Beiträge von Paulus

    Jascha Heifetz, wohl wahr, man sollte eben alle Beiträge gelesen haben bevor man schreibt

    Lieber Michael, ich glaub Dirs aufs Wort, dass Deine Winsel besondere Ausdrucksmöglichkeiten bietet, hört sich jedenfalls so an


    • Und Rostro ist natürlich leider auch schon tot..... Was hältst Du denn von folgenden Sätzen von ihm: Man sollte das Instrument "wechseln, so oft man kann, sofern man die Möglichkeit dazu hat. Es verleiht ein Gefühl neuer Frische und verhindert mechanisches Abspielen. Mit einem neuen Instrument ändert sich gleichzeitig mein Verhalten......."

    Schöne Grüße
    Paulus

    "Man hört immer wieder Vorurteile gegenüber modernen Instrumenten. Manche schwören nur auf die alten italienischen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass neulich in Marseille, wo ich das Vatelot gespielt habe, am Schluß des Konzertes ein Musiker zu mir sagte: " Aha, das war also das berühmte Stradivari!"...


    Soweit der Eigentümer des Duport- Strad, der sein Vatelot ebenfalls sehr schätzte. Bernhard Greenhouse, ebenfalls Eigentümer eines Strad ist bekannt für seine Sammelleidenschaft von Celli. Für andere hervorragende Künstler gilt ähnliches.


    Damit will ich selbstverständlich nicht behaupten oder gar beweisen, dass ein modernes Instrument ebenso gut oder gar besser klingt wie ein Strad. Aber immerhin: Auch andere Instrumente können hervorragend klingen - wenn sie gut gespielt werden. War war noch der Geiger, der auf die Bemerkung, seine Geige klinge so gut, sie an sein Ohr hielt und trocken bemerkte: Ich höre nichts?


    Schöne Grüße


    P.

    Liebe Diskutanten




    Musik verstehen: Ist biographisches Wissen wichtig oder entbehrlich. Das ist die eingangs gestellte Frage. Eine Frage nach dem Zusammenhang zwischen Biographie und Komposition. Wer sie bejahen möchte, erwartet ein besseres Verständnis
    der Komposition aus der Kenntnis der biographischen Umstände.




    Allerdings würde die Komposition ja nicht ohne weiteres die Situation der Lebensumstände des Komponisten wiederspiegeln, sondern allenfalls seine persönliche Reaktion auf diese Umstände. Diese Reaktion kann bei ähnlichen Ereignissen sicher je nach Komponist und seiner momentanen Befindlichkeit unterschiedlich ausfallen. Genauer formuliert wäre also der Zusammenhang zwischen der Befindlichkeit des Komponisten aufgrund seiner Lebensumstände, seinen hierdurch erzeugten Gefühlen und Gedanken und seiner Musik zu untersuchen.


    Natürlich schwingt die Kenntnis von persönlichen Umständen bei der Rezeption von Musik im Hintergrund mit. Ich höre Faures Elegie, Schostakowitschs Musik anders, wenn ich weiß, unter welchen Umständen sie entstanden ist, weil ich von den Umständen auf seine persönliche Gefühlssituation schließe. Es geht allerdings meiner Meinung nach bei diesem "besseren" Verständnis jedenfalls nicht nur um das Musikstück als solches. Es geht vielmehr dann zumindest auch um den Komponisten selbst, um ein Mitfühlen mit seinen Lebensumständen und deren Verarbeitung in der Musik: Damit kehre ich die eingangs gestellte Frage in ihrer Richtung gewissermaßen um: Kenne ich einen Komponisten bisher nur aufgrund seiner Biographie, verschafft mir dann die Kenntnis der Musik einen besseren Zugang zu seiner Person? Eine Frage, die man doch recht zweifelsfrei bejahen könnte. Oder?



    Paulus

    Zitat

    Intertextualität

    Nennenses Fachwort, sagte schon früher mein Deutschlehrer und war froh und glücklich und damit allein schon völlig zufrieden....


    Paulus

    43 Und alsbald, während er
    noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine
    Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und
    Schriftgelehrten und Ältesten.
    44 Und der Verräter hatte
    ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der
    ist's; den ergreift und führt ihn sicher ab.
    45 Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn.
    46 Die aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn.

    Ach Liebste / laß vns eilen /
    Wir haben Zeit:
    Es schadet das verweilen
    Vns beyderseit.


    Der edlen Schönheit Gaben
    Fliehn fuß für fuß:
    Das alles was wir haben
    Verschwinden muß.


    Der Wangen Ziehr verbleichet /
    Das Haar wird greiß /
    Der Augen Fewer weichet /
    Die Brunst wird Eiß.


    Das Mündlein von Corallen
    Wird vngestalt /
    Die Händ' als Schnee verfallen /
    Vnd du wirst alt.


    Drumb laß vns jetzt geniessen
    Der Jugend Frucht /
    Eh' als wir folgen müssen
    Der Jahre Flucht.


    Wo du dich selber liebest /
    So liebe mich /
    Gieb mir / das / wann du giebest /
    Verlier auch ich.


    Bald aber küsst Dich bleich der Tod....

    Zitat

    Wie ich ihn verstehe, wäre ziemlich uninteressant. Es könnte ihn ja
    jeder anders verstehen. Ich meine, dass nur das von Interesse ist, was
    mehr ist als privater Eindruck. Und ich bin sicher, dass keine
    Interpretationen mehr gelesen würden, wenn sie nichts als
    Privatmeinungen wiedergäben.

    Da bin ich anderer Meinung. Vorausgesetzt, es ist ein Verständnis, das sich mit dem Text in Einklang bringen lässt.


    Zitat

    Weil ein prosaischer Aufsatz Gedanken besser (ausdrücklicher) wiedergeben würde.

    Was soll denn das Kriterium für "besser" oder "ausdrücklicher" sein? Und in Bezug auf was besser? Sagt etwa der Text "Mir wird bewusst, wie schnell diese Liebe wieder vorbei ist" etwas besser, ausdrücklicher, genauer?


    Zitat

    Und nur die Lippen, die sind rot;


    Bald aber küßt sie bleich der Tod.


    Da zum Beispiel gibt es nicht viel zu interpretieren, oder?

    Wirklich? Welcher Art ist denn dieser "Tod"?


    Um eine Gegenthese aufzustellen: Lebt Literatur nicht gerade von einer Schwebe, einer Interpretationsbedürftigkeit, geradezu von einem Ruf nach Interpretation? Von einer Vieldeutigkeit, die jede Eindeutigkeit als Versimplifizierung scheut? Von der schillernden Vielfältigkeit? Und macht nicht gerade sie die Unterhaltung über Literatur - und jede begründete Meinung über ihre Interpretation - interessant?


    Paulus

    Zitat

    Ich liebe an Heine ganz besonders seine Ironie, die aber nie bösartig
    wird. Heine macht sich nicht über die Liebe lustig und nicht über den
    Schmerz, den diese Liebe verursachen kann, er spottet nur über den
    Umgang der Menschen mit diesen Gefühlen. Das macht Heine für mich zu
    einem ungemein menschlichen Dichter und zu einem wunderbaren
    Liebeskummertröster...

    Lieber Cherubino,


    Da sprichst Du den Punkt an, den ich vor allem mit meinen Posting oben meinte: Das Schillernde der Heinetexte, die man durchaus völlig ernst nehmen könnte, die aber vom lyrischen Ich des Dichters der Liebe stets auch mit Ironie und vor allem Selbstironie verbunden werden. Einen Changieren zwischen einer emotionalen Betroffenheit und einer gleichzeitigen geistig darüber stehenden Selbstbetrachtung lese ich aus den Versen, auch einen Schuss Selbstverspottung.


    Höre ich die Vertonung, dann wird die emotionale Komponente - wohl
    notwendigerweise - übergewichtet, weil die romantische Komposition vor
    allem den emotionalen Zustand beschreibt, nicht aber die
    Selbstreflexion und die Selbstironie. Oder?


    Was Deine Frage angeht, kommt es vor allem wohl auf die Interpretation der letztem Zeile an: Warum weint der Dichter gerade da, bei den Worten, die einen anderen glücklich machen würden?





    Paulus

    So viele schöne Werke sind hier schon genannt worden, vor allem die Hauptwerke von Dostojewski, die ebenfalls zu meinen Lieblingen der russischen Literatur (und nicht nur der) zählen. Ein kleineres frühes, von mir sehr geschätztes Werk dieses Autors ist aber auch der Doppelgänger, ein hintergründiger, sehr genau zu lesender Roman. Schon die Sichtweise des Erzählers changiert merkwürdig: Sie gibt sich als objektive Schilderung der Ereignisse, ist aber in weiten Strecken alleine eine Darstellung der Welt, wie sie sich für den erkrankten Helden der Geschichte darstellt.


    Zu erwähnen ist schließlich, gerade in einem Musikforum, auch die skurile Geschichte "Die Nase" von Gogol.


    Viele Grüße


    Paulus

    Zitat

    Lieber Cherubino, ich kann die Gedichte nicht mehr lesen, ohne
    automatisch die Musik dazu in mir zu hören. Das ist schade, denn es
    bestehen ja erhebliche unterscheide zwischen vertontem und unvertontem
    Gedciht, aber so isses nun mal.

    Mir geht das ähnlich. Es ist auch, als hätte die Vertonung den emotionalen Gehalt der Lieder festgelegt und, mit allem Respekt vor der wunderschönen Vertonung Schumanns, sei es trotzdem gesagt: Vielleicht etwas einseitig? Ohne das Heine Typische Schillernde? Ohne Brechungen, die gerade in dem bewusst einfach gehaltenen Text Heines liegen?


    Lese ich - schon fast etwas bemüht, den Heinetext mit dem Versuch, n i c h t die Musik hinzuzuhören, habe ich jedenfalls eine andere Vorstellung von dem Dichter und seiner Liebe, als wenn ich gleichzeitig auch die Vertonung Schumanns höre. Geht es anderen genau so? Aber vielleicht ist das eher eine Frage, die in den entsprechenden Thread der Dichterliebe gehört.


    Schöne Grüße


    Paulus

    Kaufberatung Cellokasten

    Hallo zusammen,


    ich benötige für mein -zierliches - Cello, dass schon einige reparierte Risse aufweist, einen Cellokasten. Das Gewicht spielt für mich nicht die ganz entscheidende Rolle, da ich zu meinen Kammermusiken eh mit dem Auto unterwegs bin. Wichtiger wäre mir eine sichere Transportmöglichkeit.


    Ich habe einmal vor einiger Zeit mein Instrument in einen GEWA - Kasten bei Gelegenheit gesteckt und erinnere, dass mein Instrument im Kasten eher schlackert. Ich kann auch noch nicht recht etwas mit dem Begriff der Schwebelagerung anfangen. Das heißt doch wohl, dass das Instrument allseitig vom Kasten nicht berührt werden soll und nur an zwei Punkten aufgehangen wird? Ist so eine Konstruktion nach euren Erfahrungen zu empfehlen? Oder ist es sinnvoller, das Instrument vollständig von Polster zu umgeben, wie die in den Accordkästen geschieht?


    Für eure Meinung bin ich dankbar.


    LG Paulus

    Liebe Fairy,


    Gesang und Cello gehören doch engstens zusammen, insoweit bist Du doch im Cellotalk völlig richtig! Meine besten Wünsche für Deine anstehenden Prüfungen; wobei das auswendig Gelernte ja auch ernorme Sicherheit verschafft. Wenn ich einmal ein Stück auswendig drauf habe, ist das ein wunderbares Gefühl: Man klebt nicht mehr am Notentext sondern kann sich dem Stück ganz hingeben, jede Note ist einem bewusst, so dass man sich völlig der Gestaltung widmen kann. Ich spiele daher selbst gern auswendig und bewundere all die Interpreten, die nicht nur ihren eigenen Notentext "drin" haben, sondern auch den der begleitenden Instrumente und ihn jederzeit ebenfalls spielen (oder singen) könnten.


    Liebe Grüße


    Paulus

    Die Marquise und der Graf. Träumten die nicht beide so vor sich hin? Wobei allerdings die Marquise beim Träumen nur die Augen zuhielt - so wollte es jedenfalls ihr Schöpfer wissen - sich dann aber als recht handfestes Weib entpuppte. Während der Graf unter dem Holderbusch herumträumte und dabei von Dingen redete, die ihm nicht bewusst waren; es war dann ja wohl märchenhaftes Glück für ihn, dass sich seine Träume so hochwohlgeboren erfüllen ließen.


    Paulus

    Unbefleckte Empfängnis

    Lieber Bernd,


    Deinen Beitrag habe ich mit Freude gelesen, ganz herzlichen Dank dafür! Das Lied, die Komposition, ist auch eines meiner liebsten Stücke aus dem Zyklus (und Zwielicht eines der liebsten Lieder von Schumann).


    Zwei kleine Gedanken möchte ich noch zum Text ergänzen, den auch ich als ausgesprochen eigenartig empfinde:


    Sexuelle Konnotationen, vielleicht, aber nicht zu vergessen ist, dass die Lilie in erster Linie in erster Linie Symbol der Reinheit, der Jungfräulichkeit (Madonnenlilie) und: der unbefleckten Empfängnis ist. Der Erzengel Gabriel wird in den Bildern der Verkündigung zum Zeichen der Reinheit häufig mit Lilie dargestellt, zu Beispiel hier:


    "]http://media.kunst-fuer-alle.d…nci_die-verkuendigung.jpg"


    Die dichterische Seele taucht in den Kelch der Lilie und zeugt ein Lied mit dem Symbol der unbefleckten Empfängnis, ein rein seelischer Vorgang! Zu diesem steht allerdings der körperliche Kuss, der Schauern und Beben machte, in einem eigenartigen Spannungsverhältnis. Und ich denke, dass es Heine hier gerade auf dieses Spannungsverhältnis ankommt.


    Der zweite Gedanke, der sich daher bei mir in der Folge einstellen will, wenn ich das Lied lese, ist: Das Gedicht schildert in sehr eigentümlicher Weise, wie der Dichter zu einer "Empfängnis" seines Liedes gelangt: Er nutzt die Spannung, die sich aus dem einstigen Kuss und dem Hineintauchen in die entsagungsvolle Verehrung ergibt. Er wirft sich in die entsagungsvolle Liebe, ein Liebe, die ohne Erfüllung bleiben w i l l, um das Schauern und Beben um so mehr zu fühlen und in ein Lied kleiden zu können. In unserer Zeit würden wir daher sicher auch sehr trocken und wenig poetisch diagnostizieren, dass er damit auch den "Gegenstand" seiner Liebe benutzt, weil der Gedanke der "unbefleckten Empfängnis" , auch in diesem übertragenen Sinn der Sublimation uns doch eher fremd geworden ist.


    Paulus

    Noch ein Nachtrag, aber etwas o.t. :


    Ich meine, mich an ein romantisches Lied zu erinnern, dass in A B A Form von einer Marienverehrung erzählt, die im B Teil in ein sexuelles Begehren - in Bezug auf die im Bild dargestellte Maria - umschlägt, ein Begehren, das als wahnsinnig mühsam unterdrückt wird, so dass das Lied wieder im A-Teil: Marienverehrung endet... Wolff? Erkennt das Lied jemand aus dieser Beschreibung?


    Schöne Grüße


    Paulus

    Zitat

    Warum
    gleicht aber die Liebste der Madonna auch physisch genau? Ist das nun
    die allerbitterste Ironie (eine Liebste die fremdgeht ist ja alles
    andere als eine Madonna) oder ist das die allerbitterste Illusion? Mir
    bleibt diese Frage noch offen.

    Und das sind ja mitnichten die einzig denkbaren Varianten.


    Wenn wir vom Text ausgeht:


    In meines Lebens Wildnis


    hats freundlich hereingestrahlt...


    Wie sollte dies sein, wie sollte das Bild freundlich strahlen, wenn die Bemerkungen des Dichters in der Dichterliebe allerbitterste Ironie wären?


    Die Augen, die Lippen, gar die Wänglein: zur Verehrung der "lieben Frau" ist der Dichter nicht im Dom, denkt sehr intensiv an eine andere. Die er verehrt in einer Art Heiligenverehrung. Seine persönliche Heilige. Seine Gekoste. Die Wänglein. Gibt der Text wirklich etwas her, um von bitterer Illusion, von allerbitterster Ironie zu sprechen?



    Und doch: Woher kommt unser Vorwissen an dieser Stelle, dass der Liebsten Wänglein und ihre Lippen zwar denen von der lieben Frau gleichen, die Frau, an die er denkt, aber alles andere als eine Heilige sein könnte? Textlich, weil der Vergleich eines Menschen mit der "lieben Frau" unziemlich wäre? Weil dieser Vergleich - bitte, wir sind im heiligen Köln im großen Dome im 19 Jahrhundert - etwas Blasphemisches hat? Weil es nicht sein kann, dass seine Geliebte Maria - sonst - gleicht?


    Ich meine, unser Vorwissen kommt vor allem aus der Musik. Die für mich beim Textende in tiefer Nachdenklichkeit versinkt. Da ist keine Ironie, kein Aufbegehren, keine Trauer, auch keine Verehrung: nur Nachdenklichkeit, vielleicht besser Versunkenheit - eine Schwebe, ohne harmonischen Schluss beim Textende, eine Schwebe, die nicht nur in der Dynamik in einem eigenartigen Kontrast steht zu den harten, festgefügten zunächst kreisenden am Ende aber geradezu unerbittlichen Schlusswendungen in den tiefsten Bass - nach dem Textende. Für mich drückt die Musik am Textende etwas aus wie ein Vorwissen der Seele, noch bevor der Dichter sich dieses "Vorwissens" bewusst geworden ist.


    Paulus

    Zitat

    "Der Mensch hat eine besondere Begabung, das, was er in seinem Kopf
    vorfindet, wahrer anzusehen als das, was er mit den Augen sehen könnte,
    wenn er sie aufmachte.”

    Akademische Bildung verringert nicht die Neigung zu Vernunftwidrigkeiten, sondern potenziert sie.


    Auch ein Zitat von Manfred Rommel, das vielleicht in diesen Zusammenhang gehört.


    Manfred Rommel und seine politischen Fähigkeiten in Ehren. Schalten wir also den Kopf aus. Vertrauen wir unseren Augen.


    Aber sagt das nicht auch der Hütchenspieler vor dem Brandenburger Tor? Machen wir da die Augen nur nicht weit genug auf? Oder vertrauen wir nur nicht dem Gehirn, das uns sagt, wir werden mit den Augen allein diesen Trick nicht durchschauen?


    Und was ist mit dem anderen Spruch:"Man sieht nur mit dem Herzen gut? Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar?"


    Verwirrte Grüße


    Paulus

    Liebe Capriziöser,


    Ihr könnt es glauben oder nicht:


    Am Nachmittag vor dem Abend, an dem ich im Kino das weiße Band sah, ging ich spazieren. Kam im Dämmerlicht im Wald in der Nähe eines Reiterhofes vorbei. Und dort war, quer über den Weg gespannt, eine noch ganz gut sichtbare weiße Schnur gespannt. Das eine Ende solide am Baum befestigt, das andere viel weniger solide an einem recht dürftigen Holzpflock. Kein Mensch in der Nähe. Ich dachte mir: Kinderscherz. Und damit nicht in der Dunkelheit ein anderer darüber stolpert, habe ich den Holzpflock gezogen und mit der Schnur auf die Seite des Weges gelegt. Und am Abend sah ich dann den Film. Und dachte bei mir: Die Schnur hättest Du wohl besser mitgenommen.


    Und dachte vor allem aber an manches andere. Zum Beispiel daran, dass ich einmal als kleiner Junge von einem Lehrer geohrfeigt worden bin. Immer und immer wieder. Er wollte von mir das Geständnis haben, dass ich verbotener Weise unter der warmen Dusche gewesen war. Und mein blöder Stolz mir sagte: Das gibst Du nicht zu, schon weil es nicht stimmte. Und meine einzige Genugtuung war, dass der Lehrer doch unsicher wurde. Ich erinnerte mich an unseren Englischlehrer wie auch an unseren Griechischlehrer: Wie sie in zynischster Weise ihre besonderen Lieblinge traktierten. Das letzte Mal dachte ich an sie, als ich die Novelle von Alfred Andersch las: Vater eines Mörders. Und ich erinnerte mich dunkel, ich war damals fünf, an meinen despotischen väterlichen Großvater, Schulrektor war er, strammgestanden!! Oder an meine kleine Freundin, die auf unserem Höfchen Samstags überlegte, was sie dem Priester denn glaubwürdig für Sünden bei der Beichte anbieten könnte. Und an manches andere. Das war Anfang der 60iger. Nicht die Zeit vor 1914. Nur noch Nachwehen. Es war im übrigen auch eine schöne Kinderzeit.


    Erinnerung an - zum Glück - weitgehend vergangene Erziehungsmethoden. Ich will damit den Inhalt des Film nicht verteidigen. Vieles in ihm schien mir nicht echt, war gesucht, konstruiert, auch zu holzschnitzartig in der Charakterisierung der Figuren. Er drückt außerdem mit der Beziehung zu den Weltkriegen keinen neuen Gedanken aus, der bereits erwähnte Andersch hat ihn früher, und auch viel besser, subtiler getroffen.Gefallen haben mir aber die Bilder. Und vor allem die schauspielerische Leistung der Kinder, neben der des Pastors.


    Paulus

    Liebe Capriziöser,


    Ihr könnt es glauben oder nicht:


    Am Nachmittag vor dem Abend, an dem ich im Kino das weiße Band sah, ging ich spazieren. Kam im Dämmerlicht im Wald in der Nähe eines Reiterhofes vorbei. Und dort war, quer über den Weg gespannt, eine noch ganz gut sichtbare weiße Schnur gespannt. Das eine Ende solide am Baum befestigt, das andere viel weniger solide an einem recht dürftigen Holzpflock. Kein Mensch in der Nähe. Ich dachte mir: Kinderscherz. Und damit nicht in der Dunkelheit ein anderer darüber stolpert, habe ich den Holzpflock gezogen und mit der Schnur auf die Seite des Weges gelegt. Und am Abend sah ich dann den Film. Und dachte bei mir: Die Schnur hättest Du wohl besser mitgenommen.


    Und dachte vor allem aber an manches andere. Zum Beispiel daran, dass ich einmal als kleiner Junge von einem Lehrer geohrfeigt worden bin. Immer und immer wieder. Er wollte von mir das Geständnis haben, dass ich verbotener Weise unter der warmen Dusche gewesen war. Und mein blöder Stolz mir sagte: Das gibst Du nicht zu, schon weil es nicht stimmte. Und meine einzige Genugtuung war, dass der Lehrer doch unsicher wurde. Ich erinnerte mich an unseren Englischlehrer wie auch an unseren Griechischlehrer: Wie sie in zynischster Weise ihre besonderen Lieblinge traktierten. Das letzte Mal dachte ich an sie, als ich die Novelle von Alfred Andersch las: Vater eines Mörders. Und ich erinnerte mich dunkel, ich war damals fünf, an meinen despotischen väterlichen Großvater, Schulrektor war er, strammgestanden!! Oder an meine kleine Freundin, die auf unserem Höfchen Samstags überlegte, was sie dem Priester denn glaubwürdig für Sünden bei der Beichte anbieten könnte. Und an manches andere. Das war Anfang der 60iger. Nicht die Zeit vor 1914. Nur noch Nachwehen. Es war im übrigen auch eine schöne Kinderzeit.


    Erinnerung an - zum Glück - weitgehend vergangene Erziehungsmethoden. Ich will damit den Inhalt des Film nicht verteidigen. Vieles in ihm schien mir nicht echt, war gesucht, konstruiert, auch zu holzschnitzartig in der Charakterisierung der Figuren. Er drückt außerdem mit der Beziehung zu den Weltkriegen keinen neuen Gedanken aus, der bereits erwähnte Andersch hat ihn früher, und auch viel besser, subtiler getroffen.Gefallen haben mir aber die Bilder. Und vor allem die schauspielerische Leistung der Kinder, neben der des Pastors.


    Paulus