Beiträge von Waldi

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    Kusej hat sich nicht viel um die Original-"Tosca" geschert. Wollte er auch nicht, weil sie ihm nichts sagt. Das deklariert er ja offen und auch, daß er provozieren möchte. Bei ihm springt Tosca nicht von der Engelsburg, denn die gibt es nicht. Statt dessen wird die gute Floria, die sichtlich eine Art sadomasaochistische Beziehung zu Scarpia unterhält, in einer Schneelandschaft von der Attavanti erschossen (nur ein Beispiel für die Abweichung von Handlung bzw. Libretto der Puccini-Oper). Sollte bei Kusej niemanden überraschen (das Theater an der Wien, also die verantwortlichen Leute haben's vorher aber nicht überringelt, denn es wurde berichtet, daß die im Kommentar noch von der Engelsburg faseln).

    Von Adams Ballettschöpfungen ist bei uns fast nur "Giselle" geläufig. Das ist nicht nur schade, sondern auch ungerecht, denn gerade in diesem Sektor entfaltete sich das Genie Adams ganz besonders. Hinweisen möchte ich namentlich auf das 1849 in Paris in prominentester Besetzung uraufgeführte Ballett "La filleule de fées" ("Das Patenkind der Feen", auch "Feenzauber"), das Adam gemeinsam mit Alfred Comte de Saint-Julien komponierte. Über diesen Assistenten scheint leider nichts bekannt zu sein. Andrew Mogrelia hat das Werk 1996 mit dem Queensland Symphony Orchestra eingespielt. NAXOS hat die Aufnahme 2021 in zweiter bzw. dritter Auflage herausgebracht:



    Ein wunderschöner Reigen herrlicher musikalischer Einfälle, gemäß Adams Art eingängig, aber keineswegs seicht, wie geschaffen, um die trüben Zeiten der Pandemie und das Schneesturmwetter draußen zu vergessen.

    Kusej hat übrigens vom Publikum einen saftigen Buh-Orkan für diese Inszenierung geerntet (den er angeblich lächelnd erduldete), das ist nicht die Wiener Norm. Interessant, daß auch die Kritik zum größten Teil Kusejs Leistung ungewohnt deutlich verreißt. Das betrifft aber nicht die Ausführenden.

    Tja, die Inszenierung ist von Martin Kusej. Da darfst Du nichts anderes erwarten. Er hat vor ein paar Tagen im Fernsehen auch dezidiert erklärt, daß man - an den genauen Wortlaut erinnere ich mich jetzt nicht mehr - nicht mehr traditionell inszenieren kann/darf/soll - was weiß ich!? Ist eine ehrliche Meinung, und manchen gefällt's auch. Ich selbst bevorzuge es auch "römisch", aber Kristina Opolais ist eine der besten Toscas unserer Zeit (ich habe zuletzt die halbszenische Grazer "Tosca" mit ihr und Jonas Kaufmann genossen).

    Was mir durch den Kopf ging: Wenn ich diese Werke blind verkosten müsste - auf welchen Komponisten würde ich tippen? Mir würde keiner einfallen, einfach mangels Fantasie. Wenn man mir aber eine Liste vorgelegt hätte, einen Katalog zum Ankreuzen, dann hätte ich wahrsch. tatsächlich Flotow gewählt, denke ich. Er hat halt schon seinen Stil.

    Eine faszinierende Frage. Ich würde wohl auf keinen Namen verfallen, aber den französischen Einfluß hört man schon heraus. Was natürlich auch Überlegungen auslöst, ob und wie Flotow hier auch als Vermittler zwischen West- und Mitteleuropa gewirkt hat. Ich finde, es ist für mich ein großes Glück, in einer Zeit zu leben, in der man sich nicht bloß auf wenige überragende Einzelpersönlichkeiten konzentriert, sondern bemüht ist, einen umfassenderen Eindruck einer Epoche zu gewinnen. Flotows orchestrales Schaffen ist da ein gutes Beispiel für die "Entdeckungen", die man macht.

    Als Wiener fand ich sein Dirigat valiumfrei. Strauss authentisch bedeutet nämlich nicht zu schnelle Tempi, wenn's nicht notwendig ist. Mir gefiel die Symbiose zwischen konzertmäßiger Eleganz und beschwingter Tanzlust. Weniger angetan war ich von der Balletteinlage und der Choreographie Martin Schläpfers. Ich weine unserem vorherigen Ballettchef Manuel Legris nach.

    Und die "Fledermaus" aus der Wiener Staatsoper gestern war sehr gut.

    Wie immer eine reine Momentaufnahme, die höchstens 24 Stunden gilt:


    1. Verdi: La Traviata

    2. Mozart: Die Zauberflöte

    3. Flotow: Martha

    4. Bellini: I Puritani

    5. R.Strauss: Der Rosenkavalier

    6. Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

    7. Weber: Der Freischütz

    8. Beethoven: Fidelio

    9. Verdi: Rigoletto

    10. Donizetti: L'elisir d'amore

    11. Puccini: Turandot

    12. Mozart: Cosi fan tutte

    13. Nicolai: Die lustigen Weiber von Windsor

    14. Rossini: Il barbiere di Siviglia

    15. Mascagni: Cavalleria rusticana

    Zu "Martha", lieber Wälti, haben wir ja schon einen Thread hier im Forum, zu "Alessandro Stradella" noch nicht, da mußt Du hinüber auf unser früheres Schiff schauen. Am bequemsten ist natürlich, die Youtube-"Martha" mit Rüdiger Wohlers und Lucy Peacock aufzurufen, die könnte vielleicht auch einen Opernmuffel ansprechen. :alter1:

    Friedrich von Flotow - Mehr als nur Oper

    Friedrich von Flotow (1812-1883), gebürtig aus mecklenburgischem Uradel, bekannte stets eine besondere Neigung für Wien, wo 1847 sein bekanntestes Werk, die Oper "Martha" uraufgeführt wurde und wo er sogar einen Besitz am Kahlenberg erwarb. Ich fühle mich daher als Wiener (mit deutschen Wurzeln) nicht bloß berechtigt, sondern auch aufgerufen, daran zu erinnern, daß Flotows Lebenswerk keineswegs nur aus "Martha" und "Alessandro Stradella" besteht. Leider ging ein großer Teil dessen, was er an musikalischen Werken hinterlassen hat, bei einem Brand zugrunde. Es lohnt sich aber durchaus, dem Erhaltenen nachzuspüren, wie dies Hans Peter Wiesheu mit der Pilsener Philharmonie und Carl Petersson am Flügel 2007 in einer CD-dokumentierten Radioaufnahme unternommen hat:


    STERLING 2008


    Den Wikipedia-Artikel über Flotow kennzeichnet ein zwiespältiges Verhältnis zum kompositorischen Schaffen: Einerseits wirft man ihm mangelnde Originalität und Gefälligkeit vor, andererseits muß man die Anmut und den gelungenen Melodienfluß anerkennen. Es ist also geboten, in die Werke selbst hineinzuhören, um sich ein Urteil zu bilden, das nicht allein von den Opern geprägt ist. Wiesheu hat hier die beiden Klavierkonzerte ausgewählt, Jugendwerke von 1831 und 1832, dann die Jubel Ouvertüre, die 1857 zur Wiedereröffnung des Schweriner Schlosses geschrieben wurde, sowie die Begleitmusik zu zu "Wilhelm von Oranien in Whitehall", 1861, ein Stück, das Flotows Freund Gustav Gans zu Putlitz verfaßte. Alles in allem merkt man aus diesen Stücken, daß Flotow das Besinnliche, das Beschwingt-Melodiöse besonders liegt, während dort, wo er sich "repräsentativ" gibt, die Sache eher äußerlich und weniger überzeugend ausfällt. Freilich lenkt er meist rasch wieder in die Bahnen, die seiner Begabung entsprechen. In den Klavierkonzerten gibt es zwar ein bißchen Effektgeklimper (möglicherweise haut da Petersson, der an sich sehr ansprechend interpretiert, auch eine Nuance zu stark in die Tasten), aber namentlich die Adagios sprechen mich besonders an. Auch die Jubelouvertüre wirkt im Großteil gar nicht so überschwenglich und jubelhaft, überzeugt aber gerade deswegen. In "Wilhelm von Oranien" ist das Effekthafte naturgemäß stärker vorhanden, aber dazwischen finden sich sehr hübsche melodiöse Einfälle. Bei wiederholtem Hören kann man sicher noch mehr Feinheiten entdecken. Auf jeden Fall scheint es sich zu lohnen, dem erhaltenen OEuvre weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

    NAXOS 2018


    Also bis jetzt kann ich NAXOS zu dieser Serie nur gratulieren. Der aus Bulgarien stammende Stefan Chaplikov steht den anderen Pianisten (für Gendersüchtige: das ist pars pro toto) in nichts nach. Und was er spielt, nun, Ich kann mir gut vorstellen, wie hingerissen seinerzeit Clementis Zeitgenossen gewesen sein müssen. Ich bin's auch.

    Ich habe diese Verfilmung nicht gekannt und mir gerade die erste Episode angesehen. Gute Kameraarbeit, aber steife Schauspieler und zu hölzerner Dialog. Dennoch gebe ich Euch recht: Es ist immerhin noch die beste Umsetzung. Relativ gesehen, allerdings. Kein Vergleich mit der Atmosphäre des literarischen Originals.

    PREISER RECORDS 1990


    Diese Wiener Fassung von 1969 hat Peter schon lobend erwähnt. Sie entstand für das Theater an der Wien. Die Übersetzung von Robert Gilbert hat damals niemand Geringerer als Gerhard Bronner an den lokalen Jargon angepaßt. Stellenweise vermag er den - letztlich von Shaw stammenden - drastischen Zynismus tatsächlich kongenial zu treffen.

    Beispiel:


    'Done,' says the King, with a stroke,

    'Guard, run and bring in the bloke!'


    lautet bei Bronner


    "Guat", sagt er, "des is net schwer.

    Schleift's mir den Pülcher amal her!"


    Dennoch bleibt das Wienerische letzten Endes etwas zu zahm gegenüber dem Berlinerischen. Eine noch kräftigere Prise Meidlingerisch hätte gut getan (für Zuagraste [= Zugereiste; wohlwollender Terminus für Nichtwiener]: Meidling ist der 12.Wiener Gemeindebezirk und war früher der Inbegriff des vokalen Proletentums). Doch das ist schon Jammern gegenüber hohem Niveau.

    Leider bietet die CD nur die Musiknummern und nicht die Dialoge (das hätte den Wert der Aufnahme jedoch gewaltig gesteigert).


    Musikalisch ist die Version mit Johannes Fehring als Kapellmeister durchaus gelungen. Und Josef Meinrad ist natürlich eine Idealbesetzung für den Higgins. Ein traumhafter Schauspieler und Sprecher, der auch wirklich singen kann. Kurt Huemer als Freddy dagegen kann zwar singen und wirkt auch ganz rollengerecht, aber im Ausdruck bleibt er natürlich meilenweit zurück. Hugo Gottschlich ist dagegen ein glänzender Schauspieler, der ausreichend gut singen kann. Sein Doolittle hat zwar nicht die kräftige Kernigkeit eines Holloway, paßt im Typus aber sonst genau. Ein Strizzi, der irgendwie ewig jung bleibt und fasziniert.

    Bezüglich der Eliza bin ich ein wenig im Wigelwagel. Ja, Gabriele Jacoby macht ihre Sache als Eliza sehr gut, sie kann natürlich singen und weiß auch den Ausdruck entsprechend zu nuancieren. Auf der Bühne selbst hat sie vermutlich völlig überzeugend gewirkt (ich kenne ihre Bühnenpräsenz aus anderen Stücken), aber bloß akustisch bleibt sie für mich eine doch recht selbstbewußte Dame, die mit großem Erfolg das Mädel spielt. Das ist eher Shaw und zu wenig A.J.Lerner. Aber zweifellos hätten die Dialoge das teilweise ausgeglichen.

    Ösi-Deutsch und Piefke-deutsch? Und ob! Das ist ähnlich wie Englisch und Amerikanisch. Professoren sind hierzulande auch die Gymnasial- bzw. AHS-Lehrer (AHS = Allgemeinbildende Höhere Schule, früher einmal simpel Mittelschule genannt, aber damit bezeichnet man jetzt leider etwas anderes - getreu dem Motto: Warum einfach, wenn's umständlich auch geht?). Die können sich aber den Titel "Oberstudienrat" verdienen.

    DECCA 2011 (1997)


    Die "Choral Version" von 1812 wird nicht von allen geschätzt, aber sie gefällt mir. Nicht zuletzt, weil sie hier nicht so reißerisch dargeboten wird. Der eigentliche Beweggrund, mir die CD anzuschaffen, war jedoch das gleich an erster Stelle stehende "Capriccio italien" und seine Interpretation durch Ashkenazy, die ich schon kannte. "Francesca da Rimini" spricht mich dagegen wenig an, zu vordergründig-effektvoll komponiert, wenngleich hier sehr gut dargeboten.

    Ich glaube, der Reiz eines bedeutenden Dichters, also auch Shakespeares, liegt nicht zuletzt darin, daß man ein ganzes Leben braucht, um sich in sein Werk einzufühlen, und daß gerade darin der Reiz liegt. weil man nie damit fertig ist, und ein Leben auch längst nicht ausreicht. Mit einer Holzhammerregie kann man aber andererseits manche Leute nachdrücklich vergraulen, denn dann wird ihnen eben dieser Reiz genommen und zumindest arg beschädigt..