Beiträge von Rosamunde

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    Chopin Sonate Nr 2


    Yuja Wang



    Technisch souverän und musikalisch sehr viel überzeugender als viele andere - ohne hysterisch alles bis ins letzte auszureizen. Für mich ist dies eine Chopin-Lesart, wie man sie sich nur erträumen kann. Sie bliebt im zivilisierten, salonfähigen Rahmen (etwas, was ich mir bei Liszt nicht so in dieser Art wünschen würde), aber lässt dennoch alles Drama, was man finden kann, durchscheinen. Insbesondere fallen mir die sehr interessante Stimmführung, das Herausarbeiten besonderer harmonischer Momente und die Präsenz des Basses auf.

    „Die symphonischen Etüden? Kenn ich nicht“, hätte ich gesagt. Doch nun heute morgen angestellt und siehe da, sofort waren sie mir sehr vertraut. Neulich ist es mir schonmal bei einem Klavierquintett so ergangen. Nie gehört, dachte ich....mal sehen. Es stellte sich heraus, dass ich die Bratschenstimme vor etwa 5 Jahren sogar in mehreren hausmusikartigen Konzerten gespielt habe. Interessant, was man alles vergisst. Lang-ersehnte Ruh’ des überaktiven Gedächtnisses.....? Die Etudes Symphoniques habe ich aber definitv nicht selber gespielt, es ist mir also ein Rätsel, woher ich sie so gut kennen soll. Ich erinnere mich auch an keine Aufnahme, die ich mal besessen haben sollte.


    Nun aber, nachdem sie mir so dermassen vertraut waren und ich Brendel und dann aus Neugier Casadesü angehört hatte, fragte ich mich, wie wohl unser Schmetterlings-Walter sie anbieten würde. Je grösser das Repertoire an schillernden Klangfarben und an Artikulationsfertigkeit des Pianisten, desto besser für Schumann. Und der Gedanke an seinen spontanen Ansatz – ohne viel praktische Vorbereitung – taten den Rest - für Schumann. Gieseking musste her.


    Er enttäuschte nicht. Herrlich. Ich habe beide Aufnahmen (siehe unten) angehört. Ich frage mich, ob man Gieseking erst so richtig geniessen kann, wenn man eine gewisse Vertrautheit mit einem Werk erreicht hat. Ich meine, dass ich erst im Vergleich mit meiner ziemlich detaillerten Erinnerung an das Werk, welches auch immer es ist, seine feinen Schattierungen wirklich heraushören und schätzen vermag.


    Gut, die letzte Variatation schmeisst er (in der live Einspielung) technisch weg, aber musikalisch ist sie dennoch wunderbar !



    Ich habe eine 2. Einspielung auf Spotify, man hört am Ende Applaus, sollte also live sein, aber finde kein CD cover dafür.


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    Übrigens spielt Gieseking gekoppelt mit den live Etudes Symphoniques auf Spotify auch eine Schumann Fantasie (bin mir nicht sicher, ob diese auch live ist) - der 2.Satz hätte von ein wenig üben profitiert, aber der 1. Satz ist einfach hin-reis-send !

    Danke für Deine Antwort. Dazu nun Folgendes:

    höre sich nur mal das Nocturne op. 27 Nr. 1 an, und wer sich langweilt, kann eigentlich die praktisch in jedem Takt und jeder Phrase gezeigten gestalterischen Ideen nicht wahrgenommen haben.

    Ich sagte deshalb, dass meine Langweile aufkommt je länger ich zuhöre und dass dies mein Gesamteindruck seines Spiels ist:

    Womit er mich zu Beginn definitiv besticht und überzeugt, mit seinem leggiero und rubato, wird er mir im Laufe der Abends langweilig und überdrüssig.

    Hierzu:

    zweitens ist sein (Lius) Spiel innerhalb dieser Stil- bzw. Klangentscheidung alles andere als eintönig

    Wie gesagt, seine gestalterischen Ideen befinden sich in jedem Werk dynamisch eingeschränkt zwischen mf und ppp und beruhen jedesmal nur auf Agogik und wechselnd zwischen relativ neutral angeschlagen und leggiero. Dies ist für mich eintönig. In den Noten, die ich eingesehen habe und bei anderen Interpreten gibt es aber sogar fff an einigen Stellen, und solche Dinge wie marcato, appassionato, sfz oder con fuoco kann ich bei Liu nirgens erkennen. Seine Klangfarben und ebenso seine Artikulationen sind mir nicht differenziert genug über das gesamte Repertoire hin gesehen. Innerhalb eines Stückes, wenn ich es völlig isoliert höre, bin ich zunächst zufrieden (ausser mit der Sonate), aber wenn mir über 2 Stunden oder länger nichts anderes geboten wird, wird es mir langweilig. Und ich befürchte, dass es nicht seine Chopin Lesart ist, sondern dass er eventuell keine anderen Stimmungen wirkungsvoll darstellen kann, denn er tat es auch dort nicht, wo er es mMn hätte müssen - zB im Trauermarsch Satz, mehr dazu unten. Aber warten wir seine Karriere ab.


    Ich verstehe, dass man dies als bewusste Entscheidung ansehen kann und als Mut zu einer bestimmten Chopin Lesart. Mir ist es aber zu langweilig, wenn es zu lange so weitergeht.


    Zum Trio des zweiten Satzes ist anzumerken, dass Liu natürlich nicht, wie Du behauptest, ein "Problem mit der Koordination der beiden Hände hat" sondern mit dem gelegentlichen leicht versetzten Anschlag "links vor rechts" ein klangliches Mittel anwendet, welches vollkommen normal ist und im 19. Jahrhundert weit verbreitet war. Ich kann nicht erkennen, was daran falsch oder unpassend sein soll, zumal er es wie gesagt nur an ausgewählten Akkorden (meist am Phrasenanfang) anwendet ....

    Ich weiss um dieses traditionelle klangliche Mittel, ich führte es ja auch an, aber mir ist es, wenn es das sein sollte, weit entfernt von überzeugend ausgeführt und deshalb klingt es eben unkoordiniert und nicht stilvoll ausgeführt:

    vielleicht wollte er eine bestimmte pianistische Tradition dieser Art vorführen und hat sie nur nicht besonders überzeugend realisiert.

    Hierzu:

    Einen Satz wie "sein Tempo war zu schnell" finde ich ehrlich gesagt geradezu komisch anmaßend: Ich habe jedenfalls keine spirituelle Verbindung zu Chopin und kann ihn deshalb nicht nach dem "richtigen" Tempo fragen. Ich weiß aber, dass auch ein Trauermarsch noch zum - langsamen - Marschieren geeignet sein sollte... Dass der Mittelteil in diesem Satz agogisch freier ist, ergibt sich ganz einfach als natürliche Konsequenz aus dem Notentext. Schau ihn Dir noch einmal an!

    Dieser Satz zu seinem Tempo im Trauermarsch war nicht isoliert geschrieben und nicht isoliert gemeint. Im Gegenteil, ich habe dies gesagt:

    Der Funeral March hatte sehr wenig Gravität, schon sein Tempo war zu schnell. Aber auch sein Anschlag war überwiegend ohne genügend Kern und ohne genügend Schwere, um den entsprechenden Eindruck zu erwecken. Das Problem dabei ist nicht nur, dass es so (für mich) kein überzeugender Funeral March ist (obwohl ich bei dem Urteil noch flexibel sein würde), sondern viel mehr, dass er sich damit um die Möglichkeit gebracht hat, den Gegensatz zum Mittelteil auszuschöpfen.

    Es ging mir also um Gravität. Das Tempo war nur ein Kriterium dafür, andere habe ich auch genannt. Und weiterhin habe ich sogar allem vorausgesetzt, dass mir hauptsächlich der Gegensatz zum Mittelteil fehlt.


    Der von Dir vermisste Kontrast zwischen A-Teil und Trio entsteht übrigens gerade durch das Rubato in letzterem, was Du aber ebenfalls kritisierst. Deine Kritik ist in sich widersprüchlich.

    Ich sehe ein, dass Liu dadurch einen Gegensatz erzielen möchte. Erstens ist mir Agogik allein aber zu wenig um den Gegensatz darzustellen und das hatte ich schon an anderer Stelle erläutert. Es hätte eine völlig andere Stimmung herrschen können und mMn müssen, was ich begründet hatte, was ich aber leider nicht feststellen kann. Und zweitens kritisiere auch nicht, dass er überhaupt Rubato macht, sondern das Misslingen seines Rubatos. Wenn es gelungen wäre, dann hätte ich es nicht als Kritikpunkt erwähnt.


    In diesem Mittelteil des Funeral March versuchte Liu dann das fehlende musikalische Interesse des Stimmungsbruchs gutzumachen mithilfe seines Talents für Agogik, welches ich schon oben erwähnte. MMn ist dies aber nicht gelungen, denn er macht für meinen Geschmack hier den fatalen Fehler, den Fluss der Melodie durch unpassende Verzögerungen in der linken Hand ins Stocken zu bringen. Dieser Effekt wird für mich je länger die Passage anhält sehr auffällig und gibt für mich dem 3. Satz leider den musikalischen Todesstoss.

    ...wenn ich sage "ins Stocken bringen", dann soll das heissen es ist ein misslungenes Rubato. Ein gelungenes Rubato verdeutlicht oder potenziert (enhances) den musikalischen Fluss oder die Lebendigkeit, trotz Verschnellerungen und Verlangsamungen.


    Abschliessend: Bei mir entsteht so einfach insgesamt der Eindruck. dass Chopin reduziert wird auf etwas Laues und Lahmes. Dieser Eindruck käme bei nur einem Stück von Liu nicht auf, aber eben insgesamt.

    .....Fortsetzung des vorherigen Beitrags:


    Als ich dies bemerkte, wurde mir bewusst, dass er sich für den Rest seines Programmes Stücke ausgesucht hat, welche in der Tendenz vom Ausdruck her leichtgewichtiger gespielt werden können, also diese Alternative bieten, ohne dass man ihn dafür kritisieren könnte. Damit meine ich Stücke, die nicht besonders viel forte, nicht besonders viel Akkordspiel, nicht besonders viel marcato, nicht besondrs viel appasionato or con fuoco erfordern. Und wenn sie es ausnahmsweise mal tun, ist es durchaus möglich in wenigen Takten schnell darüber hinweg zukommen, um sogleich wieder mit einer längeren leggiero Passage und exquisit ausgeführten Läufen die Tastatur hoch und runter zu bestechen.


    Ich bemerke in allen ausgesuchten Stücken diese Tendenz kaum je ein forte wirklich laut, geschweige denn scharf zu spielen, und kurze ff oder sogar fff werden fast völlig ignoriert. Die wenigen sfz Akzente, die es in seinen gewählten Stücken gibt, werden entweder ausgelassen oder durch Abschwächung vernachlässigt und es kommt sogar oft vor, dass Liu genau das Gegenteil tut, nämlich eine Note durch ein plötzliches Leisespielen hervorhebt. Ich nenne diese Erscheinung für mich einen Anti-Akzent. Er verfährt gerne auch ähnlich bei cresc/decres Haarnadeln, indem er ein mildes crescendo aufbaut, aber dann auf dem Höhepunkt plötzlich subito piano spielt und dann aber noch ein decrescendo folgen lässt.


    Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es mir nicht um ein dogmatisches Folgen der Anweisungen Chopins geht, sondern darum, dass man solche Anweisungen benutzen kann, um aus dem Text ein tiefes, authentisch empfundenes Drama zu formen. Es gibt bei Chopin wohl sowieso das Problem der Frage des Urtextes, bzw der verschiedenen Ausgaben. Man kann sich bei einer Kritik also schwerlich darauf berufen, dass ein Pianist dieses und jenes bestimmte sfz nicht gespielt habe. Sondern, wie gesagt, es geht nur um das Endprodukt, was auf keinen Fall eintönig oder lau klingen sollte.


    So empfinde ich bei Liu - durch das Abschwächen jeder Schärfe, jeder Markierung, jedes Akzents und jedes wirklich aufbrausenden Lautspielens - seine gesamte Darbietung insgesamt als übermässig cantabile, leggiero, lieblich und lau. Womit er mich zu Beginn definitiv besticht und überzeugt, mit seinem leggiero und rubato, wird er mir im Laufe der Abends langweilig und überdrüssig. Er beraubt sich jeder Gelegenheit in Chopins Werk Gegensätze, Konflikte, Brüche und Drama zu finden und wirklich effektiv und tief empfunden darzustellen. Meiner Meinung nach droht sein Ansatz damit ins Seichte abzurutschen oder sogar als gehobene Elevator Music bezeichnet werden zu können. Damit tut man aber Chopin Unrecht, meine ich.


    Ich bin mir aber durchaus bewusst, dass man Chopin (jetzt mal positiv gewendet) leicht und luftig spielen kann, und meiner Meinung, dass er dadurch zu seicht erscheint, muss nicht jeder zustimmen. Deshalb bin ich gespannt, wie Bruce Liu Brahms, Beethoven oder Schumann angehen wird und ob er es überhaupt tun wird. Besonders Schumann kann natürlich sehr viel leggiero und rubato vertragen, aber was ist Schumann ohne seine Brüche und ausgeprägte Gegensätze? Vielleicht wird sich Liu aber auch bei diesen eben erwähnten Komponisten sein Repertoire nach seinen Fertigkeiten aussuchen - und selbstverständlich macht das letztendlich jeder Interpret. Ob man aber auf der Basis von betörenden leggiero Läufen, ausgeprägtem Rubatospiel und ohne forte und marcato eine wirklich grosse künstlerische Karriere aufbauen und durchhalten kann, bin ich mir nicht sicher.

    Ich habe 3 Runden und das Finale gehört, auf YT, und auch einen Teil seiner CD.


    Mein Haupteindruck ist, dass Lius Gesamtdarbietung im Wettbewerb zu eintönig erscheint. Es wird mir, chrononologisch gehört, schon zu Beginn der 2. Runde musikalisch langweilig und immer langweiliger.


    Ich hole nun etwas weiter aus.


    Lius grösste Stärke, mMn, ist sein exzellentes leggiero Spiel. Er tanzt in den typischen Chopin Läufen und Girlanden die Tastatur hinauf und hinuter, mit einer Eleganz, Leichtigkeit, technischen Präzision und musikalisch perfekt vollendeten Agogik, wie man es selten zu hören bekommt. Es ist wirklich ein Genuss und ein Vergnügen, dies hören zu dürfen. In meiner Einschätzung könnte es genau dies sein, gekoppelt mit seiner meist aussergewöhnlich schönen Agogik, was ihm den 1. Preis gesichert hat. Er zeigt ein sehr natürlich-spontan erscheinendes und mMn geschmackvolles Gespür für effektvolle zeitliche Manipulation des geschriebenen Textes.


    Ich meine aber andererseits, dass er sich sein Repertoire genau nach diesen beiden Stärken ausgesucht hat. Er hat also strategisch alles auf zwei Karten gesetzt, nämlich auf sein Leggiero und Rubato/Agogikspiel, und mit diesem Gamble hat er gewonnen. Sämtliche Kompositionen seiner Wahl - ausser der 2. Sonate - sind mMn zu betrachtlichem Anteil wegen ihrer Leggiero Passagen interessant. (Oder) sie erlauben oder erfordern (zusützlich) ein starkes Mass an Rubato/Agogik. Aber wer sich seine Chopin Werke nur nach Bruce Lius Vorliebe auswählte, würde mMn einen sehr einseitigen Eindruck von diesem Komponisten bekommen.


    Ich vermute, dass er sogar die 2. Sonate unter diesem Gesichtspunkt ausgewählt hat, denn sie hat den berühmt-berüchtigten 4. Satz, den er mit seinen technischen Fertigkeiten souverän und bezwingend abgeliefert hat. Da es der letzte Satz ist, ensteht der bekannte Effekt des letzten Eindrucks. Man vergisst also leicht, was er eventuell vorher in dieser Sonate nicht so ganz überzeugend gemeistert hat und lässt sich vielleicht vor Begeisterung hinreissen, ein besseres Urteil abzugeben, als er es für die gesamte Darbietung dieser Sonate imho verdient. Beide der anderen Sonaten haben letzte Sätze mit viel schwererem, markanterem Charakter, und hätten nicht so perfekt in diese Strategie gepasst, obwohl Liu es bei der 3. Sonate noch zu seinem Vorteil hätte hinbiegen können, wenn er in Betracht gezogen hätte die markanteren und dramatischeren Aspekte abzuschwächen (wie er es auch bei anderen Stücken seiner Wahl getan hat - siehe unten)


    Die 2. Sonate war mMn das einzige Stück in seinem Chopin Repertoire, in welchem er eine tiefgehendere, dramatischere (im Sinne von vielfältig und innere Brüche aufzeigende) Interpretation hätte unterbringen können, und mMn eigentlich hätte müssen. Dass diese Sonate das erfordert, begründet sich für mich natürlich aus dem Funeral March, aber auch aus den Harmonien des ersten Satzes, den Gegensätzen des 2. und 3. Satzes und dem seltsamen Ende, dessen Charakter schon direkt im Anfang des ersten Satzes enthalten ist, wenn man es dort finden möchte. mMn ist diese 2. Sonate von ihrem ausdrucksmässigen Potential und sogar ihrer möglichen spirituellen Dimension her gesehen immer noch nicht so tiefschürfend wie zB die Beethoven op 111, aber ich würde sie weniger als fast ausschliesslich technisches Showpiece einordnen, als das Andante spianato & Grand Polonaise Brilliante oder selbst das 1.Klavierkonzert.


    Liu hat aber mMn jede Chance, dieses tiefere Potential auszuschöpfen, verpasst. Der Funeral March hatte sehr wenig Gravität, schon sein Tempo war zu schnell. Aber auch sein Anschlag war überwiegend ohne genügend Kern und ohne genügend Schwere, um den entsprechenden Eindruck zu erwecken. Das Problem dabei ist nicht nur, dass es so (für mich) kein überzeugender Funeral March ist (obwohl ich bei dem Urteil noch flexibel sein würde), sondern viel mehr, dass er sich damit um die Möglichkeit gebracht hat, den Gegensatz zum Mittelteil auszuschöpfen. Sein Spiel war dort vom Anschlag und Klang und deshalb vom Ausdruck her zu ähnlich. Wenn ich dem Mittelteil ein Programm geben wollte, dann könnte dies zB eine Erinnerung und Rückblick auf schönere Erlebnisse im vergangenen Leben und damit eine Flucht aus der Realität in eine Traumwelt darstellen. Danach setzt aber die unbarmherzige Realität wieder ein und man wird erneut mit dem Funeral March konfrontiert. Dieser Bruch ist von Chopin ziemlich offensichtlich angelegt und ich empfinde Lius Ansatz so, als ob er ihn unfreiwillig ausbügelt, da er die Fertigkeiten nicht besitzt es anders darzustellen. Aber es kann auch sein, dass er es absichtlich so präsentiert - auch dies wäre für mich unbefriedigend, da nicht abwechslungsreich genug als Teil eines Programms, welches sowieso schon ziemlich eintönig wirkt.


    In diesem Mittelteil des Funeral March versuchte Liu dann das fehlende musikalische Interesse des Stimmungsbruchs gutzumachen mithilfe seines Talents für Agogik, welches ich schon oben erwähnte. MMn ist dies aber nicht gelungen, denn er macht für meinen Geschmack hier den fatalen Fehler, den Fluss der Melodie durch unpassende Verzögerungen in der linken Hand ins Stocken zu bringen. Dieser Effekt wird für mich je länger die Passage anhält sehr auffällig und gibt für mich dem 3. Satz leider den musikalischen Todesstoss. Es ist wirklich die einzige Passage (zusammen mit dem Mittelteil des 2. Satzes, siehe unten), wo ich seine Agogik als unwirksam und verfehlt ansehen würde. Nur ist es bezeichnend, dass diese Schwäche sich in der Sonate zeigt, einem Werk, an dem er seinen musikalisch-interpretatorischen Durchblick und Tiefgang hätte „demonstrieren“ können.


    Im Mittelteil des 2. Satzes zeigt sich ein Problem der Koordination der beiden Hände. Eine Hand ist der anderen voraus, aber vielleicht wollte er eine bestimmte pianistische Tradition dieser Art vorführen und hat sie nur nicht besonders überzeugend realisiert. Seine Agogik stört mir auch hier, wie im 3. Satz, den Fluss der Melodie. Die Wirkung ist für mich übertrieben und etwas manieriert, nicht wirklich tief empfunden. Es fehlt mir insgesamt auch im 2. Satz der Gegensatz des Scherzo zum Mittelteil.


    Im 1. Satz meine ich nun zu bemerken, wie auch in einigen Passagen der anderen Werke, wie er Agogik benutzt um sich in lauten, dramatischen, technisch schwierigen Passagen Zeit zu verschaffen, um den technischen Ansprüche gerecht zu werden. Er stellt das Verhältnis damit auf den Kopf. Agogik wird nicht zum musikalischen Ausdrucksmittel, sondern wird „missbraucht“, um technische Schwächen zu verstecken. (Ich muss zugeben, dass diese Situation sich mir nicht als schwerwiegend sondern eher als milde präsentiert, und ich bin bereit dieses Urteil zürückzunehmen, sobald mich Liu mit einem gewichtigen Brahms oder schwierigen Beethoven eines Besseren gelehrt hat.)


    Fortsetzung im nächsten Beitrag.

    "For Antony put away his reprehensible way of living, and turned his thoughts to marriage, taking to wife Fulvia, the widow of Clodius the demagogue. She was a woman who took no thought for spinning or housekeeping, nor would she deign to bear sway over a man of private station, but she wished to rule a ruler and command a commander. Therefore Cleopatra was indebted to Fulvia for teaching Antony to endure a woman's sway, since she took him over quite tamed, and schooled at the outset to obey women."

    Plutarch, The Life of Antony


    :pop:

    Ich lese gerade in Plutarchs Lives - The Life of Marc Antony, Shakespeares Vorlage für Antony and Cleopatra. Dieser Text ist für sich selbst schon ein Juwel. Mit seinen Charakterbeschreibungen und ausmalenden Anekdoten wird er für mich zu einer Quelle der Faszination und Inspiration, und mir wird so ermöglicht, die Faszination Shakespeares mit der Person des Marcus Antonius und seiner Lebensgeschichte nachzuvollziehen. Besonders interessant ist aber auch mitzuverfolgen, welche Passagen Shakespeare als wertvoll für sein Vorhaben erachtete und welche Details er wählte, um sein Drama zu konstruieren. (Achtung: dieser Text hier ist nicht genau Shakespeares Vorlage, also nicht Sir Thomas Norths Übersetzung von Plutarch).


    Wenn ich meinen bescheidenen Senf dazu abgeben darf. Ich finde Bruce Lius Spiel zwar stellenwiese sehr fein, aber soweit nicht besser als das eines guten Studenten. Der Grund: Es hat für mich nicht besonders viel musikalische Variation. Sein Ausdruck beruht oft auf säuselnder Effekthascherei in leisen Stellen. Ein oder zweimal ist das sehr schön, aber wenn weiter nichts kommt, dann ist es zu wenig. Jetzt möchte ich von ihm mal eine ordentliche Kralle (technisch und emotional) bei Beethoven, Liszt oder Brahms hören. Dann wissen wir mehr. Und dann wäre ich bereit, meinen Eindruck entsprechend anzupassen.

    Samuel Barber
    Antony and Cleopatra


    Christian Badea
    Spoleto Festival Orchestra
    Westminster Choir
    live recording 1983


    Cleopatra - Esther Hinds
    Antony - Jeffrey Wells
    Enobarbus - Eric Halfvarson
    Agrippa - Charles Damsel
    Charmian - Kathryn Cowdrick
    Iras - Jane Bunnell
    Caesar - Robert Grayson
    Maecenas - Mark Cleveland
    A Messenger - Steven Cole
    Eros - David Hickox



    Diese Oper ist neu für mich und soweit habe ich nur Akt I und II gehört. Morgen dann Akt III.


    Die drei Herren haben auch großartige Aufnahmen der Beethoven-Streichtrios vorgelegt. Antoine Tamestit schätze ich ganz besonders.

    Dann muss ich mir das auch mal anhören :top: danke für die Anregung !


    Hier liefen derweil die Mozart Duos für Violine & Viola. Besonders schön finde das B Dur Duo - sowohl als Komposition, wie auch hier gespielt von Antje Weithaas und Tabea Zimmermann.


    Brahms 4. Sinfonie
    Carlos Kleiber & Wiener Philharmoniker



    Der 4. Satz ab dem Flötensolo, als Komposition, ist einfach unbeschreiblich. Der letzte Lament der Nachtigall, dann das Verfluchen der Göttin Fortuna, um ihr Spinnrad zu zersplittern. Und wir wissen all along, wie dieser Versuch ausgehen muss. Unerbittlich schreitet die Zeit voran, egal, was wir Sterblichen daraus machen.
    Selbstverständlich ist diese Sinfonie keine Programmmusik, nur kann man ein Programm auch ins Abstrakte übertragen. Oder etwas Abstraktes in ein Programm übersetzten, damit es anschaulicher wird. So ist es mMn mit Religion und so ist es mit vieler Kunst. Es ist klar, Charaktere in Dramen verdeutlichen Konzepte, Ideen, Weltanschauungen und ihre tragischen Konsequenzen oder inhärenten tragischen Dynamiken. Es geht hier nicht im engeren Sinne um Antony und Cleopatra, sondern um bestimmte tragische Aspekte der menschlichen Erfahrung (human experience), die durch Personen, mit denen man sich identifizieren kann, veranschaulicht werden können. Grosse Kunst schafft es, dass durch eben diese Identifizierung eine emotionale Dringlichkeit entsteht, die es dem Zuschauer/Hörer ermöglicht, die Materie nicht nur kühl-intellektuell zu erkennen, sondern sie am eigenen Leib zu erfahren. Aber die Materie selber ist oft philosophisch abstrakt und betrifft uns alle, weil wir alle Menschen sind. Diese Gedanken sind ja nichts neues, nur kommen sie mir eben, wenn ich diese Sinfonie höre. Selbstredend alles nur meine Meinung und mein persönliches Verständnis.


    So gesehen bringt Furtwängler diese Sinfonie für mich immer noch überzeugender herüber. Es ist sogar so, dass ich wie angewurzelt erschüttert zuhöre, wobei mir bis jetzt bei allen anderen Einspielungen, die ich versuche anzuhören, die Gedanken abschweifen.