Beiträge von Cherubino

    Arte Concert überträgt am Sonntag "Il Trittico" von Puccini von den Salzburger Festspielen mit Asmik Grigorian als Zentrum des Abends in allen weiblichen Hauptrollen. Ganz, ganz große Empfehlung an alle Opernfans hier! Ich habe die Übertragung der Premiere aufgenommen und an den letzten drei Abenden Stück für Stück gehört und es war ein tolles, intensives, berührendes Erlebnis.

    Und wer nicht genug von Puccini bekommen kann: Samstagabend gibt es bei 3sat die "Madama Butterfly" von der Seebühne in Bregenz in einer neuen Produktion von Andreas Homoki.

    Ist das denn noch möglich? Ich habe nur gelesen, daß der Stream zur Götterdämmerung noch bis zum 31. 12. zur Verfügung steht.

    Allerdings komme ich in der nächsten Zeit erstmal nicht dazu.

    Ja, klar geht das! Du kannst die Übertragungen noch eine gewisse Zeit in den Mediatheken der Radiostationen nachhören und sie sind auch bei YouTube hochgeladen worden. Bei beiden Wegen ist es mit kleinen Add-Ons auch möglich, die Aufnahmen herunterzuladen und abzuspeichern, dann ist man völlig unabhängig davon, wie lange sie online noch verfügbar sind.

    Du hast das sehr gut beschrieben, Cherubino, so sehe ich das auch. Cornelius Meister war ja eine Weile als GMD für München im Gespräch, daraus geworden ist allerdings nichts.

    Noch etwas zum Kapelllmeister. Ich empfinde das nie als Abwertung, sondern ganz im Gegenteil. Wolfgang Sawallisch z.B. war immer stolz darauf, wenn er so bezeichnet wurde.

    Ja, genau so möchte ich das auch verstanden wissen! In einem Haus mit diesen akustischen Besonderheiten wie in Bayreuth ein riesiges Orchester und Sänger, die teilweise erst kurz vor der Vorstellung eingesprungen sind, mit wenigen Proben (wie gesagt, Meister ist erst zu den Endproben eingesprungen) unfallfrei durch diese um die fünfzehn Stunden zu koordinieren, das ist schon an sich eine unglaubliche Leistung, vor der wir alle hier den Hut ziehen können und für die man ein richtig, richtig guter Musiker sein muss, mit genauer Partiturkenntnis, mit sicherem Handwerk, mit Souveränität und mit festen Nerven.

    Dass andere Dirigenten unter anderen Umständen im großen Ganzen wie im Detail zu überzeugenderen Ergebnissen gekommen sind, schmälert nicht diese Leistung.


    Gerade was Dirigent und Orchester angeht wurden die beiden vorangegangenen Ring-Produktionen-Premieren unter Christian Thielemann 2006 und unter Kirill Petrenko 2013 ja hoch gelobt.

    Ich habe alle vier Teile gehört und war von Cornelius Meisters Interpretation weder enttäuscht noch geflasht. Ich glaube, was wir da gehört haben, wird jetzt nicht in die Annalen der Festspielgeschichte eingehen, sondern war eine solide Kapellmeisterarbeit. Und letztlich muss man doch sagen, dass genau das eigentlich auch gefragt war: Meister ist mitten in der Probenphase für Pietari Inkinen eingesprungen, eigentlich hatte er den "Tristan" geprobt. Kurz vor und während der Aufführungsserie gab es eine ganze Reihe von Umbesetzungen vor allem durch Krankheit, aber auch durch andere Gründe. Da ist erstmal jemand gefragt, der Sicherheit vermittelt und der den Laden zusammenhält, der mit wenig Proben Orchester und Sänger sicher durch den Abend bringt. Und das hat Meister geleistet.

    Was wir am Radio oder Fernseher nicht beurteilen können, ist, wie gut er mit der besonderen Akustik des Festspielhauses zurecht gekommen ist. Da gab es von einzelnen professionellen Kritikerinnen im Festspielhaus selbst durchaus gut begründete Kritik, aber dazu können wir schlichtweg nichts sagen, wir hören, was die Tontechniker des BR für uns aufbereitet haben.

    Und noch ein letzter Punkt: Ich habe keinen Qualitätsunterschied zwischen den Orchestermusikern in den verschiedenen Ring-Teilen gehört und es gehört für mich auch zur Fairness diesen professionellen Musikerinnen und Musikern gegenüber, einen solchen Unterschied nicht herbeizureden. Dass man trotzdem an den einzelnen Abenden einen unterschiedlichen Eindruck vom Orchester haben kann, das ist völlig klar. Wie gesagt, das ist eine Erfahrung, die wir wahrscheinlich alle kennen. Auch Egbert Tholl schreibt ja nicht von einem Qualitätsunterschied, sondern von einem unterschiedlichen Eindruck, den er an den verschiedenen Abenden vom Orchester hatte.


    Hast du denn vor, dir die Aufzeichnung des "Rings" nochmal komplett anzuhören, ira?

    "In Bayreuth gibt es wegen Corona dieses Jahr zwei Orchester, in der "Götterdämmerung" spielt das wachere der beiden, spielt kanglich wundervoll, aber Meister kann mit diesem Geschenk nur bedingt etwas anfangen." Zitat Ende.

    Tja, das sind so diese Sätze in Kritiken...


    Auf der Internetseite der Festspiele kann man sich ja die Liste der Musikerinnen und Musiker des Festspielorchesters durchlesen. Niemand - kein Zuhörer und professioneller Rezensent - wird jetzt diese Liste durchgehen und "die Guten in´s Töpfchen, die Schlechten in´s Kröpfchen" machen. "Zwischen Flötist A und Flötistin B ist aber ein Qualitätsunterschied, er ist besser und gehört in´s Montagsorchester, sie ist nicht so gut und gehört in´s Mittwochsorchester" - das ist doch Blödsinn! Wer nicht ein hochprofessioneller, guter, erfahrener Orchestermusiker ist, der kommt erst gar nicht in dieses Orchester.


    Trotzdem ist der Eindruck vom Orchester nicht jeden Abend gleich, das geht uns doch auch so, wenn wir in´s Konzert oder in die Oper gehen. Und dann kommen eben solche Formulierungen vom "wacheren" der beiden Orchester heraus, weil man diesen Eindruck irgendwie in Worte fassen muss (man hat schließlich einen Text abzuliefern) und das andere Orchester ist dann auch gut, aber halt nicht so "wach", aber letztlich liegt es irgendwie dann doch am Dirigenten, weil der nicht daraus gemacht hat, was er hätte machen können...

    eben in BT waren gar (zumindest während des ersten Ring - Durchlaufs) ein A- und ein B-Orchester im Einsatz - "B" in Rheingold + Siegfried, "A" beim Rest..

    Aber bedeutet das denn wirklich, dass die beiden Orchester unterschiedliche Qualität haben oder nur, dass es eben so viele Musiker dieses Jahr in Bayreuth gibt, dass man alles doppelt hat, um nicht durch kurzfristige Corona-Ausfälle gefährdet zu werden? Gerade beim Götterdämmerung A Orchester wurde laut obigem Beitrag ja besonders laut gebuht.

    Also mit unterschiedlicher Qualität wird das nichts zu tun haben. Die Bayreuther Festspiele sind ja bekannt für die Qualität ihres Chores und ihres Orchesters und werden sich nicht die Blöße geben, ein qualitativ schlechteres Orchester spielen zu lassen. Auch in normalen Sommern wird nicht jeder Musiker jeden Abend im Graben sitzen, jetzt, wo die Planung unter dem Zeichen des Umgangs mit der Corona-Gefahr steht, ist es vielleicht wirklich sinnvoll, zwei getrennte Orchester zu haben, die sich nicht mischen, um so die Gefahr durch Infektionen einzudämmen: Wenn ein Musiker oder eine Musikerin infiziert ist und an meheren Probentagen oder Aufführungsabenden hintereinander immer unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen um sich herum sitzen hat, ist die Gefahr größer, dass mehr Leute ausfallen.

    Wer in Bayreuth spielt und wie viele Musikerinnen und Musiker pro Stimme da sind, das ist ja kein Geheimnis, auf der Internetseite der Festspiele ist die Orchesterbesetzung veröffentlicht: https://www.bayreuther-festspi…kende/festspielorchester/

    Da sieht man zum Beispiel jeweils 8 bis zehn Namen pro Bläsergruppe - die spielen sicher nicht alle gleichzeitig.

    Natürlich weiß ich nicht, wie intensiv jemand von uns hier wirklich in dieses Thema einsteigen möchte, aber da ich gestern zufällig etwas dazu gelesen habe, möchte ich ein paar Literaturhinweise hierher setzen, , vielleicht sind sie für den einen oder anderen ja interessant:
    In dem 2020 erschienen Musik-Konzepte-Band über Giacomo Puccini findet sich ein Aufsatz von Clemens Risi mit dem Titel ""La Tosca in teatro". Puccini und die Kunst des Performativen". Risi, Inhaber des Lehrstuhls für Theaterwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, wendet damit Überlegungen aus seiner Habilitationsschrift auf ein konkretes populäres Beispiel an. Und eben diese 2017 erschienene Habilitationsschrift "Oper in performance - Analysen zur Aufführungsdimension von Operninszenierungen" könnte vielleicht das liefern, was Symbol sich in seinem Beitrag oben gewünscht hat, den dem Klappentext zufolge widmet sie "sich der Analyse von Opernaufführungen in Inszenierungen des sogenannten Regietheaters der letzten 15 bis 20 Jahre. Anknüpfend an aktuelle Forschungen zur Aufführungstheorie, Theorien des Performativen, Phänomenologie und Wahrnehmungstheorie, schlägt die Studie vor, das Konzept der Aufführung als Ereignis auf die Analyse von Opernaufführungen zu übertragen, und diskutiert dies anhand von Aufführungen von Repertoire-Klassikern von Mozart, Puccini, Johann Strauß, Verdi und Wagner in Inszenierungen von Sebastian Baumgarten, Calixto Bieito, Peter Konwitschny, Christoph Marthaler, Hans Neuenfels, Michael Thalheimer, Katharina Wagner und dem Regieduo Jossi Wieler/Sergio Morabito".


    Ich habe das Buch von Risi nicht gelesen, sondern nur seinen Aufsatz in den Musik-Konzepten. In dem arbeitet er mit dem Begriff "Regietheater", eine Kapitelüberschrift heißt etwa - und das passt, denke ich, sehr gut zu unserer Diskussion aus der vorletzten Woche - "Zwei Tendenzen der Inszenierung: zwischen historischer Orientierung und Regietheater" (hier, wie gesagt, konkret auf Puccinis "Tosca" bezogen). Risi problematisiert den Begriff aber auch und gibt Literaturhinweise in der Fußnote - und eben die könnten hier vielleicht für den ein oder anderen, der seit einem Jahrzehnt nicht versteht, was Regietheater eigentlich sein soll, ganz interessant sein:


    Die Anmerkung in Risis Aufsatz lautet also:

    "Zum Begriff des Regietheaters und die Debatte um diesen vgl. u. a. Wolfgang Ullrich, »›Die Kunst ist Ausdruck ihrer Zeit‹. Genese und Problematik eines Topos der Kunsttheorie«, in: Robert Sollich/Clemens Risi/Sebastian Reus/Stephan Jöris (Hrsg.), Angst vor der Zerstörung – Der Meister Künste zwischen Archiv und Erneuerung, Berlin 2008, S. 233–246; Stephan Mösch, »Geistes Gegenwart? Überlegungen zur Ästhetik des Regietheaters in der Oper«, in: Anno Mungen (Hrsg.),

    Mitten im Leben. Musiktheater von der Oper zur Everyday Performance, Würzburg 2011 (= Thurnauer Schriften zum Musiktheater 23), S. 85–103".

    Außerdem wird noch genannt: Jürgen Kühnel, »Regietheater, Konzeption und Praxis am Beispiel Mozarts. Versuch einer Typologie «, in: ders./Ulrich Müller/Oswald Panagl (Hrsg.), »Regietheater«. Konzeption und Praxis am Beispiel der Bühnenwerke Mozarts, Anif/Salzburg 2007.

    Mit Elisabeth Höngen habe ich zwei Erfahrungen - und es sind zwei ziemlich gegensätzliche Erfahrungen: Auf einem Sampler "Wiener Opernlieblinge von seinerzeit", den ich als klingendes Urlaubsmitbringsel in dem CD-Laden in der Wiener Staatsoper gekauft habe, als ich das erste Mal wirklich und echt in Wien war (da war ich vierzehn und es war ein ziemlich großes Ding für mich, weil dieses Wien aus Büchern und Filmen immer ein ziemlicher Sehnsuchtsort gewesen war), war Elisabeth Höngen mit der Eboli-Arie aus Verdis "Don Carlos" zu hören (eine Aufnahme von 1944). Die Aufnahme hat mich begeistert und überwältigt, ich war hin und weg, das war ganz großes Drama! Ich werde die Arie gleich oder morgen nochmal hören, um zu sehen, ob ich das immer noch so empfinde. Zumindest war der Name Elisabeth Höngen nach dieser einen Aufnahme bei mir ausgesprochen positiv besetzt.


    Dann habe ich Jahre später eine "Salome"-Aufnahme kaufen wollen und meine Wahl ist auf den Mitschnitt des Gastspiels der Wiener Staatsoper in London 1947 gefallen. Das war keine sonderlich kluge Entscheidung:"Salome" ist ein so packendes, so unmittelbar mitreißendes Stück, es gibt vielleicht kaum eine andere Oper mit einer solchen Sogwirkung. Und man hört es hier einfach nicht, weil die Tonqualität (Live-Mitschnitt von 1947!) so schlecht ist. Ich glaube, Maria Cebotari als Salome war sensationell gut, die anderen Hauptdarsteller machen ihre Sache sehr gut und Clemens Krauss ist sehr authentisch, wenn er Strauss dirigiert -

    aber man hört von all dem halt kaum etwas vor lauter Rauschen, Knistern, Ausfällen und technischen Verzerrungen - es ist tatsächlich so, dass der Klang oft regelrecht verzerrt ist, z. B. die Tonhöhen also nicht zu erkennen. Entschieden hatte ich mich für diese Aufnahme der Sängerinnen und Sänger wegen und nicht zuletzt weil Elisabeth Höngen die Herodias gesungen hat und dieser Name, den ich nur von der einen Verdi-Arie kannte - ich habe es eben geschrieben - bei mir ausgesprochen positiv besetzt war.Ihr Auftritt ist dann aber eine ziemliche Kuriosität: Elisabeth Höngen spricht die Herodias. Nun war Höngen ja eine ausgebildete und renommierte Opernsängerin, die Frau konnte singen, und wie! Hier aber spricht sie die gesamte Rolle, zeigt sich dabei zweifellos als beeindruckende Tragödin, bleibt aber doch natürlich ein kurioser Fremdkörper.


    Wie es dazu kam, hat der Wiener Streifenpeter hier mal berichtet:

    Ich kenne einige Chorsänger, unter anderem ist mein Mann einer, die waren völlig entsetzt von Stimme und Aussprache der Theorin.

    Ich kann es nachvollziehen - ich hatte auch einige Wörter falsch verstanden. Aber kein Grund zum Ärgern. Slang in internationalen Wagnerproduktionen gehören zum guten (bzw. schlechten Ton). Das beste eingefärbte Deutsch lieferte für mich immer noch Jay Hunter Morris im Hydraulik-Ring an der Met. Nach den ersten Worten weiß jeder, dass Siegfried in Wirklichkeit aus Texas kommt. Na ja, nicht jeder kann so gut Deutsch imitieren wie z. B. Gerald Finley.

    Bei Iréne Theorin geht es ja nicht um den Vorwurf, sie hätte einen zu starken Akzent (oder ein "eingefärbtes Deutsch"), sondern um den Vorwurf, der vielen Wagner-Sängerinnen und -Sängern immer wieder gemacht wird, sie habe zu wenig auf genaue Artikulation und Textdeutlichkeit geachtet. Dieser Vorwurf ist übrigens nicht neu, er stand auch schon in den Kritiken zu ihrer Isolde in Bayreuth vor 10-15 Jahren.

    Aber daran zeigt sich auch schon wieder die Schwirigkeit beim Sprechen über Gesangsleistungen, wenn über ganz grundlegende Parameter keine Einigkeit besteht: Die einen sagen, Theorin habe nicht auf die Artikulation geachtet, die anderen sagen, das habe sie doch getan. Viele sagen, sie habe Fehler in der Intonation gehabt, andere sagen, die habe sie nicht gehabt. Wenn mehrere Menschen, die die Aufführung gehört haben, sich noch nicht einmal darüber einig werden können, ob sie von der Sängerin die richtigen Worte und Töne gehört haben - wie soll dann ein vernünftiges Sprechen über die Musik möglich sein?


    Was Theorin angeht muss man, denke ich, dazu sagen, dass sie nicht immer so geklungen hat wie in der vergangenen Woche. Ihre mangelnde Textverständlichkeit wurde immer schon kritisiert, aber ansonsten war zum Beispiel ihre Bayreuther Isolde absolut nicht schlecht. Allerdings sie ist nun seit zwanzig Jahren im hochdramatischen Geschäft, war schon beim vorletzten "Ring" in Bayreuth dabei, ist in diesem Fach in Ehren ergraut und leider hat all das seine Spuren in ihrer Stimme hinterlassen. Theorin ist inzwischen 59, natürlich klingt sie nicht mehr taufrisch, Nina Stemmes Isolde wobbelt heute auch mehr als vor zwanzig Jahren und selbst Birgit Nilsson, die nun wirklich ein Phänomen war, hat dieses hochdramatische Fach nicht viel länger als 20, vielleicht 25 Jahre gesungen und die Brünnhilde mit Anfang Sechzig beiseite gelegt.


    Kurz gesagt: Ich schätze Theorin und Stemme sehr und habe Respekt vor ihren Lebensleistungen, aber ich sehe auch, dass die Generation von Wagnersängerinnen, mit denen ich aufgewachsen bin, langsam in die Jahre kommt und ich würde mir wünschen, dass die Staffelstabübergabe an die nächste Generation gelingt und sich gute neue, unverbrauchte Stimmen finden, die diesen anspruchsvollen Rollen gewachsen sind.

    Überrascht hat mich, dass auch Okka von der Damerau, die in diesem Ring als Erda und erste Norn sehr gelobt wurde (zurecht!), die Brünnhilde im Repertoire hat. Die Radiomoderatorin hat am Ende der Übertragung gestern beim Schlussapplaus erwähnt, dass Cornelius Meister und Okka von der Damerau sich kennen, weil sie gerade in Stuttgart im "Ring", den er dirigiert, die Brünnhilde singt. Ich habe das für einen Versprecher oder eine Verwechslung gehalten, denn Frau von der Damerau kenne ich nur in ausgesprochenen Altpartien (als Ulrica und Erda) und weiß, dass sie auch Mezzosopranrollen singt (die Brangäne neben Kaufmann und Harteros) - aber die Brünnhilde ist ja nochmal ein ganz anderes Fach. Offenbar strebt sie aber gerade zu diesen hochdramatischen Rollen, die Isolde ist auch schon angekündigt.

    Parallel Erda und Brünnhilde zu singen, das finde ich ein Kuriosum!

    Das Engagement von Frau Theorin kann ich auch nicht wirklich nachvollziehen. Dieser Thread hat ja im September 2019 begonnen, da haben wir uns über die Besetzung des damals für das kommende Jahr geplanten Bayreuther "Rings" unterhalten und auch über die Brünnhilden gesprochen (wer mag, kann ja nochmal auf den ersten Seiten nachlesen). Von Iréne Theorin war damals noch keine Rede, sie ist erst relativ kurzfristig für diese Produktion engagiert worden und zwar ausgerechnet für die beiden langen Brünnhilde-Partien, während die kurze "Siegfried"-Brünnhilde wie von Anfang an geplant bei der auch nicht rundum beglückenden, aber doch jüngeren, frischeren Daniela Köhler blieb. Klar sind alle auf der Suche nach der neuen Hochdramatischen, nach der neuen Birgit Nilsson, aber es ist doch nicht so, dass man diese Rollen nicht besetzen könnte: In den letzten beiden "Ring"-Produktionen hatte Bayreuth mit Linda Watson und Catherine Foster zwei richtig, richtig gute Brünnhilden, das war in beiden Fällen ein sängerischer Höhepunkt der jeweiligen Ringe - dieses Mal haben die Verantwortlichen ziemlich daneben gegriffen.

    (und ich werde auch kein Fan der allseits gelobten Lise Davidsen mehr... auch Elisabeth Teige hat sich für meine Ohren nicht unbedingt für größere Aufgaben empfohlen)


    Das hochdramatische Tenorfach ist eigentlich ja mindestens genauso schwer zu besetzen, da hatten die Festspiele aber das deutlich bessere Händchen: Andreas Schager/l, Stephen Gould, Clay Hilley, Klaus Florian Vogt, Daniel Kirch - allesamt gut oder sogar sehr gut!

    Cherubino , Du würdest Dich bestätigt fühlen:


    Zitat:

    "So können die dann in Opernhäusern unvermeidlichen Buhs sowohl einer Verhunzung als auch einer genialen Neudeutung oder gar einer neuen Ästhetik gelten. Das vieldeutige Buh ist besser als sein Ruf." Zitat Ende.

    Ich habe aber auch geschrieben, dass ich das Buhen an und für sich für eine Unart halte. Mein Eindruck ist, dass diese Unart außerhalb von Bayreuth in den deutschen Opernhäusern auch schon ziemlich ausgestorben ist.

    Wie fandet Ihr die sängerischen Leistungen?

    Dazu habe ich ja nach jedem der vier Teile schon Einiges geschrieben. Hast du die Übertragungen auch gehört? Dann würde ich mich freuen, wenn du auf diese Beiträge eingehen würdest! :)

    Nein, ich habe die Übertragung(en) eben nicht gehört bzw. nicht umfänglich genug, um mir irgendein gründliches Urteil bilden zu können. Schon aus diesem Grunde wünschte ich mir eben mehr fundiertes Feedback. Und natürlich habe ich die hier eingestellten Beiträge gelesen, und mit ganz besonderem Interesse jene, die sich konkret und sachkundig auf Inszenierung und musikalische Ausgestaltung beziehen. Aber um mit jenen mitzudiskutieren, die etwas Relevantes zu erzählen haben, dazu fehlt mir derzeit ein umfangreicher Höreindruck.

    Also hast du die Antwort auf deine Fragen gefunden, mit Interesse gelesen, kannst selber aber nichts dazu sagen, weil du die Übertragungen nicht gehört hast? Dann ist doch alles gut, was vermisst du dann noch? :)

    Cherubino , da gebe ich Dir völlig recht, nur habe ich das dumpfe Gefühl, daß sich dieser "Ring" zu dem "Biogas-Tannhäuser" gesellen wird....Nur so ein Bauchgefühl.

    Und ich sage es nochmal: vielleicht hat er ja eine wichtige Funktion. Mich zumindest würde es freuen.

    Nach allem, was ich bisher darüber gelesen habe, kann ich mir das auch gut vorstellen. Es ist völlig egal, ob eine Inszenierung in einer traditionellen oder einer avantgardistischen Ästhetik gehalten ist und es ist auch völlig egal, wie sie sich zum Text des Stückes verhält: Um auf lange Sicht zum Klassiker zu werden, muss sie eine gute Idee haben, in sich schlüssig und handwerklich gut gearbeitet sein. Die Ästhetik der Arbeiten von Chérau oder Neuenfels hat vielen Menschen nicht gefallen, aber niemand hat bezweifelt, dass sie ihr Handwerk verstanden haben, dass das, was sie getan haben, durchdacht, in sich konsequent und präzise umgesetzt war. Und genau das wird an Valentin Schwarz´ Inszenierung jetzt ja in der Hauptsache kritisiert: Dass sie in sich nicht konsequent und schlüssig sei und handwerkliche Schwächen aufweise.


    Die Kritik, dass sie das Stück zu sehr entpolitisiere und zu sehr von der Familien- und Generationenthematik her denke, halte ich dagegen wie geschrieben für unfair: Wenn der Regisseur sich für diesen Zugang entschieden hat und das gut umsetzt, halte ich das für völlig legitim, auch wenn ich den Einwand von professionellen Musikkritikern verstehe, der "Ring" sei nun einmal ein Welterklärungsdrama, da könne man sich nicht drum herum mogeln. Ich verstehe diesen Einwand und sage trotzdem: Doch, man kann. Man kann auch einfach eine gute, spannende Geschichte erzählen. Wenn man es denn kann. Ob Valentin Schwarz es kann, weiß ich nicht, ich habe die Inszenierung nicht gesehen - aber die Meinungen gehen da ja auseinander.

    Wir haben in Bayreuth doch schon beide Varianten erlebt (oder vielleicht eher darüber gelesen): Avantgardistische Inszenierungen, die erst ausgebuht wurden und später zu Klassikern (wie eben den Chérau-Ring oder Neuenfels´ "Rattengrin") und avantgardistische Inszenierungen, die erst ausgebuht wurden und sich auf lange Sicht tatsächlich als Reinfall erwiesen haben (wie Baumgartens "Tannhäuser" in der Biogasanlage). Die Reaktion des Publikums bei der Premiere ist ein Indikator für die spontane Reaktion im Haus bei der Premiere und für sonst gar nichts, weder dafür, dass die Inszenierung wirklich schlecht ist, noch dafür, dass sie eines Tages zum Klassiker werden wird.

    Anders als bei vielen avantgardistischen Inszenierungen in Bayreuth und anderswo in den letzten Jahren/Jahrzehnten ergänzen sich in diesem Fall ja die negativen Reaktionen des Publikums vor Ort im Opernhaus mit den negativen Reaktionen der professionellen Kritikerinnen und Kritiker in der Zeitungen und Radiosendungen. Hier geht es nicht darum, dass vielen traditionalistisch eingestellten Menschen vor Ort der Stil der Inszenierung nicht gefiel, sondern dass sowohl vor Ort als auch in den Rezensionen die Inszenierung in ihrer eigenen Logik als gescheitert gesehen und ihr mangelnde Qualität zugeschrieben wird.

    So, nun ist der "Ring" gestern Abend also mit der "Götterdämmerung" zu Ende gegangen. In der Übertragung gab es schon zwischen zweitem und drittem Aufzug die Kritikerrunde mit drei professionellen OpernkritikerInnen, die den gesamten "Ring" gesehen hatten und ihre Beurteilung abgeben sollten. Das war gar nicht so weit entfernt von den Diskussionen der Menschen hier im Thread, die die Inszenierung nicht gesehen haben: Der eine sagte, er fand es immerhin handwerklich gut gemacht, der andere sagt, also gerade handwerklich sei das absolut stümperhaft gewesen. Tja, wenn schon das offenbar reine Ansichtssache ist, was soll man dann von den Bewertungen der inhaltlichen Ebene halten? Was mich - auch beim Lesen der verschiedenen Zeitungskritiken - immer wieder geärgert hat, ist der Eindruck, die professionellen Kritiker kritisieren vor allem, dass der Regisseur nicht das getroffen hat, was ihnen persönlich am "Ring" wichtig ist. Immer wieder hieß es, das sei ja eine spannende Familiengeschichte gewesen, aber man könne den "Ring" gerade in dieser Zeit soch auf keinen Fall so vollkommen entpolitisiert zeigen. Nun, ich persönlich fände eine über sechzehn Stunden tragende, spannende und unterhaltsame Familiensaga auch schon einen legitimen und vielleicht sogar beglückenden Ansatz...


    Dass das Regieteam beim Schlussapplaus gnadenlos und brutal ausgebuht wurde, war zu erwarten. Was weniger zu erwarten und für Bayreuth auch nicht so üblich war, waren die teilweise heftigen Buhs für die Musikerinnen und Musiker. Cornelius Meister und Iréne Theorin wurden vom Publikum im Festspielhaus für ihre Leistungen ausgesprochen negativ empfangen. Davon abgesehen, dass dieses Buh-Gebrüll an und für sich eine Unart ist, war die Reaktion nicht vollkommen falsch: Musikalisch war aus meiner Sicht (und verglichen mit den Vorgängerproduktionen) dieser "Ring" alles andere als beglückend.