Beiträge von Honoria Lucasta

    Es stimmt schon, daß Milnes in den 70er Jahren eine gewisse Omnipräsenz auf dem Schallplattenmarkt hatte, aber m.E. hat das nicht dazu geführt, daß um ihn in Europa (zumindest sicher nicht in Deutschland) viel Gewese gemacht wurde. Möglicherweise war es einfach auch noch nicht die Zeit für etwas anderes als Tenöre - heute ist das mit Keenlyside, Pape, Hampson, um nur mal willkürlich ein paar herauszupicken, schon etwas anderes.


    Frühe Grüße!


    Honoria

    Ernani auf DVD - eine einzige Malaise

    Ernani ist eine meiner absoluten Lieblingsopern, seit ich sie in Moskau bestimmt ein dutzendmal im Stanislawski-Theater gesehen habe - von dem genialen Jewgenij Polikanin als Don Carlo können sich die meisten anderen Baritone noch eine Scheibe abschneiden.
    Vor Jahren konnte man die Pavarotti-Mitchell-Raimondi-Aufnahme als Video oder Laser-Disc kaufen, was ich tat, weil es überhaupt die einzige filmische Aufnahme war, aber schon damals fand ich Leona Mitchell am Rand des Zumutbaren: diese kraftmeierische Tonstemmererei paßt nicht zur Rolle. Pavarotti ist in Ordnung und singt ja auch die ansonsten gestrichene Bravourarie, aber die wirklichen Stars sind Sherill Milnes (ein in Europa meist nicht wirklich geschätzter Sängter, sehr zu Unrecht!) und natürlich Ruggero Raimondi, für mich der beste Silva überhaupt: das große Finale im ersten Akt bestimmt er im Tempo und Duktus.


    Warum konnte er die Partie dann nicht an der Scala singen, mit dem idealen Domingo als Ernani? Weil Mirella Freni es sich in den Kopf gesetzt hatte, die Elvira singen zu wollen, was sie angesichts ihrer sicht- und hörbaren Überforderung mit dieser Rolle besser gelassen hätte, aber weil sie auftrat, mußte man natürlich auch Ghiaurov verpflichten, damit sozusagen die Familie beisammen war. Ghiaurov singt quallig und unpräzise und chargiert, anstatt zu spielen: Erbarmung! Und der arme Renato Bruson hatte gerade eine grottenschlechte Phase, er singt, als habe er Grippe. Die DVD ist auch der Zusammenschnitt mehrerer Aufführungen; ich möchte die jeweiligen Einzelleistungen irgendwie auch nicht wirklich sehen.


    Aber diese beiden DVDs sind nun mal -jedenfalls nach meiner Kenntnis- die einzigen auf dem Markt, was Verdis Meisterstück angeht. Ernani wird ja auch viel zu selten aufgeführt, was eben daran liegt, daß man 4 gleichgute Sänger benötigt, sonst kann man's gleich lassen....


    Grüße!


    Honoria

    Eine eher seltene Aufnahme dieser wunderbaren Verdi-Oper ist diese hier:


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    Sie kostet im regulären Handel fast einen halben Hunderter; ich bekam sie bei einem Verramscher ziemlich viel billiger. Es handelt sich um eine Live-Aufnahme, was die relativ bescheidene Klangqualität erklärt; das Orchester klingt immer präsent, aber bei den Sängern hätte man sich eine bessere Ton-Regie gewünscht, was auch 1984, dem Jahr der Aufnahme, sicher möglich war.


    Renato Bruson als Boccanegra singt gewohnt nobel, hervorragend phrasiert und stimmschön. Sein Gegenspieler Fiesco wird von Ruggero Raimondi verkörpert, auch er singt auf dem gewohnt hohen Niveau, wenngleich ich ihn dort nicht so überwältigend finde wie sonst (mag aber auch an der Aufnahme liegen). Maria ist Katia Ricciarelli, die leider so gar kein Temperament hat und zwar, wenn sie sich mal aufrafft, ein wenig Energie aufzubringen, berückend schöne Töne produzieren kann, aber ansonsten ziemlich für sich allein singt. Den Gabriele hatte in dieser Premiere an der Wiener Staatsoper eigentlich José Carreras geben sollen, der fiel aber indispositionsbedingt aus und wurde durch einen Herrn Lucchetti mehr als achtbar ersetzt.


    Keine Aufnahme für die Ewigkeit also, aber als Momentaufnahme mit einigen sehr schönen Passagen wert, angeschafft zu werden, wenn man irgendwo nicht den regulären Preis bezahlen muß. Eigentlich kann man aber gar nicht genug Aufnahmen dieser Oper haben; als ich sie gestern hörte, grüßten mich die vielen schönen Melodien wie liebe alte Bekannte und wärmten mir buchstäblich das Herz an einem ansonsten ziemlich trüben Apriltag.


    Grüße!


    Honoria

    Gestern hörte ich diese Neuerwerbung:


    [Blockierte Grafik: http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4035122403466.jpg]


    allerdings in einer Veröffentlichung von ORFEO mit geschmackvollerem Cover. Es handelt sich um den Live-Mitschnitt eines Liederabends von Siepi aus Salzburg anläßlich der Festspiele 1956. Siepi beginnt mit zwei Arien von Lully und singt dann Schumann, Brahms, Mozart und einige Opernarien.


    Diese CD macht fast uneingeschränkt Freude. Man hört die noble Baßstimme Siepis mit Klavierbegleitung hier unmittelbarer als in vielen Opernaufnahmen; die Qualität des Mitschnitts ist für das Jahr 1956 sehr gut. Siepi schlägt sich wacker im deutschen Repertoire, wenngleich er an einzelnen Aussprachedetails noch ein wenig hätte feilen können - "Ich grolle nicht" aus der Dichterliebe hätte davon stark profitiert, aber "Du bist wie eine Blume" und die beiden Brahms-Lieder sind sehr gut gelungen.


    Die Don-Quichotte-Lieder von Ravel sind für mich wegen der differenzierten Gestaltung der Höhepunkt der CD, was den Liedbereich angeht. Dann folgen noch Arien, die natürlich nur mit Klavier ein bißchen trocken wirken, wenngleich man auch hier die stimmlichen Fähigkeiten Siepis sozusagen dicht am Ohr hat.


    Schön gesungen übrigens auch der Lully. Eine Aufnahme zum wiederholten Genießen.


    Grüße!


    Honoria

    Ich kann gar nicht anders, als aus ehefraulicher Solidarität jeden Sonntag abend mit meinem Mann, der ein wahrer Afficionado ist und jede Folge ungerührt auch mehrfach ansieht :stern: , den TATORT zu konsumieren - wenngleich ich manchmal wünschte, die ARD würde auf diesem Sendeplatz auch mal was anderes ausstrahlen; variatio delectat! Aber mein Ranking als das Votum eines nicht so großen Fans sieht nicht viel anders aus als beim hochverehrten Oolong:


    1. Boerne/Thiel (alle Folgen, wenngleich mir die Schmuddeligkeit und der Chaosgrad von Thiel bisweilen ein wenig auf die Nerven gehen: Boerne + Alberich reißen's wieder raus!)
    2. Borowski (der wird ja zunehmend menschlich, ist aber immer noch für eine sarkastische Bemerkung gut, die zum Glück gar nichts von politischer oder sonst einer Korrektheit hat)
    3. Stoever/Brockmöller (hier allerdings war irgendwann mal der Punkt erreicht, an dem man als Zuschauer vermutete, versehentlich in eine geschlossene Veranstaltung des Polizeiveteranengesangsvereins geraten zu sein)
    4. Batic/Leitmayer (die neueren mag ich lieber als die ersten, dieses Duo brauchte lange, um symbiotisch zu werden)
    5. Ballauf/Schenk (die Geschichten sind ja meist nicht so spannend - die Stadt macht's wett)


    Und die anderen sind mir verhältnismäßig gleichgültig, auch Charlotte Lindholm mit ihrem nervigen Privatleben, das mich mehr und mehr langweilt - Frau Furtwängler ist, bei aller Sympathie, im übrigen eine etwas eindimensional agierende Schauspielerin. Am unteren Ende der Skala rangieren für mich Klara Blum, Ehrlicher/Kain, Inga Lürsen mit Herrn Stedefreund. Und Schimanski fand ich schon immer ausgesprochen unerfreulich.


    Grüße!


    Honoria

    Ich kann gar nicht anders, als aus ehefraulicher Solidarität jeden Sonntag abend mit meinem Mann, der ein wahrer Afficionado ist und jede Folge ungerührt auch mehrfach ansieht :stern: , den TATORT zu konsumieren - wenngleich ich manchmal wünschte, die ARD würde auf diesem Sendeplatz auch mal was anderes ausstrahlen; variatio delectat! Aber mein Ranking als das Votum eines nicht so großen Fans sieht nicht viel anders aus als beim hochverehrten Oolong:


    1. Boerne/Thiel (alle Folgen, wenngleich mir die Schmuddeligkeit und der Chaosgrad von Thiel bisweilen ein wenig auf die Nerven gehen: Boerne + Alberich reißen's wieder raus!)
    2. Borowski (der wird ja zunehmend menschlich, ist aber immer noch für eine sarkastische Bemerkung gut, die zum Glück gar nichts von politischer oder sonst einer Korrektheit hat)
    3. Stoever/Brockmöller (hier allerdings war irgendwann mal der Punkt erreicht, an dem man als Zuschauer vermutete, versehentlich in eine geschlossene Veranstaltung des Polizeiveteranengesangsvereins geraten zu sein)
    4. Batic/Leitmayer (die neueren mag ich lieber als die ersten, dieses Duo brauchte lange, um symbiotisch zu werden)
    5. Ballauf/Schenk (die Geschichten sind ja meist nicht so spannend - die Stadt macht's wett)


    Und die anderen sind mir verhältnismäßig gleichgültig, auch Charlotte Lindholm mit ihrem nervigen Privatleben, das mich mehr und mehr langweilt - Frau Furtwängler ist, bei aller Sympathie, im übrigen eine etwas eindimensional agierende Schauspielerin. Am unteren Ende der Skala rangieren für mich Klara Blum, Ehrlicher/Kain, Inga Lürsen mit Herrn Stedefreund. Und Schimanski fand ich schon immer ausgesprochen unerfreulich.


    Grüße!


    Honoria

    Vielleicht darf ich, weil Fairy Queen mich zitierte, erläutern, daß ich für das Singen während der Messe nichts nehme, weil ich das als eine Art Ehrenamt betrachte: der Lektor bekommt ja auch nichts.


    Bei anderen Auftritten steht mir mein Status als deutsche Beamtin im Ausland im Wege. Ich singe ja nur als Hobby und kann meine Auftritte daher so gestalten, daß ich niemandem finanziell verantwortlich bin. Meine Klavierbegleiterin erhält aber selbstverständlich jedes Mal eine ordentliche Gage, sonst komme auch ich nicht - ich finde, damit kann jeder Veranstalter leben. Es ist nun auch nicht so, daß es völlig egal ist, was man auf der Bühne abliefert; wenn es nichts taugt, wird man nicht wieder verpflichtet, egal ob es kostenlos oder auch nur "günstig" ist.


    Außerdem bediene ich hier ein sehr spezifisches Repertoire, in dem ich keinem örtlichen Künstler ernsthafte Konkurrenz mache. Ich verderbe also keine Preise. Das fände auch ich nicht sehr anständig.


    Grüße!


    Honoria

    @ symbol
    Ich denke, die Arten der Zumutung unterscheiden sich voneinander.


    Eine Konstanze oder Königin der Nacht muß zwar auch den gesungenen Text durch ihren Gesang interpretieren, aber da wiederholt sich manches, und ob sich nun ein "Zuletzt befreit mich doch der Tod" von den anderen vier oder fünf oder mehr z.B. durch eine veränderte Betonung unterscheidet, teilt sich mglw. nur Experten mit - die meisten werden zufrieden sein, wenn dieser Teil gesanglich überzeugend gestaltet wird.


    Aber das Wagnersche Libretto mit seinem weitgehenden Verzicht auf auch zur Entstehungszeit gängige Wiederholungsmuster stellt dem Sänger eine andere Aufgabe: Text und Musik in gleicher Weise zu gestalten. Zu manchen Zeiten hat man die Musik offensichtlich ein bißchen vernachlässigt: damals entstand der berüchtigte deklamatorische Wagner-Sprechgesang, der auf uns Heutige bestenfalls antiquiert wirkt, schlimmstenfalls aus dem Opernhaus treibt. Aber auch heute besteht, denke ich, weitestgehend Einigkeit in der Einschätzung, daß es bei Wagner kaum je eine Textzeile gibt, bei deren Niederschrift der Komponist/Librettist sich nicht etwas gedacht hätte, also besteht nicht nur bei der gesanglichen Interpretation einer Wagner-Partie so gut wie keine Möglichkeit, es auch einmal etwas entspannter anzugehen, sondern auch bei der textlich/schaupielerischen Gestaltung. Das ist für jeden Sänger eine enorme Anforderung; Körpergröße, Brustumfang, Größe der Lungen und des Selbstbewußtseins müssen ja fast die eines Leistungssportlers sein, um diesem Dauerstress gewachsen zu sein.


    Nicht jede Zeit hat den Gegensatz allerdings so stark empfunden wie wir es vielleicht tun. Die Sopranistin Lilli Lehmann sang Mozart und Wagner mit gleicher Meisterschaft, gleiches ist von anderen Sängern der Übergangszeit vom 19. auf das 20. Jahrhundert überliefert.


    Grüße!


    Honoria

    Meine Liste:


    1. Dorothy Sayers, Busman's Honeymoon (was sonst? s. meine Signatur)
    2. Evelyn Waugh, Brideshead revisited
    3. Thackeray, Vanity Fair
    4. Jane Austen, Pride and Prejudice
    5. Elizabeth Gaskell, Cranford
    6. Dorothy Dunnett: alle 8 Nicolas-Romane
    7. John Updike, S.
    8. Eric Ambler, The Mask of Dimitrios
    9. Nancy Mitford, The Pursuit of Love
    10. P.D. James: alle Romane mit Inspector Dalgliesh :tee:


    Grüße!


    Honoria

    Leider an die Gesamtaufnahme unter Moralt nur angehängt (ich habe kein anderes Cover gefunden!), aber sehr zu empfehlen, weil der zusätzliche Querschnitt unter Heger (D.-F-, Rosvaenge, Heidersbach, Berlin 1942) schon aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte und der zeitbedingten Begleitumstände eine unglaublich spannende Aufnahme ist:


    [Blockierte Grafik: http://www.jpc.de/image/w600/front/0/7619934191925.jpg]


    Domgraf-Fassbaender (und die anderen!) mit einer beeindruckenden Leistung.


    Grüße!


    Honoria

    Grüße zurück nach München und Wien, beides nur eine Flugstunde von hier, aber manchmal wie in einer anderen Welt! Und leider im Gegensatz zu Eueren Heimatorten ohne jede Chance, daß einer von den von mir Genannten, wenn sie denn noch unter den Lebenden weilen, hier einmal singenderweise vorbeischaut :evil: . Na ja. Am nächsten Dienstort vielleicht.


    Herzlichst


    Honoria

    Momentaufnahme meiner Vorlieben:


    1. Ruggero Raimondi (agile, blendend artikulierte Baßbaritonstimme, schauspielerisch genial)
    2. Placido Domingo (wegen der rückhaltlosen Hingabe an alles, was er macht; stimmlich teuer ist er mir wegen der vielen bahnbrechenden Aufnahmen aus den 70er und 80ern)
    3. Alfredo Kraus (für Donizetti, Bellini und den Rigoletto - Duca die ideale Stimme, sein Temperament immer mit der Disziplin eines spanischen Granden gezügelt, stimmlich und schauspielerisch eine noble Erscheinung)
    4. Cesare Siepi (DER Don Giovanni, unglaublich runde tiefe Töne, für einen Baß mit beachtlichem Temperament)
    5. Hans Hotter - Wotan, Hans Sachs und vor allem Liedsänger; seine Aufnahmen der Lieder Hugo Wolfs setzen auch heute noch Maßstäbe
    6. Juan Diego Florez - wenn er bei dem bleibt, wofür seine Stimme gemacht ist: Rossini, Donizetti. Punkt. Agilität dürfte seiner Stimme niemand absprechen, das Timbre ist wohl nicht jedermanns Fall
    7. Thomas Hampson - er ist ein wenig aus der Mode gekommen und hat seine beste Zeit vielleicht auch schon hinter sich - was bleibt, sind phantastische Operndokumente (Posa aus Paris, mit Alagna) und Liedaufnahmen, die ein Höchstmaß an intelligenter Interpretation vermitteln
    8. Helge Rosvaenge: fleischgewordene Bravado; Singen, als gäbe es kein Morgen - erstaunlich, daß die Stimme das so lange durchgehalten hat
    9. Piero Capuccili: immer durchdachte Gestaltung, charakteristische Stimme, reiches Repertoire - in den 70er und 80ern war er unverzichtbar für die großen Baritonrollen, zum Glück gibt es von ihm einiges auf DVD
    10. Josef Schmidt: eine Stimme, in der Leidensahnung, Wehmut und Schönklang präsenter sind als wir es manchmal ertragen können - "Addio" von Tosti von ihm gesungen erlaubt für den Tag kein weiteres Hören mehr.


    And that concludes the voting of the jury from Sarajewo...aber halt, noch sind wir ja nicht beim "Eurovision Song Contest" :mlol:


    Grüße!


    Honoria

    Liebe Hemiole,
    ja, wir machen das kostenlos - ich sowieso, ich singe überall ohne Gage. Der Organist ist im Hauptberuf Dirigent und Leiter des Chors der hiesigen Oper; er spielt jeden Sonntag in zwei Kirchen, auch das ohne Gage aus Spaß an der Freud. Nur für Konzerte außerhalb des Gottesdienstes nimmt er mäßiges Geld.


    Grüße!


    Honoria

    Gospels werden gerne einstudiert, weil man meint, das sei einfach ...entsprechend ist das Ergebnis dann auch.


    Die alte -und jetzt wieder neue, in Deutschland hat's nur noch niemand gemerkt- Messe ließ natürlich mehr Raum für explizit Feierliches, da konnte zumindest der Organist mal länger spielen als dreieinhalb Minuten. Was aber heutzutage da im Wege steht, ist paradoxerweise der Gemeindegesang. Der verkürzt nämlich manche Bestandteile der Liturgie so, daß der ewig von Pfarrei zu Pfarrei hetzende Zelebrant ganz froh ist, damit ein Zeitpolster erwirtschaften zu können. Wenn z.B. das Credo (in Deutschland ohnehin ständig verschrumpft auf das eigentlich nur für Kindermessen zugelassene apostolische Glaubensbekenntnis) gesungen wird, und zwar durch ein Kirchenlied wie z.B. "Wir glauben an den einen Gott", ist die Sache in 45 Sekunden vorbei. Das Credo allein aus der nun wirklich sehr kurzen Missa puerorum (op. 62) von Rheinberger (für Sologesang und Orgel) dauert mindestens zweieinhalb Minuten, und so geht es für jeden Bestandteil der Messe.


    Ich denke, wenn man sich ein wenig Mühe damit gäbe, den Gemeinden eine kurze Erklärung zu geben, warum anspruchsvollere Kirchenmusik in den Gottesdienst integriert wird, würden viele das als Möglichkeit der Sammlung und Konzentration schätzen.


    Bei uns hier in Sarajewo singt in der englischsprachigen Messe, die ich besuche, niemand, denn die Gemeinde ist so international, daß es kein gemeinsames Liedgut gibt, und die Zusammensetzung wechselt auch wöchentlich. Der Organist spielt eine kurze Einleitung, ich singe etwas Solistisches zu Offertorium und Kommunion (wir haben schon eine beeindruckende Sammlung von "Tantum ergo" und "O salutaris hostia" für Stimme und Orgel!), dann gibt's noch mal ein Orgelnachspiel, und das war's. Den Leuten gefällt's, was wir immer an den Reaktionen der Gottesdienstbesucher merken, wenn einer von uns beiden mal verhindert ist. Das heißt aber auch, daß wir ziemlich heftig üben müssen, um unser Repertoire immer auf dem neuesten Stand zu halten. So viel Zeit werden nicht alle Verantwortlichen aufbringen können.


    Fazit: es bleibt schwierig.


    Grüße!


    Honoria

    @ Mina:
    Vielen Dank für diesen wunderbaren Vergleich: Raimondi ist tatsächlich der Alan Rickman der Opernbühne! Man muß sicher zugeben, daß beide nicht die Besten ihrer Zunft sind (übrigens halte ich sowhl den einen als auch den anderen für einen im Grunde genommen scheuen Menschen, der sich zur Extrovertiertheit fast überwinden muß), aber die Wirkung spielt sich bei beiden mehr im Bereich der Schwingungen ab, die das Timbre ihrer Stimme verursacht - und das muß man durchaus nicht mögen, ich tu's aber schon :thumbup:
    Übrigens würde ich mir von Raimondi noch eines wünschen: anstatt einer Autobiographie ein Buch mit dem Titel "Toscas, die ich kannte" - immerhin hat er, wenn Tosca ihre Arie singt, im Wissen um seinen nahen Bühnentod reichlich Zeit zur Reflexion - in einer Aufführung aus der Arena in Verona sah ich, wie er sich seelenruhig in einen Sessel in der Mitte der Bühne setzte und ein Glas Rotwein schlürfte...übrigens ist dieser Szenenteil dramaturgisch keine Glanzleistung, aber damit findet man sich ab. Wieviele berückende (Angela Georghiu)und weniger berückende (die dröge Malfitano, Nadja Michael etc) Toscas hat Raimondi als Scarpia wohl schon zum Mord getrieben?


    Grüße!


    Honoria