Beiträge von tOm~!

    A doppia mira tendo il voler, né il capo del ribelle è la più preziosa...vielleicht bin ich ja total bescheuert, aber ich glaube, das ist eine der leidenschaftlichsten Szenen, die es überhaupt in der Oper gibt. Ich selbst kenne jedenfalls nichts, keine Partie und keine Arie, die Scarpia in diesem Moment nahe kommt.


    Das wäre - das gebe ich gerne noch als Anregung - selbstverständlich auch ein wichtiger Anhaltspunkt, um die Leistung eines Erwin Schrotts einzuschätzen. Bringt er die nötige Leidenschaft mit, die es braucht, um diese Rolle glaubwürdig zu verkörpern? Das ist eine der Fragen, die man sich durchaus stellen könnte. Habe ihn eben nochmals als Scarpia gehört. Der Text setzt sich auch so langsam, das ist hocherfreulich. Erwin Schrott singt "il voler" übrigens noch deutlicher mit e betont, als englische Baritone. Für meine empfindlichen Ohren ein Drama.

    Zusammenschnitt von dem was ich eben hörte. Betrifft: Te Deum, aus 'Tosca'


    Man muß den Text mitlesen, Silbe für Silbe. Dann geht's richtig ins Ohr:


    Il volaaarrr heißt es bei Raimondi, und illan-guidir. Sensationell wie sich dort das n and das g ranschmiegt.


    È Scarpia che scioglie a volo il falco della tua gelosia.


    Die Wörter scioglie a volo müssen rasch gesungen werden, ganz schnell ohne was zu verschlucken. Man muß schon genau aufpassen, da die Sänger meist erst wieder bei falco genau zu hören sind.


    Aua, war das eben überraschend, wie schreibgetreu Ramsey "il voler" betonte. Wenn man davor Raimondi gehört hat, klingt das fürchterlich falsch und schrill. Gilt sicher auch im Umkehrschluß.


    Capestro klingt bei Raimondi wie Capestr-i-o. Sind alles so kleine Feinheiten, in die man sich reinhören kann.


    Großartige Aussprache bei Ambrogio Maestri, und bei ihm heißt es nicht il voler sondern wie bei Raimondi il volaaa-rrr.


    Dann die beiden Stellen "Presto, seguila dovunque vada, non visto" und "È Scarpia che scioglie a volo il falco", man kann das nicht imitieren. Und man sollte es sich bei Raimondi und Maestri anhören, und dann den Vergleich mit nicht-italienischen Baritonen anstreben. Dann sollte auffallen, wie verflucht schwer diese italienischen Opern sind.


    George London sang wie später Ramsey wortgetreu il voler, während die Italiener offenbar il volar sagen, was nun mal ein Unterschied ist, als würde einer Lockvogel und der andere Lockvogal sagen. Verwirrend.

    Wenn Herbert von Karajan dirigierte, pflegte Wilhelm Furtwängler immer verspätet zur Aufführung zu kommen, so daß Karajan ihn bei seinem Erscheinen im Rücken hatte. Nikolaus Harnoncourt hat das großartig geschildert.


    Eben gehört: Egmont Ouvertüre, von Beethoven komponiert, Bernstein dirgiert und den Wiener Philharmonikern gespielt.

    Sorry, dass ich das so pointiere: Das soll heißen, dass die Wiener Philharmoniker dem Knappertsbusch gesagt haben, welches Tempi er nehmen soll, wie die Dynamik abzustufen sei usw. ? Und Kna hat's dann so dirigiert, wie die Philharmoniker es wollten? ;)
    Gruß
    MB


    :wink:

    Ist doch schön, daß Du pointiert nachhakst, schließlich denke ich mir etwas bei der Betonung meiner Worte. Und was glaubst Du, wie rum es war? Habe mal gehört, daß erst Harnoncourt kommen musste, damit die Musiker mitreden durften.


    Um beim Thema zu bleiben, Maestro Harnoncourt läuft bei mir gerade nicht, dafür sein Antipode Karajan, mit den Berliner Philharmonikern und Smetanas "Moldau". Leider ist wie bei der Wagner-Aufnahme des Wallkürenrittes nicht ersichtlich, aus welchem Jahr sie stammt.

    *Doch leugne ich nicht, dass mir einige Kinderköpfe vorschwebten beim Componieren; die Überschriften entstanden aber natürlich später und sind eigentlich nichts als feinere Fingerzeige für Vortrag und Auffassung“*


    Die Frage wäre, warum schwebten Schumann Kinderköpfe vor, keine Kindsköpfe? Wer Kinderköpfe sagt, ist von der Paul'schen Literatur und seiner Grammatik beeinflusst, und wer da nicht die direkte Verbindung herzustellen vermag, der will es vielleicht gar nicht so genau wissen. So kann man es auch machen, wenn man etwa die Kunstwerke von Michelangelo betrachtet, mit aufgesetzter Sonnenbrille.

    [...]Aber Jean Paul ist obskur, wenn überhaupt meist nur dem Namen nach bekannt und wird praktisch nur von besonders Interessierten und Germanisten gelesen. Ergo ist empirisch widerlegt, dass man irgendwas über Jean Paul wissen muss, um Schumanns Musik zu schätzen. Das ist unabhängig davon, welche kulturhistorischen Einflüsse tatsächlich bestehen.

    Robert Schumann verglich Jean Pauls Roman 'Flegeljahre' mit der Bibel. Du wirst wohl einsehen, daß sich das auch in seiner Musik raushören lässt? Ich kann nichts dafür, wenn die heutigen Bundesdeutschen in der Vorstellung leben, der ehemals beliebteste Dichter der Deutschen sei ohne Einfluß in der Musikgeschichte.

    Selbst ein Murray Perahia rätselt darüber, was Schumann mit "Von fremden Ländern und Menschen" anzeigen wollte, da er ja nicht "Allegro" geschrieben habe.


    "https://www.youtube.com/watch?v=S3EtmoX2beY"


    Man muß Perahia zugute halten, daß er das Werkchen viel besser verstanden hat als sein Kollege Lang Lang. Am besten wäre es ohnehin, sich an Cortot zu halten. Der hatte den wahrscheinlich intensivsten Zugang zu Schumanns Kinderszenen.

    Das ist vermutlich der Grund, warum die Kinderszenen, Carnaval, Symphonische Etüden, Fantasie usw. seit vielen Jahrzehnten zu den beliebtesten Klavierwerken der Literatur zählen. Die Leute lesen anscheinend genügend Jean Paul...

    Als Mitarbeiter eines Unternehmens mit 1500 Mitarbeitern, wohlgemerkt dem größten Arbeitgeber der Region, habe ich anderes zu berichten.


    Es bleibt Spekulation, aber würde ich dort eine Umfrage starten, wer überhaupt Robert Schumann und Jean Paul kennt, so würde ich von den meisten Kollegen höchstens ein Achselzucken als Reaktion erhalten.


    Träfe man auf eine/n, dem die beiden Namen ein Begriff sind, so wäre es mehr als zweifelhaft, ob ihr Wissen darüber hinausgeht, ob sie Siebenkäß oder Flegeljahre kennen und von den Kinderszenen und Davidsbündlern gehört haben.


    Kollegen oder Kolleginnen, die letztlich den Riegel für den besagten Janustempel haben, kann man dann an einer Hand abzählen, ich bin mir sicher, ich würde nicht einmal hundert Mitarbeiter, was weniger als 10% wären, zusammenbekommen, die im Bilde sind, wenn es heißt: der Dichter spricht.


    Würde ich dagegen nach Michael Jackson, Steven Spielberg, Sylvester Stallone oder Madonna fragen, so könnte ich wohl mit 95 % der Mitarbeiter trefflich über Musik und Film philosophieren.


    Was sagt das wohl aus?


    Es mag ja durchaus sein, daß es in der BRD irgendwo eine gesellschaftliche Klasse gibt, für die es ganz normal ist, sich mit dem eigenen Kulturgut zu beschäftigen, und man von seiner Umwelt an Schumann und Paul herangeführt wird.


    Ich aber musste mir das alles selbst erarbeiten, es selbst entdecken, und in 38 Jahren hat es weder in meinem Familien-, Freundes-, Bekannten-, noch im Kollegenkreis jemanden gegeben, der mich auf Jean Paul aufmerksam machte, oder anregte, ihn zu lesen.


    Für Robert Schumann gilt es mit Einschränkungen, da wir den in einem Musikunterricht hatten, von dem unter dem Strich nichts hängen blieb, außer daß Klassik angeblich "spießig", "verstaubt" und "altbacken" ist.


    Meine Kollegen lachen mich aus, wenn ich gestehe Schubert zu hören, und wenn im Radio zufällig mal der Klassiksender läuft, statt das angloamerikanische Gedudel, merkt man schnell wie sie nervös und ungehalten werden, da das eigene Kulturgut für ihre Ohren schon so ungewöhnlich und unverständlich klingt, man könnte fast sagen unerträglich. In meinem Elternhaus habe ich ganz ähnliche Erfahrungen gemacht.


    Um bei Schumann zu bleiben, es ist leicht ihn zu verkennen, selbst wenn das Interesse und die Neugier vorhanden ist, sich auf ihn einzulassen.


    Was Jean Paul betrifft, so möchte ich gar nicht wissen, wieviele Journalisten, Autoren und sonstige Publizisten sich von seinem Schreibstil inspirieren ließen, der "Zwiebelfisch" Bastian Sick kam sicher nicht an ihm vorbei. Ich habe die letzten vier Jahrzehnte nicht auf dem Mond gelebt, und von Goethe, Schiller und Lessing hört man ständig.


    Die große Frage ist, warum von Paul selten geredet wird, obwohl er sich hinter keinem dieser Dichter und Denker verstecken muß.

    Man wird leicht verkannt, vor allem dann, wenn man nicht dazu neigt, sich in den Mittelpunkt zu drängen, oder Aufmerksamkeit zu erhaschen.


    Schumanns Kinderszenen könnte man mit dem Janustempel vergleichen, den Jean Paul bezüglich der deutschen Sprache erwähnte. Wer den passenden Schlüssel nicht zur Hand hat, kann und wird nicht hineinfinden.


    Mir selbst blieben die Kinderszenen trotz geübtem Gehör bis vor kurzem völlig unverständlich und somit auch unbedeutend. Ohne die Synthese aus Dichter und Komponist, die Verbindung von Jean Paul und Robert Schumann, wären ja die Davidsbündler, Florestan und Eusebius oder aber die Kinderszenen gar nicht denkbar gewesen, ohne Jean Paul kein Robert Schumann.


    Die Kombination aus Dichter und Komponist ist der Riegel, den man benötigt, um sich die Welt eines Robert Schumanns überhaupt entriegeln zu können.

    Eine weitere Beschreibung von Casellas zweiter Sinfonie zu einer aktuellen Tonaufnahme des Sinfonierorchesters Münster, die meine laienhafte Zusammenfassung en detail ergänzt, findet man unter:


    "http://www.klassik-heute.de/4daction/www_medien_einzeln?id=22266"


    Zitat von Rasmus von Rijn

    Es sind vielmehr die Reflexionen eines jungen Mannes, der mit kräftiger Muskulatur einen mächtigen Hohlspiegel in die Höhe wuchtet, um darin die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart zu betrachten, in der Gustav Mahler natürlicherweise einen erheblichen Einfluß ausübt.

    Durchaus interessant, wie man beim Wandern immer wieder durch Zufall auf das Capriccio-Kulturforum trifft.


    Mein Ziel war eine Werkbeschreibung der zweiten Sinfonie von Alfredo Casella, und der Weg führte mich nach einiger Zeit schließlich hierhin zurück, da es im ganzen deutschsprachigen Internet so gut wie keine Wortmeldungen zu diesem außergewöhnlichen Komponisten und seinem epochalen Werk zu finden gibt.


    Es ist nicht selten, daß nähere Informationen über Komponisten, Dirigenten und Werkbeschreibungen direkt hierhin führen, bei Monteverdis Madrigalen oder Antonio Salieri erging es mir ähnlich. Darin zeigt sich der Wert dieses Forums.


    Was die 2. Sinfonie von Casella betrifft, und da sie bisher so wenig gedeutet wurde, möchte ich mir die Freiheit nehmen, einige Anmerkungen hinzuzufügen.


    Zuallererst muß man sie zeitgeschichtlich in den Vorabend des ersten Weltkriegs verordnen, wie auch bei Gustav Mahlers Werken, spürt der geneigte Hörer bei den Sinfonien des Töneschöpfers Casella von Beginn an ein untergründiges und bedrohliches, dennoch ungewisses Brodeln, das vernünftige Menschen eher zur Flucht veranlassen würde.


    Was jedoch außerordentlich erstaunlich ist, Casella schafft es, die musikalische und atmosphärische Dichte noch intensiver und dramatischer zu gestalten als Gustav Mahler, der dem Hörer viel, viel mehr Zeit lässt zur Ruhe zu kommen, und sich zu entspannen. Bei Casella wird man diese Phasen selten finden, und wenn, so dauert es nicht lange, bis sich ein neuer Abgrund auftut, der nur noch tiefer blicken lässt. Nichts wirkt bei Casella abgekupfert, obwohl die Inspiration die er bei Mahler - und im aufgewühlten Europa - fand, einen direkten Vergleich anbietet.


    Bei Casellas zweiter Sinfonie kommt hinzu, daß sie ihren krönenen Abschluß findet, es ist beispiellos, wie gekonnt es dem Mann gelungen ist, einen direkten Übergang zu vertonen, der von einer erdrückenden Qual in einem erlösenden Triumph endet, wo man genau weiß, daß sich die Marter gelohnt hat, daß es richtig war, nicht zu verzagen, all das Leid und Drama durchzustehen, um am Ende die Befreiung zu erfahren.


    Wer Gustav Mahler mag, wird Alfredo Casella lieben, das ist sicher. In einer verstaubten Ecke hat er als Komponist nichts verloren.

    Nein, ich möchte keine Extreme, ich möchte Ebenmaß und alles gleichzeitig.

    Das klingt für mich irgendwie nach: Nichts Halbes, und nichts Ganzes. Das mag ich gar nicht. Die Tage hörte ich ein interessantes Interview mit Christian Thielemann, indem er auf den Rausch bei Wagner anspielt. Und bei cicero meinte er:


    Zitat

    Ist die Musik für Sie auch ein Experimentierfeld für das Leben?


    Das muss sie sein, weil sie uns einen risikofreien Raum schenkt, in dem es kein Gesetzbuch gibt. Auf der Opernbühne muss ich dafür sein, dass Tosca von der Engelsburg springt. Gleichzeitig muss ich aber auch einer Meinung mit Scarpia sein, der sie vergewaltigen will. Daran sehen Sie die Schizophrenie der Musik. Man bewegt sich – ob man will oder nicht – Takt für Takt in einem vielfältig zwiespältigen Kosmos. Zum Wahnsinnigwerden eigentlich, das alles.


    "http://www.cicero.de/salon/ich-will-manipulieren/51591"


    Tito Gobbi - Va Tosca


    "https://www.youtube.com/watch?v=HN6WnKQ8vbI"