Beiträge von Tichy

    Nur als Exkurs:

    Das Buch "2001" ist erst nach dem Film entstanden, Clarke hat vorher mit Kubrick zusammen die Ideen für das Drehbuch entworfen (basierend auf seiner Kurzgeschichte "The Sentinel") und anschließend seinen eigenen Take als Roman veröffentlicht.


    Das Buch ist....okay. Ohne die Wirkung des Films wäre es wohl nicht als kanonisch relevant zu bezeichnen. Clarke war zwar ein kompetenter Erzähler mit sehr vielen guten Ideen, aber seine Handlung verliert sich meistens in Geschwurbel. Charakterentwicklung darf man bei ihm sowieso nicht erwarten. Was das Buch aber besonders gut diskutiert, sind die möglichen Auswirkungen einer Entdeckung der "dritten Art" auf die Menschheit samt Implikationen für Moralverständnis, Religion und Wissenschaft. Das liest sich dann leider recht essayistisch.


    Aber: Gute SF kann einen Technologie- oder eben Erkenntnisschock der Menschheit vorwegnehmen und uns im Hier und Jetzt quasi rückwirkend beruhigen und philosophische Hilfe leisten. Damit ist sog. Science Fiction eigentlich nichts anderes als "normale" fiktionale Literatur, welche ein Verständnis unserer Welt durch möglichst genaue Beschreibungen erzeugen möchte.


    Den KI-Schock aus 2001 haben wir nun also fast erreicht, die restlichen Fragen und Themen dieses grandiosen Meisterwerks (Film) werden uns, so hoffe ich, noch lange beschäftigen und niemals einholen ;). Das Thema von 2001 und die Bedeutung des Monolithen sind im Prinzip gleichzusetzen mit der Kunst selbst. Der Monolith ist die Frage. Gute Antworten braucht niemand.

    Nicht nur das neue Violinkonzert, sondern das Gesamtschaffen im Bereich der Konzerte im Blick hat dieser schöne Artikel der Grammophone. Lesenswert!

    John Williams’s concertos: the other side of cinema’s great musical genius | Gramophone


    Eine weitere neue Veröffentlichung ist im Übrigen die revidierte Fassung des Cellokonzerts mit Yo-Yo Ma:


    Die dramatische Reichweite und Wirkung ist dem 2. Violinkonzert recht ähnlich. Meine Favoriten bleiben jedoch Fagott- und Tubakonzert. :)

    Der Typ wurde schon auf Slippedisc als Gegenbeispiel aufgeführt und gehört zu der Kategorie von Klassikpuristen, die ich oben mittels disclaimer vorgewarnt habe: Mäkelä ist sehr jung, manche schließen ihre Ohren daher kategorisch auf Durchzug.


    Ganz klar ist für mich diese Osloer Aufnahme deutlich denen unter Mariss Jansons vorzuziehen, kann also nicht nur am Orchester selbst liegen, dass "manches hier gut klingt". Mein Eindruck ist, dass der Kritiker alles genau so hören möchte, wie er es gewohnt ist. Der Rest wird seiner scheinbar schon vorgebildeten Meinung untergeordnet. "Er würde sich im Andantino der 3. nicht um die Holzbläser kümmern" -> langweilig:D. Hat er mal Vänskä gehört? Naja, mir reichen meine eigenen feuchten Augen als Gegenbeweis.

    Meistens ist es ihm nicht partiturgenau, bei der Sturmsequenz in Tapiola beschwert er sich über "zu viel Genauigkeit im Spiel". Lol.


    Boston/Davis ist doch was für Anfänger. Oder alte weiße Männer wie Hurwitz. Cheers :versteck1:

    7 Symphonien, Tapiola, 3 späte Fragmente - Klaus Mäkelä, Oslo Philharmonic


    Noch keine Besprechung dieser neuen Gesamtaufnahme? Schade, denn Reinhören lohnt sich so richtig! Es mangelt ja nicht an finnischen Wunderknaben, die immernoch aus Jorma Panulas Zauberschmiede in die Welt entlassen werden.

    Nach Santu-Matthias Rouvali nun also der mitterweile immerhin 26-jährige Klaus Mäkelä, der bereits Chef in Oslo und designierter Chef in Paris geworden ist. Da kann man mal eine neue Gesamtaufnahme auf den Markt schmeißen, warum nicht 8).


    Wer nicht hier schon aussteigt und kategorisch lieber den "erfahrenen" Spezialisten lauschen möchte, dem sei doch zumindest das Anstreamen empfohlen. Für eine allzu detaillierte Besprechung habe ich gerade keine Muße, klar wird aber schnell, dass sich Mäkelä interpretatorisch weder auf der spätromantischen, noch auf der analytischen Seite klar positioniert. Insofern ist er auch mit Rouvali vergleichbar, von dem bislang leider nur die ersten beiden Symphonien und En Saga vorliegen. Der Klang der Osloer ist zwar nicht ganz so samtig dunkel wie der aus Gothenburg, dafür passt die Decca Aufnahmetechnik hier fantastisch! Der Sound hat große, aber keine extreme Dynamik. Insgesamt gibt es hier deutlich mehr Reverb, was natürlich mehr Konzertsaalfeeling erzeugt, an manchen Stellen aber zu Lasten knackiger Bässe gehen kann. Wer sich andererseits das Finale der 1. Symphonie anhört, wird schnell wieder glücklich. Die große Trommel macht ordentlich Rabauz Grins2 (nein, hier ist nicht das gleichnamige Pokémon gemeint).


    Die Interpretationen vereinen Emotion, Sinnlichkeit und ein großes Gespür für klangliche Übergänge und machen viele Details der Orchestrierung transparent und hörbar. Sibelius' Magie der extremen harmonischen Orgelpunkte wird hier fast schon preisgegeben, seine frühmodernen Eigenwilligkeiten schön rausgekitzelt. Die harmonisch schrägen Spitzen im ersten Satz der 5. oder der wundervoll lange und spannungsreich ausgekostete Beginn der 7. wären hier zu nennen. Tapiola insgesamt ist herausragend, alles ohne die dichte Atmosphäre zu opfern. Im Gegenteil! Es spukt und donnert gewaltig, und wie schön hier dann am Ende die luziden Obertöne der hohen Geigen auf dem Bassfundament in H-Dur liegen... :ohnmacht1:


    Klar, es gibt (wie immer bei Sibelius) einzelne Abschnitte, die im geschmacklichen Auge des Betrachters liegen. Die vielen Tempowechsel in der 7. könnten noch etwas schöner ausgereizt werden, ebenso das Accelerando in der 5., welches doch fast schon der Sinn des Ganzen ist. Dafür gibt es genug andere Stellen, die noch nie so gehört unerhört neu gehört und erhört werden :spock1: :


    So schön atmosphärisch ausgekostet habe ich das Nebenthema auf den Orgelpunkt fis im ersten Satz der 1. noch nicht gehört. Und dazu scharfe Paukenschläge wie Donner! Das melancholische Andantino der 3. trifft vom Tempo genau meinen "sweetspot". Oder der Beginn der 4., der einem die Schuhe auszieht.


    Nur bei der 2. verliert Mäkelä gegen Rouvali für mich, das ist alles zu gewöhnlich. Zudem muss man sich hier mit einer Vielzahl herausragender Einzeleinspielungen messen (alleine Szell, Karajan und Co.).


    Summa Summarum ein wirkliches Brett von Gesamteinspielung, Mäkelä hat trotz seines Alters (oder besser seines nicht vorhandenen "Alters") wahnsinnig Gespür für Orchesterklang, rhythmische Trennschärfe und Atmosphäre. Und offensichtlich genug Selbstvertrauen. Für erfolgreiche DirigentInnen immer gute Voraussetzungen :thumbup:

    Aber so modern, schroff und unzugänglich habe ich Wiliams´ Musik noch nie wahrgenommen

    Für den "modernen" Williams empfehle ich mal zu hören:


    Das tolle Essay for Strings: Beyond the Movies - Essay for Strings - - YouTube

    sowie v.a. die Sinfonietta für Bläserensemble: John T Williams: Sinfonietta for Wind Ensemble (1968) - YouTube

    sowie das Flötenkonzert: John Williams - Flute Concerto (complete) - Lloyd - YouTube


    und als Beispiel innerhalb der Filmmusik Images (Regie R. Altmann): John Williams (b. 1932) : Images, original soundtrack album (1972) - YouTube


    Im Übrigen könnte ich jederzeit sämtliche Melodien seines Tubakonzerts oder des wunderbaren Fagottkonzerts aus dem Gedächtnis pfeifen, alles eine Frage der Beschäftigung ;)

    Ich durfte heute live dabei sein in Block B.
    Was ein Abend, was für eine Atmosphäre und welch pure Freude an der Musik, am Musizieren und gemeinsamen Erlebens hier von allen Anwesenden, Musikern wie Publikum, offenkundig gezeigt wurde. Ein Lebenstraum ist hier in Erfüllung gegangen, nicht nur für mich. Wahrlich ein einmaliges Erlebnis <3


    Und wie endlos bescheiden und warmherzig Williams noch immer ist, nach all seinen Erfolgen und Ehrungen. Eine große, generationenübergreifende Inspiration. Er liebt die Musik, er dient der Musik als kleiner Teil unter zahlreichen großen Meistern und doch hat er dabei Millionen zur Musik gebracht.
    Ach und sein größter Fan Anne Sophie Mutter saß drei Plätze neben mir ^^

    1. Sibelius 7
    Das vielleicht depressivste C-Dur, das es gibt. Und gleichsam ein versöhnliches Ende des symphonischen ringens und zweifelns des Komponisten.


    2. Sibelius 5
    Was MB sagt...


    3. Mahler 8
    Chorus Mystikus...will hier niemand nennen? Ok, aber ich.


    4. John Williams - E.T.
    Das Finale des Scores/der Konzertsuite - Jedes mal Gänsehaut.


    5. Berlioz - Requiem
    Die auf- und absteigenden Skalen am Ende des Agnus Dei, dazu ca. 8-10 Pauken in piano. Diese Klangfarbe fasziniert mich immer.


    6. Dvorak 7
    Einfach mega. Die 7. strahlt diese besondere, innere Größe und Ernsthaftigkeit aus. Und das gilt im besonderen auch für das Ende.


    7. Adams - Harmonielehre
    Nachdem im Kampf zwischen e-moll und es-Dur letzteres endlich obsiegt, könnte es keinen vulgäreren und lauteren Jubel geben. :thumbup:


    8. Nochmal Adams - Absolute Jest
    Ich könnte noch so viel nennen...City Noir, Ende 1. Akt des "Gospel" etc.
    Aber das Finale von Absolute Jest und das ewige zurückspulen und zelebrieren der Scherzo-Motive aus Beethovens 16. Streichquartett...einfach geil.


    9. Prokofjew 5
    Dieser Drive 8o


    10. Beethoven "Eroica"

    Danke! :kuss1:

    In der Tat ... eine neue Stufe des Sinfonikers Sibelius. Nicht auszudenken, wie die Achte geraten wäre. Wie hier Sibelius die Mittel der flämischen Vokalpolyphonie einsetzt, um im tonalen Rahmen etwas völlig neues zu schaffen, ist einfach der Wahnsinn. Ich schleiche seit Jahren um das Erstellen eines Threads, aber bei diesem Werk kann ich das wohl nicht. Das ist zu anders. Tante Wiki hat einen relativ neuen Artikel (in der deutschen Fassung), der benennt die wohl entscheidenden Fährten zum Werk. - Nur zu sagen, dass das Werk grob durch das dreimalige Erscheinen des Aino-Themas strukturiert ist, wäre zu billig ...

    Oh ja :love:
    Ich habe die 7. das erste mal in Wien gehört, unter Lorin Maazel. Ich saß direkt auf der Bühne hinter den Streichern der Philharmoniker. Ab dem ersten Aino-Thema hab ich fast keine Erinnerung mehr an das Konzert, da ich in komplette Trance versunken bin :ohnmacht1: .
    Btw, ich zähle das Posaunenthema 4 mal, kurz vor dem Valse Triste Zitat in der Coda klingt es nochmal an.

    Ich habe eigentlich schon vor, mich intensiver mit ihm zu beschäftigen und eine meiner ersten Taten wird wohl die 'Biographie' von Martin Geck sein.




    Wahnsinns Buch! :top:
    Mal ne andere Art von Biografie:

    Der Musikwissenschaftler und auch international gelesene Autor Martin Geck ist dieses Wochenende verstorben. Ich kann an dieser Stelle eine wärmste Empfehlung für sein letztes großes Beethoven-Buch abgeben:


    Ich sage bewusst nicht "Biografie", denn Geck erwartet hier von vornherein vom Leser, dass er grob Bescheid weiß, um wen und was es hier geht. Nein, der Autor nähert sich klug über Zeitgenossen, Nachfolger, Philosophen und Künstler aller Art dem großen Komponisten und entwirft so einen "Chor der vielen Stimmen", welcher Schritt für Schritt ein großes Gemälde enthüllt (z.B. Hegel, Gould, Huxley, Liszt, Thomas Mann, Napoleon...). Hier entsteht auf faszinierende Art und Weise ein Gesamtbild Beethovens, ohne dass man es merkt. Nebenbei ist man hinterher allgemeingebildeter als vorher :)

    Schwierig, man vergisst in dem Moment immer irgendwas:


    1. Blade Runner - The Final Cut (Ridley Scott, USA)
    2. 2001 - A Space Odyssey (Stanley Kubrick, USA)
    3. Heimat - Eine Deutsche Chronik (Edgar Reitz, Deutschland)
    4. Aguirre - Der Zorn Gottes (Werner Herzog, Deutschland)
    5. Airplane! (Jim Abrahams, David Zucker, Jerry Zucker, USA)
    6. Memento (Christopher Nolan, USA)
    7. The Conversation (Francis Ford Coppola, USA)
    8. Heat (Michael Mann, USA)
    9. Modern Times (Charles Chaplin, USA)
    10. Apocalypse Now - Final Cut (Francis Ford Coppola, USA)



    Hm, damit wäre Coppola der einzige mit 2 Nennungen. Aber Kubrick kam nahe ran mit Paths to Glory.

    Nach so viel Krieg der Sterne nun sinnlicheres:

    Ein schöner, bisweilen saftig interpretierter Zyklus. Zumindest auch meiner Meinung nach.
    Aber an Hrusa/Bamberg kommt die nicht ran: