Beiträge von Antracis

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    Irgendwie verstehe ich die ganze Aufregung nicht. Wenn Thielemann wirklich so eine Katastrophe ist, ist doch ein Orchester, in dem es immerhin - und da sind sich doch die Gerüchte recht einig - eine einfache Mehrheit für eine solche gibt, eh nicht mehr zu retten ? Zumal doch der Drops des Niedergangs längst in den letzten Jahrzehnten von Karajan, Abbado und Sir Simon gelutscht wurde. Das mit dem Scheitel hätte man letztlich lösen können, Karajan lies sich bekanntlich nur von einer Seite aufnehmen , alternativ hätte man ja zum Antrittskonzert mit dem Langhaarschneider kurz und Schmerzlos eine Willi Furthwängler-Gedächtnisplatte mähen können. Was bleibt ? Immerhin, es ist keine Frau geworden. Und die Frage ist noch offen, ob Petrenko wirklich auf dem BER landen wird.

    Beethoven 3. Sinfonie, in der wie ich finde, großartigen Aufnahme unter Gardiner.



    Gewidmet im übrigen den 25 jungen, aber schon größtenteils promovierten, skandinavischen Naturwissenschaftlern mit denen ich ein wunderbares Seminar abhalten durfte, von denen aber niemand die Parole der Französischen Revolution in auch nur irgendeiner Sprache nennen konnte. Schon erstaunlich, wie sich Schul- und Allgemeinwissen wandeln, vielleicht auch landestypisch ? Immerhin würden wohl die meisten TV-Zuschauer mit Hilfe des 50-50-Jokers ausschließen können, dass die Eroica eine Figur aus dem Herrn der Ringe ist. Wenn man für 500.000€ als Alternative zur ersten Frage "Freibier, Geilheit und ey Bruder Ey" anbieten würde, wärs vermutlich aber auch ein enges Rennen. :D


    Edit: So ist das nach dem Nachtdienst, wenn man nach 16h Arbeit im falschen Thread postet ...aber die Eroica war ja zumindest irgendwann mal ziemlich neu. :D


    Hat jemand mal einen Hungerast erlebt?.


    Mehrmals, allerdings glücklicherweise nie im Wettkampf, sondern im Training bei langen Läufen in Kombination mit diversen Planungsfehlern. Zuletzt vor ca. einem Jahr, als ich meinen langen Lauf kurzfrristig von Sonntag auf Montag verschieben musste. Das waren zu diesem Zeitpunkt 28km und es war wie gesagt nicht gut geplant und ich bin direkt von der Arbeit über Umwege nach Hause gelaufen.


    Da kamen nun einige Unheile zusammen. Erstens war die Ausgangslage halt ein 9h-Arbeitstag mit Essen ca. 5h vor dem Start, und nicht ein gut vollgetankter Körper nach dem Frühstück. Weiterhin war ich Sa + So auch relativ viel gelaufen, die Glykogendepots waren also schon ziemlich vorentleert, ich hatte auch nicht so toll übers Wochenende gegessen.) Es kam dann gegen Ende der Arbeit auch noch Stress auf, deshalb hab ich vergessen, noch etwas zu essen vor dem Loslaufen. Ich hatte auch keine Notration mit (aus leidvoller Erfahrung hab ich eigentlich sonst immer bei Läufen > 20km ein Gel dabei.). Perfekt wurde das Desaster dann durch den heißen Tag, der den Kohlenhydratverbrauch noch antrieb und meine gute Laune, die dazu führte, dass ich die ersten 15km zu flott lief. Denn wie gesagt,bei guter Ausgangslage lief ich zu der Zeit alles unter 30km gut ohne Kohlenhydratzufuhr unterwegs.


    Km 16-20 ging auch noch gut, aber ich bekam ein starkes Hungergefühl (Wenns soweit ist, ists im Wettkampf eigentlich schon zu spät...) und bei Km 20 ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich verdächtig lange an einer Ampel stehen blieb, bzw. eine Straßenüberquerung nutzte, um mal 100m danach noch zu gehen. Bei Km 22 hats mir dann grausam den Stecker gezogen mit allen Symptomen der Unterzuckerung. Taubes Gefühl im Gesicht, Kaltschweißig, bin sogar Schlangenlinien gelaufen. Fortbewegung ging dann mit einer Mischung aus langsam trotten ("Vollspeed ca. 1,5min/km langsamer als zuvor :D ) und alle 200-400m Gehpausen. 6km können so ziemlich lang werden. Zum Glück kam mir bei km 26 meine Frau entgegen, der ich ins Handy gelallt hatte, sie solle mit diversen zuckerhaltigen Flüssigkeiten bewaffnet mir entgegen kommen.


    Man braucht tatsächlich ziemlich lange, um sich (ohne Wettkampfadrenalin) davon zu erholen. So ca. nach 15 Minuten wurde die Welt so langsam wieder farbig, aber mir gings noch 2-3h danach eher mau... :D


    Aber nicht zur Nachahmung empfohlen und wie gesagt nur das Resultat schlechter Planung.


    Gruß
    Sascha


    Naja: Wenn's Glycogen alle ist, Du aber noch genügend Fett hättest, dann würde Dir das Fett trotzdem nichts nützen, wenn Du es ohne Glycogen nicht abbauen könntest.
    Das wäre dann so wie bei der Öl-Zentralheizung: Wenn dort der Strom ausfällt, kannst Du trotz vollem Tank nicht heizen (weil Du eben Strom für den Betrieb der Heizung brauchst...) Der Strom im Beispiel wäre in unserem Fall das Glycogen


    Ein bisschen so ;+) ist aber die Lage des menschlichen Körper unter Höchstlast bei entleerten Glykogenspeichern und die kontinuierliche Kohlenhydtratzufuhr hat deshalb auch praktische Bedeutung. Wer das nicht glaubt, muss sich nur mal Langdistanztriathleten oder Radfahrer anschauen, die trotz optimal trainierter Fettverbrennung bei entleerten Glykogenspeichern und Kohlenhydratmangel im Blut extreme Leistungseinbrüche haben, obwohl die Energieflussrate aufgrund der trainingsbedingt optimierten enzymatischen Ausstattung des Fettstoffwechsels gegeben ist.


    Ohne genaue biochemische Kenntnisse ist das ziemlich schwer nachzuvollziehen, ich versuche mal eine etwas vereinfachte bildhafte Erklärung. Zentrales Verbrennungsprodukt, dass in den"Zitratzyclus"- Ofen kommt, also der "Holzscheit", ist das schon öfters genannte Acetyl-CoA. Das wird schrittweise verbrannt und am Ende des Verbrennungs-"Zyklus" kommt Oxalacetat raus, dass man sich dann als eine Art Brandbeschleuniger vorstellen kann, das mit dem neuen eingelegten Acetyl-CoA-Holzscheit wieder die eigentliche Glut, nämlich das namensgebende Citrat ergibt.


    Leider ist aber unser Ofen ja kein Ofen und der Citratcyklus auch kein wirklicher Kreis sondern nur eine Folge von Reaktionen, die als großes Ganzes zwar zusammenhängen, aber alle Prozesse laufen halt in räumlich und zeitlich oft unabhängigen Dimensionen ab. Für aufbauende Prozesse und andere Reaktionen werden manche Substanzen aus dem Cyklus heraus verbraucht, andere werden eingeschleust. Sprich, alle läuft, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht so rund, wie es auf den Abbildungen in den Büchern immer den Anschein hat, Deshalb hat sich der Körper für sein Superbenzin (= Kohlenhydrate) eine besonders geniale Motorregulation einfallen lassen: Kohlenhydrate können nämlich sowohl als Holzscheit (Acetyl-CoA) wie auch als Brandbeschleuniger (Oxalacetat = "Ende" d. Citratzyklus) eingeschleust werden. D.h., stauen sich die Kohlenhydratholzscheite vor dem Ofen an, schleust sie der Körper als Brandbeschleuniger ein, damit kann dann auch wieder mehr Holz eingelegt werden u.s.w.


    Wenn jetzt die Fettverbrennung dominiert und gar keine Kohlenhydrate mehr vorhanden sind, ist der Fettabbau nicht mehr durch die Enzyme des Fettstoffwechsels (Betaoxidation der Fettsäuren) limitiert, sondern durch die Kapazitäten des Citratzyklus und die Autoregulation der Brennstoffeinlage gibt es bei Fetten nicht (keine Einschleusung als Oxalacetat). Wenn der Sportler aber einen gewissen Kohlehydratspiegel im Blut aufrecht erhält, funktkoniert die Brandbeschleunigung wieder und die Fette verbrennen "im Feuer der Kohlenhydrate"


    @Topic: Ich bin beim Laufen begeisterter Musikhörer, allerdings meist nur Pop und Rock. Bei härteren Laufeinheiten auf der Bahn auch gerne Sachen, die man hier eigentlich gar nicht posten darf. :D


    Alles was eher in Richtung spannender und entspannender Musikgenuß geht, kann ich höchstens nach dem Sport hören. ;+)


    Gruß
    Sascha


    Eben gehört


    Brahms Klaviertrio H-Dur...zusammen mit meinen neu zugezogenen Freunden Bowers und Wilkins.
    Mußte dabei feststellen, dass diese (auch klangklich) wunderbare Aufnahme offenbar nicht mehr (oder nur noch) als Download im Katalog ist. :(

    Lieber Matthias,


    Hal Tsuchida wars, im A-Trane mit Torsten Goods (g) und Jesus Vega (d), Haus- und Hof-Sax Wiggins hat gepustet. Insgesamt hat die Combo natürlich nix innovatives erwarten lassen, aber mir hätte schon ein entspannter Soul & Blues-Abend gereicht. Und das bekommt Wiggins, je nach Laune und Partnern, in der Regel noch öfters gut hin. Von Tsuchida findet sich einiges auf You Tube...das ist ähnlich langweilig. Ich hätts wissen müssen. Goods ist auch nicht mein Falll, alles was über Begleitung und kurze Fill ins hinaus geht, ist meist über kurz oder lang weilig. An gleicher Stelle übrigens spontan am Dienstag Nicole Johänntgen samt französischem Klaviertrio gehört und war ganz angetan. Die haben für die 14 (!) Besucher echt Stimmung gemacht, Tsuchida und Co haben das knallvolle A-Trane Minute um Minute mehr gelangweilt. Das war leider nicht mal hausmannskost.


    Werde mal demnächst auch einigen Deiner Empfehlungen folgen...;)

    Gestern zum ersten Mal wirklich quälende Langeweile in einem Jazzkonzert erlebt, ist auch recht einfach hinzubekommen.


    1. Man nehme eine Clavia Nord C2D und kombiniere sie mit einem Organisten, der in seinen Soli keine wahrnehmbare Kreativität entwickelt.
    2. Man vermeide möglichst alle Freiheiten gegenüber Tempo und Rhythmus.
    3. Man baue seine Soli möglichst immer gleich auf
    4. Die bekannten Hammond-Elemente kontrollverlustiger musikalischer Entäußerung spiele man möglichst kontrolliert (siehe auch Punkte 1-3 :D )
    5. Man ziehe sowohl das einzelne Solo wie auch das Konzert möglichst in die Länge.


    Klingt vielleicht gehässig, aber war letztlich so und nicht nur meine Empfindung, auch im restlichen Publikum schwand die Stimmung minütlich und Geld hats auch gekostet.
    Bleibt für mich die Erkenntnis, das musikalischer Schwung auch nicht allein daraus entsteht, das man alle paar Minuten mal "Yeah" schreit... :rolleyes:
    Aber ich bin selbst schuld, ging schon mit schlechtem Gefühl hin...


    Gruß
    Sascha

    Ich erlebe es tatsächlich zum ersten Mal, dass mich der Tod eines Künstlers wirklich traurig macht.


    Mit Abbado habe ich die klassische Musik kennengelernt. Meine erste klassische CD war Mahlers 4. mit Abbado und den Wienern, mein erstes Konzert war Beethovens 3tes Klavierkonzert und die Bilder einer Ausstellung mit den Berlinern. Die Hochphase meiner Konzertbesuche fiel mit Abbados Wirken in Berlin zusammen, keinen Dirigenten habe ich öfters live erlebt. Insofern hat mich die Art, wie er Musik mache, vermittelte, seine physische Signatur beim Dirigieren, entscheidend geprägt.


    Bernd hat es schön gesagt, ich kann mich anschließen. Einige der wunderbarsten, schönsten Musikerlebnisse live hat mir Abbado (mit Hilfe ihm folgender Musiker) bereitet. Da ist die Erinnerung an Mahler (Sinfonien 2, 6 und vor allem neun...unfassbar, nicht beschreibbar.) Verdi...das Requiem, Otello und Fallstaff, der Brahmszyklus ...und und und. Unvergessen auch sein Abschiedskonzert in Berlin.


    Für die Musikwelt ein schmerzlicher Verlust, wie er sich aber Jahr für Jahr vielfach ereignet. Für mich tatsächlich eine neue schmerzliche Erfahrung. Die Gewissheit, "seine" Musik nie mehr live erleben zu dürfen, macht mich traurig.


    Gruß
    Sascha

    Gestern relativ kurzfristig ins Christmas-Special im A-Trane geraten.


    Frank Chastenier (p) Dieter Ilg (b) und Wolfgang Haffner (dr). Teils lesend, teils singend hat sich noch Thomas Quasthoff hinzugesellt.


    War eine echt unterhaltsame Session. Haffner und Ilg kannte ich und war dementsprechend von der Qualität nicht überrascht, Chastenier hatte ich dann doch vom musikalischen Temperament gnadenlos unterschätzt. :D
    Die Jungs hatten Spaß und wir auch.


    Gruß
    Sascha

    ... Für mich ist das jedenfalls keine Musik mehr, sondern ein künstlerisches Armutszeugnis:
    "http://vimeo.com/63126650"
    Das Duo Mehldau/Guiliana nennt sich MEHLIANA und ist offenbar gerade auf Tour...


    Hab mir das leider vor einigen Wochen angetan, 2 x 39,00€ für diesen Mist hingelegt im Kesselhaus in Berlin. Was ist hängengeblieben ? Clubszenepublikum mit evolutionsbiologisch eher frühgeschichtlicher musikalischer Auffassungsgabe, teilweise offenbar direkt aus dem Darkroom des Berghain geschwebt. Erotisierend fummelnde Pärchen, andere unterhielten sich lang und breit über ihre bevorstehende Knieoperation und den dritten Studiengangswechsel. Nur, wenn die Musik, welche sich ausschließlich mit den Begrifflichkeiten Monotonie und Lautstärke bescheiben lässt, in die Kategorien "äußerst monoton" und "äußerst laut" hinabsank, entstand so etwas wie Aufmerksamkeit und trancehaftes Körpermitbewegen. Das man sich da melodische oder harmoische Abwechslung mit Drogen hinzuknallen muss, hat sich mir in diesen Situationen erschlossen. Wie gesagt, einfach nur ganz großer Mist. Und meine Urteile sind eigentlich meist differenzierter und milder und ich halte Mehldau auch für einen echt guten Musiker. Giulianis Potential ließ sich leider nicht bestimmen, warum Mehldau sich keinen Drumcomputer hinzugesellt, wird unmusikalische Gründe haben.


    Ich bin da, als jemand der seine Probleme mit elektronischer Musik hat, dennoch hin weil ich dachte, vielleicht ists ja doch was hörenswertes. Tja, selbst schuld. :D
    Ich mag eigentlich Mehldau wirklich, gerade die Radiohead-Sachen ( die 20 Minuten-Nummer auf der Tokioplatte ist schon eine Hausnummer...) und ich hab auch Live gute Sachen solo und mit Joshua Redman gehört. Manchmal aber auch alzu fades, Aber elektronisch tue ich ihn mir wirklikch nicht mehr an...

    Erstmal muss man sich auf historische Aufnahmen einlassen können und dann wirkt Melchiors Stimme durch die baritonale Basis, die Eigenart des Timbres und große Volumen ggf. erstmal verstörend.
    Die Ausnahmestellung im Wagnerbereich ist aber aus meiner Sicht eindeutig und liegt aber schlicht am glücklichen Zusammentreffen vieler Vorzüge.


    Da ist einmal die schlichte stimmliche Potenz, sicher eine der größten Stimmen des Jahrhunderts, sogar auf Platte nachzuvollziehen und die Livewirkung ist gut dokumentiert. Dazu kommen ein markantes Timbre und, was bei so baritonal gefärbten Stimmen selten ist, in der Höhe auch eine durchschlagende Brillianz. Jon Vickers hatte das beispielsweise, bei aller Kraft und Volumen, nicht zur Verfügung.


    Weiterhin gibt es von Melchior sicher auch schlechte Tondokumente, man sollte die Sänger jedoch nach Ihren besten Ergebnissen beurteilen. In seinen besten Dokumenten, meist unter großen Dirigenten, singt er musikalisch korrekt und halt nicht nur mühelos alles, was die Partitur vorschreibt, sondern auch außerordentlich subtil schattierend.


    Das für mich Wichtigste ist aber die szenische Gestaltung in der Musik. Melchior mag auf der Bühne unbeweglich gewesen sein (gottseidank musste ich das nicht sehen), auf dem Tonträger ist er aber hochflexibel. Die Zärtlichkeiten in den Otello-monologen oder auch in den Brautgemachszenen aus dem Lohengrin - ich habe immer das Bild eines Grizzlybären, der ein kleines Entenküken in seinen Tatzen hält, oder gar einen Schmetterling. Das ist nicht akademisch-intellektuell interpretiert, sondern da fühlt sich ein Naturbursche in seine Rollen ein . Der gleiche Bursche, dessen Stimme allein Nothung in Form bringt.


    Bleibt noch ein Blick über die Aufführungszahlen: Melchior hat über 200mal (!) als Tristan auf der Bühne gestanden, insgesamt über 1000 Wagneraufführungen gestemmt. Das da auch viel Mittelmaß und Routine dabei war, wundert nicht.
    Er bleibt eine der großen sängerischen Ausnahmeerscheinungen des Jahrhunderts. Der größte Heldentenor ist er nicht, er ist einfach eine eigene Kategorie.

    Kann sich hier überhaupt jemand vorstellen, was dazu gehört, z.B. nur eine einzige Chopin-Etüde auf dem Niveau zu spielen, wie Pollini es bei seiner legendären Einspielung für alle 24 vorgemacht hat? Oder welche Leistung es ist, nur einen Klavierabend so zu spielen, wie Pollini es seit über einem halben Jahrhundert in aller Welt tausendfach gemacht hat?


    Ich hab Ihn in Berlin ca. 5 mal live gehört. Zunächst mit den drei letzten Beethovensonaten und dem Vorurteil des kühlen Technikers im Hinterkopf, es hat meine Begeisterung für das Konzert nicht getrübt.


    Ewig im Gedächtnis wird mir ein Mammutprogramm von Chopin bleiben....Fis Moll-Fantasie, alle 4 Scherzos, Barcarole, alle 4 Balladen und als Zugaben 4 Etüden und 4 Nocturnes...immer schön abwechselnd. Das ist noch nicht so viele Jahre her, er war also bei Weitem nicht mehr der Jüngste. Ich saß nicht weit vom Flügel auf dem Podium, viele falsche Töne lagen nicht herum. Weiter vorne im Thread findet man auch eine ausführliche Kritik eines Live-Konzertes von mir zum Geburtstag von Boulez. Langweilig habe ich Ihn auch schon erlebt und nicht alles gefällt mir, aber gerade sein Chopin und Beethoven liegen ganz weit vorne. Wäre Pollini ein Architekt, würden die Bauwerke durch ihre klare Konzeption und scharfen Linien und die darin steckende Energie begeistern. Langweilig fände ich sie nie, aber verspielt opulente Schnörkel müßte man wohl an anderen Türen suchen - wenn man die denn mag.

    Zum Thema "vom Blatt singen" und "Noten lesen": Mir ist beispielsweise von Ezio Pinza bekannt, dass er keine Noten lesen konnte. Wenn man sich die Aufnahmen anhört, wird man das an wenigen Stellen merken und nicht nur ich halte Ihn für einen der großen Sänger des Jahrhunderts. Einerseits war er natürlich außergewöhnlich musikalisch, andererseits konnte er seine Rollen im damals stabilen MET-Ensemble mit den Kollegen in aller Ruhe einstudieren und sie dadurch lernen. Ich vermute, dass dies im heutigen beschleunigten und dezentralisierten Opernbetrieb nicht mehr möglich wäre.


    @Callas: Das Beispiel kommt ja oft, wenn es um Sänger und die Rechtfertigung/Bedeutungslosigkeit von technischen Defiziten geht. Ich finde es durchaus lehrreich. Es zeigt dass, wenn man aus seiner Generation (im Falle Callas aus mehreren!) durch künstlerische und technische Tugenden dermaßen herausragt, auch Unvollkommenheiten eine große Karriere nicht verhindern können. Aber wie gesagt, die Callas ist in den meisten Kategorien nicht nur weit über dem Durchschnitt, sondern bildet eher oft eine eigene Kategorie.


    Andererseits: Wie lange war die resultierende Gesamtleistung aus Defiziten und Tugenden wirklich überragend ? Nicht lange für meine Ohren....viele späte Aufnahmen hört man mit der Träne im Auge, was hätte sein können...

    Liebe Fairy,


    Gruß und erstmal Danke für die ausführliche Antwort. Mit der Bedeutung und dem Bonus für die Tagesform sind wir uns einig, aus meiner Sicht sogar dahingehend, dass Sänger unter den "Instrumentalisten" bei der Ausübung Ihres Berufes bei weitem die größte Exposition von ganz persönlichen Dingen betreiben, und das deshalb unvergleichlich schwieriger ist. Dennoch führt das halt zu besseren und schlechteren Leistungen. Ich befürchte, bei der Debatte reden hier zwei Parteien (und nicht zufällig überwiegend Sänger vs Zuhörer) etwas aneinander vorbei. selbstverständlich ist es eine großartige Leistung, erstmal überhaupt das Niveau zu erreichen, dass heute an professionellen Bühnen gefordert wird. Und auch hinter Bühnenleistungen, die niemand auf Tonträger zu bannen wert hält, stecken eine Menge Blut, Schweiß und Tränen. Dennoch vernehme ich bei der Qualität des Endergebnisses einen deutlichen Unterschied, den ich nicht nur dem von musica angeführten persönlichen Geschmack unterstellen möchte - wenn er auch zweifelsohne ein gewichtige Rolle spielt, gerade bezüglich dessen, was man bereits ist, zu tolerieren.


    Liebe musica,


    ich habe mir angewöhnt, bei meinen Patienten auch auf die Sprache zu achten und gerade in der Kommunikation mit Kollegen das "Der ist jetzt besser/schlechter" zu vermeiden, weil die (Ab)wertung des gesamten Menschen da immer mitschwingt. Niemand ist schlecht oder gut, zumindest aus dem Blickwinkel, den ich habe - ein Polizist mag das anders sehen. ;+)
    Das es aber durchaus unterschiedliche Endergenisse gibt, das man hören kann und die nicht nur mit dem naturgegebenen zusammenhängen, da werden wir wohl nicht zusammenkommen, zumal ich leider nicht mehr so viel Zeit wie früher habe.


    Gruß
    Sascha

    Ich finde diesen sängerischen Kommunismus ehrlich gesagt ziemlich realitätsfremd. Für meine Ohren gibt es jedenfalls durchaus Sänger, die schlecht singen. Manche tun das sehr häufig, manche sehr selten. Niemand singt immer gut. Manche können nicht anders, manche schon. Ehrlich gesagt müßte sich doch niemand anstrengen, jahrelange Studien, penible Auffühungsvorbereitungen ect. in Kauf nehmen, wenn das alles wurscht wäre. Das zu verkennen, degradiert hingegen eher die herausragende Leistung, die da oft gebracht wird. Und ich finde den Vergleich mit Handwerkern durchaus gerechtfertigt. Komischerweise scheinen aber Sänger irgendwie doch einen Sonderstatus zu haben. Das beispielsweise ein Pianist saubere Oktaven spielen können muss, um das gesamte Repertoire gut zu spielen, würde wohl niemand bezweifeln. Dafür braucht man halt jahrzehntelange Übung, Begabung und auch eine gewisse Handgröße sind hilfreich. Aber Sänger sind alle gut, sobald Ihnen jemand Geld zahlt ? Versteht ich nicht - und hörs auch nicht!


    Gruß
    Sascha

    Das glaube ich, bei aller Wertschätzung, eher nicht. Und wenn, dann höchstens wegen des allzu frühen Todes.


    Ich glaube, auch bei aller Wertschätzung, dass sich der Mainstreamerfolg auch vor allem durch die ganzen Skandale erhalten hat. Die Stimme war zweifellos beeindruckend, ich fand diese sehr eigene Art zu singen sehr ausdrucksvoll und die Kombi mit den "Dap Kings" war letztlich ein Glücksgriff, der "back to black" ermöglich hat. "Frank" war jedoch nicht wirklich der große kommerzielle Erfolg, das zweite Album schon, aber vermutlich wäre das schnell wieder aus den Charts gerauscht und Kennern vorbehalten gewesen, die musikalische Sternstunden unter den Top 10 in den popcharts wertschätzen können...
    Ich halte es ja für ziemlich wahrscheinlich, dass sie neben der drogensucht ne heftige Borderlinestörung hatte. Aber nun:


    R.I.P.