Beiträge von Honoria Lucasta

    Ich bin erst gestern dazu gekommen, mir mal etwas anderes als Vergleichs-Rigolettos anzuhören und anzusehen :wacko: , und dachte, dieses Konzert sei der richtige Kontrast:



    Es war genau die richtige Entscheidung! Nachdem ich irgendwann einmal innerlich etwas von der Bartoli abgerückt war, hat sie mich mit dieser Auswahl wieder voll für sich eingenommen: was für ausnehmend schöne Musik, wie wundervoll gesungen und interpretiert! Es sind nicht alle Nummern, die sie auf der Malibran - CD hat, enthalten - das entnehme ich jedenfalls der Kritik von Fairy Queen (es fehlen 12-17), aber es ist mir ein ganz ungeheueres Vergnügen gewesen, diese Ausnahmesängerin mit den wunderschönsten Raritäten zu hören, begleitet von einem hervorragenden Orchester, das sie- mit freundlicher Unterstützung der ganz ausgezeichneten ersten Violine- quasi noch mit dem kleinen Finger selbst dirigiert.


    Die heftige Mimik der Bartoli ist sicher nicht jedermanns Sache - wer aber einmal selbst versucht hat, einige der mörderischen Läufe, Triller und Fiorituren auszuführen, die noch in auf den ersten Blick harmlos-andante erscheinenden Stücken enthalten sind, wird sehen, daß es hier mit einer geläufigen Gurgel allein nicht getan ist: da muß das ganze Gesicht mitarbeiten.


    Und um auf Äußerliches einzugehen: für das Konzert in Barcelona scheint Madame etwas abgespeckt zu haben und trägt ein sehr schönes rotes Kleid, das ihr ausgezeichnet steht - auch optisch ist das Ganze eine Freude.


    Grüße!


    Honoria

    Lieber Gioachino,


    ein "Verdibariton mit blendend fokussierter, strahlender Mittellage, satter Tiefe und viriler Höhe", um Dich zu zitieren, wird sich vermutlich dasselbe wie ein genuiner, sattönender Mezzosopran denken, der eine in die Jahre gekommene Sopranistin bei der Exekution von Carmen & Cie. belauschen darf: netter Versuch, mehr nicht, denn zum Singen in einer mittleren oder tiefen Lage gehört halt mehr, als daß man hohe Töne nicht mehr hinbekommt. Trotzdem kann auch eine solche Leistung noch gefallen...


    Das vorliegende Experiment ist nach meiner Auffassung nur deshalb nicht schief gegangen, weil Domingos überragende Sängerpersönlichkeit auch noch mehr in's Ungefähre gesungene Passagen glaubhaft rüberbringt und seine Darstellungskunst mit dem Alter nicht ab-, sondern vielleicht sogar noch zugenommen hat und gerade in dieser Partie ja auch gefragt ist. Als Rezept für weitere Experimente dieser Art (Luna? Don Carlo aus "Ernani"?) sollte es nicht verstanden werden.


    Grüße!


    Honoria

    Ich habe mir die gesamte Aufzeichnung gestern abend in Ruhe angesehen und bin erstaunt, wie kritisch und letztlich negativ diese Produktion in diesem Forum beurteilt wird. Daß der Medienhype (inkl. des Jingles "La donna..." gesungen von Domingo!) eher genervt hat: geschenkt. Gleiches gilt für die alle 5 Minuten eingeblendete Mitteilung, man sende live/zeitversetzt - was denn nun?


    Musikalisch war die Sache sehr sorgfältig gemacht und gut bis sehr gut gesungen; schauspielerisch waren durchgehend alle Leistungen (bis auf die der Giovanna) so klar über dem sonst üblichen Durchschnitt, daß sich für mich allein deswegen das Ansehen schon gelohnt hätte.


    Um einmal beim Hauptkritikpunkt meiner Vorredner zu beginnen: natürlich ist Domingo kein Bariton. Er hat zwar als solcher angefangen, Charakter und Farbe der Stimme wiesen ihn dann doch eher als Tenor aus, die Reichweite aber sicherlich nur an Sonntagen. Domingo ist nie ein Ritter des hohen C gewesen, und schon seit geraumer Zeit ist deutlich, daß für ihn alles über dem hohen A letztlich immer ein wenig ertrotzt ist. Sei's drum. Wenn er sich jetzt im Bewußtsein der nur zu offensichtlichen Tatsache, daß auch der gegenwärtige Fokus seiner Stimme die tieferen Töne nicht wirklich zufriedenstellend erreicht und daß die Stimmfarbe eben nicht jenen satten Bronzeklang eines wirklichen Baritons hat (Nucci, Bruson), an eine zentrale Partie dieses Repertoires wagt, dann doch wohl, weil er in der Gesamtdarstellung der Figur des Narren etwas beizutragen hat. Ich finde, dieser Versuch ist ihm ausgezeichnet geglückt. Ihm gelingen sehr schöne Momente; manches -vor allem das in seiner vokalen und darstellerischen Intensität fast nicht zu ertragende "Cortigiani, vil razza dannata"- ist großartig - anderes wiederum nicht, aber das hatten wir ja schon. Daß er im Quartett des 3. Aktes kaum hörbar ist, zeigt eben auch die Grenzen dieses Experiments auf - aber obwohl sozusagen der baritonale Taktschläger fehlt, wird hier sehr schön miteinander gesungen.


    Der junge Grigolo paßt stimmlich und vom Aussehen her perfekt in die Unsympathenrolle des Duca. Auch das heikle "Ella mi fù rapita" singt er wirklich schön - inkl. der Cabaletta "Possente amor", wo ihm allerdings die tänzerische Leichtigkeit des von mir im Gegensatz zu den meisten anderen Capricciosi geschätzten Calleja fehlt. Auch schauspielerisch ist er überzeugend.


    Von Frau Novikova werden wir hoffentlich noch viel hören und sehen. Einige ihrer Passagen empfand ich als überirdisch schön - endlich mal eine Stimme, die die rar gewordene Zartheit des Ausdrucks mit sehr rundem Klang verbindet.


    Den Sparafucile von Ruggero Raimondi fand ich hervorragend gespielt und sehr gut gesungen (auch hier zeigt sich das Alter des Sängers eher im bedrohten Fokus der tiefen Töne); die für ihn typische sehr resonante Vokalbildung ist aber immer noch ein Lehrstück für junge Sänger.


    Alle anderen (auch die Maddalena) fand ich tadellos. Sehr gut gefallen haben mir die Kostüme und natürlich die "Kulisse" - das noble Ambiente teilte sich optisch schon beeindruckend mit.


    Um noch einmal auf die Frage einzugehen, ob jemand wie Domingo nicht besser aufhören sollte, wenn es stimmlich mit den ausgesprochenen Tenorpartien nicht mehr klappt: Fairy Queen hat völlig recht, wenn sie vermutet, daß viele Künstler ohne das Rampenlicht nicht mehr leben können (welches übrigens stark konservierende Wirkung zu haben scheint, siehe Jopie Heesters ;+) ). Manchmal wird es dann eher peinlich; wer erinnert sich nicht an die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin, als ein sichtbar verzweifelt geschwächter Luciano Pavarotti ein um viele Töne nach unten transponiertes "Nessun dorma" ablieferte - das war der schmerzhafte Moment, in dem ich für mich seine Karriere als endgültig beendet betrachtete. So weit ist Domingo (und ist auch Raimondi, der andere Senior dieser Produktion) noch lange nicht, wohl weil auch beiden eine gewisse geistige und künstlerische Neugier und Beweglichkeit eigen ist, die sie die Risiken einer Aufführung wie der vorliegenden eingehen und mehr als anständig bewältigen läßt.


    Ich für mein Teil bin froh, daß sie das gewagt haben.


    Grüße vom Balkan!


    Honoria

    Eine weitere Fledermaus ist diese hier:



    Ich habe sie gestern nach langer Zeit wieder einmal durchgehört, weil sie in der Veröffentlichung der Kleiber-Aufnahmen bei der DG enthalten ist und meine LP-Aufnahme in irgendwelchen Lagern schmort - Fluch der vielen Umzüge.


    Vorausgeschickt sei: ich kann mir kein spritzigeres Dirigat als das von Carlos Kleiber vorstellen. Schon die Ouvertüre ist brilliant, da perlt und funkelt alles und versetzt den Zuhörer vom ersten Moment an in Champagnerlaune. Dieser Eindruck vermittelt sich auch bei der Gestaltung des 1. und 2. Aktes, etwas weniger beim 3. Akt, der aber ohnehin nach meinem Empfinden auch musikalisch nicht mehr so interessant ist wie die vorhergehenden.


    Die gesanglichen Leistungen sind überwiegend sehr gut.


    Hermann Prey ist natürlich ein völlig un-wienerischer Eisenstein; man hätte gut daran getan, ihm bei den Dialogen (dazu später noch einmal etwas Grundsätzliches!) den nachgemachten Wiener Dialekt zu verbieten: das paßt einfach nicht, ein gebürtiger Berliner wie er kann den Vokalen keine andere Färbung geben als die von märkischer Heide und märkischem Sand. Gesanglich ist er aber höchst inspiriert, für mein Empfinden am allerbesten in "Dieser Anstand, so manierlich..", wo er zusammmen mit der Rosalinde von Julia Varady fast an Tauber/Schwarz heranreicht.


    Julia Varady als Rosalinde singt einen sehr schönen Czardas (hohe D's am Ende sind allerdings klar außerhalb ihrer Reichweite, aber das waren sie einer Lotte Lehmann ja auch...) und alles andere recht gut; allerdings fehlt ihr das Quentchen Leichtigkeit, das man für eine Operette eben auch braucht - und die erforderliche Ironie (Dialoge, 1. Akt!) vermag sie überhaupt nicht deutlich zu machen.


    Da ist die Adele von Lucia Popp viel besser, und mit ihrer schlankeren Stimme scheint sie auch insgesamt beweglicher zu sein - das meiste Leben in dieser Produktion vermittelt sie.


    Bernd Weikl ist ein eher blasser Dr. Falke, und Benno Kusche als Gefängnisdirektor Frank singt zwar ganz nett vom schönen großen Vogelhaus, hat aber ansonsten wenig Gelegenheit, sich hervorzutun.


    Damit komme ich zu dem größten Stolperstein dieser Aufnahme und gleichzeitig ihrem größten Plus. Wer immer die Wahnsinnsidee hatte, Iwan Rebroff als Orlovsky zu verpflichten und ihn im Falsett singen zu lassen, obwohl er eine Baßstimme hatte, die gut und gerne auch für Bayreuth gereicht hätte (nur der unzeitige Tod Wieland Wagners verhinderte seinerzeit ein Engagement!) müßte uns dazu einiges erklären - ich kann diese Entscheidung auch nicht ansatzweise nachvollziehen, vor allem, weil zu der Zeit der Aufnahme mit Brigitte Fassbaender ein tadelloser Orlovsky zur Verfügung gestanden hätte, um nur einmal eine der großen Interpretinnen dieser Rolle zu nennen. Der gesangliche Eindruck ist verheerend, ja peinlich. ABER: und hier komme ich zurück zum Dialog: Rebroff ist der Einzige, der erstens natürlich spricht (und nicht wie auswendiggelernt oder noch schlimmer, abgelesen!) und sein Russisch (mit ein paar wirklich witzigen, bestimmt nicht im Originallibretto vorhandenen Zeilen) ist erfreulich idiomatisch. Bei allen anderen ist das Unbehagen, einen Dialog aufnehmen zu müssen, mit Händen zu greifen bzw. mit Ohren nicht zu überhören. Es wäre wesentlich sinnvoller gewesen, die Dialoge völlig auszulassen, nur dann wäre Rebroffs Leistung (die er selber in ihrer Anlage wohl am wenigsten zu verantworten hat, und ich kann mir nicht vorstellen, daß Kleiber damit einverstanden gewesen sein soll) wirklich völlig unterirdisch.


    À propos unterirdisch: René Kollo gibt den Alfred. Auch so eine Berliner Pflanze im Wiener Exil...


    Insgesamt also musikalisch eine vor allem wegen Kleiber s Dirigat und dem hervorragenden Bayerischen Staatsorchester (und dem sehr guten Chor!) eine hörenswerte Aufnahme, bei der man die Dialoge allerdings am besten wegläßt.


    Grüße!


    Honoria

    http://www.klassik.com meldet:


    "Der mexikanische Tenor Rolando Villazón hat ein Freiluftkonzert im Kopenhagener Tivoli nach einigen Minuten abgebrochen. Villazón verließ nach dem Vortrag dreier kurzer Lieder nach sieben Minuten die Bühne. Das auf eine Dauer von zwei Stunden angesetzte Konzert wurde anschließend von der Mezzosopranistin Audry Kessedjian fortgesetzt. Grund für den Abbruch sei nach Angaben von Henrik Engelbrecht, dem Musikdirektor des Tivoli, eine starke Erkältung gewesen...."


    O je. Das klingt nicht sehr ermutigend. Die starke Erkältung war ihm ja doch wohl schon vorher bewußt - warum ist er überhaupt an- und aufgetreten? Ich fürchte, es sind doch wohl mehr die Nerven. Jammerschade.


    Grüße!


    Honoria

    Ihr Lieben,
    eben gerade zurück von der Zahnärztin, wo mir ein Weisheitszahn gezogen wurde (es gibt sicher Schlimmeres, aber auch sehr viel angenehmere Freitagnachmittagbeschäftigungen :stern: ), möchte ich doch auch etwas zur Diskussion um den Maazel (Losey-) Don Giovanni beitragen. Ich hatte den Film vor Jahren einmal gesehen und ihn dann als DVD gekauft. Ich erinnere mich, daß mir schon beim ersten Ansehen Frau Mathis Art ziemlich auf die Nerven ging und ich die Berganza unverdient als ältliches Mädchen eingesetzt fand.
    Beim Wiedersehen und Wiederhören hatte ich die gleichen Gefühle wie Agravain: wie konnte ich so ein durchweg kaltes, unbeteiligtes Musizieren einmal als das Maß aller Dinge betrachten? Auch der hochverehrte Ruggero Raimondi ist hier weit von seiner Bestform entfernt, und ich glaube, das hat am meisten etwas mit Loseys quasi klassenkämpferischem Ansatz zu tun, den Don Giovanni nicht nur als Verführer, sondern als brutalen, menschenverachtenden Grundbesitzer zu zeigen (da kann Losey halt nicht aus seiner politischen Haut). Die kalten Farben legen sich meiner Meinung nach allen Sängern auf die Stimme, und auch die liebliche Kiri te Kanawa ist noch weiter weg von allem als sonst - dieser Don Giovanni berührt überhaupt niemanden, weder die Sänger noch den Zuhörer oder Zuschauer.


    Noch halb betäubte Grüße!


    Honoria


    .

    Zwiespältig bleibt der Eindruck bei dieser Tosca:



    Es singen Daniela Dessi, Fabio Armiliato und Ruggero Raimondi; die Aufführung fand im Teatro Real zu Madrid statt.


    Dekoration und Konzeption gemahnen etwas an Goya und seine düsteren Zeichnungen; alles ist düster, sogar die Kleider der Tosca (oder streikte gerade der Kostümbildner? - alles ist nichts weniger als prächtig, paßt überhaupt nicht zum Stil im Palazzo Farnese).


    Das Orchester unter Maurizio Benini spielt tadellos und differenziert (soweit man Tosca differenziert spielen kann, es ist ja doch recht eigentlich ein Reißer ;+) )


    Am stimmigsten und beeindruckendsten ist natürlich wieder einmal Ruggero Raimondi. Es mag auch andere Scarpias geben, aber seine enorme Vielseitigkeit bei der Gestaltung gerade dieser Rolle dürfte unübertroffen sein. Der Regie gefiel es dieses Mal (o ungeheuer kritisches Konzept!) , Scarpia und seine Hilfstruppe als Geistliche auftreten zu lassen, wobei auch hier kostümlich nichts halbes und nichts ganzes geleistet wurde. Raimondi singt einen zwar immer noch abgrundtief bösen Scarpia (was auch sonst? Selbst meine Entschuldigungsversuche in einem anderen Forum sind mehr als Appell an die Milde des Gerichts nach bewiesener Schuld zu verstehen), aber er ist nicht ganz so dämonisch wie z.B. in der Verfilmung mit Georghiu / Alagna. Zwei kleine Details dieser Inszenierung gestaltet er schauspielerisch souverän: wenn er Tosca im ersten Akt mit seinen sotto voce geraunten halben Bemerkungen halb wahnsinnig vor Mißtrauen und Kummer gemacht hat, will sie sich instinktiv an seine Brust flüchten, und er scheint sie für den Bruchteil einer Sekunde auch in seine Arme nehmen zu wollen, aber ach: beide erschrecken. lassen voneinander ab, und die Geschichte nimmt ihren dramatischen Lauf. Und im zweiten Akt reißt sich Scarpia, bevor er sich auf Tosca wirft, mit einer entschlossenen Bewegung die angedeutete Priesterkrawatte vom Hals: so, als wolle er sein sündhaftes Tun nun völlig unbehindert von Stand und Verpflichtung ausleben . Mit dem 2. Akt ist dann auch nicht nur Scarpias Leben am Ende, sondern auch das dieser Inszenierung.


    Wahrscheinlich bin ich ungerecht. Aber ich sage es doch einmal: ich kann weder Daniela Dessis Tosca noch dem Cavaradossi ihres Ehemanns Fabio Armiliato viel abgewinnen. Dessi hat diesen leicht scheppernden Sopran, der sich gerne dramatisch gibt, weil das Publikum dann mehr stimmliche Sünden zu vergeben bereit ist als anderen Orts. Es gibt ein paar schöne Momente (wenige. Vissi d'arte ist wenigstens halbwegs anständig gesungen), aber überwiegend dröhnt es, selbst da, wo beinahe jede Tosca es schafft, ein bißchen Liebreiz zu verströmen, nämlich bei "Non la sospiri la nostra casetta" im 1. Akt, wenn sie Cavaradossi den kommenden Abend mit ihr in glühenden Farben schildert - das ist hier so wie alles andere im Einheitsforte gesungen. Schauspielerisch ist die Leistung überwiegend in Ordnung.


    Ein merkwürdiger Fall ist Fabio Ármiliato: er singt alles richtig, er hat hohe Töne, die nicht ertrotzt wirken, sondern wirklich gesungen, er versucht sogar eine differenzierte stimmliche und schauspielerische Leistung abzuliefern: aber irgendwo auf der Reise ist ihm das Temperament abhanden gekommen. Sein Cavaradossi wirkt über weite Strecken innerlich und äußerlich seltsam unbeteiligt. Selbst "Vittoria!" im 2. Akt, wo er sich definitiv mit revolutionärem Furor um Kopf und Kragen reden bzw. singen muß, wirkt blaß. Noch einmal: es gibt viel schlechtere Cavaradossis, aber einen Maßstab setzt Armiliato sicherlich nicht.


    Das Publikum in Madrid jubelte trotzdem. Vielleicht teilt sich bei einem Live-Auftritt da noch etwas mit, was die DVD nicht wiedergeben kann.


    Bei den Nebenrollen sei ein vortrefflich singender Sagrestano erwähnt (Miguel Sola). Notiz für Oper337: Der Hirte wird von einem volltönenenden Sopran gesungen (Eliana Bayón) und ist daher uninteressant.


    Grüße von


    Honoria


    die weiter auf der Suche nach der idealen Tosca ist.


    Ich höre morgens im Büro, bevor das Telephon seinen täglichenTerror beginnt, immer eine CD, und heute morgen ist mit dem Klavierquintett zur Irritation meiner Kollegen etwas eher Wildes von César Franck an der Reihe. :thumbup:


    Grüße vom heute morgen trüb-regnerischen Balkan!


    Honoria

    Mein Lieblings - MACBETH ist der unter Sinpopoli, und zwar als CD



    und als DVD



    gleichermaßen.


    Die CD stammt aus dem Jahre 1983 und ist exemplarisch für Sinopolis stetes Bemühen, einer Partitur gleichsam chirurgisch zu Leibe zu rücken, Sehnen- und Nervenstränge bloßzulegen und dann alles höchst fachgerecht und wie von Zauberhand wieder zusammenzusetzen, mit dem Ergebnis, daß man meint, manche Stellen ganz neu und eigentlich zum ersten Mal zu hören. Kein Wunder, im Herzen war der Maestro doch immer auch Arzt und Wissenschaftler. 1987 fand dieses Bemühen dann eine szenisch unglaublich eindrucksvolle Umsetzung an der Deutschen Oper Berlin, und zum Glück wurde eine Filmaufnahme hergestellt, die auch optisch von besserer Qualität ist als die meisten Aufführungsmitschnitte aus dieser Zeit.


    Sängerisch stand Sinopoli beide Male ein Macbeth-Traumpaar zur Verfügung. Renato Brusons unglaublich schöner, kultivierter Bariton ist mir fast zu schade für das Versprühen von dümmlicher Abgefeimtheit (der Intelligenzbolzen in der Familie Macbeth ist ganz sicher nicht er!); seine große, fast grausam lange Szene des Wahns auf dem Bankett gestaltet er so intensiv und bedrückend, daß man schon ein wenig erschrickt. Die Eleganz der Stimme kommt auf der CD natürlich besser zur Geltung, Brusons darstellerische Fähigkeiten sind danach auf der DVD umso eindrucksvoller.
    Die Lady Macbeth von Mara Zampieri dürfte in den 80ern kaum ihresgleichen gehabt haben. Dabei werden sich an Zampieris Stimme und ihren sängerischen Besonderheiten wohl die Geister scheiden. Klänge wie aus Marmor gemeißelt sind nämlich Zampieris Sache nicht - sie attackiert hohe Töne und schwierigere Stellen schon recht häufig mit dem wohl "scoop" genannten Trick des Anschleifens quasi von unten. Das wirkt bisweilen unglaublich eindrucksvoll, manchmal nervt es, weil zu offensichtlich auf Wirkung bedacht. Man griffe aber zu kurz, wollte man an dieser Stelle die vielzitierte Briefstelle Verdis als Begründung dafür heranziehen, daß die Lady eben fast häßlich zu klingen habe: das tut Zampieri keinesfalls. Ihre stimmliche Leistung macht nur auch ein Stück der bebenden Nervosität, später der Panik der Lady deutlich, und zwar radikaler als viele andere Sängerinnen sich dies zugemutet haben. Wiederum: auf der CD ist alles natürlich ein wenig gebremster. Auf der DVD sieht man den Wahnsinn in den Augen der Lady schon bei "Ambizioso spirto - Vieni, t'affretta" - es kann keinen Zweifel geben, daß sie nichts und niemanden verschonen wird beim Griff nach der "calle della potenza" - dem Kelch der Macht. Dabei singt Zampieri so agil und differenziert, wie ich es bei kaum einer anderen Lady, Callas ausgenommen, gehört habe: das fadendünne, nachdenkende Ausschwingen der Stimme, wenn sie innerlich schon beim nächsten Verbrechen ist, das Zischen, Macbeth solle sich zusammennehmen (in der Bankettszene), das körperlich fast reglos vorgetragene, nur vokal verdeutlichte Grauen der Wahnsinnszene summieren sich zu einer großartigen Leistung.


    Die Comprimarii sind in beiden Fällen gut, ohne daß man mehr als ordentliche Rollengestaltung erwarten darf. Auf der CD sind es Neil Shicoff als Macduff und Robert Lloyd als Banco, auf der DVD Dennis O'Neill und James Morris. Das erste Paar gefällt mir persönlich besser, weil ich leider bis an's Ende meiner Tage kein Fan von Dennis O'Neill werde, der immer ein bißchen wie ein besonders kurzbeiniger Frosch auf der Bühne wirkt, aber stimmlich ist beides in Ordnung. Die Dame der Lady sang auf der CD übrigens Lucia Aliberti.


    Es sei colorandi causa die Frage erlaubt, warum man sich diese Oper überhaupt ansieht: eine solch schreckliche Geschichte hat ja wohl kaum ihresgleichen. Es gibt keine einzige Szene, die uns nervlich etwas Erholung schenken könnte; selbst das Trinklied der Lady klingt so heuchlerisch, daß niemand es für das nehmen kann, was es sein soll. Natürlich ist die Musik grandios (mit kleinen, von Recordatario angesprochenen, aber wohl eher dem Zeitgeist geschuldeten Durchhängern) - aber ein Schocker ist Macbeth schon. Vielleicht sonnen wir uns beim Hören in dem Bewußtsein, daß wir selbst nie in die Lage kommen werden, so abgrundtief schlecht zu sein wie Lord und Lady Macbeth, Herren zu Cawdor ;+) ? Ja, vielleicht.


    Grüße!


    Honoria

    DONIZETTI - Maria Stuarda: Royaler Zickenkrieg

    Vorweg: ich habe eben gesehen, daß es von dieser Live-Aufnahme aus Bergamo auch eine DVD gibt; auf die beziehe ich mich ausdrücklich nicht.


    Maria Stuarda ist eine meiner Lieblingsopern, weil sie in lobenswerter Donizetti'scher Kürze ein Höchstmaß an Dramatik und Melodik vereint - und sie hat zwei große Rollen für das Fach zwischen Sopran und Mezzosopran, das man zu Donizettis Lebzeiten offensichtlich leichter befriedigend besetzen konnte als heutzutage.
    Die Aufnahme ist ein Mitschnitt einer Aufführung aus dem Jahre 2001 aus dem Tetaro Donizetti di Bergamo unter Fabrizio Maria Carminati. Er fühlt sich zumindest zur Partiturtreue verpflichtet, denn er läßt nun wirklich alles singen, was geschrieben steht, auch die etwas in die Länge gezogenen Arien- und Duett/Terzettschlüsse, die aus heutiger Sicht ein wenig langweilig wirken (sollten sie damals zeigen: Achtung! Ende naht! Zum Klatschen bereit machen! - ich weiß es nicht) und meist gstrichen werden, so z.B. in der sehr viel älteren Bonynge - Aufnahme. Die Sorgfalt, mit der musiziert wird, auch seitens des Orchesters und des sehr guten Chors, ist ausgesprochen lobenswert, erscheint aber wenig inspiriert. Sehr trocken, vielmehr.


    Das liegt auch an den Sängern.


    Carmela Remigio singt Maria Stuarda. "O nube che lieve" bleibt bei ihr blaß, zwar mit stimmlich-technischer Brillianz (auch sie singt wirklich alles, was da steht - bemerkenswert für eine Aufführung, wo sich doch gemeinhin mehr verschleift), aber sie versteht es erst im Laufe der Aufführung, der schottischen Königin so etwas wie ein Gesicht zu geben. In der Konfrontationsszene mit Elisabetta bemüht sie sich tapfer, doch in Sachen Vehemenz und Hochmut wird sie da selbst von einer Joan Sutherland geschlagen: erst die Innigkeit des Schlußbildes (inkl. berührendem Chor!) liegt ihr wirklich.


    Sonia Ganassi ist Elisabetta. Ihre volltönende, fast pastose Stimme wird allen gefallen, die den Mezzo-Charakter dieser Partie hervorgehoben wissen wollen. Mir ist auch sie zu blaß. Sie singt sehr wenig reflektiert; wo sich Carmela Remigio noch bemüht, auch dem Text ein musikalisches Gesicht zu geben, scheint Ganassi nicht wirklich zu wissen, wovon sie da singt. Korrekt, teilweise stimmlich brilliant bleibt es immer noch - aber lange kein Charakterbild einer englischen Königin.


    Eher am Anfang seiner Karriere ist hier Joseph Calleja als Leicester. Der Sängfer dieser Partie verdient ja unser ewiges Mitgefühl: stets muß er im Passagio singen, er hat keine wirkliche Arie, und er lamentiert sich auf die eine oder andere wohltönende Weise durch drei Akte, um dann am Schluß noch mal von der von ihm geliebten Stuarda gesagt zu bekommen, er habe wohl nicht ganz verstanden, daß es nun für sie darum gehe, in Würde zu sterben, und er solle bitteschön von Versuchen absehen, sie jetzt noch retten zu wollen - hmpfff. Das singt Callejo aber sehr schön. Seine Stimme ist zwar fadendünn (liegt's an der Aufnahme?), aber immerhin so modulationsfähig, daß ihm die Tessitura gar keine Schwierigkeiten zu machen scheint. Sehr schöne Leistung.


    Riccardo Zanellato singt einen ernsten Talbot, Marzio Glossi einen etwas unreflektiert wirkenden Cecil: beide korrekt, aber blaß. Cinzia Rizzione als Anna Kennedy klingt provinziell.


    Fazit: Man kann sich diese Aufnahme anhören. Die Qualität ist mittel bis ganz gut. Für Hörerlebnisse ersten Rangs muß man allerdings woanders suchen.


    Grüße!


    Honoria


    die jetzt in Sarajewo ebensolche Temperaturen zu erleiden hat wie der Rest der Forianer in Mitteleuropa - das dämpft auch die Schreiblust ein wenig....

    Nerv der Musik

    Lieber Alviano,


    die von mir vorgestellte Aufnahme ist stilistisch sicher grenzwertig - wobei, ich wiederhole es, der am wenigsten positive Eindruck von der Caballé herrührt, die von ihrem record her eigentlich die Belcanto-Stilistin überhaupt sein müßte, denn sie wurde während der Zeit der Aufnahme (1972) ja überwiegend für Bellini, Donizetti etc. verpflichtet. Außerdem hat sich mglw. unser Belcanto-Verständnis in der Zeit seit dem Entstehen dieser Aufnahme wieder etwas gewandelt - ich wage mal die Behauptung, die frühen 70er in dieser Hinsicht noch etwas unschlüssig waren - zudem ist der Dirigent Cillario erkennbar mehr darauf bedacht, die Sache anständig hinter sich zu bringen (man hört, die Aufnahme sei auch etwas überhastet durchgeführt worden) als sich als Propagandist neuer Bellini-Sichtweisen zu präsentieren :shake: ...


    Natürlich bleiben die Callas-Aufnahmen unerreicht. Aber ich gebe ja die Hoffnung nicht auf, daß man auch nach Callas noch Norma aufführen und aufnehmen kann, und zwar mit gutem Ergebnis. In Bonn Anfang der 80er Jahre gab es die Oper mit Mara Zampieri und Delores Ziegler, das war wenigstens live eine ungemein überzeugende Leistung, aber ich glaube, es gibt keinen Mitschnitt davon - ich kann mich übrigens auch mit großer Anstrengung nicht daran erinnern, wer den Pollione sang, auch das sagt uns schon was über die Besetzungsschwierigkeiten bei dieser Oper. Zampieri hat für mein Empfinden eine der Scotto ein bißchen ähnliche Stimme, freilich ohne den dramatischen Ausbruch - vom Charakter her für die Norma aber immer noch besser als Caballé, die schlimmstensfalls kuhig klingt.


    Eine eindrückliche Sopran-Adalgisa fällt auch mir nicht ein; es soll aber bei der konzertanten Aufführung im Dortmunder Konzerthaus neulich, als Cecilia Bartoli die Norma sang, eine solche besetzt worden sein. Vielleicht war jemand da und kann zur Diskussion beitragen?


    Grüße!


    Honoria

    Bellini, Norma: Priesterinnen, Druiden, Römer!


    Wann immer in einem Forum die Sprache auf Norma kommt, werden extensiv die Callas-Aufnahmen dieser Oper diskutiert, und für Alternativen bleibt irgendwie wenig Energie übrig: Maria Callas war in dieser Rolle eben so überragend, daß fast egal war, wer neben ihr sang. Aber der ständige Lobpreis dieser Ausnahmekünstlerin gerade für die Norma verdängt die Tatsache, daß in den nun mehr als 50 Jahren seit ihrem letzten Auftritt in dieser Partie die Norma oft und gern gespielt und aufgenommen wurde.


    Daher starte ich jetzt mal einen Norma-Faden bewußt mit einer anderen Aufnahme.


    Diese hätte von der Papierform eigentlich fast ideal sein müssen. Leider ist das Hörerlebnis ein sehr gemischtes.


    Fangen wir mal mit der leichtesten Bewertung an: Den Oberdruiden Oroveso gibt hier der treffliche Ruggero Raimondi, stimmschön, volltönend, elegant - da bleiben kaum Wünsche offen; dominierender allerdings ist Ezio Pinza in der Aufnahme aus den 20er Jahren, nur mag das vielleicht auch ein bißchen mit der Mono-Technik zu tun haben, die Stimmen präsenter erscheinen läßt.


    Fiorenza Cossotto singt die Adalgisa, mit feiner Stimmführung, vom Eindruck her manchmal ein bißchen entrückt - aber sie hat bei mir schon deshalb einen Stein im Brett, weil sie immer erst mal singt, was in der Partitur steht, und erst danach anfängt, Auszierungen, Rhythmuswechsel o.ä. zu wagen. Sie hat keinerlei Schwierigkeiten bei hohen und sehr hohen Tönen. Bellini hatte ja auch keinen Mezzosopran im Sinn, als er die Rolle konzipierte, und hat sich daher keinerlei Zurückhaltung auferlegt: hohe A's, B's und das eine oder andere C muß auch die Adalgisa sicher bringen, und die Cossotto singt alles mit traumwandlerischer Sicherheit.


    Placido Domingo singt einen kernigen, energischen Pollione, mit sehr guter Phrasierung und hervorragender Deklamation - im Film würde Robert Taylor für die Rolle verpflichtet, Domingo klingt, wie ein römischer Besatzer wohl klingen muß. Bei ihm teilt sich immer mit, daß er weiß, wovon er singt, das ist schon einmal unendlich viel wert - vor allem in den eher leisen Passagen des Schlußbilds. Mancher hohe Ton (das C in "Meco all'altare di Venere auf jeden Fall) ist ein wenig ertrotzt, aber nie unpassend oder häßlich.


    Ich wünschte, ich könnte das selbe von der Norma von Montserrat Caballé sagen. Bisweilen hatte ich den Eindruck, es sei gar nicht sie, die da orgelt, aber ich fürchte, sie ist es doch. Dabei gibt es Passagen (lyrisch, legatissimo, mit Pianissimi, die berückend schön sind), in denen man völlig von ihr überzeugt ist; leider sind das Ausnahmen. Bei "Casta diva" hudelt sie in den Läufen, daß es mir grauste. In den Rezitativen singt sie unaufmerksam-ausdruckslos. Im großen Duett "Sola, furtiva, al tempio" gluckst sie oft mehr als unschön, und wenn Pollione hinzutritt, meint man, sie sei unter dem Einfluß von Sedativa - ich will ja gar nicht von Callas an der Stelle reden, aber selbst Joan Sutherland, der man alles vorwerfen kann, bloß kein Temperament, bringt hier mehr von einer Frau in einer Extremsituation rüber als die Caballé. Aber dann wieder die Piani....also: ich grolle nicht. Aber meine Lieblingsaufnahme dieser berückenden Oper wird das nicht. Better luck next time.


    Grüße!


    Honoria

    Seien wir dankbar, daß dieser überragende Sänger das gesegnete Alter von 87 Jahren erreichen konnte. Er war der erste Don Giovanni auf Schallplatte, den ich kennenlernte - danach ist ihm nicht wirklich jemand gleich gekommen. Noble Stimmführung, intelligente Rollengestaltung, blendendes Aussehen zeichneten ihn in jeder seiner Rollen aus.


    Bei you-tube gibt es ein Video, auf dem er "O tu Palermo" aus der Sizilianischen Vesper singt: bezwingend.


    R.I.P. +


    Honoria

    Auch eine positive (Wieder)entdeckung sind diese Aufnahmen:


    .


    Die 4. unter Sanderling, die 5. und 6. unter Mravinsky, lt. Beileger alle drei aufgenommen 1956 im Wiener "Großen Konzerthaussaal(?)", sind jedenfalls eine willkommene stilistische Ergänzung aus russischer Sicht - die Russen schwelgen nach meinem Eindruck eher weniger in Tschaikowskis Melos (der ihnen bisweilen etwas zu westeuropäisch-fremd erscheint), arbeiten dafür Strukturen aber klarer heraus - das gilt auch für Sanderling, der ja nun zum Aufnahmezeitpunkt schon 20 Jahre Erfahrung mit russischen Orchestern hatte und die 4. so inspiriert dirigierte, daß es dafür immerhin den Grand Prix International du Disque 1957 gab.


    An Mravinskys 5. gefallen mir ebenfalls die kristallinen Strukturen und der überaus sichere und bestimmte, für die damalige Zeit und Tschaikowski-Interpretationsgewohnheiten wohl ungewöhnliche Duktus - aber man muß ja die Selbstzweifel Tschaikowskis, die von ihm quasi als eigener Kommentar zu seiner 5. immer wieder zitiert werden, nicht 1:1 in Musik wiederzugeben versuchen. In die Versuchung, irgendwie gefühlig zu werden, gerät Mravinsky zu keinem Zeitpunkt, auch nicht bei der "Pathétique". Das bedeutet nicht, daß es nicht sehr anrührende, manchmal atemberaubend zart musizierte Momente gibt; der Interpretationsansatz ist aber durchgehend ein strengerer als damals gängig.


    Grüße!


    Honoria

    Huch - eine Kontroverse?

    Ihr Lieben,


    ich gestehe es: ich werde nicht mehr zum glühenden Fan von Corelli, denn sein Singen ist mir vielfach einfach zu unpräzise, was gerade die Opern des mittleren Verdi m.E. nicht gut vertragen. Daß Corellis Stimme schön war und daß es gute Aufnahmen mit ihm gibt (vor allem Giordanos Andrea Chenier!), soll unbestritten bleiben. Übrigens wird seine Leistung im Lauf der vorliegenden Aufnahme besser, eigentlich sogar sehr viel besser - Vigili pure il ciel -sozusagen das Schwurduett dieser Oper- ist blendend gesungen. Aber ich bleibe dabei: sängerische Intelligenz heißt auch, zunächst einmal den Respekt zu haben vor dem Notentext und nicht einfach nur in's Ungefähre zu singen; schreiben wir die anfänglichen Fehler dem bekannt starken Lampenfieber Corellis zu.


    Natürlich meckere ich auf hohem Niveau, Peter und Kristin haben schon recht, daß wir heute das Lachen nicht halten könnten, wenn wir auch nur ab und wann mal einen Tenor träfen, der ein ähnliches Stimmaterial und so eine bemerkenswerte Stimmfarbe wie Corelli hätte. Also: pace e gioia! :angel:


    Cappuccilli und Raimondi sind natürlich die Stars dieser Aufführung, soweit man das bei der miserablen Tonqualität dieses wahrscheinlich halbillegalen Mitschnitts wirklich feststellen kann. Cappuccillis Don Carlo ist fulminant, vor allem sind Textverständlichkeit und der Cappuccilli immer eigene natürliche Duktus des Gesangs so überzeugend; "Oh de verd'anni miei" schließt er mit einem hohen Ton ab (ich habe jetzt leider den Auszug nicht dabei, um zu sehen, ob es ein hohes A sein kann, aber es hört sich für mich so an ;+) ), für den andere Baritone morden würden.
    Raimondi am relativen Beginn seiner Karriere liefert eine sehr ordentliche Leistung ab, wenngleich ich seine Stimme in der MET-Aufnahme (Pav, Mitchell, Milnes) einen Tick sonorer und sozusagen runder finde.


    Ilva Ligabue hat leichte Probleme in der Tiefe, dringt aber natürlich in allen Concertati in der Höhe mühelos durch - ab und wann klingt sie ein bißchen wie die Callas, nicht unsympathisch, wie ich finde. Trotzdem liegt ihr die Partie nicht wirklich,es fehlt für mein Empfinden etwas Temperament für die dramatischen Teile.


    Noch einmal: das ist Jammern auf hohem Niveau! Nur muß man das auch schon sagen dürfen - ich finde, die Überlegung, daß wir heute froh sein müßten, überhaupt so jemanden wie z.B. Corelli hören zu können, darf nicht zum Übersehen der Schwächen einiger Aufnahmen führen. Und im Vergleich schneidet diese technisch beklagenswert schlechte Aufnahme immer noch besser ab als der Mitschnitt aus der MET von 1956 mit del Monaco, Milanov, Warren, Siepi, wo Mitropoulos besonders übellaunig dirigiert, Milanov teilweise nur noch vokalisiert, weil sie sich weder um Text noch Melodie oder Notenwerte kümmern kann, denn diese Partie liegt ihrer Stimme in diesem Stadium einfach nicht (noch mal: Präzision ist das Geheimnis des mittleren Verdi!) und der arme Cesare Siepi nicht mal "Infelice - e tu credevi" singen darf,was ihn hörbar irritiert. Da war dieser Abend in Verona noch eine relative Sternstunde...


    Die ideale "Ernani"-Aufnahme habe ich also noch immer nicht gefunden. Ich bleibe tapfer und mit Unterstützung des in diesem Forum aktiven Sachverstands weiter auf der Suche.


    Grüße!


    Honoria

    Eben gerade mit der Feldpost gekommen

    ist diese Aufnahme:
    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51AxR1SpreL._SL500_AA240_.jpg]


    Habe sie sofort aus dem Paket gerissen, im Büro aufgelegt und bin dabei, sie mir anzuhören, bis die nächste Besprechung ansteht.


    Wer mich kennt, weiß natürlich, daß ich die CD nicht wegen Corelli, sondern wegen Cappuccilli und R. Raimondi gekauft habe.... Als erstes fielen mir 3 (i.W. drei) verpatzte Einsätze von Corelli bei seiner Arie "Mercè, diletti amici" und bei der Stretta auf, aber natürlich ist Olivero de Fabritiis ein zu großer Profi am Pult, um so etwas nicht in den Griff zu bekommen.


    Gerade singt Raimondi "Infelice - e tu credevi" - 1972 auch schon sehr schön, das Publikum der Arena in Verona jubelt...Und jetzt die Stretta in einem ziemlichen Tempo, sehr präzise und schwungvoll...


    Bald mehr!


    Rauschhafte Grüße!


    Honoria

    Es gibt auch noch diese DVD:
    "http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0044007340219.jpg"


    Ich finde sie aber genausowenig ideal wie die von Rideamus und Mina kundig beschriebenen Alagna/Gheorghiu- und Villazon/Netrebko-Aufnahmen. Stimmlich wird man Pavarotti ja nie etwas am Zeuge flicken können, aber er ist halt auch kein begnadeter Schauspieler, dazu optisch zu alt für die Rolle (und der Friseur der MET hat es mit den Locken auf der Perücke etwas übertrieben :beatnik: ). Kathleen Battle finde ich ein bißchen zu dünnstimmig, aber natürlich ist Adina keine Walküre... man kann sich die DVD ganz gut ansehen, aber bestimmt nicht öfter.


    Alagna etc. aus Lyon finde ich atmosphärisch sehr schön, aber Scaltriti ist schwer erträglich (man muß Belcore nicht als Obertölpel darstellen, bloß damit plausibel wird, daß sich Adina letztlich einen Spaß mit ihm erlaubt) und Alaimo ist farblos. Villazon/Netrebko aus Wien ist von der Inszenierung her noch besser, aber der von mir sonst sehr geschätzte Leo Nucci ist für die Rolle zu alt, und RVs Zappelei nervt irgendwann ein bißchen.


    Natürlich jammern wir auf hohem Niveau, aber es scheint doch schwierig zu sein, das ideale "Elisir" auf die Bühne zu bringen....


    Grüße!


    Honoria

    Natürlich ist die Aussage, ein Sänger sei in dem großen Land über'n Teich bekannter oder beliebter als bei uns, im Zeitalter von überall verfügbaren DVDs und CDs sehr relativ - es wird wohl in der Ewigen Oberliga der Sänger kaum einen geben, der nicht beidseits des Atlantiks bekannt und beliebt ist. Bei einigen Sängern der Vergangenheit speist sich die Wertschätzung aber doch wohl eher aus Aufnahmen als aus dem persönlichen Erleben bei Auftritten. M.E. betrifft das z.B. drei hochgeschätzte US-amerikanische Sänger, die nur sehr selten in Europa gastiert haben: Robert Merrill, Leonard Warren und Richard Tucker. Allen dreien verdanken wir großartige Aufnahmen, aber ihre große Zeit verteilte sich von den späten 40er in die 60er Jahre, und da war eben das Gastierwesen aufgrund der mühseligeren Reiserei nicht so ausgeprägt wie heute. Keiner der drei war m.W. länger an einer europäischen Bühne verpflichtet, vielmehr konzentrierten sie sich vor allem auf die MET und auf Gastspiele in den USA - die sind ja auch groß genug. Aber so kennen wir sie halt überwiegend aus Aufnahmen, die heute wahrscheinlich leichter zugänglich sind als früher.


    Grüße!


    Honoria