Beiträge von Tichy

    Letzten Freitag bei den Münchner Philharmonikern unter Santtu-Matias Rouvali:

    JEAN SIBELIUS: Symphonie Nr. 7 C-Dur op. 105

    Rouvali begeistert mit seinem Sibelius Zyklus bei den Schweden, umso gespannter war ich auf die Siebte, da die Aufnahme noch aussteht. Und Wow, was eine Interpretation! Hier wählen manche Dirigenten einen klanglich atmosphärischen Zugang, zähflüssig und schwer. Andere versuchen über viele Tempowechsel das konzentrierte Material durch Varianz und Abwechslung vielseitig wirken zu lassen. Vielseitigkeit in der Einheit und umgekehrt ist bei Sibelius' 7. im schillerschen Sinne ja das Ziel. Rouvali schaffte aber einen Mittelweg. Der Anfang und das Skalenmotiv wurde noch richtig gemolken, bereits im anschließenden Choral gab es wunderbar gestaltete Akzente und Steigerungen. Im Abschnitt nach dem ersten Posaunenthema fing die Musik unglaublich organisch an zu fließen, Rouvalis Dirigat ist so klar und überzeugend, dass wunderbare accerlerandi gelangen. Auch extrem abrupte Tempowechsel gelangen mühelos. In der zweiten Hälfte der Symphonie (der quasi Scherzo-Teil) wunderbar schwunghaft und positiv, wieder mit tollen Akzenten und Betonungen in den Streichermotiven. Der Ausklang der Symphonie kehrte dann zur Ruhe und Breite des Anfangs zurück.

    Ich kann nicht warten auf die kommende Aufnahme!

    Hallo,

    auch ich konnte gestern die Münchner Aufführung besuchen. Gleich vorweg: Die Strichfassung des Librettos halte ich für eine gute Idee. Gerade der erste Akt leidet auch jetzt unter einer in Teilen sehr hölzernen und offensichtlich gestalteten Handlung. Generell hatte ich hier eher das Gefühl, einem Oratorium beizuwohnen. Die beste Idee ist tatsächlich die hier schon beschriebene Einführung einer "alten Lisa" als Manifestation der Erinnerung auf der Bühne.

    Der zweite Akt war auch musikgestalterisch wesentlich tiefgreifender und wirkungsvoller. Die Fragen rund um ein (Un)Recht auf Vergessen, (Mit)Täterschaft und Vergebung sind unglaublich aktuell, ja eher unheimlich aktuell. Die Chaconne auf der Bühne, der Schlusschor aus dem Off „Wenn eines Tages eure […] Stimmen verhallt sind, dann gehen wir zugrunde“, all das waren berührende Momente.

    Ich wollte diese Inszenierung sehen, da ich vor kurzem erst von dem Film THE ZONE OF INTEREST so begeistert war. Wer ihn nicht gesehen hat: Der Regisseur Jonathan Glazer erzählt seinen Film über die Familie des Auschwitz-Kommandanten Höß auf zwei Ebenen. In der visuellen Eben wohnen wir dem eher mondänen Leben der Familie bei. Man sieht nichts vom Lager, keine Gefangenen und keine Toten im gesamten Film. Lediglich die große Mauer ist stets sichtbar. Auf der Tonebene wird jedoch eine andere Geschichte erzählt. Stets grummeln im Hintergrund die Öfen. Ein fernes Schreien, gefolgt von einem Schuss. Ein Hundebellen. Rauch aus Dampflokomotiven. Wir Zuschauer wissen genau, was da passiert und vor dem inneren Auge entstehen vestörende Bilder, die im krassen ironischen Bruch zu der tatsächlichen visuellen Eben des Films stehen. Ein Meilenstein für die Beschäftigung mit einer systematischen Entmenschlichung und Affektlosigkeit der Täter.

    Genau diese Drastik, diese zweite Ebene hat mir aber bei DIE PASSAGIERIN etwas gefehlt. Natürlich ist es eine kluge und richtige Entscheidung, die Handlung nicht bildlich in Auschwitz spielen zu lassen. Andererseits ist die Inszenierung auch wieder zu subtil, lediglich Streifenmuster in Sonnenstühlen oder auf Badeklamotten wecken Assoziationen. Kurzum, ich fand die Oper nicht zumutend genug.

    Aber für das Münchner Opernpublikum war es wohl schon genug. Auf dem Heimweg meinte eine ältere Dame, "die Deutschen seien aber richtig schwarz gezeichnet worden". Ich weiß nicht, wie man bei dem größten Massenmord der Menschheitsgeschichte auf eine Schwarzzeichnung verzichten kann.

    Ein Shoutout zu der nun abgeschlossenen Gesamtaufnahme von Peter Kofler:

    Der Organist Peter Kofler ist seit 2008 Organist in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael mit der modernen Rieger-Orgel (vier Manuale, 75 Register). Alle Aufnahmen des seit 2017 laufenden Projekts sind in besonderer Aufnahmetechnik in Dolby Atmos entstanden. Über 10 Mikrofone sorgen in Verbindung mit der Rieger-Orgel und ihren zwei Teilwerken für wirklich tolle Raumeffekte. Mal "sitzt" man am Ende der Kirche, mal quasi direkt über den Pfeifen, je nach Werk und Untergattung und gewollter Wirkung.

    Gewöhnungsbedürftig ist eventuell die Programmgestaltung: Statt chronologisch vorzugehen oder Werkgruppen geschlossen zu präsentieren, arrangiert Kofler recht wild und kreiert somit ein eher auf Abwechslung zielendes Programm zwischen Gestus, Rhythmus und Tonalität.

    Wer Dolby Atmos genießen möchte, braucht aber spezielle Streamingdienste. Good old Stereo tut es zur Not aber auch.

    Es ist lange her, dass ich mal alle Bachwerke durchgehört habe (zuletzt die Aufnahmen von Hans Fagius). Ich habe jetzt schon so viele tolle Stücke und Momente entdeckt, dass man einfach überwältigt sein muss von der Vielfalt und der schieren Größe und Qualität von Bachs Orgelwerken. Großartig.

    Das anstrengende am Ring ist die fürchterliche Redundanz (das klingt jetzt viel negativer als ich es meine) der geschichtet-geschachtelten Erzählstruktur. Da wird über vier laaaange Opern eine Geschichte erzählt - aber diese Geschichte ist dann auch selbst Gegenstand der Geschichte, die Figuren erzählen und erklären sich andauernd die Geschichte wieder und wieder, und spätestes (allerspätestens) bei der Nornenszene in der GöDä möchte man als Hörer (maskulin hier, weil Algabal) laut schreien: maaaaaaaaaan, das wissen wir schon, das wissen wir schon, das wissen wir schon. Aber: es ist einfach so großartig zwingend komponiert (also die Story und ihre Verreflexion durch ihre Figuren) - und dann diese fantastische Musik (etwas in der großartigen Nornenszene). Man muss da halt durch (wenn man es will) - aber niemand hat und bei unserer Geburt versprochen, dass wir es leicht haben würden... ;)

    Adieu, Algabal

    HahaGrins1

    Damals gab es eben noch keine YouTube Recapvideos zur letzten Staffel Game of Töne:D

    Ich nehme die Gefahr wahr, dass wir viele eigene Vorstellungen in den Komponisten hineinprojezieren, was dann ungefähr so schräg wäre, wie einen Oldtimer des Jahres 1960 mit unseren Umwelt- und Sicherheitsstandards zu betrachten. Kann aber passieren, zumindest unbewusst.

    U.a. deswegen mag ich Sibelius auch so gern, weil er sich meisten rein musikalisch erleben und verstehen lässt :)

    Ja, das eine ist die Form (irgendwo zwischen Sonatenhauptsatz und Rondo). Wie der dritte Satz genau funktioniert ist so betrachtet ja bereits ein Wunder.

    Mir ging es aber eher um das psychologische. Sibelius kann man grundsätzlich als einen Architekten absoluter Musik wahrnehmen und analysieren. Bei der Vierten will mir das aber nicht (ausschließlich) gelingen, ohne die biografischen Zusammenhänge der Entstehungszeit und das ggü. seinen europäischen Kollegen sehr reaktionäre zu betrachten. Ich kann und möchte es auch gar nicht anders hören als einen sehr persönlichen Kampf mit sich als Komponisten in einer "überfracheteten" Zeit expressionistischer Großtaten und mit dem Leben an sich. Normalerweise höre ich keine Stimmen, keine Menschen bei Sibelius. Hier ist aber jemand ganz deutlich wahrnehmbar vorhanden.

    Ich finde eben, dass Rouvali es sehr gut versteht und hervoragend zu dosieren weiß. Wie schon bei der gelungenen Ersten Symphonie liegt hier der Spagat zwischen Details und Fluss.

    Rouvali setzt seinen Sibelius Zyklus fort und legt mit der 4. Symphonie eine wirklich tolle Aufnahme vor. Manche Kritiker haben ihm vorgeworfen, sich zu sehr auf einzelne Blöcke und Details zu beschränken und die Andersartigkeit seiner Interpretation zu suchen, anstatt das "große Ganze" zu betonen...was auch immer das genau heißt.

    Nun ist es bei der 4. Symphonie ja so eine Sache mit dem "großen Ganzen". Neben der 1. ist es für mich wohl die disparateste, die blockartigste Symphonie von Sibelius. Rouvalis Stärke (als gelernter Perkussionist) ist seit jeher rhythmische Finesse, Drive und Impulsgebung. Und für meine Ohren passt das einfach fantastisch zu der Vierten. Wer eine organischere Interpretation sucht, sollte vielleicht bei Karajan oder Rattle bleiben.

    Eine ganz grundsätzliche Stärke dieses Alpha-Zyklus gleich vorweg: Die Tontechnik und Klangqualität ist absolut exquisit. Die Tiefengestaltung und Homogenität sucht hier mal wieder seinesgleichen, finde ich. So rücken z.B. Glockenspiel und Klarinette relativ zu Beginn des 4. Satzes unglaublich nah an einen heran, ohne den organischen Gesamtklang zu zerstören; Die mit kurzem Akzent angespielte und langsam pulsierende Begleitnote der Streicher am Ende des dritten Satzes wirken passend zentriert; Die beklemmend klagende Oboe im Largo. Die Dynamik ist grundsätzlich top.

    Ebenfalls ohne Makel spielen natürlich die Götheborger Symphoniker.

    Im Kontrast zu der Aufnahme von Klaus Mäkelä fällt gleich zu Beginn der Symphonie auf, dass Rouvali hier einen anderen Weg geht. Weniger brutal, brachial und gewollt düster erscheinen die Celli. Rouvalis rhythmisches Talent zeigt sich dann, wenn die Streicher im Tritonus-Intervall gefangen bleiben: Hier wankt etwas fast unmerklich hin und her. Man steht auf einem kleinen Boot, leichte Wellen unter sich mitten einer dunklen finnischen Nacht. Die Sonne wird zwar nicht aufgehen, nur zweimal blitzt ein stahlendes aber gleichzeitig sehr sanftes und weich gespieltes Dur in den Hörnern auf. Zehn Sekunden Hoffnung in der existentialistischen Nachtmusik, die Sibelius hier komponiert. Einigen mag diese recht blanke Herangehensweise nicht gefallen, aber genau diese Akzentuierung bereitet schöne Spannungskurven. Und die muss man in der Vierten nunmal als Dirigent in der Partitur sehen und umsetzen können.

    Warum mich die Aufnahme aber vor allem begeistert, ist die Schlüsselstelle der Symphonie im dritten Satz il tempo largo. Der Biograf Tawaststjerna hat die Vierte als "eines der bemerkenswertesten Dokumente der psychoanalytischen Ära" bezeichnet und dieser Satz ist hierfür sicherlich von zentraler Bedeutung. Mehrere male, erst sehr sanft und später immer selbstbewusster, gibt es von Sibelius den Versuch, ein großes Thema zu bilden (in einem etwas mehrdeutigen c-Moll). Zuletzt scheitert der größte Versuch tragisch und bitter - was in der gesamten Aufnahme die intensivste und "lauteste" Stelle darstellt. Wie Karajan schonmal gesagt hat: Jede Symphonie hat einen wahren Höhepunkt und dieser hier ist definitiv der Höhepunkt der Vierten, was Rouvali einfach grandios umzusetzen weiß. Mich hat die Stelle niedergeschmettert beim Hören und beinahe fassungslos zurückgelassen, so wie es die richtig guten Aufnahmen manchmal schon geschafft haben.

    Über die Sätze 2 und 4 gibt es wenig zu analysieren.

    Dann wäre auf der CD noch eine neue Aufnahme der Waldnymphe. Und was für eine, klanglich absolut exquisit gespielt und ein brachial romantisches Finale. Immernoch ein Geheimtipp bei Sibelius.

    Und der Valse Triste als Rausschmeißer hat eine absolut wunderbare Tempogestaltung. Santu-Mattias Rubato sollte man ihn nennen Grins1

    Nur als Exkurs:

    Das Buch "2001" ist erst nach dem Film entstanden, Clarke hat vorher mit Kubrick zusammen die Ideen für das Drehbuch entworfen (basierend auf seiner Kurzgeschichte "The Sentinel") und anschließend seinen eigenen Take als Roman veröffentlicht.

    Das Buch ist....okay. Ohne die Wirkung des Films wäre es wohl nicht als kanonisch relevant zu bezeichnen. Clarke war zwar ein kompetenter Erzähler mit sehr vielen guten Ideen, aber seine Handlung verliert sich meistens in Geschwurbel. Charakterentwicklung darf man bei ihm sowieso nicht erwarten. Was das Buch aber besonders gut diskutiert, sind die möglichen Auswirkungen einer Entdeckung der "dritten Art" auf die Menschheit samt Implikationen für Moralverständnis, Religion und Wissenschaft. Das liest sich dann leider recht essayistisch.

    Aber: Gute SF kann einen Technologie- oder eben Erkenntnisschock der Menschheit vorwegnehmen und uns im Hier und Jetzt quasi rückwirkend beruhigen und philosophische Hilfe leisten. Damit ist sog. Science Fiction eigentlich nichts anderes als "normale" fiktionale Literatur, welche ein Verständnis unserer Welt durch möglichst genaue Beschreibungen erzeugen möchte.

    Den KI-Schock aus 2001 haben wir nun also fast erreicht, die restlichen Fragen und Themen dieses grandiosen Meisterwerks (Film) werden uns, so hoffe ich, noch lange beschäftigen und niemals einholen ;). Das Thema von 2001 und die Bedeutung des Monolithen sind im Prinzip gleichzusetzen mit der Kunst selbst. Der Monolith ist die Frage. Gute Antworten braucht niemand.

    Nicht nur das neue Violinkonzert, sondern das Gesamtschaffen im Bereich der Konzerte im Blick hat dieser schöne Artikel der Grammophone. Lesenswert!

    John Williams’s concertos: the other side of cinema’s great musical genius | Gramophone

    Eine weitere neue Veröffentlichung ist im Übrigen die revidierte Fassung des Cellokonzerts mit Yo-Yo Ma:

    Die dramatische Reichweite und Wirkung ist dem 2. Violinkonzert recht ähnlich. Meine Favoriten bleiben jedoch Fagott- und Tubakonzert. :)

    Der Typ wurde schon auf Slippedisc als Gegenbeispiel aufgeführt und gehört zu der Kategorie von Klassikpuristen, die ich oben mittels disclaimer vorgewarnt habe: Mäkelä ist sehr jung, manche schließen ihre Ohren daher kategorisch auf Durchzug.

    Ganz klar ist für mich diese Osloer Aufnahme deutlich denen unter Mariss Jansons vorzuziehen, kann also nicht nur am Orchester selbst liegen, dass "manches hier gut klingt". Mein Eindruck ist, dass der Kritiker alles genau so hören möchte, wie er es gewohnt ist. Der Rest wird seiner scheinbar schon vorgebildeten Meinung untergeordnet. "Er würde sich im Andantino der 3. nicht um die Holzbläser kümmern" -> langweilig:D. Hat er mal Vänskä gehört? Naja, mir reichen meine eigenen feuchten Augen als Gegenbeweis.

    Meistens ist es ihm nicht partiturgenau, bei der Sturmsequenz in Tapiola beschwert er sich über "zu viel Genauigkeit im Spiel". Lol.

    Boston/Davis ist doch was für Anfänger. Oder alte weiße Männer wie Hurwitz. Cheers :versteck1:

    7 Symphonien, Tapiola, 3 späte Fragmente - Klaus Mäkelä, Oslo Philharmonic

    Noch keine Besprechung dieser neuen Gesamtaufnahme? Schade, denn Reinhören lohnt sich so richtig! Es mangelt ja nicht an finnischen Wunderknaben, die immernoch aus Jorma Panulas Zauberschmiede in die Welt entlassen werden.

    Nach Santu-Matthias Rouvali nun also der mitterweile immerhin 26-jährige Klaus Mäkelä, der bereits Chef in Oslo und designierter Chef in Paris geworden ist. Da kann man mal eine neue Gesamtaufnahme auf den Markt schmeißen, warum nicht 8).

    Wer nicht hier schon aussteigt und kategorisch lieber den "erfahrenen" Spezialisten lauschen möchte, dem sei doch zumindest das Anstreamen empfohlen. Für eine allzu detaillierte Besprechung habe ich gerade keine Muße, klar wird aber schnell, dass sich Mäkelä interpretatorisch weder auf der spätromantischen, noch auf der analytischen Seite klar positioniert. Insofern ist er auch mit Rouvali vergleichbar, von dem bislang leider nur die ersten beiden Symphonien und En Saga vorliegen. Der Klang der Osloer ist zwar nicht ganz so samtig dunkel wie der aus Gothenburg, dafür passt die Decca Aufnahmetechnik hier fantastisch! Der Sound hat große, aber keine extreme Dynamik. Insgesamt gibt es hier deutlich mehr Reverb, was natürlich mehr Konzertsaalfeeling erzeugt, an manchen Stellen aber zu Lasten knackiger Bässe gehen kann. Wer sich andererseits das Finale der 1. Symphonie anhört, wird schnell wieder glücklich. Die große Trommel macht ordentlich Rabauz Grins2 (nein, hier ist nicht das gleichnamige Pokémon gemeint).

    Die Interpretationen vereinen Emotion, Sinnlichkeit und ein großes Gespür für klangliche Übergänge und machen viele Details der Orchestrierung transparent und hörbar. Sibelius' Magie der extremen harmonischen Orgelpunkte wird hier fast schon preisgegeben, seine frühmodernen Eigenwilligkeiten schön rausgekitzelt. Die harmonisch schrägen Spitzen im ersten Satz der 5. oder der wundervoll lange und spannungsreich ausgekostete Beginn der 7. wären hier zu nennen. Tapiola insgesamt ist herausragend, alles ohne die dichte Atmosphäre zu opfern. Im Gegenteil! Es spukt und donnert gewaltig, und wie schön hier dann am Ende die luziden Obertöne der hohen Geigen auf dem Bassfundament in H-Dur liegen... :ohnmacht1:

    Klar, es gibt (wie immer bei Sibelius) einzelne Abschnitte, die im geschmacklichen Auge des Betrachters liegen. Die vielen Tempowechsel in der 7. könnten noch etwas schöner ausgereizt werden, ebenso das Accelerando in der 5., welches doch fast schon der Sinn des Ganzen ist. Dafür gibt es genug andere Stellen, die noch nie so gehört unerhört neu gehört und erhört werden :spock1: :

    So schön atmosphärisch ausgekostet habe ich das Nebenthema auf den Orgelpunkt fis im ersten Satz der 1. noch nicht gehört. Und dazu scharfe Paukenschläge wie Donner! Das melancholische Andantino der 3. trifft vom Tempo genau meinen "sweetspot". Oder der Beginn der 4., der einem die Schuhe auszieht.

    Nur bei der 2. verliert Mäkelä gegen Rouvali für mich, das ist alles zu gewöhnlich. Zudem muss man sich hier mit einer Vielzahl herausragender Einzeleinspielungen messen (alleine Szell, Karajan und Co.).

    Summa Summarum ein wirkliches Brett von Gesamteinspielung, Mäkelä hat trotz seines Alters (oder besser seines nicht vorhandenen "Alters") wahnsinnig Gespür für Orchesterklang, rhythmische Trennschärfe und Atmosphäre. Und offensichtlich genug Selbstvertrauen. Für erfolgreiche DirigentInnen immer gute Voraussetzungen :thumbup:

    Aber so modern, schroff und unzugänglich habe ich Wiliams´ Musik noch nie wahrgenommen

    Für den "modernen" Williams empfehle ich mal zu hören:

    Das tolle Essay for Strings: Beyond the Movies - Essay for Strings - - YouTube

    sowie v.a. die Sinfonietta für Bläserensemble: John T Williams: Sinfonietta for Wind Ensemble (1968) - YouTube

    sowie das Flötenkonzert: John Williams - Flute Concerto (complete) - Lloyd - YouTube

    und als Beispiel innerhalb der Filmmusik Images (Regie R. Altmann): John Williams (b. 1932) : Images, original soundtrack album (1972) - YouTube

    Im Übrigen könnte ich jederzeit sämtliche Melodien seines Tubakonzerts oder des wunderbaren Fagottkonzerts aus dem Gedächtnis pfeifen, alles eine Frage der Beschäftigung ;)

    Ich durfte heute live dabei sein in Block B.
    Was ein Abend, was für eine Atmosphäre und welch pure Freude an der Musik, am Musizieren und gemeinsamen Erlebens hier von allen Anwesenden, Musikern wie Publikum, offenkundig gezeigt wurde. Ein Lebenstraum ist hier in Erfüllung gegangen, nicht nur für mich. Wahrlich ein einmaliges Erlebnis <3

    Und wie endlos bescheiden und warmherzig Williams noch immer ist, nach all seinen Erfolgen und Ehrungen. Eine große, generationenübergreifende Inspiration. Er liebt die Musik, er dient der Musik als kleiner Teil unter zahlreichen großen Meistern und doch hat er dabei Millionen zur Musik gebracht.
    Ach und sein größter Fan Anne Sophie Mutter saß drei Plätze neben mir ^^

    1. Sibelius 7
    Das vielleicht depressivste C-Dur, das es gibt. Und gleichsam ein versöhnliches Ende des symphonischen ringens und zweifelns des Komponisten.

    2. Sibelius 5
    Was MB sagt...

    3. Mahler 8
    Chorus Mystikus...will hier niemand nennen? Ok, aber ich.

    4. John Williams - E.T.
    Das Finale des Scores/der Konzertsuite - Jedes mal Gänsehaut.

    5. Berlioz - Requiem
    Die auf- und absteigenden Skalen am Ende des Agnus Dei, dazu ca. 8-10 Pauken in piano. Diese Klangfarbe fasziniert mich immer.

    6. Dvorak 7
    Einfach mega. Die 7. strahlt diese besondere, innere Größe und Ernsthaftigkeit aus. Und das gilt im besonderen auch für das Ende.

    7. Adams - Harmonielehre
    Nachdem im Kampf zwischen e-moll und es-Dur letzteres endlich obsiegt, könnte es keinen vulgäreren und lauteren Jubel geben. :thumbup:

    8. Nochmal Adams - Absolute Jest
    Ich könnte noch so viel nennen...City Noir, Ende 1. Akt des "Gospel" etc.
    Aber das Finale von Absolute Jest und das ewige zurückspulen und zelebrieren der Scherzo-Motive aus Beethovens 16. Streichquartett...einfach geil.

    9. Prokofjew 5
    Dieser Drive 8o

    10. Beethoven "Eroica"

    Danke! :kuss1:

    In der Tat ... eine neue Stufe des Sinfonikers Sibelius. Nicht auszudenken, wie die Achte geraten wäre. Wie hier Sibelius die Mittel der flämischen Vokalpolyphonie einsetzt, um im tonalen Rahmen etwas völlig neues zu schaffen, ist einfach der Wahnsinn. Ich schleiche seit Jahren um das Erstellen eines Threads, aber bei diesem Werk kann ich das wohl nicht. Das ist zu anders. Tante Wiki hat einen relativ neuen Artikel (in der deutschen Fassung), der benennt die wohl entscheidenden Fährten zum Werk. - Nur zu sagen, dass das Werk grob durch das dreimalige Erscheinen des Aino-Themas strukturiert ist, wäre zu billig ...

    Oh ja :love:
    Ich habe die 7. das erste mal in Wien gehört, unter Lorin Maazel. Ich saß direkt auf der Bühne hinter den Streichern der Philharmoniker. Ab dem ersten Aino-Thema hab ich fast keine Erinnerung mehr an das Konzert, da ich in komplette Trance versunken bin :ohnmacht1: .
    Btw, ich zähle das Posaunenthema 4 mal, kurz vor dem Valse Triste Zitat in der Coda klingt es nochmal an.