Beiträge von Amethyst

    Niemand hat behauptet, dass er Scarpia eindimensional brüllend und tobend auf der Bühne sehen will.


    Es wurde nur gesagt, dass Scarpia voll und ganz das Böse im Menschen darstellen soll. Deshalb muss er nicht auf der Bühne schreien oder durchgehend den Stinkstiefel rauskehren. Ganz im Gegenteil: er wäre ja dumm, denn dann würde man nicht auf ihn reinfallen, bzw Tosca sich nicht doch bewegen lassen sich freiwillig hinzugeben. "Der Teufel" wird meist sehr klug und manipulativ dargestellt.


    Ich verstehe nicht, wieso ihr diese Differenzierung nicht anerkennt.


    Aber Gut. Wenn du, wie ira, auch nicht glaubst, dass er das Böse darstellen soll oder dass er durch und durch böse ist, wo sind denn in der Oper seine feinen Facetten zwischen schwarz und weiss zu erkennen? Ich sage ja nicht, dass sie ausgeschlossen sind, mich interessiert nur, wo ihr sie seht.


    Ich persönlich finde das auch alles völlig unerheblich, denn der Charakter des Scarpia entwickelt sich nicht. Er steht fest. Er "macht" XZY genau nach seinem Charakter und katalysiert damit Toscas dramatische Entwicklung. Tosca ist diejenige, die sich wandelt. Hier ist das eigentliche Drama der Oper begraben.

    Scarpia ist durch seinen Beruf und dem was er da erreichen will brutal, zynisch, überheblich geworden und setzt alle Mitteln ein um sein Ziel zu erreichen.

    Selbstverständlich wird ein Mensch nicht böse geboren, sondern mE kann man eher von egozentrisch sprechen. Mancher wächst da nie heraus und glaubt dann eben aus seiner Perspektive, er dürfe sogar über Leichen gehen. Da hast du evetuell deinen Scarpia. Ob er mal gut war, ist mE unerheblich für die Oper an sich. Er bewirkt hier "nur" Toscas dramatische Wandlung.


    Aber ich bin immer offen für neue Sichtweisen und wenn ein Regisseur mir etwas Gutes am Scarpia zeigen kann, was er nicht erfunden hat und was innerhalb des Dramas Sinn macht oder wichtig sein könnte, dann nehme ich es gerne an.


    zB hatten wir bei Othello ja schon mal die Frage, ob Iago und Othello vor Desdemona eine homosexuelle Beziehung hatten. Ich finde das unwahrscheinlich, aber ich muss zugeben, dass es im Shakespeare Textstellen gibt, die diese Auslegung möglich machen (nicht zwingend, aber zumindest möglich).

    Das sehe ich anders, ira. Ist aber nicht wert weiter darüber zu reden. Viel wichtiger ist die Frage seit wann ich von dir mit Liebe Rosamunde angesprochen werde. Das kommt mir komisch vor. Muss ich mir Sorgen machen Grins1?

    Und wenn es dir aber wichtig ist, dieser Wirklichkeitsbezug, dann ist es tatsächlich so, dass Scarpia nötigt, wenn nicht sogar vergewaltigt, und mordet. Er begeht also eindeutig böse Handlungen.


    Ja, das tut er. Er will aber auch etwas erreichen ("Tosca e un buon falco"). Und das geht bei Tosca nur mit einem gewissen Charme und nicht auschließlich mit Bosheit.

    Wenn die Oper funktionieren soll, geht das jedenfalls m.E. nicht mit purer Bösartigkeit von Seiten des Scarpia.

    Mag sein. Aber du machts weiterhin mE immer noch keinen Unterschied zwischen sich charmant geben und dennoch böse handeln oder sogar böse sein.

    Deshalb sagte ich, ihr redet aneinander vorbei.

    Natürlich ist er zynisch und bösartig, aber z.B. auch in der Szene in der Kirche mit Tosca kann er nicht durchwegs das Ekel herauskehren.

    Ihr redet glaube ich aneinander vorbei. palestrina spricht mMn von der Motivation Scarpias. Nicht davon, ob er sich ständig auf der Bühne als Teufel "herauskehrt".


    Du sagtest ja auch selber, dass er zynisch und bösartig sei und einen gewissen maliziösen Charme habe. Seine Motivation hast du hier selber genau benannt. Wie er sich dann in seinen Auftritten jeweils "gibt", was er zeigt und was er versteckt von seiner Motivation, ist eine andere Frage, und da kommt sicherlich die Regie zu Wort und die Schauspielkunst.

    Und ich würde sagen, es gibt weder durchweg böse, noch durchweg gut.

    Meinst du im realen Leben oder auf der Bühne? Wie das im realen Leben ist, ist mMn eine ganz andere Frage. Auf der Bühne muss es nicht real zugehen. Wie wirklichkeitsbezogen es zugeht, ist mE kein Massstab einer Inszenierung.


    Und wenn es dir aber wichtig ist, dieser Wirklichkeitsbezug, dann ist es tatsächlich so, dass Scarpia nötigt, wenn nicht sogar vergewaltigt, und mordet. Er begeht also eindeutig böse Handlungen. Wird er dadurch "böse" als Mensch?


    Was du also eventuell ansprichst, ist die Frage, ob man einen Menschen trotz solcher böser Taten verdammen darf oder kann. Das ist aber nicht die Frage dieser Oper, oder? Wird das in "Tosca" thematisiert? Oder könnte man es thematisiseren? Vielleicht. Interessante Frage.....an einen Regisseur. Ich würde sagen, dass man zu allererst schauen müsste, ob Scarpia auch gute Seiten hat (oder ob wir sie nicht nur theoretisch voraussetzen, sozusagen als Ausdruck unserer Lebenseinstellung), sonst erübrigt sich diese Möglichkeit und er ist und bleibt böse als Figur in dieser Oper. Also innerhalb des Rahmens dieser Oper.


    Mich würde nun deswegen interessieren, was du an der Figur des Scarpia Gutes anführen würdest...weil du ja sagtest, dass es durch und durch böse Menschen nicht gebe ?

    Livestream der Premiere am 3.12.2022, 17Uhr

    Streaming - Bayerische Staatsoper
    Oper, Ballett und Konzert live und kostenlos streamen. Sehen Sie hier internationale Sänger:innen und gefeierte Premieren live und on demand. Alle Termine hier!
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    Richard Wagner - Lohengrin


    Bayerische Staatsoper

    LOHENGRIN
    Der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó, dessen Produktionen auf den weltweit bedeutenden Festivals und Bühnen gezeigt werden,
    www.staatsoper.de


    Musikalische Leitung - Francois-Xavier Roth

    Inszenierug - Kornel Mundruczo


    Lohengrin - Klaus Florian Vogt

    Elsa - Johanni van Oostru

    Heinrich - Mika Kares

    Ortrud - Anja Kampe

    Telramund - Johan Reuter

    Richard Strauss - Salome


    Solti & Wiener Philharmoniker

    Birgit Nilsson – Salome

    Eberhard Wächter – Jokanaan

    Gerhard Stolze – Herodes

    Grace Hoffman – Herodias









    Zur Frage, warum Jokanaan die Ehe von Herodes und Herodias nicht billigte, hier mein Verständnis:


    Grundsätzlich durfte ein Mann unter keinen Umständen die Frau seines Bruders heiraten. Ausserehelicher Geschechtsverkehr war ihnen natürlich auch nicht erlaubt.

    Es gab eine einzige Ausnahme, nämlich eine sogenannte Leviratsehe, wenn der Bruder verstorben war und keine männlichen Erben hinterlassen hatte. Aber dafür musste der Bruder eben wirklich verstorben sein. Und es durfte keine männlichen Kinder aus der Ehe geben.


    Bei Herodes und Herodias war es so, dass beide ehemaligen Ehepartner anfangs noch lebten - und viel schlimmer noch: Die beiden lovebirds liessen sich doch nur scheiden, weil sie sich dann heiraten wollten. Das war kein legitimer Grund für eine Schwagerehe.


    Die Sache legitimierte sich auch dann nicht, wenn die Ex-Partner irgendwann starben.

    Scheidung war zwar erlaubt, aber - wie gesagt - eine Beziehung zwischen Schwager und Schwägerin war nicht erlaubt, wenn Ex-Partner noch lebten. Und schon gar nicht, wenn man sich nun extra deshalb scheiden liess.


    Dass es in der Grossfamilie des Herodes und der Herodias etliche Ehen zwischen Verwandten gab, heisst nicht, dass diese nach Leviticus oder Deuteronomium nicht erlaubt waren. Soweit ich das verstehe, durfte zB ein Mann seine Nichte heiraten, aber eine Frau nicht ihren Neffen. Könnte also sein, dass diese Ehen für Johannes nicht problematisch waren.


    Bei Wilde gibt es dann die Geschichte, dass der erste Mann von Herodias auch 12 Jahre in dem Brunnen gefangen gehalten wurde und man ihn schliesslich erwürgen musste, damit er endlich tot war. Herodes sandte dazu seinem Henker den Ring. Hier die Stelle:


    THE CAPPADOCIAN
    An old cistern! It must be very unhealthy.


    SECOND SOLDIER
    Oh no! For instance, the Tetrarch's brother, his elder brother, the first husband
    of Herodias the Queen, was imprisoned there for twelve years. It did not kill
    him. At the end of the twelve years he had to be strangled.


    Richard Strauss - Salome

    Joseph Keilberth,1951 live in München


    Inge Borkh - Salome

    Hans Hotter – Jokanaan.

    Max Lorenz – Herodes

    Irmgard Barth – Herodias




    Kopiert aus "Eben gehört"

    Ja....vielleicht besser im Salome Diskographie Thread. Ich finde sie wunderbar !!! Der relativ schlechte Aufnahmeklang stört mich weniger, aber ich erwarte natürlich nicht dieselbe Durchsichtigkeit, wie bei modernen Aufnahmen. Allerdings muss ich doch sagen, dass man erstaunlich viel mitbekommt. zB einzelne Holzbläser oder auch rhythmische Streicherfiguren. Das Flatternde, Schillernde, Funkelnde kommt immer noch prima durch. Es geht mir übrigens bei R Strauss immer mehr gegen den Strich, wenn es zu korrekt zugeht. Das muss ein bisschen hingeschludert oder lässig erscheinen. Da kommt mir diese Aufnahme doch sehr entgegen, denn das (mir) Wichtigste kommt durch. Ich weiss nicht, wie ich es formulieren soll, aber das oft fast Gesprochene in den Stimmen muss im Orchester reflektiert werden oder ebenso vorhanden sein. Viel ist ja auch improvisatorisch angelegt, in einzelnen Holzsoli, oder ein Streichergewusel. Agogik darf nicht zu einstudiert wirken, sondern irgendwie spontan. In dem Sinne, dass es oft doch "nur" Effekte sein sollen und viel wichtiger dabei ein gewisser Schwung (im Text, in der Sprachmelodie) oder eine Stimmung ist. Wenn die Spontanität fehlt, ist alles für die Katz, finde ich, mehr als bei anderen Komponisten. Schwierig wird's dann im Tanz - das hin und her von sehr wichtiger Rhythmik und verführerischer Agogik. Ich finde das alles hier auf dieser Aufnahme super gelungen.

    Ich finde in dieser Oper so viel Gefallen am Sprachrhythmus, irgendwie reizt mich das besonders. Und aber dann den Gegensatz zu wunderschönen melodischen Linien oder den choralartigen Jokanaan-Stellen. Alles sehr gut gelungen hier, meine ich. Herodes ist mir deswegen so wichtig und ich finde hier besonders textverständlich und ausdrucksstark, trotz schlechtem Aufnahmeklang. Toll ist dann natürlich für mich bei dieser Priorität auch Herodias auf dieser Aufnahme...mir fiel es natürlich auf, dass sie nur spricht....nun weiss ich auch warum: habe deinen Beitrag gelesen. :)

    Salome selber hört sich toll an - hier hätte ich natürlich gerne einen besseren Aufnahmeklang.

    Ja....vielleicht besser im Salome Diskographie Thread. Ich finde sie wunderbar !!! Der relativ schlechte Aufnahmeklang stört mich weniger, aber ich erwarte natürlich nicht dieselbe Durchsichtigkeit, wie bei modernen Aufnahmen. Allerdings muss ich doch sagen, dass man erstaunlich viel mitbekommt. zB einzelne Holzbläser oder auch rhythmische Streicherfiguren. Das Flatternde, Schillernde, Funkelnde kommt immer noch prima durch. Es geht mir übrigens bei R Strauss immer mehr gegen den Strich, wenn es zu korrekt zugeht. Das muss ein bisschen hingeschludert oder lässig erscheinen. Da kommt mir diese Aufnahme doch sehr entgegen, denn das (mir) Wichtigste kommt durch. Ich weiss nicht, wie ich es formulieren soll, aber das oft fast Gesprochene in den Stimmen muss im Orchester reflektiert werden oder ebenso vorhanden sein. Viel ist ja auch improvisatorisch angelegt, in einzelnen Holzsoli, oder ein Streichergewusel. Agogik darf nicht zu einstudiert wirken, sondern irgendwie spontan. In dem Sinne, dass es oft doch "nur" Effekte sein sollen und viel wichtiger dabei ein gewisser Schwung (im Text, in der Sprachmelodie) oder eine Stimmung ist. Wenn die Spontanität fehlt, ist alles für die Katz, finde ich, mehr als bei anderen Komponisten. Schwierig wird's dann im Tanz - das hin und her von sehr wichtiger Rhythmik und verführerischer Agogik. Ich finde das alles hier auf dieser Aufnahme super gelungen.

    Ich finde in dieser Oper so viel Gefallen am Sprachrhythmus, irgendwie reizt mich das besonders. Und aber dann den Gegensatz zu wunderschönen melodischen Linien oder den choralartigen Jokanaan-Stellen. Alles sehr gut gelungen hier, meine ich. Herodes ist mir deswegen so wichtig und ich finde hier besonders textverständlich und ausdrucksstark, trotz schlechtem Aufnahmeklang. Toll ist dann natürlich für mich bei dieser Priorität auch Herodias auf dieser Aufnahme...mir fiel es natürlich auf, dass sie nur spricht....nun weiss ich auch warum, habe deinen Beitrag gelesen. :)

    Salome selber hört sich toll an - hier hätte ich natürlich gerne einen besseren Aufnahmeklang.

    Richard Strauss - Salome


    Clemens Krauss, Wiener Philharmoniker, 1947 live in Covent Garden


    Maria Cebotari - Salome

    Marko Rothmüller – Jokanaan

    Julius Patzak – Herodes

    Elisabeth Höngen – Herodias

    Karl Friedrich - Narraboth



    (Bitte als Fortsetzung des vorherigen Beitrags verstehen )


    Hier im Thread kam weiterhin die Frage auf, welcher Bedeutung das Verhältnis des jungen Syriers mit dem Pagen zukommt. Interessant ist eventuell dazu wiederum eine antropologische Sicht auf Ishtar, die Mondgöttin, für deren Kult es für bestimmte Abschnitte sumerischer Geschichte auch Hinweise auf praktizierte Homosexualität, non-binary gender identification und cross-dressing der männlichen Priester gibt.


    Auch wird Ishtar zugeschrieben, dass ihre Kräfte Männer zu Frauen machen. Damit wird Männern eine Fruchtbarkeit im übertragenen Sinne zugesprochen. Dies würde genau die Möglichkeit widerspiegeln, dass in „Salome“ Kreativität und Kunst thematisiert wird – auf der Bühne dramatisiert mit Hilfe von Anhängern der Mondgöttin und ihrer Gegenspieler.


    Vor diesem Hintergrund wird auch eine Deutung des Salome-Syrier-Pagen Dreiecksverhältnisses möglich, welche Salome dann also die spirituelle Postion der Mondgöttin zuweisen würde. Ihre Verehrung durch den Syrier ist dann auch spirituell zu verstehen. Ihn verbindet innerhalb dieser Deutung eine fundamentale spirituelle und kulturelle Liebe mit Salome. Sein ganzes Sein ist auf sie ausgerichtet. Er schaut sie immefort an, wie wir wissen - dies is mMn in seinem Fall (nicht in Herodes Fall) im übertragenen Sinne zu verstehen. Er hegt kein reales sexuelles weltliches Liebes-Begehren für sie, wird ihr aber absolut hörig, auch mit seinen körperlichen, realen Handlungen, in dem Moment, wo sie ihm verspricht, ihn von ihrer Sänfte aus anzusehen. Bis zu dem Moment kann er ihrem Gesuch Jokanaan heraufzuholen widerstehen, aber das Versprechen des „Ansehens“ macht ihn letztendlich hörig, es beraubt ihn seiner eigenen Entscheidungskraft. Schon nur der Gedanke daran, dass sie ihn anschauen wird, bezwingt ihn.


    Diese Stelle und sein späterer Selbstmord erschienen mir immer unglaubwürdig – nun wird mir aber beides mit spirituellen Ergebenheit des Syriers und der seltsamen Kräfte Salomes erklärt. In dem Moment, wo der junge Syrier meint zu erkennen, dass Salome seinen spirituellen Idealen nicht entspricht, bricht seine Welt zusammen, und er kann nicht mehr in ihr leben. Dazu gibt es eine weitere interessante Stelle im Original, welche bei Lachman fehlt - die Stelle, an der der Syrier von dem Pagen mit Narziss assoziiiert wird (vielleicht später mehr dazu)


    THE PAGE OF HERODIAS

    He was my brother, and nearer to me than a brother. I gave him a little box
    full of perfumes, and a ring of agate that he wore always on his hand. In the
    evening we used to walk by the river, among the almond trees, and he would
    tell me of the things of his country. He spake ever very low. The sound of his
    voice was like the sound of the flute, of a flute player. Also he much loved to
    gaze at himself in the river. I used to reproach him for that.


    Mit dem Pagen pflegte der Syrier mMn ein reales Liebesverhältnis. Hinweise darauf sind zu finden in den Gedanken und in der Erzählung des Pagen über gemeinsame Spaziergänge (nicht bei Lachmann). Wie wir wissen, warnte der Page ihn immer davor, sich nicht zu sehr an Salome zu binden, deshalb die Warnungen sie nicht zu viel anzusehen. Diesen Warnungen liegt mMn keine banale Eifersucht zu Grunde, sondern es handelt sich innerhalb dieses symbolischen Dramas um einerseits die Vermittlung der Idee, dass der Anblick der Mondgöttin überwältigend und gefährlich sein kann. Weiterhin nehmen die Warnungen die Stellung eines Refrains ein, ein stilistisches Mittel. Es führt dahin das Publikum immer wieder zurückzubringen zu der Idee, dass es sich in Salome um eine Gestalt oder eine Gesandte einer Gestalt handelt, welche übernatürliche Kräfte ausüben oder entfachen kann. Ausserdem gibt diese Gestaltung dem Drama auch rein künstlerisch eine besondere Ästhetik, welche eventuell an ein griechisches Ideal erinnern soll. Diese Aspekte sind aber sicherlich bekannt, bedürfen also keiner weiteren Ausführung. Mir geht es eher um Elemente, nach denen hier im Thread gefragt wurde.

    My Salome is a mystic, the sister of Salammbo, a Sainte Thérèse who worships the moon”

    Oscar Wilde (according to Philippe Jullian 1969)


    Es dürfte offensichtlich sein, dass im Text gleich zu Beginn eine Paralelle zwischen Salome und dem Mond geschaffen wird. Dies geschieht hauptsächlich durch die kunstvolle Anwendung des gemeinsamen Personalpronomens. Einmal bezeichnet „elle“, „she“ oder „sie“ den Mond, das andere Mal ist Salome gemeint, aber wenn man den Text wirklich ganz wörtlich nimmt, ist die Zuordnung nicht eindeutig.


    Lord Douglas beginnt "Salome" so:


    THE YOUNG SYRIAN How beautiful is the Princess Salomé to-night!

    THE PAGE OF HERODIAS Look at the moon! How strange the moon seems! She is like a woman rising from a tomb. She is like a dead woman. You would fancy she was looking for dead things.

    THE YOUNG SYRIAN She has a strange look. She is like a little princess who wears a yellow veil, and whose feet are of silver. She is like a princess who has little white doves for feet. You would fancy she was dancing.

    THE PAGE OF HERODIAS She is like a woman who is dead. She moves very slowly.


    Im Französischen Original heisst es:


    LE JEUNE SYRIEN. Comme la princesse Salomé est belle ce soir!

    LE PAGE D’HÉRODIAS. Regardez la lune. La lune a l’air très étrange. On dirait une femme qui sort d’un tombeau. Elle ressemble à une femme morte. On dirait qu’elle cherche des morts.

    LE JEUNE SYRIEN. Elle a l’air très étrange. Elle ressemble à une petite princesse qui porte un voile jaune, et a des pieds d’argent. Elle ressemble à une princesse qui a des pieds comme des petites colombes blanches. . . On dirait qu’elle danse.

    LE PAGE D’HÉRODIAS. Elle est comme une femme morte. Elle va très lentement.


    Der Dialog erscheint fast wie eine Anspielung auf eine Commedia dell’arte, mit Schleier, Tanz – tanzenden Taubenfüssen - und Clair de Lune. Er ist unscheinbar, dieser Eingangsdialog, aber es wird hier mit minimalsten Mitteln eine Menge an Inhalt vermittelt. In einem entmenschlichten Dialog sprechen entmenschlichte Figuren über einen im Widerspruch dazu beinahe vermenschlichten Mond. Auch Innamorati sind dabei und es entsteht beinahe eine Verwechslung zwischen Charakteren – alles gebadet in silbernes Mondlicht – grossartig!


    Die deutsche Übersetzung nimmt eine Textänderung vor, denn mit einem maskulinen Mond käme keine Paralelle zustande. Man sieht also, dass Lachmann den beabsichtigten Effekt erkannt und sich mit ihrer „Mondscheibe“ Abhilfe geschaffen hat. Durch die Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes entsteht im Theater diese Verwechslung und Assoziation natürlich eher als beim Lesen, denn man kann nicht die Uhr zurückdrehen, um nachzuprüfen, ob man richtig verstanden hat.


    Im französischen Original findet man eine Beschreibug des Mondes, die fast wörtlich für Salome wiederholt wird, nämlich „la lune - elle a l‘air tres etrange“. So wird auf die Ähnlichkeit oder Verbundenheit von Salome und Mond hingewiesen. Im Englischen und Deutschen funktioniert dies nicht ganz so perfekt, aber der Effekt kommt dennoch leicht vermindert zustande. Mir ist die Stelle jedenfalls auch im Englischen sofort aufgefallen.


    Das hier so kunstvoll begonnene Verschmelzen von Salome mit dem Mond wird im Ablauf des Werks fortgeführt.

    Dazu hier diese beiden auf sich bezogenen Stellen:


    THE YOUNG SYRIAN She [Salome] is like a dove that has strayed.... She is like a narcissus trembling in the wind.... She is like a silver flower.

    ….

    SALOMÉ How good to see the moon! She is like a little piece of money, you would think she was a little silver flower.


    Offensichtlich haben der Mond und Salome grosse Ähnlichkeit, denn der Syrier sieht Salome so, wie Salome den Mond sieht.


    Oscar Wilde nutze in einem ganz anderen Zusammenhang die Beschreibung “....a minion of the moon.....“, also ein Günstling oder - feminin - eine Begünstigte des Mondes, eine Vertreterin des Mondes, eine Verkörperung des Mondes, oder eventuell sogar jemand, der den Auftrag des Mondes ausführt, in seinem Sinne handelt. Wie gesagt, er sprach dabei nicht über seine Salome. Dennoch kann man hieraus entnehmen, wie nahe ihm der Einsatz von Symbolik und rhetorisch stilitistischen Mittel standen. Die Alliteration unterstreicht hier den Eindruck, dass der Mond eine besondere Beutung jenseits einer nur alltäglichen haben soll. Wenn man Salome nun als eine Art „minion of the moon“ zu verstehen beginnt, dann wird eventuell auch bewusst, wie sie auch die Fruchtbarkeits- und im übertragenen Sinne die Musenrolle oder sogar die dramatische Verkörperung von „Kunst“ als handelnde Figur einnehmen könnte – eben als Statthalterin des Mondes.


    Oscar Wildes Äusserung, dass Salome eine mystische Erscheinung sei, eine Saint Therese, die den Mond anbetet, zeigt uns, dass in seinem Denken seine Salome spirituelle Qualitäten besitzt oder eine spirituelle Position einnimmt. Die Vergleiche mit Blumen, wie die im Wind zitternde Narzisse und die silberne Blume, sind Anspielungen auf Saint Therese, welche in England den Beinamen „little flower“ hat. Dass der Glaubensweg der heiligen Therese ausser den zum Glauben inspirierenden einige für mich eher unappetitliche Elemente enthält, widerspricht dem nicht. Im Gegenteil, es trägt zu meinem Verständnis von Wildes „Salome“ als Beleuchtung der Ästhetik-Frage bei. Denn Wilde verstellt mMn letztendlich die Paralelle zu einer Art Travestie.


    Saint Therese war ein Mädchen mit traumatisierter Vorgeschichte. Später, als 11 Jährige, empfing sie bei ihrer ersten Kommunion den „Kuss der Liebe“ und gewann dabei einen Eindruck ihrer Vereinigug mit Jesus, welcher bezeichnenderweise durch eine Art Ekstase geprägt war. Später wird sie Anhängerin der "Heiligen Antlitz Jesu" Bewegung und kommuniziert nun unaufhörlich betend mit dem Bildnis des leidenden Kopf Jesu; sie praktiziert Hingabe an die „Wiedergutmachung“ von Jesu Leiden, empfindet also das Bedürfnis nach Einswerden mit seinen Leiden zur Erlösung ihrer und Anderer Sünden.....die Paralellen zu Wildes Salome sind auffällig. Weiterhin entsteht eine Paralelle zu Parsifal durch den Mitleidsgedanken mit dem Erlöser.


    Zurück zum Mond. Salomes Textstelle geht weiter:


    SALOMÉ How good to see the moon! She is like a little piece of money, you would think she was a little silver flower.

    The moon is cold and chaste. I am sure she is a virgin, she has a virgin's beauty. Yes, she is a virgin. She has never defiled herself. She has never abandoned herself to men, like the other goddesses.


    Wie schon in einem vorherigen Beitrag geschrieben, ist es wahrscheinlich, dass Wilde dem Silber symbolische Bedeutung zumisst. Eine der möglichen symbolischen Bedeutungen von Silber ist seine Spiegelwirkung. Das Silber des Mondlichts wirft Dinge dorthin zurück, woher sie kamen.

    Salome schaut also hier den Mond an. Er sieht aus wie eine Münze. In unserer Vorstellung sieht diese glänzend silbrig aus. Alles, was Salome von nun an sagt, ist mE eine Reflektion, die zwischen ihr und dem Mond hin und her geworfen wird. Der Mond ist kühl und unbefleckt. Er ist eine Jungfrau usw. Schliesslich beschreibt Salome ihn als eine Göttin, also die Mondgöttin. Salome agiert von nun an in meinem Denken dramatisch als eine Gestalt der Mondgöttin.


    Die erste Anspielung auf Salomes göttliche Gestalt befindet sich schon im Eingangsdialog und zwar mit der Erwähnung ihrer Taubenfüsse. Zum Ersten repräsentieren weisse Tauben spirituelle Reinheit, sind damit also ein weiteres Indiz für die spirituelle Positionierung Salomes, zum Weiteren wird die sumerische-babylonische Mondgöttin Ishtar oder Inanna manchmal mit Taubenfüssen und übrigens auch Taubenflügeln abgebildet oder sogar in Gänze als Taube. Hier eine Abbildung:


    Inanna - Wikipedia
    en.wikipedia.org


    Eine weitere Textstelle dazu; leider bei Lachmann/Strauss nicht zu finden:


    THE YOUNG SYRIAN The Princess has hidden her face behind her fan! Her little white hands are fluttering like doves that fly to their dove-cots. They are like white butterflies. They are just like white butterflies.


    Allerdings macht Lachmann das Taubenbild an einer dramaturgisch bezeichnenden Stelle bei nahe zu einer Visitenkarte und hebt es dadurch hervor, nämlich genau bevor Salome zum ersten Mal auftritt.


    Etwas sehr Wichtiges trägt im Eingangsdialog zur Verwirrung bei. Der Mond und seine dramatisch handelnde Verkörperung Salome werden einerseits durch Wiederholungen und gemeinsames Personalpronomen miteinander assoziiert, andereseits werden sie scheinbar widersprüchlich dargestellt. Der Mond hat einerseits eine alte, langsam gleitende, aus dem Grab steigende und nach Tod suchende weibliche Gestalt. Er hat aber auch eine schöne, junge, mit silbrigen Taubenfüssen tanzende weibliche Gestalt, mit einem gelben Schleier versehen.


    Man könnte also erwägen, ob Wilde hier auf die wissenschaftlich-anthropologisch bekannte Spaltung der Mondgöttin in zwei Erscheinungen hinweist. Salome verkörpert so die junge Gestalt, Herodias die alte. (Erklärung folgt.) In Aubrey Beardsleys Illustrationen der englischen Ausgabe erscheint es auch so. Selbstverständlich ist die Idee der beiden Gestalten auch wieder nur im übertragenen Sinne zu verstehen; beide stünden für abstrakte Konzepte, welche aber als Personen auf der Bühne dramatisch eingesetzt werden können.


    PS: Nochmals, um Missverständnissen vorzubeugen....mein Vorhaben ist nur zu berichten, was ich in und zu "Salome" finde. Mein Vorhaben ist weit davon entfernt irgendeine Glaubensrichtung zu kritisieren, zu belegen oder zu widerlegen.






    Monteverdi - Marienvesper


    John Eliot Gardiner Gardiner 2nd rec Mai 1989 (Markusdom, Venedig) & Juli 1989 (London) live

    The Monteverdi Choir

    The London Oratory Junior Choir

    His Majesties Sagbutts and Cornetts

    The English Baroque Soloists


    s - Ann Monoyios & Marinella Pennicchi

    a - Michael Chance

    t - Mark Tucker, Nigel Robson & Sandro Naglia

    b - Bryn Terfel & Alastair Miles



    Monteverdi - Marienvesper


    Jahn Eliot Gardiner 1st rec, 1974

    The Monteverdi Choir & Orchestra

    Salisbury Cathedral Boys' Choir

    Philip Jones Brass Ensemble

    David Munrow Recorder Ensemble


    s - Jill Gomez & Felicity Palmer

    a - James Bowman

    t - Robert Tear & Philip Langridge

    bt - John Shirley-Quirk

    b - Michael Rippon