Beiträge von Jean

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    Oder: Von harten Männern in ledernen Strümpfen und anderen in Strumpfhosen von der weicheren Sorte


    Vor meiner Abreise habe ich am Sonntag in den Abendstunden so eine merkwürdige Schwarmbildung im Forum gesehen. Es ging um einen französischen Komponisten, noch nie von ihm gehört. Ich habe es nicht gleich verstanden, obwohl ich den Strang vollständig gelesen hatte. Gut, konnte ich dann nix zu schreiben. Ich bin am Montag sehr früh in den Zug gestiegen, musste nach Berlin. I-was mit Brot, aber ohne Spiele. Da habe ich im Zug dieses Buch gelesen:






    Robert Becker (Hrsg.)
    Lederstrumpf in Hanau
    WBG



    Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Indianer! Es gibt Stämme, die Spuren lesen können. Und es gibt solche, die sie vorher bewusst auslegen, damit die anderen was davon lesen können. Dafür genügen ein oder zwei Mitglieder, lesen können es dann sehr viele. Ein hoher Wirkungsgrad, Respekt! Die gelegten Spuren nennt man dann „falsche Fährten“. Sehr soziale Stämme, dieses Volk der Indianer.


    Diese Sache im Forum war wohl so ein Sender-Empfänger-Ding in den internen Bereichen. Anschließend dann Schwarmbildung mit Musik. Es ging wohl um eine „falsche Fährte“. :thumbup: Erstaunlich! Es ereignete sich ganz ohne gleichgewichtigen Gegenschwarm auf Konfrontationskurs. Es geht doch! Robin und Jean waren schließlich verreist.


    I-wie habe ich das Gefühl, daran trägt Frau Förster-Nietzsche die Schuld. Diese Sache mit der „Verheimlichung“ und das alles auf den „Tisch“ kommen solle. Aber die bringt eh nix, denn der Spiegel bringt es sowieso, er bringt immer alles. Ekkehard hat es so schön erklärt. Er hat mir dadurch viel Arbeit abgenommen. Chapeau!


    NB: Schade, dass die Indianer heute nicht mehr diese Relevanz haben. Hat wohl i-was mit Büchern zu tun, die nur noch „eben im Staub gewälzt“ werden. Muss ich noch anlegen.


    NB 2.0: Ich muss jetzt erst meinen Koffer auspacken.

    Vorsicht bei der Titelwahl! Eigentlich hätte es hier mit einem Folge 2 weitergehen müssen, wenn man mit Folge 1 beginnt. Da habe ich wieder etwas gelernt.


    Garcia hat mich zu diesem Beitrag animiert, denn er hat neulich über den Film Kafka von Steven Soderbergh geschrieben, der hier auch behandelt wird, dazu später mehr. Die Lektüre war für mich lohnenswert, weil er sehr offen über sein Schriftstellerdasein und die damit verbundenen zentralen Aspekte informiert. Welche wichtige Rolle der Marathon und später der Triathlon als Ausgleich für das Schreiben einnehmen, auch als eine Art „Entgiftung“. Der Sport soll auch dafür Sorge tragen, dass ihm die Ausdauer beim täglichen Schreiben erhalten wird.


    Haruki Murakami hat zwei Bände mit autobiografischen Essays veröffentlicht:



    *


    Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede * Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller



    Haruki Murakamis Leben ist wie eine literarische Kippfigur, wie ein Vexierspiel. Es changiert zwischen dem Schreiben von Texten und Leistungssport. Immer im steten Wechsel.


    Schon während seines Studiums der Theaterwissenschaften hat er gemeinsam mit seiner Frau einen Jazzclub eröffnet. Etwa im Alter von 30 Jahren war er Zielperson einer „Epiphanie“, einer göttlichen Eingebung: „Ich soll Schriftsteller werden!“ Er hat nach den ersten beiden kurzen Romanen zusammen mit seiner Frau den Club verkauft, um nur noch schreiben zu können. Die Liebe zur Musik - zum Jazz, zur Klassik und zur Popmusik - ist ihm bis heute erhalten geblieben.


    Neben seiner Schriftstellertätigkeit arbeitet er auch immer wieder an Übersetzungen amerikanischer Schriftsteller. Ernest Hemingway, John Irving und andere hat er in die japanische Sprache übertragen. Franz Kafka schätzt er sehr. Er ist ein Vielleser amerikanischer und europäischer Literatur. Die Kollegen aus der Heimat kennt er natürlich auch.


    Für mich waren die Schilderungen über seinen Prozess des Schreibens besonders interessant. Aber auch, was er über Themen und Motive zu sagen hat, wie er seine Methodik beschreibt und warum er diejenige von Ernest Hemingway als problematisch betrachtet. Der Film Kafka von Steven Soderbergh spielt hier eine Rolle. Er verwendet keine Notizbücher, sondern verlässt sich auf ein gut ausgebildetes Langzeitgedächtnis, aus dem er bei Bedarf schöpfen kann. Diese Szene aus dem Film mit den großen Möbelstücken und den vielen herausziehbaren Kästchen nutzt er als Vergleich für sein großes Erinnerungsvermögen. Wie er in den Anfängen zu seinem Schreibstil gefunden hat, das find ich richtig clever. Aber nicht nur das, da gibt es vieles zu entdecken.


    Das Motto für seinen Grabstein hat er längst gewählt: "Haruki Murakami 1949-20**, Schriftsteller (und Läufer) - Zumindest ist er nie gegangen."


    Die beiden Bände lassen sich wunderbar lesen. Sie sind in Essays untergliedert, die über einen längeren Zeitraum entstanden sind. Man kann sie auch in Etappen lesen, wenn man das mit den Unterbrechungen hinbekommt. Ich habe das i-wie nicht geschafft. Den Film Kafka muss ich mir wohl auch nochmal ansehen, den fand ich gut damals.


    Dank an Murakami san für schöne Stunden. Dank an Garcia für die schöne Inspiration.

    Hallo Rosamunde,


    diesen Link habe ich eben beim Aufräumen gefunden, den wollte ich dir längst geschickt haben. Ich hatte dazu ein paar Zeilen geschrieben. Ich bin gespannt, ob es dir gefällt. Vielleicht weißt du auch, wer es gespielt hat [nicht kucken vorher!]. Es ist ein Livemitschnitt:


    Bitte hier anklicken


    NB: Danke für diese aktuelle Fortsetzung im Faden zu Aribert Reimanns Lear. Da hast du einen schönen Austausch mit leverkühn und anderen Interessierten. Das macht mich neugierig. Ich kenne das Werk nicht. Ich wusste nicht, dass Verdi sich auch an diesem Stoff versucht hatte.



    Liebe Grüße
    Jean

    Ecce nili inflatio.


    Liebe Rosamunde,


    das ist für dich. Das ist wieder so ein Rätselding aus den Asterix-Heftchen, wie mir scheint. Ich habe jetzt nicht nach deiner Frage gesucht. Bin ja nicht so der Rätselfritze. Habe ich das eigentlich schon erwähnt, hier im Forum Romanum? Immer viel Latein, die alten Sachen mag‘ ich gern. Kleiner Tipp: i-was mit „Inflation“.


    Ich werde es auch i-wann benutzen, weil es so schön ist – so schön kurz. Ich hab‘ auch schon eine Idee, wo ich es dann einbauen könnte, aber nur als Zitat natürlich. Und nur wenn es so richtig passt. Naklar, Ordnung muss sein. Ich mag ja die kurzen Sachen. Wie heißt das eigentlich dann auf Englisch? Short Piece Master?


    Ich bin übrigens erleichtert, dass du das übersehen hast. Warum? Weil du menschliche Züge annimmst. Die Nummer mit der Bratsche habe ich von Anfang an nicht gekauft. Dafür bist du viel zu schnell. Schnell ungeduldig i-wie auch. Und große Rechenaufgaben schaffst du nur mit zwei Fingern, während ich mit allen zehn gleich stecken bleibe. Das hat dich natürlich verraten. Aber dazu später mehr. Ich habe dich natürlich nicht vergessen. Wie könnte ich?


    Ich höre gerade diese „Bruckner 3“. Erster Durchgang, dauert noch. Bildchen mit Linkbrücke nach draußen und Daten immer mit dabei will ich jetzt nicht nochmal machen. Weiß jetzt gerade nicht warum, i-was mit „Inflation“ glaube ich.



    Liebe Grüße
    Jean, der heute Robin vertritt [kann ihn aber jederzeit rufen]
    Freund von cleveren Pianistinnen, wenn ein Schuh draus wird



    MB NB: Die Sache mit Jean und Robin werde ich bei passender Gelegenheit mal ansprechen. Es ist ja nicht so einfach mit dieser virtuellen Welt und der Rolle einer Kunstfigur und dann gleich zwei davon in einer. Oder?


    NB 2.0: Vielen Dank an Garcia, vielen Dank auch an Wieland. Ihr wisst warum. Es war mir persönlich sehr wichtig. Bei passender Gelegenheit… I-was mit „Inflation“ und den alten Sachen halt. Wir sehen uns. Passt auf euch auf, der Robin tut es auch. Hier und a-wo. Jajaja…

    Ich hatte mit Bruckner 3 zuvor nicht viel Kontakt. Aber bei der Einspielung halte ich es durchaus mit Igor Levit. Na gut, vermutlich bin ich nicht ganz so enthusiastisch, aber sie gefällt mir schon auch sehr.


    Merkwürdig, so eine „kraftvolle“ Position wie bei Christian Kracht kann man bei Christian Thielemann nicht verorten. Nein, das fand ich gut im Falle Kracht, hat mir sehr gefallen. Ich mag es, wenn man in einem langwierigen Prozess zu einer starken Überzeugung gelangt und diese dann auch mit Überzeugung meinungsstark im Diskurs vertritt. Ich mag es sehr. I do confess!


    Der Maestro Thielemann hängt ja drüben, bei deinen ungelesenen Büchern, mindestens genauso hoch wie Christian Kracht, wenn nicht höher. Ich persönlich habe noch kein Urteil zu Christian Thielemann fällen können, denn bei mir dauert es immer was länger. Hören, hören, nochmals hören. Auch mal was in die Noten kucken oder was lesen. Man konnte ja auch viel über ihn lesen in letzter Zeit.


    Merkwürdig, wie enttäuscht war ich dann ob der „kraftlosen“ und „wohlfeilen“ Wortmeldung zu Christian Thielemann hier. Kein Feuer in diesen imaginären „Wortlenden“? Ist es doch nicht so stark, das Band zwischen euch? Wir wollen es etwas genauer „in Perspektive rücken“, wie sich Theodor W. Adorno in vergleichbaren Situationen immer auszudrücken pflegte.


    Jetzt muss ich doch mal nachfragen. Was heißt in diesem Fall „nicht viel Kontakt“ konkret? Hast du „Bruckner 3“ jemals gehört? Hast du diese spezifische Aufnahme mit Christian Thielemann gehört? War es lediglich ein physischer Kontakt im Sinne von Haptik? Deinen Worten kann ich es nicht entnehmen. Ich möchte es sehr gerne wissen.


    Oder verhält es sich hier so wie in „Eben gewälzt“? Ein Analogieschluss drängt sich da förmlich auf, oder? „Kraftvolle“ Bildchen werden so bunt und wortlos in Szene gesetzt, um dann ganz beiläufig durchschimmern zu lassen, dass die dazugehörigen Bücher bisher nicht gelesen wurden, so viele, wie dann in einem weiteren Beitrag der Radetzkymarsch übrigens auch. In „Eben gewälzt“. Damit ist gelesen gemeint, nicht im Staub gewälzt. So habe ich es jedenfalls verstanden. Mag mich auch irren, kann ja sein. Ich will es verstehen. Alles, ausnahmslos.


    Und nach dieser diffusen suggestiven Einleitung geht es nahtlos über zu „halte ich es durchaus mit Igor Levit“. Das ist wirklich stark! Eine Überzeugung? Da merke ich dann auf. Eine risikopolitische Erwägung, wie mir scheint. Denn sobald er entbrennt, der Proteststurm, kann man sich auf sichere Positionen wie „habe ich gar nicht gelesen, eine Begründung aus einem renommierten und berufenem Munde schien mir adrett, so nett“ oder „habe ich gelesen, aber i-wie nicht verstanden, kann mich nicht mehr erinnern“. Dann würde es an Igor Levit hängen bleiben, gell? So eine Art Team Building, auch so ein beliebtes Szenario der Spalterei. Gegen Schwärmerei ist nix zu sagen, aber muss es immer gleich in Schwarmbildung ausarten? Oder ist das als Versuch einer Aufwertung deiner Person zu verstehen? Ich würde es gerne verstehen.


    Aber der Igor Levit wird sich hüten, er hat bereits schlechte Erfahrungen mit Journalisten machen müssen. Der hat schon seinen Sturm gehabt, im Wasserglasformat war der aber nicht. Eine volle Ladung fieser Escherichia coli hat er erhalten. Ungefragt, dafür rezeptfrei, aber mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Das hält lange nach. Der junge Pianist ist nun nicht mehr so gut auf bestimmte Journalisten zu sprechen. Das kann ich nachvollziehen. Ganz bestimmt!


    Und dann folgt ein abrundendes, wohlwollendes, so gönnerhaftes „sie gefällt mir schon auch sehr“. Das ist der Höhepunkt, klingt i-wie nach Krönung. Ja was denn genau? Die Optik? Die Akustik? Die Haptik? Oder die Musik, wie sie von Christian Thielemann und dem Orchester interpretiert wird, so sie denn gehört wurde? Oder etwas ganz anderes? Eine Abwertung vielleicht? Was ist es denn konkret, was so sehr gefällt? Keine singuläre eigene Silbe einer möglichen Explikation ist zu lesen. Keine Begründung i-wie. Es ist der so „wohlfeile“ und „mit Lautverstärkern orchestrierte Impressionismus“, der erneut frei im digitalen Raume schweben muss. Ich bin etwas enttäuscht, möchte es aber i-wie verstehen.


    Soll man jetzt deiner eigenen Meinung nach „Bruckner 3“ hören? Mit Thielemann? Ich bin verunsichert. Für mich liest sich dieser Beitrag eher wie eine reflexartige Reaktion auf eine vorauseilende Schwarmbildung. Einem Hauptstrom folgen, weil es vielleicht gerade en vogue ist, Christian Thielemann zu hören? Irgendwie so trendy im Moment? Ich mag mich irren, warum auch nicht? Jeder ist schließlich fehlbar. Merkwürdig wäre das aber nicht.


    Schließlich spielen wir hier nicht Frau Förster-Nietzsche. Hier wird nix verheimlicht, beschönigt oder geklittert. Es kommt alles auf den Tisch, ausnahmslos. Ich habe so viele Fragen, die werde ich jetzt einfach stellen. Dann kommt vielleicht endlich mal ein Hauch von Austausch zustande hier. Gut, ich habe bisher auch überwiegend nur Textbausteinchen geliefert. Ein Kiesel hier, zwei Kieselchen dort. Ich bin da nicht schuldlos. I do confess! Aber mit dem heutigen Tage endet es, diese endlose Passivität, dieses öde Phlegma. Hier muss sich endlich was bewegen!


    Von einem, der es verstehen will. Weil er muss.


    Robin
    Förderhilfegeber für Leser mit Verständnisproblemen, obwohl er selbst einer ist. Rächen muss warten…



    NB: Da habe ich noch einen schönen Tipp. Wenn du mal Zeit und Muße hast. Scheint mir ganz nützlich zu sein. Da wollte ich auch noch was zu beitragen: I-was mit lesen


    NB 2.0: Sollte im Urlaub das Wetter auf dem Balkon mal nicht so toll sein, habe ich noch was Rätsel für dich. Die Lösungen darfst du gerne für dich behalten, ich bin nicht so ein Rätselfritze.

    Zunächst ein Kreuzworträtsel: „Berufsstand, der aus nur drei Worten besteht: ‚merkwürdig‘, ‚kraftvoll‘ und ‚wohlfeil‘“. Die Anzahl der Buchstaben habe ich leider nicht, es ist wohl noch in der Entstehung.


    Jetzt noch ein ganz anderes Rätsel: „Warum kann man etwas nicht entwerten, was genuin wertfrei ist?“ Da bin ich ad hoc nicht so ganz schlüssig, ob es um das „etwas“ geht oder ob das so ein Um-die Ecke-denken-Ding ist.


    NB 3.0: Ich wünsche dir noch einen schönen Urlaub. Hoffentlich kommst du voran mit deinem ambitionierten Lektüreprogramm für den Kurzurlaub, obwohl du sehr viel hier im Forum abhängst. Ich werde jetzt mal was von Thielemann hören, auch was lesen dazu, vielleicht auch was in die Noten kucken. Hast du Lust, dich nach deinem Urlaub ein bisschen mit mir über Thielemann auszutauschen? So einszweidrei Sätzchen am Stück? Ich würde mich jedenfalls freuen.

    *


    Lieber Josquin Dufay,


    ich hoffe sehr für mich, dass du hier nicht die ersten Gehversuche unternimmst, um diese geschlechtsspezifischen Gruppen um das zentrierende "*" zu organisieren, die zusammengenommen eine dieser fiktiven Kohorten bilden sollen. Noch sieht es für mich nicht bedrohlich aus, trotzdem macht es mich i-wie nervös. Darf ich dir vielleicht ein Exemplar von Karl Poppers "Logik der Forschung" schicken?


    Währet den Anfängen
    Jean

    Mist, wieder OT. Jetzt werde ich Ärger bekommen. :/


    Das ist ein tolle Idee, Wolfram. Ich freue mich auf euch und die Lektüre.

    Da hast du ein ordentliches Programm vor dir. Von den zehn verbotenen DEFA-Filmen kenne ich nix, glaube ich. Truffaut müsste ich schon so ziemlich alles gesehen haben, ist aber schon ein paar Tage her. Egal, deine Eindrücke interessieren mich immer sehr.



    :wink:


    Jean

    Das sind 6 Bände fürs Restleben, nicht für Sommer 2021. Aber ich werde berichten, egal was alles dazwischenkommt (und das wird viel sein)


    Prima, da freue ich mich schon auf deine Eindrücke. :top:
    Kann ich dann auch ein paar Sätze zu sagen, aber nicht spoilern! Erst sollst du dein Lesevergnügen haben. Ich habe auch immer wieder in kleineren Dosen gelesen. [War OT, ich weiss, aber ich war so neugierig.]

    Mich faszinieren alte gebrauchte Bücher eigentlich mehr als die keimfrei eingeschweißten neuen Ausgaben. Da ich großer Thomas-Mann-Fan bin, habe ich so inzwischen eine fast vollständige Sammlung von Erst- oder zumindest Früh-Ausgaben nicht nur der Romane und Erzählungen, sondern auch der Essays.


    Dass ich das einmal in der virtuellen Welt erleben darf, macht mich sprachlos – vor großer Freude! Aber ich wusste es, wenn es einen Menschen, einen Seelenverwandten in der Forenwelt gibt, dann ist es der leverkühn! Jemand, der in dieser kalten Welt von „Antiquariaten“ und „TM“ in einem Gedankengang schreibt. An Antiquariate darf ich gar nicht denken. Hier kurz OT, ich darf das ausnahmsweise, da ich mich sonst strikt an die thematische Disziplin der fachlichen Stränge halte.


    Lieber leverkün,
    ach was, ich bin jetzt etwas mutig: lieber Adrian! Seit meiner Studienzeit ist das bei mir auch so. Ich bin immer in den Morgenstunden durch den Vordereingang in das Hauptgebäude der Universität, um es dann sehr oft durch den Hintereingang zu verlassen. Nicht, weil ich vor dieser Überfülle an Stoff auf der Flucht gewesen wäre. Nein, das Pflichtprogramm an Veranstaltungen habe ich immer absolviert, auch über den Tellerrand habe ich gerne einen Blick geworfen. Aber gleich auf der Rückseite des Gebäudes fing es an, das Paradies. Ein Antiquariat neben dem anderen. Und jedes hatte i-wie nicht nur thematische Schwerpunkte, sondern auch einen spezifischen Geruch. Mein erster antiquarischer Band war „Herr und Hund“ von TM. Eine frühe Ausgabe aus dem Gedächtnis, keine Erstausgabe, da bin ich mir sicher. Werde ich nie vergessen. Aber dazu ein andermal mehr, am richtigen Ort.


    Ich ströme natürlich auch. Aber bei mir dient dieser digitale Datenfluss primär der Selektion. Ich treffe auf der Basis von Gehörtem und Gesehenem dann meine Kaufentscheidungen. Fehlkäufe schließe ich dadurch komplett aus. Langspielplatten werden sich halten, da bin ich ganz bei dir! Beim Buch schätze ich die Entwicklung ähnlich ein. Da denke ich einfach die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien zur Lesequalität logisch und konsequent zu Ende.

    Ich habe es schon mit den gekauften Downloads festgestellt, dass ich zu diesen Aufnahmen nicht so einen Bezug habe wie zu den physikalischen Datenträgern (vor allem den LPs), die bei mir im Regal stehen.


    Lieber leverkühn,


    da hast du eine sehr schöne Empfindung formuliert. Diese digitale Erlebniswelt hat ein schweres Defizit zu verkraften, wie ich meine: Dieses haptische Moment, das mit dem physischen Kauf in einem dreidimensionalen Ladengeschäft einsetzt, um sich dann beim gelegentlichen Gebrauch wieder einzustellen. Das betrifft nicht nur die physische CD oder LP, sondern auch das analoge Buch.


    Wie schön ist es doch, ein Buch aus dem Regal des Buchhändlers zu entnehmen und darin zu schmökern. Ich habe da schon schöne Stunden am Stück gelesen, ohne es zu merken, so versunken waren meine Gedanken in den Text. Und wenn es denn gefällt, kauft man es sogleich, um daheim darin weiter zu lesen. Ich gestehe, dass ich manchmal das Leseexemplar in das Regal zurückstelle, um mir ein foliertes Exemplar zu kaufen. Dieser Moment des Auspackens ist ganz besonders für mich. Ich mache das immer noch auf wöchentlicher Basis, wenn es der Pandemiestatus erlaubt. Es ist ein schönes Ritual geworden, das ich bei Musik mit Schallplatten und CDs auch pflege.


    Ich habe eine wissenschaftliche Studie gelesen, die sich mit dem Themenkomplex analoges versus digitales Lesen beschäftigt hat. Es hat sich u. a. herausgestellt, dass das analoge Medium für ein deutlich intensiveres und nachhaltigeres Leseerlebnis Sorge trägt. Vielleicht schreibe ich einmal über das Buch, aber dann im passenden Faden.

    Ja, dieser „wohlfeile“ Journalismus. Es ist ein Elend. Der „gehobene“ Journalismus Dieter E. Zimmers ist ein Anderes. Da stimme ich zu. Der lässt sich aber nicht vermöge der Eisberg-Theorie erklären. So einfach wird es der mengengelehrten Restmenge schließlich nicht gemacht.


    Natürlich muss man Dr. Nassim Taleb nicht ernst nehmen. Vielmehr scheint mir die mathematische Relation von Gelesenem zu Ungelesenem auf dieser Welt einer Betrachtung wert. Bei der Bildung solcher Kennzahlen kann man sich dann auch nicht durch eine vermeintliche Leseschwäche herauslavieren, oder? Wozu gibt es Kalkulationshilfen? Kann auch erhellend sein. Immer diese verflixten Zahlen. Die bauen immer so einen Druck auf. Aber von Zahlen versteht Dr. Nassim Taleb etwas, kann man in seinem Buch nachlesen. Über Verkaufszahlen hat er wohl auch viel nachgedacht. Von der Relation von gekauften zu gedruckten Büchern eines Titels scheint er definitiv etwas zu verstehen. Wenigstens in dieser Beziehung würde ich ihn ernst nehmen, oder?


    Aber was wäre, wenn Dr. Nassim Taleb von Journalisten gelesen hätte, die viele Bücher kaufen, sie dann aber nicht oder nur selten lesen? Muss sich da nicht der „Impressionismus“ – um im Bild von Dieter E. Zimmer zu bleiben – von Un-Bildung aufdrängen? Da würde zumindest ich ihn schon ernst nehmen wollen, denn hier läge dann eine Impression vor, die einen Entwicklungsprozess von einem anfänglichen Eindruck via hinlänglicher Beobachtung mit anschließender Begründung zu einem Faktum durchlaufen hätte, oder? Bei hinreichender Größe der betrachteten Stichprobe, soll ja schließlich repräsentativ sein. Fast hätte ich von Evolution geschrieben. Bei Karl Raimund Popper werde ich jetzt aber nicht nachlesen. Wer weiß, was ich da wieder finde…


    Der Radetzkymarsch ist richtig klasse! Ein Buch, das ich sehr gerne noch einmal zum ersten Mal lesen würde. Aber das geht ja nicht, leider. Jan Philipp Reemtsma hat darüber übrigens einen Text geschrieben. Nicht über den Roman, sondern das „erste Mal“ bei der Lektüre eines guten Buches. Und die Folgen.


    Passend zum Roman gibt es übrigens auch eine tolle Verfilmung. Mit einem großartigen Max von Sydow, Gert Voss, ach was, alle sind sie gut! Ich meine Axel Cortis Sicht auf die Schlacht von Solverino und deren Folgen. Ein historisches Wimmelbild in bewegten Bildern. [Falls die Zeit im Urlaub für die Lektüre knapp werden sollte! Wäre eine anspruchsvolle „Abkürzung“.]





    Ich möchte dir jedenfalls einen erholsamen Urlaub und schöne Lektürestunden wünschen. Hoffentlich hält das Wetter auf dem Balkon!


    NB: Vielleicht schreibe ich mal was über den Roman. Aber ich lasse dir natürlich den Vortritt. Du hast das Vorrecht! Wenn du es gelesen hast und darüber schreiben möchtest. Ich kann ja dann im Anschluss was zum Film schreiben oder so. Aber nicht im Faden „Demletzt gekauft, noch nie gekuckt“. Denn ich habe ihn bereits gesehen, ich schwör‘.

    Für mich ist Kracht ein Ironiker mit viel (abstrakter) Menschenliebe und Distanz zu sich selbst, der sich (als Schweizer) am Deutschsein abarbeitet. Das alles muss man (namentlich in dieser Kombination) nicht mögen, aber interessant ist es offenkundig allemal, für mich sowieso.


    Er schreibt über Christian Kracht, wie es Journalisten heute auch tun. Das würde ihn sicherlich erbauen, wenn er es denn lesen würde. Seine Mission mit Eurotrash hat er jedenfalls erfüllt, der Christian Kracht…


    Aber ich gönne ihm seinen Erfolg. Warum denn nicht? Ich muss ihn ja nicht lesen, habe ich früher nicht getan, werde es zukünftig auch nicht tun. Und seine Mutter muss zukünftig ein oder zwei Banknoten weniger in Plastiktüten durch Zürich tragen - wie im Buch beschrieben.

    Es geht um sehr seltene Ereignisse, die man nicht prognostizieren kann, die aber sehr große Auswirkungen auf Mensch und/oder Natur haben. Der Mensch neige dazu, sich diese Ereignisse im Nachgang schön zu reden, sie zu vereinfachen, so der Tenor des Buches. Der „schwarze Schwan“ als seltenes Ereignis der Natur steht für die von Dr. Nassim Taleb benannte Black Swan Theory.




    Dr. Nassim Nicholas Taleb
    Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse
    Pantheon, 624 S.



    Auf Journalisten ist Dr. Nassim Taleb nicht so gut zu sprechen, wie mir scheint. In einem Interview hat er gesagt, dass sie „ungebildet“ seien. In Fernsehinterviews solle man deshalb gar nicht auf ihre Fragen eingehen, sondern all das sagen, was einem wichtig sei. Die Sendezeit in eigener Sache sinnvoll nutzen. Da scheint er sich in guter Gesellschaft zu befinden…


    Mit Fakten nehmen sie es oft nicht so genau. Vieles wird gerne aufgebläht oder gar erfunden, die Verkaufszahlen sind immer schuld. Der eine oder andere wurde wegen seiner Fake News überführt. Dem Spiegel hat der Skandal mit den H.-Tagebüchern wohl nicht ausgereicht: Der Fall Relotius kam Ende 2018 ans Tageslicht. Das gilt natürlich nicht für alle, es ist nicht pauschalierend gemeint. Wahrscheinlich liegt es daran, dass viele Journalisten ihre Berufsbezeichnung allzu wörtlich auffassen, sich nur „dem Tage verpflichtet“ fühlen. Was interessiert da schon das Geschwätz von gestern. Ein Søren Kierkegaard ist dann freilich auf dem Zeitstrahl zu weit weg [die Bedeutung von „gestern“ und „heute“]. Seltsam, es sind immer die Kraftlosen, die meinen, Kraftvolles dort verorten zu müssen, wo gar nix Kraftvolles ist. Es muss so eine Art berufsbedingte Krankheit sein: i-was mit Überhöhung und Fallhöhe, mangelndes [Er]Fassungsvermögen, was weiß ich; bin schließlich kein Journalist, kann da nix zu sagen.


    Halt! Einer von den exzellenten Vertretern fällt mir gerade ein. Dieter E. Zimmer. Er hat überwiegend über Romane und wissenschaftliche Themen geschrieben, war Feuilletonchef bei der Zeit. Er hat diese unter Journalisten weit verbreitete Unsitte, bloße Vermutungen „nicht genauer herzuleiten, sondern mit Lautverstärkern zu orchestrieren“ als „impressionistisch“ bezeichnet. Er muss es schließlich gewusst haben. Seine Art ist vom Aussterben bedroht. Leider ist er verstorben. Er war kein Impressionist, er war Journalist – einer, der der Berufsbezeichnung noch etwas Ehrbares abgewinnen konnte, ihr zur Ehre gereicht hat.

    Das mit dieser gendergerechten Sprache lässt mich nicht mehr los. Ich will es verstehen. Weil ich es muss.


    Ich habe sehr früh in meiner Jugend vermittelt bekommen, dass man die Dinge des Lebens mit Logik fassen sollte. Als ich von meinem Vater wissen wollte, wie man in solchen Fällen konkrete Frage- oder Problemstellungen pragmatisch angeht, stand er einfach auf – und ging. Er ging zu einem seiner unzähligen Bücherhorte und zog mit souveräner Leichtigkeit und väterlicher Sicherheit einen orangefarbenen Band hervor, der recht abgegriffen aussah und auf dem vergilbten Buchrücken die Aufschrift trug: „Karl Popper ∙ Logik der Forschung“ [heute sieht der Band ganz anders aus, siehe unten].


    Mit ausgestrecktem Arm bot er mir wortlos das für die kleinen Hände so große und schwere Buch an. Mit typisch väterlich-maskulinem Brummen signalisierte er mir freiwillige Übergabe und Zugriff durch den Stammhalter. Erst sehr viel später habe ich den Sinn dieses Urlautes unserer Vorväter verstanden, der wohl so viel bedeuten sollte wie: „Hier hast du. Lies es aufmerksam und sprich im Anschluss mit mir darüber, so du es verstanden hast. Wozu habe ich dich schließlich mit meinem Genom ausgestattet. Das Buch kannst du dann behalten.“ Er hätte es natürlich eleganter formuliert.


    An dieses Szenario habe ich mich gestern wieder erinnert. Aus aktuellem Anlass. Ich will diese Genderisierungswelle endlich verstehen, mit den Mitteln von „Logik und Forschung“, mit Sir Karls Hilfe den richtigen Hebel an der richtigen Stelle ansetzen.





    Karl Raimund Popper
    Logik der Forschung
    Mohr Siebeck, 601 S.



    Entschlossen habe ich das Buch aufgeschlagen, angelesen und das erste mir vertraute Wort aufgegriffen: „Beispiel“. Und gleich noch eins: „verifizieren“. Also habe ich ein genderkonformes Beispiel konstruiert: „Mann*in“. Passt.


    H u r r a!


    Zur Erläuterung: „Mann“ steht für den männlichen Teil einer fiktiven maskulinen Kohorte. Das „in“ am Ende der Wortschöpfung – das ist jetzt keine Wertung! – steht für den femininen Teil der maskulinen Kohorte. Wenn das soweit klar ist, dann sind wir auch schon fast am Ziel. Das mit dem Präfix als Affix, das im Gegensatz zum Suffix dem Wortstamm voranzustellen ist, wollen wir an dieser Stelle großzügig vernachlässigen. Es führt zu nix. Jetzt kommt der letzte Part – last, but not least! Bitte! Wir sind gleich fertig! Das „*“ steht für den Kreis derer innerhalb dieser Kohorte, die sich nicht zu einer der beiden anderen Gruppierungen zugehörig fühlen können oder wollen. Damit ist das Beispiel richtig und vollständig konstruiert, alle Parteien sind gleichberechtigt am richtigen Ort versammelt.


    Jetzt einen Schritt weiter im Buch. Dort steht dann geschrieben, dass man Beispiele nicht verifizieren solle… Na toll! Vielmehr sei jetzt plötzlich „falsifizieren“ angesagt. Es geht also darum, Beispiele zu finden, die die ganze Sache wieder widerlegen. Es ist kompliziert.


    Also neues Beispiel konstruiert: „Frau*in“. Jetzt die Prüfung nach gewohntem Muster. „Frau“ als weiblicher Teil einer femininen Kohorte? Passt. Das „*“ als Stellvertreter der anders Seienden, ob wollend oder müssend? Check. Und jetzt das „in“ zum Schluss für das Ende. Wähhhhhh? Warum überrascht es mich nicht, dass in diesem Konstrukt maskuline Männer in einer weiblichen Kohorte keine Rolle spielen? Nur weibliche Frauen – vorne und hinten – und das zentrierende „*“ in einer femininen Kohorte. Darum geht es also! Merkt ihr, wo das alles hinführt? Mit der Frauenquote fing alles an. Ein schleichender Übernahmeprozess. Sie haben schnell gelernt, das muss man ihnen lassen: Männer sollen abgeschafft werden! Mit der Sprache fängt es an!


    WISST IHR WAS? NICHT MIT MIR! ICH SPIELE DA NICHT MEHR MIT! ICH REG‘ MICH JETZT SO RICHTIG AUF!


    Männer, erhebt euch gemeinsam mit mir! Ich steh‘ schon! Schenkt dieses Buch jeder Frau, die euch genderisieren möchte. Karl Raimund Popper hat sie längst widerlegt, ad absurdum geführt, gnadenlos alle: Die Genderisierung [schon der Artikel hätte mich warnen müssen!] der deutschen Sprache hat weder was mit Logik und dann auch nix mit Forschung zu tun. Es geht hier um brutale Übernahme ohne Kaltakquise vorneweg. Wie in der Wirtschaft.


    Was ich eigentlich gar nicht beweisen wollte.


    Euer
    q. e. d.-Jean



    NB: Däd? Können wir reden? Ich glaub‘, ich bin jetzt soweit…