Beiträge von bustopher

    also die Messen von (Joseph) Haydn sind ja allgemein für die Solisten sehr dankbar und auch für die Solosopranisten gibt es regelmäßig längere Einzelsoli, allerdings kein einziges im beschriebenen Setting mit konzertierender Solovioline und Orgel vorneweg (ok, Letzteres muss man nicht ernstnehmen - kann auch vor dem entsprechenden Satz sein) und Orgel, die irgendwann in das Violin-/Sopransolo einsetzt, mit nachfolgendem Orchester. Wenn, dann spielt das Orchester vorneweg, oft auch mit Chor-Tutti oder anderen Solisten. Oder Orchester mit Holzbläsersolo. Die einzige Stelle, wo Solostreicher vor Solosänger spielt, ist in der Missa in Tempore Belli, Hob XII:9, das ist aber Cello vor Bass-Solo (im Gloria, Qui tollis peccata mundi), und dann geht es anders als beschrieben weiter.

    Wie schon Mauerblümchen schrieb, kann's aber auch vom Bruder Michael sein, und da gäbe es gaaaanz viele Messen, auch viele nicht editierte oder gar aufgenommene. Aber wie Armin Diedrich richtig angemerkt hat, ist das ziemlich unwahrscheinlich, denn Michael Haydn war zu Schnitzlers Zeiten terra incognita, und global gesehen ist es das auch heute noch, von Ausnahmen abgesehen. Es muss aber noch nicht mal aus einer Messe sein. Es kann auch ein Einschub sein, wie z.B. (irgend) ein Offertorium, Psalmvertonung, what ever. Oder irgend was anderes, womit die Solistin (z.B. während der Kommunion) brillieren kann. Und das muss noch nicht mal von den Haydn-Brüdern sein, auch wenn auf der "Messe" selbst "Haydn" steht. Wenn's denn tatsächlich eine real "gehörte" Messe ist. So wie's beschrieben ist, klingt das für mich schon sehr konstruiert...

    Am ehesten würde man so ein Setting im Benedictus vermuten.... wenn überhaupt.

    Weiß nicht, ob wir das schon mal hatten...

    Das, was in der musica enchiriadis im 9./10. Jh. als "organum" bezeichnet wird, ist nicht als Polyphonie im modernen Sinne zu verstehen, als Organisation unabhängger Stimmen, sondern eher als eine Art von Heterophonie. Und ja doch: Dort wird (auch) ein Verfahren beschrieben, bei dem sich zwei Stimmen im Abstand einer reinen Quinte bewegen. Das gibt aber immer wieder Probleme, deswegen ist das vermutlich auch nur wegen der Didaktik enthalten, um auf das zweite in der musica echiriadis beschriebenen Verfahren hinzuführen. Dort hält die vox principalis den cantus firmus, die vox organalis bewegt sich im Prinzip (sic!!!) parallel dazu in der Unterquart. Aber: Dort, wo sich übermäßige Quarten ergeben würden*), wird die Parallelbewegung aufgegeben. Als Regel wurde formuliert, dass die vox organalis innerhalb eines Abschnitts den vierten Ton nicht unterschreiten darf. In dem in jedem einschlägigen Lehrbuch zu findende Notenbeispiel aus der musica enchiriadis, in der Sequenz "Rex caeli domine" betrifft das die Schluss- und die Anfangsbildung: Hier finden wir eine Bewegung, die schrittweise vom Einklang ausgeht bis zum Erreichen der (reinen) Quart oder umgekehrt zum Einklang hinführt. Die vox organalis bleibt dabei liegen (Versikel 1a und 1b). Verwendet die voc principalis andere Terachorde, ändert die vox organalis den Tonraum analog. Dies zeigt, dass es sich nicht um unabhängige Stimmen handelt, weil die vox organalis immer von der Bewegung der vox principalis abhängt. Die vox organalis wird sogar als "ornatus", als Schmuck der vox principalis dargestellt, der die vox principalis verstärkt, den cantus aber als führende Stimme belässt. Dass dabei interessante Wendungen entstehen können, widerspricht dem nicht. Weil Stimmkreuzungen als regelwidrig galten, zwingt dieses Verfahren in Einzelfällen die vox organalis sogar zur Gegenbewegung. Das Ganze ist als Regelwerk allerdings nicht ganz konsistent und vermutlich der Versuch, eine bereits existierende ad hoc-Praxis ohne fixierte Regeln zu beschreiben (wird in der musica enchiriadis auch entsprechendt als "descriptio" und nicht als "definitio" vorgestellt). Oktavverdoppelungen sind in beiden Stimmen zulässig und diese können dabei sowohl über, als auch unter der vox principalis liegen.
    Wie das praktisch ausgesehen hat, wissen wir nicht: Die musica enchiriadis ist ein reines Lehrwerk und vor den Winchester-Organa aus der Wende vom 10. zum 11. Jh. (aufgeschrieben im späten 11. Jh.) haben wir keine überlieferten Beispiele.
    In den späteren Traktaten (vor allem in Guido von Arezzos Micrologus aus dem 11. Jh.) ist das Verfahren schon ergänzt und weiterentwickelt. Speziell der Tonvorrat ist nicht mehr tetrachordal, sondern modal organisiert. Bestimmend bleibt aber immer, bestimmte Dissonnanzen zu vermeiden, wofür Regeln geliefert werden - bei denen stets die grundsätzlich intendierte Parallelbewegung der vox organalis in der Unterquart aufgehoben wird.

    Und im Codex von St Martial oder gar in der Schule von Notre Dame sind wir eigentlich schon ganz weit vom ursprünglichen Organum weg, auch wenn's so genannt wird. Die vox principalis ist jetzt in der Unterstimme und heißt nun Tenor, die vox organalis heißt jetzt duplum und ist die diminuierte Oberstimme. War damals auch kein Begriff für ein bestimmtes Konstruktionsverfahren, sondern ein übergeordneter Begriff für irgendwas "Mehrstimmiges", wie immer das geklungen hat.

    *) Jeweils der dritte Ton eines Tetrachords bildet mit dem zweitem des darüberliegenden Terachords einen Tritonuns!

    Und ja: In dem Augenblick, in dem pythagoräische Stimmung mit reinen Quinten zugunsten einer Stimmung mit reinen Terzen (oder wenigstens einer Temperatur in diese Richtung; Orgel mit großem Tonumfang bzw. Register mit Oktavverdoppelungen oder Mixturen - für Vokalmusik oder Streicher ist das irrelevant) aufgegeben wurde, hat das nicht mehr gut geklungen. Die Unterschichtenmusik hat das weiterverwendet, da gab's keine Orgel, höchstens Quint-/Oktav-Bordun. Damit war die Verwendung von Quart-/Quint-/Oktavparallelen auch noch sozial deklassierend. Im Übrigen ist ein vorgebliches allgemeines Oktavparallelenverbot unausgegorener Quatsch. Hab' ich an jeder Orgel: 1', 2', 4', 8', 16'... und in den meisten Mixturen gibt es parallele Quinten... Und was genau spielt der Kontrabass mindestens bis ins 19. Jh...? Eben. Sind halt keine unabhängigen Stimmen. So what? Klangliches Mittel, unabhängig vom strengen Satz.

    Zitat

    Das geht, so finde ich, eben über gesamtgesellschaftliche oder möglichst inklusive und diverse Beteiligung. ISt ja genau der Knackpunkt, um den wir uns drehen

    Ja genau! Passt immer im politischen Diskurs, unabhängig vom Thema. "Es wird etwas geschehen" hieß das bei Böll. (OK: Von den Regierungsparteien in Bayern wird man den Satz vermutlich so nicht hören...;))
    Aber die Frage ist doch eigentlich WIE diese Beteiligung erreicht werden soll? DASS mehr Beteiligung (nein, das ist der falsche Begriff, s. unten), erforderlich ist, steht doch gar nicht zur Debatte?
    Wenn man politisch was erreichen will, benötigt man KONSENS. Und politischer Konsens ist hierzulande nach gutem demokratischen Brauch das, was die Mehrheit derer will, die mitreden. Die anderen, die sich nicht am Diskurs beteiligen, akzeptieren stillschweigend das, was die Mehrheit der anderen will. Wenn wir heute ein Referendum machen würden, ob wir das Geld umwidmen sollen, mit dem Opernhäuser, Konzertsäle, Orchester und was alles daran hängt öffentlich finanziert werden, dann fürchte ich, würde das das ökonomische Ende der genannten Institutionen sein. Mehrheitslegitimiert.
    Also: WIE bekommt man den Konsens, daß das alles wichtig ist? Und wenn man ihn hat, WIE schafft man es, daß nicht das Publikum mittel- bis langfristig so schrumpft, daß man doch zu machen muß?*)

    *) Natürlich gehen mit zunehmenden Alter mehr Leute zur Klassik. Statistisch belegt. Aber in der jeweiligen Alterskohorte gehen (zeitversetzt) immer weniger hin. Dito. Bedeutet auf lange Sicht, daß das Publikum "ausstirbt". Auch wenn jetzt die Hütte noch voll(?) ist. (Die Corona-Verluste sind auch noch nicht ausgeglichen. Gleicher Effekt wie bei den Kirchen...)

    Zitat

    Dass die Klassikliebhaber darüber jammern sollen, dass das Angebot so teuer ist und von niemandem angenommen wird, ist jedenfalls wohl kaum das Gebot der Stunde

    Naja, der eine beklagt, daß es teuer ist, der andere erwartet aufmerksames Hören, wieder andere stören sich an Regiekonzepten...
    Aussensicht? Alle Vorurteile stimmen...

    Diese Leute wird man nicht durch Werbung in der Primetime erreichen, fürchte ich ...

    Natürlich nicht. Fundamentalismus lässt sich nicht im Kern bekämpfen - nur von den Rändern her aufweichen. Und: Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens - sagt Schiller.

    Im Prinzip bin ich bei Dir, aber das Essen muss dem Gast schmecken, nicht dem Koch. Welche Hörgewohnheiten haben die, die zur Klassik gewonnen werden sollen? Da ist "Komplexität" als Popanz erst mal prohibitiv. Und, wie ich schon schrieb: Ist vieles nicht komplex in der Klassik.

    Und wie soll jetzt das "System" Klassik von innen geändert werden, wenn die Konzertbetriebe alles richtig machen, und der Wahrheitsgehalt der Mythen der Außenstehenden egal ist?

    Nein, das ist nicht egal. Es ist auch nicht die Frage ob die Mythen wahr sind oder nicht: Mythen sind meistens nicht "wahr" im rationalen Sinn (das Gegenteil von "Mythos" wäre "Logos"), liefern in Regel aber ein geschlossenes Weltbild und werden aus diesem Grund von ihren Anhängern für objektiv wahr bzw. für gültige Interpretationen der Umwelt gehalten. Die Diskussion der gesellschaftlichen Konsequenzen von geschlossenen Weltbildern wäre zwar interessant, das würde aber hier zu weit gehen. Zu versuchen, das Weltbild eines Mythengläubigen durch rationale Widerlegung zu erschüttern oder gar sich darüber lustig zu machen, kann dazu führen, daß sich das mythenbasierte Weltbild sogar noch verfestigt. Es ist nicht, was nicht sein darf, und alle beobachtbaren Fakten werden im Sinne des jeweiligen Weltbildes umgedeutet. Aber das wisst Ihr vermutlich eh' alles schon.

    Das Problem der "Mythen" im Zusammenhang mit dem Klassikbetrieb ist, daß sie sowohl von Aussenseitern, die dem Mythos anhängen, als auch von (manchen) Insidern unreflektiert kolportiert werden, wobei letztere natürlich von aussen als Bestätigung der eigenen Position wahrgenommen werden. Vielleicht werden sie aber auch mit unterschiedlichen Motiven von manchen In- als auch Outsidern sogar bewußt geschürt, um einen vielleicht echten, vielleicht aber nur behaupteten Exklusivitätsstatus zu bewahren oder um sich selbst von der anderen Gruppe abzugrenzen (z.B. klassische Musik wäre "komplex", sie fordere "Aufmerksamkeit", sie fordere Vorwissen, man müsse sie "analysieren", die Teilnahme am Betrieb erfordere die Kenntnis eines esotherischen Verhaltenscodex und dergleichen mehr. Hab' ich was vergessen, ausser "Sind alles Banker und Generaldirektoren - mit denen will ich nix zu tun haben"?) Adornos Hörertypologie geht genau in diese negative und prohibitive Richtung: Nur denkfaule und bequeme Ignoranten hören Musik nur just for fun.

    Wir führen die Diskussion hier doch wegen eines Erkenntnisgewinns, wie ein entsprechendes Bedürfnis nach klassischer Musik geweckt werden könnte, wie neue Kundenschichten angesprochen werden könnten, damit der Markt wenigstens nicht schrumpft. Ist manchen vielleicht zu prosaisch, aber genau darum geht's, wenn die ökonomische Basis eines Klassik-Musikbetriebes erhalten bleiben soll, ohne den es ihn nicht gibt. Die Maßnahmen der Musik-Anbieter für niederschwellige Angebote, für Kinder- und Jugendarbeit dient dem selben Ziel. Und genau diesem Ziel stehen die Mythen entgegen. Und deswegen sind sie nicht "egal". Es ist nur beliebig schwierig, Mythen aufzulösen, wie man an den gegenwärtigen politischen Verwerfungen sehen kann. Abbau der Mythen ist aber nur der erste Schritt: Ein zweiter Schritt, nämlich der, Interesse zu wecken muss folgen. Das ist aber grundsätzlich was anderes.

    Ohne breitangelegte Werbung zur Primetime wird's meiner Überzeugung nach nicht im erforderlichen Umfang gelingen. Die öffentlich-rechtlichen könnten es, dazu müssten sich aber die Theater und Klangkörper erst mal zusammenraufen und ein hinreichend großes Werbebudget auflegen. Könnt' sein, dass sich dagegen auch Widerstand formiert - ist ja schliesslich Geld der öffentlichen Hand. Und die privaten Agenturen? Weiß nicht, ob die das Volumen haben, und allein werden sie's auch nicht stemmen wollen.

    Und vielleicht sollten wir auch einfach mal das "Bildungslabel" abschaffen (ok, ich weiß: das ist das Finanzierungsargument der öffentlichen Hand)

    Stimmt. Aber oft sind's dann ~4 Instrumente und nicht 100

    Das nennt man Kammermusik. Aber die goutiern sie vermutlich ebensowenig..? Was haben sie da für Argumente? Kein Schlagzeug?

    Und wenn dann noch ein Chor dazukommt, ist für einige sowieso Feierabend.

    Auch bei Sister Act? "Hail, Holy Queen" stammt übrigens aus dem Jahr 1687, heißt hierzulande "Gegrüßest seist Du, Königin" und ist im Kern das Salve Regina mit einem Refrain...

    Die Dame, die der Fürst erwähnt hat, die bei jedem widerlegten Argument ein neues nachschiebt, warum sie keine klassische Musik mag, kommt mir übrigens vor, wie manche kleinen Kinder beim Essen: "Das schmeckt mir nicht!" - "Hast du's schon probiert?" - "Nein!" - "Warum probierst du's dann nicht wenigstens?" - "Weil's mir nicht schmeckt!" - "Woher weißt du das, wenn du's nicht probiert hast"? - "Ich weiss es eben!" (Alle Eltern kennen wohl diesen oder einen ähnlichen Dialog)
    Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen. Präpotente Besserwisserei ist gelegentlich therapieresistent. Soll's unbestätigten Gerüchten nach auch bei Erwachsenen geben.

    Viele Leute haben 'Angst' vor [...]

    Ja. Die Angst zu versagen. Kennt jede*r. OK, lassen wir uns mal darauf ein: Was wäre für Euch die Situation mit der albtaummäßigsten Angst, zu versagen? Lasst mich raten: Alleine singen vor mehreren hundert oder gar tausend Menschen? (Die Sänger hier hören mal weg.) Ich bin mir ziemlich sicher, daß es das in geschätzten 95% aller Fälle trifft. In der Oper (und in anderen Genres) gibts Leute, die das trotzdem machen. Im Orchester, in der Kammermusik- und Soloszene gibt's ähnliche Versagensängste. Viele der Betroffenen nehmen Betablocker oder Psychopharmaka. Wenn's in der Musikszene die im Sport verwendete Dopingliste gäbe, wäre der öffentliche Musikbetrieb ziemlich eingeschränkt*). Da ist doch die Schwellenangst eine eher harmlose Variante. Vielleicht sollte man diese Kanditat*innen mal damit konfrontieren, dass die auf der anderen Seite noch viel mehr Angst haben... Aber zugestanden: Angst ist irrational. Auf der anderen Seite gibt es aber offensichtlich Menschen, die bereit wären, jemand an die Hand zu nehmen. Ob sie's annehmen, liegt bei den anderen.

    Das führt eigentlich auf ein ganz anderes Problem: Die Nicht-Klassik-Affinen brauchen die Klassikszene nicht. Die Klassikszene braucht aber einen zumindest konstanten Zustrom an Aktiven und Passiven, um die Altersverluste auszugleichen. Bei den Aktiven gibt es global wohl auf absehbare Zeit keinen Nachwuchsmangel. Wenn aber hierzulande die Anzahl der Passiven (das "Publikum") unter eine kritische Grenze sinkt, gibt es kleine Klassikszene mehr. Wer hat jetzt mehr zu verlieren?

    *) further reading: (OT)

    Musiker auf Betablocker - das Orchester
    Junge Musiker sind beim Probespiel für eine Orchesterstelle einer extremen Stresssituation ausgesetzt. Nicht selten greifen sie zu Betablockern, um ihre…
    dasorchester.de
    Tabuthema in der Klassik - Medikamenten-Missbrauch im Orchestergraben
    Viele klassische Musiker schlucken vor ihren Auftritten Betablocker. Ursachen liegen vor allem im System der Musikwelt.
    www.srf.ch
    Im Rampenlicht - Die Angst spielt mit: Berufsmusiker im Teufelskreis zwischen Lampenfieber und Tablettenkonsum
    Das Rampenlicht hat Schattenseiten. Viele Berufsmusiker leiden unter Bühnenangst. Jeder dritte hat deshalb schon zu Betablockern gegriffen – zu Medikamenten,…
    www.bzbasel.ch

    Da die klassische Musik nicht nur in der beklemmenden Konzertsituation stattfindet sondern auch zu Hause am Sofa konsumiert werden kann, ist die "Angst vor der klassischen Musik" schon "freischwebend". Sie ist nun mal komplexer, erfordert Aufmerksamkeit. Wenn man den ganzen Tag schwere körperliche Arbeit verrichtet, wird das nicht so gut funktionieren.

    komplexer? Ist das nicht ein bisschen arg pauschal? (Mir täten da schon ein paar gar nicht komplexe Gegenbeispiele einfallen..) ;)

    Ernsthaft: Ist das nicht genau so ein Vorurteil, wie so gerne kolportiert wird, um zu begründen, dass es einem nicht taugt ("ist viiiel zu komplex")?
    Ich oute mich mal als Kunstbanause: Ich muß (z.B.) das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert nicht nicht beim Hören analysieren. Ich kann's auch einfach nur ganz banal genießen: als Adorno'scher Emotional- oder gar (horribile dictu!) als Unterhaltungshörer. So, jetzt ist es raus...:schwitz1:
    Das kann ich aber auch, wenn ich völlig am Ende in den Sessel sinke.

    Und wenn's tatsächlich so viel Aufmerksamkeit erfordern würde, dürfte man beim Autofahren keine klassische Musik hören. Ich kann allerdings nicht beurteilen, wie andere sie hören. Vielleicht fahren die ja dann tatsächlich nicht Auto dabei.

    Probleme sind nie monokausal.

    Ah geh'! Manche schon. Hast' schon mal den Tank im Auto leergefahren? Mir fällt da genau ein einziger Grund ein, warum der Motor ausgeht und warum er mit genau einer Massnahme wieder läuft... Grins1

    Gefallen wir uns also darin, in diesem Feld die "letzte Generation" zu sein?

    Nö. Hat, glaub' ich, auch niemand irgendwo zum Ausdruck gebracht ...

    Hauptsache, wir gefallen uns selbst.

    ... und das auch nicht.

    Niemand wird uns vermissen. Mich beruhigt das.

    Mich auch. Das ist der normale Gang der Geschichte. Die meisten Menschen kennen nicht einmal mehr die Vornamen aller ihrer Urgroßeltern.

    Man spielt sie z.B. vom Band auf öffentlichen Toiletten, Bahnhöfen etc. mit dem erklärten Ziel, Menschen abzuschrecken, auszuschließen und zu kurzen Aufenthalten zu nötigen, und belegt das Genre so negativ.

    Aber es funktioniert. Da wäre mal eine fundierte Analyse hilfreich, wieso man Leute mit Klassik vertreiben kann.
    Wobei: In ein paar Münchner U-Bahnhöfen liefen seit 2000 12 klassische Stücke in lausiger Qualität in Endlosschleife, Tag für Tag, und zur gleichen Uhrzeit immer das selbe Stück. Weiß nicht ob's das noch gibt (komme nicht mehr auf diesen Streckenabschnitt), aber das hat bei mir auch Fluchtreflexe und irgendwann (wegen Fluchtreflexunterdrückung) Aggressionen ausgelöst. Und im ICE gab's früher mal Kopfhöreranschluß mit "klassiser Musik" auf einem von 6(?) Kanälen. Ich hab's seinerzeit nach ein paar Sekunden bleiben lassen. Ich glaub', das war des gleiche Band wie bei der MVG... Kann man mit sowas auch foltern..?

    Ich wäre ja für einen Publikumschoral bei Beethoven 9. Das kann schließlich jede:r mitsingen.

    Gibts. Hab ich schon bei Bachpassion und bei Konzert mit Opernpotpourri (Nabucco, Va pensiero) erlebt. Das Publikum fand's toll und hat sich selber beklatscht. Text wurde im Progamm verteilt und Sänger zu Unterstützung im Auditorium verteilt.

    Mein übelstes Erlebnis war eine übellaunige alte Fregatte neben mir beim Liederabend, die den Applaus nach den Liedern immer ausgezischt hat und sich bei mir auch verbal beschwert hat, weil man ihr zufolge bei einem Liederabend nicht zwischen den Liedern applaudieren dürfe (es war kein Zyklus, sondern lauter Einzellieder). Das ist natürlich völliger Unsinn und ich habe dann immer aus Trotz besonders frenetisch applaudiert. Ich hoffe wirklich, dass ich ihr Konzertbesuche verleidet habe; das ist die Sorte Publikum, die ich tatsächlich gerne aktiv von klassischer Musik ausschließen würde.

    Und wo bleibt jetzt da die Inklusion..? Tststs... Exklusionsphantasien...:neenee1:

    Vielleicht war sie ja auch agent provocateur, damit irgendwelche Besucher (Du!) ganz besonders frenetisch klatschen und die Presse dann über den überwältigenden Applaus berichten kann... Oder auch so: "Gfallen hats eigentlich niemand, bis auf einen, der sich durch ganz besonderen Applaus in Szene zu setzen suchte. Wahrscheinlich ein bezahlter Claqueur..."
    :cincinbier:

    bei dem ich lediglich anmerken möchte, dass hier m.E. manchmal auch sehr gerne Vorurteile gepflegt werden, um sich in der Diskussion mit dem Umfeld, wie hier mehrfach angeführt, nicht als unwissend zu outen. Stattdessen wird oft pauschal die sogenannte "Elite" angegriffen.

    Nicht differenzieren zu KÖNNEN (" wird oft pauschal die sogenannte "Elite" angegriffen") IST eine Form, in der sich Unwissenheit (oder besser gesagt Ignoranz) outet. Ob das den entsprechenden Personen bewußt ist..?
    Nicht differenzieren zu WOLLEN, ist Provokation und Trollerei. Es gibt Leute, die sich in Anti-Positionen gefallen. Da muss man nicht notwendigerweise über jedes Stöckchen springen. Man könnte sie aber ostentativ bedauern, wegen der ihnen entgehenden Erfahrungen...


    Ich stelle mir aber mittlerweile die Frage, ob überhaupt irgend jemand irgend etwas "falsch" macht (abgesehen von irgendwelchen Arroganzbolzen, die vielleicht tatsächlich jemand vergraulen könnten und den bekannden Ressentiments Vorschub leisten). Das, was hier an positivem "Privatverhalten" skizziert wurde, ist sicher nachahmenswert, hat aber vermutlich nur marginale Effekte. Dadurch wird Klassikbegeisterung sicher nicht zu einem Mehrheitsphänomen. Und wer nicht will, der will halt nicht: Die Katz' mag Mäus' - ich mag's nicht. Ich will ja auch nicht überall dabeisein. Und Inklusion? Bin ich gespalten. Auf dem Fussballplatz herschen auch Regeln, denen man sich zu beugen hat. Wenn man nicht im VIP-Bereich ist, fällt man dort mit Anzug und Krawatte auf, vermutlich negativ. In der falschen Kurve applaudiert man besser nicht einer tollen Leistung eines gegnerischen Spielers. Und wenn man einen Bayern-Schal trägt, geht man besser nicht in eine Kneipe voller Borussia-Fans... Und so hat jede (!) Gruppierung ihre Regeln, auch die Klassik-Community. Und wenn ich dazugehören will, egal wozu, dann muß ich das akzeptieren. Überall. Was nicht ausschließt, regelmäßig über die Sinnhaftigkeit einzelner Regeln nachzudenken und auch gegebenfalls niederschwellige Einstiegsangebote zu machen. Das möchte ich ganz deutlich betonen.

    Kurt Masur hat mal gesagt, dass Klassik in der Zukunft aus Asien kommen wird. Das sieht man daran, dass heute ca. ein Drittel der hiesigen Musikstudenten aus Fernost stammt. Auch die Altersstruktur des Publikums dort ist eine andere als bei uns.

    Wenn also die Klassik sterben sollte, dann in der Fortsetzung der jeweiligen Trends nur hier. Nicht in Asien, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Wenn es hier irgendwann zu wenig Nachfrage geben sollte, um einen öffentlich (oder auch privat) finanzierte Konzert- oder Opernbetrieb rechtfertigen zu können, dann wird es weiterhin Tonträger aus Asien geben. Das entspricht ohnehin bereits etablierten Hörgewohnheiten: Der durchschnittliche Klassikfreund hört deutlich mehr von der Konserve als live. Und wer sich's leisten kann und will, kann künftig immerhin noch nach Asien reisen - sofern Fernreisen dann noch opportun sein werden.

    Kulturpessimismus? Mitnichten.

    Klar wäre aus heutiger (!) Sicht das Kulturleben deutlich ärmer. Aber nicht aus der Perspektive der künftigen Zeitgenossen, abgesehen vom verschwindenden Rest der Klassikliebhaber. Armut ist real erlebter Mangel. Mangel besteht aber nur, wenn ein Bedürfnis nicht befriedigt werden kann. Wenn kein Bedarf nach Klassik besteht, gibt es auch keinen Mangel, gibt es also auch keine diesbezügliche Armut. Kulturen ändern sich. Unsere Kultur ist nicht ärmer geworden, weil wir nicht mehr in Hieroglyphen schreiben, so schön sie auch sein mögen, oder nicht mehr wissen, wie der Gesang am Hof von Troja geklungen hat und mit welchen Tänzen sich die Etrusker vergnügt haben. Wenn man den Trend fortschreibt, wird es in zwanzig, vielleicht auch erst in dreissig Jahren z.B. auch keine Kirchenchöre mehr geben (vielleicht auch überhaupt keine Chöre mehr, wenn man die Zahlen extrapoliert), abgesehen vielleich von ein paar schillernden Exoten; In zwei oder drei Generationen werden vermutlich die meisten Kirchen geschlossen und profaniert sein, und der Rest wird marginalisiert sein. Letztere waren immerhin über fast zwei Jahrtausende ein wesentliches Merkmal europäischer Kultur, so wie antike Kultstätten, die vor langer Zeit schon aufgegeben wurden. Und wenn bei diesem Beispiel der eine oder andere "so what" sagt, warum ist dann der vorhergesagte Untergang der Klassik der Weltuntergang? Bleibt (vielleicht) das historische Interesse, aber keine Alltagsrelevanz. Selbstverständlich wird der Abschied (wie jeder Abschied) schwerfallen, und mir tun meine Enkel leid, die das vielleicht erleben werden müssen. Aber jede Kulturleistung ist vergänglich, und das gilt ausdrücklich auch für jede Form von Musik - auch wenn es schwerfällt das zu akzeptieren. Adorno hat, nebenbei gesagt, das Verschwinden der Oper als Institution bereits für das letze Jahrhundert vorhergesagt. Jetzt sind wir bereits Jahrzehnte weiter und Karten sind gelegentlich immer noch knapp...

    Mir ist bewußt, dass diese Sicht eine unbequeme Provokation darstellt.

    Die Bemühungen ... an Universitäten und in Konzertsälen, Opernhäusern und Theatern werden ins Leere laufen, wenn sie gesamtgesellschaftlich nicht mitgetragen werden.

    Wenn mit gesamtgesellschaftlich neben den Bürgerinnen und Bürgern auch die Mandats- und Funktionsträger der Politik in Bund, Ländern, Landkreisen, Städten und Gemeinden gemeint sind, sehe ich gerade hier eine besondere Verantwortung. Nicht nur in der Frage der Finanzierung / Förderung / Subventionierung im Kulturbereich, sondern auch mit Maßnahmen zur früheren und breiteren Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungsprozesse.

    Öffentliche Diskussion über kulturelle Angebote und auch die Programmgestaltung von Konzerten sowie gezielte Werbung auch und vor allem an den Bildungseinrichtungen halte ich für geeignete Mittel. Inwieweit die Bemühungen an Universitäten und Schulen ausreichend sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Das können die Experten hier im Forum vermitteln, und das tun sie ja auch bereits im Diskurs.

    Darüber hinaus sind, wie gesagt, die Kulturdezernenten der Kommunen in ganz besonderer Weise gefordert. Gesamtgesellschaftlich verstehe ich als größtmögliche Beteiligung der Bevölkerung. Das muss an der Basis vor Ort geschehen. Dies ist aber natürlich auch im ehrenamtlichen Bereich über die aktiven Frauen und Männer möglich und sinnvoll, die sich in der Vereinsarbeit engagieren.

    In diesem "Konzert der Gesamtgesellschaft" kommt freilich auch den Medien lokal wie überregional eine große Bedeutung zu. Nur mit all diesen Maßnahmen als "Gemeinschaftsleistung" wird es meiner Meinung nach gelingen, das Interesse der den z.B. im Klassikbereich eher skeptisch bzw. zurückhaltend gegenüber stehenden Milieus auch in den jungen und jüngeren Generationen zu wecken. Vielleicht kann Frau Roth einen Masterplan entwickeln? Aber u.U. ist ihr das Problem ja auch gar nicht bewusst. Ich weiß es nicht.

    Ja. Ohne Zweifel.

    Nur, wenn's um Klassik geht, brauchst Du Deinen Ausführungen zufolge einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zur Förderung speziell der KLASSIK. Wenn nun aber, wie wir alle wissen, einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die Klassik am Dingenskirchen vorbeigeht und wir weiterhin unterstellen, daß Mandats- und Funktionsträger:Innen einen repräsentativen Schnitt der Allgemeinbevölkerung darstellen, dann gibt es den schlechterdings nicht, und bestenfalls bleibt alles beim alten. Der Kuchen läßt sich ja nur einmal teilen, und die anderen wollen auch ihr Stück. Ausserdem bezweifle ich, daß eine Erhöhung des Angebotes auch zu mehr Breitenwirkung führt. Da hülfe höchstens Werbung in der Penetranz von Seitenbachermüsli, aber nicht an den Bildungseinrichtungen. Dort erreicht man Otto und Otilie Normalverbraucher:in nicht.

    Eine öffentliche Diskussion über Kulturangebote und Programmgestaltung, die nicht von der öffentlichen Hand angeboten bzw. finanziert werden, übersteigt die Regelungskompetenz der Politik. Wenn das Programm aber privat(wirtschaftlich) organisiert ist, wie sollte so eine öffentliche Diskussion aussehen? Abfrage, was denn gewünscht wird? ("Wollt ihr Elfmeter? - Nein! - Wollt ihr Verlängerung? - Nein! - Was wollt ihr dann? - Maoam..!"). Die Vorstellung halte ich ehrlich gesagt für absurd. Und wer hätte überhaupt ein Interesse daran? Wer würde sich daran beteiligen? Die, die nicht hingehen? Und wenn ja: wäre das wünschenswert im Sinne derer, die hingehen? Könnte es sein, dass letztere daduch verprellt werden und auch nicht mehr kommen? (Um es zu verdeutlichen: Eine größere Firma hier in der Gegend hat vor einiger Zeit eine Umfrage zum Kantinenessen gemacht, bei der sich eine veritable Fraktion für Veggi ausgesprochen hat. Nur: Die Veggi-Fraktion dort geht mehrheitlich gar nicht in die Kantine, die hat nur mitabgestimmt, mit der Folge, daß es Ausgaben mit Veggi-Mahlzeiten gibt, die fast keiner haben will und sich dafür lange Wartesschlangen vor den anderen Ausgaben bilden...)

    Und die Vereine und Ehrenamtlichen tun eh' schon das mögliche. Die binden nach ihren Möglichkeiten auch jetzt schon die Medien ein. Das ist blanker Eigennutz, sie müssen ja kostendeckend arbeiten. In diesem Segment kenne ich auch spezielle (kostenlose) Kindermartineen vor einem "echten" Konzert und kostenlose "Mitgehkarten" für Kinder und Jugendliche, die den Abonnenten zur Verfügung gestellt werden. Gute Sache, auch und besonders im Hinblick auf die Entlastung des Familienbudgets. Gehen halt hauptsächlich die hin, die ohnehin schon klassik-affin aufwachsen...

    Also der Reihe nach (ich bin nur einmal am Tag hier...)

    Bernstein sah im Informieren über die Zusammenhänge einen guten Weg zur Vermittlung von klassischer Musik und zum Erzeugen von Interesse dafür. Ich neige dazu, ihm zuzustimmen.

    Auf den ersten Blick nachvollziehbar. Auf den zweiten stellt sich mir aber die Frage nach Ursache und Wirkung. Steht nicht am am Anfang die Musik, ganz voraussetzungslos, und das Interesse für die Zusammenhänge erst an zweiter Stelle? Höre ich zuerst die Kunst der Fuge und interessiere mich dann (gegebenfalls und nicht zwingend) für Kontrapunkt oder weckt die Information über Kontrapunkt das Interesse an der Kunst der Fuge?
    Oder hab' ich's falsch verstanden?

    Das zunächst eingeschränkte Vergnügen kann ja auch dazu führen, dass man neugierig wird und sich - um das Vergnügen zu steigern - Wissen aneignet.

    Ganz sicher. Aber das beantwortet nicht die Frage nach der ursprünglichen Motivation, sich mit was Unbekanntem auseinanderzusetzen. Neugier? Das wäre intrinsisch - eindeutig positiv konnotiert. Dazugehören wollen? Letzteres war sicherlich bis in die Mitte des letzten Jhs. AUCH ein Motiv, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen. Das ist aber seit mindestens fünf Jahrzehnten weggefallen. Man erwartet heute nicht mehr, dass jemand, der zur "gehobenen Schicht" (egal wie man die definiert) zählen möchte, einem wie auch immer gearteten Bildungskanon entspricht. Und wenn wir die Hypothese akzeptieren, dass die Musiksozialisation für klassische Musik wesentlich vom Elterhaus kontrolliert wird, dann ist aus diesem Grund der Rückgang des Interesses für klassische Musik naheliegend. Die Eltern interessieren sich schon nicht mehr dafür und geben es deswegen auch nicht weiter (können das auch gar nicht), was dann in der Enkelgeneration zu noch weniger Interesse führt, etc.

    ... aber dass er mitten in der Nacht dazu geprügelt wurde, seine Tonleitern zu üben, hat ihm ALS PIANIST nicht geschadet.

    Nun ja: Das kann man erst post hoc sagen. Es hätte ja auch nach hinten los gehen können. Negative Prägung. Dann hätte er vielleicht niemals im Leben wieder ein Klavier angefasst.

    Leute, die sich damit auskennen, sagen solche Dinge wie "Genie und Begabung sind wichtig, noch wichtiger ist aber Fleiß".

    Jein. Genie und Begabung sagen, wie weit jemand potentiell kommen könnte. Der Fleiß bestimmt, wie weit jemand tatsächlich kommt. Der Unbegabte tut sich dabei halt schwerer als der Begabte.

    Die Vermutung ist korrekt: Priveligiert.

    Inwiefern? Interessiert mich tatsächlich.

    Adieu
    Algabal

    Zuallererst: Wir hatten Eltern, die sowas unterstützt und gefördert haben. Ist nicht selbstverständlich. Für meine Mutter war klassische Musik Bildungsgut, auch wenn sie selber nicht einschlägig sozialisiert war. Sie hat irgendwann angefangen, Klassikplatten zu kaufen und ich durfte etwa mit vier oder fünf Jahren den Plattenspieler bedienen. Ich habe erst sehr viel später erkannt, was das für ein Vertrauensvorschuss war, bei dem Preis, den LPs und gar Kassetten mit Gesamtaufnahmen damals hatten. Irgendwann hat's dann halt gefunkt. Zum zweiten: Die ökonomische Situation war/ist in bisher jeder Generation so, daß die Anschaffung und das Erlernen von Instrumenten, Gesangsausbildung, Opern- oder Konzertbesuche und das Erwerben von Musikträgern keine Einschränkung auf anderen, eventuell wichtigeren Gebieten notwendig gemacht hätten. Auch nicht selbstverständlich. Und zum Dritten: Die Motivation der jeweiligen Folgegeneration hat funktioniert. Wie wir hier schon lesen lesen konnten, kann das auch misslingen. Und die jeweiligen Partner waren ähnlich sozialisiert. Damit hatten wir Bedingungen, bei denen Musizieren - zu Hause oder anderswo, allein oder zusammen mit anderen - selbstverständlch war und die jeweiligen Kinder da ganz automatisch hineinwachsen konnten. Ich sehe das als Privileg an.

    Es ginge m. E. mehr darum, die Denkansätze der fachlich und/oder argumentativ eingeschränkten User:innen zu würdigen und konstruktiv in die Diskussion zu integrieren.

    Das geht bekanntlich so: "Lies diese 700 Seiten, dann würdest Du etwas verstehen, eine kurze Erläuterung bringt nichts".

    8)

    Das ist jetzt schon arg plakativ ;) aber ja....
    Das Problem liegt im Gegenstand der Frage und im einschlägigen Vorwissen und auf welcher Ebene das "Verstehen" erwartet wird. Wenn man einen komplexen Sachverhalt voraussetzungslos erklären soll, dann geht das meist nur mit erheblichen Verkürzungen, was sowohl der Erklärende als auch der Fragende akzeptieren muss, wenn es ohne die 700 Seiten gehen soll. Und ganz wichtig: Nicht jeder kann komplexe Sachverhalte einfach und verständlich darstellen...

    Und dann gäb's ja auch noch diejenigen, die zu faul zum Selbergoogeln sind ("Ich muss morgen eine Arbeit zum Thema [...] abgeben. Was kann ich schreiben..?"). Wenn sie nach dem Selbergoogeln noch Fragen hätten, würde man die ja gern beantworten...

    Die Geistlichen im Mittelalter waren natürlich gebildet und haben die Kunstmusik getragen.

    Hmmm. Geht zwar am Thema vorbei, aber: Ist das nicht ein bisschen pauschal? Und nicht alle haben die Kunstmusik getragen. Da gab's schon auch immer erhebliche Vorbehalte (bis heute). Konstante in der Kirchenmusikgeschichte seit 1800 Jahren.

    Die kriegen z.T. in den Seminaren, aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, nicht mal einen Ton heraus, egal ob man locker in die Runde fragt oder jemanden konkret anspricht, sondern werden nur bleich und würgen herum. Und je einfacher die Frage, umso schlimmer wird's, weil sie nicht daran glauben, dass eine Antwort an der Uni so einfach sein kann/darf.

    Naja, irgendwann hat sich herumgesprochen, daß Noten (oder allgemeiner: Bewertungen) Auswirkungen auf Lebenschancen haben. Und die Konkurrenz ist groß, größer als früher. Früher, aber das ist schon sehr lange her, konnte man auch mit einem miesen Abitur sein Wunschstudium absolvieren, und wenn dort der Abschluss mies war, gab es hinterher trotzdem einen Job mit Status und Gehalt. Heute ist das schon lange nicht mehr so. Es fängt ja niemand ein Universitätsstudium an, mit dem Lebensziel hinterher Taxi zu fahren. Also vermeiden sie alles, was einen schlechten Eindruck bei Leuten hinterlassen könnte, von denen Bewertungen kommen könnten. Du weißt ja auch nicht, wie es bei denen in der Schule zugegangen ist. Förderung von Selbstbewußtsein war/ist dort möglicherweise nicht hoch priorisiert. Und hat der Lehrer schon immer recht, was ist dann erst mit dem Lehrpersonal an der Hochschule...? Schlecht2 (wie war das nochmal mit der Biographie und dem sozialen Umfeld?)

    By the way: Auf Simpel-Fragen mit offensichtlicher Antwort antworte ich auch nicht, hab' ich auch früher nicht

    "Während es bei der Integration darum geht, eine gesonderte Gruppe von Menschen in ein bestehendes System einzugliedern, fordert Inklusion die Umgestaltung des gesamten Systems, sodass allen Menschen eine aktive und gleichberechtigte Mitgestaltung ermöglicht wird."

    Auch wenn's in dem Artikel, aus dem diese Definition stammt, wohl um Behinderung geht, ist diese Definition nichtsdestoweniger korrekt. Integration würde im Sinne des Themas also bedeuten, bei klassikfernen Menschen die Vorraussetzungen zu schaffen, daß sie klassische Musik goutiern können, d.h.hinreichend niederschwellige Teaser und Bildungsangebote anzubieten. Im Fall der Inklusion würde das bedeuten, da die entsprechende Zielgruppe nicht zur Klassik kommt, die Klassik zur Zielgruppe zu bringen.

    Schwierig. Funktioniert nur, solang es noch keine negativen Ressentiments gibt. Klassik im Bierzelt funktioniert nicht. Also z.B. ab in den Kindergarten und dort kindgerechte Gesprächskonzerte veranstalten. Ja: Macht man. Punktuell. Und dann nur einmal. Nur: Einmal langt nicht. Das muß regelmäßig geschehen, alle Woche etwa, es geht ja schließlich um Sozialisierung. Und dann weiter in diesem Rhythmus in der Grund- und den weiterführenden Schulen. Kostet Zeit (Was streichen wir statt dessen aus dem Stundenplan?) und kostet Geld; damit hinfällig. Der Klassikbetrieb aus sich heraus kann das eh' nicht leisten. Ausserdem kann man dann (zu Recht) einwenden, warum nur Klassik und nicht auch Pop, Schlager Rock, what ever. Und dann verpufft der Effekt wieder...

    :alter1:

    Er schreibt sinngemäß, dass es eine subjektivistische (bürgerliche) Illusion sei, das Biographische in den Blick nehmen zu wollen, ohne zuvor detailliert das soziale Feld zu rekonstruieren, in dem diese Biographie möglich wird/wurde.

    Also Beethoven ist nur Beethoven geworden, weil sein Vater Alkoholiker war? ;)

    Inklusion ist ein Konzept, bei dem jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Es geht darum, dass alle mitmachen dürfen, unabhängig von ihrem Aussehen, ihrer Sprache oder einer eventuellen Behinderung. Zum Beispiel lernen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in der Schule. In einer inklusiven Welt sind alle Menschen offen für andere Ideen und akzeptieren einander so, wie sie sind.

    auch alte weisse Männer? Oder Klassikliebhaber?

    Immer weniger Kinder erlernen ein Instrument

    In der nächstgelegenen Kleinstadt gibt es eine Musikschule (eigentlich zwei), an der eine Bekannte Violine unterrichtet. Die Klasse ist ziemlich groß - ca. 30 Schüler:innen. Männlich: zwei. Die Jungs hängen wohl eher an der Spielkonsole...

    Ich muss aber sagen, dass ich hier in England doch bemerke, wie viele Leute sehr gezielt und individuell/privat gegen diese Entwicklung angehen. Da würde aber einige hier eventuell vermuten, dass es sich da sicher wieder um Priviligierte handelt.

    Bei uns zu Hause musiziert die mittlerweile dritte Generation - und alle zusammen, inkl. Schwiegerkinder. Und alle gehen in Konzert/Oper, sofern bereits alt genug. Der Rest brennt drauf, auch mal mitzudürfen und kommt zum Operngucken auf Youtube. Zum Computerspielen aber auch. Die Vermutung ist korrekt: Priveligiert.

    Ansonsten: Guter Freund von mir, zwei Masterabschlüsse, Promovend an einier Uni - Katastrophe. In der Jugend in Opern gezwungen worden, seitdem weitestgehend Verweigerungshandlung.

    Haja: Prägung funktioniert auch negativ. Sagt auch die ARD-Studie...

    Nee, nur diskursiv. Die haben Angst was Falsch zu machen und sagen in der Anrede dann einfach alle akademischen Titel auf, die sie kennen.

    Das klingt jetzt despektierlich, ist aber gar nicht so gemeint. Die bewegen sich halt in einem sozialen Feld, für das sie die dort geltenden Spielregeln nicht kennen und das ihnen strunzfremd ist.

    Mein Gott, sind die angepasst!

    Das bürgerliche Konzertleben ist ursprünglich ein Akt der Selbstbehauptung gegen den Adel und als solcher Emanzipationsprozess für die gesellschaftliche und sittliche Entwicklung unserer Gesellschaft von großer Bedeutung. Das Bürgertum finanzierte einen Gegenentwurf zur vermeintlich übermächtigen Kultur des Adels.

    Ist das so? Ich glaube (ernsthaft), es würde sich lohnen, das genauer zu analysieren. War der Opernbetrieb in Hamburg im 18. Jh. ein Gegenentwurf? Wenn ja: zu was? Und: War es "nur" eine Übernahme von Verhaltensweisen bzw. ästhetischer Präferenzen? Und standen nicht (gerade in Deutschland) zumindest die Opernhäuser bis 1919 noch weitestgehend unter der Patronage der jeweiligen Fürsten und der Intendanz von Adligen? Im Konzertbetrieb war das sicher anders, mit der Gründung von Musikvereinen, aber war das nicht ein weitgehend neues Phänomen, auch wenn es bereits an der Wende vom 17. zum 18. Jh. in London einschlägige Vorläufer gab? War das (als neues Phänomen) Gegenentwurf oder einfach der Gang der Geschichte? Wenn zwei Phänome korrelieren, bedeutet das dann einen ursächlichen Zusammenhang?

    In Münchens erstem (kurfürstlichen) Opernhaus am Salvatorplatz war der Eintritt im Parkett frei, für alle, die in "anständiger" Kleidung kamen, inkl. Dienstboten. Diese Regelung wurde erst nach dem durch König Max I finanzierten Baus des nun "Königlichen Hof- und Nationaltheaters" (Baukosten 2 Mio Gulden bei einem Staatsbudget von 31 Mio) aufgehoben, um es nach dem Brand von 1823 nach etwas mehr als 4 Jahren zum 2. Mal aufzubauen und dafür viel Geld notwendig war. Ein Drittel des Neubaus wurde seinerzeit von der Bürgerschaft übernommen. Seitdem kostete auch das Parkett.

    Ja klar doch! Weil das das gängige Stereotyp ist! Und weil's beim Jazz halt keine Regel gibt, die laute Beifallsbekundung während der performance ausschließt und unser Klassikfreund schlechterdings eine neuer Regel einführen möchte.
    Ansonsten bin ich ganz bei Dir.

    Oder gibt es am Saaleingang Gesetze, die man lesen und akzeptieren muss??

    Gibt's. Nicht am Saaleingang und nicht als "Gesetz", aber auf der Website als Verhaltenstips für den ersten Besuch. Zum Beispiel am ROH (https://www.roh.org.uk/visit/your-first-visit). In den USA habe ich sowas an Opernhäusern auch öfter gesehen. Und in Stuttgart. Ansonsten sind solche Serviceangebote hierzulande rar bis marginal und wenn tatsächlich vorhanden meist gut versteckt und oft dann tatsächlich in "Beamtendeutsch" formuliert. Und ja: Es gibt auch solche Hinweise:

    Zitat

    WAS ZIEHE ICH AN?
    Gern gesehen - und durchaus auch üblich - ist gepflegte Abendgarderobe. Dies gilt insbesondere für Premieren und Galavorstellungen. Kunst verdient Achtung. Dies darf sich ausdrücken – auch in der Kleidung. Generell aber gibt es an der Staatsoper Unter den Linden keine Kleiderordnung oder gar eine Anzug-/ Krawattenpflicht. Kleiden Sie sich so, wie Sie sich wohlfühlen und wie Sie es für angemessen halten.

    Das kann man so oder so lesen. Also ich les' das so: Wir bevorzugen Abendgarderobe. Aber wenn du unbedingt meinst... (Fundstelle: Staatoper unter den Linden)
    Und woanders klingt das so:

    Zitat

    Kleidungsvorschriften kennt die Oper Frankfurt nicht. Insgesamt herrscht jedoch eine gepflegte Atmosphäre.

    Ist schon auch leicht ambivalent formuliert...

    In London ist man da einladender:

    Zitat

    There is no dress code for the Royal Opera House, simply wear what you feel comfortable in.

    Some people enjoy dressing up to visit the Royal Opera House. However, people also come straight from the office or from a day out in Covent Garden. Jeans or a suit, trainers or heels — the dress code is entirely up to you. We only ask that you wear shoes and are fully clothed.

    You may wish to dress up for Gala performances or Opening Nights, but this is not compulsory. Any events with a dress code will be noted at the point of purchase and on your ticket but for regular performances you can wear what you like.

    Die Kernbotschaft am Anfang...

    Ich denke, da gibt es noch Nachholbedarf in Deutschland. Und in Österreich:

    Zitat

    Da Sie sich bei unseren Vorstellungen teilweise in sehr engem Kontakt mit anderen Besucherinnen und Besuchern befinden, ersuchen wir Sie um Ihr Verständnis, dass Personen in unvollständiger Bekleidung, wie z.B. keine Schuhe oder Flip-Flops, Unterhemd als Oberteil, extrem breit löchrige Jeans oder kurze Hosen bei Männern, der Zutritt durch unseren Publikums- bzw. Revisionsdienst trotz gültiger Eintrittskarte verwehrt werden kann. Nicht erlaubt sind außerdem Kopfbedeckungen, so sie die Sicht des hinter Ihnen sitzenden Publikums einschränken.

    Das könnte man schon etwas verbindlicher formulieren..! (Fundstelle: Wiener Staatsoper)

    Die Frage, ob das Klassik-Publikum ausstirbt und die, wie man mit Leuten umgehen soll, die klassische Musik aus Gründen der "negativen Distinktion" oder anderen grundsätzlichen Einstellungen blöd finden, haben bei genauer Betrachtung zwar Berührungspunkte, sind aber eigentlich zwei Themenbereiche.

    Wie oben bereits diskutiert wurde wurde, kann man Fundamentalismus nicht argumentativ bekämpfen (contra principia negantem non est disputandum...). Man kann höchstens versuchen, ihn vom Rand her aufzulösen - oder mit anderen Worten: Man muss sich nicht auf die konzentrieren, die sowas grundsätzlich ablehnen, sondern auf diejenigen, die lediglich aus welchen Gründen auch immer keinen Zugang dazu haben oder vielleicht auch nur Schwellenangst haben.

    Was die Kernfrage betrifft, gibt es überschend wenig wirklich belastbares Material. Die grosse ARD-E-Musikstudie, die hier vor 14 Jahren schon interessant war (hier der aktualisierte Link: https://www.ard-media.de/fileadmin/user…-2006_Mende.pdf) hat eigentlich bislang keine vergleichbare Nachfolge gefunden. Ist, was die Analyse von Ursachen und Wirkungen anbelangt, immer noch lesenswert und vermutlich aktuell. Beim Deutschen Musikinformationszentrum gibt es eine gute Übersicht über die Datenlage, wenn im Kern auch schon 5 Jahre alt: https://miz.org/de/beitraege/m…nd-musikpublika