Beiträge von Quasimodo

    Gestern abend 2. und 3. Akt Walküre aus Stuttgart. Es geht durchwachsen weiter. Wotan hat eine reichlich übergriffige, wenn nicht inzestuöse Beziehung zu Brünnhilde, küsst sie auch gewaltsam auf den Mund (genauso, wie zuvor Hunding Sieglinde zu küssen pflegte). Er steht aber auch selbst bei Fricka gewaltig unterm Pantoffel, die mit ihm auf ähnliche Weise umspringt. Gibt da einer Gewalt nach unten weiter? Dann wird es abenteuerlich! Siegmund und Sieglinde haben sich offenbar in der Nähe von Hundings Hütte in einem noblen Modehaus Abendgarderobe und schicke Trenchcoats besorgt. Brünnhilde, mit einer Art Schuluniform bekleidet, streift sich echt urige Walkürenflügel über, bevor sie Siegmund den Tod verkündet. Den Kampf zwischen Hunding und Siegmund samt "Sekundanten" führen bewegliche Puppen im Hintergrund aus, während die Sänger von der Seite durch Sprachrohre singen. Damit alles klar ist, ersticht der echte Hunding den echten Siegmund anschließend aber nochmal.

    Im dritten Akt sitzt Wotan dann zu Hause (Walhall?), und beobachtet der Überwachungskamera das Treiben auf dem Walkürenfelsen, was ihn aber nicht daran hindert, Brünnhilde mal eben live ein paar Kerzen hochzureichen, irgendwie war ja von Feuer die Rede. Das wird dann am Ende auch durch einen Bühnenscheinwerfer sichtbar. - Im Kleinen eine Menge toll inszenierter und gespielter Details, im Großen verrätselte Regieideen; ich fand's insofern ab der Mitte des 2. Aktes albern.

    Renate Behle merkt man an, wieviel Mühe sie die Rolle kostet. Aber abgesehen von den Hojotoho-Rufen in der Anfangsszene des 2. Aufzugs wird sie doch stimmlich der Rolle einigermaßen gerecht, und ihre gesangliche Darstellung finde ich tadellos. Dass sie so unpassend daherkommt ("sieht aus wie Wotans Mama") liegt nicht zuletzt daran, dass sich das Regieteam (hier der Kostümbildner) in diesem Fall um die äußere Erscheinung der Sängerin einfach nicht schert. Rootering besticht zwar durch seine Riesenstimme; die tönt aber auch in einem ziemlichen Dauerforte, selbst für den Anfang seiner Erzählung ("Als junger Liebe Lust mir verschwand...") findet er keine leisen oder wenigstens zurückhaltenden Töne. Der Wobble ist in der Anfangsszene recht heftig, wird aber im weiteren Verlauf besser. Trotzdem ein regelrechter Alterston, der in der Rolle ja nicht unbedingt störend ist - aber der Sänger wa da erst Anfang 50! Auch die Fricka mit mächtiger Stimme, leider nahezu komplett unverständlich. Gambill ist weiterhin toll; das dunkle Timbre und die düster angelegte Gesangsdarstellung finde ich für den Siegmund sehr passend. Denoke ist schlichtweg phantastisch! Mit Zagroseks Dirigat werde ich nicht warm. Starke Dehnungen (wie beim Auftritt der Zwillinge) wechseln mit überhasteten Abschnitte (Wotans Abschied im Schnelldurchgang). Not my cup of tea.

    Demnächst Siegfried. Nachher gibt's aber erstmal Tschaikowsky (Eugen Onegin) live!

    Historisch: Gobbi und Bruson.

    Live:

    1. Günter von Kannen, 1997 in Köln in einer großartigen Inszenierung von Robert Carsen, Dirigent war James Conlon. Arg "unitalienisch" gesungen, aber eine prachtvolle Darstellung.
    2. Viktor Braun, 1997 in Bonn, ebenfalls deutschsprachig. Ja, stimmlich schon über den Zenith, aber immer noch ein toller Sänger und großartiger Darsteller.
    3. Lucio Gallo, 2016 und 2018 im Kölner Staatenhaus, Dirigat Will Humburg, Inszenierung Hilsdorf. Das war war nochmal eine gewaltige Schippe drauf! Insgesamt eine meiner größten Opern-Sternstunden! Ich nenne ihn aus chronologischen Gründen als dritten, aber er war der mit Abstand beste!

    Und dann gab es noch einen Falstaff Ende der 70er Jahre in Duisburg, der mich sehr beeindruckt hat! Leider weiß ich nicht mehr, wer das war; und da nützt auch kein Gang in den Keller, denn damals habe ich mir keine Programmhefte geleistet! Hat jemand eine Ahnung, wer das gewesen sein kann? Müsste 1977/78 gewesen sein.

    Dass da eben nie Zweifel an der sexuellen Spannung bestand und dann im Moment des Erkennens endgültig alles klar war. Wenn ich erkennen würde, dass das von mir begehrte Menschenwesen mein Zwilling wäre, würde meine Reaktion sicherlich anders ausfallen.

    Ich denke, die Regie wollte deutlich machen, dass diese Spannung von Anfang an so stark ist, dass das Inzest-Tabu später einfach keine Rolle mehr spielt. Und zumindest auf Sieglindes Seite gilt ja auch, dass sie sich in ihrem (sicherlich auch sexuell) trostlosen Dasein den verlorenen Bruder immer schon als den Retter imaginiert hat (worauf es der Vater ja auch angelegt hat). Aber

    ich hätte eine etwas subtilere Spielart auch bevorzugt

    Ich meine auch, dass Hände ablecken usw. nicht unter "subtil" fällt.

    Den Stuttgarter Ring guck ich gerade, eben Walküre I beendet. Das Rheingold fand ich schwach, so eine Inszenierung von der Art "wir bürsten das jetzt mal alles gegen den Strich, und an möglichst vielen Stellen lassen wir auf der Bühne irgendwas passieren, was nicht zum Text passt". Davon hab ich wohl schon zu viele gesehen. Zagrosek dirigiert das passabel, ordentlich gesungen wird nur von Loge, Mime und den Rheintöchtern. Der Wotan wobbelt schlimmer als Theo Adam in seinen schlimmsten Zeiten (und singt ansonsten weit schlechter), der Alberich kaspert sich so irgendwie durch die Noten. Nee, das war nix! Walküre lässt sich besser an, wenn nur Zagrosek nicht so waaahhnsiinnniggg üüüberdeeeehhhnnen würde. Dass das Treffen der Geschwister gleich zu Anfang so stark sexualisiert wurde, fand ich übertrieben. Und dann wird das (Licht)schwert quasi in Sieglindes Unterleib projiziert, OMG! Gesungen wird dafür ziemlich gut, von allen dreien! Vor allem Gambill leidet aber hörbar an den extrem langsamen tempi. Mal seh'n, wie's weitergeht.

    Hier kommt noch einmal Peter Schreier hinzu (hatte jemals jemand einen unverdienteren Namen?), im Janowski-Ring der 80er. Und Heinz Zednik im Chéreau-Ring. Als dritter Wolfgang Windgassen im Böhm-Ring; der singt zwar nicht soo toll, ist aber ein starker gesanglicher Darsteller.

    Live sieht es schwierig aus! An den Duisburger Loge Ende der 70er erinnere ich mich nicht, in Bonn war der Loge schwach, bleiben die drei Kölner Carsen-Ringe. Im ersten sang Hubert Delamboye, das war schon recht gut. Der den Loge in der dritten von mir gesehenen Aufführung sang, war richtig gut, aber ich kann mich nicht an den Namen erinnern! Die Programmhefte sind irgendwo im Keller, vielleicht kann ich ihn nachliefern.

    Bei den historischen stehen für mich sehr alte Aufnahmen im Vordergrund von Sängerinnen, die nur die Arie bzw. Teile aufgenommen haben. Da wäre zunächst einmal, noch akutisch aufgenommen und in entsprechender Klangqualität", Rosa Ponselle.

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    . Dann käme Clara Petrella wegen dieser Aufnahme (mit Ferruccio Tagliavini als Pinkerton):
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    . Für die dritte Nominierung schließe ich mich stimmenliebhaber an: Victoria de los Ángeles! Hier mit Jussi Björling:
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    Live habe ich am 6. Mai 1998 das Rollendebut von Nina Stemme miterleben können, eins der größten Highlights in meiner "Karriere" als Opernbesucher! Es war eine fürchterlich abgespielte und abgeranzte Ponnelle-Inszenierung aus den frühen 80ern und eine äußerst spärlich besuchte Repertoirevorstellung (weswegen ich in der ersten Parkettreihe sitzen konnte), und ihr Spieltalent (ihre Mimi war auch in dieser Beziehung phantastisch!) konnte sie nicht zur Geltung bringen, das war aber egal! Das Haus hat gewackelt!
    Stemme hat zu der Zeit in Köln auch Tosca, Mimi und Suor Angelica gesungen. Dieses Repertoire scheint sie aber nicht aufgenommen zu haben (allerdings Fanciulla und Turandot).

    Aušrinė Stundytė hat Jahre später die Butterfly in einer Neuinszenierung gesungen. Sie war weiß Gott nicht schlecht, aber von Stemme Lichtjahre entfernt. Davon gibt's aber tatsächlich Ausschnitte:

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    Eine dritte würde ich nicht nominieren, da wäre der Abstand zu groß!

    Historisch: Friedrich Schorr! Hans Hotter unter Seidler-Winkler würde ich auch nennen. Frantz habe ich irgendwie nicht mehr im Ohr und den Leinsdorf-Ring mit London kenne ich noch gar nicht. Daher würde ich Thomas Stewart in der Karajan-Walküre noch nennen (auch wenn er so ziemlich das einzig brauchbare an der Aufnahme ist...)

    Live: Alfred Muff im Bonner Ring (nur Walküre) fand ich recht gut. Alan Titus in Köln war nicht so dolle. Bei einer Kölner Wiederaufnahme sprang Ralf Lukas in der Walküre ein, den habe ich ganz positiv in Erinnerung. An Robert Hale kommen die aber alle nicht heran; leider habe ich den live nur in einem konzertanten Rheingold gehört.

    3. März, Oper Bonn: Tschaikowsky - Eugen Onegin

    Musikalische Leitung: Hermes Helfricht
    Inszenierung: Vasily Barkhatov
    Tajana: Anna Princeva
    Onegin: Giorgos Kanaris
    Lenskij: Santiago Sánchez
    Gremin: Pavel Kudinov

    10. März, Schloss Loersfeld (Kerpen): Opium - Licht und Schatten der Zwanzigerjahre

    Eröffnungskonzert Erftkreiszyklus 2024
    Eckart Runge, Cello
    Jacques Ammon, Klavier
    Werke von Weill, Gershwin, Bloch, Debussy, Korngold, Twyker, Ravel

    29. März, Oper Bonn: Elgar - The Dream of Gerontius, op. 38

    Dshamilja Kaiser, Mezzosopran
    Nicky Spence, Tenor
    Carl Rumstadt, Bariton
    Philharmonischer Chor der Stadt Bonn e. V.
    Karthäuserkantorei Köln
    Einstudierung: Paul Krämer
    Beethoven Orchester Bonn
    Leitung: Thomas Guggeis

    14. April, Oper Köln: Verdi - Un ballo in maschera

    Inszenierung: Jan Philipp Gloger
    Bühne: Ben Baur
    Kostüme: Sibylle Wallum
    Choreographie: Nwarin Gad
    Licht: Andreas Grüter
    Riccardo: Gaston Rivero
    Renato: Simone Del Savio
    Amelia: Astrik Khanamiryan
    Ulrica: Agostina Smimmero
    Oscar: Hila Fahima
    Silvano: Wolfgang Stefan Schwaiger
    Samuel: Christoph Seidl
    Tom: Lucas Singer
    Chor der Oper Köln, Einstudierung: Rustam Samedov
    Gürzenich-Orchester Köln
    Leitung: Giuliano Carella

    28. April, Oper Bonn: Prokofieff - L'amour des trois oranges

    Inszenierung: Leo Muscato
    Bühne: Andrea Belli
    Kostüme: Margherita Baldoni
    Licht: Max Karbe
    König Treff: Magnus Piontek
    Prinz: Uwe Stickert
    Prinzessin Clarisse: Khatuna Mikaberidze
    Leander: Christopher Jähnig
    Truffaldino: Tae Hwan Yun
    Pantalon/Farfarello: Carl Rumstadt
    Zauberer Tschelio: Martin Tzonev
    Fata Morgana: Yannick-Muriel Noah
    Linetta: Susanne Blattert
    Nicoletta: Ayaka Igarashi
    Ninetta: Marie Heeschen
    Köchin: Pavel Kudinov
    Smeraldina: Ava Gesell
    Zeremonienmeister: NN
    Herold: Mark Morouse
    Chor und Extrachor des Theater Bonn, Einstudierung: Marco Medved
    Leitung: Daniel Johannes Mayr

    Opern-Pasticcio

    George Petrou hat das vor zwei Jahren in Köln mit Musik von Purcell und ein paar seiner Zeitgenossen gemacht zu einer Art Sequel von Shakespeares Sturm, inszeniert von Katie Mitchell. Abgesehen davon, dass das ein fantastisches Theatererlebnis war, fand ich das auch musikalisch sehr gut gemacht! Die haben das Stück so gebaut, dass die Texte der Musiknummern passten.