Beiträge von Lasse

    Ich bin gerade auf ein Interview mit dem Autor Grégory Pierrot gestoßen, in welchem einige Aspekte auftauchten, die ich bis dato nicht auf dem Schirm hatte. https://www.fluter.de/hipster-…ocket-newtab-global-de-DE


    Er unterscheidet darin zwischen der Beeinflussung von Kulturen und der kulturellen Aneignung in kommerzieller Form, bei der weiße Musiker (namentlich werden Elvis Presley und Led Zeppelin genannt) Geld verdienen und so tun, als ob sie niemandem etwas schuldig wären.


    Des weiteren kritisiert er Hipster dafür, dass sie sich zur Mehrung von Prestige an fremden Kulturen bedienen, ohne sich »mit den Menschen auseinanderzusetzen, die sie schaffen« und schlägt hierin auch einen Bogen zu den “progressiven” Kolonialisten des 19. Jahrhunderts (»dieses wirklich perverse Element […], dass eine ausbeuterische Praxis verdeckt wird durch ein vorgetäuschtes Interesse an anderen Kulturen«).


    Ein Patentrezept, wie man mit kultureller Aneignung umgehen kann, bietet es nicht, aber ich finde, dass dort einige diskussionswürdige Punkte enthalten sind.

    In Pesti Hirlap vom 21.11.1889 lobte Kornél Hirlap in seiner Rezension der Uraufführung die ersten drei Sätze und bedauerte, dass Mahler kein angemessenes Finale dazu geschrieben habe


    Zitiert nach diesem Buch:


    Mich wundert etwas, dass die Sinfonie zu diesem Zeitpunkt noch fünfsätzig war (mit Blumine). Ist bekannt, ob die Zahl nachträglich in den Artikel rutschte, er vielleicht die direkt ineinander übergehenden Sätze vier und fünf für einen hielt oder ob es einen noch anderen Hintergrund gibt?

    Frei nach Churchill „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist die schlechteste aller Medienformen - abgesehen von allen anderen.“ Anstatt seinem Bildungsauftrag nachzukommen, veranstaltet er Talkshows in denen Meinungen ausgetauscht werden, ohne dass These und Antithese zu einer Synthese kommen, der kulturelle Bildungsauftrag wird so wahrgenommen, dass sich niemand der nicht eh gebildet werden möchte, davon gestört fühlt (angesichts dessen, dass in einer Demokratie, der Mehrheitswille gelten sollte, ist dies aber eigentlich auch nicht verwunderlich). Leider orientieren sich im Privatfernsehen gefühlt 100% der Medien an dem, was gemeinhin als Mehrheitsgeschmack gilt, obgleich es ja eigentlich logisch wäre, dass jeder Nachfrage ein Angebot gegenübergestellt würde.


    Die Frage ist, wie sich die ganze Sache mit dem Ende des Rundfunks an sich entwickelt. Irgendwann könnte sich ja das Streaming auch mal komplett durchsetzen.

    Die Übersetzungsdebatten habe ich bislang nicht mitbekommen, sie liest sich aber¹ als ginge es dort ähnlich zu, wie in den hiesigen Schostakowitsch-Threads, wo auch häufiger das Argument auftaucht, dass nur russische Dirigenten und Orchester in der Lage seien, die angemessenen Interpretationen zu liefern. Mit dem Unterschied, dass vermutlich niemand fordern würde, für einen Schostakowitsch-Abend irgendein russisches Orchester statt einem “westlichen” Spitzenorchester auftreten zu lassen.


    Ansonsten fällt mir zu dem Thema übrigens auch noch das Problem der Unterrepräsentation ein, die durch Unterrepräsentation hervorgerufen wird. Es gibt in einem Bereich kaum Frauen, Schwarze etc. weswegen sich wenig Frauen, Schwarze etc. finden, die sich zutrauen etwas in dem Bereich zu machen, wodurch sich das Problem fortsetzt. Konkret im Bereich der Rockmusik, wo sich immer junge Männer finden, die ohne Rücksicht auf ihr eigenen Können, die Bühnen der Welt erklimmen wollen. Dadurch gelingt es diesen Bands sich die Erfahrung anzuspielen, die es braucht, um die nächstgrößeren Bühnen anzugehen etc.


    ¹ https://www.deutschlandfunknov…die-richtige-uebersetzung

    Beim Karneval geht es z.B. darum, die Rollen zu tauschen. Nicht um sich über andere lustig zu machen, sondern um temporär deren Rolle einzunehmen. Ja, das gelingt nicht immer. Z.B. wirken schwarz angemalte Männer in Baströckchen definitiv deplatziert, Karneval hin oder her. Aber wer sich als Indianer verkleidet, hat prinzipiell eine positive Einstellung denen gegenüber. So wie jemand, der italienisch kocht, der italienischen Küche gegenüber positiv eingestellt ist. Das Ergebnis mag nicht immer authentisch sein. Das ist aber nicht der Punkt. Die heutigen Nachfahren der Indianer sind genausowenig authentisch, als Indianer. Und erst recht ist es nicht authentisch, wenn sie italienisch kochen. Sie tun es aber trotzdem. Dürfen sie auch.

    Willst du jetzt alles Ernstes behaupten, dass so ein Spinner-Verein irgendeine Relevanz hätte?



    Das gilt auch für irgendwelche "bayerischen" Feste, die weltweit veranstaltet werden. Die Bayern sind übrigens sowohl weltweit auch als innerhalb Deutschlands eine Minderheit. Und sie haben nicht mal einen eigenen Staat, wie z.B. die Tschechen.

    Ich erinnere mich düster, einmal ein Interview mit einem Native American gelesen zu haben, der ein Auslandssemester in Deutschland machte und sogleich als Experte für Indianerkostüme herangezogen wurde. er beklagte sich unter anderem darüber, dass die Federn im Kopfschmuck Verdienste anzeigen und absolut niemand so viele Verdienste vollbringen könne, dass es für den Federschmuck aus den Karnevalskostümen reiche. Dieses Beispiel und die Empörung der Italiener über Spaghetti Carbonara mit Kochschinken in Sahnesauce, die ich auch irgendwie nachvollziehen kann, zeigt mit, dass der Punkt der »positiven Einstellung« irgendwie zu kurz greift. Und was die Bayern angeht, kann ich mir auch durchaus vorstellen, dass diese bei “bayerischen” Festen mit Labskaus, Pickelhauben und Viva Colonia Schnappatmung kriegen.


    Dies kann natürlich nicht heißen, dass man auf jede nachvollziehbare Schnappatmung Rücksicht nehmen muss oder auch nur kann. Das Argument, dass unverfälschte Kulturen eine Illusion sind, wurde ja bereits genannt.






    PS Die automatische Rechtschreibprüfung behauptet, dass es keine Schnappatmung gebe und schlägt mit als Alternative Schnapsatmung vor, was mich erheitert.

    So weit mir bekannt ist, ist Jimmy Page von Led Zeppelin bei recht vielen Afroamerikanern nicht sonderlich beliebt, weil er sich für die Zeppelin-Riffs wohl sehr umfassend beim traditionellen Blues bedient haben soll, ohne dies kenntlich zu machen. Das scheint mir aber ein personenbezogener Spezialfall zu sein, denn gegen den Einfluss der afroamerikanischen Musik auf die Beatles oder die Stones gibt es innerhalb dieser Community m. W. eher wenig Einwände.

    Die Rolling Stones haben ja auch jahrzehntelang mit nicht immer ganz so großem Erfolg versucht, ihrer Anhängerschaft die Wurzeln näherzubringen (Beteiligung an der London Howlin' Wolf Session, bei Youtube zu findende Sessions mit Muddy Waters, Hubert Sumlin als Gaststar im Madison Square Garden).


    Ich halte die These der ‘kulturellen Aneignung’ weiterhin für die falsche Antwort auf die berechtigte Frage, wie man eigentlich mit der rassistischer Ignoranz umgeht, die immer wieder dafür sorgt, dass bei gleicher musikalischer Qualität die weißen Musiker doch immer wieder auf den größeren Bühnen landen.

    Vielleicht bin ich nicht woke genug, aber wenn jemand Raggae in Schweizer Mundart spielt, scheinen mir die Dreadlocks das geringere Problem zu sein. :versteck2:

    Ich halte es bei Debatten über kontroverse Themen nicht für sinnvoll, diese ausgerechnet anhand eines Beispiels zu führen, welches selbst unter jenen, welche das Problem grundsätzlich anerkennen, als übertrieben gilt. Dann doch eher ein Gespräch zwischen jemandem, der über die Karl-May-Lektüre auf eine Begeisterung für amerikanische Ureinwohner gekommen ist und einem American Native, der sich zwar darüber freut, dass sich jemand für seine Kultur begeistern kann, diese aber in grausiger Weise verunstaltet.¹


    ¹ Aufgrund meiner Abneigung gegen die Rastafari-Weltanschauung habe ich ein anderes Beispiel genannt.


    PS

    Alternativ würde mich auch mal eine Diskussion zwischen einem HIP-Mozart-Verehrer und einem hypothetischen Pop-Sänger, interessieren, der auf die Idee kommt, Mozart-Abende zu veranstalten, auf denen dieser Mozart-Arien im R&B-Schnulzenpop-Stil darbietet. Ich schließe nicht aus, dass es bei dieser Form der Aneignung einige Klassikfreund_innen gibt, die bei dieser Art der Aneignung den Direktor des ebenso hypothetischen Musiktheaters anschrieben, auf das er derlei in Zukunft unterbinde.

    Dürfen heterosexuelle junge Frauen auf Lesbenpartys gehen um dort ungestört von lästigen Kerlen zu feiern oder verbaut dies den anwesenden Lesben die Flirtchancen?


    Angeblich ein Problem, das in Orten mit hohen Männerüberschüssen existiert (und das auch irgendwie mit der Ausgangsproblematik zusammenpasst)

    Ich möchte an dieser Stelle noch mein Spezialproblem mit dem Reggae-Scheiß (man gestatte mir diese Missbilligung) einwerfen:


    Man hat Rastafaris, die sich als das Volk Israel imaginieren, das aus der irgendwie ägyptischen Gefangenschaft geführt werden möge und die – wenn man schonmal beim Alttestamentarischen ist – auch noch Frauen für unrein und Schwule für dekadent halten. Dann kommen irgendwelche weißen Jugendlichen, denen Musik und Rastafristuren gefällt, die aber die Texte überhaupt nicht verstehen und das ganze als Fortführung der irgendwo mal falsch abgebogenen Flower-Power-Hippiekultur durchziehen.


    Ich kann den Rastafaris nicht verdenken, dass sie darüber empört sind. Um mal ein Beispiel aus der klassischen Musik zu nehmen: Wenn ich tief erschüttert aus Mahlers Auferstehungssinfonie käme und auf Leute treffe, die Auszüge daraus mit Ballermann-Techno unterlegt zum Eimersaufen nutzen, dann würde ich dies auch als Barbarei empfinden.


    Gleichzeitig habe ich aber das Problem, dass mir die religiösen Gefühle von Menschen, die sich mindestens in ideologischer Nähe zu Dancehall-Sängern befinden, welche das Verbrennen von Homosexuellen gutheißen, im günstigsten Fall egal sind.


    Damit ist der Spezialfall nochmal komplizierter als das allgemeine Problem.


    Dietrich Fischer-Dieskau / Gerald Moore – Schubert: Winterreise


    Im direkten Vergleich mit Peter Anders leider zu viel Kunst im Kunstlied. Da fehlt mir doch etwas die Kälte.

    Nicht ins Regal, sondern nur in die Ordner auf der Festplatte.


    BRÖTZMANN / LEIGH
    BRÖTZMANN/LEIGH is the duo of Peter Brötzmann (reeds) & Heather Leigh (pedal steel guitar) "utter existential devastation"
    broetzmannleigh.bandcamp.com


    Peter Brötzmann / Heather Leigh


    Alle fünf Releases für 35,70 € (mit 20 Prozent Mengenrabatt)

    Jagen kann man mich mit Grappelli nicht, aber ich glaube, bis ich nochmal etwas von ihm hören möchte, werden wohl auch wieder einige Jahre ins Land ziehen.


    Im Vergleich zu der Streichersauce würde ich aber doch sagen, dass es zwei Paar Schuhe sind. Was gibt es eigentlich noch an weiteren Schuhpaaren bei Streichinstrumenten im Jazz? Spontan fällt mir Ron Carter am Cello ein, was ich aber eher unter Abwandlung des Kontrabasses einsortieren würde. Irgendwie meine ich mich auch noch an Bassisten zu erinnern, die mit Bogen gespielt haben – Vielleicht im Umfeld von Brötzmann?

    Ja, was die Kenton Big Band mit Streichern angeht, sind wir völlig einer Meinung. Mit der Ausnahme von Ray Nance bin ich ohnehin der Auffassung, dass Geiger, Bratschisten und Cellisten im Jazz nichts verloren haben. Jazz ist eine Musik von Bläsern, Pianisten, Gitarristen, Bassisten und Schlagzeugern (Vibraphonisten eingeschlossen), zu der sich auch mal Vokalisten hinzu gesellen können. Aber bitte keine Streichersoße über einen Big Band-Sound gegossen.

    Was die Streichersauce angeht, gehe ich mal vorsichtig d'accord, auch wenn ich Stan Getzes Focus noch nicht gehört habe. Was Geiger in der Gesamtheit angeht, überlege ich gerade Stephane Grappelli als Gegenargument einzuwerfen, höre aber sicherheitshalber noch mal in seine Zusammenarbeit mit McCoy Tyner rein, um nichts falsches zu sagen:



    Hieraus Bartóks viertes Streichquartett. Weil es sich hierbei bislang um eine Wissenslücke handelte und ich nicht wusste, was mich erwartete, bin ich nach dem Hören etwas aufgewühlt und höre deswegen Albert Ayler hinterher:



    Letzterer hätte eigentlich in den Jazzthread gehört, aber weil es eine direkte Folge von Bartók war…