Beiträge von Areios

    In der Silbernen Kapelle in Innsbruck befindet sich eine anonyme Orgel im italienischen Stil aus dem späten 16. Jahrhundert. Ihre genaue Herkunft ist unklar, es wird spekuliert, dass sie mit Anna Caterina Gonzaga aus Mantua kam, die 1582 Erzherzog Ferdinand II. heiratete.

    Ja, das ist ein ziemlich cooles Teil. Gelegentlich kann man es live hören.

    Es ist wohl wahr, dass Berlioz noch die eine oder andere Kürzung vornehmen hätte können, aber er war wohl nicht der Typ dafür. Der einzige Akt, wo die Proportionen wirklich stimmig sind, ist der kurze zweite.

    Trotzdem hat Les Troyens einige der herrlichsten Passagen der gesamten Operngeschichte aufzuweisen: das Finale des ersten Aktes, den ganzen zweiten Akt, das Finale des vierten Aktes (habe ich als Jugendlicher rauf und runter gedudelt) und den Tränendrüsenbeginn des fünften („Vallon sonore“).

    Als Cassandre kann es aber nur eine geben (leider nicht live erlebt): Anna Caterina Antonacci. Die ist für die Cassandre, was die Callas für Manon Lescaut und Lady Macbeth war.

    Maurizio: Ich hab das Werk nur vor zwanzig Jahren mal in Graz mit Evan Bowers als Maurizio, Tamar Iveri als Adriana, der kürzlich verstorbenen Claire Powell als Fürstin von Bouillon und Anoushah Golesorkhi als Michonnet live erlebt. Tamar Iveris Melodram war gänsehauterregend und hat mich davon abgehalten, je eine Aufnahme zu erwerben, da das bei allen, wo ich reingehört habe, rein akustisch nicht gut rübergekommen ist. Es war aber damals in Graz überhaupt eine hervorragende Besetzung.

    Die Dalila aus Saint-Saens' "Samson et Dalila"

    Eine schöne Oper, die zu selten gespielt wird. Ich habe sie leider nur einmal live erlebt, nämlich 2019 an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf mit Ramona Zaharia, die ich ohne zu zögern nominiere. Das war es dann auch schon, denn bei den wenigen Aufzeichnungen, die mir auf DVD vorliegen, hat mich keine Dalila begeistert. DIe Aufnahme aus Covent Garden mit Elīna Garanča habe ich leider nicht, werde sie mir aber besorgen.

    Wie gesagt, ich habe auch den Eindruck, dass das eine gar nicht so leicht zu besetzende Rolle ist. Es gibt auch erstaunlich wenige unterschiedliche Sängerinnen in den Aufnahmen und Mitschnitten, verglichen mit anderen zentralen Rollen des Alt-Faches.

    Und ich kann 3 zumindest für die Antike beantworten: Solon findet, dass Menschen ab 56 langsam beginnen abzubauen und ab 63 richtig alt sind. Im antiken Rom bzw. in der Konvention der lateinischen Sprache gilt ein Mann ab ca. 60 Jahren als senex (alter Mann), bis 45 übrigens als leistungsfähiger iuvenis (junger Mann), dazwischen als Mann mittleren Alters. Als Augustus die Ehepflicht einführte, machte er eine Ausnahme für Männer und (!) Frauen über 60, da man dann nicht mehr fruchtbar sei - die Ehegesetzgebung hatte ja das Ziel, die Geburtenrate zu steigern. Ab 60 war man teilweise auch von Steuern befreit, weil man nicht mehr vollumfänglich arbeitsfähig sei.

    Das alles bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 30 Jahren (wegen der hohen Kindersterblichkeit).

    Liebe Grüße,
    Areios

    Ich bin etwas spät dran, weil ich noch nachhören musste - ich habe nämlich eine beklagenswerte Tendenz, mir bei der Oper, die ich heute vorschlage, nur den zweiten Akt anzuhören und den ersten zu vernachlässigen. Das ist zwar für die konkrete Rolle nicht so schlimm, die hat im ersten nicht so viel zu singen, aber ich wollte trotzdem noch mal sicher gehen. Immerhin hat das Nachhören dazu geführt, dass Christa Ludwig aus meinen Top3 geflogen ist.

    Wieder mal eine anständige Altpartie von meiner Seite: Die Dalila aus Saint-Saens' "Samson et Dalila". Die Rolle besteht im Wesentlichen aus drei wunderbaren Arien und zwei Duetten; der Gassenhauer "Mon coeur s'ouvre à ta voix" ist zwar zu Recht populär und gehört meiner Meinung nach zu den schönsten Altarien der Musikgeschichte. Aber es ist gar nicht einfach, immer das richtige Maß zwischen religiöser Inbrunst, vornehmer Zurückhaltung, raffinierter Verstellung und sinnlicher Leidenschaft zu treffen. Ich bin mir nicht sicher, ob es meine Lieblingsrolleninterpretin schon jemals gegeben hat.

    Am besten gefällt mir noch
    1. Rise Stevens (Cleva 1958) in einem Mitschnitt von der Met.
    Nennenswert wegen des französischen Stils ist
    2. Hélène Bouvier (Fourestier 1946).
    Die schlechte Tonqualität eines Live-Mitschnitts aus Neapel lässt leider nur erahnen, dass auch
    3. Jean Madeira (Molinari-Pradelli 1959) eine beachtenswerte Interpretation vorgelegt hat.

    Andere berühmte Dalilas übertreiben es meistens entweder mit der Langeweile (Gorr, Dominguez) oder mit dem Drama (Verrett; Obraszowa bringt es sogar fertig, gleichzeitig zu langweilig und zu dramatisch zu singen, wobei Barenboims absurde Tempi nicht ganz unbeteiligt sind) oder gefallen mir einfach vom Stimmklang in dieser Rolle nicht (Baltsa). Christa Ludwig (Patané 1973) singt ein herrliches "Mon coeur s'ouvre à ta voix", vielleicht das beste auf Platte - aber der Rest der Partie war ihre Sache nicht.

    Live habe ich bisher leider nur
    1. Nadia Krasteva erlebt, die sehr gut, aber auch eher auf der dramatischen Seite war.

    Liebe Grüße,
    Areios

    Für meine Nicht-Profi-Ohren könnte das c in Takt 36 wegen der Dissonanz betont sein, woraus sich dann irgendwie vorübergehend so 3/8-Gruppen ergeben. :/

    3/8-Gruppen kommen mir zur jetzigen späten Stunde eher merkwürdig vor, aber ich werde mir das morgen in einem wacheren Zustand noch einmal genauer anschauen!

    Herzliche Grüße

    Bernd

    Mir auch ein bisschen, daher der nachdenkliche Smiley. Ich denke halt vom Singen mit Text her, das mag hier völlig fehl am Platz sein.

    Liebe Grüße - und Dank für eure spannenden Oboenunterhaltungen, die ich immer mit viel mehr Interesse als Ahnung mitlese,
    Areios

    Für meine Chor-Ohren könnte das c in Takt 36 wegen der Dissonanz betont sein, woraus sich dann irgendwie vorübergehend so 3/8-Gruppen ergeben. :/ Zumindest finde ich den Rhythmus damit einfacher in den Kopf zu kriegen, was freilich noch nicht heißt, dass es im Zusammenhang auch gut klingt.

    Ist trotzdem ne absolute Milchmädchen-Rechnung, weil in den letzten 50 bis 60 Jahren nicht mal 1000 Opern gespielt und aufgenommen worden sein dürften. Es ging um die Schnittmenge der beiden Themenwochen "Vielgespieltes, was noch fehlt" und "Opernrollen von Komponisten, die noch fehlen" - und für diese Schnittmenge Zahlen im Tausender-Bereich zu bemühen, ist einfach hochgradig lächerlich, sorry!

    Also die Opern-Diskographie von Karsten Steiger verzeichnet über 2100 Werke. Live habe ich schon einige Opern erlebt, von denen es gar keine Aufnahme gibt, darunter auch im deutschen Sprachraum gar nicht so selten gespielte wie Glass‘ „Fall of the House of Usher“. 😉

    Das finde ich gar nicht einfach, denn die Auswahl ist doch groß.

    An erster Stelle steht für mich Victoria de los Ángeles mit Mario Sereni unter Serafin. Für mich die perfekte Mischung aus Schwindsucht und Lebensfreude.

    Dann Ermonela Jaho im Mitschnitt vom Covent Garden.

    Bei Platz 3 kann ich mich irgendwie nicht entscheiden.

    Live erlebt:
    1. Marlis Petersen (Graz)
    2. Kristiane Kaiser (St. Margarethen)

    Ich war nun im Münchner Cuvilliéstheater bei der diesjährigen Produktion des Opernstudios, einem Doppelabend aus Respighis "Lucrezia" und Orffs "Mond".

    Vielen Dank für den interessanten Bericht. Die Lucrezia hätte mich auch sehr interessiert. Es gibt scheinbar noch eine verfügbare Aufnahme auf dem Markt:

    Ich besitze eine Aufnahme aus dem Jahr 1995, erschienen bei Marco Polo, u. a. mit Stefania Kaluza als La Voce. Dein Bericht hat mich dazu animiert, die CD mal wieder in den Player zu legen. :thumbup:

    Die von dir zitierten Aufnahmen sind zumindest auf Spotify beide verfügbar; sie überzeugen mich leider beide nicht. Insbesondere die Sängerinnen der zentralen Partie der Voce, Stefania Kaluza bzw. Jone Jon, sind beide meilenweit entfernt von der Leistung von Natalie Lewis in München. Auch die schwierige Partie der Lucrezia würde von den stimmlichen und interpretatorischen Anforderungen eigentlich einen Weltklasse-Spinto benötigen (Respighi schrieb die Rolle für Maria Caniglia), den bisher leider keine Aufnahme und auch nicht die Münchener Aufführung aufbieten konnte. Hier wäre also noch eine echte Ausgrabung zu machen.

    Ich war nun im Münchner Cuvilliéstheater bei der diesjährigen Produktion des Opernstudios, einem Doppelabend aus Respighis "Lucrezia" und Orffs "Mond". Hingegangen bin ich wegen der Lucrezia, die ich noch nicht kannte, und bin ziemlich angetan von diesem Stück. Wie kommt das, dass es gar so selten gespielt wird und nicht einmal eine vernünftige Aufnahme greifbar ist? Respighi ist ja durchaus ein Komponist, von dem einige Werke regelmäßig auf den Konzertprogrammen stehen. Gegen diese fulminante Kombination aus spätromantischer Klangfarbenpracht und exotisierenden Archaismen fiel Orffs bayerisches Welttheater dann qualitätsmäßig doch arg ab; nicht nur musikalisch, auch inhaltlich passt es nur schwer in die heutige Zeit.

    Die Inszenierung von Tamara Trunova hatte ein paar sonderbare Regieeinfälle und war ansonsten recht unauffällig. Witzig war immerhin in der Unterweltsszene des "Mondes", dass da auch Lucrezia unter den Toten war. Das Orchester - in reduzierten Fassungen, um in den kleinen Orchestergraben des Cuvilliéstheaters zu passen - unter Ustina Dubitsky schien sich bei Respighis Klangfarbenpracht auch wohler zu fühlen als bei Orff. Von den jungen Sängern und Sängerinnen haben in diesem kleinen Rahmen vor allem die Damen Eindruck hinterlassen: Ganz besonders herausragend war Natalie Lewis als souveräne La Voce, mit der man die Oper vielleicht mal einspielen sollte. Louise Foors Lucrezia war schön und anrührend gesungen, mit der weiteren sängerischen Entwicklung werden sicherlich auch noch dramatischere Farben dazukommen, die diese Partie noch abrunden würden. Auch Xenia Puskarz Thomas ließ in der Miniaturrolle der Servia einen wohlklingenden Mezzosopran ertönen; einen silbrig-hellen Sopran hingegen Eirin Rognerud als Venilia. Von den römischen Herren hat Zachary Rioux als Bruto besonders überzeugt. Im "Mond" gab es dann ja keine Solistinnen mehr. Liam Bonthrone (der schon den Collatino gesungen hatte) meisterte die unangenehm hohe Tenorlage des Erzählers mit Bravour, die übrigen Burschen sorgten mit Spielfreude und solider Stimme für einen heiteren Abschluss.

    Wer die Lucrezia gerne hören möchte: Es gibt anscheinend bisher drei Aufnahmen, von denen aber nur der alte italienische Scala-Mitschnitt mit Anna de' Cavalieri als Lucrezia, Mitì Truccato Pace als La Voce, Mario Sereni als Sesto Tarquinio und Fernando Corena in der winzigen Rolle des Spurio Lucrezio unter Oliviero de Fabritiis künstlerisch empfehlenswert ist. Genau dieser ist allerdings kommerziell nicht erhältlich (möglicherweise überhaupt nie auf CD überspielt?) und kann ausschließlich auf YouTube angehört werden:

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    Das verstehe ich nun gar nicht. Sind Haß (Elektra) oder Furcht (Klytämnestra) denn keine Emotionen?

    Ich antworte trotzdem mal hier, solang die Moderation die Diskussion ums Werk noch nicht verschoben hat: Wenn sich ein Gefühl so konstant in der Persönlichkeit verfestigt und alles andere daraus verdrängt, ist das für mich keine Emotion und kein Affekt, sondern eine psychische Störung. Ob man das aus heutiger Sicht eher als Zwangsstörung, affektive Störung oder posttraumatische Belastungsstörung interpretiert, kann dabei dahingestellt bleiben, da es sich ja sowieso um fiktive Charaktere aus einer Zeit mit anderer Vorstellung von Psychologie handelt. Aber ich halte Elektra, Klytämnestra und Orest für emotional taub, die normale Schwingungsfähigkeit zwischen verschiedenen affektiven Zuständen ist nicht mehr da. Und auch die emotionale Tiefe, denn über der zwanghaften Perpetuierung von Hass und Furcht ist ihnen die unmittelbare Empfindung des Gefühls verlorengegangen.

    Und auf welcher Silbe betont man den Namen? Chrysothemis oder Chrysothemis?

    Auf dem o, sowohl nach griechischen als auch nach lateinischen Betonungsregeln (die ja bei anderen Namen gelegentlich differieren und wo sich in den modernen Sprachen oftmals die lateinische Betonung durchgesetzt hat).