoch nur auf Tonträger, das Barockopern zum regelmäßig gespielten Repertoire unserer Opernhäuser gehören, davon kann noch keine Rede sein.


    Denn nach wie vor hat die Opera Seria mit immensen Vorurteilen zu kämpfen.


    Am Lebensweg Händels und seinem Werk kann man allerdings sehr gut beschreiben und verstehen, was diese besondere Opernform eigentlich ausmacht.



    Händel in Hamburg


    Händel sollte ja bekanntermaßen als Jurist ausgebildet werden, nur interessierte es ihn kein Stück.
    So nahm er seinen Abschied aus Halle und erreichte schließlich Hamburg als nächst größere Musikmetropole. Und Hamburg war in der Tat eine internationale Musikmetropole.
    Das Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt hatte längst Berühmtheit erlangt.
    Ein Haus das so prächtig und mit allen technischen Raffinessen der Zeit ausgestattet war – und das obwohl kein mächtiger Fürst den Auftrag dazu erteilte, es wurde von den Bürgern der Stadt finanziert.






    die einzige erhaltene Abbildung des Opernhauses, das zwar außen wie eine Scheune wirkte, innen jedoch manches höfische Theater an Pracht überstrahlte.


    Die Opern die hier gespielt wurden waren international, man scherte sich nicht um die Rivalität des französischen oder italienischen Geschmacks. Hier wurde gespielt was einfach gut war. Aber natürlich gab es nicht nur Importe aus Frankreich und Italien, einheimische Komponisten wurden selbstverständlich und recht häufig herangezogen.
    Georg Conradi, Agostino Steffani, Rheinhard Keiser und später auch Mattheson, Telemann und Händel selbst.
    Doch diese Opern hatten eine Besonderheit – sie waren entweder in deutscher Sprache oder mehrsprachig verfasst.
    Bei italienischen Opern z.B. wurden die Arien in der originalen Sprache belassen, die Rezitative jedoch wurden übersetzt.
    Ähnlich war es auch bei französischen Werken.
    Und schließlich entstand daraus die deutsche Symbiose: deutsche Rezitative, italienische Koloraturarien und französische Chöre und Ballets.
    Charakteristisch ist auch die Marktschreierszene, die in eigentlich jedem hamburgischem Opernwerk auftaucht.


    Händel fand eine Anstellung als Violinist und Cembalist am Opernhaus. In dieser Tätigkeit dürfte er unglaublich viel gelernt haben.
    Und in diesem gemischten Stil komponierte auch Händel seine erste Oper, Almira.
    Kompositorisch recht unelegant im Vergleich mit seinen späteren Werken – was er jedoch schon perfekt beherrschte war der französische Ballett-Stil.
    Eine Sarabande aus dieser Ballettmusik taucht jedoch auch immer wieder in späteren Werken auf, wie z.B. die berühmteste Version „Laschia ch’io pianga“ aus Rinaldo.


    Und in diesem Zusammenhang ist eine kleine Episode überliefert in der er dem Komponisten Steffani eine seiner Kompositionen vorlegte, dieser aber meinte: „Mein Freund das hat nichts mit italienischer Musik zu tun, das ist französisch.“
    Andere Quellen berichten wiederrum, das der Ausspruch von Corelli stammte.



    Händel in Italien


    Vielleicht war es Steffani, der Händel geraten hatte nach Italien zu gehen.
    Denn nur dort an Ort und Stelle konnte er den aufkommenden modernen Stil lernen.
    Diese Reise unternahm er auf eigene Kosten. Von einem Risiko kann jedoch kaum die Rede sein, denn durch seine Opern in Hamburg hatte er bereits eine gewisse Bekanntheit.


    Er machte Station in Florenz, Neapel, venedig und schließlich Rom
    In Rom traf er dann auch mit Corelli, Lotti und den Scarlattis zusammen.
    Händel hatte es anscheinend verstanden seine Netzwerke frügh genug aufzubauen und so folgte Konzert auf Konzert und innerhalb weniger Wochen war er als „Il Sassone“ berühmt.





    Kardinal Ottoboni , der Auto zeilreicher Kantatentexte sowie des Librettos zu Händels "Trionfo del Tempo"




    Einige der berühmtesten Kompositionen Händels entstanden in dieser Zeit.
    Das Oratorium „Il Trionfo del tempo i del disinganno” (1707) und das Dixit Dominus.
    Die Aufführung seiner neuen Oper “Agrippina” (1709/10) bedeutete den endgültigen Durchbruch für den jungen Musiker.
    Agrippina war eine Oper ganz im Stile Scarlattis.
    Allerdings waren die Arien noch bestechender Kürze, so wie es um 1700 noch allgemein üblich war, aber der ständige Wechsel zwischen Rezitativ und Arie hatte sich längst etabliert.


    In der darauf folgenden Zeit komponierte er in Rom. Doch da war die Aufführung von Opern verboten – allerdings gab es ja die Oratorien.
    Papst Clemens XI hatte das Verbot nach einem schweren Erdbeben ausgesprochen, bei denen aber keine Todesopfer zu beklagen waren:




    „Das keine Weibsperson bei hoher Strafe Musik aus Vorsatz lernen solle.
    Denn man wisse wohl, dass eine Schönheit die auf dem Theater singen und dennoch ihre Keuschheit bewahren wolle, nichts anderes tue, als wenn man in den Tiber springen und doch die Füße nicht nass machen wolle.“



    (O-Ton des Papstes)


    Händel und andere Komponisten waren von dem Verbot nicht gerade begeistert und so kam es hinter verschlossenen Türen, z.B. in den Häusern des Kardinals Panfili und Ottoboni zu Aufführungen von Oratorien – aber eben mit Frauen.
    Dummerweise kam heraus das Händel die Maria Magdalena in seinem Oratorium „La Ressurezzione“ von einer frau hatte singen lassen.
    Jedoch konnte durch Vermittlung der mächtigen Kardinäle eine Bestrafung abgewendet werden.
    In der weiteren Zeit in Italien entstanden noch die Oper „Rodrigo“ sowie die italienischen Kantaten, und die Serenata „Acis, Galatea e Polifemo“





    Georg von Hannover, später Georg I. von England




    1709 ereilte Händel dann der Ruf zum Kapellmeister am Hofe des Kurfürsten Georg von Hannover.


    Die Italienreise war für Händel ein voller Erfolg. Das gelernte machte ihn nun zu einem international gefragten Komponisten.





    Die Da Capo Arie – der Grundstein der Opera Seria


    Der größte Vorwurf den die italienische Opernform zu ertragen hat ist die Unnatürlichkeit der Da Capo Arie – „Wiederholungsarie“
    Wie kam man auf die Idee eine solch seltsame Form für eine Arie zu wählen ?
    Entstanden ist die Da Capo Arie bereits im 17. jahrhundert – jedoch nicht als bereits geplante Form.
    In den frühen Opern von Peri, Monteverdi und später Cavalli und Cesti fanden sich nur wenige Arien. Denn die Oper sollte ja vor allem eines sein, in Musik gesetzte Poesie – erst mit den öffentlichen Opernhäusern, zu denen auch schlichtere Gemüter zugelassen waren, entstand der Wunsch nach mehr Musik.
    So wurde jedes „Lied“ mit Begeisterung erwartet und beklatscht – und wenn diese „Strophen - Aria“ besonders gefallen hatte, so wurde „Da Capo“ gerufen.


    Aber wie sollte es anders sein, im Barock gibt man sich mit so platten Lösungen nicht zufrieden.
    Und so entstand ein geniales und in sich vollkommen schlüssiges Model: die Da Capo Arie fußt auf den Regeln der antiken Rhetorik!


    Die Oper hatte bald festgeschriebene Regeln, die einfach einzuhalten waren.
    Nach einer einleitenden Sinfonia, deren Form wenige Jahre später die Entwicklung der Sinfonie nach sich ziehen wird, folgt ein ständiger Wechsel von Rezitativen und Dacapo Arien.
    In den Rezitativen wird nach wie vor die Handlung der Oper vorangetrieben, diese Rezitative sind weiterhin dem Text untergeordnet und haben eine rein dienende Funktion.
    Die Arien dienen allein der Illustration bestimmter Gefühle. Jedoch mutieren die Arien im Laufe des 18. Jahrhunderts fast zu reinen Spielfeldern der Stimmakrobatik der Starsänger – vor allem der Stimmkunst der Kastraten.




    Der Aufbau der Da Capo Arie




    Die Arie wird fast immer mit einem Orchestervorspiel eingeleitet, in der Rhetorik als Introducio bezeichnet (der Redner versucht das Interesse des Zuhörers zu finden)
    Dann folgt das Thema der Arie, in der Rhetorik „Narratio“ genannt, wo ebenfalls das Thema vorgestellt wird.
    Dann das Argumentatio, die Verteidigung seines Themas (In der Arie die Entwicklung des Themas)
    Confutatio – der Redner entkräftet die Gegenargumente seiner Gegner, in der Dacapo Arie kommt nun der „B Teil“, ein musikalisch anderes Thema, das ebenfalls dazu dient Gegenargumente zu entkräften oder aber das eigene in Frage zu stellen.
    Confirmatio – der Redner nimmt seine Argumente wieder auf, ebenso der Sänger, der nun wieder den A-Teil der Arie wiederholt, aber eben wie der Redner, mit Verzierungen und Erweiterungen ausschmückt.
    Zum Schluss das Conclusio, hier setzt der Redner seine Schlusspointe oder das Finale, ebenso muss es der Sänger tun, indem er nun alles an Können und Stimmakrobatik aufweist. Dieses Conclusio, wie auch die Verzierungen im Confirmatio sind nicht in den Partituren notiert, es obliegt den Sängern, diese Dinge zur richtigen Zeit gekonnt zu improvisieren.


    Dieses vergessene Wissen um die Rhetorik in der Barockmusik hat dazu geführt, dass man die Opera Seria als langweilig und unnatürlich abqualifizierte.
    Jedoch haben neuer Forschungen und Interpretationen gezeigt, dass dem nicht so ist.





    Händel in London



    In England gab es bereits versuche die Oper zu etablieren, jedoch blieb es stets ein höfisches Amüsement, da die Bevölkerung diesem ständigen Gesang nichts abgewinnen konnte.
    Robert Cambert, der ausgebotete Erfinder der französischen Oper hatte versucht hier Fuß zu fassen, auch Matthew Locke und John Blow schrieben kleine Opern – sogar in landessprache, jedoch ohne nennenswerte Nachwirkung.
    In Mode waren nach wie vor die Masques, eine Mischung aus Theater, gesungen Passagen, Chören, Instrumentalmusik und Ballett.


    Als Händel 1711 am Haymarket Theatre seine neue Oper „Rinaldo“ aufführte geriet diese Aufführung zum Überraschungserfolg, fast zu einer Sensation.
    Der Erfolg dieser Oper war so berauschend, das es Händel vorzog nicht mehr nach Hannover zurück zukehren – ohne um Erlaubnis zu fragen.


    Rinaldo ist bereits moderner komponiert als Agrippina, hier findet sich bereits das voll ausgebildete Schema der da Capo Arie, jedoch gelingt es Händel niemals den dramatischen Fluss zu unterbrechen, oder die Oper langweilig werden zu lassen. Er schiebt Duette ein, Accompagnato Rezitative, das im Gegensatz zum einfachen Rezitativ mit dem gesamten Orchester begleitet wird.


    Der Opernboom war im vollen Gange und Händel komponierte weitere Werke, es folgten u.a. Teseo und Amadigi, die ähnlich erfolgreich waren.



    Die englische Königin starb ohne Nachkommen, und zu Händels Ungunsten wurde sein alter Brötchengeber Georg von Hannover zum neuen englischen König erhoben.
    Die Versöhnung mit der Wassermusik sei hier nur kurz erwähnt. (Zumal die Geschehnisse nicht wirklich belegt sind)
    In der nachfolgenden Zeit folgte er seinem König jedenfalls ohne Eskapaden.
    Bei einem kürzeren Aufenthalt in Deutschland komponierte er die Brockespassion.


    Zurück in England wurde er Hauskomponist des Earl of Carnavon (der spätere Herzog von Chandos) Hier entstanden die ersten englischen Werke, seine Chandos Anthems, eine erste Version von Esther und Acis and Galatea (das später u.a. von Mozart neu instrumentiert wurde)





    Händel auf dem Gipfel seines Ruhms




    In London gab es derweil mit der Protektion des Königs ein neues Opernunternehmen, das King’s Theatre.
    Und Händel wurde zum Direktor der Royal Academy of Music.
    Händel begann eine kleine Reise zu unternehmen um Kastraten anzuwerben – den diese Sängerstars waren für die neuen Opern ein Muss.


    Die erste Oper die mit großem Erfolg gegeben wurde war „Radamisto“ (1720) und es folgten bekanntere Werke wie „Giulio Cesare“ oder „Riccardo Primo“ die als Krönungsoper Georg II. komponiert wurde.



    Der Niedergang der Opera Seria in London



    Doch dieser Opernboom lockte auch andere Opernunternehmer nach London.
    Die Opera of Nobility wurde gegründet.
    Dort wurden allerdings andere Komponisten verpflichtet: Hasse, Porpora, Bononcini...


    Händel hatte bereits Schwierigkeiten das Publikum bei Laune zu halten.
    Ein ehemaliger Bekannter aus dem Dunstkreis des herzogs von Chandos, John Gay brachte mit seiner Opernparodie „The Beggar’s Opera“ Händels Opernunternehmen ins Wanken.
    Der wirkliche Feind war jedoch das neue Opernunternehmen, das Händel nicht nur das Publikum abspenstig machte, sondern auch noch die Sänger abwarb.
    Vor allem glänzte die Opera of Nobility mit Stars wie Farinelli.



    Händel hatte bereits parallel immer wieder englischsprachige Oratorien aufgeführt, die mit großem Erfolg gegeben wurden. Jedoch gab er den Opernbetrieb nicht auf und aus den 1730er Jahren stammen vielleicht seine schönsten Opern überhaupt:
    Alcina, Ariodante, Orlando und Xerxes.



    Ganz London lag im Streit, der Zwist zwischen den beiden Opernhäusern entszeite nicht nur Musiker und Komponisten, sondern auch die königliche Famile.
    Wärend der König Händel weiter unterstützte, schlug sich der Thronfolger, der Prince of Wales auf die Seite der Opera of Nobilty und protegierte sie.



    1737 kam es zum endgültigen Bankrott und zwar für beide Unternehmen.
    Händel erlitt einen Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen.
    Jedoch verordnete er sich eine Art Rosskur und konnte sehr bald mit gewohnter Produktivität
    An seine Kompositionen gehen.
    Jedoch hatte es mit der Oper vorerst ein Ende.



    Allerdings gibt es durchaus noch spätere Oratorien, die man durchaus als Opern bezeichnen könnte. Man denke nur an Semele.
    Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens widmete er aber nun hauptsächlich dem Oratorium.






    In jedem Fall sind Händels Opern absolute Meisterwerke unserer Musikgeschichte und es ist ein Glücksfall in einer Zeit leben zu dürfen, in der diese Schätze eine neue Wertschätzung erfahren.




    Bildmaterial: Wikipedia

    Von der "Wien 1700" doppel CD bin ich auch begeistert.


    Ich schätze allerdings auch seine konservativen geistlichen Werke, denn dadurch, dass er ja diese alte Polyphonie mit neuem zusammenführt, entsteht etwas absolut einzigarties, was ich so von kaum einem anderen Komponisten her kenne.



    Mir hat es vor allem die Einspielung einiger Orchesterwerke angetan, die ich auch der neueren Einspielung des Freiburger Barockorchesters vorziehe. Es wurden allerdings völlig andere Werke gewählt - jedoch scheint mir Duftschmid und seine Leute da mehr Herzbluth reingesteckt zu haben:



    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41XPHASYE2L._SL500_AA240_.jpg]


    Zu hören gibt es eine festliche "Serenada" mit Trompteten, dann zwei Suiten in moll und die "Turcaria" eine musikalische Beschreibung der Belagerung der Stadt Wien durch die Türken.


    Allerdings gibt es diese Turcaria noch um einiges besser vom gleichen Ensemble auf einer der Editionen der "Tage alter Musik in Herne"


    [Blockierte Grafik: http://www.tage-alter-musik.de/tontraeger/1999-278.jpg]


    Da auch mit Rezitation (scheinbar zeitgenössische Berichten) aber leider vergriffen. In jedem Fall sollte man sich die Editionen unbedingt sichern, wer die "Dresdner Intventionen" und "Hortus Itallicus" loswerden will, bitte bei mir melden 8)

    Du meinst aber schon das französische Tambourin, also Trommel und Pfeife, die gleichzeitig gespielt werden?


    In Frankreich gibt es ja in der Provence noch ziemlich viele Vereine wo dieses Instrument regelmäßig gespielt wird und dazu getanzt wird.


    Vielleicht müsste man die mal kontaktieren, da deren Aufführungen ja auf alten Volkstraditionen basiert.



    Auf die Schnelle habe ich das hier gefunden:


    M. Guis, T. Lefrançois, R. Venture, Le Galoubet-Tambourin, instrument traditionnel de Provence, Éditions Édisud, 1993



    und hier ein Link zu einer entsprechenden Seite:


    http://www.zictrad.free.fr/Pro…/Instruments/galoubet.htm

    oh cool den "Spam Thread" gibts hier auch :D




    na dann los:




    Zum Einstand mal was ganz ausgefallenes:




    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41YNQRD9E1L._SL500_AA240_.jpg]


    Cambini: Sinfonias


    Academia Montis Regalis / Mangiocavallo




    Ein Glückstreffer, Cambini war mir bisher nur von eher nervigen Revolutionshymnen bekannt - wer hätte ahnen können, das er Jahrzehnte zuvor so schöne Sinfonien geschrieben hat.


    Vor allem die erste in g-moll ist faszinierend.


    Da dürfte sich Mozart das Thema für sein Menuett für die Sinfonie No.40 geatzt haben :D