Beiträge von ChKöhn

    Zwei Werke gehört , bei denen ich mich immer frage , warum ich sie so vernachlässige . Die beiden Sonaten für Violine und Klavier von Schumann sind sehr späte Werke , und mit Ferras / Barbizet haben sie für mich etwas verstörendes , anders als etwa bei Argerich mit wechselnden Partnern . Die Einspielungen von Busch/Serkin laufen außer Konkurrenz bei mir . Vielleicht doch nicht so recht was für den Morgen .

    Noch mehr vernachlässigt wird üblicherweise Schumanns dritte Violinsonate. Die ist allerdings in fast jeder Hinsicht so extrem, dass es eigentlich keine passende Tageszeit für sie geben kann...

    Die Latte bei seiner Bewerbung lag extrem hoch, und das Orchester hat ihn gewählt.

    Das ist übrigens ein wichtiger Unterschied zu Instrumentalsolisten: Dirigenten müssen immer eine große Gruppe von Profimusikern überzeugen, entweder bei ihrer Wahl oder spätestens in der anschließenden gemeinsamen Arbeit. Ihre Karrieren können deshalb nicht im selben Maße von Marketing-Spezialisten "gemacht" werden wie bei Instrumentalisten.


    Da freue ich mich auf die erste Doppelbegabung seit langem (Bernstein als Pianist und Dirigent? Wer noch? Sawallisch. Previn, Levine?).

    Eschenbach, Barenboim, Michael Sanderling, Jaap van Sweden...

    Mich wundert nur, dass man solche Vorschusslorbeeren schon verteilt, bevor auch nur ein einziges Album von ihm vorliegt.

    "Vorschusslorbeeren" verteilt man, wie der Name sagt, vor einer erbrachten Leistung. Davon kann bei Mäkelä aber keine Rede sein: Er ist u.a. seit eineinhalb Jahren Chefdirigent der Osloer Philharmoniker (seine Vorgänger dort waren Wassili Petrenko, Jukka-Pekka Saraste, André Previn und Mariss Jansons). Als Gast hat er u.a. die Münchner und Bamberger Philharmoniker, das Concertgebouworkest und das London Philharmonic Orchestra dirigiert.

    Ok, wenn Du meinst, dass es albern ist: bitte sehr. Deine Meinung. Und die Meinungsfreiheit ist ja bekanntlich ein geschütztes Grundrecht. Ich werde hier nicht mit dir streiten. Denn das wäre tatsächlich albern. Und es wäre schade um den Thread.

    Das wäre es, deshalb nur noch kurz: Ich finde nicht albern, über die nach wie vor bestehende Bedeutung des Nationalsozialismus' zu diskutieren, sondern mir zu unterstellen, ich würde diese nicht sehen, weil ich das Wort "abgeschlossen" verwendet habe. Warum sollte mich das Thema denn sonst seit Jahrzehnten beschäftigen? Aber wenn ich z.B. sage "Die Geschichte der Sowjetunion endete am 21. Dezember 1991", dann behaupte ich damit ja auch nicht, dass alle Spuren und Nachwirkungen endgültig beseitigt sind.


    p.s.: doch noch eines dazu: es lohnt, mal den Briefwechsel zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer über die Historisierung des NS zu lesen. Ist irgendwann Ende der 1980er in den “Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte” erschienen. Hab jetzt grad keine Lust, die genaue Nummer rauszusuchen. Sollte aber leicht zu finden sein und ist sicherlich online zugänglich.

    Den habe ich sogar gelesen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde er irgendwann mal in der Süddeutschen besprochen, und ich habe mir das entsprechende Heft der VfZ daraufhin ausgeliehen.

    Nein, ich argumentiere dahingehend, dass der NS für bestimmte Menschen sehr gegenwärtig in ihrem alltäglichen Leben ist und es heute noch bestimmt.

    Habe ich das je bestritten? Die NS-Zeit ist sehr gegenwärtig, aber sie ist gleichzeitig im selben Sinne "abgeschlossen" wie der 2. Weltkrieg oder die Geschichte der DDR. Ich weiß nicht, was diese alberne Diskussion soll.

    Sehe ich anders.

    Das glaube ich nicht. Du argumentierst gegen einen "Schlussstrich", aber es sollte klar geworden sein, dass ich den mit "abgeschlossene Epoche" nicht meine.

    Dazu auch eine Empfehlung zu einem IMO sehr eindrücklichen Buch:


    Lea Kirstein: Die zweite Generation. Autobiographische Reflexionen (2006)

    Danke für den Tipp.

    Persönlich halte ich es für wichtig, die NS-Zeit nicht als abgeschlossene Epoche zu begreifen, sondern die damaligen Wirkmächte auf ihre Aktualität zu befragen. Mich interessieren daher Positionen wenig, die auf Andere zeigen (in diesem Falle die bösen Nazis wie oben z. B. Speer), ohne das eigene Spiegelbild zu beachten. Auch die 87. Biographie muss ich nicht lesen.

    Die NS-Zeit ist durchaus eine "abgeschlossene Epoche"; sie endete mit dem 8. Mai 1945. Ihre gleichwohl anhaltende Aktualität hat Bert Brecht auf den Punkt gebracht: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.": Das ist doch eigentlich der einzige Grund, sich weiterhin intensiv mit der Epoche zu beschäftigen. Dazu gehört, da stimme ich Dir zu, "die damaligen Wirkmächte auf ihre Aktualität zu befragen", nur muss man diese doch dazu erst einmal kennen. Ich finde es ehrlich gesagt unangemessen, das lächerlich zu machen ("mit dem Finger auf die bösen Nazis" zeigen, "die 87. Biographie"). Die "bösen Nazis" waren ja wohl etwas anderes als Wilhelm Buschs "böse Buben"... Und ob ich "die 87. Biographie" lesen muss, hängt von ihrem Inhalt ab. Im Falle der o.g. Speer-Biographie war das für mich mehr als lohnend, gerade auch in Bezug auf die "Wirkmächte" der Nachkriegszeit.

    Ergebnis ist eine beindruckende, beklemmende Erzählung über eine Familie zwischen NS und BRD, die manche Leerstellen auch schmerzlich leer und den Leser eher mit Fragen als mit Antworten zurücklässt. Außerordentlich gut geschrieben.

    Vielen Dank, das werde ich lesen. Wie die NS-Zeit auch noch die nächste Generation beeinflusst, beeinträchtigt, geprägt hat, kann man ja an unzähligen Beispielen nachvollziehen. Einen der für mich beeindruckendsten Texte überhaupt hat in diesem Zusammenhang vor drei Jahren Markus Deggerich im "Spiegel" geschrieben, veröffentlicht zunächst in "Der Spiegel Edition Geschichte" (siehe unten), dann auch online (hinter der Bezahlschranke). Unter der Überschrift "Mein Vater schrie jede Nacht im Schlaf" schreibt er ein mitfühlendes, liebevolles Portrait seines Vaters, der im Alter von neuen Jahren und mit einer Beinverletzung aus Schlesien fliehen musste. Das "unerträgliche Schweigen" des Vaters, dessen lebenslanges Ringen um Anerkennung in der neuen Heimat, die Angst, nicht zu genügen als Kehrseite des Integrationswunsches, schließlich dessen kindliche Freude bei einem gemeinsamen Besuch in Polen in der alten Heimat: Das alles beschreibt Deggerich ungemein bewegend und mit zärtlicher Zuneigung. Ich kann diesen Text nicht lesen, ohne mit den Tränen zu kämpfen, und aus den Online-Kommentaren sehe ich, dass es mir nicht allein so geht.


    In den letzten Jahrzehnten traten zunehmend auch Kinder der NS-Täter in die Öffentlichkeit oder wurden zum Objekt der historischen Forschung. Das Spektrum reicht dabei von Himmlers Tochter Gudrun, die bis zu ihrem Tod 2018 der Ideologie ihres Vaters verbunden blieb, seine Taten verharmloste und aktiv in neonazistischen Kreisen tätig war, bis zu Niklas Frank, dem jüngsten Sohn des "Schlächters von Polen" Hans Frank. Niklas war bei Kriegsende sechs Jahre alt, studierte ab 1959 Germanistik, Soziologie und Geschichte und wurde Journalist, zunächst beim "Playboy" dann beim "Stern". Dort erschien 1987 auch der Vorabdruck seines Buches "Der Vater. Eine Abrechnung" und sorgte für ungeheures Aufsehen. Ralph Giordano schrieb im Vorwort: "Niklas Frank speit seinen ganzen Ekel auf Papier, nein, er kotzt den Verrat der frühkindlichen Sehsüchte, die unlösbare Sohnesbindung an die Horrorbiographie dieses Vaters und das Entsetzen darüber dem Leser direkt vor die Füße." Die Beschreibung des Sohnes, wie er als Jugendlicher am Todestag das gehängten Vater vor dessen Bild onaniert habe, das Bekenntnis, dass er immer noch ein Bild des toten Vaters bei sich trage, um sich jederzeit vergewissern zu können, dass der auch wirklich nicht mehr zurückkommen werde usw.: Das war und ist für viele Leser offenbar zu viel. Im "Stern" erschien damals u.a. ein Leserbrief, dessen Verfasser meinte, was auch immer der Vater getan habe, so sei doch seine schlimmste Tat die Zeugung dieses Monsters von Sohn gewesen. Niklas Frank schrieb später noch Bücher über seine "Deutsche Mutter" und seinen älteren Bruder Norman, sowie im vergangenen Jahr das Buch "Meine Familie und ihr Henker" mit dem kommentierten Briefwechsel zwischen Hans Frank und seiner Familie aus der Nürnberger Gefängniszelle.


         

    Darauf zu zielen war allerdings nicht meine Absicht.

    Das wollte ich Dir auch nicht unterstellen. Ich finde es aber grundsätzlich problematisch und sehr oft unklug, wenn Künstler bzw. Kunstliebhaber primär mit einem vermeintlichen oder tatsächlichen wirtschaftlichen Gewinn für die Förderung von Kunst argumentieren, weil der erstens nur in ganz wenigen Fällen wirklich eintreten wird, und weil man dadurch zweitens die übrige große Masse indirekt gefährden kann. Gerade wenn es um die Finanzierbarkeit geht, sollten Künstler weniger mit dem Preis als mit dem Wert der Kunst argumentieren.

    Wenn es stimmen sollte mit dem "dicken Geschäft", dann wäre das natürlich eine feine Sache!

    Jein. Einerseits könnte man das als plausibles Argument gegenüber denjenigen bringen, denen die Kultur sowieso zu teuer ist. Andererseits kann sich das Argument auch umgekehrt gegen Kulturprojekte wenden, mit denen sich eben kein "dickes Geschäft" machen lässt. Die notwendige Sanierung eines Stadttheaters in der Provinz wird kaum zu Touristenmassen und sprudelnden Steuerquellen führen, dennoch ist sie richtig und wichtig. Kunst ist nicht in erster Linie Wirtschaftsfaktor sondern: Kunst.

    Die Musik ist wohlgemerkt kein eigenständiges musikalisches Werk, sondern Filmmusik - und als solche gehört der Soundtrack zu "Spiel mir das Lied vom Tod" m. E. zu einem der besten in der Geschichte des Kinos. Die Musik und die Bildsprache passen so hervorragend und prägnant zueinander, dass mich dieser Film jedesmal wieder überwältigt.

    Interessanterweise hat Morricone ja die Musik bereits vor Beginn der Dreharbeiten komponiert und aufgenommen. Deshalb geht auch der Vorwurf, sie würde sich "in den Vordergrund drängen", im Grunde an der Sache vorbei: Dem ganzen Konzept nach ist sie im Vordergrund. Das beginnt schon mit der Geräuschcollage in der Anfangsszene, in der den drei Banditen jeweils ein "Leitmotiv" zugeordnet ist (Regentropfen auf dem Hut, Knacken der Fingergelenke, Summen der Fliege), dazu im Hintergrund das Quietschen des Windrades und schließlich die schnaufende Lokomotive als Vorbereitung der Erscheinung des Helden, der keinen Namen trägt sondern durch ein musikalisches Motiv und den Klang der Mundharmonika charakterisiert wird. Angeblich bekam Morricone die Idee zu dieser geräuschhaften Komposition der Anfangsszene bei einem Konzert mit Werken von John Cage.

    Die Frage ist, das kann ich nicht beurteilen, ob die Quellen schon so offen zutage lagen, dass die Öffentlichkeit es hätte wissen können.

    Es gab laut Magnus Brechtken wohl schon recht früh einige unbekanntere Historiker, die in den Archiven Belege bzw. Beweise für Speers Lügen gefunden und z.B. in Dissertationen veröffentlicht haben. Aber keiner von ihnen gehörte zu den "Prominenten" des Fachs, die den Ton angaben und deren Desinteresse nicht selten die Aufklärung behinderte, oder die sich - so Brechtken - offensichtlich einfach nicht vorstellen konnten, wie systematisch Speer gelogen hat. In der Öffentlichkeit sei das Speer-Bild vom "Edel-Nazi mit Reue-Garantie" auch deshalb so attraktiv gewesen, weil es Speer "zur idealen Projektionsfläche (machte) für die vielen kleineren und größeren einstmals Engagierten, die nun ebenfalls nichts mehr wissen wollten vom eigenen Anteil am Funktionieren der Herrschaft. Und noch weniger vom eigenen Mittun bei der Organisation von Verfolgung und Verbrechen." Obwohl die Fakten inzwischen längst offen liegen, sind die Folgen der Speer-Legende erstaunlich langlebig: Noch 2015 erschien das Buch von Martin Kitchen mit dem verharmlosenden Titel "Hitler's Architect", in dem zentrale Dokumente zu seinen Verbrechen unberücksichtigt sind. Die Aufklärungsarbeit ist also immer noch nicht abgeschlossen. Als ich Brechtkens Buch vor gut vier Jahren gelesen habe, hatte ich im Anschluss mit dem Verfasser einen kurzen Mail-Austausch, in dem er mir u.a. geschrieben hat:

    "Tatsächlich hat es auch in den 1970er und 1980er Jahren schon kritische Stimmen zu Speer gegeben, die allerdings im dominierenden Diskurs nicht durchdrangen. Darum war und ist es stets auch notwendig, auf die Einflüsse jener einzugehen, die solche Diskurse prägen und gegebenenfalls Aufklärung aufhalten. Im Fall Speer war das, wie Sie nun selbst nachvollziehen können, vor allem Joachim Fest. Es wird interessant und spannend sein zu sehen, wie sich die weitere Diskussion, nicht zuletzt über solche Einflüsse weiter entwickeln wird."


    Dazu ein Literaturhinweis:


    Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung (2004)

    Danke für den Hinweis, das kenne ich noch nicht!

    Demnach war Reich-Ranicki mit seiner Frau bei Joachim Fest eingeladen, als dieser seine Hitler-Biographie veröffentlicht hatte. Beide kamen nichtsahnend zu der entsprechenden Feier und trafen bei Fest auf - Speer. Fest hatte Reich-Ranicki nicht vorgewarnt, dass Speer eingeladen war, obwohl er wohl wusste, dass seine Familie und die seiner Frau im Holocaust umgekommen waren und das Ehepaar Reich-Ranicki sich im Warschauer Ghetto kennengelernt hat - wohlgemerkt als sich der Vater von Frau Reich-Ranicki erhängt hatte und tot aufgefunden wurde.

    Fairerweise sollte man ergänzen, dass Fest die Szene als "Erfindung" bezeichnet hat. Außerdem habe Ulrich Frank-Planitz, der damalige DVA-Verleger, ihm unaufgefordert erzählt, dass er 1981 in Vorbereitung eines Verlagsempfangs Reich-Ranicki darüber informierte, dass Speer anwesend sein würde. Reich-Ranicki habe geantwortet, angenehm sei es ihm nicht, er habe aber auch nichts dagegen, wolle nur nicht mit Speer an einem Tisch sitzen.

    So etwas ist für mich wirklich nur sehr schwer nachzuvollziehen.

    Ja, aber Brandt und Kohl sind nur zwei Beispiele von vielen. Dass Adenauers Staatssekretär Hans Globke als ehemals führender NS-Jurist (u.a. Kommentator der Nürnberger Rassengesetze) treibende Kraft war beim Versuch, die Spandauer Häftlinge vorzeitig freizubekommen, ist ja noch irgendwie in sich stimmig. Aber neben Willy Brandt setzten sich z.B. auch Carlo Schmid, Eugen Gerstenmaier, Karl Carstens und viele andere für Speer ein, sogar britische Parlamentarier und französische Geistliche. Dass er trotzdem seine Haft bis zum letzten Tag absitzen musste, lag allein an den Sowjets. Willy Brandt versuchte auch bei seinem Besuch in Washington im Oktober 1962, Speers Freilassung zu erreichen, und nachdem diese dann 1968 erfolgt war, verhinderte er trotz noch geltendem Spruchkammer-Gesetz ein Entnazifizierungsverfahren, wodurch Speer auch seine beträchtlichen Vermögenswerte behalten durfte. Der Blumenstrauß hatte für Brandt immerhin Folgen: Auf der einen Seite hielten ihm die Ewig-Gestrigen seine Emigration vor, auf der anderen Seite protestierte z.B. Simon Wiesenthal und distanzierte sich auch die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Brandt verzichtete daraufhin auf eine eigentlich vorgesehene Rede zur Pogromnacht im November. Bei einer NDR-Radio-Diskussion zum Thema "Gott vergibt - die Öffentlichkeit nicht. Haben Nazis lebenslänglich?", in deren Mittelpunkt Speer stand, setzten sich u.a. Golo Mann, Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle und sogar der Rabbiner Robert Raphael Geis für den zwei Jahr zuvor entlassenen Kriegsverbrecher ein. Wieder war es lediglich Wiesenthal, der einen Speer-kritischen Standpunkt bezog. Aber sogar er wurde ein paar Jahre später nach einem persönlichen Treffen zum "Speer-Versteher". Speer war weder als Architekt noch als Rüstungsminister so erfolgreich wie als Schöpfer der eigenen Legende. Dass diese zunächst ganz allmählich erodierte und dann schließlich so gut wie vollständig zusammenbrach, hat er nicht mehr erlebt.