Beiträge von Abendroth

    Bernard Fournier widmet dem Quartett in seiner (frz. geschriebenen) "Geschichte des Streichquartetts" 13 Seiten. (Der 2. Band - von 1870 bis zum Interbellum - zählt 1275 Seiten!). Sein Versuch, das Stück im Gesamtwerk von Sibelius zu situieren, ist vielleicht interessant im Hinblick auf die Frage, ob das Stück "nach Sibelius klingt".


    Zitat

    "Ist es ein Zufall, dass Sibelius, nachdem er das Genre lange aufgegeben hatte, zu einem Zeitpunkt zu ihm zurückkehrt, zu dem er, gerade an einem Rachenkrebs operiert, eine Periode durchquert, in der er zweifelt, welchen ästhetischen Weg er einschlagen will? Diese Schaffenskrise, die ihn zu seiner 4. Symphonie führen wird, die sich radikal von seiner romantisch-nationalistischen Periode und dem für die 3. Symphonie charakteristischen Klassizismus unterscheidet, findet ihren persönlichsten Ausdruck im Quartett op 56 und insbesondere in seinem merkwürdigen ("etrange") Adagio." (S. 233)


    In dem Buch findet sich auch der Hinweis, Sibelius habe die Worte "Voces Intimae" unter eine bestimmte Stelle der Partitur geschrieben (gemeint ist seine Taschenpartitur des Werks), nämlich unter die Takte 21/22 des Adagios. Es handelt sich um die auffälligen, quasi stillstehende Akkorde im ppp.

    Lieber Gurnemanz, zu W's "Philosophischen Untersuchungen" würde ich sogar sehr gerne etwa schreiben. Ich beschäftige mich mit ihnen seit mehr als einem halben Jahrhundert, mehr oder weniger intensiv. Die Basisidee dieses Werks glaube ich verstanden zu haben, alle Details natürlich nicht. Ich weiss aber nicht, ob so ein Thema in "Capriccio" passt.und genügend Interesse findet.


    zu Felix Meritis #90

    Ich versuche in erster Linie zu verstehen, was Wittg. mit "flach" wohl gemeint hat. Und der Mangel an Dramatik, den ich selbst beklagt habe, sollte sich - vorsichtigerweise - ja auch nur auf unser Quartett der Woche beziehen und nicht auf Mendelssohns Gesamtwerk. Und wenn W. sagt "Brahms sei fehlerfreier Mendelssohn" (eine Bemerkung, die ich auch sehr merkwürdig finde), dann denkt er dabei wahrscheinlich nicht an etwas kompositionstechnisches.

    Zu op. 80 steht ja im "Heimeran": "Auch wenn man leeres Stroh drischt, donnert die Tenne". Natürlich will ich das nicht ernst nehmen. Auch will ich nicht Wittgenstein in allem verteidigen, was er zur Musik schreibt. Wagner war ja in seinem antisemitischen Pamphlet der Überzeugung, dass der jüdische Geist zu wirklich kreativen Leistungen nicht in der Lage sei. Wittgenstein hat das, absurderweise, auch auf sich selbst bezogen (er hatte dei jüdische Grosseltern). Und das färbt auch mit auf sein Urteil über Mendelssohn ab.

    Wenn Interesse besteht, kann ich eventuell einen "Wittgenstein und die Musik" Faden aufmachen. Was W. zur Musik schreibt sind aber fast immer nur kleine isolierte Bemerkungen. So richtig ausschlachten lässt sich das nicht.

    Wittgenstein war ja grosser Schubertfreund. Er pfiff (!!!) die Lieder mit Klavierbegleitung. Wenn wir den eventuellen Wagner- Einfluss auf Ws Urteil mal beiseite lassen, dann vermisst er wohl die grossen dramatischen Ausbrüche, wie man sie beispielsweise in Schuberts 15ten oder im Streichquintett findet, oder auch in Beethovens op 18 nr. 1. So verstehe ich das "flache". Das Fehlen von Dramatik (womit ich nicht behaupten will, dass es bei M. nirgendwo zu finden ist.) Aber in 44 nr.1 fehlt sie auch mir.


    Ich habe gerade das Artemis Quartett mit unserem Streichquartett der Woche gehört und ich glaube, diese Aufnahme ist jetzt mein Favorit (gehört habe ich auch Emerson, Artis, Cherubini, Juilliard und - zu flüchtig - Bartokquartett). Das Artemis Quartett bringt in die ruhigen Passagen eine geradezu zärtliche Atmosphäre und gestaltet die beiden Innensätze so überzeugend, dass von der vermeintlichen Langeweile nichts zu spüren ist.

    Was eventuelle stereotype Vorurteile gegenüber Mendelssohn betrifft: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der ja zahlreiche musikalische Notizen in seine Aufzeichnungen eingestreut hat, der hat Mendelssohn mit einem "Hochplateau" (oder einer "Hochebene") verglichen. Das muss man, scheint mir so verstehen: Auf hohem Niveau, aber doch ein bisschen flach. Passt diese Bemerkung, die ich nicht als ungerecht empfinde, auch auf op. 44 nr.1 ?

    Zu meiner Freude habe ich gesehen, dass es auf youtube eine Aufnahme mit den Juilliards gibt, aus der Glanzzeit in den 60-er Jahren, noch mit Isidor Cohen am 2. Pult. Lohnt sich unbedingt!

    Hier ein gekürztes Zitat zu Mendelssohns Quartetten

    Zitat

    "Mendelssohns Quartette (....) die zweifellos zu M's schwächsten Arbeiten gehören. ...man muss aber doch zugeben, dass op.12 ein spielfreudiges, melodienfrohes Werk bleibt. ....Je weiter man nun aber vorrückt (op 13, op 44 nr.1 ) desto äusserlicher werden die Effekte. ...als bestes bleiben die Scherzi, am unerträglichsten geraten die langsamen Sätze, die Eckpfeiler werden immer bombastischer-orchestraler ...."

    Ich hab mal auf's Datum geschaut: ursprünglich1936. Na ja, den Namen durfte man noch erwähnen.

    (Zitat aus: Ernst Heimeran & Bruno Aulich: Das stillvergnügte Steichquartett. Ein Lern- Lese- und Nachschlage-Buch für Freunde häuslicher Musik; 16. Auflage 1964)

    Eine gute Idee! Darf ich mich der Gruppe anschliessen? Wie Wieland kenne ich die op. 44 Serie kaum und ich habe dieses Quartett wahrscheinlich noch nie - die letzte halbe Stunde ausgenommen - konzentriert gehört. So hatte dies Hörerlebnis den Reiz des Neuen. Im grossen und ganzen war es eine positive Überraschung, - ich muss also irgendwie eine eher negative Erwartungshaltung gehabt haben.

    Um am Ende anzufangen: der Schlusssatz scheint mir deutlich der schlechteste zu sein. Ich habe die ganze Zeit gewartet, ob da irgendwann etwas Überraschendes geschieht, konnte es aber nicht entdecken. Den Kopfsatz empfinde ich als zu sehr zum Orchestralen neigend (also zuwenig kammermusikalisch) und das virtuose, schneidige Thema oder Motiv zu Beginn, das so oft wiederholt wird, dass ich es nur mit Mühe aus meinem Kopf verbannen kann, hat für mich zu wenig Charme. Trotzdem ist der erste Satz reizvoll, weil er handwerklich, scheint mir, durchaus reizvoll durchgearbeitet ist. Etwas kürzer wäre vielleicht besser gewesen. Beim ersten Teil des Menuetts habe ich Langeweile befürchtet, fand dann aber die Klangfarben recht reizvoll (oben schrieb FM "geheimnisvoll").

    Merkwürdigerweise habe ich jetzt, wo ich dies schreibe, überhaupt keinen Eindruck mehr vom dritten Satz, vielleicht weil der eher banale Schlusssatz den Eindruck völlig ausgelöscht hat. Es kann gewiss auch ein gutes Zeichen sein, wenn sich etwas nicht gleich und leicht einprägt.

    Ich habe das Werk mit den Noten auf youtube gehört (also Emerson Qu.), aber habe in meinen Beständen Aufnahmen des Artis Quartetts und des Artemis Quartetts. Mit diesen Aufnahmen werde ich die nächsten Tage meine "Hausaufgaben" machen. Dann werde ich auch wissen, wie schnell sich das Werk - wenn überhaupt - "abnutzt". Zu meinen Favoriten wird es nie gehören, dafür fehlen ihm für meinen Geschmack die 'Schatten'. Ist mir halt zu viel italienische Sonne.

    ....der Oxforder Brahms ist nicht so lange her, und hat nicht vor wenigen Monaten ein professioneller Pianist hier auf diesem Forum, der in seinem Urteil eher zur Strenge neigt, Barenboims letzte, d.h..vierte oder sogar fünfte Aufnahme aller Beethoven Klaviersonaten aus dem 1. Coronajahr (und nicht nur diese) sehr positiv beurteilt? Und ist sein Bruckner mit seinem "Hausorchester" nur Mittelmass?

    Zitat

    Vor allem bleiben aber auch seine höchst, ich sage mal, diktatorische Art, die er wohl doch in den letzten Jahren zu oft gehabt haben muss, und über die auch mal in der Presse berichtet worden ist, noch bei mir haften.

    Ich empfinde dies als eine höchst ungerechte Beurteilung einer aussergewöhnlichen, und oft auch aussergewöhnlich hörenswerten Musikerpersönlichkeiten. Seine erste Einspielung der Beethovensonaten ist zurecht gepriessen worden. Die Integrale der Mozartklavierkonzerte mit dem English Chamber Orchestra ist für meinen Geschmack unübertroffen. Und welch ein Vergnügen war und ist es die Kammermusikaufnahmen mit Zukerman und Jacqueline du Pré zu hören. Wir dürfen vielleicht annehmen, dass Dietrich Fischer Dieskau gute Gründe hatte, ihn als Begleiter für sämtliche Hugo Wolf Lieder zu wählen, es lohnt sich auch die Brahms Lieder mit Jessy Norman zu hören. Barbirolli und Brahms in den Klavierkonzerten sind wunderbar, die erste Brahma Symphonie mit den Berliner Philharmonikern in Oxford (Europakonzert) ist faszinierend gut gelungen. Und ist am Bayreuther Ring etwas schlecht oder auch nur mittelmässig? Und vieles, vieles mehr....z.B. auch der 2. Band des Wohltemperierten Klaviers.

    Nein, ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen "Barenboim würde ich mir nie anhören" (wie hier auf dem Forum gechehen) und auch nicht zu denen, die einen Rückzug Barenboims schon lange für wünschenswert halten. Es gibt nur wenig Musiker, an deren Aufnahmen ich mehr Freude hatte, als an denen Barenboims.

    Suyoen Kim hatte im Brüsseler Königin Elisabeth Wettbewerb im Beethovenkonzert im ersten Satz einen gewaltigen dissonanten Ausrutscher und spielte danach auf ihrer zargenlosen Camilus Camilli von 1742 ganz wunderbar weiter. Für mich war sie trotzdem die Gewinnerin und ich habe mir den Mitschnitt immer mal wieder angehört. In Brüssel landete sie auf dem vierten Platz. Auf den Schumann mit ihr freue ich mich. Danke für den Link, Bernd.

    ....und die zweite Geigerin des Artemis Quartetts, Suyoen Kim, ist auch in Berlin, als Konzertmeisterin beim Konzerthausorchester. Vielleicht gibt's in Berlin den versprochenen Neubeginn.


    Dieses Jahr hat die Deutsche Grammophon die Brahmssinfonien mit dem Pittsburgher Symphony Orchestra und William Steinberg veröffentlicht. Als die 2. Symphonie 1961 aufgenommen wurde sie von der New York Herald Tribune, nicht nur wegen ihrer Klangqualität, als die beste Zweite in Stereo und das beste Klassikalbum des Jahres 1961 gerühmt.

    1. 14:22

    2. 9:48

    3. 4:34

    4. 8:22


    Das Streichquartett des 16-jährigen Richard Strauss. Es klingt noch nicht nach Strauss, sondern schon ein wenig frühromantisch. Ich wusste gar nicht, dass er ein Quartett geschrieben hatte, als ich diese Aufnahme erwarb (wegen Verdi).