Beiträge von Uwe Schoof

    Am allerliebsten ist mir die klassische Besetzung, die meist in der Bebopzeit das Fundament gebildet hat. Auf elektronische Instrumente könnte ich in der Musik ganz gut verzichten. Eigentlich müsste für meinen Geschmack selbst die elektrisch verstärkte Gitarre nicht sein, selbst bei Coleman Hawkins oder Oscar Peterson würde mir nichts fehlen, wenn die Gitarre nicht dabei wäre; aber ok, die wurde mit Herb Ellis oder anderen ja auch ziemlich sparsam eingesetzt und gehört gewohnheitsmäßig schon dazu. Auch das E-Piano hört sich manchmal mit dem E-Bass bei entsprechendem Stil ganz schön an, aber rein akustisch trifft es mein Gefühl am ehesten. Warum das so ist, kann ich nicht genau beschreiben. Ich empfinde die akustische Musik irgendwie als frischer und lebendiger.


    Reine Gitarrenbesetzungen gefallen mir übrigens ganz gut.


    Uwe

    Es freut mich, dass es Nachfragen zur Empfindung und somit in der Folge Bewertung von Musik gibt, und ich werde mich sehr gerne konkreter zu meinem Missfallen des Albums "Miles Davis and the Modern Jazz Giants" äußern. Dies ist beim Schreiben meines Artikels nicht erfolgt, da ich ja nicht davon ausgehen konnte, dass die Begründung jemanden interessiert.


    Ganz im Gegenteil: Ich bin es eher gewohnt, dass, wenn sich jemand positiv oder begeistert über z.B. ein Album ausspricht, ein Album klasse findet u.s.w-, selten jemand nachfragt, warum die Musik als super empfunden wird. Vielmehr wird gemeinsam gejubelt. Das Thema ""Gerade Goutiert..." zeugt davon. Ich finde es interessant, dass der Grund für Missfallen eher zu interessieren scheint als für Gefallen. (Etwas toll zu finden scheint tendenziell eher als richtig und legitimiert empfunden zu werden, etwas schlecht zu finden ruft dagegen eher Skepsis, Gegenwehr und manchmal auch persönliche Betroffenheit hervor; so manche Threads, insbesondere außerhalb des Jazzbereichs, sind deshalb bereits ausgeufert).


    Leider habe ich übrigens wochentags wenig Zeit zum konzentrierten Schreiben, da ich wegen meiner Arbeitsstelle und Sport von frühmorgens bis Abends kaum zu Hause bin. Deshalb dauern Antworten bei mir immer so lange, und manchmal lasse ich es auch ganz sein, da der Faden viel zu weit fortgeschritten ist. Mit Maurice´ Nachfragen werde mich in den nächsten Tagen gerne beschäftigen.


    Im Übrigen geht es mir möglicherweise ähnlich wie Maurice: Das klassische Quintett mit tp, sax, p, b und dr klingt für mich äußerst harmonisch / kompakt und bildet für mich im Jazz ein ähnliches Fundament wie das Streichquartett in der klassischen Musik. Vielleicht liegt dies daran, dass meine größte Leidenschaft im Jazz dem Bebop um Charlie Parker, Dizzy Gillespie und anderen Musikern in dieser Zeit gilt. Und zur Abnutzung: Die Gefahr ist bei mir ziemlich klein. Die Streichquartettmusik in der klassischen Musik sowie das erwähnte Quintett in der Jazzmusik bilden bei mir seit über 30 Jahren den absoluten Schwerpunkt meines Hörens und Interesses, und bisher bin ich diese Besetzungen nie leid geworden. Beim Quintett bin ich vielleicht etwas flexibler, da ich mich freue, wenn mal gelegentlich eine Posaune oder ein zweites Saxophon dazukommen, wie mir aber auch beispielsweise die zum Sextett erweiterte "Verklärte Nacht" von Schönberg oder die Brahmsschen Streichquintette guttun.


    Uwe

    Da ich weiterhin trotz intensiver Untersuchung der Überzeugung bin, dass das Album " Miles Davis and the Modern Jazz Giants" so unterirdisch schlecht und weit unter dem eigentlichen Niveau aller Aufnahmeteilnehmer ist, kann ich mich auch nicht für einige nette Momente begeistern. Immerhin haben wir es hier mit Vollprofis und Spitzenstars der Jazzszene zu tun, da bedarf es keines Sonderlobs, wenn ein einzelnes Stück eines Albums ok ist. Ich finde, ehrlich gesagt, dass es eigentlich eine Beleidigung für einen Superstar ist, wenn man sogar versucht, seine schlechten Sachen gut reden zu wollen.


    Da ich Miles Davis, Thelonius Monk und alle anderen Mitspieler dieses Albums sehr schätze und dies auch teilweise begründet habe, möglicherweise noch werde, genehmige ich mir auch die Freiheit, dieses Album als absoluten Fehltritt oder gar als Unverschämtheit den Fans gegenüber zu bezeichnen. Theorie hin und Theorie her, in meinem Fall war das so: Als jugendlicher Jazzbegeisteter habe ich das wenige Geld, was mir anfangs durch die Eltern als Taschengeld, dann später als Musiklehrer für Anfänger und Bafögbezieher zur Verfügung stand, natürlich für Jazz-LPs beim Saturn in Köln ausgegeben. Und jetzt bedenkt mal bitte: Der Uwe fährt mal wieder mit der Bahn nach Köln, weil er wieder Geld für zwei oder drei Albums gespart hat, und kauft sich u.a. das Album "Miles Davis and the Modern Jazz Giants", kann kaum erwarten, nach Hause zu kommen und diese Platte aufzulegen. Und dann kommt diese Verarsche. Ich war dermaßen wütend, dass ich auch im Nachhinein sage: Ihr Theoretiker könnt das interessant finden, was die Musiker da abgeliefert haben, aber mit Jazzmusik im Gefühl der einfachen Leute hat das nicht allzu viel zu tun. Und zu diesen gehöre ich, glaube ich, und ich fühle mich da in der Jazzmusik auch generell gut beherbergt.


    Auch wenn wir von der Peinlichkeit "The Man I Love" absehen, ist die Lustlosigkeit und Langeweile in "Swing Spring" und "The Man I Love" augenscheinlich. Da wird nur durchgenudelt, nicht gespielt. Das hat, wie ich denke, schon sehr mit Arroganz zu tun, nach dem Motto: "Wir sind Stars, und die Trottel in den Städten nehmen uns schon alles ab, und wenn wir den größten Blödsinn machen. Weil wir halt Stars sind".


    Einzig "Round Midnight" hat Seele.


    Nungut, die Beobachtung zu machen, dass da in diesen Aufnahmesitzungen vieles nicht gut gelaufen ist, ist die eine Sache, vielleicht gar nicht so spektakulär. Manchmal hat man schwache Momente, ist zugekifft, will sich beweisen oder was auch immer. Interessant wäre für mich, wieso die Musiker und Aufnahmeverantwortlichen diesen Blödsinn überhaupt gemacht oder mitgemacht haben. Was war der Kick für Miles Davis? Hat es ihn womöglich sogar weitergebracht, da die Intellektuellen ihn noch interessanter fanden?


    Uwe

    Nun bin ich nicht der Mensch, der negative Urteile veröffentlicht, bevor er sich Gewissheit darüber verschafft hat. In diesem Fall habe ich, da ich die Aufnahmen "Miles Davis and the Modern Jazz Giants" vor Jahren bereits gehört habe, nicht die geringste Hemmung:


    Das Album ist großer Mist. Alle Musiker sind für sich selber ausgezeichnet. Sie passen aber definitiv nicht zusammen.


    Wenn es sich nicht um Miles Davis, Thelonious Monk, Milt Jackson u.s.w. handeln würde, würden wohl viele Jazzfreunde diese Aufnahme in den Mülleimer werfen oder sonstwie entsorgen. Wegen des Wissens um die großen Jazzstars sucht man aber, so vermute ich es, um psychologische Erklärung und bildet sich im Eifer der Starvergötterung ein, dass man es mit einer interessanten Begebenheit der Zusammenkunft unterschiedlicher Genies zu tun hat.


    Ok, kann man so sehen, man kann auch Löwen und Pinguine im Zoo in das selbe Gehege stecken, sich der Faszination des Ungewöhnlichen erfreuen und dies noch auf eine pseudointellektuelle Ebene erheben; dafür habe ich irgendwie Verständnis. Ich selber bin nicht mehr so empfänglich für sowas und finde dagegen: Ab in den Müll und besser die Zeit nutzen, um gute Musik zu hören.


    Uwe

    Zum im Beitrag Nr. 60 erwähnten Album der Miles Davis All Stars "Walkin´" beziehe ich mich nun, nachdem ich mir sie gerade noch einmal angehört habe (ich habe übrigens zwei dicke Miles Davis Boxen und einige Albums einzeln, sodass ich die Studioaufnahmen, von den allerletzten elektronikfokussierten abgesehen, komplett alle mindestens einmal habe):



    Ich stimme mit Newbie69 völlig überein, dass das richtig gut gelungene Musik ist. Da wir uns hier im "Miles Davis-Strang" befinden, lege ich mein Augenmerk natürlich auf den Leader der Gruppe. Man kann lesen, dass er mit den beiden Aufnahmesitzungen sehr zufrieden gewesen sein soll. Ich habe beim Hören auf jeden Fall den Eindruck, dass Miles voller Elan und Freude gespielt hat, und zwar jedes Stück dieses Albums. Ich finde seine Improvisationen ziemlich gelungen, flüssig und unverkrampft. Das ist für mich eine der besten Seite seines Spiels, und irgendwie wirkt er dabei neben seiner Leaderrolle auch als Teamplayer.


    Newbie empfand das Eingangsstück im Gegensatz zu einer Liveversion trotz seines Gefallens an der CD als eher farblos. Ich vermute, dass ich weiß, was damit gemeint ist. Für mich ist der Titel des ersten Stücks durchaus bezeichnend: "Walking". Irgendwie ist dies ein wenig der Grundcharakter der Aufnahmen, aber dies im positivsten Sinn. Es ist ein Zusammenspiel ohne Stress, ohne Höhepunkte, ohne Kampf und ohne Eitelkeiten. Für mich ist dies ein Zeichen von innerer Stärke, sodass sich die Musiker auf die Freude am guten Spiel konzentrieren konnten.


    Ein passendes Beispiel ist "Blue n´Boogie": Nach der unspektakulären und netten Einleitung macht Miles ein erfrischend schönes Solo, gefolgt von J.J. Johnson, an der Posaune, auf den Horace Silver bei einzelnen Stellen nachahmend oder so reagiert. Sowas passiert nicht, wenn jeder nur gelangweilt sein Ding macht. Auch als Überleitung zum Saxophon solo lässt sich Miles einen zweitaktigen Einschub der beiden anderen Bläser Einfallen, was dem Ganzen mehr Pep und Farbe gibt. Die Spielfreude lässt sich, zumindest empfinde ich es so, in diesem Stück auch am fetzigen Spiel Kenny Clarkes ablesen, der so richtig loslegen kann und es auch tut, wohl weil er einen pulsierend disziplinierten Percy Heath neben sich weiß.


    Beide Saxophonisten beider Aufnahmen haben übrigens einen sehr schönen Ton und machen ihre Sache richtig gut. Über Schildkraut habt Ihr Euch ja weiter oben bereits positiv geäußert. Ich möchte da einerseits einstimmen, da Schildkraut wirklich toll und fein klingt und schöne rankende Läufe in seinen Soli spielt. Für mich spielt er die Verbindungstöne allerdings etwas leise und zurückhaltend. Am liebsten würde ich ihm zurufen: "Es klingt so wunderschön und einfallsreich, spiel doch so, dass man jeden Ton gut und etwas voller hören kann". Er scheint mir das genaue Gegenteil von John Coltrane zu sein, der eher dazu neigt, die Töne aus sich heraus zu schreien.


    Kurzum: Alles super. Ob Miles Davis durch solche zufriedenstellenden Aufnahmen Spaß und Motivation gefunden hat, sodass ihm so etwas wie die großen Quintette allmählich vorgeschwebt sind? Oder hat er dies bereits im Sinn gehabt? Vielleicht sagt seine Autobiographie etwas darüber. Das wäre für mich ein interessanter Gedanke.


    Uwe

    Spontan und ohne Zögern wollte ich Dir, Maurice, zustimmen, dass das Album von Gillespie, Getz... auch zu meinen absoluten Favoriten zählt. Im letzten Moment merkte ich jedoch, dass ich ein anderes Album mit dem gleichen Coverbild meine, nämlich "Diz and Getz", aufgenommen 1953. Dies ist für mich seit Jahrzehnten eines der absoluten Top-Alben. Dort spielen Dizzy Gillespie (tp), Stan Getz (ts), Herb Ellis (g), Oscar Peterson (p), Ray Brown (b) und Max Roach (dr). Schon das erste Stück "It Don´t Mean a Thing" ist der absolute Hammer.


    Wenngleich ich die Qualitäten von Stan Getz zu schätzen weiß, höre ich seine Art zu spielen nicht immer gerne. Zusammen mit Gillespie und der Band spielt er herausragend und trifft bei mir voll ins Schwarze. Genau so stelle ich mit den Bebop vor, das trifft genau meine Vorstellungen.



    "For Musicians Only" werde ich mir nun auch bestellen, die Platte habe ich eigenartigerweise gar nicht, vermutlich da die Covers der beiden Einspielungen fast identisch sind und mir gar nicht bewusst war, dass es sich um zwei unterschiedliche Albums handelt.


    Uwe

    Nachdem gestern meine 8 Studioalben von Wayne Shorter als Leader in zwei Boxen angekommen sind, habe ich mich an "Night Dreamer" herangemacht. Gefällt mir sehr gut. Das Album ist Teil der abgebildeten Box.


    Lee Morgan (tp), Wayne Shorter (ts), McCoy Tyner (p), Reginald Workman (b), Elvin Jones (dr)



    Uwe

    Das ist interessant, nach den vier klassischen Einspielungen von 1956 das ein Jahr vorher produzierte Album "Miles Davis and Milt Jackson Quintet/Sextet" zu betrachten. Obschon Miles Davis einige Zeit bereits mit dem jungen Sonny Rollins sowie Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jones auftrat, wählte er für sein Studioalbum, wie von Newbie ja bereits aufgezählt, in der Rhythmusgruppe Ray Bryant, Percy Heath, und Art Taylor sowie als Solisten Jacky McLean und Milt Jackson, der ja später ebenso wie Percy Heath Mitglied des äußerst homogenen und erfolgreichen Modern Jazz Quartet werden sollte.


    Ich habe bei diesem Album den Eindruck, dass Miles Davis im Gegensatz zu einigen früheren Einspielungen in den Improvisationen hinsichtlich der Tonfindung etwas sicherer und lebendiger wirkt, aber noch nicht den Mut und die "Power" der im Jahr danach eingespielten vier Alben hatte. Es liegt also etwas zwischen den holprigen Frühaufnahmen und den Meisterquintetten. Ich frage mich dabei generell, ob die spielerische Selbstsicherheit von Davis nicht etwas von den jeweiligen Rhythmussections abhängig war. Ich will damit natürlich nicht sagen, dass er ohne Selbstbewusstsein und von anderen abhängig war - das war er mit Sicherheit überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, -, aber Garland/Chambers/Joe Jones waren, ebenso wie später Hancock/Carter/Williams im anderen großen Quintett, unglaublich eingespielte, pulsierende und insbesondere mitreißende Basis für Davis, die ihm anscheinend ein dynamisches und sicheres Gerüst war und in dessen Sog dementsprechend die Post abging. Ich möchte dies etwas platt so ausdrücken: In solch fantastischen und sicheren Rhytmusgruppen kann man ja nichts anderes machen als sich mitreißen zu lassen.


    Das Miles Davis-Milt Jackson-Album finde ich, wie gesagt, ganz ordentlich und gelungen, wenngleich es etwas harmlos ist. Alles ist sauber, aber ohne den ganz besonderen besonderen Pep. Die beiden Stücke, in denen Jacky McLean mitspielt und die dieser auch geschrieben hat, wirken auf mich dabei viel lockerer und kraftvoller als die anderen beiden ohne ihn. Die kurzen Themen gefallen mir, sind lebendig und knackig, und diese Attribute werden auch im Laufe der Stücke beibehalten. Jacky McLean höre ich generell ziemlich gerne, und auch in dieser Session spielt er klar und frisch. Somit verwundert es mich etwas, wenn ich lese, dass Miles Davis in seiner Biographie geschrieben haben soll, dass er beschloss, ihn nach dieser Aufnahme nicht mehr zu engagieren. Angeblich sei McLean bei der Einspielung so high gewesen, dass er dauernd Angst hatte, nicht mehr spielen zu können. Davis schien die Schnauze voll von ihm zu haben.


    Naja, in den Stücken höre ich diese Unstimmigkeit nicht heraus. Mir gefällt übrigens auch, dass Davis ohne Dämpfer spielt. So mag ich seinen wunderschönen Trompetenton am liebsten.


    Uwe

    Ja, die Aufnahmequalität ist tatsächlich verhältnismäßig gut und einzelne Stimmen meist gut hörbar.


    Nachdem Oliver in New Orleans in mehreren Bars mit unterschiedlichen Besetzungen spielte, wie schließlich auch bei Kid Ory, zog er 1918 nach Chicago. Dort spielte er in einigen Gruppen, bis er schließlich 1922 seine eigene erfolgreiche "Creole Jazz Band" gründete und mit dieser auftrat. Wir haben Glück, dass im Jahr 1923 von April bis Oktober einige Aufnahmesessions stattfanden und uns somit die Musik dieser Gruppe mit 37 Aufnahmetiteln vorliegt. Wer die Musiker der Band waren, habe ich im Eröffnungsbeitrag geschrieben.


    Ein Jahr später verließen die Musiker ihren Chef, angeblich weil ihnen Teile der Gage vorenthalten wurde. Louis Armstrong ging wohl als letzter, und das wars dann mit der tollen Band. Mit anderen Musikern ging es dann in den nächsten Jahren weiter.


    Sämtliche Stücke der Aufnahmesessions von King Olivers Creole Jazz Band aus 1923 sind auf folgender CD zu hören:


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    Uwe

    Joe "King" Oliver

    Liebe Jazzfreunde,


    manchmal ist es so, dass man Dingen oder Menschen auf den ersten Eindruck Gefühle von Sympathie, Interesse, Schönheit oder Zufriedenheit entgegenbringt, ohne genau zu wissen, warum eigentlich. So erging es mir zumindest schon in frühen Jahren mit der Musik und indirekt der Person von Joe "King" Oliver, dem großen Bandleader und Kornettisten. Die Aufnahmen, die ja zwischen 1923 bis 1931 aufgenommen wurden, sind selbstverständlich antik, nach heutigen Maßstäben tontechnisch unausgewogen und undeutlich. Dennoch haben sie mich stets magisch angezogen. Das ist auch heute noch so. Wie ich empfinde, ist dies Musik, die direkt von innen nach außen geht; eine auch bei den großen Klassikern nicht immer selbstverständliche Sache.


    Der 1885 auf einer Plantage in Louisiana geborene Joseph Oliver kam schon als Kind nach New Orleans und jobbte dort anfangs als Aushilfsarbeiter, bevor er in den bekanntesten Bands dieser Stadt, so bis 1918 bei Kid Ory, musizierte. Daraufhin siedelte Oliver nach Chicago. Wie damals nicht unüblich, übte er zwei Jobs in Tanzclubs gleichzeitig aus: den einen vom frühen Abend bis nach Mitternacht, dann sofort in dem anderen Club bis zum frühen Morgen. Dies war übrigens die Zeit der großen und anerkannten Gangster wie Al Capone, die durch das Alkoholverbot ihre große Stunde sahen, um die Chefs der (nicht nur Unter-)Welt zu werden.


    Dann endlich brachte es Oliver zu einer eigenen Band: Der legendären „Creole Jazz Band“. Schnell wurde diese, wie es zumindest nachzulesen ist, zur größten, d.h. besten Jazzband Chicagos. Der Erfolg war riesig; Oliver wurde der „King“ genannt. Die größte Zeit kam, als der damals noch unbekannte 22-jährige Louis Armstrong als zweiter Trompeter oder besser: Kornettist zu ihm stieß. Es war die Zeit der Kollektivimprovisationen und kurzen Orchesterbreaks. Die beste Zeit dieser Band war 1922 und 1923, leider verblasste der Erfolg wieder sehr schnell, als sich die besten Solisten entfernten und in anderen Bands ihr Glück suchten und auch fanden.


    Der Kern der Band zu besten Zeiten bestand aus: King Oliver, Louis Armstrong (beide Kornett), Honore Dutrey (Posaune), Johnny Dodds (Klarinette), Lil Hardin (Klavier; die zukünftige Frau Armstrongs) sowie Baby Dodds (Schlagzeug). Dazu kamen Banjospieler wie Bud Scott oder Johnny St. Cyr und wenige andere. Sie spielten einige schöne Stücke in Richmond und Chicago auf Schallplatte ein (Gennett, Okeh und Paramount). Ich habe sämtliche Aufnahmen von 1923 auf zwei CDs und finde diese sehr interessant und mitreißend, lebendig und sehr schön.


    Die Freude am Spiel, aber auch Disziplin, sind gut herauszuhören. Natürlich sind die Improvisationen weder sehr lang noch sehr frei, alles spielt sich im Zweivierteltakt ab; aber wir haben es hier mit einer interessanten Epoche zu tun: Der Glanzzeit Olivers und dem Beginn Louis Armstrongs. Armstrong soll Olivers Lieblingsschüler gewesen sein. Er hat ihn gefördert und neben sich gehabt, bis sich dieser von ihm distanzierte und seine eigene, noch spektakulärere Karriere startete. Diese interessante Beziehung zweier Stars ist für mich schön und tragisch zugleich.


    Denn nachdem Armstrong, wie die anderen Stars auch, King Oliver verließ, ging es mit diesem stetig bergab. Oliver gründete mit wenigerklassigen Musikern zwar noch die „Dixie Syncopators“, um in Savoy zu spielen, schlägt dann aber ein Engagement im Cotton Club aus. Dieses bekam dann ersatzweise der noch unbekannte Duke Ellington, um dort eine unvergleichliche Weltkarriere zu starten. Gehört dies zu den typisch tragischen Fehlentscheidungen? Ich weiß es nicht, da mir die näheren Kenntnisse fehlen.


    King Olivers Erfolge blieben in der Folge aus, was auch am sich wandelnden Publikumsgeschmack hin zu „seichteren und glatteren“ Tönen lag. Es folgten sowohl finanzielle als auch gesundheitliche Probleme; innerhalb kurzer Zeit fielen sämtliche Zähne aus, so dass weiteres Musizieren unmöglich wurde. So jobbte der verarmte „King“ in einem Gemüseladen und als Servierer in Cafes, bis er 1938 völlig verarmt an einer Gehirnblutung starb. Kurz vorher schrieb er, der Brief ist noch erhalten, an seine Schwester: „Wenn sich eine Tür schließt, macht der liebe Gott eine andere auf“. Leider wurde ihm diese Tür nicht geöffnet, wohl aber seinem ehemaligen Lieblingsschüler sehr weit.


    Oliver schrieb mehrere Kompositionen, die noch Jahrzehnte später als Klassiker galten, wie das „Sugar Foot Stomp“. Ist es nicht traurig zu hören, was Louis Armstrong Jahrzehnte später berichtete; dass nämlich Oliver im Jahre 1928 zu einem Konzert des inzwischen großen Stars Armstrong ins Savoy kam und leise für sich hinweinen musste…


    That´s Jazz.


    Die Aufnahmen Joe Olivers sind überschaubar. Ich hoffe, dass sie nicht vergessen, sondern unsterblich und weiterhin Bestandteil des Jazzlebens sein werden..


    Gruß,


    Uwe

    Die vier Alben der beiden Aufnahmen im Mai und Oktober 1956 für Prestige sind schon echt klasse. Habe mir gerade noch einmal "Relaxin´..." angehört. Das ist ein wunderbares Harmonieren der Musiker. Hab mal bei einigen Stücken auf das Zusammenspiel von der linken Hand Red Garlands und dem Bass von Paul Chambers geachtet; selbst bei etwas langsameren Passagen bzw. Stücken sind die rhythmischen Nuancen, Verschiebungen und Verzögerungen wunderbar und leichtfertig aufeinander abgestimmt. Das Zusammenspiel der Rhythmussection wirkt insgesamt super leichtfüßig. Aber das gilt auch für die Bläser, und sogar bei Miles Davis habe ich das Gefühl, dass es ihm in den Improvisationen leicht und unverkrampft über die Lippen geht; das empfinde ich bei weitem nicht immer bei Davis.



    Uwe

    Hab gerade auch wieder das Album "JuJu" aufgelegt. Ich finde, dass alle 4 (Wayne Shorter, McCoy Tyner, Reggie Workman und Elvin Jones) hier toll harmonieren und zu einer dichten Atmosphäre beitragen, sodass ein sehr gutes Album, recht nach meinem Geschmack, entstanden ist. Übrigens finde ich auch, dass hier Spielweise, Klang und Ansatz von Shorter sehr an Coltrane erinnern.


    Uwe

    Gerade höre ich wieder Coleman Hawkins mit Oscar Petersons Quartett, diesmal das Verve-Album "The Genius of Coleman Hawkins" von 1957. Ich liebe die Alben dieser Besetzung sehr. Die Musik ist nicht aufdringlich, sondern eher cool-gemütlich, ist für mich etwas, das ich mir in Bistros wünsche. Besonders die Balladen wirken bei den lyrisch-tiefen Tönen Hawkins sehr angenehm.


    Coleman Hawkins ts - Oscar Peterson p - Herb Ellis g - Ray Brown kb - Alvin Stoller dr



    Uwe

    "Zeugin der Anklage" von Billy Wilder ist ein Film, den ich einfach nicht leidwerden kann, obwohl ich alles dafür mache, wie beispielsweise ihn immer wieder schauen. Ein spannender Gerichtsfilm mit tollem Tempo, Wortwitz und unerwarteten Wendungen.


    Charles Laughton ist einfach klasse, aber auch alle anderen Rollen sind toll besetzt. Der Film gehört für mich zu den zwei oder drei besten Wilders.



    Uwe

    Soeben habe ich den "Julius Caesar" von Shakespeare nach langer Zeit gerne wieder gelesen.


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    Zum ersten mal habe ich ihn mit ungefähr 16 oder 17 Jahren lesen müssen. In der Schule hat mich mein Lateinlehrer bei einer kleinen Prügelei in der Pause erwischt. Das Ergebnis war, dass ich an zwei Samstagen (ja, das war damals möglich) in die Schule zum "Nachsitzen" musste. Ich bekam die Aufgabe, Shakespeares "Julius Caesar" in Deutsch gründlich zu lesen, dies Buch sollte mir zur Bereicherung in Bereichen von Moral, Haltung etc. dienen (so drückte sich mein Lateinlehrer häufig aus), was mir damals allerdings nicht viel sagte. Am Schluss sollte ich Inhaltliche Fragen dazu beantworten, wozu es jedoch nicht kam; die Ansage war wohl lediglich eine Methode, mich zum konzentrierten Lesen zu motivieren.


    Und das war gut so. Trotz anfänglicher innerer Gegenwehr musste ich mir eingestehen, im Verlauf des Buchs zunehmende Freude am Lesen zu verspüren. Ich fand Gefallen an Sprache, Ausdruck und dieser Art der Dramatik, die mir bis dahin völlig neu waren. Ich möchte dies alles nicht überbewerten, glaube aber, dass dadurch mein Empfindungshorizont nicht unwesentlich erweitert wurde.


    Uwe