Beiträge von Knulp

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.

    Donnerstag Thalia Theater. Das geplante Stück wurde kurzfristig wegen Erkrankung abgesagt. Es wurde ein anderes gespielt (erstaunlich, dass das so schnell zu organisieren war, diesbezüglich Hut ab). War nicht meins. Bin in der Pause gegangen.

    Empfehlung Sinfonien 5:

    Beethoven Sinfonie 9

    Karajan 1962 und Furtwängler 1951


    Was wollten die damals: die 100 besten Aufnahmen oder 100 empfehlenswerte Werke in empfehlenswerten Aufnahmen? Halte ich mich dan den Text, ist die Antwort in der Sinfonien-Untergruppe: „Scala verrät und kommentiert die 50 besten Symphonie-Aufnahmen.“ Insofern muss man wohl darüber hinwegsehen, wenn geliebte Werke fehlen. Beethovens Neunte wäre aber so oder so dabei.


    Scala empfiehlt gleich zwei von Dirigenten, welche diese Sinfonie öfter aufgenommen haben. Beide „alten Meister“ würden sich noch immer empfehlen.


    Karajans 62er-Zyklus wird allseits als sein bester gelobt. Es ist sehr lange her, dass ich hineingehört hatte. Gestern also die Neunte. Schon zu Beginn beeindruckte mich die Orchesterqualität beim Crescendo. Eine perfekte Balance zwischen philharmonischem Schönklang und lichter Durchzeichnung, heißt es bei Scala - ist das noch Beschreibung oder Werbetext? - und die Sängerleistungen seien erste Klasse. Das passt recht gut. Die lichte Durchzeichnung glänzt silbrig. Was indes Karajan nicht spielt, erlebt der geneigte Hörer bei Furtwängler. Die 51er-Aufnahme hat seit Jahrzehnten berechtigte Bewunderer, trotz der bescheidenen Tonqualität. Wenn schon Furtwänglers Beethoven, der prägnant mit "fesselnde Dramatik und Kraft" beschrieben wird, dann aber doch gleich die Kriegsaufnahme aus März 1942 mit ihrer existenziellen Wucht (die aber nochmals deutschlich scheddriger klingt). Als Antipoden desselben Werks ist die Nennun beider einleuchtend. An keine von beiden Aufnahmen würde ich denken, fragte mich jemand nach der besten Neunten. Überaus hörenswert sind sie aber beide auch heute noch. Es gibt beide in diversen Ausgaben, z. B. in diesen:


    Oh, das ist ein Missverständnis. Bei Gardiner wollte ich sein HIP-Spiel gerade loben. Die in meinen Ohren Schwächen seiner Einspielung haben nichts mit HIP zu tun. Bei Harnoncourt fand ich es schade, dass er, und ich dachte, das geschrieben zu haben, die Beethoven-Gesamteinspielung nicht mit einem Originalklang-Ensemble unternahm, sondern mit dem Chamber Orchestra of Europe und ich habe versucht, diese meiner Meinung nach Halbherzigkeit damit zu erklären, dass Harnoncourt mutmaßlich unter Einfluss von Teldec dem breiten Publikum entgegenkommen wollte, weil ein vollständiger HIP-Beethoven sich mutmaßlich weniger verkauft hätte. Harnoncourt hat damals regelmäßig Orchester wie das Concertgebouw dirigiert, sich folglich auch in der "modernen" Klassikumgebung bewegt. Für ihn dürfte das also kein großer Schritt gewesen sein.

    Empfehlung Sinfonien 4:

    Beethoven: Sinfonien 6 und 8

    Harnoncourt, Chamber Orchestra of Europe, 1990



    Harnoncourt hatte bisweilen sehr eigene Vorstellungen, wie Stücke zu spielen, Noten zu lesen und Musik zum sprechen zu bringen ist und hat damit oft angeeckt. Die Beethoven-Gesamteinspielung unternahm er dann aber nicht mit einem Originalklang-Ensemble, sondern mit dem Chamber Orchestra of Europe, womit der dem Publikum sicherlich entgegen kam. Diese Box war meine erste Gesamtaufnahme, nachdem ich bei meinem Vater immer wieder und ausschließlich Karajan gehört hatte. Wie neu und interessant alles war! So viel Details, Lebendigkeit und musikalischer Dialog!


    Die Auswahl speziell der 6. und 8. Sinfonie kann ich nicht bewerten. Ich erinnere erstens nicht, ob nicht eine andere Sinfonie ebenso gut eingespielt ist und mag nicht alle durchhören, und bin zweitens bei der Pastorale nicht so zu hause, dass ich diese Sinfonie gedanklich mit vielen anderen vergleich könnte. Die Sinfonie läuft allerdings jetzt und ich habe viel Freude mit ihr (immerhin nach Kleiber). Harnoncourt hetzt nicht durch die Partitur, wie es dem Vorurteil gegenüber den damaligen Musikrevolutionären entsprochen hätte, sondern trifft einen Ton heiterer Gelassenheit, den ich sehr mag und für diese Sinfonie perfekt getroffen finde (gilt selbstredend nicht für das Gewitter). Gute Wahl also. Klare Empfehlung auch heute noch.

    Empfehlung Sinfonien 3:

    Beethoven: Sinfonien 5 und 7

    C. Kleiber, Wiener Philharmoniker, 1974 und 1976




    Ja! Welche denn sonst? Wollte nur kurz reinhören, blieb stecken und drehe immer lauter.

    Wird noch in 100 Jahren zu den Aufnahmen gehören, die man kennen muss. Von den bisherigen Aufnahmen die Älteste und doch die Jüngste. Bleibt die Frage, ob die Siebte sogar noch besser ist als die Fünfte.

    12 Fantasien für Viola da gamba, TW 40:26-37


    Man stelle sich vor: Man ist Telemann-Liebhaber und Gambist und weiß u. a. aus einem Werke-Katalog, dass Telemann im Jahre 1735 „12 Fantasien für die Viola di Gamba“ geschrieben hat, weiß aber auch, dass diese Werke mit den Nummern TW 40:26-37 leider verloren sind. Und dann findet Thomas Fritzsch auf der Basis der Arbeit von François-Pierre Goy doch tatsächlich noch ein Exemplar an entlegener Stelle. Die Westfalenpost vermeldet im Juli 2017: „Vor gut zwei Jahren ist bei der Durchsicht von Musikalien aus der ehemaligen Bibliothek des Schlosses Ledenburg bei Osnabrück das originale Notenmaterial zu Georg Philipp Telemanns Fantasien für Viola da Gamba solo ans Tageslicht gekommen. Die Noten galten als verschollen. Am Samstag, 22. Juli, werden die Fantasiestücke, die mehr als zwei Jahrhunderte lang unbehelligt in der Bibliothek von Ledenburg gestanden haben, nun im Rittersaal des Ringenberger Schlosses zu hören sein.“ Notenmaterial war ein vollständiges Druckexemplar mit allen zwölf Kompositionen, erfährt man beim Telemann-Zentrum („https://www.telemann.org/telemann-zentrum/news/109.html“).


    Das Beste aber ist: Die Gambenfantasien sind sehr hörenswert. Zitat aus dem Link:„In diesem Kompendium der Gambenmusik – Musik für Viola da gamba ohne Bass zu veröffentlichen, war 1735 eine beispiellose Tat – gießt Telemann ein Füllhorn musikalischer Ideen aus, besticht durch eine erstaunliche Kenntnis der Spielmöglichkeiten des Instrumentes und erweist sich als ein Meister der intimsten kammermusikalischen Form.“ 2016 bereits wurden die Fantasien veröffenlicht. Das RBB Kulturradio weiß zu berichten: „Hört man sich die zwölf Fantasien an, so beeindruckt sofort deren Vielgestaltigkeit. Hinsichtlich der Formen, Satzfolgen und Tonarten sowie der Spiel- und Kompositionstechniken bedient sich Telemann eines riesigen Spektrums. Da finden sich kunstvoll kontrapunktisch angelegte Sätze mit gelehrten Fugen ebenso wie moderne konzertante Sätze, komplizierte Doppelgriffpassagen und rasante einstimmige Teile, volkstümlich klingende Tänze und hoch sensible Miniaturen.“ (zitiert nach der Amazon-Produktbeschreibung der Fritsch-Aufnahme, s. u.). Der Gambist Markus Kuikka schreibt im Text zu seiner Aufnahme, dass es etwas ganz Besonderes gewesen sei, diese Musik einzustudieren, ohne andere Aufnahmen zu kennen oder das Werk je gehört zu haben. Das ist vorbei. Inzwischen gibt es mehrere Aufnahmen und sogar eine eigene Wikipedia-Seite: „https://en.wikipedia.org/wiki/12_Fantasias_for_Viola_da_Gamba_(Telemann)“


     


    Ich kenne bislang nur eine Aufnahme, habe die aber gehört und Lust auf mehr bekommen. Daher dazu später mehr.

    Telemann: Kammermusik ohne Basso continuo (TWV 40)

    Diese Werkgruppe besteht hauptsächlich aus Werken für

    • Soloinstrumente (Traversflöte, Violine und Gambe),
    • zwei Instrumente (Flöten und Streicher) und
    • Sonaten und Konzerte für vier Violinen.

    Die Werke für Soloinstrumente sind als Fantasien bezeichnet. Sie stammen zumeist aus Hamburg und wurden dort im Selbstverlag herausgegeben. Spieltechnisch sind sie anspruchsvoll. Mehr sinnvollerweise in den einzelen Beiträgen.

    Konzert für Blockflöte und Fagott F-Dur, TWV 52:F1


    Anderenorts berichtete ich von einer Lektüre von Harnoncourts Klangrede-Buch, in dem er im Zusammenhang über Telemanns besondere Instrumentationskunst und konkrete Klangvorstellungen bemerkte, viele seiner Werke seien hinsichtlich der Instrumentation in keiner anderen als der vom Komponisten geforderten Besetzung denkbar. Das illustrierte Harnoncourt eben an diesem Konzert, in dem der als Soloinstrument tausendfach erprobten Blockflöte als Soloinstrument und damit Dialogpartner das bis dahin mit ganz wenigen Ausnahmen nur als reines Orchester-Bassinstrument verwendet worden sei. Grund genug, das Konzert hier vorzustellen, meine ich, zumal es eine Vielzahl von Aufnahmen gibt und so mancher Capriccioso es in seinem Besitz haben könnte.


    Ein Blick in meine Bücher zeigt: Keine Erwähung bei Konold, nur die Bemerkung, Blockflöte und Fagott konzertierten in dem reifen, mit souveräner Hand durchgebildeten F-Dur Konzert in Allihns Barockmusikführer, aber einige interessante Absätze im Konzertbuch Orchestermusik 1650-1800, hrsg. von Korff, dort S. 725 f.). Dazu noch wenige interessante Absätze im Booklet von Schneider, Wind Concertos Nr. 7. Das zusammengerührt und mit eigenen Eindrücken ergänzt ergibt:


    Telemann hat 21 Doppelkonzerte geschrieben, darunter fünfzehn für zwei gleiche Soloinstrumente, den Rest für verschiedene, darunter eines für Blockflöte und Fagott. Genau genommen ist keine Blockflöte vorgesehen, sondern eine Flöte a bec, siehe dazu: „https://musikwissenschaften.de/lexikon/f/flute-a-bec/


    Das Konzert besteht aus vier Sätzen: 1. Largo, 2. (Allegro), 3. (Grave), 4. Allegro.


    Bei Korff heiß es zusammenfassend, Telemann Vorliebe für aparte Besetzungen und farbige Klangstrukturen ofenbare sich in diesem Doppelkonzert, das sich durch charakteristische Behandlung der beiden Blasinstrumente und abwechslungsreiche Satzgestaltung auszeichne. Im cpo-Booklet íst die Rede von vier groß dimensionierten Satzverläufen mit Ebenmaß und formaler Balance mit fast schon klassischen Zügen.


    1. Satz: Largo

    Formal ist der Satz als Modulationsronde gegliedert in vier Tuttiritornelle und drei Soloepisoden. In diesem Rahmen entfaltet Telemann ein ruhig-schönes melodiösen Neben- und Miteinander der klar geschiedenen und sorgfältig austarierten Flötenfarben.


    2. Satz: (Allegro)

    Der zweite Satz in zweiteiliger Repirsenform ist schnell und virtuos . Flöte und Fagott haben erhebliche konzertierende Anteile mit eigenen Themen und sollen in den Wiederholungen eigenständig verzieren, was Telemann willkürlich verändern nennt.


    3. Satz: (Grave)

    Der dritte Satz steht im langsamen 3/2-Takt, beginnt schwermütig und enhält davon eingerahmt eine wunderschöne Melodie, von der es im cpo-Booklet heißt, dieses opernhafte Abschiedsduett sei eine der anrührendsten Kantilenen des Telemannschen Konzertschaffens. „Expressiver Zwiegesang im herausragenden Mittelteil“, heißt es bei Korff.


    4. Satz: Allegro

    Eine schneller Finalsatz, erneut in Gestalt eines Tuttiritornells mit drei Episonden, bildet den Abschluss dieses Konzert.


    Abschließend heißt es bei cpo, die außergewöhnliche Solobesetzung habe Telemann zu einer herausragenden Konzertkomposition inspiriert. Bei Korff wird hervorgehoben, dass die Solisten in den langsamen Sätzen anfangs mit kanonischen Einsätzen dialogisieren und sich sodann zum Deutte mit klangfreudigen Terzen- und Sextenpassagen vereinigen, wohingegen sie in den schnellen Sätzen virtuose Entfaltungsmöglichkeiten enthalten.


    Aufnahmen:


    Meine älteste ist mit Michala Petri und Klaus Thunemann unter Iona Brown mit der Academy of St Martin in the Fields aus 1982. Den historischen Gegebenheiten gemäß wird Barockmusik in dieser Aufnahme so gespielt, wie die Academy damals Barockmusik eben gespielt hat. Dennoch: Was insbesondere Petri spielt, ist warm und anrührend, und Thunemann ist ein vollwertiger Partner. Ich höre den Beiden äußerst gern zu und nehme den in meinen Ohren unangemessen Orchesterklang dafür gern in Kauf.


    Aus 2004 stammt die Aufnahme von Musica Alta Ripa in einer Konzerte-Box aus 2004, die insgesamt gesehen sehr gelungen ist. Ist nur blöd, wenn man diese Blockflöte direkt hinter Petris hört, dann klingt sie angestrengt und etwas scharf – was ich nicht hören würde, wenn ich nicht vorher … Das dem heutigen Barockmusikverständnis entsprechende Orchesterspiel nimmt für sich ein, ist transparent und klar gegliedert. Die Solisten kommen aber im Vergleich zu Petri/Thunemann nicht recht in den Dialog. Immer noch eine gute Aufnahme, aber kein Spitzenplatz.


    Schneider mit La Stagione Frankfurt hat das Konzert 2010 aufgenommen. Im ersten Satz schlafe ich leider fast ein, so bedächtig ist das Tempo. Leider, in meinen Ohren, gilt das auch für das Grave und so bleibt trotz des bekannten Niveaus der Kombo und der großen Telemann-Erfahrung eine Enttäuschung.


    Oberlinger und das Ensemble 1700 haben das Werk 2014 eingespielt und ich erschrecke, als die ersten Töne erklingen, so laut und prachtvoll strahlend setzt das Orchester ein. Nach dem ersten Schreck gewöhne ich mich und denke, warum nicht? Sehr französich in seiner gemessenen Pracht klingt das und es passt. Oberlingers Blockfötenspiel ist sehr gut, obgleich im Vergleich zu Petri etwas heiser, und ich höre ihr und ihrem Solistenpartner Makiko Kubarayashi durchweg sehr gern zu, frage mich am Ende aber doch, ob das Orchester nicht doch ein wenig zu sehr strahlt. Zu viel des Guten tun die Musiker am Grave-Beginn. Der schwermütige Rahmen ist hier eher ein Hexentreffen, weil die Intervall-Reibungen nach meinem Dafürhalten allzusehr betont weden.


    Mein Fazit: Der erste Platz im heutigen Hördurchgang geht, man höre und staune, ich hätte es selbst nicht gedacht, an die Petri-Aufnahme:


    Nebenbei bemerkt: Nach dem Forenupdate sind die Überschriften weg und damit die Namen der oben besprochenen Werke.

    Meine Fehler häufen sich, ich sollte Korrektur lesen.


    Das Buch ist da und ich blättere gerade darin. Erster Eindruck ist gut und ich freue mich darauf, es zu lesen. In unserem Zusammenhang bin ich auf folgende Stelle gestoßen, die unsere Beiträge schön zusammenfasst und bestätigt: "Wie alle deutschen Barocksonaten stehen auch Telemanns Solosonaten in der italienischen Tradition und insbesondere in der von Corellis Violinsonaten op. 5 (1700). Allerdings überrascht es nicht, dass Telemann auch in diesem Genre großen Wert auf den vermischten Geschmack legt und andere Stile, insbesonde den polnischen und französischen, einbezog. Dasselbe gilt für seine Triosonaten für zwei Melodieinstrumente und Continuo, die in ihrer unterschiedlichen Besetzung nach die farbigsten im gesamten Barock darstellen."

    Da gehe ich gern mit:



    Die Zimmermänner spielen hier übrigens ein wenig entspannter im Vergleich zur bekannten Einspielung der Brandenburgischen Konzerte.

    in denen von Telemanns relativ geringer Begeisterung für die italienische Konzertform gesprochen wird

    Jetzt verstehe ich. Man muss aber aufpassen, die italienische Form (Konzert) im Vergleich zur französischen (Suite) nicht mit dem italenischen Stil gleichsetzen. Es geht da um mehr wie z. B. Fragen der Verzierungen, die in Frankreich streng vorgegeben, in Italien deutlich freier waren. Vor allem aber ist gerade Telemann mit seiner Lust am Mischen von Farben und Stilen der Falsche, will man Nationalspiele gegeneinander ausspielen.

    Ich muss sagen, eine wirklich ordentlich ausführliche Biographie Telemanns würde ich gerne mal lesen.

    Das oben erwähnte Buch habe ich mal bestellt (leider noch teuer, gerade in neuer Auflage erschienen). Bin gespannt. Die Amazon-Rezensionen sind sehr unterschiedlich. Wenn ich die hundert Bücher, die schon auf dem Stapel liegen, durch habe, ist es dran.

    Ansonsten tut es mir leid, dass ich mich eben nicht bremsen konnte und deshalb im einem nicht direkt instrumentenbezogenen Thread des Forums wieder aktiv geworden bin.

    Lieber Bernd, unter uns Telemann-Liebhabern bist du hochwillkommen und du kannst, sage ich mal, sicher sein, dass die Telemann-Threads eine stressfreie Zone bleiben und so gepflegt werden, wie Telemanns Musik ist: positiv, zugewandt und mit viel Freude an der Schönheit der Musik.

    Volle Zustimmung zu den Pariser Quartetten! Für mich gibt es bei Telemann allerdings mehrere Achttausender, auch die Tafelmusik finde ich übermäßig gelungen. Ino finde ich äußerst stark und und und.


    Harnoncourt lasse mal außen vor. Ich habe acht Seiten sehr kurz zusammengefasst und das wiedergegeben, was für mein Werbe-Vorhaben zweckmäßig war.


    Dass die französische Musik die größte Inspirationsquelle war, unterschreibe ich noch, aber schon mit Vorbehalten, weil dort eine Wertigkeit hineinkommt, die ich nicht ohne Einschränkung anerkennen mag. Nicht mit gehe ich bei deinem Satz, Telemann habe die italienische deutlich weniger geschätzt. Spricht nicht dagegen, dass er in diversen Werken den italienischen Musikstil aufgenommen und teils mit dem französischen kombiniert hat, sind manche Suiten doch nichts anderes als italienische Konzerte in französischer Form? Stichwort "vermischter Geschmack". Wir sind wahrscheinlich nicht auseinander, wenn ich etwas zurückhaltender formuliere: Telemann hat mit großer Kunst Nationalstile aufgenommen und verarbeitet, vorrangig französische und italienische, aber z. B. auch polnische. Die französische Musik war ihm dabei besonders wertig.


    Wenn man die Großerzählung von u. a. Telemann als einen der ersten vollständigen Auskomponierer aufnehmen möchte, mag man darin einen Grund für die Wertschätzung des französischen Stils finden, der deutlich strenger in den musikalischen Regeln bzw. Vorgaben war, während die Freiheiten der italienischen Musizierpraxis Telemann ausformulierte Klangsinnlichkeit gestört haben mag. Das ist aber bereits sehr spekulativ.

    Telemannsche Klangrede à la Harnoncourt


    Heute bin ich zufällig darauf gestoßen, dass Harnoncourt Telemann in seinem Buch „Musik als Klangrede“ ein Kapitel von immerhin acht Seiten widmet, in dem er richtiggehend für Telemanns Musik wirbt und sehr gelungen besondere Stärken Telemanns hervorhebt. „Telemann - der vermischte Geschmack“ heißt es und es beginnt: „Im Norden Deutschland war es vor allem Georg Philipp Telemann, der eine Verschmelzung des italienischen und des französischen Geschmacks bewirkte.“ Telemann habe eine besondere Vorliege für ungewöhnliche Klänge und Klangkombinationen besessen und für alle erdenklichen Instrumente komponiert. Und während die allgemeine Musikauffassung dazu neigt, den historischen Reputationsverlust Telemanns am Fortgang der Musikgeschichte vom Barock hin zum Sturm und Drang festzumachen, auch Felix spricht oben vom größeren Ausdruck bzw. Emotionen bei anderen Komponisten, führt Harnoncourt aus, Bach, Händel und Telemann hätten als erste die Idiome der neuen Klangsprache gefunden, welche aus dem Barock in die Klassik geführt habe und hätten kühnste Klangträume fixiert (dieses Fixieren steht im Gegensatz zum Improvisieren; Harnoncourt erläutert näher, den Weg vom kargen Notengerüst, welches das Arrangieren, Ausfüllen und Improvisieren der Musiker voraussetzte, hin zum Auskomponieren auch der früheren Improvisationen). Die Klangpaletten beider hätten eine Reichhaltigkeit erreicht, die erst zweihundert Jahre später wieder erreicht worden sei. Im Folgenden nennt Harnoncourt mehrere Beispiele, deren klangliche Besonderheiten er erläutert. In der Ouvertüre F-Dur für zwei Hörner und Streichorchester z. B fielen die langsamen Sätze aus dem üblichen Rahmen damaliger Musik, da Telemann die besondere Eignung des Hornklangs für romantisch-lyrische Melodien entgegen dem Üblichen in den langsamen Sätzen als Horncantabile eingesetzt habe. In einem weiteren Konzert trete ungewöhnlicherweise das Fagott neben die Flöte als konzertierendes Soloinstrument, in einem Concerto mit vier Violinen ohne Bass, sprängen Melodie und Bass derart von einem Instrument zum andere, dass harmonisch kühnste Klangfarbenspiele entstehen würden usw.


    Lesenswerte acht Seiten, meine ich, die Freude machen, das Geschriebene nachzuhören und verdeutlichen, weshalb Telemann schon immer ein Vergnügen vor allem für ausübende Musiker war. Dem Fagottisten bringt es Spaß, endlich mal etwas anderes zu spielen als immer nur Continuo. Der Violinist findet sich plötzlich als Generalbass wieder, der Hornist muss nicht mehr Jäger sein, sondern darf auch mal schwelgen.


    Das von mir oben vermisste dickere Buch von 500 bis 600 Seite ist übrigens inzwischen erschienen: Siegbert Rampe, "Georg Philipp Telemann und seine Zeit", Laaber-Verlag.

    elitär angehauchten und versnobten Kram

    Gerade die Einstürzenden Neubauten habe ich immer als "elitär angehaucht und versnobt" wahrgenommen, nur eben auf dem anderen Ende der Skala. Das meine ich im Sinne von Zugangshürde und Attitüde des Sich-selbst-als-besser-empfinden.

    Coriolan! Nicht zu fassen. :herrje1: Vielen Dank für die Korrektur. Das war kein einmaliger Lapsus, sondern ich sage das schon seit Jahrzehnten falsch. Eben habe ich den Namen gleich mal in meiner Foobar-Album List korrigiert.


    Reiners, Ansermets und Harnoncourts Aufnahmen kenne ich nicht. Gerade Reiner und Harnoncourt kann ich mir aber gut vorstellen (Ansermet kenne ich gar nicht).


    Was mich interessiert: Gibt es eigentlich Aufnahmen, die dezidiert gerade nicht spannungs- bzw. konfliktbetont und damit als Spektakelmusik dirigieren, sondern den Sieg des Weichen, Lyrischen bereits zu Beginn klanggestaltend umsetzen? Die Idee liegt doch nahe, die Schwäche des Heerführers (ich vermeide es mal, den Namen zu schreiben) bereits dadurch in den heroischen Teilen dergestalt umzusetzen, dass dieses Explosive schon zu Beginn als hohl bzw nur vermeintlich stark gespielt wird, also etwa mit einer Doppelbödigkeit. Kennt jemand eine solche Aufnahme? Würde ich gern hören.

    Beethoven-Sinfonien sind zentraler Kosmos jedes Klassikfreundes und begeisternde Aufnahmen höchsten Niveaus gibt es zuhauf. Wer will da von den besten sprechen, ohne sich lächerlich zu machen? Scala hat den traditionellen Weg gewählt, die Sinfonien 1 und 2 weggelassen, Einzelaufnahmen von 3 und 4, 5 und 7, 6 und 8 sowie 9 gelistet sowie eine Gesamtaufnahme. Kann man machen.


    Empfehlung Sinfonien 2:

    Beethoven: Sinfonien 3 und 4

    Gardiner, Orchester Revolutionnaire et Romantique, 1994



    Diese CD scheint mir stellvertretend für Gardiners Gesamteinspielung zu stehen, die vor knapp 30 Jahren einen neuen Standard setzte und mit HIP-Spielkunst und Noten-Akkuratesse für sich einnahm. Das hatte Wucht und klang nicht mehr kratzig wie einst, war auch rhythmisch sehr stark. Mein Beethoven war Gardiners indes damals schon nicht und ist er heute noch weniger. Parallel zum Verfassen dieser Zeilen läuft die Eroica und ich stelle fest: Die damaligen Stärken sind heute allseits gewohnter Standard und vermögen als solche nicht mehr zu beeindrucken. Darüber hinaus höre ich wenig, das mich packt. Obwohl es durchaus auch laut zugeht und explosiv knallt, kommt bei mir keine revolutionäre Energie, keine Emotion an, ist nicht genug Zug drin. Ich anerkenne die musik-technische Leistung, stelle aber erneut fest, weshalb ich erst recht heute Gardiners Beethoven nicht mehr höre. Die Defizite treten vor allem im zweiten Satz zutage, wo sich keine Atmosphäre einstellen will.


    Eine Aufnahme der Eroica auszuwählen, findet ohne Frage breite Unterstützung. Man hätte aber besser Toscanini, Furtwängler oder insbesondere Scherchen genommen. Hat man nicht, weil Anfang dieses Jahrtausend die Meriten von Gardiners Einspielung noch sehr geschätzt waren.


    Die vierte Sinfonie habe ich nicht gehört. Kann ich mir nicht interessant vorstellen, offen gesprochen. Dann lieber gleich Kleiber (bei Orfeo).

    Empfehlung Sinfonien 1:

    C. P. E. Bach, Vier Orchester-Sinfonien,

    Haenchen, Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach, 1987



    Die erste Überraschung. Das nicht etwa, weil Aho, Arne und Atterberg oder die Doctor Atomic Symphony fehlten (wie gesagt: alphabetisch), sondern weil mir Sinfonien von C. P. E. Bach unter der Überschrift „Beste Sinfonie-Aufnahmen“ nicht eingefallen wären. Als Gründe für die Auswahl werden genannt: stürmende, drängene Wechsel, schroffe Dynamik, delikate Bläserstimmen, originell und hinreißend. Kurz beschrieben werden mithin nur die eingespielten Werke, nicht die Aufnahme. Damals, beim Erscheinen dieser Empfehlungen, gab es vermutlich noch nicht so große Auswahl wie heute.


    Die Aufnahme besitze ich. Sie ist datet und deutlich entfernt von der heutigen Spielweise solcher Musik. Das klingt noch sehr romantisch-schön und damit stilfremd. Spaß macht die Aufnahme dennoch. Ob der Name des Orchesters etwas zu bedeuten hat und gar für eine besondere Verbundenheit steht, weiß ich nicht.


    Die Sinfonie-Auswahl mag ein wenig beliebig sein und nicht recht passen. In allen diesen Berliner Sinfonien, wie es auf dem Cover heißt, sind mindestens zwei Bläser-Solostimmen vertreten, überwiegend Flöten. So gesehen, dafür spricht auch die Dreisätzigkeit der Werke, liegt ein Nähe zu (Flöten)Konzerten nahe. Ist mir letztlich aber schnurzegal. Herrliche Musik ist das allemal und das Anhören lohnt sich. Gespielt werden die Werke aber wie Sinfonien, insbesondere tontechnisch sind die Solostimmen im Hinter-, die Streicher im Vordergrund. MIr würde ein mehr konzertanter Ansatz wahrscheinlich besser gefallen. Wenn schon Sinfonien, dann doch eher die Hamburger, sage ich als Nordlicht daher.


    Empfehlenswerte Aufnahmen mit Orchestermusik und Konzerten von diesem seinerzeit hochangesehenen Bach-Sohn gibt es inzwischen zuhauf, auch ein Qualitätsmerkmal. Für einen (moderneren) ersten Eindruck empfehle ich:


    Scalas „die 300 besten Klassik Aufnahmen des Jahrhunderts“ retrospektiv

    Scala, das wissen die Älteren unter uns, weiß also das gesamte Forum, war eine Zeitschrift für Klassische Musik, die vor rund zwanzig Jahren für einige Jahre Unterhaltungstexte über klassische Musik produzierte und mich damals durchaus ansprach. Zwischen meinen CD-Führern (gibt es heute auch nicht mehr, aber die Älteren unter uns …) fand ich einen damals offenbar einer Ausgabe beiliegenden „Grosser Sonderteil“. Nicht weniger als die 300 besten Klassik Aufnahmen des Jahrhunderts werden versprochen – gemeint ist das vergangene, „68 Seiten purer Genuss“. Beim Blättern dachte ich: Ganz interessant, müsste man mal mit heutigen Ohren durchhören, habe ich prompt getan, könnte man auch Stück für Stück im Forum tun. Daher:


    Der Reihe nach werde ich immer wieder einmal dieScala-Empfehlungen kurz vorstellen und in der empfohlenen Aufnahme anhören (manchmal nicht komplett, das weiß ich jetzt schon, habe auch nicht auf alles Zugriff). Das Ganze hat nicht den Hauch von Wissenschaftlichkeit und ich würde mich deutlich übernehmen, wollte ich etwas Kluges oder auch nur Informatives zu allem beitragen. Daher ohne Anspruch salopp und unterhaltsam. Scala halt.


    Jeder von euch ist herzlich eingeladen, beizusteuern. Bin gespannt (auch darüber, wie lange ich das durchziehe). Jedenfalls höre ich viel mehr, als ich in Eben gehört poste. So gesehen …


    Die „300 besten Klassik Aufnahmen des Jahrhunderts“ sind in Gruppen sortiert und darin jeweils alphabetisch gereiht:


    1. Top 50 Sinfonien

    2. Top 50 Orchesterwerke

    3. Top 50 Oper

    4. Top 20 Vokalwerke

    5. Top 20 Lied

    6. Top 30 Kammermusik

    7. Top. 50 Klavier

    8. Top 20 Orgel

    9. Top 20 Filmmusik


    Ich schreite entsprechend voran.