Beiträge von AlexanderK


    Angeregt durchs vorgestrige Sommernachtskonzert 2022 noch einmal gehört: George Enescu (1881-1955), Rumänische Rhapsodie A-Dur op. 11/1, 12:50 Minuten Spielzeit, Leonard Bernstein, New York Philharmonic, Philharmonic Hall, New York City, 16.12.1969, zu finden auf CD 76 der Sony CD-Box "Leonard Bernstein Edition - Concertos & Orchestral Works" - startend mit einem Dialog Klarinette-Oboe, und dann volkstümlich melodiert und koloriert in einen mitreißenden Tanzreigen; da kann Bernstein so richtig schwelgen und Zirkus machen!

    Gestern noch:



    Das Tripelkonzert für drei Klarinetten und Orchester op. 92 von Iván Eröd (1936-2019) wurde am 10.1.2016 in einem Konzert der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Andris Nelsons im Großen Wiener Musikvereinssaal uraufgeführt. Solisten waren die Clarinotts - das sind Andreas (Solist der Berliner Philharmoniker), Daniel (Solist der Wiener Philharmoniker) und deren Vater Ernst Ottensamer (ehemaliger Solist der Wiener Philharmoniker, 1955-2017).


    Persönlicher Höreindruck:


    Das dreisätzige Werk ist romantisch wohlgefällig komponiert und dauert knapp 18 Minuten. Den 1. Satz (Lento tranquillo - Allegro) höre ich als Naturerwachen im Vorspiel, und im Hauptsatz zwischen "Ben Hur Fanfaren" und "auf Klarinettenwolken gebettet". Der 2. Satz (Andante molto tranquillo - Animato - Tempo I) kommt in den Rahmenteilen verträumt melodiös "am weiten Feld" und im Mittelteil bunt schillernd treibend. Das weiter bunte, heiter belebte, virtuos-spritzige Finale (Allegro molto) bringt auch Jazziges und Kontrapunktisches ein, und in der Kadenz kann man noch einmal "auf den Klarinettenwolken schweben". Der Komponist gibt den drei Klarinetten ausführlich Gelegenheit, solistisch und als Trio zu glänzen wie zu betören. Der Orchestersatz ist durchsichtig, nicht massiv, und Andris Nelsons achtet auf die Transparenz. Gesamteindruck: Ein "aufgelegtes" Werk für die konservativen Teile des Wiener Philharmonischen Publikums.

    Gestern noch:


    Am Vormittag des 31.10.1992 konnte ich die Generalprobe zu Claudio Abbados Wien Modern Konzert mit dem Gustav Mahler Jugendorchester im Wiener Konzerthaus besuchen. Sie hat zweieinhalb Stunden gedauert, weil noch sehr viel an Details gefeilt wurde. Pianist Roger Woodward wurde bei seinem Auftritt vom Orchester zu seiner Überraschung mit Beethovens 5. Symphonie begrüßt. Das Konzert selbst habe ich dann nicht besucht. Der ORF-Rundfunkmitschnitt wurde aber 1997 bei der DGG unter dem Titel „Wien modern III“ veröffentlicht (CD 447 115-2), womit das „Resultat“ bequem nachhörbar ist. Das habe ich nun endlich, fast 30 Jahre nach dem Konzert und 25 Jahre nach der Veröffentlichung, getan.



    Ich habe damals viele Konzerte und Opernvorstellungen in Wien besucht, die von Claudio Abbado geleitet wurden. Es waren stets aufregende, spannende Musikerlebnisse, die vielfach tolle Entdeckungen brachten, von Rossini bis Rihm, von Schubert bis Xenakis.


    Luigi Dallapiccolas Piccola musica notturna aus dem Jahr 1954 dauert 6:35 Minuten. Mich erinnert diese spätromantisch anmutende schicksalsschwere Musik an italienische Melodramen. Und schon hier meine ich durchzuhören, wie genau und klangdifferenziert die Probenarbeit mit dem jungen Orchester gewesen sein muss, deren letzte Probe ich ja miterleben konnte.


    Die beiden Highlights der CD sind für mich die nun folgenden Werke.


    Keqrops für Klavier und Orchester von Iannis Xenakis (1986), 16:48 Minuten lang, höre ich als großteils unglaublich spannende Aufschrei-Musik, allerlei geballte Klangentladungen, farblich faszinierend, und toll gespielt vom Orchester. Was für Klangfarben!


    Die Uraufführung von Paolo Perezzanis Primavera dell´ anima (1990), 11:00 Minuten lang, setzt irgendwie dort fort, wo Xenakis geendet hat, aber noch unheimlicher, geheimnisvoller, angespannter, teilweise exotistisch, durchaus spektakulär und effektvoll. Ich habe 1992 unter anderem schnaufende Rhinozerosse assoziiert. Claudio Abbado und das fabelhafte Jugendorchester haben mir und vielen anderen Werke wie diese mit geballter Leuchtkraft nahegebracht.


    Hans Werner Henzes Sinfonische Intermezzi (1953) aus der Oper „Boulevard Solitude“ dauern insgesamt 13:57 Minuten und erinnern mich an spätromantische Filmmusik etwa von Korngold oder Rósza. Gleich am Anfang macht sich so eine Art „Silence of the Lambs“ Atmosphäre breit, wieder anders unheimlich und dramatisch.


    Als Quasi-Zugabe gibt es noch Henzes Mänadenjagd aus der Oper „Die Bassariden“ (1965), 3:29 Minuten lang, schillernd und angespannt treibend, als Konzertfinale ein mitreißender Ausklang.

    Schönberg op. 11 (2), weitere persönliche Höreindrücke:


     


    Die 1975 veröffentlichte, von Maurizio Pollini im Mai 1974 in der Münchner Residenz aufgenommene Langspielplatte mit Klaviermusik von Arnold Schönberg (gehört habe ich sie aus der DGG-CD 423 249-2), hatte, was diese Musik betrifft, möglicherweise einen vergleichbaren Multiplikatoreffekt wie Herbert von Karajans Berliner Aufnahmeprojekt zur Zweiten Wiener Schule. Mit der Cartier-Bresson-Aufnahme im Ohr, hört sich Pollinis Aufnahme der Klavierstücke op. 11 für mich zunächst viel verkopfter an - strenger, distanzierter, intellektueller, dozierender. Die genaue Beachtung des penibel notierten Notentextes scheint den Fluss der Musik zu hemmen. Liest man in den Henle-Noten mit, wird Pollinis diffizile Detailarbeit an jeder Nuance umso deutlicher. Das Werk wurde damit - so höre ich es - mustergültig vorgestellt. Eine tolle Pionierleistung für ein größeres Publikum, die aber der Musik eine distanzierte Sperrigkeit belässt.



    22 Jahre später entstand am 21.5., 3.7. und 5.10.1996 im Tonstudio van Geest ein weiteres Schönberg-Klavieralbum, nun mit Pi-Hsien Chen (CD hat(now)ART 125). Diese Aufnahme habe ich gleich danach gehört. Mein Eindruck: Noch immer beherrschen in den ersten beiden Stücken distanzierte Strenge und der Versuch minutiösester Beachtung aller dynamischer und akzentuierender Details den Vortrag, er hat aber in sich schon mehr rätselhaftes Geheimnis. Es wirkt nicht mehr in erster Linie als intellektuelle Entdeckung. Um es volkstümlicher zu formulieren - im dritten Stück ist meinem Hörempfinden nach der Bann endgültig gebrochen, ich habe den Eindruck, "da lässt Pi-Hsien Chen die Sau raus" - was ist das plötzlich für eine entfesselte Klaviermusik.


    Weitere 26 Jahre später hört sich für mich Cartier-Bressons Aufnahme (auch noch einmal gehört) "wie im Flow" an, erst recht gar nicht mehr buchstabierend, sondern als durchlaufender Fluss, auch durchaus sportlich. Man weiß nicht, wie oft bei dieser Aufnahmesession geschnitten wurde, aber vielleicht wurde versucht, jeweils in einem Take aufzunehmen. Die Musik scheint natürlicher zu fließen, die Hemmungen des Beachtens aller Notenvorlagendetails sind hier nicht mehr zu hören.

    Zuletzt gehört:



    Arnold Schönbergs 1909 entstandene Drei Klavierstücke op. 11, erst dieser Tage erstmals bewusst gehört, haben in mir Vertrautes geweckt, konnte ich doch Schönbergs Klavierstücke op. 19 in der Jugend kennenlernen und waren die ersten drei davon sogar von mir bei der Musikmatura im Oberstufenrealgymnasium vorzutragen. Es ist meinem Höreindruck nach expressive, freitonale, rezitativische Klaviermusik. Liest man beim Hören in der 2022 veröffentlichten Henle Notenausgabe (Nr. 1546) mit, fällt auf, wie genau der Komponist das Expressive vorschreibt, unzählige Temponuancierungen und dynamische Wechsel sind ganz genau vorgezeichnet, vom vierfachen Pianissimo bis zum vierfachen Forte. Die interpretatorische Kunst liegt wohl darin, dies nicht buchstabierend, sondern im musikalischen Fluss aufzufächern. Der Pianistin Hortense Cartier-Bresson ist in ihrer Aufnahme, entstanden auf einem Bösendorfer Flügel im Februar 2021 im Salle Colonne in Paris (CD Aparte Music), der musikalisch expressive Fluss in seiner Natürlichkeit meinem Höreindruck nach erfreulich wichtig. Die Kontraste lotet die Pianistin dabei aber nicht voll aus, sie bewegt sich lieber dezent zwischen p und f, wodurch vielleicht das Brüchige zu wenig herausgearbeitet ist, was aber fürs Kennenlernen und Liebenlernen der Stücke (das erste, ins Rezitativische einführende, 3:45 Minuten lang, das zweite mit seinen markant schwebenden Terzwiederholungen und glitzernden Einwürfen 8:04 Minuten, und das dritte, exaltierteste, 2:54 Minuten) vielleicht gar nicht so schlecht ist. Werde diese Aufnahme sicher gerne öfter hören.

    GESCHLOSSEN AN DIE GRENZEN


    Das Hagen Quartett im Prinzregententheater in München, 30.5.2022, ein weiterer persönlicher Konzerteindruck


    Was für ein Konzertprogramm! Vor der Pause Franz Schuberts Streichquartett Nr. 15 G-Dur op. 161 D 887, und danach Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 15 es-moll op. 144 – was Streichquartettkonzerte betrifft eine Grenzerfahrung, in mehrfacher Hinsicht. Das ausverkaufte und gebannt wartende Prinzregententheater ist eigentlich zu groß für so ein Konzert, Showbühne statt Intimität. Zum 40jährigen Jubiläum dieses Streichquartetts, mit den drei von Anfang an zusammenspielenden Hagen Geschwistern aus Salzburg und seit 1987 mit dem 2. Geiger Rainer Schmidt, loten sie diverse Grenzen aus.


    Franz Schuberts G-Dur-Quartett fordert die Mitwirkenden interpretatorisch immens, es fordert aber auch das Publikum immens, gilt es doch, sich etwa 45 Minuten in extremste Gefühlsbereiche hineinfallen zu lassen, im 1. Satz zwischen Schicksalsdrama und Schanigarten, im 2. Satz zwischen Melancholie und Zerklüftung, im 3. Satz zwischen Aufgeregtheit und Beruhigung (im Trio), und im Finale mit seinem ausufernden Ritt. Das Hagen Quartett präsentiert sich als gestählt geschlossenes Ensemble, perfekt aufeinander abgestimmt, als vollendete Streichquartetteinheit. Das vibratolose, hell-klare Spiel, ohne jegliches Geschmiere, besticht in seiner Unerbittlichkeit. Die grimmigen Tremoli, die Aufschreie im 2. Satz, das Dahin des Finalritts – das Theater geht gebannt mit, muss gebannt mitgehen, mitzittern mit Schuberts Brüchen, gefestigt durch das brillante und doch so enorm emotionale Spiel des Quartetts. Nachher fühlt man sich zehn Jahre gealtert und doch frei und glücklich. Der Jubel ist einhellig.


    Die Herausforderung des 2. Teils ist fast noch größer. Nicht nur, weil hier die vier auch einzeln oder in Gruppen noch diffiziler gefordert sind, sondern vor allem, weil die Musik von Schostakowitschs 15. Quartett provokant eigenwillig mit sechs aufeinanderfolgenden langsamen Sätzen (Elegie, Serenade, Intermezzo, Nocturne, Trauermarsch und Epilog), großteils noch dazu fahler Musik, festhalten muss. Hier fesselt die Intensität des fast unheimlich geschlossen spielenden Hagen Quartetts noch eindringlicher, gerade in der bewusst erzeugten Kälte der Musik. Schon in der Elegie kann man eine Stecknadel fallen hören im Theater, nahezu jeden Atemzug des Umfelds, so angespannt spielen sie, so eindringlich. Wo sich einzelne exponieren (müssen), tun sie es auch aufgehoben in der Geschlossenheit des Zusammenspiels, und wenn sie dann explodieren, die vier hintereinander, kommt das wie brutale Messerstiche. Ungeheure Momente in einem Streichquartettkonzert!


    Die sekundenlange Stille nach dem auch extrem spannend ausgeloteten Ausklang hätte durchaus noch länger anhalten können, aber es siegte doch der berechtigte Wunsch des Publikums, die vier nach dieser enormen Leistung umso herzlicher zu akklamieren.


    Dem heimlichen Wunsch des Schreibers dieser Zeilen, nach so einem Programm keine Zugabe zu geben (welche hätte da gepasst?), kamen sie nach.

    Zuletzt gehört:



    Claudio Abbado hat, wie er im Booklet der „Hommage à Andrei Tarkovsky“ betitelten DGG-CD 437 840-2 ausführt, den russischen Filmregisseur und Autor Andrei Tarkovsky (1932-1986) 1983 bei der Zusammenarbeit an Mussorgskys „Boris Godunow“ an der Covent Garden Opera in London kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. Fürs Wiener Tarkovsky-Festival 1991 rund um die Übernahme der Produktion an die Wiener Staatsoper initiierte und dirigierte Abbado ein „Wien modern“ Konzert des Ensemble Anton Webern im Musikverein am 27.10.1991 mit Werken von Nono, Kurtág, Furrer und Rihm, das auch für Tonträger mitgeschnitten wurde. Nur Nonos Werk war keine Uraufführung.


    Persönlicher Höreindruck:


    Luigi Nonos letztes Orchesterwerk „No hay caminos, hay que caminar … Andrej Tarkovskij“ (übersetzt: „Es gibt keinen Weg, du musst nur gehen“) entstand 1987, teilt das Orchester in sieben Chöre und dauert bei Abbado (vgl. im Nono-Thread!) an die 17 Minuten. Irisierende Klangflächen und eine spannende Schlagpalette fügen sich zusammen.

    György Kurtágs Samuel Beckett – What is the Word op. 30b (komponiert 1990/91, Spieldauer 12:01 Minuten) hat als Ausgangspunkte Becketts letzten Text und dass die Schauspielerin Ildiko Monyók 1982 einen Autounfall erlitt und danach wieder sprechen lernen musste. In diesem rezitativisch angespannten Werk wirken auch die rezitierende Schauspielerin selbst, Annet Zaire (Sopran) und der Arnold Schoenberg Chor mit.

    Beat Furrer teilt das Orchester bei Face de la choleur - 1. Teil (1991, 9:08 Minuten) in vier Gruppen. Der Höreindruck: Ja, man schaut in die musikalisch flackernd lodernden Flammen, eine ungemein farbige, zerbrechliche Musik ist das! Als Solisten sind Wissam Boutany (Flöte), Ernesto Molinari (Klarinette) und Thomas Larcher (Piano) genannt.

    Wolfgang Rihms bildlos/weglos (1990/91, 12:42 Minuten) ist den „Wanderern“ Nono und Tarkovsky gewidmet und bezieht auch den Sopran und den Damenchor ein (wieder Annet Zaire und der Arnold Schoenberg Chor). Hört man die CD durch, fügt sich dieses Werk verblüffend zum Schlusssatz, der den Bogen schließt, mit erneut irisierenden Klangflächen und farbigen Schlagwechseln, im zweiten Teil dann auch mit sieben Sirenenstimmen.

    Abbado gelingt es, all diese vielfach melodielose Musik derart intensiv und farbig aufzubereiten, dass man gebannt dranbleibt und gespannt mitverfolgt, welche Wege die vier Werke gehen.

    Lieber Walter, Du wirst garantiert auch mit der Jussen/Marriner-Aufnahme auf CD viel Freude haben!



    Hier ein weiterer persönlicher Höreindruck: Die Einspielung mit Martha Argerich und Alexandre Rabinovitch sowie dem von Jörg Faerber geleiteten Württembergischen Kammerorchester Heilbronn, aufgenommen im Jänner 1995 in der Stuttgarter Liederhalle, enthalten in der CD-Box "Martha Argerich - The Warner Classics Recordings", höre ich (gestern kennengelernt) als eine Aufnahme mit beschwingt-pointiertem Zugriff, zwischen forschem Zupacken, verschmitzter musikantischer Leichtigkeit und wehmütiger Innenschau.


    Hier bitte lieber Walter!

    Aber bitte dann gleich zurück zu KV 365 und dessen Zugabe aus Genf, ich fühle mich auch beim Andante aus der Sonate KV 521 im Mozart-Himmel. Und heute Nacht (habe erst dann Zeit dafür) freue ich mich noch auf die Argerich/Rabinovitch Aufnahme des Konzerts (gibt´s auch auf youtube, höre ich aber lieber von CD).

    Ich habe ja neulich die Jussen Brüder live erlebt. Live spielen sie mitreißend, und das hat auch viel junges Publikum begeistert, was mich im Konzert sehr gefreut hat. Ich behalte im Blick, ob sie Mozarts Konzert KV 365 vielleicht wieder mal live aufführen, darauf wäre ich gespannt.

    Die Stichworte Pires und Argerich haben mich aber gerade zu dieser Aufnahme geführt, und da gilt für mich halt einmal mehr - was für weise Musik und hier auch was für eine weise Interpretation...

    Martha Argerich et Maria João Pires - Concerto pour deux pianos de Mozart, dirigé par Daniel Harding
    Rencontre titanesque entre Martha Argerich et Maria João Pires le 16 décembre 2021 au Victoria Hall, Genève pour ce concert de l'Orchestre de la Suisse Roman...
    www.youtube.com

    Dorthin muss man mal kommen, wo die beiden da sind, in vielfacher Hinsicht...

    Die Jussen Brüder auf dem Weg dorthin - gerne, umso erfreulicher, und wenn die Jugend von heute diesen Weg mitgeht, umso besser!


    Das holländische (neulich live erlebt) dynamisch auftretende Pianisten-Brüderpaar Lucas und Arthur Jussen veröffentlichte 2015 ein Mozartalbum, auf dem unter anderem das Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365 enthalten ist. Sir Neville Marriner dirigiert die Academy of St. Martin in the Fields. Aufgenommen wurde dieses Konzert zusammen mit dem Konzert KV 242 im Juli 2015 im Watford Colosseum in England. Im Booklet kommt Mozart selbst zu Wort (!) und es wird betont, er wäre begeistert gewesen.


    Mein Höreindruck: Hat man bei diesem Werk etwa Corea/Gulda/Harnoncourt im Ohr, diesen funkensprühenden Aufeinanderprall unterschiedlichster Persönlichkeiten und Temperamente, eine (für mich) atemberaubend spannende, singuläre Aufnahme, wird man hier auf gehobene Routine zurückgeworfen. Mit dem das Orchester konsequent fließend steuernden Marriner und im Zusammenspiel stimmt jedenfalls der Drive. Das Dialogische (bei Gulda und Corea extrem spannend) wird aber nicht betont, die beiden jungen Pianisten spielen symbiotisch, perfekt aufeinander eingespielt, aber in der Persönlichkeit kaum unterscheidbar. Im Wesen, im Ausdruck, in der Gestaltung läuft Mozarts Musik da für mich etwas glatt dahin.

    Herzlicher Dank für die freundlichen Zeilen. Nicht zuletzt auch vor allem die Konzerteindrücke von Giovanni di Tolon, Wieland, Gurnemanz, thomathi und einigen weiteren in diesem Forum haben Lust gemacht, wieder verstärkt in Konzerte zu gehen. An dieser Stelle gebe ich den Dank gerne an alle weiter.

    Angefixt durch die gestern live erlebte, perfekt abgerufene Interpretation von Béla Bartóks 1937 entstandener Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug Sz 110 im Münchner Prinzregententheater, habe ich noch eine Nachtsession mit drei Martha Argerich Aufnahmen des Werks nachgeschoben.


    Meine Höreindrücke:


    Der kammermusikalisch schlagkräftig schillernde 1. Satz (Assai lento – Allegro molto) dauert jeweils 13 bis 13 ½ Minuten, der geheimnisvoll schreitende 2. Satz (Lento man non troppo) an die sieben Minuten und der kecke 3. Satz (Allegro non troppo) knapp über sechs Minuten.



    Im Mai 1977 entstand in der Watford Town Hall die Aufnahme des Werks mit Martha Argerich, Stephen Kovacevich, Willy Goudswaard und Michael de Roe (DGG). Die vier kämpfen vom ersten gespannten Anlauf weg leidenschaftlich und verbissen für und um das Werk. Vor allem im 2. Satz wird eine enorme Innenspannung erzeugt.


    Im Februar 1993 nahm Martha Argerich das Werk erneut auf, diesmal zusammen mit Nelson Freire, (dem 1962 geborenen, leider schon 2016 verstorbenen) Peter Sadlo und Edgar Guggeis im Concertgebouw Concertzaal in Nijmagen (wieder DGG, beide gehört aus der CD-Box Martha Argerich – The Complete Recordings on Deutsche Grammophon). Die Innenspannung ist hier grundsätzlich genauso intensiv, aber diese Aufnahme wirkt insgesamt trockener, „wissender“, eine Spur kalkulierter.



    Und dann gibt es ja noch die Liveaufnahme vom Juni 2010 aus Lugano, mitgeschnitten im Auditorio Stello Molo (RSI), nun wieder mit Stephen Kovacevich, dazu mit Louis Sauvêtre und Danilo Grassi (gehört aus der Warner CD-Box Martha Argerich - The Lugano Recordings). Diese Aufnahme atmet nun für mich eine ganz tolle Live-Innenspannung. Die spürbare Leidenschaft auch am Risiko des Augenblicks macht alles noch viel spontaner, bei aller toller Brillanz.

    DIE SHOW GEHÖRT DAZU


    Lucas und Arthur Jussen mit Schlagwerkverstärkung im Münchner Prinzregententheater, 21.5.2022, ein weiterer persönlicher Konzerteindruck


    Im nicht ganz ausverkauften Prinzregententheater, in dem doch viele aus Sicherheitsgründen weiter Masken tragen, wartet man gespannt auf die zwei holländischen, von der DGG enorm gepuschten Jungstars des Klassikbetriebs, die diesmal Schlagwerkverstärkung mitgebracht haben, Alexei Gerassimez und Emil Kuyumcuyan.


    Béla Bartóks 1937 entstandene dreisätzige Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug Sz 110, vom Komponisten selbst lapidar in Worten mit den üblichen Aufbaukriterien Sonatensatz, dreiteiliger Liedsatz und Mischung Rondo/Sonatensatz vorgestellt, besticht mit seinem enormen perkussiven musikimmanenten Ausdruck. Die vier auf dem Podium machen aber von Anfang an klar, dass es ihnen auch um gute Unterhaltung geht, sie scheuen sich nicht vor Schauwert-Brillanz. Der Beginn baut enorme Spannung auf, und der geheimnisvoll verklingende Schluss rundet die packenden ca. 25 Minuten ab, die Entladungen des Werks dazwischen sind aber durchaus auch Show, brillantes Herzeigen, wie souverän und gut und toll aufeinander abgestimmt man das alles kann.


    „Stonewave“ für Percussion Duo ist ein ganz aktuelles Werk von Alexei Gerassimez, der sich nebstbei auch als launiger Entertainer-Moderator präsentiert. Hier wird die Balance zwischen zeitgenössischer, strukturierter, technisch fordernder Komposition und einfach nur gut unterhaltendem, mitreißendem „Drum-Pop“ noch unverblümter ausgekostet. Das Publikum reagiert mit spontaner Begeisterung.


    Statt der angekündigten „Rhapsody in Blue“ stürzen sich die Jussen-Brüder nach der Pause in Maurice Ravels „La Valse“ – perfekt aufeinander eingespielt, die Walzerapotheose als pianistisches Feuerwerk aufbereitend, jedoch um den Preis fast jedes spontanen Moments. Die beiden strahlen eine ungeheure gemeinsame Spiellust sowie coole Lässigkeit aus, die das Publikum sofort zu fesseln vermögen, aber es fehlt der Kick des Augenblicks, es wirkt alles schwindelerregend perfekt abgerufen. Damit räumt man ab, klar.


    „Frank´s House“, das nächste Werk des Konzerts, ist der 2015 entstandene, etwa zehn Minuten lange akustische Kommentar des 1979 geborenen amerikanischen Komponisten Andrew Norman zu einem provokant entworfenen Haus des Architekten Frank Gehry. Hier halten wieder alle vier die Balance zwischen interpretatorischer Superperfektion und der Vorstellung eines chaotischen Hauses, incl, Papierzerreißen und Hausmusik an einem Klavier mittendrin. Es bleibt in Schwebe, ob man so etwas als reine akustische wie auch optische Comedy aufnehmen oder als musikalisches Werk ernstnehmen soll, Tendenz eher zu ersterem, bis zum effektvollen Schluss, der an jenen von Mahlers 6. Symphonie erinnert, gespanntes Verklingen und ein plötzlicher letzter Schlag.


    Zu den „Symphonic Dances“ aus Leonard Bernsteins „West Side Story“, hier wieder mal live in der spannend transparenten Version für zwei Klaviere und zwei Schlagwerker zu hören, werden wir vor Beginn aufgefordert, beim „Mambo“ mitzuschreien – Unterhaltung und Show gehören also auch hier dazu. Da gilt es ja erst recht, die Balance zwischen Bandenkrieg, großer tragischer Liebe und konzertanter Brillanz aufrecht zu erhalten. Eine gehörige Portion Schauwert-Brillanz bestimmt denn auch diese etwa 20 Minuten, und die hochvirtuose Fuge etwa kommt so wie alles an diesem Abend vor allen - cool. Präzise Probenarbeit ist selbstverständliche Voraussetzung, alles wird grandios perfekt abgerufen, und es ist fast ein bisschen schade, dass zwischen dem spannend sich aufbauenden Prologue und dem schicksalsschwer elegischen Ausklang (obwohl zumal technisch über Somewhere, Scherzo, Mambo, Maria-Cha-cha, Meeting Scene, Cool Fugue, Rumble und Finale vor allem ein ungeheurer Funkenflug sprüht) so gar nichts passiert, wo man ein Risiko mitspüren könnte. Spannungsmomente aufbauen und halten können sie alle großartig, aber eben kalkuliert, toll einstudiert, auf den Punkt abgerufen – die präsentierte Lässigkeit eines Zeitalters, das künstlerische Perfektion samt optisch „superherzeigbarer“ Aufbereitung als „selbstverständliches Nebenbei zwecks bester Unterhaltung“ suggeriert. „Keep cool, boy.“


    Die Zugabe gibt dem Publikum Zucker, "Short Ride in a Fast Machine", ein treibender John Adams Hit auf Hochtouren.


    Das muss man diesem Abend lassen – er hat für (wohl von vielen auch erwartete) echte Begeisterung an Musik gesorgt. Der Abend hatte ganz viel von der „Wenn die kommen, ist was los, kriegen wir was geboten“-Stimmung, verstärkt durch die vorangegangene Corona-Pause umso dankbarer vom Publikum angenommen.