Beiträge von Hempel

    Hier bin ich beim Doc. Die Mahler 9 IST ein Werk voller Brüche, Emotionen, Schönheiten, da muss man nix "machen".


    Hörte gestern den Currentzis und ja, fand das auch inszeniert und irgendwie "gewollt".
    Mahler hat doch mehr als diese "Gefühlskomponente", die Musik ist auch logisch aufgebaut, (Tempo-) Relationen sind sehr genau und präzise dargestellt.
    Um all diese Details hörber zu machen muss man nicht langsam sein oder Dynamik überbetonen, es genügt, was ein blöder Begriff in diesem Zusammenhang, so viele Angaben Mahlers wie nur irgend möglich zu befolgen.
    Und das beim eher zügigen Tempo, das Mahler ja wohl anstrebte....und schwerer zu erreichen als in einer ausgewalzten Inszenierung.



    Der Unterschied ist vielleicht der, dass man bei Szell (und anderen) als Zuhörer wirklich gefordert ist, hinzuhören und nachzuvollziehen statt etwas serviert zu bekommen.
    Rein subjektiv erlebe ich es immer wieder, dass quasi Vorgekautes an Emotion auf mich begrenzt wirkt. Während Aufnahmen, die mich selbst erfahren lassen, weitaus größere, tiefere ...und wie ich das nennen soll...Erlebnisse zulassen.
    Sehr simpel formuliert: die Emotion entsteht in mir und mir wird keine fremde suggeriert.
    Die große Stärke Bernsteins ist eben auch seine große Schwäche, für mich reduziert er auf seine Gefühlswelt, die mit der Mahlers nicht zwingend deckungsgleich ist.
    Manches nehme ich anders wahr als er, dann gibts "inneren Zoff". Ganz wie bei TC.
    Bei Ancerl oder Szell entsteht das Werk quasi aus sich selbst in mir selbst, immer wieder neu und nicht festgeschrieben auf das Erleben des Dirigenten.
    Ich lese auch gute Bücher im Abstand anders und wieder neu, Bernstein bin ich gezwungen, immer gleich zu hören.


    Diese "Durchlässigkeit" ist für mich wichtig, die weder Bernstein, noch Currentzis mitbringen. Beide scheinen dem Hörer nicht zu vertrauen, dem Werk auch nicht.
    Beide liefern mundgerecht ab, was sie für mundgerecht halten.
    Diesen Fehler begehen weder Gielen, noch Ancerl, noch Szell. Der vielleicht am wenigsten.


    Wie sehr das Arbeit ist, kann man hören anhand der drei Mitschnitte, innerhalb von zwei Jahren entstanden. Wie anders gewichtet Stimmen, Transparenz, Licht und Dunkel....
    das Bemühen darum, selbst nicht stattzufinden, sondern das Werk sprechen zu lassen, uneitel. Für Lenni so ausgeschlossen wie für Currentzis.


    Ist jetzt "weit aus dem Fenster gelehnt", sorry, um meine Wahrnehmung zu beschreiben und meine Beobachtung, was zwei Paar Schuhe sind.


    Mike

    https://www.allmusic.com/album…ches-requiem-mw0001390360


    Klingt so richtig scheiße....musikalisch aber ein immer wieder erfüllendes Erlebnis für mich.
    Tom Krause singt einfach ohne zu deklamieren und die Janowitz scheint nur zu leben für "Ihr habt nun Traurigkeit" in seinen Modulationen.
    Ihre so reine, fast metallene Stimme, die scheint immer so, als habe Brahms genau an sie gedacht in der gewissen, lichten Distanz, die dann um so näher geht.
    Die Intensität dieses Mitschnitts macht den wirklich miesen Klang für mich wett,


    einfach grandios, auch wenn mans kaum hört bei der Soundqualität.

    Habe gerade das Verdi- Requiem gehört mit den Berlinern- und finde den Mitschnitt mit seinem musicAeterna gelungener.
    Um Welten feinsinniger und sensibler....mag an mir liegen, dass Verdi nun eben nicht meine "Leibspeise" ist.
    Mit seinem Orchester geht er weniger Konzessionen ein, erlaubt sich, hier bei Verdi, eben die Stille als Basis und nicht all den Lärm der etabllierten Orchester.


    Sagt mir einfach mehr zu und macht, dass ich Verdi folge, was mir sonst eher schwerfällt.
    Völlig subjektiv also mal wieder...... || .

    witzig....bei mir auch Mahler 9.
    Aus der 100- Jahre Szell- Box.


    Zuletzt hörte ich Horenstein in seinem Dauer- Misterioso, das schon famos ist, MB hatte mich angeregt.
    Und jetzt fast etwas wie den Gegenpart: den sich aufbäumenden Mahler, der sich nicht ins Schicksal schickt.
    Um so versponnener die Misterioso- Elemente, die sich fangen lassen in scheinbarer Schönheit und Diesseitigkeit....das alles aber auf so dünnem Eis, dass es mich an die Film- Serie "Fringe" erinnert, in der beinahe identische Universen einander berühren.
    Und dem Verfall preisgegeben sind durch Übertreten der Grenze.
    Natürlich fasst Szell das wieder logisch auf- aber das mildert die Katastrophe keineswegs.


    Bei "Fringe" werden die Brüche in Bernstein gebunden und stillgelegt..... :D ...ist dort sicher nicht musikalisch gemeint.


    Dieser Szell- Mitschnitt ist eine der katastrophalsten Interpretationen für mich, weil sie sich nicht festlegt, sondern durchweg auf diesem dünnen "als ob" verbleibt.


    Grauenhaft zerbrechlich und gläsern, aber gerade da von innerer Sicherheit, die in den "festgefügten" Passagen so gar nicht vorhanden ist.


    Als überließe ich mich beim Hören meinem Auto, das auf dem Eis nicht mehr mir, sondern nur den Naturgesetzen folgt....und all meine Worte völlig unzureichend bleiben.

    Mengelbergs Beethoven, die Erste im Moment, meist bleibt es nicht bei einer.
    Von LP, darum ohne Cover- Bildchen..
    Nicht nur, dass das von der LP erstaunlich natürlich klingt, mich überrascht immer wieder, wieviele Details zu hören sind in der Stimmführung etc. bei dieser "steinzeitlichen" Aufnahme.
    Speziell im Bläsersatz in der Handreichung an die Streicher und umgekehrt... wie würde diese Aufnahme wohl klingen mit heutigen Mitteln aufgezeichnet statt mit der "vorsintflutlichen" Technik?
    Mono- Schellack öffnet Stimmen, die heute ungehört bleiben müssen?
    Kann ja nicht zutreffen.
    Kann ja nicht sein, dass Nelssons Neuaufnahme undifferenzierter klingt. oder? Oder doch, dank DG- Technik?
    Das ist ironisch gemeint und somit nicht ohne ernstgemeinten Hintergrund.


    Wie auch immer, im "vivid", in aller Lebendigkeit in Tempo und Artikulation verspüre ich bei Mengelberg einfach ein unglaublich lebendiges Musizieren, das nicht davon lebt, so schnell wie möglich zu sein.
    Stattdessen in seiner Variabilität so dermaßend erfüllend ist wie für mich kaum eine jüngere Einspielung, auch Savall nicht.
    (Scherchen in Lugano '65 erreicht Ähnliches bei mir, wenn auch mit anderen Mitteln)


    Ich habe jedenfalls gerade höchstes Vergnügen an disen LPs und halte diese Aufnahmen noch immer für eine der wichtigsten überhaupt der "Neune".

    Haydn mit Szell, daraus die 94:


    Für mich in der Tat eine der gelungendsten Einspielungen, mit so unendlich viel Witz und Klugheit.


    Schon tausendmal gehört, aber dieses Timing! Vom Paukenschlag doch immer wieder überrascht zu werden, bleibt nie aus, auch beim tausendsten Hören nicht.
    Doch trotzdem nie auf diesen Effekt aus, immer charmant und elegant- wenn auch klanglich limitiert, vor allem dynamisch.
    Was dort 'passiert' bei Szell, ist subtilste Feinarbeit, die selbst die Aufnahmetechnik nicht plattkriegt....


    Für mich immer wieder ein Genuss. Vor allem dort, wo Szell Haydns Schweigen teilt.
    Das gelingt ihm im letzten Satz besonders.....mir stehen da Tränen in den Augen.

    Mal wieder versuche ich mich an Paavo Järvis Beethoven, diesmal sogar von Vinyl:


    ...oder eben so: https://www.amazon.de/Beethove…A379151011&s=music&sr=1-1


    Seufz.....ich finds einfach langweilig, diese "Dauerpower". Daneben suche ich mein Glück in den bisher entstandenen Mitschnitten der Neune mit Savall, da hat er bisher eins bis sechs aufgeführt, die "Eroica" also wiederholt.
    Und ich bin dort viel mehr Zu Hause.
    Woran liegts? Insgesamt nicht an den Tempi, Savall ist ja so schnell wie Järvi- bin ich gleich dafür.
    Aber doch hier und da mal eine Passage "hängenlassen", ein wenig Entspannung atmen. Paar Schleifer zulassen, Humoriges nicht immer als bissig verstehen, sondern als liebevoll...in Zitaten besonders.


    Bin wirklich schon sehr gespannt auf die noch fehlenden drei, bisher bin ich außerordentlich glücklich.
    Daneben bereue ich ja nicht, den Järvi zu haben...ist nur einfach nicht 'meins'.

    Das ist eine schöne Sache: Du wählst aus, ich gehe mit. Jetzt also die Vierte Beethoven Mengelberg 1940. Der Anfang läuft gerade. Andromeda-CD. Ich glaube sofort, dass die LP besser klingt. Mal schauen, was noch kommt. Bei Mengelberg denke ich zuerst an Mahler und die Sechts von Tchaikovsky.


    Zuchtmeister ist viel zu knapp ausgedrückt, keine Frage. Speziell die amerikanischen Dirigenten arbeiteten zudem in einem Umfeld des Hire and Fire mit nur wenigen Arbeitnehmerrechten, so dass manche Unerbittlichkeit vielleicht einfach den Gepflogenheiten des amerikanischen Beschäftigungssystems entsprang.

    Ja.... Danke für Dein Entgegenkommen.
    Aber gerade Szell wars, der eine Krankenkasse einführte für sein Orchester.
    Ich hatte Gelegenheit, kurz nach der Wende, mit einem ehemaligen Clevendianer zu sprechen. Dem standen die Tränen in den Augen in der Erinnerung an Szell.
    Erinnerung überhöht, sicher, doch der alte Herr war sichtlich gerührt und vor allem dankbar. (Und keineswegs wortkarg in seinen Äußerungen zu Maazel...;-)).


    Zu Mengelberg: wirklich schade, dass da so wenig Mahler überliefert ist, ich denke, wie Du auch, zuerst an Mahler und an diese Vierte, das Adagietto aus der Fünften, das so knapp ist und doch langen Atem hat. Die paar Lieder noch....


    Diese Andromeda- CD mit Mengelbergs Beethoven ....ich finde sie nicht besonders glücklich gelungen. Die Philips- CDs auch nicht, die LP klingt da noch am natürlichsten.
    (Den Brahms mit Mengelberg bei Andromeda hab ich zum Teil selbst gemacht- heute, nach zwanzig Jahren, würde ichs auch anders machen.)


    Dein Beitrag hat mir allerdings eine Frage aufgeworfen: da bevorzuge ich (bei Bruckner) die kühle Lesart Szells, bei Beethoven aber die variable Mengelbergs....hm.
    Widersprüchlich. Oder doch nicht?
    Muss ich wirklich noch mal in mich gehen..... ?( .



    Jetzt aber ganz anderes:


    Schon seine alte Aufnahme mochte ich, obwohl mir manches überartikuliert war, zu sehr Harnoncourt.
    Jetzt mag ich den Klang wieder nicht, ich muss halt ewig meckern und mag den ECM- Sound einfach nicht. Musikalisch aber bin ich schwer beeindruckt.
    Spielerisch frei und doch am Notentext. Gefällt mir sehr!
    Könnte meine neue Referenz werden, höre nur noch zu Ende.


    Vielleicht nicht und lasse mir ein paar späte Vivaldi- Konzerte dazwischenbretzeln?


    Sind so nah dran und gleichzeitig so weit weg....aber wirklich schön gespielt.
    Der späte Vivaldi ist ja nicht die Barockroutine, mit der I Musici 18 LPs füllen konnten, da werden andere Welten eröffnet stilistisch.
    Gehen Konzerte schonmal gegen zwanzig Minuten und Grenzen verwischen zwischen frühem Mozart und spätem Vivaldi.


    Viel Vergnügen Dir jedenfalls bei Mengelberg!

    Zuchtmeister

    Echt? Naja, das hatten wir hier und andernorts ja erschöpfend diskutiert.
    Ich seh das anders, Szell ist kein Reiner.....ich höre da viel eher Logik und Struktur statt irgendwelcher Seligkeiten, die einkomponiert sein mögen, aber nicht extra betont werden müssen.


    Und so geht es mir, dass ich auf all das 'Machen' Böhms und Jochums ungerührt reagiere- aber auf eine Intensivierung, die Szell sich entwickeln lässt, mit Herzenge und Erschütterung zutiefst gerührt.
    Is wohl nix relativer als das Hören und Wahrnehmen ....und alles danach.


    Wie nah die Dritte an Schubert ist (und an Wagner und das einander nicht ausschließt), wie sorgfältig Tempi wieder aufgenommen werden bei Themenklammern....und dabei auch noch entspannt und gelassen klingen zu lassen....so höre ich diese Aufnahme.
    Allerdings von LP.


    Jetzt lass ich den Szell aber auch liegen und höre Mengelbergs Beethoven. Wieder von LP.
    Viele der 'Macken' der CD hat die LP nicht- oder sie gehen dort unter. Die so wunderbare Einleitung der Vierten ist von CD kaum zu erahnen im Scheppern, von LP klingt das zwar auch gebrechlich, aber nicht schütter.
    Konkret: der Zyklus von 1940, daneben die Telefunken- Aufnahme von 5 und 8 von einer japanischen Pressung- viel zu fett im Bass.
    Für mich noch immer einer der spannendsten Beethoven- Zyklen, stets wach und ohne jede Routine. Wie z.B. der, Tempi durchzuhalten statt sie flexibel zu gestalten.
    Die Art, wie Mengelberg die Siebte als stete Steigerung sieht und das Tempo eigentlich immer nur anzieht über die 40 Minuten, finde ich grandios. Er endet ja auch im Furor, der als solcher wirkt, da zuvor nicht alles schon verpulvert ist wie bei Paavo Järvi.
    Sorry, MB.....


    Leider kein Bildchen...Bruckners 7 mit Szell und den New- Yorkern, live...irgendwann 1964.
    Seit zwei Wochen sitz ich am Remastering und so langsam klingts hörbar.


    Musikalisch doch sehr anders als der Mitschnitt mit den Wienern ein paar Jahre später....strenger, noch mehr auf Logik aufgebaut.
    Hörte zum Vergleich immer wieder die sattsam bekannte Böhm- Aufnahme mit den Wienern- was Böhm da rumrückt an Tempi und Architektur!
    Szell lässt laufen- meint man. Er rückt einfach nicht an Binnenbewegungen, sondern hat das Ganze im Blick.
    Die Jochumschen 'Manieren' des Stauchens und Dehnens gehen Szell völlig ab, Mr Spock hätte seine Freude an dieser Logik und am stringenten Aufbau von Höhepunkten und diese wieder verlassend ohne dabei am Tempo zu ruckeln.


    Sehr nüchtern, kühl keineswegs, der Klang- so zu hören- darf blühen.
    Faszinierend!

    Nicht gerade Alltägliches für mich bei mir:
    https://archive.salzburgerfest…gramid/2523/id/279/j/1976


    Strauss, Böhm, Anna Tomowa- Sintow mit der Dresdner Staatskapelle.
    Schwelge darin nun nun schon mehrfach.
    Welch entspanntes Musizieren! Sie StaKa ist einfach ein großartiges (Strauss-)Orchester- und Böhm lässt sie einfach machen.
    Anna Tomowa- Sintow fügt sich nahtlos ein- was mich sehr erfreulich überrascht hat, ich kenne sie als gar nicht so angenehm klingende Sopranistin. Hier aber ganz mühelos und warm, sich einfügend und Böhms Strauss mittragend, der so kaum Abgründiges mitbringt.
    Möchte hier gar nicht eingehen auf Vergleiche, auf die Schwarzkopf oder die Norman, so rundum glücklich wirkt der Mitschnitt.


    Mag sein, dass da was fehlt....live klingt das aber doch in sich völlig schlüssig und die Vier Letzten Lieder so heiter und unbeschwert wie ich sie noch nie zuvor hörte.
    Wird den Liedern vielleicht nicht völlig gerecht, wirkt auf mich aber überzeugend in der Momentaufnahme des Konzerts.


    Ein ganz wunderbarer Mitschnitt!

    https://www.francemusique.fr/e…rdi-29-octobre-2019-77223


    gab es bei mir: einen Silbermannschen Hammerflügel. Mit dem Cembaloregister würde ich nicht beginnen wie der Clavirist hier...mutig!
    Etwa zehn Minuten später kann das Instrument zeigen, was es kann. Und im zweiten Teil des Konzerts um CPE und Bachs BWV 1079 noch viel mehr, ab etwa 50 Minuten.


    All die Nichelmanns, Kirnbergers, Marpurgs etc., sonst nie zu hören.... allein deshalb schon lohnend.

    Gerade höre ich sein Verdi- Requiem aus Brüssel.


    Verdi: Messa da Requiem
    Zarina Abaeva, soprano; Hermine May, mezzo-soprano; René Barbera, tenor; Tareq Nazmi, bass; Choir of Perm Opera; MusicAeterna Orchestra/Teodor Currentzis
    rec: March 28, 2019, Brussels, Palais des Beaux-Arts (Klara Festival 2019)


    Gern gebe ich zu: ich weiß oft nicht, woran ich bin bei Currentzis. Manches wirkt auf mich völlig schlüssig, anderes eben nicht.
    Sein Rameau kommt bei mir nicht an, mir fehlt die Sinnlichkeit eines Brüggen.


    Sein Verdi aber, der erinnert mich stark an das Dirigat Szells: Logik vor Sentiment.
    Die 'alten Instrumente' tragen zur Nüchternheit bei, die dem Werk guttut- in meinen Ohren.
    Nur ist Currentzis oft noch leiser, noch stiller- was dem Werk gut bekommt, wie ich finde.
    Aus Stille heraus entwickelt.


    Konventionen sind nicht verbindlich, hier finde ich das gelungen und gut.
    Und überwältigend überzeugend! Fast kammermusikalisch gelesen, eben aus der Stille entstehend und nicht, wie meist, auf "Sound" gedacht.


    Ein Eindruck, den ich bereits hatte bei DSCHs "Leningrader" aus Perm.
    Verweigerung des Effekts...ihn aber sehr genau pointiert nutzend.


    Weniger ist mehr...mir sagt das sehr zu.
    Szells Mitschnitt des Werks ist sehr nahe an dem Currentzis'.
    Nüchtern, ohne großes Sentiment, von innen heraus entwickelt.
    Erstaunlich leise und sanft, mit erschütternden Momenten des Innehaltens. Statt auf Dauer- Betroffenheit zu setzen.
    Mich überzeugt das mehr als vieles andere.


    Herzliche Grüße,
    Mike


    Habe die CDs auf der Festplatte, höre dagegen gerade die digitalisierten LPs und verleihe denen den 'letzten Schliff'.
    Mit welch Angriffslust Casadesus Mozart spielt! Szell ist Partner. Partner Mozarts, des Pianisten, des Werks.


    Klar, rauscht ein wenig, ich eliminiere das auch nicht.
    Das Mozatbild der beiden, Casadesus und Szell, ist eben nicht eingeebnet, sondern lebt von Kontrasten.
    Pralltriller ganz kurz, ohne Klang, nur rhythmisch verstanden- dafür endloser Atem im Mittelsatz des KV 488.
    Und niemand schweigt so vielsagend wie Casadesus.
    Die CD klingt wie die'lame duck.'

    Vielseitigkeit als Qualitätsmerkmal?
    Den überzeugenderen Alban Berg macht für mich Böhm, nicht HvK.
    Wo ist dessen Wozzek? Oder Strauss in der Vorbereitung auf Berg?
    Ich finde HvK ja eher beliebig in seiner Vielseitigkeit.
    Und lobe mir 'meinen'Szell, der einfach nur das macht, was er mag- scheiß auf die Knete.

    Hatten wir Ossis etwa einen Vorteil?
    Das Monopol auf Mozart wie Böhm es im Westen hatte, gab es seinerzeit nicht.
    Zwar Suitner mit seinem ganz elend weichgespülten Bild, ohne jede Kante. Masur und Annerose Schmidt mit völlig nichtssagenden Klavierkonzerten- dagegen aber womöglich Aufnahmen, die hierzulande kaum bekannt wurden.


    Das Prager Kammerorchester spielte in den 70ern ohne Dirgenten einen scharfen, erfrischenden Mozart; Ivan Moravec, der hier so spät entdeckt wurde, nahm mit Josef Vlach Mozart- Konzerte auf, die so gar nicht eingeebnet klingen.
    Die Ungarn nicht zu vergessen um Tatrai, oder auch das Franz- Liszt- Kammerorchester, mit dem Schiff, Kocsis und Ranki erste Schritte wagen durften hin zu einem fein artikulierten Mozart.
    Manche Aufnahmen davon ziehe ich noch heute vielen anderen vor.


    Und auch die Russen waren da herber unterwegs, vor allem Barshai, im Fono- Forum damals eher kritisiert als geschätzt wegen seiner 'harten' Mozart- Lesart.


    Böhm gab es in der DDR nur sporadisch, mit den Opern hie und da, sonst mit früheren Aufnahmen, der für Philips z.B., in der er auf die Klarinetten verzichtet in der KV 543.
    War auch noch vor den 'runden' Aufnahmen mit den Berlinern, 1955 wenn ich mich nicht irre.


    Spannend aber, alste Fono- Forum- Hefte zu lesen: Böhm kam da so alleinseligmachend gar nicht weg.
    Da war zu lesen, dass die Berliner ihn über die ersten 20 Sinfonien tragen würden, weil er nichts zu sagen hätte.


    Reizvoll hingegen finde ich hingegen Böhms ganz späte Aufnahmen mit den Wienern. Elendig langsam, aber ausgefüllt- was mir bei den Berliner Aufnahmen oft fehlt.
    Im Interview beim FF äußerte er sich auch ganz unverhohlen ehrlich: zum erstenmal im Leben die "Maurerische Trauermusik" dirigiert und der über 80jährige bricht in Tränen aus.


    Ich glaube manchmal, man tut Böhm Unrecht, indem man ihn in einen Topf wirft mit Karajan.
    Gerade der alte Böhm war bereit, Bekenntnisse abzugeben- oder denen der Komponisten zu folgen.
    Eine Empathie, die ich bei Karajan so nicht finde.
    Schuberts D944 1979 aus Dresden ist so ein Fall- auf die man sich aber einlassen können will. Oder nicht, weil man Ebenmaß erwartet.


    Mag merkwürdig zu lesen sein, dass ich hier eine Lanze breche für Böhm. Den Diener am Werk, der weitaus uneitler als HvK oder auch Solti bis ins hohe Alter neugierig blieb, sich anrühren ließ und Konventionen bricht- die er geschaffen haben soll.
    Und vielleicht auch hat.
    Oder die DG für ihn.

    ...und ich bei denen, von denen ichs nicht erwartet hätte. Klemperer zum Beispiel mit seinen Aufnahmen von 4 bis 6.
    'Unrussisch' natürlich, große Geste bei Klemp eh nicht zu erwarten, dafür aber ein 'europäischer' Tschaikowsky, der sowohl Brahms, Wagner als auch Bruckner nahesteht.
    Dafür bohrend intensiv- und ja, bei der Sechsten hab ich geflennt beim ersten Hören.
    Gerade weil eben das Pathos fehlt, Klemp die Sinfonie wenig ausladend nimmt, auf Effekte verzichtet.
    Wenn die Musik dann doch sich selbst überholt im emotionalen Sinne, dann gibt diese Lesart das trotzdem her.
    Currentzis fand ich dagegen eher schwach, aus Nöten Tugenden machen wollend. Ohne diese 'große Klammer' mit der Klemp herangeht. Oder auch Szell live.


    Für mich gilt: je mehr jemand 'macht', um so unglaubwürdiger wirkt die Musik. Sie selbst muss nichts beweisen, das wollen immer nur die Dirigenten.