Beiträge von Musenginst

    Die Pseudo-Wiener UFA-Schmonzetten liefen meinerzeit im BR und im ORF noch recht häufig: Ständig gings im Diskant: »Ferdinand?!?« – »Leopold!!!«, Kutsche rein, Kutsche raus. So richtig, wie sich die Piefkes die walzerseligen Wiener halt vorstellen. Und manche mag ich bis heute: »Der Kongress tanzt« hat unwiderstehliche Ohrwürmer (»Christels Lied [›Das gibt’s nur einmal‹]« und die Josef-Strauss-Adaption »Das muss ein Stück vom Himmel sein/Wien und der Wein«), aber auch filmisch einiges Bemerkenswertes: Die lange komplizierte Kamerafahrt um »Christels Lied«, der drastisch-sadistische Aufbau um Christels Züchtigung per Stock, hübsche Details wie die vor dem triumphierenden Metternich walzertanzend geleerten Stühle des Kongresses, insgesamt ein cleveres Buch, aber vor allem die durch die Bank kompetent-witzige Besetzung.


    Der deutsche Tonfilm, der damalige deutsche Schlager (im Film oder außerhalb); da gibt es ungeheure Schätze zu finden: witzig, kreativ, unerwartet, gewagt (aber überraschend oft auch gerade deswegen erfolgreich); zu vieles ist dagegen fraglos auch lustlose Dutzendware (vom später ideologisch erzwungenen Brain-Drain und damit verbundenen Schicksalen mal ganz abgesehen).

    Mark Murphy

    Hab die Bestätigung in den Medien noch nicht gefunden, aber Sheila Jordan (die Jazz-Sängerin, und eine Vertraute) hat auf ihrer Facebook-Seite heute vom Ableben des Jazz-Sängers Mark Murphy berichtet. Sollte es sich bewahrheiten (und, bedauerlicherweise, habe ich daran keinen wirklichen Zweifel), sind das zwar nicht überraschende, aber nichtsdestotrotz traurige Nachrichten. Für mich war Mark Murphy einer der wenigen wirklichen Jazz-Sänger, eine faszinierende Persönlichkeit, und ein toller Lehrer. :|

    Das ist aber nicht gemeint. In der Höhenkammliteratur geht es ja nicht um eine Verpoppung von Goethe oder George oder irgendwelche Crossovermischimaschisachen, sondern um Texte (mal nur aus dem deutschen Sprachraum) von Rainald Goetz, Christian Kracht, Sibylle Berg, Marc Degens oder dem hier am Brett bekannten Florian Voß. Da sind Rondo Veneziano oder N. Kennedy nun tatsächlich so gar nicht das musikalische Äquivalent zu.

    Wenn da aber in der Musik noch keiner draufgekommen ist, hab ich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie sich diese Weise der literarischen Adaption (nicht dass ich davon das Geringste verstünde!) auf die Musik übertragen lässt. Kannst Du die literarische Arbeitsweise noch weiter erläutern; oder fällt Dir ein musikalisches Projekt ein, das der Idee wenigstens ansatzweise nahekommt?

    Nach einem weiteren Gutachten sind aktuell wiederum zwei Standorte in der engeren Wahl, aber zwei andere: das ehemalige Pfanni-Gelände hinterm Ostbahnhof (vor allem als Party-Meile bekannt), und die ehemalige Paketposthalle (ein Industriedenkmal aus den 1960ern; riesiges freitragendes Tonnengewölbe aus Beton). Hinter beiden Standorten stehen private Investoren. Kunstminister Ludwig Spaenle hat den Auftrag, bis Anfang Dezember einen Vorschlag für einen konkreten Standort vorzulegen.


    "http://www.sueddeutsche.de/muenchen/beschluss-des-kabinetts-spaenle-soll-bis-dezember-plan-fuer-konzertsaal-vorlegen-1.2700371"
    "http://www.br.de/nachrichten/oberbayern/inhalt/konzertsaal-muenchen-kabinett-100.html"

    David Bowie, "Pinups":


    Zu David Bowie in seiner androgyn/Glam-Phase gibt es bei Taschen übrigens diesen neuen Edel-Band:


    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/91lH3nHLBUL.jpg]


    "http://www.taschen.com/pages/de/catalogue/film_music/all/03136/facts.mick_rock_the_rise_of_david_bowie_19721973.htm"


    Weder musikalisch noch visuell wirklich mein Ding (war’s auch noch nie), aber ein interessantes Stück Zeit- und Kulturgeschichte allemal.

    Was ich auseinanderhalten würde: Felder persönlicher Präferenz (auch ich seh mich als musikalischen »Island-Hopper«) und vermeintliche musikalische Nähe dieser Genre-Inseln. Nur weil ich sie beide mag, müssen sie musikalisch nicht wirklich nahe beieinander liegen.


    Das widerspricht sich vielleicht scheinbar mit meiner oben bekannten Liebe zu Künstlern, die gekonnt musikalische Grenzgänge vollziehen, aber – und das ist vielleicht mein Aha-Erlebnis aus diesem Thread – diese separierten Territorien existieren dennoch (Parallele zum echten Leben?). Vielleicht muss man denken wie an Schauspieler, die Tragödie, Melodrama, Komödie gleichermaßen gekonnt über die Rampe bringen können, aber dennoch wissen, welche Mittel sie jeweils einsetzen müssen. Und wie zum Beweis: Manche beherrschen das eine, aber nicht das andere.


    Oder nochmal anders: Auch wenn es Grenzgänger zwischen New Age und Jazz gibt (nehm jetzt den Namen des bekannten ECM-Künstlers nicht in den Mund, der mir zwei Stunden des für mich bisher musikalisch unerträglichsten Purgatoriums meines Lebens verschafft hat – auf gutmeinende Einladung meiner, selbst anwesenden, Freunde sogar, mit denen ich gut Musik machen konnte) – für mich ist New Age und Jazz nicht dasselbe. Falls es angrenzt, liegen Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen dazwischen.


    Naja, und die obige Formulierung sagt ja auch schon, wie wenig absolut meine Aussage ist. Manche hüpfen da wie ein Spatz drüber (nur ich kann nicht).

    Westminster-Cover finde ich überhaupt nicht fürchterlich - die sind Kult: [...]

    Danke für den Hinweis. In Serie verstehe ich besser, worauf der Art Director rauswollte, und manches ist schon sehr mutig und witzig. Unterm Strich finde ich viele der Hüllen dennoch zu plakativ und dominant, im Sinne von das eigentlich beworbene "Produkt", die Musikaufnahme, dabei überfahrend. Den Kult-Faktor verstehe ich, aber für Afri-Cola funktioniert sowas besser als für klassische Musik.

    Viele der Musiken, die so ab den späten 80ern unter dem unglücklichen Namen »Smooth Jazz« (klingt wie Melasse) zusammengefasst wurden, haben wenig mit Jazz zu tun; da sind sich bestimmt viele einig (ich hab zum Beispiel nie verstanden, wieso die typischen Soulpop-Crooner wie Will Downing oder Luther Vandross auf einmal unter dieser Bezeichnung geführt wurden – heute ist das auch schon wieder anders).


    Ich oute mich mal als jemand, der zwar den Dudel-Vorwurf der hehren Jazzer verstehen kann und insofern teilt, als auch bei mir eine Menge dieser Musik zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus geht, mich manches auch regelrecht nervt. Einiges gefällt mir jedoch gut und von manchen Künstlern bin ich ausgesprocher Fan, z.B. von Anita Baker. Meine geliebte Patti Austin macht Smooth Jazz, auch puren Jazz, auch Pop, auch R&B, auch alles mögliche andere ohne sich um Etiketten zu scheren, u.a. mit den erwähnten Rippingtons aber auch vielen anderen wie den Jazz Crusaders mit Joe Sample, der seinerseits wiederum toll in vielen Projekten war (von Big Band Jazz bis Soulpop), auch in seiner Zusammenarbeit mit Randy Crawford. Maysa Leak, phasenweise Sängerin bei den Acid-Jazzern Incognito, hat eine faszinierende Stimme und Technik (auch wenn beim Material einer Reihe ihrer aktuellen Alben der Dudel-Vorwurf nicht von der Hand zu weisen ist). Selbst Dianne Reeves hat Smooth Jazz gemacht. Regina Belle, eine ebenfalls tolle Vokalistin im Spannungsfeld zwischen Pop, R&B und Great American Songbook; bin Fan vieler ihrer Alben.


    So gibt’s da schon was zu holen für mich, und ich mag gerade die Einfluss-Vielfalt und die oft fehlenden Scheuklappen in diesem Bereich – was meiner Liebe zu den großen Vokalistinnen des klassischen Jazz (welcher phasenweise ja auch einfach die populäre Musik seiner Zeit war) keinen Abbruch tut.

    Arvo Pärt | Robert Wilson: Adam’s Passion

    Ich bin erst noch dabei, mich mit dem Werk des Komponisten Arvo Pärt einerseits und des Theatermachers Robert Wilson (soweit aufgezeichnet) andererseits vertraut zu machen; so fand ich es eine gute Gelegenheit, ihrer aktuellen und ersten Zusammenarbeit »Adam’s Passion« intensivere Aufmerksamkeit zu schenken.



    Durch einen (scheinbar?) dummen Zufall hatte ich zwar die Dokumentation zu diesem Ereignis aufgezeichnet, die auf arte am 27.09.15 ausgestrahlt wurde, aber nicht den nachfolgenden Mitschnitt der Darbietung selbst. Die Dokumentation machte mich neugierig.


    Die Äußerungen Pärts – und diese sind ja ohnehin überaus rar – brachten mich dabei mich in erster Näherung nicht viel weiter, außer in der Auffassung, dass dieser Künstler wirklich überwiegend in seiner eigenen durchgeistigten Welt zu leben scheint (ohne dabei eigentlich kommunikations-abweisend oder -untüchtig zu wirken).


    Als interessanter Gegensatz für die Realisierung von »Adam’s Passion« stellte sich heraus, dass Pärt ja ein deutlich christlich geprägter Künstler zu sein scheint, Wilson aber an der Darstellung religiöser (so wie politischer oder sonstwie lehrhaft verdeutlichender) Inhalte nicht interessiert ist, hier auch die Texte weitgehend ignoriert, aber durchaus den spirituellen Aspekt der Pärtschen Musik aufgreifen möchte. Ein interessanter Satz (sinngemäß) war: Diese Musik ist sehr schwer auf die Bühne zu bringen, denn fast alles, was man macht, kann davon ablenken, der Musik zuzuhören. Das finde ich einen sehr demütigen Ansatz, den Wilson auch einlöst, ohne farblos zu bleiben.


    Konkret handelt es sich bei »Adam’s Passion« um die Abfolge dreier bestehender Werke Pärts, »Adam’s Lament« (Streichorchester, Doppelchor), »Tabula Rasa« (zwei Solo-Violinen, präpariertes Klavier, Kammerorchester) und »Miserere« (Solostimmen, Chor, Instrumentalensemble), denen ein kürzeres neues (und Wilson gewidmetes) Werk, »Sequentia« (Schlagzeug, Streichorchester), vorausgeschickt wird. Die szenische Realisation setzt die bemerkenswerte Spielstätte mit ein, eine ehemalige U-Boot-Werftshalle in Tallinn (Estland). Von der Bühne geht ein T-Ausläufer ins Publikum; das Orchester und die Violin-Solisten befinden sich rückseitig erhöht, die Vokalisten auf den rückwärtigen Seiten ebenfalls erhöht.


    Die szenische Realisierung basiert stark auf der Lichtgestaltung und zunächst wenigen Darstellern: ein anscheinender Adam (im passenden Kostüm), der unendlich langsam den T-Ausläufer abschreitend, zwischendrin leichte Spasmen seiner Hände abwehrend, schließlich einen Zweig aufnimmt und auf seinem Kopf balancierend zurückträgt; eine ältere, konstant grimmig zweifelnd blickende, aber sich ebenfalls unendlich elegant bewegende Frauensgestalt mit exaltiert mondän-außerirdischem Make-Up und Haar, die in Folge gelegentlich Bewegungen mit dem Mann synchronisiert, auch die Spasmen durchlebt; es kommt ein Knabe hinzu, der mit Bauklötzen hantiert, einen ebenfalls auf dem Kopfe zurückträgt; ein Mädchen, die an einem anscheinenden Hausbau beteiligt ist, sowie weitere Figuren, die allesamt irgendwie interessant und ästhetisch aussehen und einer faszinierenden Choreographie folgen – zumindest eine Zeit lang funktioniert das für mich sehr gut, einfach weil ich es gerne ansehe, es mit der Musik lebt ohne sie platt zu »illustrieren«. Gegen den letzten Teil (der mich musikalisch auch nicht mehr so fesseln konnte) werden dann die Tableaus komplexer, beinhalten mehr Personen und Requisiten, und dann war bei mir die Luft raus (oder ich war frühzeitig ermüdet; Dauer ist etwa 90 Minuten).


    Die Audio-Qualität der Aufnahme ist hervorragend, hat wahrscheinlich mit der sicherlich unvorteilhaften Original-Akustik vor Ort nicht mehr viel zu tun, aber ist im Mischungs-Studio sehr gelungen ausbalanciert und dennoch gut zum Bild passend erstanden. Die technische Video-Seite ist recht anspruchsvoll, insbesondere die immer variierenden, nur leicht verlaufenden Blau-Weiß-Töne der Lichtgestaltung im ersten Teil testen die Anlage, daher bin ich jetzt doch froh, die Blu-Ray zu besitzen, welche aber auch nicht ganz ohne Fehl ist (manchmal ganz leichtes Flackern, nicht vollkommen frei von Banding; Rauschen bei Einstellungen außerhalb der Bühne verzeihe ich vollkommen, denn es ist dem stimmungsvollen, aber eben niedrigeren Vor-Ort-Licht geschuldet). Die Bildgestaltung hat mir ohnehin sehr gut gefallen – ruhig, geduldig, wie es der Performance angemessen ist, aber dann doch gelegentlich einen neuen Winkel präsentierend, manchmal doch eine Kamerafahrt einsetzend; und ganz entschieden unter Einsatz des kompletten Raums (Orchester wie gesagt hinten), räumliche Beziehungen werden verdeutlicht, auch die der Darsteller – das ist ganz klug gemacht.


    Ärgerlich: Für die 30 Euro der Blu-Ray gehörte die Dokumentation mit drauf; der Vertrieb hat sich entschlossen, diese separat zu vermarkten: »The Lost Paradise« auf DVD für weitere 25 Euro; das find ich zu teuer.

    [...] so eine Art Ankündigung eines Programms [...]

    ... man kann da reinlesen: Entschlossenheit, Körperbeherrschung, Askese, Durchhaltevermögen, ›Angeben‹, anders sein, Suchen von Risiken, Masochismus, Selbstbestrafung (wenn man will auch Todessehnsucht). Und ja, ich bin im falschen Thread. :) Dennoch, Josquin, danke für die Frage; war mir ein Aha-Erlebnis.

    Ein Sondheim-Interessierter? Sind wir schon zu zweit (zumindest derzeit)! :thumbup:


    Hast Du Erfahrungen mit Sondheim-Aufführungen oder den verschiedenen verfügbaren Audio/Video-Aufnahmen? Wenn Du Lust hast, böte der Vorstellungs-Thread eine gute Gelegenheit!


    Zufällig habe ich mir vor wenigen Tagen übrigens das (lange nur zu Mondpreisen erreichbare) Cast-Album vom Londoner Revival 1995 mit Judi Dench (hinreißend!) und Siân Phillips zugelegt:


    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51UsOK9evfL.jpg]


    Hier in München wird das Ensemble des Gärtnerplatztheaters (welches immer noch in der Sanierung, daher Aufführungsort Cuvilliés-Theater) im Februar 2016 ihre zweite Inszenierung des Stücks vorstellen. Allerdings auch diesmal auf deutsch :thumbdown:. Na schaunmer mal.


    Dort wird auch wieder der ursprüngliche Bergman-Titel »Das Lächeln einer Sommernacht« verwendet werden. Wie u.a. in der von Dir schon erwähnten Quelle (geniales Buch, wie auch der zweite Band!) beschrieben, hatte Ingmar Bergman den Titel (obwohl er der Adaption gegenüber durchaus aufgeschlossen, und von einem späteren Besuch der Aufführung sehr angetan war) zurückbehalten, für den deutschsprachigen Raum aber doch freigegeben; »Eine kleine Nachtmusik« hätte hier unüberwindbar falsche Erwartungen geweckt.

    Sichersicher - aber es passiert doch etwas mehr als nur das Streichholz in der Hand halten.

    Ja gewiss. Aber die Nummer mit dem Streichholz ist für mich schon sehr zentral, so eine Art Ankündigung eines Programms, das der Rest des Films dann einlöst. Auch das ist natürlich nur eine sehr verkürzte Sichtweise. Immerhin, das Streichholz (dann nochmal verwendet für den berühmten Match-Cut zur aufgehenden Wüstensonne) ist mir in der Erinnerung stärker präsent als manches grandiose Schlachtentableau.

    Seit einer ganzen Weile beschäftigt mich das Phänomen, wenn ich ein Streichholz anzünde und es allmählich abbrennt, bis es mir die Finger verkockelt. Dabei kam ich einmal auf den Gedanken, ob es Opern oder symphonische Stücke gibt, die genau diesem Vorgang musikalisch ein Monument gebaut haben.

    Mir ist klar, dass Du hier eine scherzhafte Bemerkung in ganz anderer Richtung machst – aber es gibt in der Tat ein über 3½-stündiges Werk (allerdings kein rein musikalisches), das (zumindest kann man es so sehen) exakt diesem Vorgang gewidmet ist, und zwar David Leans Lawrence of Arabia:


    Zitat

    The trick, William Potter, is not minding that it hurts.

    (Wahrscheinlich hattest Du das eh irgendwo im Hinterkopf, hat mich aber doch beschäftigt ...)