Beiträge von Peter Jott

    Das Konzert, um das es in den beiden vorangegangenen Beiträgen ging – Zimmermann: Photoptosis / Lutoslawski: Symphonie Nr. 1 / Brahms: Symphonie Nr. 2 – kann, wie ich gerade zufällig entdeckt habe, weiterhin auf Deutschlandfunk Kultur nachgehört und sogar heruntergeladen werden.


    Die konzertante »Pique Dame« vom 24. April mit den Berliner Philharmonikern ist auf rbb Kultur noch verfügbar.


    Gestern dirigierte Petrenko im Jubiläumskonzert der Karajan-Akademie u.a. Beethovens Fünfte (die ich im Konzert sonst eher meide), und zwar absolut umwerfend, was zu solch spontanen und geschlossenen stehenden Ovationen führte, wie ich sie meiner Erinnerung nach noch nie erlebt habe. Ich hoffe, der Mitschnitt taucht auch bald auf einer der Radio-Websites auf.

    Und auch hier noch der Hinweis:


    Die 2020 gestartete und in der Folge kontrovers diskutierte Neuinszenierung von Wagners »Der Ring des Nibelungen« an der Deutschen Oper Berlin gibt's jetzt bis 13.7.22 komplett als Video-Stream in der ARD Mediathek.


    I: Stefan Herheim, ML: Donald Runnicles, mit Nina Stemme, Clay Hiley, Iain Paterson, Thomas Blondelle u.a.

    rbb Kultur, So 24.4.22, 20.00–23.00 Uhr


    Tschaikowsky: Pique Dame


    Konzertante Aufführung (fast) live aus der Philharmonie Berlin mit den Philharmonikern unter Kirill Petrenko

    mit Arsen Soghomonyan (Hermann), Elena Stikhina (Lisa), Doris Soffel (Gräfin), Boris Pinkhasovich (Fürst Jeletzki) u.a.


    Grandiose Aufführung (gestern schon live erlebt), sage ich als nicht allergrößter Tschaikowsky-Fan, von daher hier der Tipp

    Do 21. April, 19 Uhr // Philharmonie Berlin

    Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko u.a. (Leider, wie ich gerade gelesen habe, nicht mit Asmik Grigorian, die abgesagt hat...)

    Tschaikowsky: Pique Dame (konzertante Aufführung)


    (Nachdem die zuvor gesperrten Plätze jetzt wegen der Lockerungen freigegeben wurden, gibt es jetzt wieder einige Karten, v.a. in den günstigeren Kategorien.)

    Heute ab 20:03 in SWR 2,

    schon jetzt und noch für einige Zeit online abspielbar:

    Im Gespräch: Leoš Janáčeks Opernuniversum

    Danke, khampan, für diesen wertvollen Tipp! Ein wunderbarer Stream, in dem – vor allem durch Dariusz Szymanski – eindrucksvoll und plastisch (und dabei fast wie im Vorübergehen) die wesentlichen Elemente und Eigenschaften von Janaceks Musik charakterisiert werden, die diese so einzigartig machen.

    Ein sehr ausführliches Interview zwischen Neuenfels und dem ehemaligen Intendanten der Staatsoper, Nikolaus Bachler, kann man hier lesen. Er geht sehr ausführlich auf die Zusammenarbeit mit Michael Gielen in Frankfurt ein. Ich kann es nur empfehlen ...

    Danke Benno, das ist wirklich sehr aufschlussreich – und auch amüsant, wie er am Anfang beschreibt, dass Gielen als Chef des Hauses in Frankfurt die Umsetzung eines Regietheater-Ansatzes quasi diktatorisch angeordnet habe... ;)

    Hans Neuenfels ist gestorben:

    Wirklich ein großer Verlust. Da fallen einem viele herausragende Inszenierung ein (Serail, Macht des Schicksals, Lohengrin usw.), die ich leider größtenteils nur von TV/Video kenne. Und mit seiner Frankfurter Zeit mit Gielen war er sicher eine der prägenden (und umstrittensten) Figuren des Regietheaters. Aber auch seine ausdrucksstarke Stimme, der ich stundenlang hätte zuhören können, werde ich vermissen...

    Mi 16. Februar, 19.30 Uhr / Staatsoper Berlin

    I: Claus Guth / ML: Simon Rattle

    Janacek: Vec Makropulos


    (Premiere ist am 13. Februar. Auf Rattles Janacek bin ich gespannt. Vor Urzeiten hab ich nur mal Taras Bulba unter ihm gehört, das fand ich furchtbar, weil er nach meinem Eindruck eine Art Beethoven'sche Durchführungsdramaturgie über das Stück zu stülpen schien, aber er hat ja sehr viel Janacek dirigiert in den letzten Jahren und seine Janacek-Auffassung sicher weiterentwickelt. Auch auf Guths Regie bin ich gespannt, ich kenne bisher nur seine interessante Salome an der Deutschen Oper. Von Marlis Petersen als Emilia Marty verspreche ich mir auch einiges.)


    Es würde mich ja interessieren, ob noch jemand hier gestern oder vorgestern das aktuelle Petrenko-Programm bei den Philharmonikern besucht hat oder heute noch besucht und besonders wie andere die Zweite von Brahms beurteilen.


    Ich war gestern dort und den Brahms fand ich frappierend. Sehr zügige Tempi, sehr zugespitzt, agogisch frei, aber nicht im Sinne abrupter Temporückungen, sondern eines permanent minimal modifizierten Metrums, alles unglaublich transparent, dabei die artikulatorische und dynamische Feinabstufung in den Streichern (Celli am Beginn des 2. Satzes!) derart subtil durchgearbeitet, wie ich das meiner Erinnerung nach noch nicht gehört habe - ohne jeglichen Anflug von Behäbigkeit, aber wohl auch kaum das Etikett von der "Pastorale" bedienend. Das Finale kaum noch unbeschwert-fröhlich, eher wie eine triumphal-vorwärtsstürmende Kriegsmusik. Das war absolut mitreißend, doch fragte ich mich danach, ob die lyrisch-melancholische Seite dieser Musik dabei nicht unterbelichtet blieb, abgesehen davon, dass selbst ein Orchester wie die Berliner beim Parforceritt des Finales an seine spieltechnischen Grenzen zu kommen schien. Andererseits: Den – vermutlich nicht leicht zu dirigierenden – 3. Satz habe ich noch nie so schlüssig und konzeptionell wie aus einem Guss gehört wie gestern Abend. Diese Eindrücke gehen mir heute noch weiter im Kopf herum und ich will das möglichst bald in der DCH nochmal nachhören.


    Lutoslawskis I. Symphonie (davor) gehört wohl nicht zu seinen größten Meisterwerken und auch nicht zu den bedeutendsten Symphonien des 20. Jahrhunderts, ist aber äußerst wirkungsvoll und unterhaltsam, wenn sie so perfekt und mit Spaß an rhythmischer Perfektion "exekutiert" wird wie von Petrenko und seinem Orchester gestern.


    Dagegen war B. A. Zimmermanns geniales Orchesterstück "Photoptosis" in dieser gestrigen Interpretation zur Eröffnung vielleicht sogar der eigentliche Höhepunkt des Abends – ein überwältigender Klangfarbenrausch, dessen Reiz sich selbst meine Begleitung, die mit deutscher Nachkriegsavantgarde erklärtermaßen nichts anfangen kann (das Stück ist freilich jetzt auch schon gute 50 Jahre alt), nicht entziehen konnte und der mir deutlich machte, was für ein müder Abklatsch der Partitur die Aufführung, die ich vor einigen Jahren mit dem Orchester der Dt. Oper unter Runnicles hörte, war.


    Auf gewisse Weise war das für mich also ein wirklich spektakulärer Abend.

    Bisher im Januar:


    7.1., 17 Uhr / Deutsche Oper Berlin

    I: Stefan Herheim / ML: Donald Runnicles

    Wagner: Siegfried


    (Der Teil, der mir noch fehlt. Eigentlich war die Aufführung als Teil eines geschlossenen Zyklus angekündigt, aber nun sind die Teile doch einzeln freigegeben und es gibt auch noch viele Karten, von daher hab ich jetzt spontan zugegriffen.)


    27.1., 20 Uhr / Philharmonie Berlin

    Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko

    Zimmermann: Photoptosis

    Lutoslawski: I. Symphonie

    Brahms: II. Symphonie


    (Ich hoffe, Petrenko ist dann wieder fit - bei den Silvesterkonzerten musste er sich, wie ich gelesen habe, wegen Rückenproblemen vertreten lassen. Auf das tolle Zimmermann-Stück freue ich mich besonders.)

    Nur geringfügig geändert gegenüber 2019. "Das schlaue Füchslein" ist hochgerückt, "Mahagonny" (das mich an der Komischen Oper im Oktober wieder sehr beeindruckt hat) neu dabei.

    1. Parsifal (Wagner)
    2. Die Meistersinger von Nürnberg (Wagner)
    3. Pelleas et Melisande (Debussy)
    4. Das schlaue Füchslein (Janacek)
    5. Lulu (Berg)
    6. Tristan und Isolde (Wagner)
    7. Die Walküre (Wagner)
    8. Das Rheingold (Wagner)
    9. Die Sache Makropulos (Janacek)
    10. Der Rosenkavalier (Strauss)
    11. The Turn of the Screw (Britten)
    12. Cosi fan tutte (Mozart)
    13. Götterdämmerung (Wagner)
    14. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (Weill)
    15. L'enfant et les sortilèges (Ravel)

    Ja, die Vierte mit einem Apparat von fast 140 Musikern ist teilweise enorm laut. Als ich sie 2009 in der Philharmonie mit Rattle und dem BPO hörte, sagte ein Mitforist (BPO-Abonnent), dass er "seine" Philharmoniker noch nie so laut spielen hörte.

    Das stimmt. Allerdings schien mir das bei der Vierten unter Gergiev, der ja nicht gerade als Leisetreter gilt, vor wenigen Jahren in der Philharmonie nicht so extrem (und über die von mir genannten Bespiele hinausgehend) wie gestern.

    Waren die Plätze wegen Corona limitiert? (In jedem Fall dürfte wohl die derzeitige Coronasituation ein Hauptgrund für die geringe Anzahl gewesen sein, oder?)

    Soweit ich weiß, gibt es aktuell (noch) keine Limitierung, auch keine gesperrten Plätze. Auch das Currentzis-Konzert Mitte Oktober war ja schon eher schwach besucht. Sicher hat es mit der Corona-Situation zu tun, einfach weil im letzten Monat die Hemmungen, sich Konzertkarten zu holen, wohl gestiegen sind. Dazu kommt allerdings, dass sich nach meinem Eindruck in den Reihen der Konzertdirektion Adler (dem Veranstalter) wohl keine ausgesprochenen Marketing-Genies befinden...

    Wie genau kann ich mir das vorstellen? Die, die stehen können, haben immer gestanden? Oder nur, wenn sie spielten? Welche "Instrumente" waren betroffen?

    Bei Celli, Harfen, Pauken und der Celesta hilft es ja nichts, die müssen sitzen. Violinen und Bratschen stehen durchgehend, da sind auch keine Stühle. Holz und Blech haben, wenn ich es richtig beobachtet habe, Stühle und stehen nur beim Spielen (bzw. setzen sich bei etwas längeren Spielpausen).

    Ein paar Worte muss ich schreiben zum gestrigen Konzert in der Philharmonie mit Currentzis und seiner musicAeterna. Auf dem Programm ein kurzes Werk von Marko Nikodijevic sowie die 4. Symphonie von Schostakowitsch.


    In Ulrich Amelings euphorischer Kritik im Tagesspiegel nach dem Oktober-Konzert mit Mahlers Fünfter hieß es am Ende:

    "Am 1. Dezember sind Currentzis und Musicaeterna zurück in der Philharmonie. Ihr Programm liest sich wie die kaum vorstellbare Steigerung des nachklingenden Konzerts: Auf eine Uraufführung des serbischen Komponisten Marko Nikodijevic folgt dann Schostakowitschs knochenbrecherische Vierte. Klassik ist nichts für Feiglinge."


    Nach dem gestrigen Abend kann ich sagen, diese Vorahnung hat sich für mich bestätigt.


    Das kurze Nikodijevic-Stück war für mich lediglich ein nicht unattraktiver Appetizer, aber Schostakowitsch Vierte hat mich dann - ich muss es so schreiben - wirklich umgehauen.


    Der erste Satz als ein zerfurchter Koloss mit einer eruptiven Gewalt, die mir nicht mehr steigerbar schien. Die scharfen Blechbläserakkorde wie Skalpellschnitte ins symphonische Fleisch. Das Fugato am Ende der Durchführung irrsinnig. Wenn überhaupt könnte man einwenden, dass die extremen Klangexzesse (ich würde behaupten, dass ich in der Philharmonie noch nie eine solche Orchesterlautstärke gehört habe, trotz Mahler VI, Wozzeck, Webern op.6, Sacre usw.) einen im wahrsten Sinne betäuben konnten für die introvertierten Momente, die es ja selbst in diesem Satz auch gibt. Im 3. Satz waren dann solche möglichen Einwände endgültig weggewischt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das besser, richtiger machen kann. Diese mittlere Passage mit den fragmentierten Klangfetzen von Tanzmusik, Walzern usw. in den Steichern und Holzbläsern von einer unglaublichen Heterogenität, wie aus dem Moment heraus improvisiert oder wie wenn die einzelnen Musiker der Boardkapelle auf der Titanic vor dem Untergang nochmal ihre Lieblingsmotive spielen. Die vermeintliche Fanfaren-Apotheose dann als unmerkliche Steigerung angelegt und schließlich das Verlöschen in einer atemraubenden Gespanntheit, die einfach großartig war (und mich an Mahler IX unter Currentzis vor 2 Jahren erinnert hat) und die auch durch das etwas brüchige Piano der Solotrompete nicht tangiert werden konnte.


    Wirklich ein großer Eindruck. Currentzis natürlich sehr lange in gespannter Körperhaltung, um den Applaus zurückzuhalten und solange herrschte tatsächlich auch vollkommene Stille, bis er die Arme sinken ließ und der Jubel mit Standing Ovations der höchstens halb besetzten Philharmonie losbrach.


    Wie schon bei Mahler das Orchester soweit möglich stehend spielend, danach winkend ins Publikum, sich gegenseitig fotografiernd. Es ist wirklich ein großes Vergnügen, dieses Orchester (und vor allem auch Konzertmeister Afanasiy Chupin!) zu beobachten, sowohl während als auch nach dem Konzert.


    Sofern das Programm für mich nur einigermaßen passen sollte, möchte ich eigentlich kein Konzert in dieser Besetzung in Berlin mehr verpassen.

    Drei Termine hab ich noch dieses Jahr – aber ich habe Zweifel, dass sie noch stattfinden.


    Mi 1.12., 20 Uhr / Philharmonie

    musicAeterna, Teodor Currentzis

    Nikodijevic: parting of the waters into heavens and seas / secundus

    Schostakowitsch: Symphonie Nr. 4


    Sa 4.12., 19.30 Uhr / Berliner Ensemble

    I: Barrie Kosky, ML: Adam Benzwi

    Brecht/Weill: Die Dreigroschenoper


    Di 7.12., 19.30 Uhr / Komische Oper Berlin

    I: Barrie Kosky, ML: Adrien Perruchon

    Offenbach: Orphée aux enfers

    (Berlin-Premiere, nach Salzburg 2019)

    Konzert im Pierre Boulez Saal morgen Abend mit dem Hagen Quartett (Schost-4,5,6) wurde krankheitsbedingt abgesagt. Sehr schade.



    maticus

    Hätt ich nur gestern reingekuckt. Hab mich ein dreiviertel Stunde am S Friedrichstraße rumgedrückt, weil ich zu früh von einem Termin aus Potsdam kam, und bin dann durch das Dreckwetter hingelaufen... :( Aber irgendwie komm ich auch mit der neuen Ansicht noch nicht ganz zurecht.