Beiträge von Hempel

    Die von Eifelplatz gepostete Händel- CD mit L'Assemblée des Honnestes Curieux hätte ich auch noch erwähnt.
    Eben, weil ich Kater Murr zustimmen würde.


    Stattdessen aber war ich nochmal, lieber Felix Meritis, beschäftigt mit Parnassi musici, auch mit deren "Telemännern"...und, tja, Eindrücke kann ich beschreiben, aber nicht beweisen.
    Dabei glaube ich, wir sollten hier nicht zu sehr bei Einzelaufnahmen ins Detail gehen; nur soviel: allein schon den ersten Satz dieser Trietti höre ich vor meinem "inneren Ohr" dichter musiziert als von den Parnassi. Besonders beim Herausarbeiten der Kontrapunktik, die mir zu kurz kommt.
    Mit manchen Sätzen scheinen sie einfach gar nichts anzufangen zu wissen und spielen quasi korrekt die Noten- eigentlich tödlich bei Telemann.
    Das gestalterische Moment fehlt mir zu sehr; zu sehr auch das Aushören von Struktur- und das alles lebendig werden zu lassen.


    Aber beweisen kann ich Dir das nicht, nur weiter meinen Eindruck wiedergeben.
    Eben das, was L'Assemblée des Honnestes Curieux bei Händel so sinnlich hörbar macht.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Um das "Bach erfahren" geht es.
    Interpretation spielt eine Rolle dabei.


    Seit meinem achten Lebensjahr höre ich Musik, natürlich auch Bach.
    Oft tat ich mich schwer mit seiner Musik, manchmal musste ich als Kind darum kämpfen, ihn im Elternhaus hören zu dürfen.
    Dazwischen liegen jetzt vierzig Jahre Beschäftigung, aber ein "absolutes Bach- Bild" habe ich bis heute nicht errungen.


    Aus meinen Kindheitserfahrungen heraus würde ich argumentieren: jeder solle die Suche zu Bach unterstützen.
    Vielleicht sind bloße Werkaufzählungen ja gar nicht hilfreich, nicht mal erwartet?
    Vielleicht Beschreibungen von Erlebnissen, die eine Art "Aha" auslösten beim einen oder anderen?


    Vielleicht auch habe ich nicht viel übrig dafür, Bach auf diesem Sockel zu sehen, als unantastbare Größe per se, als wasweißich wievielten Evangelisten, sondern seine Musik sehe im Rahmen derer seiner Zeitgenossen und Kollegen.


    Da kann dann schon passieren, dass ich eine Orchestersuite höre und finde, dass Telemann das aber überzeugender gemacht hat.
    Hörte gerade gestern Graupner-Kantaten: der findet auch sehr schlüssige und anrührende Löungen für Lehm- Texte.


    Vielleicht ist es das Anrühren. Vielleicht fällt das so schwer, weil Bach zu uns zu stehen scheint wie die Sonne zur Erde.
    Vielleicht war aber auch er jemand, der mal eben zuviel Bier getrunken hat? Der eine Familie hatte mit vielen Kindern- also eigentlich so anders gar nicht war als wir?
    Und seine Musik im Grunde kaum anderes als Ausdruck seiner Fähigkeiten und oft auch nur Alltägliches bediente?


    Die immense Leistung seines Werkes und Wirkens wird um so deutlicher, ihn im Rahmen anderer zu sehen.


    Telemann gilt heute oft immer noch als...naja, nicht so ganz seriös...wieso nicht mal beginnen bei Kantaten aus dem BWV-Anhang, die von Telemann stammen?
    Nimmt Berührungängste!
    Ja! Bach hat "abgeschrieben"! Er fiel nicht vom Himmel.


    Ganz persönlich an die Thread- Eröffnerin: lass Dir bloß keine Angst einjagen vom "Übervater" der Musik!
    Der hat geatmet, getrunken und gegessen wie Du und ich- vielleicht mehr, grins.
    Und seine Musik ist auch irdisch und kein göttlicher Odem.
    Sie kann Spaß machen, richtig großen sogar.
    Und sie ist vergessen worden für ca. 100 Jahre- oops?
    Sagt nichts über ihre Qualität, sehr wohl aber was über die Rezeption.
    Und die heutige, ihn als Monument zu sehen, ist nicht immer so gewesen.


    Also: keine Angst! Nicht zuviele Gedanken!
    Und dann drauflos! Da ist eine Arie "Ach mein Sinn, wo willt du endlich hin" aus der Johannes- Passion ja eigentlich keine Geistliche Musik, sondern eigentlich Oper.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Caldara lernte ich zunächst über dessen Vokalmusik kennen: Oratorien, Opern und Kantaten.
    Darunter eine bemerkenswerte "La Clemenza di tito"- und fand diesen cantablen Stil dann nicht wieder in der Kammermusik, zumindest nicht bei Parnassi musici.
    Dabei war mein Eindruck sehr wohl der, Caldara schriebe eigentlich stets cantabel- ähnlich Händel.


    Die neue Aufnahme der Triosonaten mit Amandine Beyer scheint meinem Urteil recht zu geben.
    Nebenbei, aber doch witzig: beim ersten Hören dachte ich: "Das kenn' ich doch" und hatte Händel im Sinn mit Op.5.


    Lieber Felix, nimm's mir nicht krumm: im Laufe der Jahre schlich sich bei mir der Eindruck ein, "Parnassi musici" hätten sich darauf kapriziert, Neuland zu entdecken, quasi konkurenzlos, aber sich auch nicht messen müssend an anderen Interpretationen, die sehr wohl idiomatischer daherkommen könnten.
    Dein Beitrag zu Cazzati hat mich bewegt, diese CD mal wieder umterm Sofa vorzukramen- und sie hat mich sehr begeistert.
    Allerdings konnte ich nicht umhin, andere Aufnahmen von "Mensa Sonora" gleich danach zu hören, ihren Reincken, den Rosenmüller und nicht zuletzt den Jarzebski.
    Die Triosonate ist eben ein unerschöpfliches Feld!
    Das Feld an Aufnahmen, wirklich überzeugenden, wesentlich abgesteckter.


    Und nun kam mir bei CPE auch noch Accidental zuvor...danke, ich hätte es sehr ähnlich formuliert.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    ...verzeiht, wenn ich etwas gereizt reagiere:
    nirgends, aber auch wirklich nirgends!, lag mir daran, den einen Bach gegen den anderen auf-oder abzuwerten; Haydn ebensowenig.
    Mancher mag das eine oder andere Konzert vielleicht auch vorher mal unterm eigenen Sofa rauskramen und anhören, bevor er unterstellt, ich würde den Papa Bach als "Altes Eisen" bezeichnen.
    Vielleicht hätte ja auch eine Frage weitergeholfen?


    Darum nun ungefragt: ich halte Sebastian Bach für einen höchst innovativen Komponisten! Der sein Wissen an seine Schüler vermittelt hat und denen genau darum möglich war, ihren eigenen Personalstil zu finden.
    Für mich gibt es kaum modernere Kompositionen um 1750 als ein "Musikalisches Opfer", ein BWV 1044, Teile der H-Moll-Messe!
    Allenthalben fehlen mir Interpretationen, die diesen modernen Ansatz lesen zu wollen geneigt sind.


    Ebenso NEUGIERIG betrachte ich Seb.Bach bei der Suche nach Instrumentarium; seine Beschäftigung mit Silbermannschen Clavieren endete sicher nicht in der bloßen Ablehnung. Staier hat vor Kurzem in Warschau das BWV 1055 auf einem Silbermannschen Hammerflügel gespielt- und mein erster Höreindruck war und ist: genau so sollte das klingen!


    Zum Vergleich gezwungen, unfreiwillig: CPEs Wq 12 knüpft unmittelbar an BWV 1044 an- was weder heißt, das eine Werk wäre "altmodisch" noch das andere nun die Entdeckung der eierlegenden Wollmilchsau.
    Eher etwas wie freundlich/familiäre Reibung, es genauso gut, nur eben anders zu machen als der andere.


    Was ich an Haydn so sehr und tief schätze, ist dessen Demut.
    Zwar schreibt er da "Quartetten auff gantz Neue Art", aber weiß doch ganz genau, woher diese Ideen kommen und wem er zu Dank verpflichtet ist.
    Wieder eine Art Reibung zwischen eigenem Ego und der Demut zu wissen und zu reflektieren, nicht aus dem Nichts Großartiges vollbracht zu haben.
    Ebenso vernehme ich beim späten CPE sehr wohl, sich durchaus am klassischen Ebenmaß zu orientieren- seine Sinfonien Wq 183 zeigen einerseits seinen Personalstil, dagegen aber auch eine Annäherung an den Klassischen Stil, was in seinen früheren Sinfonieproduktionen derart noch keine Rolle spielt.


    Ganz persönlich zusammenfassend: worüber ich schreibe, habe ich auch gehört; meist sogar während des Schreibens.
    Die Musik, die ich gerade höre, ist gegenwärtig und mir liegt fern, beim Hören zu denken: das hat er jetzt aber vorweggenommen oder: das hat der und der aber besser gekonnt. (Naja, letzteres begegnet mir bei Mozart schon ab und an...grins)
    Und wie ich mich auch schon vorstellte: ich versuche, Urteile nicht zu fällen.
    Habe meinen Geschmack, der immer und immer relativierbar ist.
    reagiere darum aber doch gereizt, unterstellt man mir Urteile, die ich selbst mit keinem Satz aufgeworfen habe.


    Und so höre ich nun die "Vier Orchestersinfonien zu 12 obligaten Stimmen" mit Solamente Naturali- und erfreue mich an der gewissen Unvollkommenheit des Orchesterspiels. Die spielen nämlich nicht perfekt, aber mit Riesenfreude am Musizieren.
    Eine Freude, die ich zu vermitteln suchte und die für mich wichtiger ist als endlose Diskussionen um Haydn und Mozart, da es doch um CPE Bach gehen sollte.
    Wenn ich mich kloppen will, dann nehme ich die Rolle der Pamina ein in einem anderen Forum...


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Lieber Accidental,


    zumindest mir hast Du nun ja beinahe jede Antwort bereits abgenommen- danke!


    Dabei erinnerte ich mich in der vergangenen Nacht noch an Teile meines DDR-Schulunterrichts in Bezug zu Handwerk und Aufklärung.
    Du sprichst es an: Handwerk als Zunft, in dessen Rahmen sich Papa Bach bewegte und sich wohl auch als Handwerker selbst verstand.
    Erst mit Aufkeimen der Aufklärung, so lehrte man uns damals, entstand das Selbstverständnis des Künstlers, der Kunst allgemein, eben nicht mehr zwingend als Handwerk.


    Damit möchte ich nun keineswegs einem CPE Bach die Beherrschung des Handwerks absprechen!
    Wie perfekt er das beherrschte, höre ich heute wieder, hab gerade unter meinem Sofa die Clavierkonzerte mit Miklos Spanyi vorgeholt und kann mich gar nicht satthören.
    Besonders an dem einen nicht, dem F-Dur Konzert H415. /Wq12. (CD 2 der GA)
    Beginnt gar nicht so kleingliedrig wie CPEs Musik oft nachgesagt, sondern recht großflächig und mit passabler kontrapunktischer Arbeit.
    Ein Nebenaspekt, nämlich der der Sequenzierungen, irritiert etwas- denn die benutzt CPE ja eher selten.
    Und dann hat dieser erste Satz etwas, das richtig neu ist: eine echte Durchführung.
    Hierhin arbeiten die Sequenzen also: in die völlige Auflösung der Tonalität!
    Was er hier schreibt, ist tatsächlich atonal.


    Erst ein echter Kraftakt über Forte-Einsätze des Orchesters führt zurück in den Verlauf, in die Reprise.
    Aber hier (noch) kein Exkurs in bestimmte Werkgruppen.
    Nur die Feststellung: ich glaubte, "meinen" CPE gut zu kennen und werde doch immer wieder überrascht.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Lieber Algabal,


    danke für Deine Rückmeldung- auch wenn ich diese Sicht nicht völlig teile.
    Einig jedoch mit Dir, den Prozessgedanken betreffend.
    Statt "post-aufklärerisch" würde ich eher "prä-aufklärerisch" verorten....ich habe gefragt und bin also gern bereit, mich einzufügen.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Danke, ja, des Kompromisswillens wegen dort.


    Ein wenig Bauchweh habe ich dabei zwar, denn die Musik zwischen ca.1750 und 1770 abseits von Haydn und Mozart will so recht in keine Kategorie passen.
    Das betrifft ja nicht allein CPE, sondern die meisten der Bach-Schüler und diesen "Dunstkreis".
    Hör mal:
    "https://www.youtube.com/watch?v=BeG40fowOuk&html5=1"
    diese Kirnberger-Kantate ist nicht nur umwerfend, sondern nirgends passend, wenn man Schubladen sucht und finden muss.


    Am liebsten würde ich eine Sparte eröffnen "zwischen den Zeiten", in der sich Komponisten und deren Musik findet, die eben oft nicht "schon das eine", auch "nicht mehr das andere" sind.
    Wohin mit eben einer solchen Kirnberger-Kantate? Wohin mit Müthels absonderlich schönen Sonaten und Konzerten?
    Bin mir aber durchaus bewusst, damit wieder eine neue Schublade zu erschaffen, was ich nicht beabsichtige- also darum: danke für Deinen Vorschlag.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Hallo Felix,
    wie schrieb ich doch: "CPE Bach zu hören, kann richtig Arbeit sein- aber wie reich wird man belohnt!"


    Als nächstes hätte ich vor, auf die Sinfonien einzugehen, ringe nur mit mir, an welchem Orte hier: sie passen weder in die "Barock-Ecke", noch in die der "von Aufklärung bis Romantik".
    Was schlagt Ihr vor?


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Friedemann Bach Konzerte Maude Gratton



    ..dabei bin ich doch eigentlich mit CPE beschäftigt!
    Für diese Interpretation trifft aber zu, was auch für CPE zutrifft: man mache nicht den Fehler, diese Musik in eine Schublade zu stecken.
    Gratton verfällt nie dem Ansatz, Sturm und Drang zu betonen um die Empfindsamkeit und den Kontrapunkt zu vernachlässigen.
    Dabei sitzt WF Bachs Musik ja noch mehr zwischen den Stühlen: einerseits der Versuch, den dichten Satz des Herrn Papa nicht aufzugeben, andererseits aber, der Empfindsamkeit Raum zu geben.


    Wie gesagt: eine rundum gelungene Aufnahme, die trotz kleiner Besetzung "groß" klingen kann.
    Für mich, neben Il Fondamento, eine Referenzeinspielung, die die der Berliner AkaMus geradezu überflüssig macht in ihrer Einseitigkeit.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Eigentlich wollte ich noch abwarten, dass ein Freund hier schreiben kann, der (vergeblich) versucht, Mitglied zu werden...doch bekam der Thread so viel, für mich überraschenden, Zulauf, dass ich nun doch antworte.


    Auf vieles kann ich gar nicht eingehen, besonders nicht auf die Unterhaltung um "ikonische" Werke, da ich diesen Standpunkt nicht teile und heiß und innig dankbar bin, dass es ein BWV 1083 gibt.


    Statt darauf einzugehen, dann vielleicht doch erzählen, dass mir CPE zum ersten Male begegnete mit seiner Fantasie fis-moll "Carl Philipp Emanuel Bachs Empfindungen".
    Das war Liebe auf den ersten Blick!
    Diesen Willen zum Ausdruck, in entlegendste Ecken der Empfindung, mit Mitteln, die noch in barocker Musiksprache wurzeln, aber sie immer wieder sprengen....nirgends auch nur die Suche nach Ebenmaß, sondern alle Vielschichtigkeit, Gleichzeitigkeit von Gefühlsregungen...das begegnete mir zum ersten Mal und so kompromisslos wie bei keinem anderen Werk, das ich je zuvor gehört hatte.


    Nächste Begegnung waren die sechs Streichersinfonien, die ich, auch heute noch, ideal musiziert finde von Pinnock und The English Concert.
    Auch hier wieder dieser Ausdruckswille, der vor Dissonanzen nicht zurückschreckt. Musik, die nicht gefallen will, sondern anregen...vielleicht sogar aufregen.
    Erinnere mich noch an mein Grinsen, wie CPE im zweiten Satz der dritten Sinfonie mit dem B-A-C-H spielt; in der vierten einen Stamitz vortäuscht, um dann mit so viel Witz und Originalität zeigt, dass er einfach weder auf Albertibässe, noch auf Sequenzierungen zurückzugreifen braucht, um einen Satz dicht und spannend zu gestalten.
    Das wiederum erinnerte mich dann doch sehr an Haydn, der auch höchst selten zu solchen Füllseln greift.
    Seinerzeit entdeckte ich gerade Haydns Sinfonie Nr.39 und fand sehr vieles wie eine "Wahlverwandtschaft".


    In der Literatur stieß ich darauf, dass ein gewisser Amadé Mozart in Wien 1789 ein Oratorium aufführte: "Die Auferstehung und Himmelfahrt" - mussten noch ein paar Jahre ins Land gehen, bis mir eine Aufnahme dieses Werkes zu Ohren kommen konnte.
    Dann aber war ich sofort gefesselt: allein schon diese suchende Einleitung, die dann abgelöst wird vom Rezitativ mit der Solopauke- wo gab es solche Musik sonst?


    Und ich weiß noch, wieviel Freude mir diese herrliche "Sanguineus et Melancholicus"-Triosonate bereitete.
    Einfach köstlich, wie der Melanchico "den Arsch" nicht hochkriegt, während der Sanguine ihn nachäfft und die "Schnauze voll hat" vom Gejammer des anderen- um dann, im letzten Satz, doch eine gemeinsame Sprache zu finden. Da wunderte mich nicht mehr, dass es hierzu den Versuch gab, einer vorhandenen Musik Worte zu unterlegen statt umgekehrt wie üblich.
    War auch hier ein ähnlicher Humor, wie ich ihn an Haydn so schätze, der bei seiner Vertonung der Zehn Gebote bei "Du sollst nicht stehlen" ja auch ein Thema aus dem WTK des "alten Bach" benutzt: beide nutzen vorhandene Formen und Mittel, um Eigenes daraus zu entwickeln.


    Ebenso bin ich überzeugt, dass Haydns späte Oratorien in ihrer Einzigartigkeit ohne die Kenntnis der Oratorien CPE Bachs kaum so klingen würden wie sie es tun.
    Das "Chaos" der "Schöpfung" ist beredtes Beispiel- um es dabei zu belassen.


    Was allenthalben beim Verständnis hilft: weg vom melodiebetonten Hören!
    Speziell vom Gedanken, dass Melodien am schönsten seien, so sie endlos fließen.
    Weiter kommt man, so glaube ich, wenn man tatsächlich den Sprachfluss als Hörgrundlage nimmt und sich bewusst macht, wie vielschichtig ein einzelner gesprochener Satz ist im Ausdruck, mit allen rhythmischen Feinheiten und Variablen an Tonhöhe und Klangfarbe.
    CPE Bach zu hören, kann richtig Arbeit sein- aber wie reich wird man belohnt!


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Lieber Bernd,


    Dank auch Dir.
    Wiewohl ja die Claviermusik CPEs nur einen Teil ausmacht seines Schaffens. Die Vocalmusik ist ja noch ein ganz anderer Fall....
    Gern würde ich nachspüren, wo CPE "Originalgenie" ist und wo doch "nur" Rezipient.
    Anhand beider Gattungen ließe sich das vorzüglich erörtern. Allerdings verstehe ich den Thread-Titel anders und würde bevorzugen, ins Detail zu gehen.
    Die Claviermusik ist ja reich genug- diesen Thread dazu las ich hier und es war einer derer, die mich bewogen, hier mitzumachen.


    Die Vocalmusik ist ja oft..äh...routiniert und bedient sich beim Herrn Vater ungeniert, oft bleibt ihr die Originalität des Telemann fremd.


    Aber was wäre die das Klavierkonzert ohne ihn? Und was die Sinfonie?


    Polemisch-herzlich,
    Mike

    Hallo JD,


    darf ich mit der Gegenfrage antworten?
    Ist ein Thread also überflüssig?
    Also aus dem Grunde, da er allgemein bekannt ist und vor seinen Brüdern öfter gehört?
    Spitz: Leopold Mozart ist ja der Vater, der Sohn unwichtig...grins.


    Ernsthaft: ich bin überzeugt, dass CPE unterschätzt ist. In Werk und Wirkung, selbst in einer Aufzählung der Prägenden.
    Mozart, Beethoven und vor allem Haydn hätten ohne sein Wirken zumindest andere Bezugspunkte finden müssen für ihr eigenes Schreiben.


    Frage also: wieso kein Thread zu einem Komponisten, der die folgenden Generationen derart tief geprägt hat?
    Oder deute ich Dein "süßsaures" Smiley falsch?


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Hallo Tamás,
    eine PM an Dich will nicht: keine Zugriffsrechte.


    Da aber auch ich schon oft und gern mit dem Biber tanze, entstand mir der Versuch, Dich an einem Mitschnitt teilhaben zu lassen.
    Letzbor von 2003 auf der Wartburg zu Eisenach. Daselbst gespielt diverse Balletti nebst Sonatae....und im Konzert weitaus "rücksichtsloser" als im Studio- muss ja nicht "schön" klingen.
    Da tanze ich nicht nur, ich bin auch immer wieder zu Tränen gerührt.
    Mehr noch: es zerreißt mir das Herz!


    Nun also meine Frage: wie kann ich Dir diesen Mitschnitt zukommen lassen?
    Den ich so gern mit Dir teilen würde.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Carl Philipp Emanuel Bach- der große, kleine Bruder

    Während hier der ältere Bruder seinen Platz zu Recht innehat, der jüngste ebenso, fehlt der Zweitgeborene des "Alten Bach" und taucht zwar immer wieder auf unter "eben gehört", aber das wird seinem Stellenwert nicht gerecht.


    Seine Lebensdaten sind schnell umrissen:
    1714 in Weimar geboren, 1788 in Hamburg verschieden.
    Dazwischen ein Leben voller Wandlungen: vom komponierenden Schüler seines Vaters, auch in Gemeinschaftsarbeit, über ein Studium der Jurisprudenz in Frankfurt/Oder, bei dem auch Kompositorisches nicht vernachlässigt wurde, über die Anstellung beim "Alten Fritz" in Berlin. Dortige Tätigkeit vor allem als Cembalist, letztlich Begleiter- aber doch in bürgerlicheren Kreisen dem Probieren und "Versuchen", seine Musiksprache zu entwickeln und zu manifestieren.


    Bis hin zu seinen letzten Lebensjahrzehnten in Hamburg, seinem Patenonkel Telemann folgend.
    Im Grunde Hamburg die "Bühne", sein musikalisches Können- und beim Vater erlerntes Wissen!- der musicalischen Welt darzureichen.


    Die Vielfalt seines Werkes ist weniger schnell umrissen.
    Da kömmt alles zu Aussage und Form, das derzeit en vogue war- und mehr.


    Vom Charakterstück "vors Clavier" ebenso wie das Oratorium. Die Triosonate noch, das Quartett noch suchend, doch recht selbstbewusst die Sinfonie.
    Kaum einer der nächsten Generationen kommt an seiner Musik vorbei.


    Die heute schwierig wirken kann, ist sie doch oft kleingliedrig, lädt nie zum Verweilen ein, sondern fordert einen höchst wachen Hörer.
    Und das stets!
    Weil diese Musik heute so seltsam unstet wirkt; nie ruhend, nie sich festlegend, immer suchend und offen bleibend.
    Dabei tradierte Formen spielerisch nutzend, weil in perfekter Kenntnis wurzelnd.


    Sicher muss ich hier weder Haydn, Mozart oder Beethoven zitieren, um zu verdeutlichen, wie wichtig seine Musiksprache war für die Zeit um 1800.
    Kaum zu unterschätzen und selbst für Schumann, Mendelssohn und Brahms noch wichtig.


    An dieser Stelle werde ich tunlichst vermeiden, auf einzelne Werkgruppen einzugehen und Einspielungen.
    Möchte aber einen Plan ankündigen, mich hier näher mit diesem allzu sehr vernachlässigten Compositeur im Detail in vorhandenen Threads zu beschäftigen.
    Sofern diese nicht gesprengt werden, was der ungemeine Reichtum des Schaffens des CPE hie und da fordern könnte.


    Zunächst also eine allgemeine Würdigung, die darauf zielt, eine Lücke zu schließen und ihn, seine Musik und seine Wirkung in den Focus zu rücken.
    Im Kanon der Wichtigen sollte sein Name stehen.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    Hallo Maticus,
    leider kann ich Dir nicht weiterhelfen, rätsele ich doch selbst gerade, aus welchem Jahre mein Mitschnitt ist mit Roschd. von Russia Disk mit dem Bolshoi-Orchester.
    Is aba ooch 'n Wirrwarr um all die Uffnahmen und Mitschnitte, menno...


    In diesen Bolshoi-Mitschnitt hörte ich gestern noch rein, zu mehr blieb keine Zeit, und fand ihn klanglich erstaunlich gelungen.
    Habe allerdings meine Arbeitsnacht genutzt, mir noch ein paar Gedanken um das Werk und seine Interpretationen zu machen, die ich hier gern zur Diskussion stellen würde.


    Zunächst ganz subjektiv: wie schon bei der ersten Begegnung mit Maxims Aufnahmen erlebte ich sie zunächst als unspektakulär und wenig beeindruckend.
    Allerdings heute wie damals: noch Tage später beschäftige ich mich innerlich mit dem Eindruck, der so unterschwellig geblieben ist, dass er erst nachträglich fesselt und Gänsehaut erzeugt beim Hören mit dem "inneren Ohr". Der Eindruck, da etwas ganz Großes gehört zu haben, ohne zu begreifen, warum eigentlich und doch noch tagelang gefesselt zu sein.


    Das aber mag an meiner Werkauffassung liegen, die ich entwickelt habe anhand der Beschäftigung mit Leben und Werk.
    So ist die Vierte für mich noch nicht ein Werk des sowjetischen Komponisten, sondern vielmehr ein Werk, das für die Musikalische Weltbühne "gedacht" war. Die innere Immigartion DSCHs beginnt ja eigentlich erst damit, dass er eben diese Partitur im Schubfach beließ.
    Insofern finde ich fraglich, ob all die Überzeichnungen und das Karikatureske tatsächlich so angelegt sind- ob dazu zu dieser Zeit überhaupt bereits Anlass bestand.
    Diese bissige Form der Satire und Karikatur entwickelt sich meiner Meinung nach erst später; und auch doppelbödiger und sensibler als im Kreischen von Dissonanzen.


    Ich empfinde die Vierte tatsächlich als eher stille Sinfonie, die Fortissimi sind Variablen der Stille und ihnen scheint noch nicht der spätere Trotz zu eigen.
    (Darum tue ich mich so wahnsinnig schwer mit Roschd. Studioaufnahme, wobei ich sogar hier glaube, dass das Ergebnis weniger der Dirigent zu verantworten hat als die seltsame Art von....hm...Klangregie.)
    Selbst in "bissigeren" Werken später, ob nun Achte oder 13., bin ich eher vorsichtig bei klanglichen Effekten.
    Im "Humor" der 13. drückt ja selbst der Text aus, das Humor die "Waffe" ist und nicht das "Totschlagen".
    In der Vierten sehe ich das noch nichtmal als Stilmittel angelegt, sondern vielmehr eine Auseinandersetzung mit der Tradition russischer Musik UND westlicher.
    Quasi sowjetische Musik beginnt DSCH erst später zu komponieren- entschuldigt bitte meine etwas plakative Ausdrucksweise bei Musik, die eben nicht plakativ ist.
    Den Bogen zur Vierten schließt er erst spät wieder, mit der 15., mit der Violasonate oder solchen "Bagatellen" wie den auf dem Sterbebett komponierten Bearbeitungen der Scarlatti-Sonaten, die so albern-gutmütig eine satirisch ernsthafte Huldigung sind.


    Auch wenn es nun nicht die Vierte direkt angeht, vielleicht zu Erklärung, woher meine Liebe rührt zu DSCH.
    Ich war 1988 illegal nach Leipzig gezogen und ging bei den Montags-Demos mit.
    Bei der letzten großen wussten wir alle, dass Schießbefehl ausgesprochen war- und wir gingen trotzdem! Auch ich, der ich kurz zuvor meine NVA-Zeit hinter mir hatte und wusste um die Befehlshörigkeit der Truppen.
    Geschossen wurde nicht, aber ich/wir standen unter enormen innerem Druck- den ich zu Hause nur abbauen konnte mit der kurz zuvor erstandenen Doppel-LP der Elften mit Stokowski, die auch mehr von Ängsten und Panik erzählt als vom eigentlichen Geschehen und genau diese Stimmung erzählt, mit der ich da um den Ring zog mit so vielen anderen.
    Von der bitteren Erfahrung, dass das Gewandhaus den Flüchtenden bei Eskalationen verschlossen blieb, genauso wie die Thomaskirche- um kurz darauf zu sehen, dass ein gewisser Gewandhauskapellmeister als Held gefeiert wurde und ein Thomas-Pfarrer als Politiker aktiv wurde.
    Wie immer ist es die Summe der kleinen Verletzungen, die einen nicht mehr loslassen, die großen übersteht man unbeschadeter.
    Aus diesem Grunde lässt mich Maxims Aufnahme nicht los- die meisten anderen wirken schnell, aber verblassen auch wieder.


    Entschuldigt bitte diese sehr persönliche Stellungnahme. Als Neuling muss ich noch lernen, wie weit ich hier zu weit gehen darf.
    Herzliche Grüße,
    Mike

    Hallo Khampan,


    stimmt, die Previn-Aufnahme kenne ich nicht.
    Ebensowenig eine derer Ashkenazys, bin schließlich mehr als zufrieden mit Maxim.


    Vielleicht gehört es nicht unbedingt hierher: den Vergleich zwischen Janssons und Maxim nahm ich auf auf technischer Seite vor, lud mir also die extrahierten .wav-Dateien ins WaveLab. Habe beider Frequenzgänge analysiert um festzustellen, dass die beinahe identisch sind. Extrem unterschiedlich allerdings sieht das in der Dynamik aus, da ist Janssons Aufnahme deutlich limitiert gegenüber der Maxims. Was bei Maxim piano ist, ist bei Janssons schon mezzoforte und im Fortissimo ist Janssons Aufnahme deutlich komprimiert.
    Daher rührt ihr sehr präsenter Klang, der allerdings eben insbesondere in der Grobdynamik stark begrenzt ist.
    Ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Maxim eben doch auch etwas zu entfernt aufgenommen ist-leider!


    Und nun wohl doch OT: immer wieder überrascht mich, dass so häufig Aufnahmen der Werke DSCHs nicht berücksichtigt werden, die doch noch von Zeitgenossen, Freunden, von ihm selbst oder eben seinem Sohn eingespielt wurden.
    Woher ich diese Box habe, weiß ich nicht mehr und sie enthällt auch beileibe nicht vollständig, was DSCH selbst aufnahm, aber gibt einen Überblick:

    Code
    http://www.hmv.co.jp/en/artist_Shostakovich-1906-1975_000000000021314/item_Chamber-Works-Piano-Sonatas-Songs-Concertos-Beethoven-Quartet-Shostakovich-Oistrakh-etc-16CD_5345118


    Es fehlt eine Aufnahme des zweiten Klaviertrios mit ihm und Mitgliedern des Beethoven-Qt., ebenso der Zyklus "Aus jüdischer Volkspoesie" mit Zara Dolukhanova.
    Dafür aber enthalten die frühen Aufnahmen der Klavierkonzerte, die ich für weitaus gelungener halte als die unter Cluytens.


    Aber zurück: ungehört liegt bei mir noch mindestens ein Mitschnitt mit Roshdestwensky....Barshai hingegen kenne ich und fand ihn durchaus überzeugend.
    Trotzdem ist mir die sehr viel persönlichere Lesart Maxims lieber.


    Herzliche Grüße,
    Mike