Beiträge von ChKöhn

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.

    Ergebnis ist eine beindruckende, beklemmende Erzählung über eine Familie zwischen NS und BRD, die manche Leerstellen auch schmerzlich leer und den Leser eher mit Fragen als mit Antworten zurücklässt. Außerordentlich gut geschrieben.

    Vielen Dank, das werde ich lesen. Wie die NS-Zeit auch noch die nächste Generation beeinflusst, beeinträchtigt, geprägt hat, kann man ja an unzähligen Beispielen nachvollziehen. Einen der für mich beeindruckendsten Texte überhaupt hat in diesem Zusammenhang vor drei Jahren Markus Deggerich im "Spiegel" geschrieben, veröffentlicht zunächst in "Der Spiegel Edition Geschichte" (siehe unten), dann auch online (hinter der Bezahlschranke). Unter der Überschrift "Mein Vater schrie jede Nacht im Schlaf" schreibt er ein mitfühlendes, liebevolles Portrait seines Vaters, der im Alter von neuen Jahren und mit einer Beinverletzung aus Schlesien fliehen musste. Das "unerträgliche Schweigen" des Vaters, dessen lebenslanges Ringen um Anerkennung in der neuen Heimat, die Angst, nicht zu genügen als Kehrseite des Integrationswunsches, schließlich dessen kindliche Freude bei einem gemeinsamen Besuch in Polen in der alten Heimat: Das alles beschreibt Deggerich ungemein bewegend und mit zärtlicher Zuneigung. Ich kann diesen Text nicht lesen, ohne mit den Tränen zu kämpfen, und aus den Online-Kommentaren sehe ich, dass es mir nicht allein so geht.


    In den letzten Jahrzehnten traten zunehmend auch Kinder der NS-Täter in die Öffentlichkeit oder wurden zum Objekt der historischen Forschung. Das Spektrum reicht dabei von Himmlers Tochter Gudrun, die bis zu ihrem Tod 2018 der Ideologie ihres Vaters verbunden blieb, seine Taten verharmloste und aktiv in neonazistischen Kreisen tätig war, bis zu Niklas Frank, dem jüngsten Sohn des "Schlächters von Polen" Hans Frank. Niklas war bei Kriegsende sechs Jahre alt, studierte ab 1959 Germanistik, Soziologie und Geschichte und wurde Journalist, zunächst beim "Playboy" dann beim "Stern". Dort erschien 1987 auch der Vorabdruck seines Buches "Der Vater. Eine Abrechnung" und sorgte für ungeheures Aufsehen. Ralph Giordano schrieb im Vorwort: "Niklas Frank speit seinen ganzen Ekel auf Papier, nein, er kotzt den Verrat der frühkindlichen Sehsüchte, die unlösbare Sohnesbindung an die Horrorbiographie dieses Vaters und das Entsetzen darüber dem Leser direkt vor die Füße." Die Beschreibung des Sohnes, wie er als Jugendlicher am Todestag das gehängten Vater vor dessen Bild onaniert habe, das Bekenntnis, dass er immer noch ein Bild des toten Vaters bei sich trage, um sich jederzeit vergewissern zu können, dass der auch wirklich nicht mehr zurückkommen werde usw.: Das war und ist für viele Leser offenbar zu viel. Im "Stern" erschien damals u.a. ein Leserbrief, dessen Verfasser meinte, was auch immer der Vater getan habe, so sei doch seine schlimmste Tat die Zeugung dieses Monsters von Sohn gewesen. Niklas Frank schrieb später noch Bücher über seine "Deutsche Mutter" und seinen älteren Bruder Norman, sowie im vergangenen Jahr das Buch "Meine Familie und ihr Henker" mit dem kommentierten Briefwechsel zwischen Hans Frank und seiner Familie aus der Nürnberger Gefängniszelle.


         

    Darauf zu zielen war allerdings nicht meine Absicht.

    Das wollte ich Dir auch nicht unterstellen. Ich finde es aber grundsätzlich problematisch und sehr oft unklug, wenn Künstler bzw. Kunstliebhaber primär mit einem vermeintlichen oder tatsächlichen wirtschaftlichen Gewinn für die Förderung von Kunst argumentieren, weil der erstens nur in ganz wenigen Fällen wirklich eintreten wird, und weil man dadurch zweitens die übrige große Masse indirekt gefährden kann. Gerade wenn es um die Finanzierbarkeit geht, sollten Künstler weniger mit dem Preis als mit dem Wert der Kunst argumentieren.

    Wenn es stimmen sollte mit dem "dicken Geschäft", dann wäre das natürlich eine feine Sache!

    Jein. Einerseits könnte man das als plausibles Argument gegenüber denjenigen bringen, denen die Kultur sowieso zu teuer ist. Andererseits kann sich das Argument auch umgekehrt gegen Kulturprojekte wenden, mit denen sich eben kein "dickes Geschäft" machen lässt. Die notwendige Sanierung eines Stadttheaters in der Provinz wird kaum zu Touristenmassen und sprudelnden Steuerquellen führen, dennoch ist sie richtig und wichtig. Kunst ist nicht in erster Linie Wirtschaftsfaktor sondern: Kunst.

    Die Musik ist wohlgemerkt kein eigenständiges musikalisches Werk, sondern Filmmusik - und als solche gehört der Soundtrack zu "Spiel mir das Lied vom Tod" m. E. zu einem der besten in der Geschichte des Kinos. Die Musik und die Bildsprache passen so hervorragend und prägnant zueinander, dass mich dieser Film jedesmal wieder überwältigt.

    Interessanterweise hat Morricone ja die Musik bereits vor Beginn der Dreharbeiten komponiert und aufgenommen. Deshalb geht auch der Vorwurf, sie würde sich "in den Vordergrund drängen", im Grunde an der Sache vorbei: Dem ganzen Konzept nach ist sie im Vordergrund. Das beginnt schon mit der Geräuschcollage in der Anfangsszene, in der den drei Banditen jeweils ein "Leitmotiv" zugeordnet ist (Regentropfen auf dem Hut, Knacken der Fingergelenke, Summen der Fliege), dazu im Hintergrund das Quietschen des Windrades und schließlich die schnaufende Lokomotive als Vorbereitung der Erscheinung des Helden, der keinen Namen trägt sondern durch ein musikalisches Motiv und den Klang der Mundharmonika charakterisiert wird. Angeblich bekam Morricone die Idee zu dieser geräuschhaften Komposition der Anfangsszene bei einem Konzert mit Werken von John Cage.

    Die Frage ist, das kann ich nicht beurteilen, ob die Quellen schon so offen zutage lagen, dass die Öffentlichkeit es hätte wissen können.

    Es gab laut Magnus Brechtken wohl schon recht früh einige unbekanntere Historiker, die in den Archiven Belege bzw. Beweise für Speers Lügen gefunden und z.B. in Dissertationen veröffentlicht haben. Aber keiner von ihnen gehörte zu den "Prominenten" des Fachs, die den Ton angaben und deren Desinteresse nicht selten die Aufklärung behinderte, oder die sich - so Brechtken - offensichtlich einfach nicht vorstellen konnten, wie systematisch Speer gelogen hat. In der Öffentlichkeit sei das Speer-Bild vom "Edel-Nazi mit Reue-Garantie" auch deshalb so attraktiv gewesen, weil es Speer "zur idealen Projektionsfläche (machte) für die vielen kleineren und größeren einstmals Engagierten, die nun ebenfalls nichts mehr wissen wollten vom eigenen Anteil am Funktionieren der Herrschaft. Und noch weniger vom eigenen Mittun bei der Organisation von Verfolgung und Verbrechen." Obwohl die Fakten inzwischen längst offen liegen, sind die Folgen der Speer-Legende erstaunlich langlebig: Noch 2015 erschien das Buch von Martin Kitchen mit dem verharmlosenden Titel "Hitler's Architect", in dem zentrale Dokumente zu seinen Verbrechen unberücksichtigt sind. Die Aufklärungsarbeit ist also immer noch nicht abgeschlossen. Als ich Brechtkens Buch vor gut vier Jahren gelesen habe, hatte ich im Anschluss mit dem Verfasser einen kurzen Mail-Austausch, in dem er mir u.a. geschrieben hat:

    "Tatsächlich hat es auch in den 1970er und 1980er Jahren schon kritische Stimmen zu Speer gegeben, die allerdings im dominierenden Diskurs nicht durchdrangen. Darum war und ist es stets auch notwendig, auf die Einflüsse jener einzugehen, die solche Diskurse prägen und gegebenenfalls Aufklärung aufhalten. Im Fall Speer war das, wie Sie nun selbst nachvollziehen können, vor allem Joachim Fest. Es wird interessant und spannend sein zu sehen, wie sich die weitere Diskussion, nicht zuletzt über solche Einflüsse weiter entwickeln wird."


    Dazu ein Literaturhinweis:


    Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung (2004)

    Danke für den Hinweis, das kenne ich noch nicht!

    Demnach war Reich-Ranicki mit seiner Frau bei Joachim Fest eingeladen, als dieser seine Hitler-Biographie veröffentlicht hatte. Beide kamen nichtsahnend zu der entsprechenden Feier und trafen bei Fest auf - Speer. Fest hatte Reich-Ranicki nicht vorgewarnt, dass Speer eingeladen war, obwohl er wohl wusste, dass seine Familie und die seiner Frau im Holocaust umgekommen waren und das Ehepaar Reich-Ranicki sich im Warschauer Ghetto kennengelernt hat - wohlgemerkt als sich der Vater von Frau Reich-Ranicki erhängt hatte und tot aufgefunden wurde.

    Fairerweise sollte man ergänzen, dass Fest die Szene als "Erfindung" bezeichnet hat. Außerdem habe Ulrich Frank-Planitz, der damalige DVA-Verleger, ihm unaufgefordert erzählt, dass er 1981 in Vorbereitung eines Verlagsempfangs Reich-Ranicki darüber informierte, dass Speer anwesend sein würde. Reich-Ranicki habe geantwortet, angenehm sei es ihm nicht, er habe aber auch nichts dagegen, wolle nur nicht mit Speer an einem Tisch sitzen.

    So etwas ist für mich wirklich nur sehr schwer nachzuvollziehen.

    Ja, aber Brandt und Kohl sind nur zwei Beispiele von vielen. Dass Adenauers Staatssekretär Hans Globke als ehemals führender NS-Jurist (u.a. Kommentator der Nürnberger Rassengesetze) treibende Kraft war beim Versuch, die Spandauer Häftlinge vorzeitig freizubekommen, ist ja noch irgendwie in sich stimmig. Aber neben Willy Brandt setzten sich z.B. auch Carlo Schmid, Eugen Gerstenmaier, Karl Carstens und viele andere für Speer ein, sogar britische Parlamentarier und französische Geistliche. Dass er trotzdem seine Haft bis zum letzten Tag absitzen musste, lag allein an den Sowjets. Willy Brandt versuchte auch bei seinem Besuch in Washington im Oktober 1962, Speers Freilassung zu erreichen, und nachdem diese dann 1968 erfolgt war, verhinderte er trotz noch geltendem Spruchkammer-Gesetz ein Entnazifizierungsverfahren, wodurch Speer auch seine beträchtlichen Vermögenswerte behalten durfte. Der Blumenstrauß hatte für Brandt immerhin Folgen: Auf der einen Seite hielten ihm die Ewig-Gestrigen seine Emigration vor, auf der anderen Seite protestierte z.B. Simon Wiesenthal und distanzierte sich auch die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Brandt verzichtete daraufhin auf eine eigentlich vorgesehene Rede zur Pogromnacht im November. Bei einer NDR-Radio-Diskussion zum Thema "Gott vergibt - die Öffentlichkeit nicht. Haben Nazis lebenslänglich?", in deren Mittelpunkt Speer stand, setzten sich u.a. Golo Mann, Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle und sogar der Rabbiner Robert Raphael Geis für den zwei Jahr zuvor entlassenen Kriegsverbrecher ein. Wieder war es lediglich Wiesenthal, der einen Speer-kritischen Standpunkt bezog. Aber sogar er wurde ein paar Jahre später nach einem persönlichen Treffen zum "Speer-Versteher". Speer war weder als Architekt noch als Rüstungsminister so erfolgreich wie als Schöpfer der eigenen Legende. Dass diese zunächst ganz allmählich erodierte und dann schließlich so gut wie vollständig zusammenbrach, hat er nicht mehr erlebt.

    Eines der beeindruckendsten, gleichzeitig aber bedrückendsten Bücher über die NS-Zeit war für mich die Albert-Speer-Biographie von Magnus Brechtken, die 2017 erschien:



    "Hitlers Architekt", Generalbauinspektor und ab 1942 Rüstungsminister hat es durch eine geschickte Verteidigungsstrategie geschafft, sich beim Nürnberger Prozess vor dem Galgen zu retten. Er gab sich nach außen als reumütiger Sünder, räumte eine allgemeine Mitschuld ein, leugnete aber gleichzeitig jede konkrete Tatbeteiligung und jegliches Wissen von den Verbrechen. Die eigene Verantwortung für die in der Rüstungsindustrie unter unmenschlichen Bedingungen eingesetzten Zwangsarbeiter schob er vor allem auf den mitangeklagten Sauckel ab, der dann gewissermaßen an seiner Stelle zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Speer kam mit 20 Jahren Haft davon und bereitete bereits im Gefängnis seine spätere Weltkarriere als angeblich "guter Nazi", lediglich irregeleiteter Künstler usw. vor. Seine Memoiren und seine "Spandauer Tagebücher" wurden Weltbestseller und machten ihn - erneut - zu einem reichen Mann.

    Magnus Brechtken räumt nicht nur mit den unzähligen Ausflüchten, Legenden und Lügen auf, die Speer zwischen seiner Freilassung 1966 und seinem Tod 1981 immer wieder mit großem Erfolg aufgetischt hat, sondern er beschreibt auch das gesellschaftliche Klima, in dem diese auf so fruchtbaren Boden fielen und gedeihen konnten. Auch viele von Brechtkens Historiker-Kollegen (vor allem Joachim C. Fest, aber auch Hans Mommsen, Golo Mann, Eberhard Jäckel und Klaus Hildebrand) kommen nicht gut weg, haben sie doch nicht nur Speers Lügen ungeprüft für bare Münze genommen sondern zum Teil auch noch die wenigen kritischen Forscher öffentlich angegriffen, um die eigene Inkompetenz nicht zugeben zu müssen. Desinteresse, Kritik- und Gedankenlosigkeit, bis hin zu offenkundiger Kumpanei ermöglichten es Speer, in der Öffentlichkeit als geläuterter Nazi und Zeitzeuge ohne persönliche Schuld dazustehen. Willy Brandt schickte zur Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis einen Blumenstrauß, Helmut Kohl gratulierte zum 70. Geburtstag in einem persönlichen Schreiben. Brechtkens Buch ist deshalb nicht nur eine Biographie über einen der einflussreichsten und skrupellosesten Täter des Dritten Reichs sondern auch über das politische Klima der Nachkriegszeit, und beim Lesen stellen sich automatisch auch allgemeine Fragen nach der Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit historischer Forschung. Wenn es möglich war, dass einer der größten Kriegsverbrecher jahrzehntelang von dieser Forschung unbehelligt seine Lügen und Legenden stricken konnte, obwohl diese durch Akten längst hätten widerlegt werden können, wer will dann sicher sein, dass dergleichen nicht in anderen Fällen immer noch möglich ist und geschieht? Bemerkenswerterweise nennt Brechtken als positive Ausnahme keinen Historiker sondern den Dokumentarfilmer Heinrich Breloer, der in dem Doku-Drama "Speer und Er" sowie in dem parallel veröffentlichten Buch Speers Lügen in aller Deutlichkeit benannt hat (zu diesem ebenfalls sehr beeindruckenden Fernsehfilm demnächst an anderer Stelle mehr).

    Für einen Bau, der letztendlich rd. 870 Mio. EUR gekostet hat, vermag ich keine Bewunderung zu entwickeln, auch wenn ich zugegebenermaßen nicht weiß, wieviel davon öffentliche Gelder waren.


    Ich bin - wie sicher die meisten hier - überzeugt davon, dass Kultur für eine Gesellschaft extrem wichtig ist und Geld kosten muss und darf. Aber bei dieser Größenordnung hört bei mir das Verständnis auf.

    Bei mir nicht. Allein die Rettung der HSH Nordbank hat die Steuerzahler so viel gekostet wie 18 Elbphilharmonien. Für die Rettungskosten der Landesbanken insgesamt hätte man das ganze Land mit Konzerthäusern zupflastern können. Außerdem: Die Elbphilharmonie hat nicht nur Geld gekostet sondern bringt auch Geld ein: In den ersten fünf Jahren haben 3,3 Millionen Menschen Konzerte besucht, von der Eröffnung bis zum Beginn der Pandemie sind die Übernachtungszahlen in Hamburg um mehr als 15 Prozent gestiegen, die aus dem Ausland um 16 Prozent. Zu der Frage, wie viele dieser zusätzlichen Touristen nach Hamburg gekommen sind, um sich die gerettete HSH Nordbank anzusehen, liegen mir keine Zahlen vor.

    Da er natürlich wieder auf die Fälle Jonas Kaufmann und Riccardo Muti angesprochen wird, finde ich folgende Aussage bemerkenswert:

    Zitat von Christoph Lieben-Seutter

    Was mich kümmert: Man hat fünf Jahre unglaublichstes Programm, wie es in dieser Breite und Vielfalt noch kein Konzerthaus auf der Welt angeboten hat – warum muss ich dann in jedem Interview über die zwei, drei Fälle reden, bei denen etwas schiefgeht und nicht über tausende andere, fantastische Konzerte. Das ist, was auf Dauer nervt.

    Ich finde die Erwiderung des Interviewers witzig:

    "Weil sie nicht ein Konzertsaal auf der Wiese irgendwo neben Bielefeld sind, sondern die Elbphilharmonie."

    Da wusste wohl jemand nicht, dass die Oetker-Halle in Bielefeld akustisch unbestritten einer der weltbesten Säle ist...

    Damit muß Geschichte allerdings nicht auf die Intentionen einzelner Personen reduziert werden, vor allem gesellschaftliche Rahmenbedingungen entscheiden, ob eine individuelle Konzeption auch zum Tragen kommt.

    Das dürfte inzwischen weitgehend unstrittig sein. Volker Ullrich schreibt im letzten Kapitel seiner Biographie: "Hitler erschließt sich nicht allein aus seinem Denken und Handeln; vielmehr kann es nur begriffen werden, wenn man zugleich die Sozialpathologie der deutschen Gesellschaft seiner Zeit in den Blick nimmt. Erst aus der Wechselbeziehung zwischen den individuellen und kollektiven Befindlichkeiten und Neurosen lässt sich das Geheimnis seines Aufstiegs und seiner unbestreitbar großen Anziehungskraft erklären." Kershaw schrieb im ersten Band seiner Biographie: "Die folgende Arbeit unternimmt auf dem Wege einer Hitler-Biographie den Versuch, personale und strukturelle Elemente im Entwicklungsprozeß einer der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte zu verbinden."

    Übrigens hat H.-U. Thamer, den man vielleicht als einen aufgeklärten Funktionalisten ;) bezeichnen könnte, letzthin etwas ganz unfunktionalistisches getan - er hat 2018 eine Hitler-Biografie geschrieben:

    Die kenne ich noch nicht, aber Thamers "Verführung und Gewalt" von 1986 finde ich immer noch sehr lesenswert:


    Ich denke dabei an die erste Hitler Biografie von Allan Bullock, seit dem ist sehr viel Forschung ins Land gegangen. Dann gab es noch die Biografien von Joachim C. Fest, dann Kershaw und natürlich die Bestseller von Sebastian Haffner (Von "Bismarck zu Hitler" und "Anmerkungen zu Hitler")

    Die erste Hitler-Biographie schrieb tatsächlich schon Mitte der dreißiger Jahre Konrad Heiden (in zwei Bänden). Sogar Hannah Ahrendt hat sich in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" mehrfach auf Heiden bezogen. Vor einigen Jahren hat Stefan Aust eine Biographie über Heiden veröffentlicht.

    Egon Kogon. Der NS Staat, von 1974

    "SS-Staat", nicht "NS-Staat".

    Ob die “Funktionalisten” wirklich Probleme mit Biografien über Hitler u.a. NS-Größen hatten, weiß ich gar nicht

    Ich meine mich zu erinnern, dass Kershaw irgendwo sinngemäß geschrieben hat, Mommsen würde vermutlich den Nutzen einer Biographie niemals einsehen, finde aber die Stelle gerade nicht mehr. Vielleicht irre ich mich auch.

    erstmal soll es um diese Biographie gehen.

    Ich rechne erst einmal nicht damit, dass hier außer mir jemand die Biographie von Volker Ullrich gelesen hat, und auf die Schnelle kann man das bei insgesamt rund 2000 Seiten (inklusive Anmerkungen) natürlich auch nicht machen. Ich habe extra den allgemeinen Titel "Bücher zur NS-Zeit" gewählt, weil ich vorhabe, nach und nach auch andere Bücher zum Thema vorzustellen, und weil ich vor allem hoffe, dass ich damit nicht der einzige bleiben werde. Insofern fände ich es sehr gut, wenn Du Titel vorstellen würdest. Noch einmal zu Volker Ullrich: Der hat natürlich erkannt, dass eine Hitler-Biographie weit mehr sein muss als die Lebensbeschreibung eines einzigen Mannes. Wie bei Ian Kershaws Werk handelt es sich um eine Geschichte des Dritten Reichs und seiner Vorgeschichte mit dem Fokus auf der zentralen Person Hitler. Der biographische Ansatz war bei Hitler lange Zeit grundsätzlich umstritten, weil er nach Meinung mancher Historiker die Gefahr birgt, das Dritte Reich als Geschichte einiger weniger Personen misszuverstehen und damit einer weit verbreiteten, selbst entschuldenden Nachkriegslegende Vorschub zu leisten. Wichtigster Vertreter dieser "funktionalistischen" Sicht auf die NS-Zeit war wohl der Bochumer Historiker Hans Mommsen. Einen guten Überblick über die grundsätzlichen Kontroversen zur NS-Geschichtsschreibung gibt Ian Kershaw in dem Buch "Der NS-Staat: Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick":


    (Sollte es einen solchen Thread hier schon geben und ich ihn übersehen haben, bitte ich um Vergebung und Verschiebung.)


    Gerade gelesen: Volker Ullrichs monumentale Hitler-Biographie in zwei Bänden aus den Jahren 2013 bzw. 2018:



    Auf dem neuesten Stand der Forschung, stilistisch hervorragend geschrieben, mit plausiblen Deutungen und Wertungen. Mehr als Ian Kershaw in seiner bahnbrechenden Biographie aus den 90er Jahren (mit dem Grundmotiv "dem Führer entgegen zu arbeiten") betont Ullrich die zentrale Bedeutung der Person Hitlers, ohne aber den Anteil verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen und Einzelpersonen kleinzureden. Vor allem die Kollaboration der Generäle, ihr komplettes moralisches Versagen angesichts der von vornherein barbarisch geplanten Kriegsführung gegen die Sowjetunion wird beeindruckend deutlich dargestellt. Im Gegensatz zu mancher "linken" Geschichtsschreibung bewertet Ullrich hingegen die Bedeutung der Unterstützung Hitlers durch die Schwerindustrie vor 1933 als eher gering. Ullrichs Tonfall ist fast durchgehend wohltuend sachlich, nur an ganz wenigen Stellen spürt man seine persönliche Empörung, wenn er z.B. darüber schreibt, dass die Torpedierung der "Wilhelm Gustloff" mit tausenden deutschen Flüchtlingen an Bord sich tief ins nationale Gedächtnis eingegraben hat, während das Massaker an 3000 KZ-Häftlingen nur einen Tag später am Strand von Palmnicken quasi in Vergessenheit geriet. Die fast pedantisch Tag für Tag chronologische Beschreibung wird in beiden Bänden mehrfach durch Kapitel zu grundlegenden Themen unterbrochen, darunter natürlich auch ein ausführliches zum Holocaust (den Joachim C. Fest 1973 in seiner Hitler-Biographie offensichtlich für nicht weiter erwähnenswert hielt). Insgesamt bietet Ullrich wohl keine wirkliche Neudeutung der Person Hitlers und seiner politischen Wirkung, fasst aber den Forschungsstand hervorragend zusammen und behält in jedem Augenblick den Überblick über das immens umfangreiche und vielschichtige Material. Wichtige Quellen sind neben vielem anderen natürlich die Goebbels-Tagebücher, aber auch die von Victor Klemperer sowie die von Friedrich Kellner (die Kershaw bei seiner Biographie noch nicht kennen konnte).

    Da könnte man ja auch ein Mikrophon bei Regen neben die Fensterscheibe stellen.

    Du hast wahrscheinlich das Stück nicht ganz gehört, denn der Witz bei der Sache ist ja der klare Formverlauf, der sich trotz der aleatorischen Grundidee bildet: Zuerst überlagern sich die hundert, auf verschiedene Tempi eingestellten Metronome zu einem einfachen homogenen Klangteppich, dann wird dieser nach und nach immer löcheriger, wodurch sich allmählich erkennbare Interferenzen von zunächst niedriger und dann immer höherer Komplexität herausbilden, bevor dann schließlich dieser Prozesse durch das Wegfallen weiterer Metronome umgekehrt und die rhythmische Struktur wieder einfacher wird. Am Ende bleibt ein einzelnes Metronom übrig, womit die Struktur wieder genauso einfach ist wie am Anfang, allerdings zeitlich strukturiert. Der vergangene Prozess geht also zu Ende, wirkt aber trotzdem nach. Dieser ganze Entwicklungsbogen wird noch von einem durchgehenden Decrescendo überlagert. Das geht insgesamt als kompositorische Idee und Gestaltung schon weit über "Regen an der Fensterscheibe" hinaus und war für Ligeti eine wichtige Vorstufe zu ähnlichen rhythmischen Ideen z.B. in den drei Stücken für zwei Klaviere oder den späteren Klavieretüden.

    "Geglotzt" (gibt es eigentlich Gründe für diesen dämlichen Unterforen-Titel?) habe ich zwar nicht, trotzdem:

    Nach der Lektüre der zweibändigen Hitler-Biographie von Volker Ullrich habe ich in den letzten Tagen zuerst "Operation Walküre" (2008) von Bryan Singer und dann "Stauffenberg" (2004) von Jo Baier gesehen. Letzterer ist inhaltlich knapper gehalten, dadurch aber auch konzentrierter, und vor allem finde ich insgesamt die Schauspieler besser. Sebastian Koch und besonders Nina Kunzendorf als Graf bzw. Gräfin von Stauffenberg sind Tom Cruise und Carice van Houten deutlich überlegen, sehr beeindruckend zu sehen z.B. in der Abschiedsszene am Vorabend des Attentats.


    Was von anderen als "Valium" klassifiziert wurde, hatte für mich eine sehr persönliche, weil teilweise melancholisch-verhaltene Note. Ich denke, dass man sich gerade bei Josef Strauß ruhig ein bisschen Zeit lassen sollte, denn dann kommt so ein wunderbares Stimmungsbild heraus wie Neujahr bei den "Sphärenklängen". Man hat deutlich wie selten heraushören können, warum dieser Walzer so heißt.

    Wie bereits geschrieben, haben mich nicht die Tempi gestört. Aber diese Musik muss für mich einen hohen Genussfaktor haben, Übergänge müssen geradezu lustvoll ausgekostet werden, es muss Spielfreude hörbar werden, Freude am orchestralen Glanz, an der Raffinesse. Mir war das, um es mit Robert Schumann zu sagen, "fast zu ernst", insgesamt eher routiniert als inspiriert, mehr Fachinger Wasser als Champagner. Wenn es tatsächlich "geradezu zynisch" wäre, in dieser Zeit solche Freude zu vermitteln bzw. zu empfinden, dann sollte man halt etwas anderes spielen oder das Konzert ausfallen lassen. Ich bin aber nicht dieser Meinung.