Beiträge von Cherubino

    So geschieht es zumeist ja auch: Bachs Weihnachtsoratorium mit E-Gitarren und Saxophonen wird als Bearbeitung vermarktet und in den Proben für Bachs "originales" Weihnachtsoratorium ermahnen die Dirigenten ihre Chöre und Orchester immer wieder, doch die Artikulation, die Notenwerte, die Intonation usw. genau zu beachten. Die Diskussion, die wir hier führen, ist eine sehr theoretische. Aber das muss ja nicht gegen sie sprechen. ;)

    Ich habe gerade nochmal bei Harnoncourt nachgeguckt. In seinem "Musik als Klangrede", dem Buch, in dem er seine Musikauffassung grundlegend dargelegt hat, gibt es einen Text "Zur Interpretation historischer Musik". Darin ist sehr wenig vom Komponisten die Rede, Harnoncourt verwendet durchgehende den Begriff "Werktreue" (also nicht "Komponistenwillentreue"). An einer Stelle wird aber deutlich, dass das für ihn offenbar identisch ist:


    "Wenn wir heute historische Musik pflegen, so können wir dies nicht mehr so tun wie unsere Vorgänger in großen Zeiten. Wie haben die Unbefangenheit verloren, in der Gegenwart den Maßstab zu sehen, der Wille des Komponisten ist für uns höchste Autorität, wir sehen die Alte Musik an sich in ihrer eigenen Zeit und müssen uns daher bemühen, sie werkgetreu darzustellen, nicht aus musealen Gründen, sondern weil es uns heute der einzige richtige Weg scheint, sie lebendig und würdig wiederzugeben. Werkgetreu aber ist eine Wiedergabe dann, wenn sie sich der Vorstellung des Komponisten zur Zeit der Komposition annähert. Man sieht, dass dies nur bis zu einem gewissen Grad zu verwirklichen ist: die Urplanung eines Werkes lässt sich nur ahnen, besonders, wenn es sich um Musik weit zurückliegender Zeiten handelt. Anhaltspunkte, die einem den Willen des Komponisten zeigen, sind die Vortragsbezeichnungen, die Instrumentation und die vielen Gebräuche der Aufführungspraxis, die sich immer wieder geändert haben und deren Wissen die Komponisten bei ihren Zeitgenossen natürlich voraussetzten. Für uns bedeutet das ein umfangreiches Studium, aus dem man in einen gefährlichen Fehler verfallen kann: die Alte Musik nur vom Wissen her zu betreiben. So entstehen jene bekannten musikwissenschaftlichen Aufführungen, die historische oft einwandfrei sind, denen aber jedes Leben fehlt. Da ist eine historisch ganz falsche, aber musikalisch lebendige Wiedergabe vorzuziehen. Die Erkenntnisse der Msuikwissenschaft sollen aber natürlich nicht Selbstzweck sein, sondern uns nur die Mittel für die beste Wiedergabe an die Hand geben, denn werkgetreu ist sie schließlich auch nur dann, wenn das Werk am schönsten und klarsten zum Ausdruck kommt, und das wird dann sein, wenn sich Wissen und Verantwortungsbewusstsein mit tiefstem musikalischem Empfinden vereinen".

    (Nikolaus Harnoncourt: Musik als Klangrede. Wege zu einem neuen Musikverständnis, Wien 1982, S. 15f.)


    Daran kann man sich doch abarbeiten. Vieles, was da formuliert ist, läuft dem, was man bei Capriccio so schreibt, sehr entgegen. Was machen wir heute damit? War das mal eine wichtige Position, aber vierzig Jahre später ist über Harnoncourt und seine Art, Musik zu machen, die Zeit hinweg gegangen? War das damals schon Mist? Oder ist an diesem Plädoyer, den Komponisten mit seinen Klang- und Aufführungsvorstellungen ernst zu nehmen um eine gute Wiedergabe zu erreichen, nach wie vor etwas dran?

    Ich stelle mal Folgendes in den Raum: Der Komponistenwille ist vollkommen wurscht (zumal es viele Fälle gibt, in denen unbekannt ist, was der längst verstorbene Komponist einst gewollt hat). Wichtig ist allein, was aufführende Musiker daraus machen, ggf. auch das, was Konzertveranstalter und das Publikum wünschen.


    Einzige Einschränkung: Natürlich gibt es rechtliche Schranken, sprich: das Urheberrecht, das dem Komponisten zu seinen Lebzeiten und seinen Erben erlaubt, Grenzen zu ziehen.


    Aber sonst?

    Ich glaube auch, dass es sonst keine Einschränkungen gibt, ganz im Sinne des von Mauerblümchen zitierten Brahms-Diktums (zumindest in der aktuellen Kunstlandschaft).


    Man könnte aber diskutieren, ob es nicht analog zum Koselleckschen "Vetorecht der Quellen" in der Geschichtstheorie auch so etwas wie ein "Vetorecht der Partitur" in der Aufführungstheorie geben könnte. Ob also der oder die Ausführende sich alle Freiheiten nehmen kann bei der Umsetzung dessen, was im vorliegenden Text steht, nicht aber gegen den vorliegenden Text handeln. In dieser Richtung hat ja zum Beispiel Nikolaus Harnoncourt oft argumentiert, wenn er auf Temporelationen innerhalb eines größeren Werkes hingewiesen hat, die in der Aufführungstradition verkehrt worden seien und die er nun wieder genau berücksichtigt. Auch die Kritik an Beschleunigungen oder Verzögerungen, die sich eingebürgert haben aber nicht in der Partitur stehen, geht in diese Richtung. Ganz anschaulich und plakativ: Wie langsam oder schnell ein Adagio einer bestimmten Symphonie gespielt wird, das ist Sache des Dirigenten. Wenn es aber schneller gespielt wird als das Allegro, dann ist das objektiv nicht mit der Partitur zu vereinbaren.


    Gestern Nacht kam eine ganz ähnliche Diskussion ("Wille des Autors") übrigens auch im "Literarischen Quartett" vor, als der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch besprochen wurde. Es ging darum, dass Bachmann offenbar ausdrücklich erklärt hat, sie wolle nicht, dass ihre privaten Briefe an Frisch an die Öffentlichkeit kommen. Daran hat sich die Familie lange Zeit gehalten, nun sind sie aber doch gedruckt und veröffentlicht. Ist das in Ordnung, wie geht man damit um? Die Meinungen waren unterschiedlich und die Schriftstellerin Eva Menasse sagte einen sehr einfachen und pragmatischen Satz: "Tot ist tot".

    Und so argumentieren hier ja auch die meisten: "Tot ist tot". Der Komponist ist tot, sein Werk unabhängig von ihm noch da. Ein Toter hat kein Mitspracherecht mehr, kann sich auch an nichts mehr stören, Fall erledigt.

    Bei der Niederländischen Bachgesellschaft ist für ihr Projekt "All of Bach" gerade eine neue Aufnahme des zweiten teils des "Wohltemperierten Klaviers" im Entstehen - oder, richtiger gesagt, in der Veröffentlichung. Denn aufgenommen ist das Stück bereits, es wird jetzt nur nach und nach auf der Homepage und auf dem Youtubekanal des Projektes veröffentlicht, heute gerade das siebte Präludium mit Fuge. Christine Schornsheim spielt auf dem Nachbau eines Mietke-Cembalos an verschiedenen Orten in Utrecht:

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    Solch ein früher Tod ist immer besonders traurig. 61 Jahre - mein Gott, das ist doch noch kein Alter!


    Ich habe Gabriele Lechner in der Rolle der Mutter in Humperdincks "Hänsel und Gretel" kennen gelernt. Es ist eine Rolle, in der eine Sängerin nur schwer beeindrucken kann, böse, keifend, nervig. Erst später habe ich die Geschichte von ihrem sensationellen Einspringen für Margaret Price in Wien gehört/gelesen und davon, dass Gabriele Lechner einmal eine gefeierte Primadonna im italienischen Fach gewesen ist bevor sie zur bösen Stiefmutter wurde.


    Der Titel des Nachrufes, den Stimmenliebhaber oben eingestellt hat, ist ja bezeichnend. Es ist diese eine Geschichte, die immer mit Gabriele Lechner verbunden wird, Wiener Staatsoper 1986, "Un ballo in maschera", Claudio Abbado am Pult, Luciano Pavarotti als Riccardo, Live-Fernsehübertragung, Margaret Price fällt aus, Gabriele Lechner spingt ein, damals 25 Jahre alt und in Graz engagiert. Es ist der Abend ihres Lebens:

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    Es war und es blieb der eine Abend ihres Lebens. Eine große Karriere hat Gabriele Lechner dann doch nicht gemacht. Das Publikum muss sie geliebt haben, aber außerhalb von ihrer Heimatstadt Wien und von Zürich, wohin sie 1991 von Alexander Pereira mit vielen anderen Wiener Kräften ins Ensemble geholt wurde, bekam man davon nicht viel mit. In den frühen Naxos-Jahren sang sie den Sopran-Part in Beethovens Neunter mit dem Orchester aus Zagreb, die einzigen Opernaufnahmen nach dem Mitschnitt des legendären Einspringens im "Maskenball" sind eine Aufseherin in "Elektra" bei den Salzburger Festpielen unter Claudio Abbado und die erwähnte Mutter in "Hänsel und Gretel" aus dem Opernhaus Zürich. Dafür hat Gabriele Lechner in den letzten zwei Jahrzehnten als Gesangsprofessorin an der Wiener Musikhochschule ihre Spuren hinterlassen.

    Einige Konzertmitschnitte aus der DCH werden auf dem Label der Berliner Philharmoniker auf allen gängigen Tonträgerformaten inklusive Downloads veröffentlicht. Einiges davon ist auch bei einigen Streaming-Anbietern verfügbar, z. B. die John Adams-Box auf qobuz. Ob jetzt auch mal Dvoraks Sinfonie Nr. 5 mit Petrenko auf Tonträger und/oder als Download/Streaming verfügbar sein wird kann ich natürlich nicht sagen. Da heisst es abwarten und Tee trinken.

    Harnoncourt-Fan hat aber schon Recht damit, dass das nur sehr wenige Aufnahmen betrifft (vor allem einige Komponisten-Komplettpakete). Die Digital Concert Hall ist im Verständnis der Philharmoniker eher ein Ersatz oder ein Nachfolger für die Tonträger-Vermarktung als eine Ergänzung. Wenn jetzt eine Aufnahme irgendwo anders zu bekommen ist, entwertet das das Angebot Digital Concert Hall und das gilt es aus Sicht der Philharmoniker zu vermeiden.


    Ich bin da zwiegespalten: Auf der einen Seite stimme ich Kahmpan zu. CDs kauft niemand mehr und die Philharmoniker tun gut daran, sich rechtzeitig neu auf dem Markt zu positionieren mit einem Angebot, dass es ihnen auch nach dem Wegbrechen des Tonträgermarktes noch erlaubt, ihre Aufnahmen zu vermarkten. Sie waren da schneller und konsequenter als jede andere große Klassik-Institution. Auf der anderen Seite stimme ich aber auch Harnoncourt-Fan zu, dass diese Politik ziemlich restriktiv ist und für mich und mein Nutzerverhalten bedeutet, dass ich keine neuen Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern zu hören bekomme. Denn die Digital Concert Hall ist sowohl absolut als auch im Vergleich ein ausgesprochen teures Angebot, so dass ich andere Streaming-Möglichkeiten nutze.

    Im Oboenthread war gestern von Telemanns Konzert für Querflöte, Oboe d´amore, Viola d´amore, Streicher und basso continuo TWV 53:E1 die Rede. Nachdem ich die Begeisterung für das Stück dort gelesen habe, war ich gespannt, wollte es selbst hören und bin auf diese CD gestoßen, die ich gestern und heute nun über den Tag verteilt Stück für Stück immer wieder höre:


    Finde ich weniger kurios. Es kommt darauf an, wo das Konzert am Abend zuvor stattfinden soll.

    Mir sind auch - gerade seit Pandemie, aber auch schon vorher - kurzfristig oder auch mittelfristig Flüge abgesagt worden. Nicht, dass es in meinem Fall was ausmachen würde. Aber mir wird dann als Ersatz der Abend vorher oder der Morgen danach angeboten. In Beczalas Fall natürlich ein Show Stopper.

    Bei Grossstädten kann man dann erwägen auf eine andere Fluggesellschaft auszuweichen. Wie gesagt, es kommt auf den Ort des Konzerts vom 26. an.

    Danke für deine Antwort! Ah, an einen abgesagten Flug habe ich gar nicht gedacht. Dann hätte die Planung eigentlich funktioniert, es ist aber eine Absage dazwischen gekommen - das ergibt Sinn. Ich hatte den Text so verstanden, dass Beczala (bzw. seine Agentur) sich jetzt erst um einen Flug bemüht und festgestellt haben, dass es keinen gibt. Das hätte ich unprofessionell gefunden.

    Ich habe garade mal nachgesehen, wo das Konzert am 26.11. stattfindet und auch den Grund gesehen, warum das nicht abgesagt wird: Es handelt sich um das alljährliche Adventskonzert in der Dresdner Frauenkirche, das im ZDF ausgestrahlt und später auch als DVD/CD vertrieben wird. Andererseits: Von Dresden nach Wien kann man auch mit dem Zug oder mit dem Auto fahren...

    Es betrifft mich persönlich überhaupt nicht, aber ich habe es gerade gelesen und mich gewundert:


    Piotr Beczala teilt auf seinem Instagram-Kanal mit: "Dear friends, I regret to inform you that I will not be able to perform on November 27 at the Wiener Staatsoper during the Gala Concert LICHT INS DUNKEL for technical reasons - I couldn't find a flight connection that would take me on time after the evening concert on November 26th 😔 It is a big disappointment for me, because I have been following this wonderful initiative for years. However, I shall see you in a few days during the concert in Munich!"


    Dass Künstlerinnen und Künstler wegen Indisposition und Krankheit absagen, kennt man ja, aber diesen Grund finde ich ziemlich kurios und ich habe mich sponatan gefragt: Ja geht denn das? Kann man sich als Sänger für ein Konzert verpflichten und dann kurz vorher absagen, weil man nicht rechtzeitig hinkommt? Steht es nicht in der Verantwortung des Sängers und seiner Agentur, so die Anreise möglich zu machen, wenn man schon zwei Auftritte an zwei aufeinander folgenden Tagen zusagt? Und nach welchen Kriterien entscheidet sich dann, welches Konzert man absagt (Beczala hätte ja auch für den 26. absagen können, um am 27. in Wien sein zu können).


    Man merkt, ich finde das eine ziemlich kuriose Geschichte, deshalb wollte ich den Fund mit euch teilen. Was mich aber am allermeisten wundert: Dass dieser Grund so kommuniziert wird und nicht eine unverbindliche "Ausrede", bei der niemand nachfragt.

    Morgen, 13.11.2022, um 19.30 live aus der Wiener Staatsoper und 1 Tag verfügbar (nach kostenfreier Anmeldung):


    Paul Hindemith

    Cardilliac


    Wiener Staatsoper

    Wem das Hören reicht, kann den Mitschnitt der Produktion (zumindest heute noch) bereits hier finden:

    Live aus der Wiener Staatsoper - Paul Hindemith: "Cardillac" | SA | 05 11 2022 | 19:30
    Mit Tomasz Konieczny (Cardillac), Vera-Lotte Boecker (Die Tochter), Herbert Lippert (Der Offizier), Wolfgang Bankl (Der Goldhändler), Daniel Jenz (Der…
    oe1.orf.at

    Die Deutsche Grammophon hat auch einige interessante Neuerscheinungen angekündigt, vor allem große Namen:


    Matthias Goerne und die Kammerphilharmonie Bremen mit Schubert-Liedern in Orchestrierungen von Alexander Schmalcz:

    SCHUBERT REVISITED Goerne
    SCHUBERT REVISITED Goerne
    www.deutschegrammophon.com

    Vor zwanzig Jahren gab es ja schon mal ein Album mit Schubert-Liedern in Orchesterbearbeitungen, damals gesungen von Thomas Quasthoff und Anne-Sofie von Otter und dirigiert von Claudio Abbado. Die Orchestrierungen damals stammten aber von den berühmtesten Komponisten des 19. Jahrhunderts, da kommt dieses Album für mich erstmal nicht dran, was sie Interessantheit angeht.


    Noch mehr Schubert: Der junge österreichische Bariton André Schuen mit dem "Schwanengesang":

    SCHUBERT Schwanengesang / Andrè Schuen
    SCHUBERT Schwanengesang / Andrè Schuen
    www.deutschegrammophon.com

    Schuen hat ja schon einige Liedalben vorgelegt, was hört man denn so darüber? Ich kenne ihn bisher nur als sympathischen, präsenten Opernsänger (Mozart), von seinen Liedaufnahmen kenne ich noch ncihts.


    Von zwei der großen alten Männer der Klassikszene gibt es auch Neues:
    Marurizio Pollini hat zwei der späten Beethoven-Sonaten aufgenommen, Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle Berlin die Symphonien von Robert Schumann:

    BEETHOVEN The Late Sonatas / Pollini
    BEETHOVEN The Late Sonatas / Pollini
    www.deutschegrammophon.com

    SCHUMANN The Symphonies / Barenboim
    SCHUMANN The Symphonies / Barenboim
    www.deutschegrammophon.com

    Ein Konzertmitschnitt aus dem Amsterdamer Concertgebouw vom 30. Oktober dieses Jahres:

    Ronald Brautigam en Kölner Akademie
    Kölner AkademieMichael Alexander Willens, dirigentRonald Brautigam, fortepiano (foto)
    www.nporadio4.nl


    Ronald Brautigam und die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens spielen das erste Klavierkonzert und das Konzertstück von Weber und die vierte Symphonie von Mendelssohn Bartholdy. Das klingt anders, das klingt interessant, aber manchmal bin ich mir nicht sicher, ob dieses oder jenes Scheppern und Misstönen nun Interpretation ist oder Unfall...

    Unter dem Arte-Link, den ich eingestellt habe, ist die Sendung sogar verfügbar bis zum 3.2.2023.


    Ich habe vorgestern spätabends nur einen Ausschnitt gesehen, habe mir aber vorgenommen, die Sendung bei Gelegenheit nochmal komplett zu schauen. Vielleicht können wir uns dann ja darüber austauschen!

    Das "Couvre feu" habe ich eben mal selbst versucht und bis auf ein paar Kleinigkeiten geht auch das gut und macht Spaß. Eine Stelle jedoch stellt mich ein wenig vor eine Herausforderung: und zwar das Ende der 1. Seite mit den vielen bs ... welche Griffkombination nimmst Du denn da, Cherubino ? :/

    Ja, die Stelle ist wirklich etwas hakelig, da habe ich auch herumprobieren müssen, wie es am besten funktioniert. Ich spiele es mit Gabel-F und linkem Es (sowohl abwärts als auch aufwärts), so braucht man nicht unten zwischen Es und Des zu rutschen. Nicht ganz einfach finde ich es übrigens auch, diesen Mittelteil wirklich Legato hinzubekommen, auch bei den Sprüngen in der zweiten Zeile von unten.


    Das hinzubekommen und dann auch noch z. B. die Stelle, über die wir gerade sprechen, bei der Wiederholung wirklich piano als Echo zu schaffen, obwohl sie auf einem tiefen Des endet, oder am Ende des gesamten Stückes in der tiefen Lage ein kontrolliertes Diminuendo über vier Takte ohne dass der Ton wegbricht, das unterscheidet dann jemanden, der sein Instrument wirklich beherrscht von mir, der vom Instrument beherrscht wird...

    Anders gesagt: Technisch ist das Stück erstmal nur mittelschwer, kriegen die Finger mit relativ wenig Übeaufwand hin, aber solche auf den ersten Blick einfachen Details machen dann doch den Unterschied...

    Ist ja schon ein bisschen kitschig, aber wirklich schön. Es erinnert mich ein bisschen an Oblivion von Piazzola und es ist kaufbar beim ERES-Verlag für € 9.80

    Das ist witzig, dass du gerade den Vergleich bringst: "Oblivion" von Piazzola stand bei dem besagten Konzert auch auf dem Programm! ^^ Vielleicht haben die beiden Musiker eine Schwäche für diesen Stil. Im Konzert in der Kirche habe ich "Zweiundvierzig" gar nicht als so kitschig empfunden, aber beim Wiederhören in dem Youtube-Video gebe ich dir recht. Ich bin allerdings auch ganz tolerant, was Kitsch angeht. ^^

    Dein imslp-Link für Barthe funktioniert bei mir leider nicht, aber mit googeln "imslp barthe" findet man's sofort und vielleicht funktioniert es hier:

    Stimmt, jetzt sehe ich es auch! Vielen Dank für den funktionierenden Link!

    Schön, dass das Konzert dann doch trotz kalter Kirche stattgefunden hat - hier am Ort wurde auch schon mindestens 1 Konzert deswegen abgesagt (wo ich aber eh nicht hin wollte ....) Schlecht2

    Ja, solche Diskussionen habe ich hier vor Ort auch schon mitbekommen. In dem Zusammenhang habe ich auch gehört, dass professionelle Orchester teilweise garantierte Mindestraumtemperaturen in die Verträge schreiben lassen, weil sie sagen, dass sie sonst nicht die Leistung bringen können, die man von ihnen erwartet (Stimmung, Kondenswasser, Schäden an den Instrumenten usw.). Mal sehen, wie das über den Winter hinweg jetzt weiter geht, bisher war es ja noch relativ warm...

    Die beiden von dir genannten Stücke werde ich mir dann auch mal anhören und nach den Noten des einen gucken Wow1

    Ich kann eigentlich auch eben den Link hier hin setzen, wenn ich ihn ohnehin schon habe:

    https://imslp.org/wiki/6_Piece…and_Piano_(Barthe,_Adrien)

    Am vorletzten Freitag war ich bei einem Konzert mit der schönen Besetzung Oboe/Orgel. Oboe als Soloinstrument in einem Konzert hier in der Stadt - da bin ich natürlich hin. Ich will euch gar nicht wahnsinnig viel davon erzählen und schon gar keinen ausgereiften Konzertbericht abgeben, nur ein paar Gedanken für die anderen Oboistinnen und Oboisten hier:


    Ein erster Gedanke zum Praktischen: Ich habe jetzt schon hin und wieder mitbekommen, dass Konzerte auf der Kippe stehen, weil die Katholische Kirche entschieden hat, wegen der Energiekrise ihre Kirchengebäude nicht mehr zu heizen. Am vorletzten Wochenende war es allerdings noch so warm, dass das eigentlich kein Problem darstellen sollte, es war sogar draußen wärmer als im alten Dom. Dort war es nämlich doch schon ziemlich frostig und so war der Oboist nach fast jedem Stück damit beschäftigt, sein Instrument durchzuwischen und die Klappen durchzupusten, damit sich kein Kondenswasser bildet. Das ist ihm gut gelungen, der Ton war immer da und es fing nie an zu "blubbern", aber wenn man selbst Oboe spielt, kann man sich vorstellen, was für einen Stress er ausgestanden haben muss.


    Ein zweiter Gedanke zum Inhaltlichen: Das Konzert bestand aus vielen kurzen Stücken in abwechslungsreicher Folge. Das einzige Stück, das ich kannte, war (neben einem Choralvorspiel von Bach für die Orgel allein) der "Pan" aus Brittens "Sechs Metamorphosen". Unter den anderen Stücken, die also alle neu waren für mich, waren zwei Entdeckungen, zwei Stücke, die mir besonders gut gefallen haben und auf die ich euch auch hinweisen möchte:

    Erstens "Couvre feu" von Adrien Barthe: Ich habe gegoogelt und festgestellt, dass es sich im Original um eine Komposition für Oboe und Klavier handelt, die Noten finden sich auf imslp.org. Es ist Teil einer Sammlung von sechs Stücken für Oboe und Klavier, mittelschwer zu spielen, sehr melodisch und ansprechend. Ich habe mir die Noten ausgedruckt und das Stück selbst mit Vergnügen geübt. Adrien Barthe hat am Pariser Konservatorium studiert, 1854 den begehrten Rompreis gewonnen und gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur großen Musikszene der französischen Hauptstadt, ohne über seinen Tod 1898 hinaus bleibende Spuren zu hinterlassen.

    Zweitens "Zweiundvierzig" von Peeter Vähi. Auch da habe ich gegoogelt, die Noten findet man nicht frei im Internet, da Peeter Vähi noch lebt, aber ein paar Aufnahmen des Stückes bei Youtube. Vähi ist ein estnischer Komponist, geboren 1955, und schrieb dieses Stück, ein Originalwerk für Orgel und Oboe, aus Anlass seines eigenen 42. Geburtstages. Es st ein getragenes, sehr, sehr trauriges Stück, bei dem ich unwillkürlich an eine Beerdigung oder Trauerfeier gedacht habe. Lasst euch vom Entstehungsdatum nicht abschrecken, das ist ein zum Weinen schönes Stück!


    PS: Der Oboist war übrigens Lukas Brandt, keine Prominenz, sondern seit 39 Jahren Solooboist im Osnabrücker Symphonieorchester. Ein älterer Herr mit spürbar ungeheuer viel Erfahrung und der daraus resultierenden Souveränität und Ruhe - und ein sehr, sehr schöner runder Klang, wie man ihn sich als Oboist wünscht: Beeindruckend und vorbildlich!