Beiträge von Magus

    Von Beethoven stammt ja das "Musik soll dem Manne Feuer aus dem Geiste schlagen", also ein im weitesten Sinne aktivierender, auch moralisch geprägter Impetus, den ich so dezidiert Mozart nicht unterstellen würde. Allerdings - ob dieser Punkt taugt, den Bruch zwischen "Rokoko" und Klassik begrifflich zu fassen?

    Ich finde schon, daß dieses Beethovenzitat die Klassik gegenüber dem Ancien Régime (oder: Rokoko) ganz gut charakterisiert. Ich denke auch deswegen gerät Beethoven in seinem Opernschaffen deutlich gegenüber einem Mozart ins Hintertreffen, da ihm offenbar die frivole Leichtigkeit zur Unterhaltung abging bzw. er sich von dieser deutlich abzugrenzen suchte.


    Goethe, für mich der Beethoven der klassischen Dichtung hat sich ja ähnlich geäußert, wenn er sich z.B. gegenüber der aufkommenden Romantik abfällig äußerte. Und von ihm stammt ja auch -sofern ich nicht irre- das sinngemäße Zitat, Mozart habe sein Talent an abgeschmackten Libretti vegeudet.


    Grüße


    Magus

    Korrigiert mich bitte, wenn es falsch ist,

    Nein, das ist völlig korrekt. "Rokoko" als Stil steht dem Ausdruck und Selbstverständnis des aufstrebenden Bürgertums eher entgegen. Ich finde, das kommt besonders in der Kleidung zum Ausdruck: Hof und Adel in aufwendigem Pastell, während das Bürgertum sich in gedeckten Farben bzw. schwarz präsentiert.


    Daß Mozart "rokokohaftes" für adlige Auftraggeber schrieb, etwa das berühmte Doppelkonzert für Flöte und Harfe 1778 für einen französischen Adligen und seine Tochter, kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß sein Lebenslauf -trotz aller (wie ich finde) halbherzigen Bemühungen bei Hofe angestellt zu werden- eher die neue Bürgerlichkeit widerspiegelt.


    Ein weiterer (adliger) Komponist im Schattend der großen Klassiker wäre übrigens:


    Prinz Louis Ferdinand von Preußen (1772-1806)


    er galt als vorzüglicher Pianist, und erhielt darüber ausdrückliches Lob von Beethoven, dessen Bekanntschaft er in den 1790er Jahren machte. Überdies nahm er Kompositionsunterricht bei J. L. Dussek und hinterließ, gemessen an der Tatsache, daß er im Hauptberuf Prinz/Militär war, eine stattliche Anzahl an Kammermusik sowie auch einige orchestrierte Werke (man kann einiges bei YT finden und hören).


    Dabei weist sein Stil bereits deutlich romantische Züge auf; besonders seine Behandlung des Klaviers erinnert mich in nicht wenigen Passagen bereits stark an Chopin (z.B. Op.1 Klavierquintett c-moll oder Op.9 Rondo für Piano und Orchester in B-Dur). Also auch in diesem Fall wird eine schwarz-weiß-Zuordnung sehr schwierig.


    Grüße


    Magus

    Um zur Eingangsfrage des Threads zurückzukommen:


    Roman Hofstetter OSB (1742-1815)


    Benediktiner, Bratschist und Komponist. Überliefert ist eine Messe, drei Solokonzerte für Viola sowie 12 Streichquartette.


    Eines dieser Quartette wurde womöglich fälschlicherweise Haydn zugeschrieben: das sog. "Serenadenquartett" mit der berühmten pizzicato-unterlegten, süßlichen Serenade (schönstes Rokoko eben:P )


    Grüße


    Magus

    Für die einen war die Natur ein strukturiertes Gebilde, deren Strukturen für die Menschen als Ideal dienen sollten.
    Für die anderen war die Natur das Unstrukturierte, das von Kräften regiert wurde, die der Mensch zu bändigen versuchte, indem er Strukturen schaffte.


    Selbstverständlich zu knapp formuliert, aber man sieht schon, daß "zurück zur Natur" ganz unterschiedliche Kunstrichtung

    Ja, und diese konnten durchaus nebeneinander herlaufen. Ich denke da etwa an den französischen Architekten Ledoux, der sich bereits in den 1770er Jahren (als Baumeister des Königs übrigens, was ihm später eine Vorladung vor ein revolutionäres Tribunal einbrachte!) radikal vom noch vorherrschenden Rokoko-Baustil abwandte und seine Bauwerke einer strikten rationalen Funktionalität unterwarf. Hinzu kamen utopische Entwürfe von Gebäuden und Siedlungen, die die mathematisch-geometrische Ausdrucksform jener Funktionalität auf die Spitze trieben (z.B. "Das Haus des Reifenmachers").


    Insofern vermag ich auch bei den französischen Revolutionären kein "zurück zur Natur" zu erkennen; im Gegenteil: ein an der Römischen (und, wie ich finde bemerkenswerterweise: nicht Griechischen) Antike orientierter Wille, die Gesellschaft nach rationalen, zentral dekretierten Gesetzen zu ordnen, den Menschen zum politischen Staatsbürger umzuformen (man denke an das Gesetz zur staatlichen Kindererziehung unter Robespierre - wobei dieser, im Gegensatz zu uns Heutigen, davon ausging, daß das Kind in den ersten fünf (!) Jahren bei der Mutter bleiben solle, bevor der Staat zugreife....), die maschinelle Hinrichtung als Ausdruck einer rationalen Humanität u.s.w. Also alles andere als ein "zurück zur Natur".


    Grüße


    Magus

    Und ansonsten meinte ich mit der Möglichkeit eines Studiums natürlich nicht den Späteinstieg ins Musikleben. Aber immerhin gibt es ja auch ältere Studenten in Geisteswissenschaften und sogar Medizin!, und Capriccio beherbergt einen gewissen "gestreiften Herrn" ;+), der gerade Theologie abgeschlossen hat ... sicher strebt er keine berufliche Karriere an. Ich meinte es also eher als persönlichen Anstoß, Leistungsbeweis.

    Das läßt sich aber nicht vergleichen: Geisteswissenschaft und Instrumentalstudium. Geh mal an eine Musikhochschule und schau und hör Dir mal das dortige Niveau der Abschlußkandidaten an. Diese Fertigkeit ist als Späteinsteiger niemals zu erreichen. Ein solches Seniorenstudium führte denn auch unweigerlich zu Frust: bei den Seniorenstudenten, den Dozenten und den "normalen" Studenten.


    Nichts spricht dagegen, sich als Alteinsteiger einen guten Lehrer zu suchen und ggf. ein Fernziel (z.B. ein Solokonzert) als "Leistungsbeweis" zu erarbeiten.


    Grüße


    Magus

    Nicht nur "gutes Gehör", sondern auch "musikalisches Verständnis".


    Das Notenlesen wird dabei m.E. ohnehin überbewertet und hat mit dem eigentlichen Wesen von Musik erst einmal nichts zu tun; wir lernen ja auch zuerst Sprechen und das völlig ohne Buchstabenkenntnis....


    Grüße


    Magus

    Und was würdest Du heute bei der Gelegenheit geben? (Mitunter kann man ja gerade diese "BWL-Typen" mit eigenen Vorschlägen vom Schlimmsten abhalten...ich denke da auch an Hochzeiten, Taufen etc.. 8+) ).


    Grüße


    Magus

    In dem Sinne finde ich den Hinweis auf das britische Empire und die Funktion von Elgars Märschen darin garnicht so abwegig.

    Nein, dieser Hinweis von Spartacus war überhaupt nicht abwegig.


    Und wie sehr diese Musik ihren propagandistischen Zweck erfüllt, merkt jeder selber, wenn diese Musik -oder, noch propagandistischer, Arnes "Rule Britannia"- z.B. im Film verwendet wird.
    Allein die Anfangsfanfare von Rule Britannia z.B. ist hinreichend, um Empire-Assoziationen beim Zuschauer/hörer zu wecken.


    Grüße


    Magus

    Deutschland verwendete alte Musik (Liszt, Wagner) und legte weniger Wert auf neue Propaganda aus Straussens Feder? Oder war Strauss weniger geeignet, eine spezifisch nationalsozialistische Musik zu komponieren?

    Um auf puttos Eingangsfrage zurückzukommen, habe ich nochmals nachgelesen, was die Nazis unter Propaganda als Mittel zum Zweck verstanden. Hitler schreibt dies ja in Mein Kampf in einem eigenen Kapitel, wo es sinngemäß heißt: die Propaganda habe sich stets an die Masse zu richten, und in dieser Masse sei niemals der Intelligenteste und wissenschaftlich Gebildete der Maßstab, sondern immer der am wenigsten Bemittelte.


    Insofern ensteht m.E. in diesem Fall schon ein Widerspruch zwischen Kunstmusik und Propaganda im Nationalsozialismus - und die hier zitierte Aussage von Strauss, er müsse sich mit einer "Hymne für Proleten" herumschlagen, scheint das ja widerzuspiegeln.


    Mir scheint es ohnehin eher so zu sein, daß das kunstpolitische Engagement der Nazis sich vorzugsweise auf Architektur und bildende Kunst konzentrierte und die Kunstmusik deutlich unterrepräsentiert gewesen ist.


    Grüße


    Magus

    Demnach wurde R. Strauss 1934 offiziell vom Internationalen Olympischen Komitee mit der Komposition beauftragt, nicht von der NS-Regierung. Da die Olympiade 1936 von den Nazis bekanntlich als Propagandaveranstaltung für das angeblich so friedfertige, weltoffene Deutschland inszeniert wurde, handelt es sich bei der Strauss-Hymne zweifellos um Propagandamusik im Dienste des NS-Regimes.

    Ich weiß nicht: zunächst macht die Olympiahymne ja Propaganda für die olympische Idee.


    Daher denke ich, die Hymne wäre sowohl textlich als auch musikalisch nicht wesentlich anders ausgefallen, wenn Deutschland 1936 noch Republik gewesen wäre.


    Daß das jeweilige Gastgeberland sich im Glanze der Spiele als so vorteilhaft wie möglich präsentieren möchte, liegt ja auf der Hand; betrifft aber sowohl Republiken wie auch Monarchien, Autoritäte Staaten oder eben Diktaturen.


    Insofern wäre jede Dienstbarkeit im Rahmen Olympias als Propaganda für das jeweils herrschende Staat- und Gesellschaftssystem zu werten.


    Grüße


    Magus

    Das wirft natürlich die Frage auf, wie beispielsweise das Musikleben im III. Reich aussah, auf den mittleren und unteren Stufen unterhalb von RS. Gab es da Orchesterwerke oder Opern, die speziell als Propaganda geschrieben wurden?

    Wobei ich mir denken könnte, daß die Propaganda im Dritten Reich eher über die "moderneren" und massentauglicheren Medien Rundfunk (von "der Führer spricht" bis zu Schlagern bzw. Kampfliedern) und Film laufen sollten, statt über die vergleichsweise bürgerlichen Stätten Oper und Kozertsaal.


    Grüße


    Magus

    Die evangelische Kirche hat da meines Wissens nichts Vergleichbares zu bieten.

    Nun ja, im Preußen des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts scheint mir der protestantische Choral doch ein wesentliches Element auch staatlicher Propaganda zu sein: "Ein feste Burg ist unser Gott!" Meines Wissens war das sowohl unter des Großen Friedrichs Truppen als auch unterm alten Blücher sehr beliebt.


    Wenn Du Lully für den französischen Sonnenkönigsstaat hervorhebst - wie sieht es dann mit Händel als Propagandist des "perfiden Albion" aus? Kann man das (in etwa) vergleichen?


    Grüße


    Magus

    Ich vermute, dass eine JSBach-Oper eine handwerklich solide Enttäuschung sowohl gegenüber seinen anderen Vokalwerken als auch verglichen mit Opern von Rameau und Händel wäre.

    ...es sei denn, Bach wäre aus den Thüringisch-Anhaltinisch-Sächsischen Gebieten auch einmal herausgekommen und hätte ausgedehnte Reisen nach Italien oder Paris unternommen. (hätte, hätte, Fahrradkette):D


    Ich weiß, daß er sich daheim mit Italienern und Franzosen auseinandergesetzt und deren Werke ausgiebig studiert hat - aber einige Zeit vor Ort und persönliche Bekanntschaften hätten doch sicherlich noch eine ganz andere Wirkung erzielt.


    Grüße


    Magus