Beiträge von Nordwind

    Wohl kaum ein Staat dieser Erde wird eine offizielle Nationaloper haben wie er eine Nationalhymne hat. Nationalopern lassen sich nicht wirklich bestimmen/definieren/erwählen. Oder doch? Wenn ja, wer bestellt sie in diese Funktion? Gibt es Nationalopern, die offiziell diesen Stempel aufgedrückt bekommen haben und als solche auch allgemein anerkannt werden?


    Die Idee der Nationaloper war doch wohl Teil des Projekts 'Nationalstaat' im 19. Jahrhundert, in dessen Zuge Staatsvölker und Kulturnationen geschaffen wurde, die es vorher so nicht gab. Allerdings ist doch gerade die Oper ein europäisches Projekt ante litteram, denn viele Komponisten lebten in verschiedenen Regionen und Sprachräumen und beeinflussten sich gegenseitig und Opern wurde überall in Europa aufgeführt.* Insofern kann man überlegen, ob manche Opern vielleicht historisch als 'Nationalopern' verstanden wurden. Aber mit dem heutigen Blickwinkel und Wissen, um die Operngeschichte und Geschichte des Nationalismus scheint doch die Idee einer Nationaloper absurd.


    *(Wenn nicht sowieso ein weltkulturelles Projekt, wenn man bspw. den Einfluss des japanischen No auf manchen Komponisten bedenkt.0

    Am 19. Juni war ich in einer Aufführung von 'Il Trovatore' hier in Brüssel. Tcherniakov inszeniert die Oper als ein Kammerspiel: Die fünf Hauptpersonen begegnen sich nach Jahren in der Wohnung Azucena, um die Ereignisse und ihre vergangenen Erlebnisse der Geschichte des "Il Trovatore" in einem Rollenspiel aufzuarbeiten. Azucena teilt jeweils Zettel aus, auf denen wohl die Anweisungen für das Rollenspiel angegeben sind, und verschliesst die Tür zur Wohnung: "Huis clos" hat begonnen. Zunehmend eskaliert jedoch das Spiel und wird im zweiten Teil zu gewalttägiger Realität. Luna hat plötzlich eine Pistole und übernimmt die Kontrolle; er erschiesst Ferrando, der vermittelnd eingreifen. Dann fesselt er Azucena und nimmt Manrico in einem Geheimzimmer gefangen. Leonora verspricht und gibt sich schliesslich Luna hin, um Manrico freizubekommen. Luna öffnet nun die Wohnungstür. Manrico will jedoch nur mit Leonora fliehen, die so ihr Versprechen an Luna bricht...


    Insgesamt fand ich die Inszenierung in sich schlüssig, allerdings was die Idee mit dem Rollenspiel doch etwas sehr konstruiert und fast schon beliebig. Außerdem gebrauchte Tcherniakov exzessiv Übertitel zwischen den Szenen im ersten - Rollenspiel - Teil, um diese für den/die Zuschauer_in zu verordnen. Dieses Mittel ist mir schon damals bei Tcherniakovs 'Simon Boccanegra' an der ENO in London aufgefallen -- und verstärkt für mich den Eindruck, dass die Inszenierung sich in gewisser Weise nicht selbstträgt, sondern der Erklärung durch den Regisseur bedarf: Wie findet ihr dieses Regiemittel von Tcherniakov?

    Ich weiß auch nicht, wie es sich die Jugend heute vorstellt, was man so alles für umsonst erhält. Nichts ist umsonst - nichts! Aber sie selber begreifen das nicht, und das wird sich für diese Generation eines Tages rächen.


    Hier scheint ein Generationenkampf geradezu aufzubrechen.


    Ich denke, das solche Pauschalisierungen kaum helfen und ideologische Grabenkämpfe noch weniger. Das Internet mit seinen Möglichkeiten Musik auch jenseits der Kanäle, die bisher zum Teil das Auskommen der Künstler zu einem größeren wohl das der Plattenindustrie sicherten, herunterzuladen, ist Realität und davon ausgehend müssen neue Ideen entwickelt werden.


    In jedem Fall ist es doch den Piraten zu gute zu halten, dass sie mit ihrem Programm viele Nichtwähler mobilisiert haben und so das Gefühl der "Agency" diesen Menschen wieder gegeben haben. Insofern würde ich sagen, dass die Piraten gut für "diese" Generation sind.

    Ansonsten würde ich mich über Berichte aus der Brüssler Oper freuen.

    Ich werde es mal fuer die naechsten und letzten drei Inszenierungen der Saison hier versuchen. Danach werde ich wohl fuer eine lange Weile auf jegliches interessantes Opernschaffen verzichten muessen, denn auf der anderen Seite des Atlantiks ist es damit ueberhaupt nicht gut bestellt... :(

    Den Tcherniankow-Boccanegra habe ich letztes Jahr an der ENO gesehen und war etwas enttäuscht von der Inszenierung im Mafia-Milieu, die ich nicht sonderlich originell, einfallsreich oder tiefschürfend fand. Jetzt bin ich mal gespannt, ob ihm der Trovatore hier in Brüssel besser gelingt...

    Hänsel und Gretel aus Glyndebourne

    Von heute ist es für eine Woche möglich eine Aufzeichung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" aus Glyndebourne in der Inszenierung von Laurent Pelly auf
    "http://www.guardian.co.uk/music/video/2011/dec/26/hansel-und-gretel-part-one-video"
    zu sehen. Viel Spass!

    Melancholia fand ich sehr lohnend, besonders Dunst in der Rolle der depressiven Justine hat mich beeindruckt. Auf einer ersten Ebene ist der Film das Portrait einer klinischen Depression, die mit dem Tod endet, aber vielmehr verstand ich den Film als die Suche nach einem Sinn der Melancholie. Mit Melancholie meine ich nicht die pathologische Depression, sondern vielmehr den menschlichen Charakterzug oder Charakter, der auch in der griechischen Humoralmedizin beschrieben wird, und gerade im Weltuntergang, wenn alle Hoffnung verloren ist, dann kommt dieser Charakter zum Tragen, ist als einziger handlungsfähig und so Justine ermöglicht zumindest ihrem jungen Neffen ein halbwegs versöhnlichen Weltuntergang. Von Trier zeigt also in meinen Augen, dass Melancholie an sich nicht nur ein destruktiver, indifferenter Zustand ist, sondern durchaus auch eine positive, produktive Seite haben kann - vielleicht nur in Zeiten des Weltuntergangs, aber wann waren diese schon nicht.

    Ich habe heute Abend noch die letzte Aufführung des Mannheimer Lohengrin in dieser Spielzeit erwischt und kann mich dem bisherigen Fazit nur anschliessen. Die Inszenierung ist stringent, und keine Minute langweilig. Besonders gut gelungen, fand ich die Darstellung der Elsa als handelnde Politikerin. In anderen Inszenierungen, die ich gesehen habe (JD Herzog, Herheim), erschien Elsa eher in einer 'passiven Opferrolle', die alles doch irgendwie über sich ergehen lässt, während sie bei Knabe durchweg eine sehr agierende und die Handlung vorantreibende Rolle hat. Also insofern fast schon eine Götterdämmerung-Brünnhilde...

    Hier in London wird eben bei diesen Übertragung sogar ein Picknick im 'Kino' angeboten
    http://www.sciencemuseum.org.u…tmuseum/glyndebourne.aspx
    Vielleicht ist das eine neue Marketing-Idee für deutsche Kinos und eine gute -- sehr britische -- Pausenüberbrückung allemal.


    Ich habe diese Inszenierung auch live (18.6.) in Glyndebourne gesehen. Finley und Kränzle fand ich sehr ebenfalls überzeugend in ihrer Rollengestaltung. Die Inszenierung war aber eher eher einfallslos (was vielleicht auch daran liegt, dass sie mich doch an Dews in Darmstadt erinnert hat); den Kontrast zwischen Sachs als Handwerker (immer mit dreckigen Händen) und Beckmesser als 'Geistesmenschen' fand ich etwas plumb.

    Muhly: "Two Boys" - English National Opera, London, 24.06.2011 (UA)

    Internetchats und Cybersex in der Oper.


    Mit der Uraufführung der ersten Oper Two Boys des amerikanischen Komponisten Nico Muhly und Librettisten Craig Lucas hat diese (vermutlich) neuste Spielart der Sexualität Eingang in das Libretto und die Musik einer Oper gefunden. Two Boys handelt von der Welt des Internets und der nicht-virtuellen Welt -- insofern eine Oper, die auch zu diesem Forum passt.


    Plot
    Ein 16 jähriger Junge, Brian, ist des versuchten Mordes am jüngeren Jake angeklagt, den er in einem Einkaufszentrum niedergestochen hat. Die Kommissarin Anne Strawson ermittelt. Sie liest die Protokolle der Internetchats von Brians Computer, befragt Brian, seine Eltern und die Mutter des im Koma liegenden Jake. In Rückblenden erfahren wir nun wie es zu dieser Messerstecherei gekommen ist. Strawson dringt langsam in die Welt des Brian vor, der im Internet Rebecca kennenlernt und mit ihr Cybersex hat. Kurz darauf berichtet Rebecca ihm im Chat, dass ihr Bruder, Jake, sich in den Computer einer Regierungsorganisation eingehackt und geheime Dateien gesehen habe. Die Regierung hätte dies bemerkt und sei ihnen jetzt auf dem Fersen. Ausserdem gäbe es noch einen merkwürdigen Gärtner, Peter, der auch involviert sei. Der Chat bricht plötzlich ab.


    Später, in weitern Befragungen der Kommissarin und Rückblenden, beginnt Brian mit Jake zu chatten, der erzählt, dass Rebecca von Peter vergewaltigt und ermordet worden sei. Ausserdem schreibt eine mysteriöse Agentin Brian im Internet an, die absolutes Stillschweigen verlangt und ihn für einen Komplot anheuern will. Dann erhält Brian auch noch Nachrichten von Peter, der ihn mit Drohungen dazu bringt sich vor der Webcam auszuziehen und zu masturbieren. Jake gerät in immer grössere Bedrängnis und flieht eines Abends zu Brian nach Hause, wo es auch zu Oralsex kommt.


    Schliesslich schreibt die Agentin Brian, dass er Jake umbringen soll, dafür eine neue Identität und £100'000 bekomme. Jake schreibt Brian dann, dass er ein terminalen Hirntumor habe und sterben werde -- sie sollten sich aber noch einmal treffen. Als die Agentin die nächste Nachricht schickt, stimmt Brian dem Plan zu und bekommt genaue Anweisungen wie der Mord zu begehen sei. Jake und Brian treffen sich im Hinterhof eines Supermarkts, wo Brian Jake ein Messer in die Brust stösst, den Anweisungen folgend, "I love you, Bro" sagt und dann auf die Strasse nach Hilfe rufend rennt.


    Eine weitere Ebene, neben den Rückblenden und Befragungen, sind Szenen, in denen sich die Komissarin mit ihrem Assistenten berät, und jene, in denen sie zu Hause bei ihrer alten Mutter klagt; es soll deutlich werden, dass sie alleinstehend, kinderlos und nicht sonderlich internetaffin ist. Schliesslich begreift die Komissarin, dass Jake hinter all jenen Charakteren (Jake, Rebecca, der Agentin und Peter) steckt und diesen Komplot an Brian ausgeheckt hat, weil er "allein" sei und "berühmt" werden wollte.


    Inszenierung
    Die Oper besteht zu weiten Teilen aus Chatgesprächen und Befragungen. Die Inszenierung löst diese ständig wechselnden Orte sehr dynamisch: Drei Schiebewände teilen den Bühnenraum und dienen als Projektionflächen für die Chatgespräche, während die Sänger_innen tippend am Schreibtisch sitzen oder stehen. Die Requisiten der Szenen der Befragung, im Haus der Kommissarin, in Brians Schlafzimmer oder im Spital, wo Jake im Koma liegt, werden von Bühnenarbeitern hereingetragen in die verschiedenen Arrangements der beweglichen Wände getragen und dann auch schon wieder abgebaut -- alles ist ununterbrochen in Bewegung. Realität und Virtualität verschwimmen. Die Chorstellen der Oper sind sehr eindrucksvoll inszeniert: Jede_r Sänger_in hat einen Laptop in der Hand, dessen Bildschirm das einzige Licht auf sie wirft, und in den Schiebewänden, die ein Stoff umhüllt, sitzen auf Treppen weitere Chatter.


    Musik
    Ich bin sicher kein Experte in Musiktheorie und kann nur meinen bescheidenen Laieneindruck hier wiedergeben:
    Die Musik Muhly scheitert in meinen Ohren daran, einen eigenen, individuellen Ausdruck zu finden. Die Oper erinnert an ein Konglomerat aus Kompositionen von Philip Glass/Steve Reich, Ligeti und Britten. Muhlys Komposition ist gefällig und nett anzuhören, aber es fehlen eben Kanten und Spannung, kurz Verstörung. Das Libretto wird als Übertitel projiziert, wobei dort die Chatabkürzungen verwendet werden (sie werden allerdings ausgesungen und zum Teil vom Chor aufgegriffen, so dass sich Chatwendungen wie 'are u there?' im Meer der Stimmen des Internets verlieren...)


    Die Leistung der Sänger war im grossen und ganzen tadellos. Insbesondere die Besetzung des realen Jake mit einem Knabensopran Joseph Beesley war sehr überzeugend.



    Two Boys ist ohne Frage ein bemerkenswerter Versuch die Spannung zwischen virtueller und realer Welt und Identität auf die Opernbühne zu bringen. Allerdings verliert sich die Oper streckenweise in Nebensträngen (bspw. die Kommissarin zu Hause, i.e., die Schwierigkeiten der "alten" Generation mit dem Internet) oder den langen Chatkonversationen, die doch statisch in Inszenierung und Musik sind. Die Auflösung hinterlässt den Zuhörerer mit der Frage des Motivs für diesen in Auftrag gegeben Suizid zurück, was auch an der schwachen Charakterzeichung liegen mag. Der Trick mit Rückblenden zu arbeiten und eine Klischee-Bilderbuch Kommissarin einzusetzen, überzeugt auch nicht.


    Bis 8. Juli an der ENO (London), irgendwann an der Met in New York (Auftragsarbeit beider Opernhäuser).

    Meistersinger live aus Glyndebourne, 26. Juli

    Am kommenden Sonntag, 26. Juni, wird die diesjährige Inszenierung der Meistersinger in Glyndebourne (UK) auf guardian.co.uk live übertragen:
    http://www.guardian.co.uk/musi…e-opera-from-glyndebourne


    Inszeniert hat David McVicar (eher einfallslos wie ich am 18. Juni fand)
    mit Gerald Finley als Sachs (überzeugend), Johannes Martin Kränzle als Beckmesser (herausragend)
    und dirigert von Vladimir Jurowski
    http://glyndebourne.com/production/die-meistersinger-von-nürnberg

    Das passte auch zu der Inszenierung von Phyllida Lloyd, die in dem geschlossenen Raum von Anthony Ward zunächst sehr Bewegungsarm erschien. Sie stellte den Einfluss der Hexen auf das Ehepaar Macbeth in den Mittelpunkt, die in diesem Raum schier eingesperrt wirkten – unfähig ihrem Schicksal zu entrinnen. Der Thron ist ein goldener Käfig, der am Ende von den Ästen der Eroberer durchbohrt wird. Mit zunehmender Aufführungsdauer wird auch die Personenführung immer besser, ohne das Regie dabei die Musik aus den Augen verliert und sich in den Vordergrund drängt. Eine insgesamt gelungene Arbeit.

    Ich habe eben jene Aufführung live im Royal Opera House gesehen. Allerdings fand ich die Inszenierung -- selbst für ROH-Verhältnisse -- als bedeutungslos. Die Sänger_innen übten sich meistens im Rampensingen, und der Chor war generell Kulisse. Einzig die Hexenszenen brachen die Statik der Inszenierung etwas auf...mehr blieb mir eigentlich kaum von der Inszenierung in Erinnerung haften. Auch ein Zeichen...

    Alvianos Schilderung der Inszenierung bleibt nichts hinzu zu fügen. Ich habe diesen 'Parsifal' am 30. April gesehen und war doch enttäuscht von der - etwas zugespitzt - Nicht-Inszenierung, deren Idee ohne Lektüre des Programmheftes schwerlich zu entschlüsseln war. Gerade im Vergleich zur letzten Inszenierung Peters am Theater Basel, 'Les Dialogues des Carmelites,' bei der ihm eine eindrückliche, innovative Interpretation gelang, ist dieser 'Parsifal' ohne grosse Aussagekraft...

    Musiktheater hat auf der einen Seite sicher etwas totalitäres, gerade wenn man Wagner'sche Werke denkt, aber auf der anderen Seiten ist das Stück im Musiktheater schon per se verfremdet. Es wird gesungen, nicht gesprochen, es spielt Musik und oft erinnern Figuren eher an Karrikaturen und Archetypen als an reale Menschen. Wird dadurch nicht auch eine Identifikation erschwert? Im Sprechtheater dagegen sind die Figuren realer und Brecht hat erst einen Verfremdungseffekt einführen müssen...