Beiträge von Honoria Lucasta

    Ich stellte bei Sichtung meines Symphonienbestandes fest, daß ich bei Mahler nicht sehr gut sortiert war - man möge es mir verzeihen, aber ich bin nun mal eher vokal orientiert und da sammelt es sich ja auch schon ganz intensiv. Da ich diesem unbefriedigenden Zustand aber abhelfen wollte und meine Möglichkeiten des testweisen Hörens mangels CD-Läden in diesem Lande sehr bescheiden sind, habe ich zu dieser Sammlung gegriffen:



    Bisher bin ich davon nicht enttäuscht worden. Natürlich ist die Dokumentation bei dem bescheidenen Preis nicht sehr üppig, tiefere Gedanken muß man sich also selbst machen oder aus diesem Forum holen, aber die Box bietet einen guten Querschnitt von Mahler-Sichtweisen, und man kann dann gezielter kaufen, wenn man feststellt, was für den persönlichen Höreindruck am gewinnendsten ist.


    Es sind drinnen:
    Nr. 1- Kubelik, BR-Symphonieorchester 1967
    Nr. 2 - Mehta, Wiener Philharmoniker 1975
    Nr. 3- Haitink, Concertgebouw 1966
    Nr. 4 - Boulez, Cleveland Orchestra 1998
    Nr. 5 - Bernstein, Wiener Philharmoniker1987
    Nr. 6 - Abbado, Berliner Philharmoniker 2004
    Nr. 7 - Sinopoli, Philharmonia Orchestra 1992
    Nr. 8- Solti, Chicago Symphony Orchestra 1971
    Nr. 9 - Karajan, Berliner Philharmoniker 1982
    Nr. 10 - Chailly, RSO Berlin 1986


    plus:
    - das Lied von der Erde (Giulini, Berliner Philharmoniker, Fassbaender, Araiza 1984)
    - Lieder nachGedichten aus "Des Knaben Wunderhorn" (Abbado, Berliner Philharmoniker, von Otter, Quasthoff 1998)
    - Lieder eines fahrenden gesellen, Kindertotenlieder, 5 Rückert Lieder (Bernstein, Berliner Philharmoniker, Hampson, 1990)
    - Das klagende Lied (Chailly, RSO Berlin div. Solisten, 1989)
    - sowie je eine CD mit "Liedern und Gesängen aus der Jugendzeit" (div. Solisten) und em Klavierquartettsatz von 1876.


    Das alles zu einem Preis (aktuell bei amazon 37,95 €), zu dem man normalerweise bestenfalls 2 CDs regulär bekommt. Lohnt sich sicher auch als Geschenk für den interessierten Laien, wie ich es einer bin.



    Grüße!


    Honoria

    Meine Liste ist sicher nicht sonderlich originell :huh: , aber sie gibt ehrlich meine Hörgewohnheiten im ablaufenden Jahr wieder (ansehen konnte ich hier vor Ort nur Nr. 2 und 4, anderswo habe ich es nicht in die Oper geschafft...better luck next year, I hope)


    1. Verdi, Ernani
    2. Verdi, Un ballo in maschera
    3. Verdi, Simone Boccanegra
    4. Donizetti, Don Pasquale
    5. Donizetti, Lucrezia Borgia
    6. Verdi, Rigoletto
    7. Mozart, Don Giovanni
    8. Donizetti, Maria Stuarda
    9. Puccini, Tosca
    10. Rossini, Il viaggio à Reims
    11. Saint Saens, Samson et Dalila
    12. Bellini, I Puritani
    13. Bellini, Norma
    14. Verdi, Otello
    15. Verdi, Don Carlos


    Grüße!


    Honoria

    Nur colorandi causa: Am Montag ist im hiesigen Bosniakischen Institut "Singing for Pakistan" angesagt - zusammen mit einem bosnischen Sopran, einem koreanischen Tenor und einem österreichischen Baßbariton werde ich Gefälliges zum Besten geben, damit das internationale Publikum für Flutopfer spendet - eine Initiative der wohltätigen Damen des International Women's Club.


    Und am 9. Dezember findet das Jahr seinen künstlerischen Abschluß mit dem Weihnachtskonzert der deutschen Botschaft - nun schon zum 5. Mal, und wir erwarten viele Besucher, die sich mit uns zusammen frierend in der großen St. Josephskirche auf Weihnachten einstimmen wollen.


    Wen es zufällig hierher verschlägt... ;+)


    Grüße!


    Honoria

    Donizetti, Lucrezia Borgia - Inzest, Verschwörung, Giftmord, das volle Programm

    Ich gestehe, daß mir diese Oper bis vor kurzem einigermaßen unbekannt war. Zwar sang ich wie die meisten Mezzosoprane irgendwann einmal das Trinklied des Orsini, aber alles andere warmir nicht recht geläufig.


    Auch, als ich diese Gesamtaufnahme kaufte und mehrfach hörte, fand ich es schwierig, diese Oper sozusagen innerlich zu bebildern.


    Dann sah ich mir gestern diese DVD an und hatte mein Aha-Erlebnis.


    Was für ein Drama! Die Inszenierung aus München wird den Dekorationsetat des Münchner Nationaltheaters nicht übermäßig strapaziert haben - eigentlich gibt's gar kein Bühnenbild, es werden ein paar Stühle und Tische auf- und abgeräumt, und das war's. Kostüme brauchte man auch nicht wirklich, denn die Sänger treten sozusagen im Straßenanzug auf, nur Edita Gruberova bekommt jeweils passend zur Szene ein aufwendigeres Kostüm. Musikalisch ist das Ganze hochbefriedigend. Frau Gruberova merkt man zwar an, daß die Spitzentöne nicht mehr ohne Mühe kommen, aber sie macht so manche rauhe Stelle durch ihre überlegene Gestaltung mehr als wett. Mir scheint es überhaupt, daß sie in dem Maße, in dem ihre Stimme einem -wenn auch noch sehr gebremsten!- Alterungsprozeß nicht mehr alle Reserven entgegensetzen kann, an Schauspielkunst und Engagement gewonnen hat. Das schließt ein, daß sie in der Schlußszene (Sohn tot, dessen Freunde halbtot, nur der verhaßte Ehemann Nr. 4 und dessen Gehülfe alive and kicking) bisweilen den Mut zu recht häßlichen tiefen Tönen hat, die aber dazu beitragen, eine Atmosphäre abgrundtiefer Verzweiflung zu verdeutlichen, die auch so ein Charaktermonster wie die Borgia beschleichen kann.


    Im Vergleich dazu liefert Montserrat Caballé natürlich eine viel makellosere Leistung ab. Die Aufnahme entstand 1966, da war auch diese Sängerin noch jung und konnte ihre Stimme flexibelst und so differenziert einsetzen, wie es ihr eben zu Gebote steht. Das ist manchmal sehr beglückend (kein Problem, auch an unangenehmen Stellen noch einen kleinen dekorativen Vorschlag einszusetzen- das schafft die Gruberova heute natürlich nicht mehr), und es schafft einen sehr angenehmen Höreindruck. Der Einsatz ist aber immer fein dosiert, wie bei der Caballé nicht unüblich. Das rückhaltlose stimmliche Engagement der älteren Gruberova ist ihre Sache nie gewesen.


    Zwischen dem damaligen Gennaro Alfredo Kraus und dem heute singenden Pavol Breslik kann ich keine Qualitätsunterschiede erkennen. Beide haben eine feine Gesngslinie, beide verfügen über einen schier unendlichen Atem, beide haben Spitzentöne, für die andere Tenöre morden würden. Das ist wirklich einmal ein seltener Fall, daß man nicht sehnsüchtig in alte Zeiten blicken und hören muß. Breslik hat das Potential, einer der ganz Großen zu werden, weil er neben seinen sängerischen und stimmlichen Qualitäten auch über ein sehr ordentlich schauspielerisches Talent verfügt.


    Tadellos singt auf der CD natürlich Ezio Flagello. was aber Franco Vassallo in der Münchner Aufführung zeigt und singt, ist so überwältigend, daß das Publikum zu Recht jubelte, als er mit einem unglaublichen hohen Ton seine Arie "Vieni la mia vendetta" abschloß.


    Die Orsinis sind ungefähr gleichwertig, Shirley Verrett hat die schönere Stimme, Alice Coots sicher den größeren Mut zur Gestaltung.


    Soweit ein erster vergleichender Eindruck. Der Katalog gibt ja zu dieser Donizetti-Oper leider nicht allzuviel her. Dabei steht diese Oper an Melodienreichtum anderen Donizetti-Opern ja nicht viel nach. Kann es am Sujet liegen?


    Grüße!


    Honoria

    Nur zur Abrundung des Bilds:
    diese Aufnahme läßt man am besten im Regal.


    Die Produktion stammt aus dem Jahre 1943 und hat berühmte Mitwirkende, aber die hatten größtenteils einen rabenschwarzen Tag.
    Benjamino Gigli als Riccardo keift in's Mikrofon, als wollte er einem Marktweib Konkurrenz machen; er singt so hektisch und selbst für seine Verhältnisse unreflektiert, daß einem vor dem Land graust, dem ein solcher Gouverneur vorsteht.
    Maria Caniglia als Amelia läßt ebenfalls den gewohnten Wohlklang vermissen; wahrscheinlich ließ sie sich von Gigli mitreißen.
    Für Gino Bechi als Renato kann ich mich ebenfalls nicht erwärmen. Er singt scheppernd und plakativ, keine Spur von der Gestaltung einer der dankbarsten Bariton-Rollen der Literatur.
    Fedora Barbieri als Ulrica ist in Ordnung, aber die Hexe ist ja ohnehin ziemlich autistisch angelegt - man singt halt seinen -hier gewohnt wohltönenden- Part strikt durch. Es gibt schlimmere Ulriken.
    Von Elda Ribettis Oscar kann man das nicht sagen - meine Güte, natürlich soll Oscar ein Teenager sein, aber man muß nicht wie ein Kindergartenkind in's Mikrofon krähen, um die Partie glaubwürdig zu gestalten.


    Tullio Serafin dirigiert Chor und Orchester der Oper Rom. Hektisch, künstlich, aufgesetzt. Kann es daran liegen, daß es eine Kriegsproduktion ist? Jedenfalls kommt diese CD in den Schrank und wird da von mir so schnell auch nicht wieder herausgeholt.


    Grimmige Grüße!


    Honoria

    Mir gefällt immer noch diese DVD sehr gut:



    Die Produktion stammt zwar aus den frühen 80er Jahren, aber sie hat eine Frische, die über die Jahre -nach meinem Empfinden jedenfalls- nicht weniger geworden ist. Die Aufführung wurde beim Glyndebourne Festival aufgenommen.
    Maria Ewing singt eine entzückende, mezzo-satte jugendliche Rosina, die auch nett anzusehen ist (keine Diva in Verkleidung).
    John Rawnsley
    ist die liebenswürdige Karrikatur eines pfiffigen Friseurs, stimmlich hoch zufriedenstellend und so elegant spielfreudig, wie ich sonst nur noch Hermann Prey in Erinnerung habe.
    An dem Almaviva von Max René Cossotti werden sich die Geister scheiden. Stimmlich und künstlerisch kann er einem Florez nicht das Wasser reichen, aber was er an Stimme nicht hat, macht er durch ein unglaubliches schauspielerisches Talent für mein Empfinden mehr als wett.
    Claudio Desderi singt auf gewohnt hohem Niveau und mit viel Mut zur Komik einen eindrucksvollen Dottor Bartolo.
    Auf dem Cover nicht erwähnt ist ein noch sehr junger Ferruccio Furlanetto, der den besten Basilio singt, den ich auf DVD kenne (die eindrucksvollen Aufnahmen mit Raimondi eingeschlossen!).


    Chor, Orchester und Dirigent sind in Ordnung.


    Die Inszenierung ist liebenswürdig-festspielmäßig. Es gibt keine szenischen oder musikalischen Experimente, jeder bemüht sich sichtbar und erfolgreich, die bestmögliche Leistung abzuliefern, Spielfreude und Musikalität gehen eine hocherfreuliche Verbindung ein. Auf der DVD sind Bild und Ton so gut, wie man es für eine so alte Aufnahme erwarten kann. Ich schaue sie mir regelmäßig wieder an - eine für mich unendlich überzeugendere Version dieses Klassikers als die Inszenierung von Dario Fò.


    Grüße!


    Honoria

    Ja, ich kenne sie - musikalisch in Ordnung, aber das Dario-Fo-typische Hin- und Hergezappel der Sänger hat mich beim Anschauen nicht überzeugt - der Barbier ist halt keine commedia dell'arte. Manches war mir einfach zu plakativ - Zirkusatmosphäre im Sevilla des frühen 19. Jhdts. Als -m.E. nicht gelungenes - Regieexperiment taugt die CD immerhin zur Vervollständigung der eigenen Sammlung, wenn man das Regal irgendwie füllen möchte.


    Grüße!


    Honoria

    Gestern habe ich nach langer Zeit einmal wieder diese Aufnahme aus dem Jahr 1975 angeschaut:

    Der Einfachheit halber paraphrasiere ich den Höreindruck, den ich schon einmal woanders schriftlich niederlegte und der sich nicht wesentlich geändert hat.


    Den Gustavo singt Placido Domingo. Er klingt am Anfang leicht gequetscht, es wird dann aber besser, im Duett mit Amelia ist er großartig. Er war nun auch damals noch sehr jung (34 Jahre) - dafür ist es eine sehr gute Leistung. Mit den Jahren gewann er noch gestalterische Tiefe, schon die von mir weiter oben angesprochene Aufnahme ist wesentlich nuancierter.


    Katia Ricciarelli singt die Amelia. Es war wohl ihre Glanzzeit in den 70ern, und sie hat wunderschöne Piani, aber irgendwie möchte ich sie immer schütteln, um sie aufzuwecken - sie wirkt auch stimmlich manchmal etwas unbeteiligt.


    Beim Renato von Piero Cappuccilli kann ich nur sagen: ja! So muß man Renato singen! Zu der überwältigenden Klangfülle kommt noch eine perfekte Textverständlichkeit - selbst als Schauspiel wäre es so noch sehr gut.

    Der Oscar von Reri Grist hat mir beim erneuten Hören trotz des federleichten Singens besser als damals gefallen, weil sie die Rolle immerhin auch sehr gut gestaltet.


    Elizabeth Bainbridge singt die Ulrica mit einer großartigen, metallischen Höhe; gleichzeitig bewältigt sie besser als viele mir bekannte Sängerinnen die überaus schwierigen tiefen Noten dieser tiefsten Verdi-Frauenpartie.


    Den Samuel gibt Gwynne Howell korrekt dunkel dämonisch.


    Orchester und Chor von Covent Garden werden von einem noch jugendlichen Claudio Abbado inspiriert geleitet.


    Das Manko der DVD ist die miserable Aufnahmequalität. Der Ton schleift bisweilen stark, das Bild ist manchmal körnig, und es gibt nur eine Einheitsuntertitelung auf Englisch, was mich zwar nicht stört, aber da sie nicht abschaltbar ist, empfinde ich diese Zwangsbeglückung als Manko. Der Handel verlangt für diesen Import aus UK echtes Geld (über 30€) - da würde ich, heute vor die Kaufentscheidung gestellt, doch etwas zucken.


    Grüße!


    Honoria

    Nachdem ich am Freitag im hiesigen Nationaltheater einen überraschenderweise ganz ordentlichen Maskenball genießen durfte, habe ich zuhause mal geschaut, was das Regal denn so an Maskenbällen hergibt. Noch gar nicht gehört hatte ich diese Aufnahme:



    Das habe ich dann schnell nachgeholt. Das Ensemble ist ja geradezu verschwenderisch - zwar stand Ruggero Raimondi Ende der 70er Jahre noch eher am Beginn einer großen Karriere, eine luxuriöse Besetzung für den Samuel war er aber schon damals.
    Der Star ist natürlich Domingo - für mein Empfinden war das damals seine beste Zeit. Hervorragende Phrasierung, Spitzentöne, die natürlich und nicht ertrotzt wirken wie später oft, und ein großes Melos, was insbesondere im Duett mit Amelia Wunder wirkt.
    Der Renato des Renato Bruson ist gewohnt elegant, aber er hat mir in dieser Partie ein bißchen zu wenig Dämonie, gerade in der Verschwörungsszene - da hätte ich auch lieber etwas kernigere Tiefe gehabt, aber das ist ein lediglich geschmackliches Detail, das der sehr guten Gesamtleistung des Sängers keinen Abbruch tut.
    Katia Ricciarelli war eigentlich eine ideale Amelia - sie wirkt immer ein klein wenig abwesend, wie in einer anderen (Vorstellungs)welt: anders kann der ganze Schlamassel, in den sie alle Beteiligten bringt, ja auch gar nicht entstehen. Wo sie dann leidend seuzend singen kann, klingt sie am besten.
    Nicht zufrieden bin ich mit der Leistung von Elena Obraztsova. Sie findet für jeden Ton eine andere, meist häßliche, Farbe, und legt so viel glucksende Wucht in ihren Vortrag, daß es bestenfalls unkultiviert wirkt. Stimmliche Gewalt und Durchschlagskraft hat sie zweifelsohne, und auf der Bühne mag das mit einer soliden schauspielerischen Leistung gepaart auch angehen, aber die Aufnahme wird durch ihre Eigenheiten nicht verbessert.
    Was bleibt, ist der Oscar von Edita Gruberova - was soll man sagen? Makellos wie immer, aber das Spitzbübische, was auch zu dieser Figur gehört, finde ich bei ihrer gesanglichen Darstellung eher nicht.


    Abbado und Chor und Orchester der Scala muszieren so engagiert und kundig, wie es dieses an großer musikalischer Schönheit so reiche Stück verdient.


    Fazit: eine wertvolle Ergänzung der Maskenball-Sammlung.


    Morgen werde ich mir die DVD aus Covent Garden anschauen, mit einer etwas anderen Besetzung.


    Grüße!


    Honoria.

    Tenöre, Ihr Lieben, sind doch eigentlich etwas für junge, unerfahrene Leute, die sich noch an Lambrusco betrinken - vordergründiger Rausch ohne Substanz.
    Baritone und Bässe hingegen sprechen den reiferen Verstand und Geschmack an, wie ein Mouton Cadet Rothschild. Von dem, lieber Bustopher, trinken wir doch auch höchstens ein, zwei Gläschen... ;+)


    So tröstet Euch und sich
    der auf der weiblichen Seite dieses Problems leidende


    Mezzosopran Honoria Lucasta

    Wer am 10. November 2010 in Wien ist und so gar nichts anderes vorhat, kann zur Veranstaltung "Ambassadors in Concert" in den Musikverein (Brahmssal) kommen, wo Botschafter und andere Diplomaten zu wohltätigen Zwecken singen und spielen. Ich selbst werde mit zwei Liedern von Hugo Wolf (Fußreise, Verborgenheit) und den "Valurile Dunari" = "Donauwellen" vertreten sein.


    Grüße!


    Honoria

    Lieber Peter,


    Du sprichst mir aus der Seele - oft sinniere ich über Traumbesetzungen, denen leider nur die Realität entgegensteht - wer fragt schon uns...


    Hier nun meine Vorstellung der absolut idealstmöglichen ERNANI-Besetzung:


    Den Banditen Ernani gibt Placido Domingo, idealerweise in der Topform der frühen 80er-Jahre: man schaue sich die ansonsten nicht befriedigende Aufnahme der Scala-Aufführung aus dieser Zeit an, um ermessen zu können, wie überragend er zu der Zeit sang.
    Das Fräulein Elvira singt und spielt Ilva Ligabue, die ich erst kürzlich auf einem Mitschnitt aus Verona in der Rolle hörte und die mir überragend gut gefallen hat, auch im Vegleich zu berühmteren Namen (Price, Freni).
    Silva ist unser Leib- und Magenbaßbariton Ruggero Raimondi, wer sonst?
    Und Don Carlo, später Karl V., : da gebe ich alternativ an Sherill Milnes oder einen Sänger, den in diesem Forum wahrscheinlich niemand außer mir kennt, nämlich Jewgenij Polikanin vom Stanislawski-Theater in Moskau. Ich habe ihn dort wohl ein dutzendmal als Carlo gehört und gesehen. Er steht in der differenzierten Gestaltung dieser Rolle Milnes und Bruson mindestens gleich - was er besser als die beiden vermittelt, ist der Umstand, daß ein kleines Quentchen Gehässigkeit auch diesem Kaiseranwärter eigen ist (das muß man mir nun einfach mal glauben, Ton- und Bildaufnahmen dieser Aufführungsserie aus Moskau gibt es wohl nicht).


    Jetzt träumen wir weiter....


    Grüße!


    Honoria

    Lieber Waldi,


    Ich kann mir gut vorstellen, daß die Inszenierung live tatsächlich auch lebendiger und goldfarbiger gewirkt hat - sie wurde in großen Teilen für die von mir weiter oben beschriebene Moskauer Aufführung kopiert und war da in Ordnung, wenngleich wohl immer das Problem bleibt, daß das Spanien des frühen 16. Jhdts. vornehmlich finster war... Ernani ist für mich eine der wenigen Opern, die ohne Probleme durchgehend konzertant aufgeführt werden könnten. Die Musik beschreibt genug Äktschen ;+) .


    Kesting bemerkt -in einem seiner übellaunigeren Momente- daß die von Dir beschriebene Aufnahme tatsächlich ein Zusammenschnitt der besten Momente mehrerer Aufführungen war, und ich glaube, darauf ist auch die merklich unterschiedliche Form aller Sänger in den einzelnen Akten -besonders aber Freni und der anscheinend wirklich erkrankt singende Bruson- zurückzuführen.


    Es gibt im Handel noch eine dritte Ernani-DVD (o doch, so viele :boese: ) - kennt die jemand? Ich bin vor dem Kauf bisher immer zurückgeschreckt, weil es irgendeine Festival-Aufführung aus Bologna ist oder so, und keiner der Sänger war mir wirklich bekannt.


    Grüße!


    Honoria


    Zum Vergleich habe ich heute nachmittag diese Aufnahme gehört. Hier hat Domingo nun auch ein etwas kernigeres Timbre und klingt wirklich wie ein gestandener Feldherr (immerhin hat er gerade die Osmanen vor Zypern verjagt, also ist er bestimmt kein Zimperling!). Das geht allerdings bisweilen auf Kosten der Stimmtextur: er klingt bisweilen uneinheitlich und nicht so unbekümmert und traumhaft sicher wie unter Levine. Die Leistung ist dafür natürlich reifer, vieles deutlich besser überlegt, und vielleicht kommt durch die unterschiedliche stimmliche Gestaltung der zerrissene Charakter des Otello auch stärker zur Geltung.


    Zum Glück hat er mit Cheryl Studer 1993 eine um einiges bessere Desdemona als mit Screechy Scotto 1978. Das war damals der Abend Studers bester Zeit, und sie verströmt fast im Übermaß die sanften, weichen Klänge, die ich von einer Desdemona hören möchte. Der Kontrast zu Otellos Ausbrüchen wird ja nur so glaubhaft.


    Weswegen man nun allerdings Sergej Leiferkus als Iago engagieren mußte, erschließt sich mir nicht. Es liegen WELTEN zwischen der feinen Charakterzeichung dieses von Grund auf schlechten Menschen durch Milnes und dieser dem Chargieren als dem Gestalten ähnlicheren Leistung von Leiferkus. Zunächst einmal klingt er rauh, nein, eher uneben. Ihm stehen nicht im Entferntesten die stimmlichen und gestalterischen Möglichkeiten eines Milnes zu Gebote. Ich habe immer den Eindruck gehabt, er verstelle seine Stimme so, daß sie möglichst böse klingen soll -wer meint, das sei die Essenz der Person des Iago, hat aber, fürchte ich, davon nicht viel verstanden. Ich habe die von Peter erwähnte DVD nicht gesehen und kann mir also kein Urteil darüber bilden, ob er vielleicht durch schauspielerische Gestaltung den ungünstigen stimmlichen Eindruck wettmacht, aber ich kann's mir nicht wirklich vorstellen. Schade, daß für diese Aufnahme offensichtlich niemand zur Verfügung stand, der an Milnes auch nur entfernt heranreichen könnte.


    Die Comprimari sind luxuriös besetzt: Ramon Vargas als Cassio, Michael Schade als Roderigo, Ildebrando d'Arcangelo als Ludovico und Denyce Graves als Emilia. Myung-Whun Chung dirigiert ordentlich, aber nicht sonderlich inspiriert, und die Leistung von Chor und Orchester der Bastille-Oper trägt leider bisweilen etwas anarchistische Züge - wirklich zusammen paßt es meiner Meinung nach an manchen Stellen nicht wirklich.


    Seufz. Immer noch nicht der ideale Otello!


    Grüße!


    Honoria


    Ich habe lange gezögert, diese Aufnahme zu kaufen: zwar sind Domingo und Milnes in ihren jeweiligen Partien eine sichere Bank (zumindest 1978, als die Aufnahme entstand), aber bei Scotto vermutete ich, sie könne vielleicht Probleme bei dem Versuch haben, Desdemonas Zartheit und Verletzlichkeit stimmlich zu verdeutlichen; immerhin hatte sich ihr Stimmcharakter in den 70er Jahren stärker in Richtung Verismo mit allen guten und weniger guten Ausprägungen geändert.


    Ganz so schlimm wie befürchtet ist es dann wirklich nicht geworden, weil Renata Scotto sich hörbar um Disziplin und Wohlklang bemüht und ihr Stimmaterial dies zum Zeitpunkt der Aufnahme auch noch zuließ. Das Duett im 1. Akt gelingt sehr gut. Im 2. und 3. Akt keift sie mir bisweilen zuviel, aber der Eindruck einer eher leidenden als austeilenden Desdemona wird zumindest nicht völlig zerstört. Den 4. Akt gestaltet sie mit großer Intensität. Die Leistung ist insgesamt in Ordnung, aber alleine wegen der Scotto muß man diese Aufnahme nicht kaufen.


    Domingo ist ein noch jugendlicher, frischer Otello, der einiges an Stimm- und Leuchtkraft aufbringt, von der -m.E. wünschenswerten- etwas dunkleren, gewissermaßen ernsthaften Stimmfarbe aber noch ein paar Jahre entfernt ist; später gelang es ihm besser, sozusagen auch den Kommandanten hörbar zu machen. Allerdings ist das Mäkeln auf hohem Niveau - es gibt nur wenige Tenöre, die den Otello auch gestalterisch so verinnerlicht haben wie Domingo, und man merkt ihm an, daß er wirklich in jedem Takt genau weiß, was er singt. Eine beeinfruckende Leistung.


    Überragend ist der Iago von Sherill Milnes. Ich denke, er hat zu seiner Zeit nicht seinesgleichen in dieser Partie gehabt. Hervorragende Textverständlichkeit, eine schier unerschöpfliche Kraft (Iago hat immerhin fast genausoviel zu singen wie Otello, den man deswegen immer bedauert: Iagos Part ist nicht minder schwierig!) und eine ungemein differenzierte Gestaltung - von sotto-voce-Raunen in der Erzählung des 2. Aktes bis zum fast gewalttätigen Ausbruch ist alles vorhanden. Eine großartige Leistung, und man merkt vor allem die perfekte Abstimmung von Milnes und Domingo sowie beider Sänger mit James Levine, der gewohnt feinfühlig dirigiert.


    Die anderen Partien sind zufriedenstellend besetzt, allerdings ist mir der Cassio von Frank Little ein bißchen zu krähend; ein allerdings vernachlässigenswertes Detail.


    Insgesamt ist dies eine Aufnahme, die mehr als ordentlich ist, ohne wirklich der große Wurf zu sein; der nunmehr sehr mäßige Preis gestattet den Kauf auf jeden Fall zur Vervollständigung der heimischen Otello-Sammlung.


    Grüße!


    Honoria

    Erst gestern habe ich die von Peter angesprochene DVD des Wiener "Faust" aus der Mitte der 80er Jahre mit Araizam Benackova und Raimondi angeschaut. Zunächst einmal ist zu bemerken, daß hier grottenschlechte Bild- und Aufnahmequalität zum regulären Preis verkauft wird - und das unter dem Gelbetikett! Wirklich eine Frechheit. Warum kann jeder Spaghetti-Western aus den 60er Jahren mittlerweile optisch kristallklar wiedergegeben werden, aber so eine Opernaufführung nicht?


    Musikalisch ist mein Eindruck ein bißchen zwiespältig. Araiza schlägt sich mehr als wacker - es war wohl auch stimmlich seine beste Zeit. Er hat wie wohl alle Tenöre (außer dem verewigten Alfredo Kraus) so seine Schwierigkeiten mit dem abartig ambitionierten Spung auf "présence" im Schlußteil von "Salut, demeure chaste et pure", aber er bekommt's immerhin noch anständig gesungen. Ihm gelingen schöne Kantilenen, und er verkörpert den von Mephistopheles verjüngten und irre gemachten Gelehrten mit einigem Feuer.


    Raimondis Verkörperung des Bösen ist natürlich untadelig, schon der Gesang vom Goldenen Kalb ist ein Glanzstück - wäre der Ton dieser elenden DVD besser, könnte man noch eher nachvollziehen, wartum das Wiener Publikum nach dieser Arie in Begeisterungsstürmen raste.


    Frau Benackova ist nie so wirklich mein Fall gewesen. Ich mag ihre relative stimmliche und schauspielerische Unbeteiligtheit nicht. Hier gelingen ihr allerdings berührende Momente, vor allem in der Szene vor der Rückkehr Valentins und in der Kirche, wo sie sich etwas aus ihrem Phlegma heraussingt. Dem Publikum hat's gefallen.


    Allen drei Protagonisten eigen sind erhebliche, teils sehr ärgerliche Defizite bei der französischen Aussprache; jeder von ihnen hätte daran intensiver arbeiten müssen. Manche Passage erscheint geradezu banal, wenn sie unkorrekt ausgesprochen gesungen wird, bisweilen sogar lächerlich. Sehr schade. Die Comprimari sind soso lala, am wenigsten erfreulich für mich stimmlich eigentlich der Siebel von Gabriele Sima.


    Über die Regieleistung muß man an dieser Stelle nicht viele Worte verlieren, ich finde auch das banal, wenn einem zu einem auf Goethes Faust nichts anderes einfällt, als das der Konflikt für heutiges Publikum nur dann interessant wird, wenn man Margarethe eine abtrünnig gewordene Nonne sein läßt. Diverse andere szenische Geschmacklosigkeiten verdienen es nicht, erwähnt zu werden. Als Dokument einer musikalisch ganz guten Aufführung mit einem herausragenden Raimondi taugt die DVD, sonst aber m.E. nicht zu viel mehr.


    Grüße!


    Honoria