Beiträge von Areios

    Liebe Capricciosi!


    Ich lese öfter von der Darstellungskraft und Bühnenpräsenz Rita Gorrs, die ich von den Tondokumenten natürlich nicht beurteilen kann. Das mag zu ihrer Karriere nicht unwesentlich beigetragen haben. Rein akustisch verbreitet Rita Gorr in meinen Ohren nämlich regelmäßig gepflegte Langeweile und so nimmt es mich nicht wunder, dass sie, wie Rideamus im Eröffnungsbeitrag schrieb, "nie ganz in die erste Reihe ihres Faches vorstieß". Ihr matronenhaftes Timbre gepaart mit der immergleichen gleichförmigen Phrasierung und einer säuerlichen Höhe mag für eine ältliche Nebenrolle wie die Faust-Marthe gerade noch angehen, aber für eine Dalila oder Mère Marie - Rollen, in denen ich sie kennengelernt habe - empfinde ich sie als eine eklatante Fehlbesetzung. (Die Dervaux-Aufnahme der "Dialogues des Carmèlites" ist sowieso die reinste Demontage französischer Gesangsstars, auch Régine Crespin ist mit der Madame Lidoine heillos überfordert)


    Mein heutiger gereizter Kommentar ist allerdings inspiriert von zwei ärgerlichen Arien-Playbackverfilmungen, die ich heute in meinem YouTube-Feed hatte, einmal mit Saphos "O ma lyre immortelle", einmal mit Ebolis "O don fatale":


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    Die arme Sapho erleidet dasselbe Schicksal wie die erwähnte Dalila und ihre Mère Marie. Man hört da eine Sapho, die in tiefer Depression versinkt, aber keine, die sich im Affekt zum Suizid aufraffen könnte. Schlimmer noch ist der Verdi. Rita Gorr legt "O don fatale, o don crudel" als milde Verstimmung einer belgischen Hausfrau an, deren Weihnachtsgeschenke nicht die richtige Farbe hatten. Man ahnt, woher Konwitschny seine Idee von "Ebolis Traum" hatte.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Liebe Capricciosi!


    Oh ja, Richard III. ist mein Lieblingsstück von Shakespeare. Es ist die perfekte Mischung aus Historiendrama, Tragödie und Komödie. Eine originelle und gewagte Entscheidung des Dichters, den Schurken so unangefochten zum Protagonisten, ja sogar zum Helden zu machen. Ein mögliches Vorbild sehe ich höchstens in manchen mittelalterlichen Mysterienspielen wie dem "Ludus de Antichristo", wo zunächst der Siegeszug bis zur Weltherrschaft des Antichristen dargestellt wird, bis er ganz am Ende durch göttliches Wirken doch besiegt wird.


    Unvergessen eine rasante und witzige Inszenierung von Jan Klata in Graz, der die Handlung im Wilden Westen ansiedelte und Richard alle Widersacher abknallen ließ - Trauerprozessionen mit immer weniger lebenden Teilnehmern und sich stapelnde Särge an der Rampe strukturierten die Szenen. Das funktionierte ausgezeichnet, im Gegensatz zur Faschismusverfilmung mit Ian McKellen, die meiner Meinung nach überhaupt nicht funktioniert und vor allem Shakespeares bewusst gesetzte Komik akribisch und chirurgisch entfernt.


    Und ja, die Frauen. Obwohl ihre Rollen im Vergleich zum alles überstrahlenden Richard - nicht aber im Vergleich zu den anderen männlichen Charakteren außer Buckingham! - verhältnismäßig klein sind, sind das doch gleich vier starke Frauenrollen, recht ungewöhnlich für Shakespeare (dazu noch als mehrfach referenzierten offstage character Edwards Mätresse Jane Shore). Und während Queen Elizabeth - die eigentliche weibliche Hauptrolle, auch wenn Anne oft als glamourösere Partie gegeben wird - zwar daran scheitert, als Regentin die Krone für ihren Sohn zu bewahren, gelingt es ihr immerhin, ihre Tochter vor Richards Zugriff zu schützen und Kontakt mit dem Widerstand in Frankreich zu halten.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Als Verdi-Sängerin war mir Maria Reining bisher nicht so bekannt, aber was man nicht alles zufällig auf YouTube findet...


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    Das scheint eine Studioaufnahme der Einzelszene zu sein, aber sie hat die Desdemona wohl auch komplett auf der Bühne gesungen. Das reine, warme Timbre (ein bisschen Grümmer-haft) steht der Desdemona sehr sehr gut, die Artikulation ist fabelhaft deutlich, ohne manieriert zu wirken, und dabei singt sie auch in den parlando-Passagen voll aus. Eine nicht zuletzt durch ihre Schlichtheit sehr beeindruckende und stilsichere Verdi-Interpretation, die man auch heute noch gut anhören kann.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Liebe Capricciosi,


    unter dem Vorbehalt der Aufnahmequalität: Auch ich konzediere die herausragende Atemtechnik für die in dieser Aufnahme besonders langen Phrasen. Was mir hingegen nicht gefällt, sind Timbre und Tongebung, das finde ich aus heutiger Perspektive zu spitz und zu nasal, auch die Artikulation zwar deutlich, aber auch sehr artifiziell. Ich verstehe aber vielleicht jetzt besser, aus welcher Tradition von lyrischen Sopranen Elisabeth Schwarzkopf kommt. (Dass das nicht etwa typisch für deutsche Gesangstechnik generell ist, sondern nur für einzelne Sängerinnen, lässt sich vielleicht durch den Vergleich mit Maria Reining beweisen, von der etwa gleichzeitig ein deutsches "Porgi amor" aus Wien unter Böhm überliefert ist - mit ebenfalls schlechter Tonqualität, aber deutlich runderer, angenehmerer Stimmfärbung.)


    Liebe Grüße,

    Areios

    Ich mach hier mal weiter.


    Heute würde die Sopranistin Tiana Lemnitz (* 26. 10. 1897 in Metz) ihren 125. Geburtstag feiern. Der Höhepunkt ihrer Karriere fällt in die Zeit 1933-1945, als sie Star der Berliner Staatsoper war (inkl. Gottbegnadetenliste und allem drum und dran). Anscheinend galt sie damals als der Inbegriff des deutschen lyrischen Soprans. Ich habe sie nie zuvor bewusst gehört und finde es interessant, diese Stimme einmal anzuhören:


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    Liebe Grüße,
    Areios

    ad Dreigroschenoper: Ich werde dafür mit der Mauceri-Aufnahme nicht wirklich warm (ausgenommen Milva), ich favorisiere eindeutig die Aufnahme von HK Gruber. Das Konzept mit halb Opernsängern, halb Schauspielern geht meiner Meinung nach überhaupt nicht auf, der Gesangsstil zwischen den Solisten ist einfach viel zu unausgeglichen. Wobei mir die Opernsänger noch lieber sind. Rolf Boysen nuschelt den Moritatensänger völlig unverständlich herunter. Und Ute Lemper fehlt leider die stimmliche Präsenz für ihre beiden großen Solonummern (Seeräuber-Jenny, Barbara-Song), da kommt schon kaum was aus dem Lautsprecher und erst recht nichts bei mir an.


    Vor ziemlich genau 10 Jahren erlebte ich mal eine hervorragende Aufführung am Grazer Schauspielhaus, mit Kata Petö als Polly und Moritatensängerin, Pia Luise Händler als Jenny und einer gesanglich - und stilistisch! - überragenden Steffi Krautz als Mrs Peachum. Davon gibts leider keine Aufnahme und leider hat Steffi Krautz auch nie ein Weill-Album aufgenommen.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Ich habe aktuell noch die Zeit abonniert, aber das werde ich auch abstellen, da ich sie oft nur sehr kursorisch durchblättere. Und bei der Zeit wie bei allen anderen Zeitungen, deren Verfall Entwicklung ich über die letzten beiden Jahrzehnte mitverfolgen durfte, entspricht die Qualität des gebotenen Journalismus - mit Ausnahme einzelner Artikel - zunehmend nicht mehr meinen Erwartungen. Klar, das ist ein Henne-Ei-Problem, wenn immer weniger Leute für qualitativ hochwertigen Journalismus zahlen, leidet die Qualität, und dann wollen noch weniger dafür zahlen etc. Ein Teufelskreis, aus dem ich auch keinen Ausweg weiß.


    Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass man guten Journalismus heutzutage eher im Radio findet als in Zeitungen, auch in den Podcasts, die einige Radiosender produzieren.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Auf YouTube gibt es mittlerweile mehrere Eindrücke von neueren Inszenierungen, z.B. aus Toulouse 2019 (mit Sophie Koch als Ariane) und Lyon 2021 (mit Katerina Karnéus), und was mir bei diesen durchaus hochklassigen Sängerinnen wieder auffällt, ist, wie unangenehm hoch Ariane für Mezzosopranistinnen liegt und was für eine bewundernswerte Leistung im Vergleich dazu die junge Katherine Ciesinski auf der Aufnahme von Armin Jordan vollbringt. Vermutlich ist die Ariane doch eher eine Sopranpartie.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Leider komme ich derzeit nicht dazu, mich näher mit dem Thread zu befassen. Dazu

    die Seinemeyer könnte genauso auch das Telefonbuch das Urbar von Valladolid runtersingen

    hätte ich sonst einiges anzumerken! :P

    Leider hat Seinemeyer ihre Aufnahmen nur ganz zu Beginn der elektrischen Aufnahmetechnik machen können, da sie bereits 1929 jung verstorben ist. Die Aufnahmetechnik spielt hier also in der Tat eine Rolle. Ich stimme Herrn Kesting zu, der nur Callas' Aufnahme der Elisabeth-Arie über diese stellt. (Allerdings kannte er möglicherweise Françoise Pollet nicht.)

    Sehr schade, das würde mich sehr interessieren.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Der "Fado (Ai que linda moça)" aus den "Seis canciones portuguesas" von Ernesto Halffter firmiert auch auf dem Album "Songs of many Lands" von 1976, das bislang nur auf Vinyl greifbar ist und jetzt auf YouTube gestellt wurde. Darauf singt Victoria de los Ángeles in Begleitung von Geoffrey Parsons, wie der Titel schon ankündigt, Lieder aus aller Welt, wobei Mitteleuropa nur mit Kunstliedern präsent ist, ansonsten aber häufig auch Arrangements von Traditionals oder zumindest folklorenahe Kompositionen präsentiert werden.


    Dabei wechselt Victoria de los Ángeles die Stimmfärbung wie ein Chamäleon, vom schon erwähnten Fado bis zur Milonga, vom englischen Volkslied ("Blow the wind southerly") zum Spiritual ("Sometimes I feel like a motherless child"). Eine auch stilistisch enorme Bandbreite und ein sehr interessantes Dokument gegen Repertoirebeschränkung.


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    Liebe Grüße,

    Areios

    Zur Aufnahme von Meta Seinemeyer kann ich eigentlich nicht wirklich etwas Fundiertes sagen, da ich nicht klar unterscheiden kann, was Stimme und was 1920er-Aufnahmetechnik ist. Mir fällt ein etwas nasalerer Klang auf als in späterer Zeit üblich (wobei etwa Margaret Mas im Bellezza-Tabarro von 1955 durchaus noch ähnlich klingt), die italienische Aussprache ist gelegentlich etwas unidiomatisch. Ich finde es schön gesungen, aber die Charakterzeichnung bleibt sehr blass, selbst die dramatischsten Passagen der Arie wirken sehr gedämpft, die Höhen eher vorsichtig genommen; die Seinemeyer könnte genauso auch das Telefonbuch das Urbar von Valladolid runtersingen (was aber zumindest z.T. auch an der Aufnahmetechnik liegen kann). Die Königin von Spanien verdient doch mehr Power.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Ich kann mich den Vorrednern zu Mafalda Favero nur anschließen. Das helle Timbre erschien mir bei den ersten Tönen durchaus passend für die Margherita. Dann setzte aber die veristische Verhunzung des Notentextes ein und die Favero schluchzt sich mit tränenerstickter Stimme durch eine Arie, die doch deutlich vom Belcanto her gedacht ist. Das ist ein stilistischer Unfall, dem man meinetwegen durchaus gebannt zusehen kann, der aber mit Boitos musikalischer Sprache eigentlich nichts zu tun hat.


    Liebe Grüße,
    Areios

    Ich zitiere als schnellen Beleg nur mal den ersten Absatz aus der Wikipedia:

    Zitat
    Die Magyaren (Singular im Ungarischen magyar [ˈmɒɟɒr], Plural magyarok [ˈmɒɟɒrok]), auch Madjaren oder Ungarn, bilden eine Ethnie, die vorwiegend in Ungarn lebt. Größere Minderheiten leben in der Slowakei, Rumänien und der Provinz Vojvodina in Serbien. Außerhalb dieses Siedlungsgebietes gibt es eine große Diaspora in Ländern der Ersten Welt. Ungarn sprechen in der Regel muttersprachlich Ungarisch.

    Die Bezeichnung Ungar kann sich auch allgemein auf die Bürger Ungarns, bzw. in Geschichtstexten auf die Bewohner des historischen Königreichs Ungarn, unabhängig von deren ethnischer Zugehörigkeit beziehen. In wissenschaftlichen Texten wird, um diese Zweideutigkeit zu vermeiden, häufig die Bezeichnung Magyaren bevorzugt, wenn die ethnische Gruppe gemeint ist.

    Dieser Gebrauch von "Magyar" ist mir aus der wissenschaftlichen Literatur sehr geläufig, aber ich habe ihn genauso auch in mündlichen Erzählungen meiner Großelterngeneration gehört, wenn die zwischen Bewohnern Ungarns allgemein (d.h. im konkreten historischen Kontext inkl. der deutschsprachigen Bevölkerung) und eben der Ethnie unterscheiden wollten.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Die Empörung über Spaghetti Carbonara finde ich immer sehr scheinheilig, denn "echte Carbonara" ist sowieso der unitalienischste aller Sughi, erst 1945 für in Rom stationierte amerikanische Soldaten entstanden, die was mit Bacon und Eiern haben wollten, während "falsche/deutsche/amerikanische Carbonara", also ein Sugo mit Kochschinken und Sahne, seit Jahrhunderten zur traditionellen regionalen Küche der Emilia Romagna zählt (es gibt auch Varianten mit Prosciutto crudo oder Salsiccia).


    Überhaupt muss man sich halt damit abfinden, dass Rezepte eben wandern und dabei an unterschiedliche Geschmäcker angepasst werden. Das haben sie immer schon gemacht und lässt sich auch nicht verhindern. Da halte ich es eher mit Coca-Cola als mit kulinarischem Nationalismus. Obwohl ich persönlich es pervers finde, Instant-Bratensaft aus der Tüte über Wiener Schnitzel zu gießen. ;)


    Liebe Grüße,

    Areios

    Das ist mir ja auch schon untergekommen, dass ich von einer Bühnendarstellung vollkommen hin und weg war - und später gedacht habe: "also gesungen war das doch eigentlich vollkommen daneben!"

    Wenn ich an die Jones denke oder auch an die späte Rysanek - da gab es manchmal schon Momente, wo man tapfer sein musste. Grins1 Und trotzdem waren sie in der Lage, wenn sie auf der Bühne explodierten, einen alles vergessen zu machen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Höngen auch in die Kategorie gehört.

    Ja, das kann ich mir auch vorstellen - das muss auch so gewesen sein, wenn man die zeitgenössischen Dokumente liest. Aber eben, auf der Studioaufnahme kommt für mich davon zu wenig rüber, als dass ich sie wirklich genießen könnte.


    Und eine andere berühmte Lady Macbeth der 1940er Jahre, Margherita Grandi, von der wir ebenfalls eine Gesamtaufnahme (1947) haben, bietet doch deutlich konventionelleren - und besseren - Verdigesang, so dass ich nicht alle Idiosynkrasien der Höngen ausschließlich als Zeitstil ansehen mag. Es stimmt aber wohl, dass die Lady Macbeth zu jenen Belcanto-Rollen gehört, bei deren Interpretation erst die Callas die Maßstäbe gesetzt hat, die noch heute gelten.


    Liebe Grüße,
    Areios

    Ich muss gestehen, ich habe Elisabeth Höngen bisher noch nie bewusst gehört, sondern nur die Jubelhymnen jener gelesen, die ihre Schauspielkunst noch aus erster Hand kannten. Der Name ist mir also schon lange geläufig, jetzt auch eine bewusste Begegnung mit der Stimme.


    Die lässt mich allerdings ziemlich ratlos zurück. Die Höngen muss eine ungeheure Bühnenerscheinung gewesen sein, sonst hätte sie die Leute nicht so hingerissen, und gerade ihre Lady Macbeth wurde hochgelobt. Aber objektiv belauscht war das weder in den 1940er Jahren, noch in den 1960ern oder 1980ern, noch heute eine auf professionellem Niveau akzeptable Gesangsleistung. Sie hat die nötige Höhe nicht einmal für "La luce langue" (obwohl das eigentlich Altlage ist), weswegen sie hohe Töne oft nur schwach antippt, anstatt sie in die Linie einzubinden, oder sich alternativ gewaltsam hochstemmt. Ihre Tiefe ist aber auch nicht sehr durchschlagend, sondern ziemlich hohl und dumpf, und ebenfalls nicht gut eingebunden. Generell ist Phrasierung nicht so ihres, und die Intonation wird auch... äh... öfter mal "in den Dienst des Ausdrucks gestellt"? Sie singt die Töne gern von unten an, sogar bei gleichbleibender Tonhöhe. Gern schiebt sie auch bei längeren Tönen noch mal mit Druck nach, Belcanto ist hier ein Fremdwort, wäre aber für Verdis Musik bitter nötig. Die Diktion ist freilich sehr klar, obwohl die Betonung auch manchmal eigentümlich ist, manchmal hat man das Gefühl, sie buchstabiere einzelne Silben. Die Interpretation ist altmodisch und etwas affektiert, im einzelnen durchaus engagiert - insgesamt finde ich nicht, dass die Interpretation die gesanglichen Schwächen rausreißt, am ehesten noch bei "Una macchia". Das mag auf der Bühne freilich anders gewesen sein, aber vom bloßen Tondokument kommt da zu wenig rüber. "Vieni t'affretta" ist überhaupt gruselig, aber nicht aus den richtigen Gründen (ich sag nur Lü-hühü-hüstel...).


    Allerdings hab ich auf YouTube noch ein bisschen weiter herumgehört, und muss sagen, dass die obengenannten Schwächen in anderen Rollen und Arien wesentlich weniger stark auffallen. Ich finde zwar auch Höngens Carmen jetzt vom bloßen Hören nicht überwältigend, aber sie ist zumindest ordentlich gesungen und rollendeckend. Insofern war es vielleicht nicht ganz ideal, eine Altistin hier gerade in einer Sopranpartie vorzustellen.


    Liebe Grüße,

    Areios

    Ich finde, das alles merkt man der Aufnahme aber überhaupt nicht an

    Das finde ich freilich nicht. Ihre Selbstwahrnehmung in ihrer Autobiografie und meine Fremdwahrnehmung sind hier erstaunlich deckungsgleich. Die Stimme hat nichts Körperliches, Sinnliches mehr, sie muss so ausdrucksstark sein, um ihre stimmlichen Schwächen dadurch zu kaschieren.

    Giulietta liegt ihr meiner Meinung nach sehr sehr gut in der Stimme, jedenfalls deutlich besser als ihre Mozart-Partien.

    Das finde ich nun überhaupt nicht, Fiordiligi und Contessa lagen ihr Anfang der fünfziger Jahre m.E. deutlich besser als diese Giulietta am Ende ihrer Plattenlaufbahn.

    Mir gefällt sie nun eben ausdrucksstark besser, als wenn sie versucht, einen lyrischen Sopran zu imitieren. :versteck1: Aber die weitere Diskussion führen wir vielleicht besser hier: Elisabeth Schwarzkopf - Der Fanclub


    Liebe Grüße,

    Areios

    Dann springe ich mal für Elisabeth Schwarzkopf ein. Ich bin zwar wahrlich auch nicht als übermäßiger Verehrer ihres Gesanges bekannt, aber ich bin mal gnädig und stelle ein Tondokument ihrer meiner Meinung nach besten Studioleistung ein - auch wenn das vielleicht als exzentrische Wahl erscheinen mag, aber so gut war sie meines Erachtens sonst nie:

    Danke nochmal für's Einstellen! Wenn ich gerade das eingestellt hätte, hätten mir das einige garantiert als Bosheit ausgelegt. Grins1

    Aber mal ganz ehrlich: Warum von Elisabeth Schwarzkopf gerade die Giulietta? Für die Edelkurtisane würde ich mir ein weit üppigeres, sinnlicheres, auch dunkleres Stimm-Organ wünschen. Sie ist ja von den drei Frauenrollen die tiefste Rolle und wird, wenn die Frauen geteilt besetzt werden, auch schon mal von einem Mezzo gesungen. Also für mich klingt das alles wenig sinnlich, sondern eher hart und eng - obgleich ihr Timbre zweifellos einen gewissen Reiz besitzt. Dennoch scheint sie ihren stimmlichen Zenit bereits übereits überschritten zu haben. Lieber hätte ich sie in einer Aufnahme aus jüngeren Jahren in einer der beiden anderen Rollen, also als Olympia oder Antonia, gehört - dazu passt diese gewisse Künstlichkeit ihrer Stimme doch eigentlich viel besser als zur Giulietta, oder?

    Tatsächlich hat die Besetzung dieser Gesamtaufnahme eine interessante Vorgeschichte: Ursprünglich war sie von Walter Legge als All-Star-Cast geplant worden, mit Maria Callas als Olympia (!), Elisabeth Schwarzkopf als Antonia, Victoria de los Ángeles als Giulietta, George London in den vier Bösewichten und Christa Ludwig (!) als Nicklausse/Muse. Das ließ sich dann nicht realisieren, die Callas konnte die Olympia nicht mehr, George London schaffte wegen seiner beginnenden Stimmbandlähmung den Dapertutto nicht mehr, und warum Christa Ludwig absprang, weiß ich nicht. Inzwischen war auch Legge in Ruhestand gegangen und sein Nachfolger Victor Olof versuchte die Produktion zu retten, indem er die Bösewichter aufteilte, die etwas farblose Gianna d'Angelo als Olympia engagierte und den Muserich bizarrerweise von einem Bariton singen ließ (!). Ziemlich kurzfristig tauschten dann noch Victoria de los Ángeles und Elisabeth Schwarzkopf die Rollen, so dass von der ursprünglich geplanten Besetzung nur noch Nicolai Gedda als Hoffmann übriggeblieben ist (dessen Rollenporträt allein die Einspielung lohnt). Weshalb dieser kurzfristige Rollentausch und von wem er ausging (einer der beiden Diven oder Victor Olof?), entzieht sich leider auch meiner Kenntnis. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Schwarzkopf dem Ambitus und der Tessitura der Antonia nicht (mehr) gewachsen war (die Partie geht immerhin bis zum d''', liegt zum Ausgleich aber sonst recht tief, also spart gerade die Sahnelage der Schwarzkopf aus. Giulietta hat mehr Mittellage, die kann man besser wie ein Kunstlied singen). Soweit ich weiß, hat Schwarzkopf keine der Sopranpartien dieser Oper je auf der Bühne gesungen.


    Elisabeth Schwarzkopf selbst, habe ich jetzt gelernt, war mit ihrer Giulietta gar nicht zufrieden, da die Rolle weder zu ihrer Stimme noch zu ihrem Temperament gepasst habe, wie sie in ihrer Autobiographie schreibt. Es war auch ihre letzte Opernaufnahme. Ich finde, das alles merkt man der Aufnahme aber überhaupt nicht an; die Giulietta liegt ihr meiner Meinung nach sehr sehr gut in der Stimme, jedenfalls deutlich besser als ihre Mozart-Partien.


    Liebe Grüße,

    Areios