Beiträge von Abendroth

    Meine Ohren haben mich nicht getäuscht. Meine Vermutung ist richtig. Gabriela Dermetova spielt die unskordierte Bearbeitung der Rosenkranzsonaten von Robert Reitz.

    Mein Beleg? Der Beitrag von Tamas (Tschabendreki) auf dem Eroica Forum. Da hat er nämlich seine Besprechung der Aufnahme Demeterovas aktualisiert und korrigiert. Im Beiheft der späteren Neuausgabe als Doppel-CD wird eine Bearbeitung von Robert Reitz aus dem Jahr 1915 als Quelle für die gespielte Version genannt.

    Wir hören also nicht das Original Bibers, sondern eine auf der Luntz-Ausgabe beruhende Bearbeitung ohne Skordatur. Ich kann mir vorstellen, dass für den nicht-professionellen Liebhabergeiger eine solche Version nicht ohne Reiz ist, auch wenn die 11. Sonate fehlerhaft ist und Dermeterova das hätte wissen können.

    siehe #5 "Update":

    01 - "Rosenkranz-Sonaten": Einspielungen (omi) - Instrumentalwerke - EROICA Klassikforum (eroica-klassikforum.de)

    ...das würde aber bedeuten, dass es nicht nur in der 11. Sonate der Luntz-Ausgabe, sondern in etlichen anderen Fällen auch, bei Luntz deutliche Abweichungen von dem Notentext gibt, der von den anderen Interpreten verwendet wird.

    Ist es nicht wahrscheinlich, dass die Bearbeitung von Reitz auf der falschen Luntz-Version beruht? In den 20-er Jahren konnte Reitz für seine Bearbeitung doch auf gar keine andere Ausgabe als die von Luntz zurückgreifen. Wenn jemand also die skordaturfreie Reitzversion spielt, würden ja trotzdem einige Missverständnisse Luntz'ens erhalten bleiben.

    Ich habe gestern im Ramsch eines Antiquariats die Rosenkranzsonaten mit Gabriela Demeterova gefunden. Leider nur die erste Hälfte, der zweite Teil erschien erst ein oder zwei Jahre später und noch später gab es eine Doppel-CD. "Leider" -, denn die Aufnahme ist im Klang verführerisch schön und die Begleitung auf der Orgel, wie schon von Tamas (Tschabrendeki) betont, sehr reizvoll. Er fand den Reiz der Orgel sogar grösser, als den der Geige, da - so Tamas - Demeterova oft kritiklos einen fehlerhaften Notentext spielt. Er schreibt u.a. "grobe Fehler in der Skordatur Lesart." oder "Skordatur missverstanden", etc. Ich habe Bibers Sonaten oft gehört, und auch wenn mein musikalisches Detailgedächtnis nicht besonders ausgeprägt ist, so ist mir doch aufgefallen, dass die Demeterova oft etwas anderes spielt, als in allen anderen Aufnahmen die ich kenne. Das kann meiner Ansicht nicht an "Missverständnissen" oder "fehlerhaften" Spielanweisungen liegen!

    Ich habe den Eindruck, dass Gabriela Dermeterova überhaupt keinen Gebrauch von der Skordatur macht und von Anfang bis Ende auf einer normal gestimmten Geige spielt. Wie ist das möglich? In dem formidablen französischen Wikipedia Artikel zu den Rosenkranzsonaten befindet sich ein Hinweis auf eine 1925 bei Universal veröffentlichte Bearbeitung der Sonaten für ein normal gestimmtes Instrument von Robert Reitz. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Gabriela Demeterova diese Version spielt. Wenn diese Vermutung (!) richtig ist: warum sagt man das nicht? Warum wird dann im booklet lang und breit die Rolle der Skordatur erklärt?

    Diese Vermutung würde zumindest erklären, warum es in der "Lesart" dieser Aufnahme so viele (vermeintliche) Fehler und Missverständnisse gibt. Ich äussere diese Vermutung nicht, um die Geigerin schlecht zu machen. Ihr Spiel ist makellos und - wie gesagt - verführerisch schön.

    (hier der Link zur frz. wikipedia: Sonates du Rosaire — Wikipédia (wikipedia.org)

    Von Faust & Hrusa habe ich einen Radiomitschnitt von einem Konzert mit dem SOdBR. Ich vermute aber, dass die CD nicht live aufgenommen ist.

    Die von Andrejo erwähnte Aufnahme war die erste kommerzielle Aufnahme überhaupt, denn eine frühere mit Brosa (dem Solisten der Uraufführung) ist von wikipedia als "private release" gekennzeichnet. Danach hat es noch einmal bis 1970 gedauert, bis das Werk auf dem Schallplattenmarkt erhältlich war. Und auch danach ging es eher langsam weiter. Warum hatte das Werk zunächst so wenig Erfolg? Auch in England wurde das Werk zunächst nur wenig aufgeführt. Ein englisches Orchester weigerte sich die Uraufführung in Brittens Heimat zu spielen, da Britten nicht am Ersten Weltkrieg teilnahm und sich in den Vereinigten Staaten aufhielt. Die Aufnahme mit dem English Chamber Orchestra (Lubotsky/Britten) erschien 1970. Eine Rolle mag auch die Zurückhaltung der Schallplattenproduzenten gespielt haben. Ob das Konzert häufig aufgeführt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Als Janine Jansen es mit den Berliner Philharmonikern spielte (s. Digital Concert Hall) lag eine frühere Aufführung ein halbes Jahrhundert zurück.

    Einiges zur Aufführungsgeschichte kann man hier lesen:

    Britten Violin Concerto - Tarisio


    Dort steht auch:

    "In the 1950s he thoroughly revised the score, mainly removing Brosa’s editorial changes to the solo part, ...."

    Was sind "editorial changes"?

    Gerne möchte ich noch einmal auf den schon bestehenden Faden zu Brittens Violinkonzert hinweisen, den Braccio vor ca. sieben Jahren erstellt hat. Braccio weist in seinem Einführungsbeitrag darauf hin, dass oft ein Zusammenhang zwischen Brittens Konzert und Spanien gesehen wird. Diese hängen auch mit dem späteren Solisten bei der Uraufführung, dem Spanier Antonio Brosa, zusammen. Britten hatte Brosa bei einem Musikfest in Barcelona getroffen, wo er der Uraufführung von Alban Bergs Violinkonzert beiwohnte und mit Brosa als Solist seine eigene Suite für Violine und Klavier vorstellte.

    Auch nahm Britten starken inneren Anteil insbesondere am spanischen Bürgerkrieg und am Schicksal seines Freundes Antonio Brosa. In diesen Zusammenhang werden spanisch anmutende Rhythmusmuster gesetzt, so das Schlagwerkmotiv gleich zu Beginn oder auch ein Abschnitt im Finalsatz, in dem ein archetypisch spanischer Rhythmus im Streichertutti und dann in der Violine vorkommt. Zudem kann man, wenn man möchte, in allen Sätzen manche Passagen in Blech und Schlagwerk mit Illustrationen von Kampf- oder Kriegsszenen assoziieren.

    Wie spanisch ist das den ganzen ersten Satz durchdringende 'Schlagwerkmotiv' mit dem das Werk beginnt? Handfeste Beweise für einen solchen "folkloristischen" Zusammenhang gibt es wohl nicht.

    Wenn ein Violinkonzert mit einem solistischen Paukenmotiv beginnt, dann kann man es nicht vermeiden an Beethoven zu denken. Für beide Violinkonzerte gilt, dass das Paukenmotiv einen prägenden Einfluss auf den jeweiligen Kopfsatz hat. Aber die Musiksprache Brittens beeinflusst Beethoven wohl kaum. Näher liegt ein Zusammenhang mit einem Konzert eines russischen Komponisten, auf den Braccio schon hingewiesen hat:

    Außer Schostakowitsch wird als möglicher weiterer russischer Einfluss gerade in Hinblick auf die ungewöhnliche Satzfolge (langsam – schnell – langsam) und auf motivische Ähnlichkeiten der jeweiligen Mittelsätze Prokofjews erstes Violinkonzert Op. 19 von 1915 genannt.

    Eine Verwandtschaft mit Prokofjews erstem Violinkonzert ist vermutlich unbestritten, was Schostakowitsch betrifft, geht der Einfluss wohl eher von Britten aus. "Brittens Werk 'erinnert' an Schostakowitsch's Erstes, das zehn Jahre später entsteht" (M. Oliver: Benjamin Britten, p.80). Sehr treffend ist der Hinweis in Olivers Brittenmonographie, es sei Britten gelungen "to refashion a conservative idiom into a music that reflects its time". Während das fast gleichzeitig entstandene Violinkonzert Waltons zurückblicke (nämlich auf Elgar) schaue das Brittens voraus (nämlich auf Schostakowitsch).

    Janine Jansen hat sich schon sehr früh in ihrer Karriere für das Violinkonzert von Britten eingesetzt. Sie wollte es eigentlich viel früher aufnehmen, aber ihr Plattenlabel wollte das nicht, da sie noch recht unbekannt und das Brittenkonzert nicht besonders beliebt war. So etwa im Interview hier:

    Janine Jansen on the struggle and pain of Britten's Violin Concerto
    Benjamin Britten, born 100 years ago today, produced only a small number of string works, but musicians rate them among the greatest - and most testing - of…
    www.thestrad.com

    Einen guten, kurzen Eindruck von der Vehemenz ihres Spiels bekommt man auch auf dem Ausschnitt aus der Digital Concert Hall.

    Britten: Violin Concerto / Jansen · Harding · Berliner Philharmoniker (youtube.com)

    Es war ein halbes Jahrhundert her, dass Brittens Violinkonzert auf einem Programm der Berliner Philharmoniker stand. Auch in Berlin hat sie mit Noten gespielt.

    Auf youtube:

    youtube:
    Julia Fischer, Sondergard, SWR

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    Carolin Widman, H. Wolff, hr Sinfonieorchester
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    Janine Janssen, P. Järvi, Orch. de Paris (Proms)
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    Karen Gomyo, J. Hrusa, WDR Sinfonieorchester
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    Augustin Hadelich, JP Sarastre, Detroit
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    Hilary Hahn, A. Boreyko, Cincinnati
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    Mark Lubotsky, Benjamin Britten, English Ch O
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    Benjamin Britten: Violinkonzert op 15
    Satzbezeichnungen:
    Moderato con moto – Agitato – Tempo primo
    Vivace – Animando – Largamente – Cadenza
    Passacaglia: Andante lento (Un poco meno mosso)

    Komponiert 1938/39 (abgeschlossen in Quebec/Kanada)
    Revidiert 1950 / 1954 / 1965
    Gewidmet Henry Boys (Brittens Lehrer am Royal College of Music)
    Uraufführung 29. März 1940 in New York: Solist Antonio Brosa, New York Ph.O., John Barbirolli


    Besetzung: 3 Flöten (wovon 2 piccolo), 2 Oboen (wovon 1 Engl. Horn), 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Schlagzeug mit Cymbal, Glockenspiel, Triangel), Harfe, Streicher.
    Diskographie:
    Violin Concerto (Britten) - Wikipedia
    Hinzuzufügen: Isabelle Faust, J. Hrusa (dir.), SOdBayerischen Rundfunks.

    Zu Hindemith gibt's auch genug Parallelen. Selbe Zeit der Uraufführung. Beide Komponisten befinden sich nicht in ihrem Heimatland. Hindemiths Violinkonzert wurde (gerade noch) in Amsterdam unter Mengelberg uraufgeführt, aber Hindemith war in Amerika. Es gibt sinnvollerweise eine CD in der Hindemith mit dem gesuchten Konzert kombiniert ist (womit wahrscheinlich ist, dass wir ein Violinkonzert suchen).

    Jetzt kann ich rätseln!

    Also von den bisherigen Tipps ist der Korngold am nächsten dran. Sowohl Korngolds Violionkonzert als auch das gesuchte Konzert wurden auf demselben Kontinent uraufgeführt. Heifetz hatte auch an dem Konzert Interesse gezeigt, aber dann doch die Finger davon gelassen. Auf Tonträgern erschien es (vermute ich) erst seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts (was nicht ausschliesst, dass frühere Radiomitschnitte erst später auf LP oder CD erschienen).